Skip to main content
Internet Archive's 25th Anniversary Logo

Full text of "Die Philosophie der Griechen in ihrer geschichtlichen Entwicklung"

See other formats


■HF 


^51  JD 


DIE 


PHILOSOPHIE  DER  GRIECHEN 


IN  IHKER 


GESCHICHTLICHEN  ENTWICKLUNG 


DARGESTELLT 


VON 


Dr.  EDUARD  ZELLER. 


ZWEITER  THEIL,  ZWEITE  ABTHEILUNG. 

ARISTOTELES  UND  DIE  ALTEN  PEEIPATETIKER. 


DRITTE  AUFLAGE. 


*.■»-■»-»■• 


LEIPZIG, 

FUES'S    VERLAG    (R.   REISLAND). 
1879. 


.3 


i 


-4 


Alle  Rechte  vorbehalten. 


Vorwort. 


Uer  vorliegende  Band  ist  schon  seit  Jahren  vollständig  ver- 
griffen; aber  andere  unaufschiebbare  Arbeiten  machten  es  mir 
unmöglich,  die  neue  Auflage  desselben  früher  erscheinen  zu  lassen. 
Auch  jetzt  war  mir  aber  die  Zeit  nicht  so  reichlich  zugemessen, 
als  für  die  erschöpfende  Bewältigung  meiner  Aufgabe  zu  wün- 
schen gewesen  wäre.  Die  aristotelischen  Schriften  und  Lehren 
bieten  nicht  allein  an  sich  selbst,  so  oft  man  wieder  auf  sie  zu- 
rückkommt, immer  neuen  Anlass  zu  Fragen,  auf  welche  die  Ant- 
wort oft  schwer  zu  finden  ist;  sondern  sie  haben  auch  in  den 
siebzehn  Jahren,  welche  seit  dem  Erscheinen  meiner  zweiten 
Autlage  verflossen  sind,  so  viele  und  theilweise  so  werthvolle 
Erörterungen  hervorgerufen,  dass  ich  mir  das  wiederholte  Stu- 
dium dieser  Literatur  zwar  selbstverständlich  zur  Pflicht  machen 
musste,  dass  aber  eine  vollständige  Berücksichtigung  derselben 
weit  über  die  Grenzen  hinausgeführt  hätte,  die  ich  meiner  Ar- 
beit zu  stecken  genöthigt  war.  So  weit  Raum  und  Zeit  es  er- 
laubten, habe  ich  mich  bemüht,  für  sie  zu  benützen,  was  zu 
ihrer  Ergänzung.  Berichtigung  und  Erläuterung  dienen  konnte; 
muss  mich  aber  freilich  zum  voraus  darauf  gefasst  machen,  dass 
das  eine  und  andere,  was  ihr  hätte  von  Nutzen  sein  können, 
mir  entgangen,  dass  in  der  Auswahl  dessen,  was  ausdrücklich 
berücksichtigt  wurde,  —  denn   auf  alles  liess   sich  ja  nicht  ein- 


IV  Vorwort. 

gehen  —  im  einzelnen  vielleicht  nicht  immer  ganz  gleichmässig 
verjähren  worden  ist.  Der  Umfang  des  Bandes  ist  trotz  der 
Beschränkung,  welche  ich  mir  in  dieser  Beziehung  auferlegte, 
um  elf  Bogen  gewachsen,  von  denen  kaum  mehr  als  der  vierte 
Theil  auf  Rechnung  des  veränderten  Druckes  kommen  wird. 
Im  übrigen  wird  der  aufmerksame  Leser  die  Abschnitte,  in 
denen  eingreifendere  Aenderungen  oder  Erweiterungen  vorgenom- 
men wurden,  ohne  Mühe  herausfinden. 

Berlin.  22.  November  1878. 


Der  Verfasser. 


Inhaltsverzeichniss. 


Zweite  Periode. 

Dritter    Abschnitt. 
Aristoteles  und  die  alten  Peripatetiker. 

Seite 

Aristoteles'  Leben 1 

Geburtsjahr,  Familie,  Knabenjahre  —  2.  Eintritt  in  die  plato- 
nische Schule,  Verhältniss  zu  Plato,  wissenschaftliche  Entwick- 
lung —  6.  Arist.  in  Atarneus  —  19;  in  Macedonien  —  22. 
Rückkehr  nach  Athen,  Lehrthätigkeit,  wissenschaftliche  Arbei- 
ten —  28.  Spannung  mit  Alexander  —  33.  Flucht  aus  Athen, 
Tod  —  37.     Charakter  —  42. 

Aristoteles'  Schriften.     A.  Einzeluntersuchung 50 

Die  Schriftenverzeichnisse  —  50.  Briefe  und  Gedichte  —  56.  Ge- 
spräche vind  andere  Schriften  aus  der  früheren  Zeit  —  57. 
Logische  Schriften  —  67.     Rhetorische  —  76.    Metaphysische 

—  78.  Naturwissenschaftliche:  allgemeine  und  die  unorga- 
nische Natur  betreffende  —  85 ;  über  die  lebenden  Wesen  — 
91.  Ethische  und  politische  —  101.  Zur  Kunsttheorie  und 
Kunstgeschichte  —   107. 

Fortsetzung.     B.  Allgemeine,  die  aristotelischen  Schriften  betref- 
fende Fragen 109 

Verschiedene  Klassen  aristotelischer  Schriften  —  109.  Die  exo- 
terischen  Werke  —  112.     Die  wissenschaftlichen  Lehrschriften 

—  126.  Das  Schicksal  der  arist.  Schriften  —  138.  Abfas- 
sungszeit und  Reihenfolge  derselben  —  154. 

Standpunkt,   Methode  und  Thelle  der  arist.  Philosophie.     .     .     .     160 
Aristoteles    und    Plato    —    160;    ihre    Uebereinstimmung  —  161; 
ihr  Gegensatz  —  164.     Methode:    Dialektik  —  169;   Empiris- 


VI  Inhalts  verzeichniss. 

Seite 
mus   —    170;    logischer    Formalismus    —    173.       Eintheilimg : 
Theoretische,    praktische,    poetische     Wissenschaft     und    ihre 
Theile  —   176.     Logik,  Metaphysik,  Physik,  Ethik,  Kunstlehre 

—  183. 

5.  Die  Logik .     .     185 

Aufgabe  und  Bedeutung  der  Logik  —  183.  Entstehung  des  Wis- 
sens: seine  Quellen  —  18S;  seine  Entwicklung  —  190.  Auf- 
gabe der  Wissenschaftslehre  —  202. 

Die  allgemeinen  Elemente  des  Denkens:  der  Begriff —  202:  Zu- 
fälliges und  Wesentliches,  das  Allgemeine,  die  Gattung,  der 
Begriff — 202;  Identität,  Gegensatz,  Arten  der  Entgegensetzung 

—  214.  Das  Urtheil  —  219;  Bejahung  und  Verneinung  — 
220;  Quantität  und  Modalität  der  Urtheile  —  222;  Umkeh- 
rung der  Urtheile  —  225.     Der  Schluss  —  225;  Schlussfiguren 

—  227;  syllogistische  Technik   —   229. 

Die  Beweisführung:  ihre  Aufgabe  und  ihre  Bedingungen  —  232; 
ihre  Grenzen,  das  unmittelbare  Wissen  —  234.  Die  Axiome, 
der  Satz  des  Widerspruchs  —  236.  Die  Induktion,  der  Wahr- 
scheinlichkeitsbeweis und  die  Dialektik  —  240;  die  Mängel 
des  induktiven  Verfahrens  hei  Arist.  —  245.  Die  Begriffs- 
bestimmung —  251.  Die  Unter-  und  Ueberordnung  der  Be- 
griffe —  255.     Die   höchsten  Gattungsbegriffe  —   256. 

6.  Die  Metaphysik.     A.  Einleitende  Untersuchungen 258 

1.  Die  Kategorieen:  die  zehn  Kategorieen,  ihre  Abzweckung  — 
258.     Ob  sie  nach  einem  bestimmten  Princip    abgeleitet  sind? 

—  263.  Die  einzelnen  Kategorieen  — ~a  267.  Bedeutung  der 
Kategorieenlehrc  —  271. 

2.  Die  erste  Philosophie  als  Wissenschaft  des  Seienden:  ihre 
Aufgabe  —  273;  ihre  Möglichkeit  —  275. 

3.  Die  metaphysischen  Grundfragen  und  ihre  Behandlung  bei  den 
früheren  Philosophen:  die  Hauptprobleme  der  damaligen  Meta- 
physik, und  ihre  Darstellung  bei  Arist.  —  278.  Kritik  der 
früheren  Lösungsversuche:  die  vorsokratischen  Philosophen  — 
2b4.  Sophisten,  Sokrates,  kleinere  sokratische  Schulen  —  291. 
Plato  —  292:  die  Ideen  —  293;  die  Ideen  als  Zahlen  — 297; 
die  Urgründe,  das  Eins  und  die  Materie  —  298.  Beurthei- 
lung  dieser  Kritik  Plato's  —  302. 

7.  Fortsetzung.     B.    Die    metaphysische  Hauptuntersuchung     .     .     .     303 
l.Das  Einzelne  und  das   Allgemeine.     Nur   das   Einzelwesen    ist 

Substanz  —  3l)4.     Schwierigkeiten  dieser  Bestimmung  —  309. 

2.  Die  Form  und    der  Stoff",    das   Wirkliche    und    das    Mögliche. 

Ableitung    des     Gegensatzes     von    Form    und    Stoff*    —    313. 

Nähere  Bestimmung  desselben :  das    Wirkliche    und    das    Mög- 


Inhaltsverzeichniss.  VII 

Seite 
liehe  —  3 IS.  Bedeutung  desselben  bei  Aristoteles  —  323. 
Die  dreifache  Ursächlichkeit  der  Form  —  327.  Die  Wir- 
kungen der  ruaterialen  Ursache:  Leiden,  Naturnotwendigkeit. 
jfylfaU  —  330.  Wesentlichere  Bedeutung  des  Stoffes  —  336. 
Das  Eiuzeldasein  und  die  Substantialität  in  ihrem  Verhältniss 
zu  Form  und  Stoff  —  339.  Wechselbeziehung  von  Form  und 
Stoff  —  3-1S. 
3.  Die  Bewegung  und  das  erste  Bewegende :  die  Bewegung  —  351. 
Bewegendes  und  Bewegtes  —  353.  Ewigkeit  der  Bewegung  — 
357.  Das  erste  Bewegende:  seine  Notwendigkeit  —  358; 
sein  Wesen  —  362  ;  seine  Wirksamkeit  auf  die  Welt  —  372. 

8.  Die  Physik.      A.    Der   Begriff   der    Natur    und    die    allgemeinen 

Gründe  des  natürlichen  Daseins 384 

Die  Natur  als  Grund  der  Bewegung  —  384.  Arten  der  Be- 
wegung —  389.  Die  räumliche  Bewegung  und  ihre  Bedin- 
gungen: das  Unbegrenzte  —  393.  Raum  und  Zeit  —  397; 
weitere  Untersuchungen  über  die  räumliche  Bewegung  —  403. 

Die  qualitative  Veränderung.     Widerspruch    gegen  die  mecha- 
nische Physik  —  406;    der   qualitative   Unterschied   der  Stoffe 

—  408;  die  Stoffverwandluug  —  414;    die    Mischung  —   420. 

—  Die   Zweckthätigkeit    der   Natur  —   421;    Widerstand    der 
Materie  —  427;  Stufenreihe  des  natürlichen  Daseins  —  431. 

9.  Fortsetzung.     B.  Das  Weltgebäude  und  die  Elemente     ....     431 
Anfangslosigkeit  der  Welt  —  431.     Die  irdische  und  die  himm- 
lische Welt,  der   Aether   und    die  Elemente  —  434.     Die  vier 
Elemente   —   439.      Einheit    der    Welt    —    446.     Gestalt    der 
Welt  —  447. 

Das  Weltgebäude.  Sphärentheorie  —  451.  Zahl  der  Sphären, 
rückläufige  Sphären  —  459.  Der  Fixsternhimmel  —  463. 
Die  Planetensphären  —  465.     Diesseits  und  Jenseits  —  466. 

Die  elementarische  Region,  der  Wechsel  von  Entstehen  und  Ver- 
gehen   —    467.     Meteorologie    —    471.      Unorganische    Physik 

—  474. 

10.     Fortsetzung.     C.  Die  lebenden  Wesen 479 

l.Die  Seele  und  das  Leben:  die  Seele  —  479;  ihr  Verhältniss 
zum  Körper  —  481.  Der  Leib  als  organisches  Ganzes,  die 
Zweckbeziehung  der  organischen  Natur  —  487.  Stufen  des 
Seelenlebens  —  497;  stetige  Entwicklung  des  Organischen. 
das  Gesetz  der  Analogie  —  501.  Andeutungen  des  Lebens 
in  der  unorganischen  Natur,  die  Geschichte  der  Erde  und  der 
Menschheit  —  506. 

2.  Die  Pflanzen  —  509. 

3.  Die  Thiere  —  513.  Ihr  Leib:  die  gleichtheiligen  Stoffe  —  514. 
Die  Organe  und  ihre   Verrichtungen  —  517.     Entstehung  der 


V 1 1 1  Inhal  tsverzeichniss. 

Seite 
Thiere,  GeschlechtBunterschied  —  524.  Die  sinnliche  Wahr- 
nehmung —  533;  die  fünf  Sinne  -■  537;  der  Gemeinsinn  — 
.'>4_>.  Einbildung,  Gedächtniss,  Lust,  Unlust,  Begierde  —  545. 
Schlaf  unil  Wachen,  Traum  —  550.  Tod  —  552.  —  Werth- 
onterschiede  unter  den  Thieren  —  553.  Kintheilung  der 
Thierwelt  —  559. 

11.  Fortsetzung.     Der  Mensch 563 

Sein   Leib  —  563.     Seine  Seele:  die  Vernunft   —    566.     Thätige 

und  leidende  Vernunft  —  570.  Unmittelbare  und  vermittelte, 
reine  und  gemischte  Vernuni'tthätigkeit  —  578.  Begehren  und 
Wollen  —  581;  die  praktische  Vernunft  und  der  vernünftige 
Wille  —  5S6;  Willensfreiheit,  Freiwilligkeit,  Vorsatz  —  588. 
—  Die  Frage  über  die  Einheit  des  Seelenlebens  —  592:  die 
Entstehung  der  Seele  —  593;  das  Zusammensein  ihrer  Theile 
-  5'J6 ;  die  Fortdauer  nach  dem  Tode  —  602 ;  die  Persön- 
lichkeit —  606. 

12.  Die  praktische  Philosophie.     A.  Die  Ethik 607 

1.  Das  Ziel  der  menschlichen  Thätigkeit,  die  Glückseligkeit  — 
609.  Ihre  wesentlichen  Bestandtheile  —  610;  die  äusseren  Gü- 
ter —  615;  die  Lust  —  617.    Werthverhältniss  derselben — 619. 

2.  Die  ethische  Tugend.  Die  Tugend  als  Willensbeschaffenheit 
624 ,  im  Unterschied  von  den  natürlichen  Trieben  ( —  625) 
und  der  Einsicht  ( —  627).  Entstehung  der  Tugend  —  630. 
Der  Inhalt  des  tugendhaften  Wollens,  die  richtige  Mitte  — 
632.  —  Die  Tugenden  —  633.  Tapferkeit,  Selbstbeherrschung 
n.  s.  w.  —  637.  Gerechtigkeit  —  640:  austheilende  und  aus- 
gleichende —  641  ;  vollkommenes  und  unvollkommenes,  natür- 
liches und  gesetzliches  Recht  u.  s.  w.  —  645.  Die  dianoe- 
tischen  Tugenden,  die  Einsicht  —  647.  Das  richtige  Verhal- 
ten zu  den  Affekten  —  658. 

3.  Die  Freundschaft.  Ihre  ethische  Bedeutung  —  661.  Ihr  Be- 
griff und  ihre  Arten  —  663.     Weitere  Erörterungen  —  667. 

13.  Fortsetzung.     B.  Die  Politik 672 

1.  Notwendigkeit,  Begriff  und  Aufgabe  des  Staats  —  672.  Die 
aristotelische  Politik  —  672.  Der  Staat  in  seiner  sittlichen  Bedeu- 
tung —   679.     Sein  Zweck  —  6S1. 

2.  Das  Hauswesen  als  Bestandtheil  des  Staates  —  687.  Mann 
und  Weib  —  6S8.  Eltern  und  Kinder  —  689.  Herr  und 
Knecht  —  690.  Ueber  Erwerb  und  Besitz  —  693.  Gegen 
Weiber-,  Kinder-  und  Gütergemeinschaft  —  696. 

3. Der  Staat  und  die  Staatsbürger:  ihr  Begriff  —  700;  die  Unter- 
schiede unter  den  Bürgern  —  702;  ihre  Bedeutung  für  die 
Verfassung  —  704. 

4.  Die  Staatsverfassungen  —  705.   Hanpt\erfassungsformen  —  709. 


Inhalts  verzcichniss.  IX 

Seite 
Werth  uud   Berechtigung   derselben  —  715.     Das   Königthum, 
Monarchie  und  Republik  —  719. 

5.  Der  beste  Staat.  Natürliche  Bedingungen  desselben  —  727. 
Volkswirtschaftliche  Einrichtungen  —  729.  Bildung  der  Bür- 
ger. Erzeugung.  Erziehung  —  730;  die  Musik  —  734.  Dieser 
Theil  der  Politik  unvollendet:  die  Verstandesbildung,  die  Strafe 
u.  a.  —  736.     Die  Verfassung  —  739. 

6.  Die  unvollkommenen  Staaten  —  741.  Demokratie  —  742. 
Oligarchie  —  744.     Aristokratie  uud  Politie  —  745.    Tyrannis 

—  749.  Die  politischen  Gewalten  und  ihre  Vertheilung,  die 
Verfassungsänderungen  u.   s.   w.  —   749. 

14.  Die  Bhetorik 754 

Aufgabe  der  Rhetorik    —  754.     Die    Beweismittel   —    757:    die 

Beweisführung  —  758;  die  Redegattungen  in  ihrer  Bedeutung 
für  die  Beweisführung  —  759;  die  übrigen  Beweismittel  —  761. 
Ausdruck  und  Anordnung  —   762. 

15.  Die  Kunsttheorie 763 

Das  Schöne  —  764.  Die  Kunst  als  Nachahmung  —  767.  Wir- 
kung der  Kunst.  Katharsis  —  770.  Die  Künste  —  7S1.  Die 
tragische  Poesie  —  7S3. 

16.  Das  Verhältniss  der  aristotelischen  Philosophie  zur  Religion  .     .     787 
Religiöser   Standpunkt    des    Aristoteles   —    787.     Philosophische 

Theologie  —  7S9.   Bedeutung  und  Ursprung  der  Volksreligion 

—  792. 

17.  Rückblick  auf  das  aristotelische  System 797 

Sein    Standpunkt    —    797.      Seine  Entwicklung   —    799.      Seine 

Lücken  und  Widersprüche  —  801.  Die  Richtung  der  peripa- 
tetischen  Schule  —  805. 

18.  Die  peripatetische  Schule.     Theophrast 806 

Sein  Leben   —   806.     Schriften    —   810.    —    Wissenschaftlicher 

Standpunkt  —  813.     Logik  —  815.  —   Metaphysik:  Aponeen 

—  821.  Positives:  Theologie  —  826.  —  Physik:  allgemeine 
und  unorganische  Physik  —  829.  Das  Weltgebäude  und  die 
Weltgeschichte  —  836.  Pflanzenlehre  —  838:  Natur  der 
Pflanze  —  839;  Theile  —  840;  Entstehung  —  841;  Eiuthei- 
lung  —  844.  Zoologisches  —  845.  Anthropologie :  die  Seele 
bewegt  —    "546 ;  die  Vernunft,    thätige    und   leidende    Vernunft 

-  847;  höhere    und    niedere    Seelentheile  —   850;    die   Sinne 

—  851;  Willensfreiheit  —  854.  —  Ethik  —  854:  die  Glück- 
seligkeit —  856;  sonstige  Bestimmungen  —  860.  Politik  — 
864.      Religionsansicht    --    866.      Rhetorik    und    Kunsttheorie 

—  867. 

19.  Fortsetzung.     Eudemus.  Aristoxenus,  Dicäarchus  u.  a.   .     .  .     869 


X  Inhaltsverzeichnis:?. 

Seite 

Eudemus  —  8t>9.  Logik;  Physik  —  bT  1 .  Metaphysik  —  S73. 
Ethik:  die  Tugend  als  Gabe  der  Gottheit  —  874;  Gottes- 
erkenntniss  — STti;  Reehtsehatf'enheit  —  878;  sonstige  Eigen- 
tümlichkeiten der  endemischen  Ethik  —  879. 

Aristoxenus  —  881.  Seine  Sittenlehre  —  SS3.  Theorie  der 
Musik  —  Sb4.     Seelenlehre  —  888. 

DicUarchus:  seine  Anthropologie  —  889;  das  theoretische  und 
das  praktische   Leben  —  891;  Politik   —  892. 

Phanias,   Klcarchus  u.  s.  w.  —   ^94. 

20.  Theophrast's  Schule;    Strato 897 

Theophrastische  Schüler,  Demetrius    aus    Phalerus  u.  a.  —  897. 

Strato  901.     Logik  und  Ontologie  —  904.     Die  Natur  und  die 
Gottheit  —  904.     Physikalische  Principien,  Wärme  und  Kälte 

—  906.     Die  Schwere,  das  Leere,  die  Zeit,   die  Bewegung  — 
908.     Kosmologie   und   Meteorologie    —  913.     Anthropologie 

—  916- 

21.  Die  peripatetischc   Schule  nach  Strato,    bis  gegen   das  Ende   des 

zweiten  Jahrhunderts 921 

Lyko  —  922.     Hieronymus   —  923.     Aristo   —   925.     Kritolaus 

—  927.    Phormio,  Sotion  u.  a.  —  930. 
Die  pseudoaristotelische  Literatur.    Logische,  metaphysische,  phy- 
sische Schriften  —  935.     Die  grosse  Moral  —  941.     Oekono- 
mik,  Khetorik  an  Alex.   —  944.     Schluss  —  !I45. 


Zweite    Periode. 


Dritter  Abschnitt. 
Aristoteles  nnd  die  alten  Peripatetiker. 


1.  Aristoteles'  Leben. 

Zwischen  den  drei  grossen  Philosophen  unserer  Periode 
tindet  schon  in  den  äusseren  Umständen  ihres  Lebens  ein  Ver- 
hältniss  statt,  welches  mit  dem  Charakter  und  dem  Umfang  ihrer 
Leistungen  in  gewisser  Beziehung  gleichen  Schritt  hält.  Wie 
sich  die  attische  Philosophie  anfangs  ganz  in  das  Innere  des 
Menschen  vertieft,  um  sich  sodann  von  diesem  Kern  aus  in  zu- 
nehmendem Masse  über  die  gesammte  Wirklichkeit  auszubreiten, 
so  erscheint  auch  das  Leben  ihrer  hauptsächlichsten  Vertreter 
zuerst  in  der  engsten  örtlichen  Beschränktheit,  welche  es  in  der 
Folge  mehr  und  mehr  abstreift.  Sokrates  ist  nicht  blos  ein 
Bürger  Athens,  sondern  er  empfindet  auch  gar  kein  Bedürfniss, 
über  den  Umkreis  seiner  Väterstadt  hinauszugehen.  Plato  ist 
gleichfalls  Athener,  aber  sein  Wissenstrieb  führt  ihn  in  die  Ferne, 
und  mannigfach  eingreifende  persönliche  Verbindungen  erhalten 
ihn  fortwährend  mit  auswärtigen  Städten  im  Zusammenhang. 
Aristoteles  hat  zwar  seine  wissenschaftliche  Ausbildung  und  seinen 
eigentlichen  Wirkungskreis  Athen  zu  verdanken;  er  gehört  je- 
doch durch  Geburt  und  Abstammung  einem  andern  Theil  Grie- 
chenlands an,  seine  erste  Jugend  und  einen  beträchtlichen  Ab- 
schnitt seines  männlichen  Alters  hat  er  ausserhalb  Athens,  meist 
in  dem  neuaufstrebenden  macedonischen  Reiche,  zugebracht,  und 
in  Athen  selbst  lebte  er  als  Fremder,  in  das  athenische  Staats- 
wesen nicht  verflochten,   und  durch  keine   persönlichen  Verhält- 

Z  e  1 1  e  r ,  Philos .  d.  Gr.  II.  Bd.  3.  Aufl.  1 


2  Aristoteles.  [2] 

nisse  gehindert,  seiner  Philosophie  jene  rein  theoretische,  allen 
Gegenständen  des  |  Wissens  gleichmässig  zugewandte  Haltung  zu 
geben,  welche  sie  auszeichnet1). 

Die  Geburt  unseres  Pliilosophen  fallt  nach  der  wahrschein- 
lichsten Berechnung  in   das    erste   Jahr    der    99.    Olympiade2), 

1)  Die  alten  Lebensbeschreibungen  des  Aristoteles,  welche  wir  noch 
besitzen,  sind  folgende  :  1)  Diogenes  V,  1  —  35,  weitaus  der  reichhaltigste  Zeuge. 
2)  DiOHTS  von  Halikarnass  epist.  ad  Ammaeum  I,  5.  S.  727  f.  3)  Der 
Anonymus  Menagii  ^Aqmjt.  ßiog  /.tu  avyyQUfj^ara  ujutov).  4)  Ein  Lebens- 
abriss,  der  uns  in  drei  verschiedenen  Bearbeitungen  erhalten  ist:  a)  dem 
ßi'og,  der  gewöhnlich  Ammonius,  in  Arist.  Opp.  ed.  Aid.  1496 — 1498,  wo  er 
zuerst  erschien,  Philoponus  beigelegt  wird,  aber  keinem  von  beiden  gehört 
(Pseudo-AMMOK.) ;  b)  der  vita  Arist.  e  cod.  Marciano  edita>  welche  Robbe 
1861  veröffentlichte  (v.  Marc);  c)  der  Arist.  vita  ex  vetere  translatione, 
welche  Nr.  b  noch  ähnlicher  ist,  als  Nr.  a  (Ammon.  lat.).  5)  'Hav%iou 
Alü.TjOiou  n.  tov  IdgtGT.  6)  Scidas  L^ptöT.  Alle  diese  Stücke,  ausser  4,  b, 
finden  sich  bei  Buhle  Arist.  Opp.  I,  1 — 79,  Nr.  3.  4,  a  auch  in  Weste  i:- 
mann's  Anhang  zum  CoBET'schen  Diogenes  und  seinen  Vit.  Script.  S.  397  ff., 
Nr.  -4,  b.  c  bei  Robbe  a.  a.  O.  Den  Verfasser  von  Nr.  4  vermuthet  Rose 
(Arist.  libr.  ord.  245  f.),  dem  aber  die  vita  Marciana  noch  nicht  vorlag,  in 
dem  jüngeren  Olympiodor;  was  ich  in  Betreff  der  den  drei  Recensionen  zu 
Grunde  liegenden  Darstellung  zwar  für  möglich,  aber  nicht  für  erweisbar 
halte.  Unter  den  Neueren  vgl.  m.  Buhle  a.  a.  O.  S.  80 — 104.  Stahk 
Aristotelia  I,  1—188.  Brandis  Gr.-röm.  Phil.  II,  b,  1  S.  48 — 65.  G.  Gkote 
Aristotle  (Lond.  1872)  I,  1  —  37.  A.  Geäst  Aristotle  (1877)  1 — 29.  Stahk 
S.  5  ff.  bespricht  auch  die  verlorenen  Werke  alter  Schriftsteller,  welche  das 
Leben  des  Arist.  besprochen  oder  einzelnes  daraus  berührt  hatten.  Aus 
welchen  Quellen  diese  verschiedenen  Zeugen  geschöpft  haben  und  welchen 
Glauben  sie  verdiinen,  können  wir  freilich  bei  keinem  einzigen  von  ihnen 
zum  voraus  feststellen.  Rosk's  Behauptung  jedoch  (a.  a.  0.  115  f.),  dass 
sie  sammt  und  sonders  ihre  Nachrichten  nur  unterschobenen  Schriften  und 
willkürlichen  Kombinationen  verdanken,  entbehrt  jedes  Beweises  und  jeder 
Wahrscheinlichkeit.  Es  verhielt  sich  vielmehr  damit  bei  verschiedenen  ohne 
Zweifel  sehr  verschieden.  Uns  bleibt  nur  übrig,  jede  einzelne  Angabe  nach 
Wahrscheinlichkeitsgründen  zu  prüfen. 

2)  So  Apollodob  bei  Diog.  9,  wohl  auf  Grund  der  Nachricht  (ebd.  10. 
])io\i-,  Ammon.),  welche  wir  für  die  sicherste  Zeitbestimmung  im  Leben 
des  Arist.  halten  dürfen,  dass  er  unter  dem  Archon  l'hilokles  (Ol.  114,  3) 
etwa  63jährig  (frolv  tqiow  nov  y.ai  (!-rixovTct,  bestimmter  Dionys:  tqi'u  ttqos 
roig  ti-rjXovTit  ßtioaug  hrt)  gestorben  sei.  Ebenso  Dionvs,  welcher  nur  darin 
irrt,  dass  er  (a.  a.  O.  und  ebd.  c.  4)  Demosthenes  drei  Jahre  jünger,  als 
Arist.,  nennt,  während  er  vielmehr  in  dem  gleichen  Jahre  mit  ihm,  oder  höch- 
stens ein  Jahr  früher  (Ol.  99,  1  Anfang,  oder  98,  4  Ende)  geboren  ist  (s.  Staue 
1,   30  f.).     Damit  stimmt   Gelliüs'  Angabe  (N.  A.  XVII,  21,  25),  dass  Arist. 


[3]  Leben.  3 

384  v.  Chr. l).  Seine  Vaterstadt  Stagira  lag  in  der  thracischen 
Landschaft  j  Chalcidice  -),  welche  damals  ein  durchaus  griechisches 
Land,  von  blühenden  Städten  bedeckt  und  daher  ohne  Zweifel 
auch  im  vollen  Besitz  griechischer  Bildung  war3).       Sein  Vater 

im  Tten  Jahr  nach  der  Befreiung  Roms  von  den  Galliern  geboren  sei,  überein, 
da  jenes  Ereigniss  in's  Jahr  Roms  364,  390  v.  Chr.,  gesetzt  wird.  Ebenso 
V.  Marc.  S.  3.  Amnion,  lat.  S.  12  R.:  er  sei  unter  Diotrephes  (d.  h.  Ol.  99,  1) 
geboren,  unter  Philokles  63 jährig  gestorben.  Wenn  ein  uns  im  übrigen  un- 
bekannter Schriftsteller,  Eoielus  (h.  Diog.  6),  statt  dessen  behauptet,  Arist. 
sei  70  Jahre  alt  geworden,  so  haben  wir  um  so  weniger  Grund,  dieser  An- 
gabe mit  Rose  a.  a.  O.  116  den  Vorzug  zu  geben,  da  der  weitere  Zusatz 
des  Eumelus:  mwv  uxorirov  tTtksvTT]Osr,  hinreichend  zeigt,  wie  es  mit 
seiner  Zuverlässigkeit  bestellt  ist.  Wie  hiemit  die  Todesart  des  Sokrates  auf 
Arist.  übertragen  wird,  so  wurde  ihm  auch  das  Lebensalter  desselben  bei- 
gelegt; möglicherweise  auf  Grund  der  ihm  unterschobenen  Verteidigungsrede 
(s.  u.  S.  33,  1  2.  Aufl.),  welche  in  diesem  Fall  S.  17,  D  der  platonischen 
Apologie  nachgeahmt  hätte.  Aber  auch  abgesehen  von  diesem  Zug  wird 
Eumelus  durch  die  I'ebereinstimmung  der  anderen  Zeugen,  unter  denen  sich 
ein  so  sorgfältiger  Chronolog,  wie  Apollodor,  befindet,  ausreichend  widerlegt. 
Ueber  das  Alter,  das  ihr  Stifter  erreichte,  musste  doch  in  der  peripatetischen 
Schule  eine  glaubwürdige  Ueberlieferung  zu  finden  sein;  wie  sollten  da  alle 
unsere  Zeugen,  ausser  dem  Einen  sonst  unbekannten,  und  in  diesem  Fall 
nachweislich  schlecht  unterrichteten,  dazu  gekommen  sein,  statt  der  leicht 
festzustellenden  richtigen  übereinstimmend  eine  falsche   Angabe  zu  bringen? 

1)  Dass  er  in  der  ersten  Hälfte  der  Olympiade,  also  noch  384  v.  Chr. 
geboren  ist,  folgt  aus  den  Angaben  über  sein  Todesjahr  (s.  u.),  und  würde 
sich  auch  aus  denen  über  seinen  athenischen  Aufenthalt  (s.  u.  S.  6,  3)  ergeben, 
wenn  sie  streng  zu  nehmen  wären.  Denn  wenn  er  17jährig  nach  Athen  kam  und 
20  Jahre  lang  mit  Plato  zusammen  war,  so  müsste  er  bei  Plato's  Tod  37  Jahre 
alt  gewesen  sein,  und  wollen  wir  statt  dessen  auch  nur  36x/a  J-  setzen,  und 
Plato's  Tod  bis  in  die  Mitte  des  Jahrs  347  v.  Chr.  herabrücken,  so  kämen  wir 
immer  noch  in  die  zweite  Hälfte  des  Jahrs  3S4  v.  Chr.  Indessen  ist  es  auch 
möglich,  dass  der  Aufenthalt  in  Athen  nicht  volle  20  Jahre  gedauert  hat. 

2)  So  genannt,  weil  die  meisten  jener  Städte  Kolonieen  des  euböischen 
Chalcis  waren;  Stagira  selbst  war  ursprünglich  von  Andros  aus  bevölkert, 
hat  aber  vielleicht  (nach  Dionvs.  a.  a.  0.)  später  gleichfalls  aus  Chalcis  einen 
Nachschub  von  Pflanzern  erhalten.  348  v.  Chr.  wurde  es  mit  31  andern 
Städten  jener  Gegend  von  Philipp  zerstört,  später  (s.  u.  S.  25)  auf  Aristoteles'  Ver- 
wendung wieder  aufgebaut.  M.  s.  hierüber,  sowie  über  die  Form  des  Namens 
(ZiuytiQog  oder  —  u  als  neutr.  plur.)  Stahk  23  f.  Ob  As  väterliches  Haus, 
dessen  sein  Testament  b;  Diog.  14  erwähnt,  von  der  Zerstörung  verschont 
blieb  oder  wiederhergestellt  wurde,  wissen  wir  nicht. 

3  Wenn  Bebhats  Dial.  d.  Arist.  2.  55  f.  134  Aristoteles  einen  „Halb- 
griechen" nennt,   halten  ihm  Grote  I,  3  und  Grant  2  mit  Recht  entgegen, 

1* 


4  Aristoteles.  [3] 

Nikomachua  war  Leibarzt  und  Freund  des  macedonischen  Kö- 
nigs Amvntas  l)  ;  und  die  Vermuthung  liegt  nahe,  dass  die  ärzt- 
liche Kunst  des  Vaters,  welche  ein  altes  Erbtheil  seines  Ge- 
schlechts war,  auf  die  Geistesrichtung  und  den  Bildungsgang  des 
Sohnes  eingewirkt,  dass  auch  seine  Verbindung  mit  dem  mace- 
donischen Hofe  zu  der  späteren  Berufung  des  Philosophen  an 
denselben  den  Anstoss  gegeben  habe.  Indessen  ist  uns  über 
keinen  von  beiden  Punkten  etwas  überliefert.  Lässt  sich  auch 
annehmen,  dass  durch  Nikomachus  dessen  Familie  mit  in  die 
Nähe  des  Königs  gezogen    wurde  -),  |  so  wissen  wir  doch  nicht, 


dass  eine  griechische  Familie  in  einer  griechischen  Kolonie,  in  der  nur  griechisch 
gesprochen  wurde,  ihre  Nationalität  völlig  rein  bewahren  konnte.  Arist.  war 
kein  Athener,  und  wiewohl  Athen  seine  geistige  Heimath  war,  wird  man  bei 
ihm  doch  Spuren  davon  finden,  dass  sein  politisches  Gefühl  ursprünglich  nicht 
von  diesem  Boden  genährt  war;  aber  ein  Hellene  war  er  darum  doch  so  gut, 
wie  Pythagoras  und  Xenophanes,  Parmenides,  Anaxagoras,  Demokrit  u.  s.  w. 
Was  Bernays  und  W.  v.  Humboldt  (in  dem  von  B.  angeführten  Brief  an 
Wolf,  Werke  V,  125)  an  Arist.  ungriechisch  finden,  lässt  sich,  wie  mir  scheint, 
weniger  mit  seinem  Geburtsort  in  Zusammenhang  bringen,  als  mit  seinem 
Zeitalter  und  seiner  Individualität;  im  übrigen  zeigt  z.  B.  der  Vollblutathener 
Sokrates  seinen  Zeit-  und  Volksgenossen  gegenüber  viel  auffallendere  und 
scheinbar  ungriechischere  Züge,  als  Aristoteles,  und  wenn  die  Schriften  des  letz- 
tern im  Vergleich  mit  den  platonischen  ungriechisch  sein  sollen,  kann  diess 
doch  theils  von  seinen  Dialogen  (s.  u.)  keinenfalls  gesagt  werden,  theils 
rinden  sich  ebenso  grosse  Differenzen  auch  zwischen  solchen ,  deren  Her- 
kunft und  Bildungsgang  sich  so  nahe  steht ,  wie  diess  z.  B.  in  neuerer  Zeit 
bei  Schelling  und  Hegel,  Baur  und  Strauss  der  Fall  war. 

1)  Diog.  1  nach  Hebmxppus.  DionvS.  Ammon.  v.  Marc.  Amm.  lat.  Suid. 
Die  Familie  des  Nikomachus  leitete  sich  nach  diesen  Zeugen,  wie  so  viele 
ärztliche  Familien,  von  Asklepios  her,  und  T/.etz.  Chi!.  X,  727.  XII,  638 
gibt  kein  Recht,  diess  zu  bezweifeln,  wogegen  die  drei  Recensionen  des 
Ps.  Ammon.  die  Angabe  wohl  mit  Unrecht  auf  A.s  Mutter,  Phästis,  ausdehnen; 
nach  Diog.  war  diese  aus  Stagira  gebürtig,  und  nach  Diows.  stammte  sie 
von  einem  der  Kolonisten  aus  Chalcis.  Damit  könnte  zusammenhängen,  dass 
im  Testament  b.  Di<><;.  11  ein  Garten  und  Landhaus  in  Chalcis  vorkommt. 
Dass  Nikomachus  6  Bücher  'lajgixa  und  1  B.  4>u(Jixa  geschrieben  habe,  sagt 

Ntxöfi.  nach  unserem  Text  nicht  (wie  ßiin.i;  S.  83.  Stahb  S.  34 
angeben*!  vom  Vater  des  Philosophen ,  sondern  von  dessen  gleichnamigem 
Ahnherrn,  allerdings  geht  aber  die  Angabe  ursprünglich  wohl  auf  jenen. 
Einen  Bruder  und  eine  Schwester  des  Arist.  nennt  Anon.  Menag.  v.  Marc.  1. 
Amm.   lat.   1. 

2)  Denn  DlOG.  1  sagt,  nach  II i.i.mi  1 11  s,  ausdrücklich:  avveß(o)  [Ntxo- 
uayog    'AfivVTff  TtZ  jXlnxtöiiiav  ßaaiku   iarooD  y.ul  (pllov  XQS(a.    Er  muss 


[4]  Leben.  5 

wie  alt  Aristoteles  in  jener  Zeit  war,  wie  lange  dieses  Verhältniss 
gedauert,  und  welche  persönlichen  Beziehungen  es  flu'  ihn  herbei- 
geführt hat.  Ebensowenig  ist  uns  über  die  erste  Entwicklung 
seines  Geistes,  über  die  Umstände,  unter  denen  sie  vor  sich 
gieng.  und  den  Unterricht,  welchen  er  erhielt,  etwas  näheres  be- 
kannt x).  Das  einzige,  was  aus  diesem  Abschnitt  seines  Lebens 
berichtet  wird,  besteht  in  der  Angabe  des  falschen  Ammonius2), 
nach  dem  Tode  seiner  beiden  Eltern 3)  habe  ein  gewisser  Pro- 
xenus  aus  Atarneus  4)  seine  Erziehung  übernommen,  dessen  Sohn 
Nikanor  der  dankbare  Zögling  in  der  Folge  den  gleichen  Dienst 
geleistet,  ihn  an  Kindesstatt  angenommen  und  ihm  seine  Tochter 
zur  Frau  gegeben  habe.  Ist  aber  auch  diese  Nachricht,  trotz 
der  Unzaverlässigkeit  des  Zeugen5),  wie  es  scheint,  richtig6),  so 
verschafft  sie  uns  doch  über  das,  woran  uns  am  meisten  I  Hegen 


also    seinen   bleibenden   Aufenthalt   in   Pella  genommen,  und  wird  dann  die 
Seinigen  nicht  in  Stagira  zurückgelassen  haben. 

1)  Auch  die  Angabe  Galen's  anatom.  administr.  II,  1.  Bd.  II,  280  K., 
dass  die  Asklepiaden  ihre  Söhne  ix  nuiStav,  wie  im  Lesen  und  Schreiben, 
so  auch  im  avaxifivuv  geübt  haben,  nützt  uns  nicht  viel;  denn  theils  wissen 
wir  nicht,  wie  viel  Vertrauen  diese  Angabe  verdient,  theils  auch  nicht,  wie 
alt  Aristoteles  war,  als  sein  Vater  starb.  Ebenso  fragt  es  sich,  ob  hiebei  an 
Zergliederung  von  menschlichen  oder  von  thierischen  Leichnamen  zu  denken 
ist.     Vgl.  S.  66,  1   Schi.  2.  Aufl. 

2)  D.  h.  seiner  drei  Jtecensionen,  S.  43  f.  Buhle,  1  f.  (wo  statt  (ftjurjg 
Tooqijg  zu  lesen  ist)  10  f.  Robbe. 

3)  Von  diesen  gedenkt  er  selbst  im  Testament  (Diog.  1 6)  seiner  Mutter, 
indem  er  eine  Bildsäule  derselben  als  Weihgeschenk  aufzustellen  verordnet. 
Eines  Bildes  von  ihr,  das  er  von  Protogenes  malen  liess,  erwähnt  Plin.  H.  nat. 
XXXV,  10,  106.  Dass  der  Vater  im  Testament  nicht  genannt  wird,  kann  zu 
viele  natürliche  Gründe  haben,  um  auffallend  zu  sein. 

4)  Wie  es  scheint,  ein  Verwandter  des  Arist,  der  nach  Stagira  ausge- 
wandert war,  denn  sein  Sohn  Nikanor  heisst  bei  Sext.  Math.  I,  258  Zxayu- 
q(tt]s  und  olzfio;  AoidTOTtXovg, 

5)  Denn  welchen  Glauben  verdient  ein  Schriftsteller,  der  unter  anderem 
erzählt  (Amm.  S.  44.  50.  48.  v.  Marc.  2.  5.  Amm.  Ist.  11.  12.  14),  Arist.  sei 
drei  Jahre  lang  Schüler  des  Sokrates  gewesen,  und  später  habe  er  Alexander 
bis  nach  Indien  begleitet? 

6)  Aristoteles  bestimmt  nämlich  in  seinem  Testament  (Diog.  12  ff.),  Nika- 
nor solle  seine  Tochter,  wenn  sie  herangewachsen  sei,  zur  Frau  erhalten ;  er 
überträgt  ihm, für  sie  und  ihren  Bruder  zu  sorgen,  cog  y.ai  7TaTr]n  wv  y.ui  aöekwög ; 
er  verordnet,  dass  die  von  ihm  selbst  schon  beabsichtigten  Bilder  von  Nikanor, 
Proxenus    und    Nikanor's  Mutter    angefertigt,    und    wenn   Nikanor  glücklich 


6  Aristoteles.  [5] 

müsste,   die   Bildungsgesehiehte   des  Philosophen,  keine  weitere 
Aufklärung l). 

Erst  mit  seinem  Eintritt  in  die  platonische  Schule  2)  gewin- 
nen wir  hiefür  einen  festeren  Boden.  In  seinem  achtzehnten 
Lebensjahre  kam  Aristoteles  nach  Athen 3),  und  trat  in  den  pia- 


durchkomme, «las  von  ihm  gelobte  Weihgeschenk  in  Stagira  aufgestellt  werde. 
Diese  Anordnungen  beweisen,  dass  Nikanor  von  Amt,  an  Kindesstatt  ange- 
nommen war,  und  dass  A.  gegen  dessen  Mutter  sowie  gegen  Proxenus  beson- 
dere Verpflichtungen  hatte,  welche,  wie  es  scheint,  denen  gegen  seine  eigene 
Mutter,  deren  Bild  gleichfalls  bestellt  wird,  ähnlich  waren.  Da  sich  nun 
unter  Voraussetzung  des  von  Pseudo- Ammonius  berichteten  Sachverhalts 
alles  auf's  beste  erklärt,  so  empfehlen  sich  dessen  Angaben  in  hohem  Grade. 
Dass  Nikomachus  nicht  mehr  am  Leben  war,  als  A.  zu  Plato  kam,  sagt  auch 
Dionysids.  Nun  könnte  es  freilich  scheinen,  da  Aristoteles  63jährig  starb,  so 
hatte  der  Sohn  seiuer  Pflegeeltern  für  seine  damals  noch  unerwachsene  Tochter 
zu  alt  sein  müssen.  Diess  ist  jedoch  nicht  nothwendig.  Wenn  Arist.  beim 
Tod  seines  Vaters  schon  in  den  Knabenjahren  stand  und  Proxenus  damals 
noch  ein  jüngerer  Mann  war,  konnte  dieser  leicht  einen  Sohn  hinterlassen, 
welcher  20  —  25  Jahre  jünger,  als  Aristoteles,  und  noch  um  lü  Jahre  jünger, 
als  der  damals  mindestens  47jährige  Theophrast  war,  dem  Pythias  für  den 
Fall,  dass  Nikanor  vor  der  Zeit  sterben  würde,  zur  Gattin  bestimmt  wird 
(Diog.  13).  —  Unser  Nikanor  ist  wahrscheinlich  jener  Stagirite  Nikanor,  welchen 
Alexander  von  Asien  aus  nach  Griechenland  sandte,  um  bei  den  olympischen 
Spielen  d.  J.  324  v.  Chr.  seinen  Erlass  über  die  Rückkehr  der  Verbannten 
zu  verkündigen  (Dinarch  adv.  Demosth.  81  f.  103.  Diodor.  XVIII,  8,  vgl.  die 
pseudoaristotelische  Rhet.  ad  Alex.  1.  1421,  a,  3S  und  Gijote  Arist.  14  f.), 
und  das  Gelübde  seines  Adoptivvaters  bezieht  sich  auf  eine  Reise  an  das 
Hoflager  des  Königs,  dem  er  über  den  Erfolg  seiner  Sendung  berichtet  und 
der  ihn  in  seinen  Diensten  zurückbehalten  hatte.  Vgl.  S.  5,  4.  Der  gleiche 
Nikanor  wird  es  auch  sein,  der  nach  Arriats  b.  Piiot.  Cod.  92.  S.  72,  a,  b' 
unter  Antipater  Statthalter  Kappadocienfi  war,  und  nach  Diodor  XVIII,  64  f. 
6S.  72.  75.  M^  v.  Chr.  von  Kassander,  dem  er  zu  Land  und  zur  See  be- 
deutende Dienste  geleistet  hatte,  aus  dem  Wege  geräumt  wurde.  Der  Zeit- 
rechnung nach  passt  diese  Annahme  wenigstens  vollkommen  zu  dem,  was 
S.    21,   2  g.  E.   über  Pythias  angeführt  ist. 

1  Erfahren  wir  «loch  weder  über  das  Alter,  in  welchem  Aristoteles  zu 
Proxenus  kam,  noch  über  den  Ort,  an  welchem  er  von  diesem  erzogen  wurde 
(denn  das»  diese  Atarnens  war,  ist  nach  S.  5,  4  nicht  wahrscheinlich,  und 
keinenfalls  erweislich),   noch    über  die   Art  -einer  Erziehung  das  geringste. 

1)  Wohin  ihn  Anim.  44.  v.  Marc.  2.  Amin.  lat.  11  alberner  Weise  durch 
das  delphische  Orakel  geschickt  werden  lassen. 

3)  Apollodob  b.  Dum,.  :i:  nagaßakeiv  J^  W.ciTom,  xal  diuTohpui  nao 
m  toi  efxooiv  fat),  inra  y.cu  dexa  fiwv  ovordvra.  Auf  dieses  Zeugniss  scheint 


[5]  Erster  A  nfentha  lt  in  Athen.  7 

tonischen  Schülerkreis  ein  1).  dem  er  bis  zum  Tode  des  Meisters,  | 


sich  sowohl  die  Aussage  des  Dionts  (S.  728)  zu  gründen,  dass  er  in  seinem 
ISten  Jahr,  als  die  des  Diogenes  6,  dass  er  emaxatäex&ris,  und  der  drei 
Ammoniusrecensionen,  dass  er  knraxc<Cöaxu  £to>v  ysro/nfvog  nach  Athen 
gekommen  sei;  ebenso  die  Berechnung  des  Dionysius,  welcher  diese  An- 
kunft unter  den  Archon  Polyzelus  (366/7  v.  Chr.  Ol.  103,  2)  setzt,  wogegen 
die  Angabe  (v.  Marc.  3.  Amm.  lat.  12),  er  sei  unter  dem  Archon  Nausigenes 
(Ol.  103,  1)  dorthin  gekommen,  statt  des  vollendeten  das  laufende  17te  Le- 
bensjahr zum  Ausgangspunkt  nimmt.  Euseb.  im  Chronikon  weiss  zwar,  dass 
er  17jährig  nach  Athen  kam,  verlegt  aber  dieses  Ereigniss  irrig  in  Ol.  104,  1 
Die  Behauptung  des  Eumelus  b.  Diog.  6,  dass  er  schon  30  Jahre  alt  ge- 
wesen sei,  als  er  mit  Plato  bekannt  wurde,  kombinirt  Grote  3  f.  mit  den 
Angaben  des  Epikur  und  Timäus  über  sein  ausschweifendes  Jugendleben 
(s.  u.  S,  2.  3  ,  ohne  sich  zwischen  dieser  „durch  die  frühesten  Zeugen  er- 
haltenen" L'eberlieferung  und  der  gewöhnlichen,  die  sich  nicht  über  Hermippus 
hinauf  verfolgen  lasse,  zu  entscheiden.  Es  ist  jedoch  bereits  gezeigt  worden, 
welchen  Glauben  Eumelus'  Aussage  über  Aristoteles'  Tod  und  das  Alter,  das 
er  erreichte,  verdient  (s.  S.  2,  2);  mit  dieser  fällt  aber  auch  die  vorliegende; 
denn  da  Arist.  dem  Andenken  seines  Mitschülers,  des  Cypriers  Eudemus, 
eine  Elegie  und  das  Gespräch  „Eudemus"  gewidmet  hat  (s.  S.  12,  1),  dieser 
aber  357  v.  Chr.  mit  Dio  nach  Sicilien  gegangen  und  dort  umgekommen 
war,  so  miisste  er  freilich,  wenn  er  erst  im  30.  Jahr  nach  Athen  kam,  mehrere 
Jahre  vor  384  geboren  sein.  Wir  wissen  aber  auch  nicht,  wann  Eumelus 
gelebt  und  von  wem  er  seine  Angabe  entlehnt  hat;  wenn  er,  wie  zu  ver- 
muthen,  der  Peripatetiker  Eumelus  ist,  dessen  Schrift  7T8qI  ttjs  «p^Kt«? 
y.wiKoöiug  ein  Scholion  zu  Aeschines'  Timarch.  (ed.  Bekker,  Abh.  d.  Berl. 
Akad.  1836.  hist.-phil.  Kl.  S.  230  §.  39  vgl.  Kose  Arist.  libr.  ord.  113) 
anführt,  so  wird  er  der  alexandrinischen,  möglicherweise  aber  auch  erst  der 
nachalexandrinischen  Periode  angehören ;  keinenfalls  aber  kann  er,  nach  dem 
S.  2,  2  angeführten,  auf  Zuverlässigkeit  Anspruch  machen.  Ueber  Epikur 
und  Timäus  vgl.  S.  9,  1.  Die  vita  Marc.  3  hat  gar  die  Behauptung  zu 
bekämpfen,  dass  Arist.  erst  in  seinem  40.  Jahr  zu  Plato  gekommen  sei,  und 
der  Amm.  lat.  macht  daraus  den  weiteren  Unsinn,  dem  er  dann  auch  das 
folgende  anpasst:  es  werde  von  manchen  behauptet,  dass  A.  40  Jahre  bei 
Plato  gewesen  sei.  Was  er  übersetzt:  XI,  annis  immoratus  est  sub  Piatone 
lautete  wohl  in  seinem  Original:  u  'irr}  yeyovwg  r\v  vnö  iD.ärcovi,  oder: 
u  irwv  ojv  iväi^TQißev  u.  s.  w. ;  in  dem  letzteren  Fall  könnte  das  Miss- 
verständniss  durch  ein  Ausfallen  des  cor  in  der  Handschrift  veranlasst  sein. 
1)  Plato  selbst  war  vielleicht  damals  auf  seiner  zweiten  sicilischen  Reise 
abwesend  (s.  erste  Abth.  S.  368).  Stahr  S.  43  vermuthet,  aus  einer  miss- 
verstandenen Erwähnung  dieses  Umstands  sei  die  vorhin  berührte  Angabe 
(Amm.  44.  50.  v.  Marc.  2.  Amm.  lat.  11.  12.  Olympiod.  in  Georg.  42)  ent- 
standen, dass  er  zunächst  drei  Jahre  lang  Sokrates,  und  erst  nach  dessen 
Tod  Plato  gehört  habe ;  der  Verfasser  möge  in  seiner  Quelle  gefunden  haben, 


g  Aristoteles.  6 

zwanzig  Jahre  lang,  angehörte x).  Es  wäre  vom  höchsten  Werth, 
über  diesen  Zeitraum,  die  langen  Lehrjahre  des  Philosophen,  in 
denen  zu  seiner  ausserordentlichen  Gelehrsamkeit  und  seinem 
eigenthümlichen  System  der  Grund  *  gelegt  wurde,  etwas  ge- 
naueres zu  wissen.  Leider  gehen  aber  unsere  Nachrichten  an 
der  Hauptsache,  dem  Gang  und  den  näheren  Umständen  seiner 
wissenschaftlichen  Entwicklung,  mit  tiefem  Stillschweigen  vor- 
über, um  uns  dafür  mit  allerlei  übeln  Nachreden  über  sein  Le- 
ben und  seinen  Charakter  zu  unterhalten.  Der  eine  hat  gehört, 
dass  er  sich  zuerst  als  Quacksalber  sein  Brod  verdient  habe  2) ; 
ein  anderer  will  gar  wissen,  er  habe  erst  sein  Erbe  verprasst, 
dann  sei  er  in  der  Noth  in  Kriegsdienste  getreten,  als  es  ihm 
damit  auch  nicht  glückte,  habe  er  es  mit  dem  ärztlichen  Ge- 
werbe versucht,  und  schliesslich  zu  Plato's  Schule  seine  Zuflucht 
genommen  3).     Doch  diesen  Klatsch  hat  schon  Aristokles  mit 


dass  Arist.  drei  Jahre  in  Athen  zubrachte,  ohne  Plato  zu  hören,  und  während 
dieser  Zeit  sich  an  andere  Sokratiker  anschloss,  statt  deren  er  dann  Sokrates 
setzte.  Unter  der  gleichen  Voraussetzung  könnte  man  den  Grund  jener  An- 
gabe in  der  Bemerkung  vermuthen,  dass  Arist.  während  Plato's  Abwesenheit 
von  Xenokrates  unterrichtet  worden  sei.  Oder  mau  könnte  darin  die  Spuren 
einer  Notiz  finden,  nach  der  er  (vor  oder  neben  Plato)  den  Isokrates  drei 
Jahre  lang  gehört  hatte,  dessen  Namen  mit  dem  des  Sokrates  oft  verwechselt 
wird.  Das  wahrscheinlichste  ist  mir  aber,  dass  der  Anlass  zu  dem  aben- 
teuerlichen Missverständniss  in  der  von  der  v.  Marc,  und  Amm.  lat.  berührten 
Aeusserung  eines  (ächten  oder  unächten)  Briefs  an  Philipp  lag,  wornach  er 
in  seinem  20.  Jahr  mit  Plato  bekannt  geworden  war;  sei  es,  weil  Plato  jetzt 
erst  aus  Sicilien  zurückkam,  oder  weil  er  vorher  Isokrates'  Schule  be- 
sucht hatte. 

1)  S.  S.  6,  3  Dionvs.  a.  a.  O . :  avaTu&tlg  TTIcctcovi  %q6vov  eixoaatTij 
difrotilit  ovv  ta'rw.     Ammon.  tovtm  (Plato)  aweariv  tTt]  ti'xoai. 

2  Aribtokx.  b.  Eus.  praep.  ev.  XV,  2,  1:  niog  ttv  reg  unoSi'SatTo 
TipiaCov  tov  TavQOfitvdov  XiyovTog  lv  rmg  töTOQtaig,  aSö^ov  &vaag  avrbv 
luTQti'oi  xal  rüg  Tiyovaag  (hier  scheinen  einige  Worte  zu  fehlen)  orjji  rrjg 
r,/.iy.i«g  xltToai.  Das  gleiche  theilt  Polvb.  XII,  7.  Sun>.  "AoiGtot.  noch 
ausführlicher  aus  Timäus   mit. 

3)  Abistokl.  a.  a.  O.:    nwg  yäq  oiov  re,   xaDuntq    (prjolv   ^Enlxovoog 

fv    T?J    TltQl    TWV   l7tlTT]6fV/Ul'(TWV   In  lOTOfSj,  v(0V  [AtV    Ol'TU   y.UTCUfUytTv   avrbv 

Ttjv  7i«Toq>uv  ovoluv,  intnu  dt  Inl  xb  OTouTtvtnd-cu  avvetoaUai,  xaxwg  dt 
ttoÜttovtu  Iv  TOVTOcg  tni  tu  if  uQ/incxo7io)ltiv  tX&eTv,  tntiTK  avantmafx(voi) 
tov  TD.itTbiVog  ntotnccTov  näai,  naoalaßtiv  alröv  (nach  Athen,  ist  zu 
lesen:  naoaßaktiv  ai)Tov  seil,  tig  tov  ntninaTov).    Das  gleiche  aus  derselben 


[7]  Erster  Aufenthalt  in  Athen.  9 

Recht  zurückgewiesen  ')•  Grössere  |  Beachtung  verdient  die  Er- 
zählung von  dem  Zerwürfhiss,  welches  einige  Zeit  vor  Plato's 
Tod  zwischen  ihm  und  seinem.  Schüler  ausgebrochen  sein  soll. 
Schon  der  Dialektiker  Eibulides  hatte  unsern  Philosophen  des 

Schrift,  meist  mit  denselben  Worten,  b.  Athen.  VIII,  354,  b.  Diog.  X,  8, 
und  offenbar  aus  der  gleichen  Quelle   b.  Aelian  V.  H.  V,  9. 

1)  Für's  erste  nämlich  fehlt  es  diesen  Angaben  an  jeder  zuverlässigen 
Beglaubigung.  Schon  dem  Alterthum  waren  für  dieselben  keine  anderen 
Zeugen  bekannt,  als  Epikur  und  Timäus ;  ausser  diesen  hatte  sie,  wie  Athe- 
näus  ausdrücklich  bemerkt,  selbst  von  den  erbittertsten  Gegnern  des  Arist. 
keiner  vorgebracht.  Nun  ist  aber  Timäus'  gewissenlose  Schmähsucht  bekannt: 
gegen  Aristoteles  hatten  ihn  namentlich  dessen  (geschichtlich  richtige)  An- 
gaben über  den  niedrigen  Ursprung  der  Lokrer  erbittert.  Ebenso  wissen  wir 
von  Epikur,  dass  er  kaum  irgend  einen  seiner  philosophischen  Vorgänger 
und  Zeitgenossen,  sogar  Demokrit  und  Nausiphanes,  denen  er  selbst  alles 
verdankt,  nicht,  mit  seinen  Verläumdungen  und  herabsetzenden  Urtheilen 
verschonte.  (M.  s.  über  Timäus  Polvb.  XII,  7  f.  10.  Plut.  Dio  36.  Nie.  1. 
Diodob  V,  1 ;  über  Epikur  Diog.  X,  8.  13.  Sext.  Math.  I,  3  f.  Cic.  N.  D.  I, 
33,  93.  26,  73  und  unsern  1.  Th.  S.  946,  3.).  Aussagen  solcher  Schriftsteller, 
die  im  gehässigsten  Ton  vorgebracht  werden  (wie  diess  namentlich  von  denen 
des  Timäus  gilt),  kann  man  nur  mit  dem  äussersten  Misstrauen  aufnehmen, 
und  auch  ihre  Uebereinstimmung  gibt  nicht  die  geringste  Bürgschaft  ihrer 
Wahrheit,  da  es  sehr  möglich  ist,  dass  Epikur  die  Quelle  des  Timäus,  oder 
(was  ich  vorziehe)  Timäus  die  Quelle  Epikur's  war.  Diesen  so  höchst  ver- 
dächtigen Zeugen  steht  aber  nicht  blos  eine  Reihe  anderer,  ungleich  achtungs- 
wertherer,  entgegen,  welche  einstimmig  behaupten,  Arist.  habe  sich  seit  seinem 
18.  Jahr  in  Athen  seinen  Studien  gewidmet,  sondern  die  Angaben  der  erstereu 
sind  auch  an  sich  selbst  äusserst  unwahrscheinlich.  Wäre  Aristoteles  nichts 
weiter  gewesen,  als,  wie  ihn  Timäus  schilt,  ein  ooifiOTrjs  {tQaaui  £v/6QTjf 
TToontTTig,  so  möchte  man  diesen  Prädikaten  mit  Demselben  auch  noch  das 
oiUiu(il)r]S  beifügen;  wer  dagegen  weiss,  dass  er  neben  dem  grossen  Philo- 
sophen auch  der  erste  Gelehrte  seiner  Zeit  und  zudem  ein  wegen  seiner 
Anmuth  bewunderter  Schriftsteller  war,  der  inuss  es,  sollte  man  meinen, 
durchaus  unglaublich  und  beispiellos  finden,  dass  dieser  Wissensdurst  erst 
im  30.  Jahre  nach  einer  elend  vergeudeten  Jugend  erwacht  sein  sollte,  und 
dass  er  dann  noch  die  Früchte  hätte  bringen  können,  die  wir  selbst  als  den 
Ertrag  eines  vollen,  der  Wissenschaft  unverkürzt  gewidmeten  Lebens  kaum 
begieifen.  Davon  nicht  zu  reden,  dass  alle  Schriften  des  Stagiriten  und 
alles,  was  wir  sonst  von  ihm  wissen,  den  Eindruck  einer  inneren  Vornehm- 
heit machen,  wie  sie  sich  nach  einer  solchen  Vorgeschichte,  wie  die  augeb- 
liche des  Arist.,  wohl  noch  nie  gefunden  hat,  und  dass  man  auch  nicht  sieht, 
wo  er  nach  der  Verschwendung  seines  Vermögens  die  Mittel  zum  Aufenthalt 
in  Athen  hergenommen  haben  sollte.  Gkote  (s.o.  6,3)  erweist  daher  Epikur 
und  Timäus  viel  zu   viele  Ehre,  wenn  er  ihre  Angaben  als  gleichwertig  mit 


In  Aristoteles.  [7.8] 

Undanks  gegen  seinen  Lehrer  bezüchtigt1).  Andere  werfen  ihm 
vor.  dass  er  diesem  wegen  seiner  stutzerhaften  Kleidung,  seines 
vorlauten  Wesens  und  seiner  Sp*>ttsucht  zuwider  gewesen  sei2), 
dass  er  noch  bei  Plato's  Lebzeiten  die  Ansichten  desselben  an- 
gegriffen und  seine  eigene  Schule  der  platonischen  entgegen- 
gestellt i.  ja  dass  er  einmal  die  Abwesenheit  des  Xenokrates  | 
benützt  habe,  um  den  hochbejahrten  Meister  auf  eine  empörende 
Weise  aus  den  gewohnten  Räumen  in   der  Akademie   zu   Ver- 


den entgegenstehenden  behandelt;  ich  meinerseits  halte  sie  für  nackte,  aus 
der  Luft  gegriffene  Lügen,  und  möchte  desshalb  nicht  einmal  so  viel  daraus 
ableiten,  als  Stahe  S.  38  f.  und  Bekxays  Abh.  d.  Bresl.  Hist.-phil.  Gesell- 
schaft I,  193  f.  wahrscheinlich  finden,  dass  Aristoteles  in  Athen  von  seinen 
naturwissenschaftlichen  Kenntnissen  wohl  auch  ärztlichen  Gebrauch  gemacht 
haben  möge;  denn  weder  Aristokles  noch  sonst  ein  glaubhafter  Zeuge  weiss 
von  dieser  ärztlichen  Thätigkeit,  die  umgekehrt,  welche  ihrer  erwähnen,  thun 
es  so,  dass  die  ganze  Sache  nur  verdächtig  wird.  Arist.  selbst  rechnet  sich 
Divin.  p.  s.  1.  403,  a,  6  sichtlich  zu  den  Laien  (p.it)  re/ruat)   in  der  Heilkunde. 

1)  Akistokl.  b.  Euseb.  pr.  ev.  XV,  2,  3:  xal  EvßovXiärjg  dt  7iQodr\kwg 
iv  tw  s.ut*  avTov  ßißUco  ipsvdiTcti,  ...  (fäaxtov  ...  TiXtvrwVTi  Illdicort  /ur) 
rxanayti'to'^uL  zä  t(  ßißXut  cciirov  duuf&tuuu.  Keine  von  beiden  Anschul- 
digungen hat  freilich  viel  auf  sich.  Die  Abwesenheit  bei  Plato's  Tod  kann, 
wenn  die  Sache  überhaupt  wahr  ist,  ihre  gerechtfertigten  Gründe  gehabt 
haben:  Plato  soll  ja  ganz  unvermuthet  gestorben  sein  (s.  1.  Abth.  S.  370). 
Das  Verderben  der  Bücher  ist,  wenn  damit  eine  Verfälschung  ihres  Textes 
gemeint  ist,  eine  ebenso  handgreifliche  als  ungereimte  Verläumdung;  bezieht 
es  sich  andererseits,  was  auch  möglich  wäre,  auf  die  von  A.  an  den  plato- 
nischen Schriften  geübte  Kritik,  so  werden  wir  später  noch  sehen,  dass  diese 
zwar  scharf  und  nicht  immer  billig  ist,  aber  auf  ein  persönliches  Missver- 
hältniss  kann  man  aus  dieser  auf  dem  Standpunkt  und  bei  der  Geistesrich- 
tung des  A.  vollkommen  erklärlichen,  rein  sachlichen  Polemik  nicht  schliessen. 
Als  venäumderisch  bezeichnet  ausser  Aristokles  auch  Diog.  II,  109  die 
Vorwürfe  des  Eubuliiks. 

2  Aei.ian  V.  II.  III,  19,  welcher  im  einzelnen  beschreibt,  wie  sich  A. 
geputzt  habe. 

3)  Diog.  2:  i<n£axr]  Sl  ID.Ütwvos  tri  ntoiövTog'  waie  if,aa)r  txtivov 
hintiV  l-foiaTon-'X^g  rjuiig  untiüxriae  xuOansQil  tu  TiiokuQtu  yervrj&tvTa 
Trtv  ^t]TÜ>u.  Das  gleiche  bei  Ai:u  \\  V.  H.  IV,  9.  HelladiüS  b.  Phot. 
Cod.  279.  S.  533,  b.  Auch  Theodobex  cur.  gr.  äff.  V,  46.  S.  77  sagt,  A. 
habe  Plato  noch  bei  Lebzeiten  offen  angegriffen,  Philop.  Anal.  post.  54,  a,  o. 
Schol.  in  Arist.  22S.  b,  H>,  er  habe  ihm,  wie  erzählt  werde,  wegen^  der 
Ideenlehre  auf's  stärkste  zugesetzt,  Augüstin  Civ.  D.  VIII,  12,  er  habe  schon 
damals  eine   zahlreiche  Schule  begründet. 


[8.9]  Erster  Aufenthalt  in  Athen.  11 

drängen x).  Auf  Aristoteles  wurde  endlich  schon  im  Alterthum 
von  manchen  die  Angabe  des  Aristoxenus  bezogen:  während 
Plato's  sicilischer  Reise  sei  im  Gegensatz  gegen  seine  Schule  von 
Fremden  eine  andere  errichtet  worden2).  Alle  diese  Angaben 
sind  aber  sehr  unsicher  und  das  meiste  darin  verdient  keinen 
Glauben  3).  Die  Aussage  des  Aristoxenus  könnte,  wenn  sie  auf 
Aristoteles  gehen  soll,  keinenfalls  wahr  sein :  nicht  blos  aus  chro- 
nologischen Gründen  4)?  sondern  auch  desshalb,  weil  wir  von 
Aristoteles  unzweideutige  |  Zeugnisse  darüber  besitzen,  dass  er 
noch  lange  nach  Plato's  letzter  sicilischer  Reise  zu  seiner  Schule 


1)  Dieser  Vorfall  wird  von  Aelian  (V.  H.  III,  19  vgl.  IV,  9,  Schi.), 
welcher  unser  einziger  Gewährsmann  dafür  ist,  so  erzählt :  Als  Plato  bereits 
SOjährig  und  desshalb  schwachen  Gedächtnisses  gewesen  sei,  habe  A.  einmal, 
da  Xenokrates  eben  abwesend  und  Speusippus  krank  war,  von  einem  Haufen 
seiner  Anhänger  umgeben,  mit  Plato  eine  Streitunterredung  angefangen  und 
den  Greis  dabei  in  böswilliger  Weise  so  in  die  Enge  getrieben,  dass  sich 
dieser  aus  den  Hallen  der  Akademie  in  seinen  Garten  zurückgezogen  habe. 
Erst  nach  drei  Monaten,  als  Xenokrates  zurückkam,  habe  dieser  dem  Speu- 
sippus seine  Feigheit  ernstlich  vorgehalten  und  Aristoteles  genöthigt,  den 
streitigen  Raum  Plato  wieder  zu  überlassen. 

2  Aristokl.  b.  Eus.  pr.  ev.  XV,  2,  2 :  rig  <T  uv  nsiG&tCr,  roTg  vn* 
AotOTöiirov  tov  fxovatxov  Xsyofisvoig  £v  rw  ßiw  tov  IIXuTOjiog ;  tl>  yi<o 
tj)  7iXavrj  xctl  rrj  «ttoJtjm/Vc  <fr\a)v  tnaviGTciG&cti,  v.a\  uvtoixoü'o[aeiv  ccvto) 
Tiväg  Tzeoi'nuTOv  %£Vovs  ovTag,  oI'ovtcci  ovv  snoi  tuvtcc  ntql  AoiGTOTtloig 
Xiyeiv  avTOV,  AoiGTo'^h'ov  diu  ncivibg  ivrfTjf.iovvTog  AoiGTOT£lr]v.  Zu 
diesen  tviOL  gehört  auch  Aelian,  welcher  IV,  9  ohne  Zweifel  in  Erinnerung 
an  die  Ausdrücke  des  Aristoxenus  von  Aristoteles  sagt:  ixVTCpxodöurjßEV 
uvtm  (Plato)  oiuToißrjV.  Ebenso  sagt  die  vita  Marc.  S.  3:  ovxaoa  uvxqyxodö- 
[iTjOSV  AoiOToTf'Xrg  oyolrjv  .  .  .  cog  AgiOTo&rog  nowTog  lavxo<{üvTr)G£  xa\ 
\4oL(Jit(dr]g  vaieoov  ^xoXovO-r^aev,  Das  letztere  bezieht  sich  auf  Aeistid. 
De  quatuorv.  II,  324  f.  Dind.,  der  übrigens  Aristoteles  so  wenig  nennt,  als 
diess  Aristoxenus  gethan  hat,  dessen  Angaben  er  wiederholt  und  weiter 
ausführt.  Statt  seines  Namens  setzt  dann  der  Ammon.  lat.  11  den  des 
Aristokles.  Dagegen  begnügt  sich  der  griechische  Ps.  Ammon.  S.  44  f.  mit 
der  Bemerkung:  ov  yao  eri  £wvTog  tov  üXurcovog  ch'iajxodöurjösv  cvtiö 
to  Avxuov  6  A-,  ojg  nvtg  v7iokctußtivovßi. 

3)  Man  vgl.  zum  folgenden  Staue  I,  46  ff.,  welchen  Hermann  Plat. 
Phil.  S.   81.  125  keineswegs  widerlegt  hat. 

4)  Als  Plato  von  seiner  letzten  Reise  zurückkam,  war  Aristoteles  noch 
nicht  24  Jahre  alt  (s.  o.  S.  2,  2  vgl.  mit  Abth.  1.  S.  369,  4);  ist  es  aber, 
auch  abgesehen  von  allem  anderen,  wahrscheinlich,  dass  er  schon  so  frühe 
als  Haupt  einer  eigenen  Schule  gegen  den  damals  auf  dem  Gipfel  seines 
Ruhms  stehenden  Plato  hätte  auftreten  können? 


12  Aristoteles.  [9] 

gehörte  und  ihm  mit  der  höchsten  Verehrung  zugethan   war1). 

])  Diess  erhellt  ausser  anderem,  was  sogleich  zu  besprechen  sein  wird, 
ans  drei  Umständen.  Fürs  erste  hat  Arist.  mehrere  platonische  Vorträge 
herausgegeben  (s.  u.  und  Abth.  I,  362,  2);  dass  aber  diese  in  die  Zeit  zwischen 
Plato's  zweiter  und  dritter  sicilischer  Reise  fallen,  ist  aus  mehreren  Gründen 
unwahrscheinlich,  von  welchen  für  mich  schon  ihre  nachweisbare  bedeutende 
Abweichung  von  der  in  Plato's  Schriften  niedergelegten  Lehrform  (vgl.  erste 
Abth.  805  f.)  entscheidend  ist.  Wenn  aber  dieses,  so  kann  sich  Arist.  nicht 
schon  während  der  letzten  sicilischen  Reise  von  der  platonischen  Schule  ge- 
trennt haben.  Sodann  werden  wir  später  finden,  dass  der  Eudemus  des  Arist. 
dem  platonischen  Phädo  nachgebildet  war,  und  dass  Arist.,  als  er  ihn  schrieb, 
wahrscheinlich  der  platonischen  Schule  noch  angehört  hat;  dieses  Gespräch 
i<t  aber  jedenfalls  lange  nach  Plato's  letzter  Reise  geschrieben,  da  es  dem  An- 
denken eines  verstorbenen  Freundes  gewidmet  ist,  welcher  352  v.  Chr.  umkam. 
Endlich  sind  uns  bei  Olympiodob  in  Gorg.  166  (Jaiin's  Jahrbb.  Supple- 
ment! >.  XIV,  395)  einige  Verse  aus  Aristoteles'  Elegie  auf  Eudemus  (auch 
bei  Berge:,  Lyr.  gr.  S.  504)  erhalten,  worin  dessen  Verbindung  mit  Plato 
so  beschrieben  wird: 

tl&wv  (T   eis  xleivov  KsxQonit]S  dünadov 

tbotßtwg  oeftvfjg  yü.ir\g  tdovGcao  ßwfiov 

ccvdoog,  ov  ot'd'   cürtlv  toToi  xaxoToi  &ä/itg'  (Plato) 

og  fxövos  $  ngwTOS  &vrjTü)i'  xaTtöui-tv  Irnoyws 
otxtu»  J6  ßt(p  xai  /us&öifoioi  löyair, 

ws  ayaSös  Tf  xcu  ivSaCfXWV  cctua  ylvetai  ävrjQ. 
ov  vvv  d"  tan  Xußttv  ovötvl  ravra  ttotL 
Brin.u's  Zweifel  an  der  Aechtheit  dieser  Verse  (Arist.  Opp.  I,  53)  werden 
sich  durch  unsere  Ansicht  über  ihren  Sinn  und  ihre  Bestimmung  lösen  lassen; 
nimmt  man  freilich  an,  dass  Arist.  hier,  in  einem  Gedicht  an  Eudemus  den 
Khodier,  von  sich  selbst  rede,  so  haben  sie  viel  auffallendes.  In  dem  letzten, 
offenbar  verdorbenen,  Vers  schlägt  Bernavs  (Rh.  Mus.  N.  F.  XXXIII,  232  ff.) 
vor,  statt  ov  rvv  zu  setzen:  ,uoi;v«£(„dass  dagegen  niemand  dieses  beides  getrennt 
erlangen  könne").  In  der  Erklärung  der  Stelle  weicht  er  von  mir  ab,  indem 
er  den  ßo)^os  von  einem  wirklichen  Altar  versteht,  den  Eudemus  dem 
Sokrates  als  demjenigen  errichtet  habe,  os  /uövos  u.  s.  w.  Von  Plato,  glaubt 
B.,  hätte  sich  diess  nicht  sagen  lassen,  und  ihm  hätte  von  seinem  Schüler, 
den  er  überlebte,  kein  Altar  errichtet  werden  können.  Was  indessen  den 
letzteren  Grund  betrifft,  so  hat  mich  auch  Bernays  nicht  überzeugt,  dass  der 
Freundschaftsaltar  nicht  figürlich  gemeint  sein  kann,  so  dass  das  (fik(t]S 
iihjvauro  ßü)[xov  nur  bedeutet:  er  schloss  eine  innige  Freundschaft,  und 
zwar  tvatßds,  mit  der  Pietät  des  Schülers  gegen  den  Lehrer,  die  ja  Arist. 
auch  Eth.  IX,  ].  1 1 64,  b,  3  ff.  mit  der  gegen  Götter  und  Eltern  vergleicht. 
Wenn  ferner  Sokrates  auch  überzeugt  war,  dass  nur  der  Gute  glückselig  sei, 
so  zeigt  doch  seine  Begründung  dieser  Ueberzeugung  so  viele  Blossen  (vgl. 
].  Abth.   124  ff.),    dass    man    es    sich   recht   wohl    erklären   kann,  wenn   ein 


[9.  10  Erster  Aufenthalt  in  Athen.  13 

Sie  bezieht  sich  aber  wahrscheinlich  überhaupt  nicht  auf  unsern 
Philosophen *).  Aelian's  Erzählung  über  |  Plato's  Verdrängung- 
aus der  Akademie  steht  erstens  mit  anderen,  älteren  Nachrichten 2) 
im  Widerspruch,  nach  denen  Plato  seinen  Unterricht  in  jenem 
Zeitpunkt  aus  den  öffentlichen  Räumen  des  akademischen  Gym- 
nasiums schon  längst  in  seinen  Garten  verlegt  hatte;  und  sie 
schreibt,  zweitens,  Aristoteles  ein  Benehmen  zu,  wie  wir  es  einem 
Manne,  der  sonst  durchaus  edle  Gesinnungen  ausspricht,  nur  auf 
die  zwingendsten  Beweise  hin  zutrauen  dürften ;  hier  aber  haben 
wir  statt  dessen  blos  das  Zeugniss  eines  Anekdotenkrämers,  der 
auch  handgreifliche  Unwahrheiten  kritiklos  weiter  zu  geben  ge- 
wohnt ist.  Wird  endlich  behauptet,  dass  Aristoteles  durch  sein 
ganzes  Verhalten  Plato's  Missfallen  erregt  habe  und  von  ihm 
ferne  gehalten  worden  sei 3),  so  können  wir  Dem  zunächst  schon 


Bewunderer  Plato's  dieselbe  erst  von  diesem  tiagywg  erwiesen  fand.  Und 
andererseits  scheint  mir  der  ßwtuog  (filictg  entschieden  auf  eine  persön- 
liche Verbindung  des  Setzenden  mit  dem,  dem  er  gewidmet  ist,  zu  weisen; 
Eudemus  kann  aber  den  Sokrates  nicht  mehr  persönlich  gekannt  haben, 
Auch  in  der  olympischen  Inschrift  unter  der  Bildsäule,  die  Eumolpus  seinem 
Lehrer  und  Grossoheim  Gorgias  setzte  (Archäol.  Ztschr.  1S77,  43),  be- 
zeichnet (fiXia  sein  persönliches  Verhältniss  zu  ihm. 

1)  Akistokees  a.  a.  O.  sagt  ausdrücklich,  Aristoxenus  habe  von  seinem 
Lehrer  nicht  anders  als  in  anerkennender  Weise  geredet,  und  diesem  be- 
stimmten, auf  Kcnntniss  seiner  Schrift  gegründeten  Zeugniss  gegenüber  könnte 
die  Angabe,  dass  er  Aristoteles  nach  seinem  Tod  angegriffen  habe  (Suid. 
AqiOto£.),  selbst  dann  nicht  in  Betracht  kommen,  wenn  sie  besser  verbürgt 
wäre;  auch  in  diesem  Fall  müssten  wir  vielmehr  annehmen,  im  Leben  Plato's 
wenigstens,  aus  dem  die  von  Aristokles  angeführte  Nachricht  stammt,  sei 
diess  nicht  geschehen.  Scheint  aber  der  ntgiiruTog  auf  Aristoteles  zu  deuten, 
so  zeigt  doch  schon  die  S.  8,  3  mitgetheilte  Aeusserung  Epikur's,  dass  dieser 
Ausdruck  auch  von  anderen  Schulen  gebraucht  werden  konnte;  in  dem 
Index  Herculanensis  (über  den  Abth.  1,836)  heisst  es  6,  5 :  Speusippus  sei 
gestorben  hrj  y.uTuayMV  oxtoi  rov  ttsqittcitov,  und  7,  9:  Heraklides  sei  in 
seine  Heimath  gegangen,  wo  er  eieoov  irtoinarov  xul  diKTQtßrjv  xaiearrjOaio. 
Ich  möchte  vermuthen,  dass  sich  die  Angabe  des  Aristoxenus  auf  die  Abth.  1. 
S.  369,  3  berührte  Thätigkeit  des  Heraklides  bezieht,  welche  er  dann  frei- 
lich, nach   seiner  Weise,  missdeutet  hätte. 

2)  B.  Dio«;.  III,  5.  41   vgl.  Abth.   1,  361,   1. 

3)  Für  diese  Angabe  beruft  sich  Buhle  S.  87  auch  darauf,  dass  Plato 
in  seinen  Schriften  des  Aristoteles  nicht  erwähne,  und  selbst  Stahk  S.  58 
schenkt  diesem  Umstand  einige  Beachtung.  Aber  wie  konnte  er  denn  in 
sokratischen  Gesprächen  den  Aristoteles    nennen?    Davon    gar   nicht    zu 


14  Aristoteles.  [10.  11] 

mehrere  Aussagen  entgegenstellen,  welche  ein  ganz  anderes  Ver- 
hältniss  Leider  voraussetzen1).  Wollen  wir  aber  auch  auf  diese 
Mittheilungen,  deren  Beglaubigung  gleichfalls  ungenügend  ist, 
kein  weiteres  Gewicht  legen,  kann  anderes  ohnedem,  dessen  Un- 
richtigkeit  am  Tage  liegt2),  hier  nicht  in  Betracht  kommen,  so 
stehen  uns  doch  immer  noch  entscheidende  Gründe  zu  Gebot, 
durch  welche  nicht  allein  Aelian's  Erzählung,  und  was  sonst 
noch  ähnliches  überliefert  ist,  sondern  die  ganze  Voraussetzung 
widerlegt  wird,  als  ob  es  noch  vor  Plato's  Tode  zwischen  ihm 
und  seinem  Schüler  zum  Bruche  gekommen  sei.  Für's  erste 
nämlich  sagen    Zeugen,   mit   welchen    sich   Aelian    und    Seines- 


reden,  dass    wahrscheinlich   alle    platonischen  Werke,    ausser    den  Gesetzen, 
vor  Aristoteles'  Ankunft  in  Athen  v'erfasst  sind. 

1)  Philopoxcs  aetern.  mundi  VI,  27:  (^Aqiot.)  vnb  IIXitTtovog  tooovtov 
Ttjg  ay/ivoiag  i)yüa!ti],  wg  rovg  rfjg  öiaTQißrjg  vn  avrov  7TQogayoQevea&ai. 
Ahmon.  V.  Arist.  S.  44:  Plato  habe  die  Wohnung  des  Aristoteles  olxog 
avayvwOTOV  genannt.  Weiter  vgl.  man  Abth.  1,  842,  1.  Eben  dahin  gehörte 
der  Abth.  1,  363,  2  erwähnte  Vorfall,  und  die  Nachricht  (bei  Ammok.  a.  a.  O. 
S.  46.  Philopox.  in  qu.  voc.  Porph.  Schol.  in  Arist.  11,  b,  29),  dass 
Aristoteles  seinem  Lehrer  nach  dessen  Tod  einen  Altar  mit  einer  bewundern- 
den Inschrift  gewidmet  habe ;  indessen  ist  jener  Vorfall  schwerlich  geschicht- 
lich und  der  Altar  ist  ohne  Zweifel  ebenso,  wie  seine  angebliche  Inschrift,  erst 
aus  der  Elegie  an  Eudemus  (s.o.  12,1)  entstanden,  deren  bildlich  gemeinter 
Freundschaftsaltar  eigentlich  genommen  und  Aristoteles  beigelegt  wurde. 

2)  Wie  die  Meinung,  deren  Piiilop.  in  qu.  voc.  Schol.  in  Ar.  11,  b,  23 
(wo  aber  Z.  25  statt  *j4oiaTOTÜ.i]v  -).ovg  stehen  sollte)  und  David  ebd.  20, 
b,  16  erwähnt,  dass  Aristoteles  sich  gescheut  habe,  einen  Lehrstuhl  zu  be- 
steigen, so  lange  Plato  lebte,  und  dass  daher  der  Name  der  peripatetischen 
Philosophie  stamme,  und  die  Behauptung  (Ammon.  in  qu.  voc.  Porph.  25,  b,  u. 
Pß.AMMOH.  V.  Ar.  S.  47.  v.  Marc.  5.  Amin.  lat.  14.  Piiilop.  Schol.  in  Ar.  35, 
b,  2.  David  Schol.  24,  a,  6),  dass  der  Name  der  Peripatetiker  ursprünglich 
der  platonischen  Schule  eigen  gewesen  sei;  als  Aristoteles  und  Xenokrates 
gemeinschaftlich  nach  Plato's  (Ps.ammon.  v.  Marc.  Amm.  lat.  und  David 
genauer:  nach  Speusipp's)  Tode  die  Schule  übernahmen,  seien  die  Schüler 
des  einen  Peripatetiker  aus  dem  Lyceum,  die  des  andern  Peripatetiker  aus 
der  Akademie,  in  der  Folge  aber  nur  jene  Peripatetiker,  diese  Akademiker 
genannt  worden.  Die  letzte  Quelle  dieser  Annahme  ist  ohne  Zweifel  An- 
tiochus,  in  dessen  Namen  Varro  bei  Cic.  Acad.  I,  4,  17  (vgl.  prooem. :  tibi 
dedi  partes  Antiochinas)  ganz  ähnliches  erzählt;  um  so  klarer  ist  es  aber, 
dass  die  ganze  Angabc  nur  ein  Erzeugniss  jenes  von  Antiochus  zuerst  auf- 
gebrachter Eklekticismus  ist,  der  jeden  wesentlichen  Unterschied  zwischen 
Plato  und   Aristoteles  läugnete. 


[11.  12]  Erster  Aufenthalt  in  Athen.  15 

gleichen  Aveder  an  Alter  noch  an  Zuverlässigkeit  irgend  messen 
können,  er  sei  zwanzig  Jahre  bei  Plato  geblieben1),  was  offen- 
bar nicht  der  Fall  gewesen  wäre,  wenn  er  zwar  so  lange  in 
Athen  blieb,  aber  von  Plato  sich  schon  früher  getrennt  hatte; 
und  DlONTS  fügt  ausdrücklich  bei,  er  habe  in  dieser  ganzen 
Zeit  keine  eigene  Schule  gegründet  ~).  Sodann  rechnet  Aristo- 
teles noch  in  weit  späterer  Zeit,  und  auch  da,  wo  er  die  Grund- 
lehre der  platonischen  Schule  bestreitet,  sich  selbst  fortwährend 
zu  ihr 3),  und  über  ihren  Stifter  und  sein  persönliches  Verhält- 
niss  zu  demselben  äussert  er  sich  so,  dass  man  deutlich  sieht, 
wie  wenig  in  ihm,  neben  der  schärfsten  Betonung  ihres  wissen- 
schaftlichen Gegensatzes,  das  Gefühl  der  Verehrimg  und  der 
Liebe  flu-  seinen  grossen  Lehrer  erloschen  war4).  Ebenso  wurde 
er  von  gleichzeitigen  Gegnern  als  Platoniker  behandelt,  wenn 
Cephisodor,  der  Isokrateer,  in  seiner  Streitschrift  gegen  ihn  die 
platonische  Lehre,  und  so  namentlich  die  Ideenlehre  angriff5), 
und  Theokrit  von  Chios  ihm  vorwarf,  dass  er  die  Akademie  mit 
Macedonien  vertauscht  habe  6j.  Weiter  steht  es  |  fest,  dass  er  bis 
zu  Plato's  Tod  in  Athen  blieb,  unmittelbar  nach  diesem  Ereig- 
niss  dagegen  diese  Stadt  für  lange  Jahre  verliess;  warum  an- 
ders, als  weil  jetzt   erst  der  Grund  aufhörte,    welcher  ihn   bis 

1)  S.  S.  6,  3.  8,  l. 

2)  Ep.  ad  Amm.  I,  7.  S.  733:  awfjv  HXccrtavi  xal  öietqixjjev  ewg  Itcov 
Itttu  xal  toiccxovtu,  ovte  oyo).r]g  r\yovuevog  ovt'  täiav  TTtTroirjxwg  ul'giOiv. 

3)  Arist.    redet    öfters    von    den    Piatonikern    communicativ :    xu&'    ovg 

TQOTIOVS    StlXVVIliV     OTt     k(7Tl     Ttt     stSt}-     XUTU    TT\V    V7l6).r]1plV    XCt&'     TjV    (AVUi 

(pa/iev  TÜg  iSias  u.  dgl.  Metaph.  I,  9.  990,  b,  8.  11.  16.  23.  992,  a,  11.  25. 
c.  8.  989,  b,  18.  III,  2.  997,  b,  3.  c.  6.  1002,  b,  14  vgl.  Alex,  und  Asklep. 
zu  990,  b,  8.     Alex,  zu  990,  b,   16.  991,  b,  3.  992,  a,   10. 

4)  In  der  berühmten  Stelle,  welche  bereits  auf  Vorwürfe  Rücksicht  zu 
nehmen  scheint,  die  ihm  seine  wissenschaftliche  Polemik  gegen  Plato  zuge- 
zogen hatte,  Eth.  Is.  I,  4,  Anf. :  t<j  dk  xu&ölov  ßft.Tiov  Xaojg  hitaxixpuGd^ui 
xal  ducTioorjoat.  nöjg  Xiysrac,  xuinta  noogüvTovg  rfjg  ToiavTrjg  Zi]Trjo£(og 
yivou^vrjg  diu  rö  yü.ovg  avöoccg  elguyuyeh'  tu  tYSr\.  Sortis  &'  uv  Xßwg 
ßO.riov  elvai  xal  (hiv  ini  ocottjqi'u  ye  rijg  u).t]&siug  xal  tu  olxeia  uvcaaeTv. 
ttlXtag  ts  xal  (fü.oGÖcfovg  ovrag'  uuyoh'  yuQ  ovtoiv  tpikoiv  ooiov  7Tqotiuuv 
ttjv  akrj&etav.  Hiezu  vgl.  m.  Abth.  I,  801,  3  und  über  das,  was  A.  einem 
Lehrer  gegenüber  für  Recht  hielt,  Bd.  I,  971. 

5)  Kimen,  b.  Eus.  pr.  ev.  XIV,  6,  8. 

6)  In  dem  S.  21,  2  zu  berührenden  Epigramm,  wo  es  heisst: 
s'ü.sto  rulHY  ävr'  lixadyuetag  BooßoQov  (ein  Fluss  bei  Pella)  £v  nno/ouTg. 


lii  Aristoteles.  [12.  13] 

dahin  in  Athen  festgehalten  hatte,  weil  seine  Verbindung  mit 
Plaio  jetzt  erst  getrennt  wurde.  Endlich  wird  uns  berichtet1), 
zugleich  mit  ihm  sei  Xenokrates  nach  Atarneus  gegangen;  und 
dass  er  auch  später  mit  diesem  Akademiker  in  freundschaftlichem 
Verhältniss  stand,  wird  durch  die  Art,  wie  er  dessen  Ansichten 
zu  besprechen  pflegt,  walirscheinlich  2).  Von  Xenokrates  aber 
lässt  sicli  bei  seiner  Charakterfestigkeit  und  seiner  unbedingten 
Verehrung  für  Plato  nicht  annehmen,  dass  er  seine  Verbindung  mit 
Aristoteles  fortgesetzt  und  sich  zum  Besuch  in  Atarneus  an  ihn  an- 
geschlossen hätte,  wenn  sich  derselbe  von  Plato  in  einer  für 
diesen  verletzenden  Weise  losgesagt,  oder  gar  den  greisen  Lehrer 
durch  ein  Benehmen,  wie  es  ihm  Aelian  zuschreibt,  kurz  vor 
seinem  Tod  auf's  roheste  gekränkt  hätte.  Das  allerdings  ist 
ganz  glaublich,  dass  ein  so  selbständiger  Geist,  wie  Aristoteles, 
auch  einem  Plato  gegenüber  sich  des  eigenen  Urtheils  nicht  be- 
gab, dass  er  mit  der  Zeit  an  der  unbedingten  Wahrheit  des 
platonischen  Systems  zu  zweifeln  und  den  Grund  seines  eigenen 
zu  legen  begann,  dass  er  vielleicht  manche  Schwäche  des  erste- 
ren  schon  damals  mit  derselben  Unerbittlichkeit  aufdeckte,  wie 
später 3),  und  wenn  sich  daraus  eine  gewisse  Spannung  zwischen 
beiden  erzeugt  haben  sollte,  wenn  sich  Plato  in  den  Schüler, 
der  sein  Werk  zugleich  fortzusetzen  und  zu  widerlegen  |  be- 
stimmt war,  nicht  besser  zu  finden  gewusst  hätte,  als  mancher 
andere  Philosoph  nach  ihm,  so  wäre  diess  nicht  zu  verwundern. 
Dass  aber  diese  Spannung  wirklich  eintrat,  lässt  sich  weder  be- 

1  Stbabo  XIII,  1,  57.  S.  61U,  dessen  Zeugniss  wir  zu  misstrauen  keinen 
(■rund   haben. 

1  l.s  ist  auch  schon  anderen  aufgefallen,  dass  Arist.  den  Xenokrates 
fast  nie  nennt,  und  seinen  Namen  auch  da,  wie  geflissentlich,  umgeht,  wo  er 
es  augenscheinlich  mit  seiner  Ansicht  zu  thun  hat  (wie  in  den  Abth.  1, 
titit;,  2.  S67,  1.  868,  4.  871,  2.  876,  4  angeführten  Fällen),  während  Speusipp 
in  dem  gleichen  Fall  einigemale  genannt  wird.  Ich  möchte  darin  aber  nicht, 
wie  man  wohl  gewollt  hat,  ein  Zeichen  von  Missachtung  sehen,  sondern  sein 
Verfahren  vielmehr  daraus  erklären,  dass  er  seinem  neben  ihm  in  Athen 
lehrenden  Mitschüler  gegenüber  die  Form  der  persönlichen  Bestreitung  ver- 
meiden wollte. 

.'{)  So  hatte  er,  wie  wir  finden  werden,  schon  in  den  Büchern  über  die 
Philosophie  (Arist.  Fragm.  10.  11.  S.  1475),  die  noch  vor  Plato's  Tod  ver- 
zu  sein  scheinen,  die  Ideenlehre  offen  bestritten,  unil  in  der  gleichen 
Schrift  (Fr.   17.  18)  die  Ewigkeit  der  Welt  behauptet. 


).'i  Er  s  ter  Aufenthalt  in  Athen.  17 

weisen,  noch  auch  nur  zu  einem  höheren  Grade  der  Wahrschein- 
lichkeit erheben  l),  und  dass  Aristoteles  durch  seine  Undankbar- 
keit und  durch  absichtliche  Kränkung  seines  Lehrers  einen  offe- 
nen Bruch  mit  demselben  herbeigefülu't  habe,  ist  eine  Behaup- 
tung, welche  durch  die  sichersten  Thatsachen  widerlegt  wird. 
Und  dieselben  Thatsachen  machen  es  auch  unwahrscheinlich, 
dass  Aristoteles  schon  während  seines  ersten  athenischen  Aufent- 
halts eine  eigene  philosophische  Schule  eröffnete ;  denn  in  diesem 
Fall  hätte  theils  seine  eben  nachgewiesene  Verbindung  mit  Plato 
und  dem  platonischen  Kreise  kaum  fortdauern  können,  theils 
wäre  es  unerklärlich,  dass  er  Athen  gerade  in  dem  Augen  blick 
verlassen  hätte,  als  der  Tod  seines  grossen  Nebenbuhlers  ihm 
hier  freie  Bahn  machte 2). 

War  mm  Aristoteles  wirklich  von  seinem  achtzehnten  bis 
in  sein  siebenunddreissigstes  Lebensjahr  mit  Plato  als  sein  Schü- 
ler verbunden,  so  folgt  von  selbst,  dass  wir  den  Einfluss  dieses 
Verhältnisses  auf  seine  Bildung  kaum  zu  hoch  anschlagen  kön- 
nen; und  wenn  uns  seine  Bedeutung  für  das  philosophische 
System  des  Aristoteles  aus  jedem  Zuge  desselben  entgegentritt, 
so  rühmt  der  dankbare  Schüler  selbst 3)  vor  allem  die  sittliche 
Grösse  und  die  erhabenen  Grundsätze  des  Mannes,  „den  ein 
Schlechter  auch  nicht  einmal  zu  loben  das  Recht  habe."  Diese 
Verehrung  seines  Lehrers  schliesst  aber  natürlich  nicht  aus,  dass 
Aristoteles  seine  Aufmerksamkeit  zugleich  allem  anderen  zu- 
wandte, was  ihn  fördern  und  seiner  unersättlichen  Wissbegierde 
Befriedigimg  gewähren  konnte-,  |  wir  dürfen  vielmehr  mit  Sicher- 
heit  annehmen,    er    habe    gerade    seine   lange   athenische   Vor- 

J )  Denn  wir  sind  durchaus  nicht  berechtigt,  an  Plato  und  seinen  Freun- 
deskreis den  späteren  Masstab  philosophischer  Schulorthodoxie  so  streng  an- 
zulegen, dass  wir  annähmen,  der  grosse  Philosoph  hätte  die  Selbständigkeit 
eines  Schülers,  wie  Aristoteles,  nicht  ertragen  können.  Hat  doch,  um  des 
Heraklides  und  Eudoxus  nicht  zu  erwähnen,  selbst  Speusippus  die  Ideenlehre 
fallen  lassen. 

2)  Die  Bemerkung  des  angeblichen  Ammosius  dagegen,  dass  Chabrias 
und  Timotheus  Aristoteles  verhindert  haben  würden,  Plato  eine  neue  Schule 
entgegenzustellen,  ist  ungereimt.  Wer  konnte  ihm  denn  diess  verbieten? 
Aber  Chabrias  ist  schon  358  v.  Chr.  umgekommen  und  Timotheus  ein  Jahr 
darauf,  hochbetagt,  für  immer  aus  Athen  verbannt  worden. 

3)  In  den  S.  12  angeführten  Versen. 

Zell  er,  Philos.  d.  Gr.  II.  Bd.  3.  Aufl.  2 


18  Aristoteles.  [14] 

bereitungszeit  zur  Erwerbung  seiner  staunenswerthen  Gelehrsam- 
keit auf's  eifrigste  benützt,  und  auch  mit  den  naturwissenschaft- 
lichen Untersuchungen,  welche  Plato  doch  immer  nur  als  Neben- 
sache behandelt  hatte,  sich  eingehend  beschäftigt1).  Ebenso  ist 
es  ganz  glaublich,  dass  er  noch  als  Mitglied  des  platonischen 
Schülerkreises  selbst  Lehrvorträge  hielt2),  ohne  damit  aus  seinem 
Verhältniss  zu  Plato  herauszutreten  oder  sich  ihm  als  das  Haupt 
eines  selbständigen  Philosophenvereins  gegenüberzustellen.  So 
hören  wir  namentlich  von  dem  Unterricht,  welchen  er  in  der 
Rhetorik  ertheilt  habe,  um  damit  der  Schule  des  Isokrates  ent- 
gegenzutreten 3),  dessen  gutes  Verhältniss  zu  Plato  damals  schon  | 

1)  Unter  den  Vorgängern,  deren  Werke  er  schon  damals  benützte,  mag 
namentlich  auch  Demokrit  gewesen  sein,  dessen  Namen  Plato  so  auffallend 
umgeht;  in  seinen  Schriften  wenigstens  geschieht  keines  anderen  von  den 
Physikern  so  häufig  Erwähnung.  —  Im  übrigen  sind  wir  hier  ganz  auf  Ver- 
muthungen  beschränkt,  da  es  uns  an  jeder  Ueberlieferung  über  A.'s  Studien- 
gang  fehlt. 

2)  Stkabo  XIII,  1,  57.  S.  610  sagt  von  Hermias,  er  habe  in  Athen 
sowohl  Plato  als  Aristoteles  gehört. 

3)  Cic.  de  Orat.  III,  35,  141:  Aristoteles,  cum  ßorere  Isocratem  nobilitate 
discipulorum  vidcret,  .  .  .  mutavit  repente  totam  formam  prope  disciplinae  sitae  (was 
freilich  lautet,  als  ob  A.  damals  schon  eine  philosophische  Schule  gehabt 
hätte;  Cicero  ist  eben  hier  nicht  genau  unterrichtet),  versumque  quendam  PJd- 
loctetae  paullo  secus  dixit.  ille  enim  turpe  sibi  ait  esse  facere,  cum  barbaros :  liic 
autem,  cum  Isocratem  pateretur  dicere.  ita  ornavit  et  illustravit  doctrinam  Main 
omnem,  rerumque  Cognitionen)  cum  orationis  exercitatione  conjunxit.  neque  vero  hoc 
fugit  sapientissimum  regem  Philippum,  qui  hunc  Alexandro  filio  doctorem  accierit. 
Auch  Orat.  19,  62  (Aristoteles  Isocratem  ipsum  lacessivit),  weniger  bestimmt 
ebd.  51,  172  fquis  .  .  .  acrior  Aristo/ ele  fuit?  quis  porro  Isocrati  est  adversatus 
impensius?)  Tusc.  I,  4,  7  setzt  Cicero  voraus,  dass  Arist.  noch  bei  Isokrates' 
Lebzeiten  gegen  diesen  aufgetreten  sei,  was  nur  während  seines  ersten  atheni- 
schen Aufenthalts  möglich  war,  denn  als  er  335/4  v.  Chr.  dorthin  zurück- 
kehrte, war  Isokrates  schon  mehrere  Jahre  todt.     Quintil.  III,  1,14:  eoque 

Isoer ate)  j am  seniore  . .  .  pomeridianis  scholis  Aristoteles  praeeipere  artem  oratoriam 
coepit,  nolo  quidem  Mo  (ut  traditur)  versu  ex  Philocteta  frequenter  usus:  ala/QOv 
otwjiuv  'laoxQarijv  [cVj  iqv  Xiveiv.  (Minder  wahrscheinlich  liest  DiOO.  3 
statt  'iooxpdrrjV  BcvoxgaTijv  und  verlegt  demgemäss  den  Vorfall  in  die  Zeit 
der  Begründung  des  Lyceums.)  Sehr  bestimmt  redet  Ciceho  auch  Offic.  I, 
1,  4  (de  Arist ot ele  et  Isocrate  .  .  .  quorum  uterque  suo  studio  delectatus  contemsit 
alterum)  von  Reibungen  zwischen  Arist.  und  dem  noch  lebenden  Isokrates, 
und  dieser  selbst  macht  ep.  V.  ad  Alex.  3  f.  einen  versteckten  Ausfall  auf 
den  Philosophen,   welcher  diese  Angabe  bestätigt  (denn  Panath.  17  f.  könnte 


[15.  l(i~  Erster  Aufenthalt  in  Athen.  10 

längst  einer  Spannung  gewichen  war,  bei  der  es  der  berühmte 
Redekünstler  an  Ausfällen  gegen  die  Philosophen  nicht  fehlen 
Hess  *).  In  die  gleiche  Zeit  haben  wir  endlich ,  nach  sicheren 
Spuren,  auch  den  Anfang  seiner  schriftstellerischen  Thätigkeit  zu 
setzen ;  und  wie  entschieden  er  sich  dem  Einfluss  des  platonischen 
Geistes  hingegeben  und  in  die  platonische  Weise  eingelebt  hatte, 
erhellt  aus  dem  Umstand,  dass  er  in  Schriften  aus  dieser  Periode 
seinen  Lehrer  in  der  Form  und  im  Inhalt  nachahmte 2).  In  der 
Folge  hat  er  allerdings,  und  ohne  Zweifel  noch  ehe  er  Athen 
verliess,  auch  als  Schriftsteller  eine  grössere  Selbständigkeit  ge- 
wonnen, und  er  war  überhaupt  dem  Verhältniss  eines  platoni- 
schen Schülers  der  Sache  nach  wohl  schon  längst  entwachsen, 
als  dieses  Verhältniss  durch  den  Tod  seines  Lehrers  auch  äusser- 
lich  gelöst  wurde.  | 

Mit  diesem  Ereigniss  beginnt  ein  neuer  Abschnitt  im  Leben 
des  Philosophen.  So  lange  der  greise  Plato  den  Mittelpunkt  der 
Akademie   bildete,   hatte   er   sich   von   derselben  nicht  entfernen 


man  doch  nur  dann  auf  ihn  beziehen,  wenn  er  vor  seiner  Uebersiedelung 
nach  Macedonien  wieder  nach  Athen  zurückgekehrt  wäre  und  seinen  rheto- 
rischen Unterricht  wieder  aufgenommen  hätte);  vgl.  Spesgel  über  die  Rhetorik 
d.  Arist.  Abhandl.  d.  Bayer.  Akad.  VI,  470  ff.  Gegen  Aristoteles  schrieb 
ein  Schüler  des  Isokrates,  Cephisodorus  (oder  -dotus),  eine  Verteidigung 
seines  Lehrers,  welche  Dioxvs.  De  Isoer.  c.  18,  S.  577  zwar  bewundert,  von 
der  wir  aber  aus  Athen.  II,  60,  d  vgl.  III,  122,  b.  Akistokl.  b.  Eus.  pr. 
ev.  XV,  2,  4.  Nomen,  ebd.  XIV,  6,  8  f.  Themist.  or.  XXIII,  285,  c  wissen, 
dass  sie  mit  den  leidenschaftlichsten  Schmähungen  gegen  Arist.  angefüllt  war. 
Im  übrigen  lässt  sich  Aristoteles  durch  diese  Reibungen  von  einer  gerechten 
Würdigung  der  Gegner  nicht  abhalten.  Seine  Rhetorik  wählt  ihre  Beispiele 
aus  keinem  andern  Redner  mit  solcher  Vorliebe,  wie  aus  Isokrates,  auch 
Cephisodor's  erwähnt  er  zweimal  (Rhet.  III,  10.  1411,  a,  5.23).  Ob  er  selbst 
vielleicht  früher  den  Unterricht  des  Isokrates  benutzt  hatte,  wissen  wir  nicht, 
aber  bei  der  Berühmtheit  dieses  Lehrers  ist  es  nicht  unwahrscheinlich 5  vgl. 
S.  7,  1.  Ausführlicher  handelt  von  der  Gegnerschaft  des  Aristoteles  und 
Isokrates  Stahr  I,  68  ff.  II,  285  ff 

1)  S.  Abth.  1,  416,  2.  459,  1  und  Spengel,  Isokrates  u.  Piaton,  Abh. 
d.    Münchn.  Akad.  VII,  731   ff. 

2)  Die  näheren  Nachweisungen  hierüber  werden  später  gegeben  werden. 
Von  den  uns  bekannten  aristotelischen  Schriften  scheint  namentlich  der 
grössere  Thcil  der  Gespräche  und  einiges  Rhetorische,  vielleicht  die  Zvvaywyr\ 
Ttyrwv,  in  die  erste  athenische  Periode  zu  gehören. 

2* 


20  Aristoteles.  [16] 

wollen^  nachdem  Speusippus  an  dessen  Stelle  getreten  war1), 
fesselte  ihn  nichts  mehr  an  Athen ;  denn  die  Errichtung  einer 
eigenen  philosophischen  Schule,  für  welche  diese  Stadt  ohne 
Zweit» -1  dt-r  geeignetste  (.)rt  war,  scheint  er  zunächst  noch  nicht 
beabsichtigt  zu  haben.  So  folgte  er  denn  zugleich  mit  Xeno- 
krates  einer  Einladung  des  Hermias,  des  Herrn  von  Atarneus 
und  Assos2),  welcher  selbst  früher  eine  Zeitlang  dem  platoni- 
schen Verein  angehört  hatte  3).  Bei  diesem  ihnen  nahe  befreun- 
deten 4)  Fürsten  blieben  die  beiden  drei  Jahre  lang 5) ;  hierauf 
begab  sich  Aristoteles  nach  Mytilene6),  nach  Steabo  um  seiner 
Sicherheit  willen,  als  Hermias  durch  treulosen  Verrath  in 
die  Gewalt  der  Perser  gerathen  war,  vielleicht  aber  auch 
schon  vor  diesem  Ereigniss7).  Nach  Hermias'  Tod  nahm  er 
Py thias ,    die   Schwester    oder   Nichte  seines  Freundes 8) ,   zur  | 


1)  Auch  diess  hat  man  auffallend  gefunden,  aber  mit  Unrecht.  Möglich 
allerdings,  dass  Plato  für  Speusippus  grössere  Neigung  hatte,  als  für  Aristo- 
teles, oder  dass  er  von  jenem  eine  treuere  Fortpflanzung  seiner  Leine  erwar- 
tete, als  von  diesem.  Aber  Speusippus  war  auch  der  weit  ältere,  Plato's 
Nette,  von  ihm  selbst  erzogen  und  ihm  seit  Jahrzehenden  mit  der  treuesten 
Anhänglichkeit  zugethan,  zudem  der  natürliche  Erbe  des  Gartens  bei  der 
Akademie.  TJebrigens  wissen  wir  auch  nicht,  ob  ihm  das  Scholarchat  von 
Plato  selbst  durch  Vermächtniss  übertragen  wurde. 

2)  Boeckh  Hermias  von  Atarneus,  Abh.  d.  Berl.  Akad.  1853.  Hist.-phil. 
Kl.  S.   133  ff 

3)  Stkabo  XIII,  1,57.  S.6I0.  Apollodob  b.  Diog.  9.  1)i<>n^>.  ep.  ad 
Amin.  I,  5,  welche  darin  übereinstimmen,  dass  A.  erst  nach  Plato's  Tod  zu 
Hermias  gieng.  Das  Gegentheil  könnte  man  aus  dem  S.  10,  1  angeführten 
Vorwurf  des  Eubulides  auch  dann  nicht  schliessen,  wenn  die  Sache  wahr 
wäre.     Als  den  Ort,  wo  Aristoteles  in  dieser  Zeit  lebte,  nennt  Strabo  Assos. 

4)  S.  S.  16,  1.  18,  2.  Gegner  des  Arist.  (b.  Diog.  3.  Anon.  Menag.   Suid. 
Iiitai.)    machen    natürlich    aus   dieser  Freundschaft    ein    päderastisches  Ver- 

hältniss,   welchem  schon  das  beiderseitige  Lebensalter  widerstreitet  (Boeckh 

a.  a.   0.   137). 

5)  Apollodob,  Steabo,   I)n>\i>.  a.  d.  a.  0. 

(i)  Ol.   108,  4  (345/4  v.  Chr.)  unter  dem  Arcbon   Kubulus:    Apollodok 

b.  Dn>(..  V,  9.     Dionys.  a.  a.  O. 

7)  "Wie  diess  Boeckb  a.  a.  0.  142  ff.  /.war  nicht  vollkommen  erwiesen, 
aber  doch  gegen  Stbabo  a.  a.  0.  wahrscheinlich  gemachl   hat. 

8)  Der  Anon.  Men.,  Sdid.  ^AqiOtot.  'Epfitctg),  Hesych.  nennen  sie  seine 
Tochter,   der  unzuverlässige   Abistipf   b.    DlOG.   3   gar   sein  Kebsweib.     Leide 

iben  widerlegen  sich  nun  schon  durch  den  Umstand,  dass  Hermias  Eunuch 
war  (denn  was  der  Anon.  Menag.  Si  in.  u.  Hesych,  sagen,  um  seine  vermeint- 


17  Aufenthalt  in  A  tarneu  s.  21 

Gattin  x).     Er   selbst  hat  seiner  treuen  Anhänglichkeit  an   beide 
mehr  als  Ein  Denkmal  gesetzt2).  | 


liehe  Vaterschaft  zu  erklären,  ist  an  sich  auffallend  und  mit  Demetr.  De 
elocut.  293  unvereinbar.  Aristokles  b.  Eus.  pr.  ev.  XV,  2,  S  f.  sagt  unter 
«'leichzcitiger  Anführung  eines  aristotelischen  Briefs  an  Antipater  und  einer 
Schrift  des  Atellikon  von  Teos  über  Hermias  und  seine  Verbindung  mit 
Aristoteles,  sie  sei  die  Schwester  und  zugleich  die  Adoptivtochter  des  Hermias 
gewesen.  Strabo  XIII,  610  bezeichnet  sie  als  seine  Bruderstochter,  Demetrius 
Magnes  b.  Diog.  V,  3  als  seine  Tochter  oder  Nichte.  Boeckii  a.  a.  O.  140 
gibt  der  Annahme,  dass  sie  seine  Nichte  und  Adoptivtochter  war,  den  Vor- 
zug, und  es  ist  allerdings  möglich,  dass  Aristokles  die  nähere  Bezeichnung 
der  Pythias  als  Schwester  des  Hermias  bei  Aristoteles  und  Apellikon  nicht 
vorgefunden,  oder  dass  er  selbst  oder  sein  Text  die  ädeXyidr]  mit  einer 
adt).(fr)  verwechselt  hatte.  Adoptivtochter  des  Tyrannen  nennt  sie  auch 
Haiii-okhation,  das  Etym.  M.,  Süid.  (^EQuictg),  der  aber  unmittelbar  zuvor 
das   Gegentheil  gesagt  hat,   Phot.  Lex. 

1)  So  Aristokl.  a.  a.  0.,  welcher  unter  Berufung  auf  den  Brief  an 
Antipater  sagt:  Tt&rttüTog  yctQ  'Eg/jetov  öiu  rr]V  7TQcg  ixsTvov  svvoictv 
f'yTj/jtv  «vTtjv,  aXXcog  fjtv  awffQora  xcu  uyad-rjv  ovaciv,  uzv%ovOa.v  uivxoi 
Jiü  rag  xaruXaßovaag  OvfJcpoQccg  ibv  udeXfpov  ccvrrjg.  Nach  Strabo  a.  a. 
O.  hätte  ihm  Hermias  selbst  noch  seine  Nichte  zur  Frau  gegeben,  was  aber, 
falls  der  Brief  acht  war,  nicht  richtig  sein  kann;  nach  Aristokl.  a.  a.  O. 
4  f.  8  wurde  ihm,  wie  es  scheint  schon  bei  seinen  Lebzeiten,  der  Vorwurf 
gemacht,  dass  er,  um  sie  zu  erhalten,  ihrem  Bruder  unwürdig  geschmeichelt 
habe,  und  der  Pythagoriker  Lyko  wollte  gar  wissen,  er  habe  der  Pythias 
nach  ihrem  Tod  als  Demeter  geopfert.  TTiivra  d(,  tagt  Aristokles  hier- 
über, vntQTiaXaiti  inaoi'u  tu  vtio  ytvxmvog  tforj/iifvce,  doch  ist  es  der  Flüch- 
tigkeit des  Diogenes  (V,  4)  gelungen,  seinen  Vorgänger  noch  zu  überbieten, 
indem  er  den  Philosophen  seiner  Frau  gleich  als  er  sie  bekam  opfern  lässt. 
Ll'iian  Eun.  c.  9  weiss  auch  von  einem  Hermias  dargebrachten  Opfer,  und 
auf  die  gleiche  Behauptung  weist  Athen.   XV,  697,  a. 

2)  Nach  Diog.  6  Hess  er  Hermias  eine  Bildsäule  in  Delphi  errichten, 
deren  Inschrift  Diog.  mittheilt.  Ebd.  11  und  bei  Aristokl.  a.a.O.  Plut. 
De  exil.  c.  10,  S.  6o3  finden  sich  die  unwürdigen  Spottverse,  welche  Theo- 
krit  von  Chios,  ein  durch  seine  beissenden  Witze  bekannter  Rhetor  aus  der 
isokrateischen  Schule,  der  in  Chios  an  der  Spitze  der  demokratischen,  anti- 
macedonischen  Partei  stand  (Müller  Hist.  gr.  II,  86  f.),  auf  dieses  Denk- 
mal, wie  es  scheint  noch  während  Aristoteles'  Aufenthalt  am  macedonischen 
Hof,  gemacht  hatte.  (Vgl.  S.  15,  6.)  Weiter  widmete  A.  Hermias  das 
schöne  von  Diog.  7.  Athen.  XV,  695,  a  aufbewahrte  Gedicht.  Ueber  Py- 
thias bestimmt  er  in  seinem  Testament  (Diog.  16),  dass  ihre  Gebeine,  wie 
sie  selbst  verordnet  habe,  neben  den  seinigen  beigesetzt  werden.  Da  der 
Ort,  wo  sie  bis  dahin  bestattet  waren,  nicht  genannt  wird,  so  möchte  man 
vermuthen,  sie  sei  in  der  Nähe  begraben  gewesen,  also  erst  in  Athen ,  und 


22  Aristoteles.  [18J 

I.  J.  343  oder  auch  erst  342  v.  Chr.  (Ol.  109,  2) J)  folgte 
Aristoteles  einem  Ruf  an  den  macedonischen  Hof2),  um  die  Er- 
ziehung des  jungen,  damals  dreizehnjährigen 3),  Alexander  zu 
leiten,  welche  bis    dahin   nicht   in   den   passendsten    Händen   ge- 

somit  nach  Ol.  111,  2  gestorben.  Keinenfalls  kann  diess  aber  lange  vor- 
her geschehen  sein,  da  die  bei  Aristoteles'  Tod  noch  nicht  heirathsfähige 
Pythias  (s.  o.  5,  6)  ihre  Tochter  war  (Aristokl.  a.  a.  0.  Anon.  Menag. 
Si  id.,  welche  letzteren  aber  die  Pythias  fälschlich  vor  ihrem  Vater  sterben 
lassen).  Nach  dem  Tode  der  Pythias  heirathete  (üy^fis  Aristokl.)  Aristo- 
teles Ilcrpyllis  aus  Stagira  (diess  bei  Aristokl.  vgl.  DiOG.  14),  welche  ihm 
einen  Sohn,  Nikomachus,  gebar;  sollte  er  sie  aber  auch  nicht  förmlich  ge- 
heirathet  haben  (Timäus  bei  Schol.  in  Hes.  "E.  x.  'H.  V.  375  und  Diog. 
V,  1,  wo  Miller  Fragm.  Hist.  gr.  I,  211  seinen  Namen  an  die  Stelle  des 
Timotheus  setzt,  den  die  Ausgaben  haben;  Athen.  XIII,  589,  c,  angeblich 
nach  Her.mii'I'us,  der  aber  doch  vielleicht  den  Beisatz:  rTjg  eTcttoctg  nach 
' Eon v ).).(d o?  nicht  gehabt  hat;  Sold,  und  Anon.  Menag.  mit  der  sinnlosen 
weiteren  Angabe,  dass  er  sie  nach  der  Pythias  von  Hermias  erhalten  habe), 
so  muss  er  sie  doch  als  seine  Frau  behandelt  haben;  sein  Testament  wenig- 
stens erwähnt  ihrer  ganz  ehrenvoll,  sorgt  ausreichend  für  ihre  Bedürfnisse, 
und  bittet  seine  Freunde:  tni^eltfo&ctt,  .  .  .  ^rrjO^^vTceg  Ijjov,  xa)  'Eq- 
7Ti).).(6og,  ort  onovdcticc  7T6qi  tfAt  ty&ero,  twv  te  itkXoir  x«l  teer  ßovkrjTcti 
avdga  laußüvtiv,  onwg  /ui]  avatjiqi  rjudov  Jo#/]  (Diog  13).  Ueber  Aristo- 
teles' Tochter  wissen  wir  aus  Sext.  Math.  I,  258.  Anon.  Menag.  Sdid. 
AqiGt.,  dass  sie  nach  Nikanor  noch  zwei  Männer  hatte,  den  Spartaner  Pro- 
kies und  den  Arzt  Metrodor;  von  jenem  hatte  sie  zwei  Söhne,  welche 
Schüler  Theophrast's  wurden,  von  diesem  Einen,  Aristoteles,  welcher  bei 
Theophrast's  Tod,  wie  es  scheint,  noch  unerwachsen  in  seinem  Testament 
seinen  Freunden  empfohlen  wird.  Nikomachus,  von  Theophrast  erzogen 
(Aristokl.  b.  Eis.  XV,  2,  10.  Diog.  V,  39.  Suir».  GiüifQ.  Nixö/u.),  soll  in 
jungen  Jahren  (uaotczioxog)  im  Krieg  umgekommen  sein  (Aristokl.,  dessen 
Angabe  Theophrast's  Testament  b.  Diog.  V,  51  f.  bestätigt,  da  Nikom. 
darin  nicht  bedacht,  aber  für  ein  Bild  desselben  Sorge  getragen  wird).  Um 
80  zweifelhafter  werden  die  ihm  von  Suid.  Nik.  beigelegten  Schriften:  eine 
Ethik  in   ü   Büchern,   und  eine  Arbeit  über  seines  Vaters  Physik. 

1)  Diese  Zeitbestimmung  gibt  Apollohor  b.  Diog.  10.  Dionys.  a.  a.  O. 
Der  Scholiast  (Schol.  in  Arist.  23,  b,  47),  welcher  unsern  Philosophen 
schon  zur  Zeit  von  Plato's  Tod  bei  Alexander  verweilen  lässt,  bedarf  keiner 
Widerlegung. 

2)  Zum  folgenden  vgl.  m.  Geier  Alexander  u.  Aristoteles  (Halle  1856), 
der  aber  seinen  Gegenstand  freilich,  trotz  aller  Ausführlichkeit,  doch  nur 
ungenügend  behandelt  hat. 

3  DiOG.  sagt:  1 5 jährig,  was  aber  ein  Versehen  des  Abschreibers  oder 
des  Sammlers  sein  muss,  denn  Apollodor  lässt  sich  dieser  Verstoss  nicht 
zutrauen;   vgl.   Stahb   85  f. 


[18.19]  Macedonischer  Aufenthalt.  23 

wesen  war  1-).  Dieser  Ruf  traf  ihn  wahrscheinlich  noch  in  My- 
tilene2).  Ueber  die  |  näheren  Veranlassungen,  welche  Philipp'« 
Aufmerksamkeit  auf  Aristoteles  lenkten,  ist  nichts  sicheres  über- 
liefert3). 'Was  aber  mehr  zu  bedauern  ist:  wir  sind  über  die 
Beschaffenheit  des  Unterrichts,  welchen  der  Philosoph  dem  jungen 
und  hochstrebenden  Königssohn  ertheilte,  und  über  die  er- 
ziehende Einwirkung,  welche  er  auf  ihn  ausübte,  fast  ganz  ohne 
Nachrichten 4) ;  dass  aber  diese  |  Einwirkung  eine  sehr  bedeutende 


1^  Plvt.  Alex.  c.   5.  Quiktil.  I,   1,  9. 

2)  Stark  S.  84.  105,  A.  2  ist  zwar  der  Annahme  nicht  abgeneigt,  A. 
sei  von  Mytilene  zunächst  wieder  nach  Athen  zurückgekehrt,  allein  von  un- 
sern  Berichterstattern  weiss  keiner  etwas  davon,  vielmehr  gibt  Dioxvs.  a. 
a.  0.  ausdrücklich  an,  er  sei  von  Mytilene  aus  zu  Philipp  gegangen ,  und 
dass  Arist.  in  einem  Brieffragment  (b.  Demetr.  De  elocut.  29.  154)  sagt: 
iym  ix  /uh'  Id&jjvwv  t'g  Ztäyupa  rjk&ov  dt«  tov  ßaotlfa  tov  ut'yctv,  ix 
J£  Staytigeav  ftg  l4&rjvag  Sia  tov  /tt/Jwvtt  tov  [xtyav,  beweist  nichts, 
auch  wenn  der  Brief  acht  war,  da  es  sich  in  diesen  scherzhaften  Wor- 
ten nicht  um  Genauigkeit  der  geschichtlichen  Aufzählung ,  sondern  nur  um 
Genauigkeit  der  rednerischen  Antithese  handelte:  Athen  als  Anfangspunkt 
•  1er  ersten  und  Endpunkt  der  zweiten,  Stagira  als  Endpunkt  der  ersten  und 
Anfangspunkt  der  zweiten  Reise  werden  sich  entgegengesetzt,  die  Zwischen- 
stationen,  wie  wichtig  sie  an  sich  sind,  übergangen. 

3)  Nach  einer  bekannten  Erzählung  hätte  er  schon  bei  der  Geburt 
Alexanders  gegen  Aristoteles  die  Hoffnung  ausgesprochen,  dass  er  ihn  zum 
grossen  Mann  erziehen  werde;  m.  s.  seinen  angeblichen  Brief  bei  Gell. 
IX,  3.  Allein  dieser  Brief  ist  gewiss  nicht  acht;  denn  wie  lässt  sich  an- 
nehmen, dass  der  König  an  den  damals  erst  27jährigen  jungen  Mann,  der 
noch  keine  Gelegenheit,  sich  auszuzeichnen,  gehabt  hatte ,  in  diesem  Tone 
der  äussersten  Bewunderung  geschrieben,  oder  dass  er  andererseits,  wenn 
er  ihn  wirklich  von  Anfang  an  zum  Erzieher  seines  Sohnes  bestimmt  hatte, 
ihn  nicht  schon  vor  Ol.  109,  2  nach  Macedonien  gezogen  hätte?  Dagegen 
mag  Aristoteles  in  der  Folge,  nachdem  er  sich  als  einen  der  ausgezeichnet- 
sten Platoniker  bewährt  hatte ,  die  Augen  des  Fürsten  auf  sich  gezogen 
haben,  der  ein  lebhaftes  Interesse  für  Wissenschaft  und  Kunst  hatte,  und 
gewiss  von  allem,  was  in  Athen  von  sich  reden  machte,  wohl  unterrichtet 
war;  auf  Cicero'b  Zeugniss  hiefür  (oben  S.  18,  3)  möchte  ich  freilich  kein 
zu  grosses  Gewicht  legen.  Endlich  ist  es  sehr  möglich,  dass  Arist.  noch 
von  seinem  Vater  her  Verbindungen  am  macedonischen  Hofe  hatte,  und 
dass  er  selbst  (wie  Stahr  S.  33  vermuthet)  in  jüngeren  Jahren  mit  dem 
ungefähr  gleich  alten  Philipp,  dem  jüngsten  Sohn  des  Amyntas,  bekannt  ge- 
wesen war. 

4)  Es  gab  zwar  eine  eigene  Schrift  (welche  indessen  vielleicht  nur 
Theil  eines  grösseren  Werks  war)  über  die    Erziehung  Alexanders  von  dem 


24  Aristoteles.  20 

und  vortheilhafte  war,  müssten  wir  annehmen,  wenn  auch  die 
Zeugnisse  über  die  Verehrung  des  grossen  Zöglings  gegen  seinen 
Lehrer  und  über  die  Liebe  zur  Wissenschaft,  welche  jener  ihm 
einflösste1).  weniger  bestimmt  lauteten.     Wenn  Alexander   nicht 

macedonischen  Geschichtschreiber  Marsyas  ( Si  in.  AIckqg.  wozu  Müller 
Script.  Alex.  M.  S.  40  f.  Geiei:  Alex.  Hist.  Script.  320  ff.  z.  vgl.),  und 
ebenso  hatte  Onesikritus  in  einem  Abschnitt  seiner  Denkwürdigkeiten  davon 
gehandelt  (Diog.  VI,  84.  Geier  a.  a.  O.  "  ff.)}  nichtsdestoweniger  sind 
die  Ueberlieferungen  über  diesen  Gegenstand  äusserst  spärlich,  und  dass  sie 
auf  zuverlässigen  Quellen  beruhen,  steht  keineswegs  sicher.  Plutarch 
(Alex.  c.  7  f.)  rühmt  Alexanders  "Wissbegierde,  seine» Freude  an  Büchern 
und  belehrenden  Gesprächen,  seine  Vorliebe  für  die  Dichter  und  Geschicht- 
schreiber seines  Volks;  er  setzt  voraus,  dass  er  von  Aristoteles  nicht  blos 
in  die  Ethik  und  Politik,  sondern  auch  in  die  tieferen  Geheimnisse  seines 
Systems  eingeführt  worden  sei;  er  beruft  sich  hiefür  auf  die  bekannten,  voll- 
ständiger von  Gellius  XX,  5  (aus  Andeojukcs)  und  Simpl.  Phys.  2,  b,  m. 
mitgetheilten  Briefchen,  worin  sich  Alexander  beschwert ,  dass  Aristoteles 
seine  akroamatischen  Vorträge  veröffentlicht  habe,  und  dieser  ihm  antwortet, 
wer  sie  nicht  selbst  gehört  habe,  verstehe  sie  doch  nicht;  er  bringt  endlich  Alexan- 
ders Liebhaberei  für  die  Heilkunde,  in  der  er  sich  bisweilen  persönlich  bei 
seinen  Bekannten  versuchte,  mit  dem  aristotelischen  Unterricht  in  Verbin- 
dung Diess  sind  aber  doch  nur  mehr  oder  weniger  wahrscheinliche  Ver- 
muthungen,  und  gerade  was  darin  am  urkundlichsten  aussieht,  die  zwei 
Briefe,  das  ist  in  Wahrheit  das  unzuverlässigste.  Denn  diese  Briefe  drehen 
sich  ganz  um  jene  Vorstellung  über  die  akroamatischen  Vorträge  und 
Schriften,  deren  Grundlosigkeit  später  erwiesen  werden  wird,  als  ob  die- 
selben ein  wenigen  Eingeweihten  vorbehaltenes  Geheimniss  gewesen  wären. 
Eine  zuverlässige  Nachricht  über  den  Umfang  und  die  Richtung  des  aristo- 
telischen Unterrichts  lässt  sich  diesen  Zeugnissen  nicht  entnehmen.  Dagegen 
hören  wir  von  zwei  Schriften,  tc.  BaaiXtlag  und  vnkg  llnoty.wv,  welche 
Arist.  an  seinen  Zögling  gerichtet  habe;  vgl.  S.  75,  3  2.  Aufl.  Nach  Plut. 
Alex.  8  revidirte  Arist.  für  Alexander  den  Text  der  Ilias.  Zugleich  mit 
Alexander  scheint  Marsyas,  welchen  Suid.  a.  a.  O.  als  seinen  ovvTQoyog 
bezeichnet,  den  Unterricht  des  Philosophen  benützt  zu  haben;  weiter  nennt 
Ji  -Tis  XII.  6  (vgl.  Plut.  Alex.  55.  Diog.  V,  4.  Aebian.  IV,  10)  Kalli- 
sthenes  seinen  condiseipulus,  welcher  aber  um  ein  merkliches  älter  gewesen 
sein  muss  (Geiei;  Alex.  Hist.  Script.  192  ff);  auch  Kassander  (Plut.  Alex. 
74)  war  vielleicht  schon  damals,  vielleicht  aber  auch  erst  später,  Schüler 
des  Aristoteles.  Durch  denselben  war  endlich  Alexander  (Plut.  Alex.  17) 
mit  Theodektes,  und  ohne  Zweifel  auch  mit  Theophrast  bekannt  geworden, 
hinsichtlich  dessen  freilich  weder  auf  Diog.  V,  39,  noch  auf  Aelian  V.  H. 
IV,  19  zu  bauen  ist,  der  aber  auch  nach  Diog.  V,  52  mit  Arist.  in  Stagira 
gewesen  zu  sein  scheint.  —  Die  fabelhaften  Angaben  des  falschen  Kallisthenes 
über  Alexanders  Jugend  können  wir  übergehen. 

1)  Put.  Alex.   c.  8:     yA^iOTOT^Xr\   d*  &avutt£(üV  lv  aQXfj  *«<   dyanöJv 


20.21  Macedonischer  Aufenthalt.  25 

blos  der  unwiderstehliche  Eroberer,  sondern  auch  der  umsichtige, 
über  seine  Jahre  gereifte  Regent  gewesen  ist,  wenn  er  mit  der 
Herrschaft  der  griechischen  Waffen  zugleich  auch  die  |  des  grie- 
chischen Geistes  zu  begründen  bemüht  war,  wenn  er  den  grössten 
Versuchungen  zur  Selbstüberhebung,  denen  ein  Mensch  aus- 
gesetzt sein  kann,  Jahre  lang  widerstanden  hat,  wenn  er  trotz 
aller  späteren  Verirrungen  doch  immer  noch  durch  Edelmuth, 
Sittenreinheit,  Menschenfreundlichkeit  und  Bildung  über  alle  an- 
deren Weltbezwinger  hervorragt,  so  wird  diess  die  Menschheit 
nicht  zum  kleinsten  Theil  dem  Erzieher  zu  danken  haben, 
welcher  seinen  empfänglichen  Geist  durch  die  Wissenschaft 
bildete  und  den  ihm  angeborenen  Sinn  für  alles  Grosse  und 
Schöne  durch  Grundsätze  befestigte  J).  Aristoteles  seinerseits  soll 
von  dem  Einfluss,  welchen  ihm  seine  Stellung  gewährte, 
den  wohlthätigsten  Gebrauch  gemacht  haben,  indem  er  sich 
für  Einzelne  und  ganze  Städte  bei  dem  König  verwendete2); 
unter  den  letzteren  hatten  sich,  wie  erzählt  wird,  namentlich 
Stagira,     dessen    Wiederaufbau     er    bei    Philipp    durchsetzte3), 


oiy  t]TTOV,  wg  cciTog  eleye,  rov  nurnog,  (ug  (h'  IxeJvov  fxev  fwv,  3ut  tov- 
tov  de  y.aXdig  Cwv,  varegor  de  vnomöxtqor  €0%ev  (hierüber  später),  oiy 
wäre  noirjaai  rv  xuxov,  akk'  ctf  (fi).o(fQoavvctt,  16  aifodnbv  txelvo  xcu 
Gregxrixuv  ovx  eyovacu  nobg  avrov  cOJ.oroiörrirog  lyivovro  rex^ir/giov.  6 
uivrot  nobg  (ftloaoffiav  tuTreffixojg  xal  (T vvre&occuu f'vog  cItt'  ctoyiig  avro) 
ZrjÄog  xni  nödog  ovx  t%(<5gvr]  rrjg  xpvyfjg,  wie  sein  Verhalten  gegen  Anaxarch, 
Xenokrates  und  die  Indier  Dandamis  und  Kaianus  beweise.  Themist.  or. 
VIII,   106,  D  kann  man  nicht  als  Gegenbeweis  anführen. 

1)  Dass  er  in  praktischen  Fragen,  auch  in  so  wichtigen,  wie  die  von 
Plüt.  vi«,  Alex.  I,  6,  S.  329  (wozu  Stahr  S.  99,  2.  Dkotsen  Gesch.  d. 
Hellen.  I,  b,  12  ff.  z.  vgl.)  erwähnte,  von  den  Ansichten  des  Aristoteles 
abwich,  steht  dem  nicbt  im  Wege. 

2)  Ammos.  S.  46.  v.  Marc.  4.  Amm.  lat.   13.  Ael.  V.  H.  XII,  54. 

3)  So  Plct.  Alex.  c.  7,  vgl.  adv.  Col.  33,  3.  S.  1126.  und  Dio 
Chrysost.  or.  2,  Schi.  or.  47,  224  ß.  wogegen  Diog.  4.  Ammox.  S.  47.  v. 
Marc.  4.  Amm.  lat.  13.  Pi.ix.  h.  nat.  VII,  29,  109.  Ablud  V.  H.  III,  17. 
XII,  54.  Valei:.  Mix.  V,  6,  ext.  5  die  Wiederherstellung  (letzterer  freilich 
auch  die  Zerstörung^  Stagira's  Alexander  zuschreiben.  Plutarch  zeigt  sich 
aber  hier  nicht  blos  überhaupt  genauer  unterrichtet,  sondern  seine  Angabe 
wird  auch  durch  die  eigenen  Aeusserungen  des  Aristoteles  und  Theophrast 
(s.  u.  27,  3)  bestätigt.  Nach  Plct.  adv.  Col.  32,  9.  Diog.  4  hatte  A.  der 
neugegriindeten  Stadt  auch  Gesetze  gegeben,  was  ganz  glaublich  ist.  Nach 
Dio  or.  47    hatte   er    bei     der    Neugründung    seiner     Vaterstadt    mit    vielen 


26  Aristoteles.  [21.22] 

Eresus1)  und  Athen2),  theils  damals,  theils  später,  seiner  Für- 
sprache zu  erfreuen.  | 

Als  Alexander,  erst  sechszehnjährig,  von  seinem  Vater  zum 

Schwierigkeiten  zu  kämpfen,  über  die  er  selbst  sich  in  einem  Brief,  dessen 
Aechtheit  wir  freilich  nicht  beurtheilen  können,  beklagt  hatte.  Sein  Werk 
hatte  auch  keinen  langen  Bestand:  Dio  a.  a.  0.  und  Strabo  VII,  Fr.  35 
bezeichnen  Stagira  als  unbewohnt.  Dass  es  aber  zunächst  gelang,  steht 
ausser  Zweifel.     Vgl.  auch  S.  27,   3.  41,    1.  2. 

1)  Nach  A.MjMon.  S.  47  schützte  er  diese  Stadt  vor  dem  Zorn  Alexan- 
ders, welcher  sie  der  v.  Marc,  und  dem  Amm.  lat.  zufolge  sogar  hatte  zer- 
stören wollen.     Diese  Zeugnisse  sind  freilich  ungenügend. 

2)  Dass  er  auch  den  Athenern  Dienste  geleistet  habe,  sagt  die  v.  Marc. 
4  f.  und  der  Amm.  lat.  13,  mit  Berufung  auf  seine  Schreiben  an  Philipp 
und  mit  dem  Beisatz,  es  sei  ihm  dafür  eine  Bildsäule  auf  der  Akropolis 
errichtet  worden.  Liegt  aber  auch  bei  dieser  Angabe  der  Verdacht  nahe, 
dass  sie  sich  nur  auf  einen  unterschobenen  Brief  gründe,  in  dem  Aristoteles 
eine  Verwendung  für  Athen  in  den  Mund  gelegt  war,  so  sagt  doch  auch  Diog.  6 : 
i/  ijff)  de  xtti  'EQuinnog  {v  roTg  ßi'oig,  oti  npfoßsvovTog  ccutov  npog  'Pi- 
XiJinoV  V7rt(j  L4&T]vai(ov  Oxoh'tQ/r\g  lytvtio  rrjg  £v  'AxaSri/xia  a^oXfjg  ü&vo- 
xqccttjs'  tk&övTu  dr)  ttvrov  xcd  &taacc[Atvov  in*  (UJ.O)  T7]V  ayoXt]v  iX^a&cct 
Titoijiarov  ror  iv  AvxtUo.  Diess  kann  nun  freilich  so,  wie  es  hier  steht, 
unmöglich  richtig  sein,  denn  zur  Zeit  von  Speusipp's  Tod  (339  V.  Chr.) 
war  Arist.  schon  seit  Jahren  Erzieher  Alexanders ;  von  einer  Gesandtschafts- 
reise nach  Macedonien  konnte  daher  in  dieser  Zeit,  auch  abgesehen  von 
allem  andern,  nicht  die  Rede  sein.  Stahk  S.  67.  72  will  daher  diese  Reise 
in  Aristoteles'  ersten  Aufenthalt  in  Athen  verlegen,  indem  er  annimmt,  Dio- 
genes, welcher  im  folgenden  sein  über  Isokrates  gesprochenes  Wort  (s.  o. 
18,  3)  auf  Xenokrates  überträgt,  habe  auch  schon  hier  die  Zeit,  in  welcher 
er  gegen  Isokrates  auftrat ,  mit  der  späteren ,  wo  er  neben  Xenokrates  im 
I-yceum  lehrte ,  verwechselt.  Diess  ist  aber  nicht  wahrscheinlich.  Denn 
1)  führt  Diog.  jene  spätere  Angabe  (s.  3)  nicht,  wie  die  unsrige,  auf  Her- 
mippus  zurück;  2)  ist  es  ganz  unmöglich,  in  dem  aus  Hermippus  angeführten 
an  die  Stelle  des  Xenokrates  Isokrates  zu  setzen,  Diogenes  müsstc  also  die 
ganze  Angabe  erfunden  haben;  3)  endlich  sieht  man  nicht  ein,  was  die 
Athener  schon  vor  Plato's  Tod  veranlasst  haben  könnte,  einen  Ausländer, 
der  keine  politische  Stellung  hatte,  wie  Aristoteles,  als  Gesandten  an  Phi- 
lipp zu  schicken,  welcher  sich  damals  noch  weit  mehr  um  sie  bemühte,  als 
dass  sie  eines  Fürsprechers  bei  ihm  bedurft  hätten.  Ich  glaube  daher,  dass 
sich  die  Nachricht  auf  einen  späteren  Vorgang,  am  wahrscheinlichsten  aus 
den  zwei  Jahren  zwischen  der  Schlacht  bei  (  häronea  und  Philipp's  Ermor- 
dung, bezieht.  Damals  mochte  Aristoteles,  der  jetzt  am  macedonischen  Hof 
KiiiHuss  hatte,  Athen  durch  seine  Verwendung  einen  Dienst  leisten,  und 
diess  mochte  Hermippus  mit  dem  Ausdruck  npioßtvtiv  bezeichnet,  oder  es 
mochte  Diogenes  einen  anderen  Ausdruck  von    einer   Gesandtschaft  gedeutet 


[22. 23j  Macedonischer  Aufenthalt.  27 

Reichsverweser  bestellt  wurde  x),  musste  der  aristotelische  Unter- 
richt natürlich  aufhören,  und  auch  in  der  Folge  kann  er  nicht 
wieder  in  regelmässiger  Weise  aufgenommen  worden  sein,  da 
der  frühreife  Zögling  in  den  nächsten  Jahren  an  den  entschei- 
denden Kriegen  seines  Vaters  den  lebhaftesten  Antheil  nahm; 
was  aber  doch  eine  Fortsetzung  des  wissenschaftlichen  Verkehrs 
in  den  ruhigeren  Zwischenräumen  nicht  ausschliesst2).  Aristo- 
teles scheint  sich  jetzt  in  seine  Vaterstadt  zurückgezogen  zu 
haben3);  Pella  |  hatte  er  schon  früher  mit  seinem  Zögling  ver- 
lassen 4).  Auch  nach  Alexanders  Thronbesteigung  muss  er  noch 
einige  Zeit  hier  geblieben  sein.  Mit  dem  Beginn  des  grossen 
Perserzugs  dagegen  fielen  für  ihn  die  Gründe  weg,  welche  ihn 
bis  dahin  in  Macedonien  festgehalten  hatten,  und  es  hinderte  ihn 
nichts  mehr,  an  den  Ort  zurückzukehren,    welcher   ihm   persön- 


haben.  —  Der  Einfluss  des  Aristoteles  hatte  vielleicht  überhaupt  einigen 
Antheil  an  der  Schonung  und  Gunst,  mit  der  Alexander  Athen  behandelte 
(Tut.  Alex.  c.  13.   16.  28.  60). 

1)  Ol.  110,  1,  340  v.  Chr.,  als  Philipp  gegen  Byzanz  zog.  Diodou 
XVI.   77.  Plut.  Alex.  9. 

2)  Aristoteles  konnte  daher  in  jener  Zeit  Alexanders  Lehrer  genannt 
werden  oder  nicht,  wie  man  wollte,  und  vielleicht  haben  wir  es  uns  theil- 
weise  daraus  zu  erklären,  dass  die  Dauer  dieser  Lehrzeit  so  verschieden 
angegeben  wird:  von  Dionys  auf  acht  Jahre  (die  Gesammtheit  seines  Aufent- 
halts in  Macedonien),  von  Justin  XII,  7  auf  fünf,  was  aber  für  den  eigent- 
lichen Unterricht  freilich  immer  noch  zu  viel  ist. 

3  Dass  er  die  letzte  Zeit  vor  seiner  Rückkehr  in  Stagira  zubrachte, 
wo  sein  elterliches  Haus  noch  stand  oder  wieder  aufgebaut  war  (s.  S.  3,  2), 
wird  von  der  S.  23,  2  angeführten  Aeusserung  vorausgesetzt,  deren  Aecht- 
heit  freilich  nicht  gesichert  ist.  Jedenfalls  aber  muss  er  Stagira  fortwährend 
als  seine  und  seiner  Familie  Heimath  betrachtet  haben,  denn  in  seinem 
Testament  (Diog.  16)  verordnet  er,  dass  die  Weihgeschenke  für  Nikomachus 
dort  aufgestellt  werden.  Auch  seine  zweite  Frau  war  aus  Stagira  gebürtig 
(s.  o.  21,  2)  und  Theophrast  besass  ein  Grundstück  in  dieser  Stadt  (Diog. 
V,  52),  mit  der  er  sich  auch  Hist.  plant.  III,  11  ,  1.  IV,  16,  3  wohl  be- 
kannt zeigt. 

4)  Nach  Pllt.  Alex.  c.  7  war  ihm  und  Alexander  das  Nymphäum  bei 
Mieza  zum  Aufenthalt  angewiesen.  Stahk  104  f.  glaubt  dieses  in  die  un- 
mittelbare Nähe  Stagira's  verlegen  zu  dürfen;  Geier,  Alex,  und  Arist.  33 
zeigt  jedoch,  dass  Mieza  südwestlich  von  Pella  in  der  Landschaft  Erna- 
thia  lag. 


28  Aristoteles.  23.  24] 

lieh  am  meisten  zusagte  1),  und   seiner   Wirksamkeit  als   Lehrer 
das  ergiebigste  Feld  darbot  -). 

Dreizehn  Jahre  nach  Plato's  Tode,  Ol.  111,  2,  (335  4  v. 
Chr.)  traf  Aristoteles  wieder  in  Athen  ein3).  Die  Zeit,  welche 
ihm  hier  |  noch  zu  wirken  vergönnt  war,  beträgt  nur  etwa  zwölf 


1")  Das  mehrerwähnte  Bruchstück  (s.  o.  23,  2)  nennt  den  rauhen  thra- 
cischen  Winter  als  das,  was  ihn  aus  Stagira  vertrieben  habe;  der  Hauptgrund 
wird  «Hess  aber  nicht  gewesen  sein. 

2)  Ammon.  S.  47  lässt  Aristoteles  nach  Speusipp's  Tod  durch  die  Athe- 
ner (als  ob  diese  über  die  Nachfolge  in  der  Akademie  zu  verfügen  gehabt 
hätten),  v.  Marc.  5  lässt  ihn  durch  die  platonischen  Schüler  nach  Athen 
berufen  werden,  wo  er  gemeinschaftlich  mit  Xenokrates  die  Leitung  der 
Schule  übernimmt  (vgl.  oben  S.  14,  2).  Diese  Lebensbeschreibung  gibt  aber 
hier  überhaupt,  in  ihren  drei  Bearbeitungen,  ein  Gewirre  von  Fabeln.  Nach 
Ammon.  lehrt  A.  in  Folge  jenes  Rufs  im  Lyceum,  muss  aber  späterhin  nach 
Chalcis  flüchten,  geht  von  hier  wieder  nach  Macedonien,  begleitet  Alexan- 
der auf  seinen  Zügen  bis  nach  Indien,  sammelt  bei  dieser  Gelegenheit  seine 
255  Politieen,  und  kehrt  nach  Alexanders  Tod  in  seine  Vaterstadt  zurück, 
wo  er,  dreiundzwanzig  Jahre  nach  Plato,  stirbt.  Der  Lateiner  (14.  17)  und 
die  v.  Marc.  (5.  8)  lassen  ihn  gleichfalls  Alexander  nach  Persien  begleiten, 
dort  die  255  Politieen  sammeln,  und  nach  beendigtem  Krieg  in  seine  Hei- 
math zurückkehren,  aber  dann  erst  den  Lehrstuhl  im  Lyceum  einnehmen, 
nach  Chalcis  flüchten  und  hier,  23  Jahre  nach  Plato,  sterben.  Auch  Am- 
mon. Categ.  5,  b.  David.  Schol.  in  An.  24,  a,  34.  Ps.-Porph.  ebd.  9,  b,  26. 
Anon.  ad  Porph.  b.  Rose  Ar.  pseud.  393  wissen  von  der  Sammlung  der 
Politieen  auf  den  Zügen  im  Gefolge  Alexanders.  Es  wäre  verlorene  Mühe, 
in  dieser  Spreu  nach  einem  Korn  geschichtlicher  Wahrheit  zu  suchen,  welche 
über  das  sonst  bekannte  hinausgienge. 

3)  Apollodop.  b.  Diog.  10.  Dionts.  a.  a.  O.  Beide  nennen  überein- 
stimmend Ol.  111,  2,  ob  aber  Aristoteles  in  der  ersten  oder  in  der  zweiten 
Hälfte  dieses  Jahres,  d.  h.  im  Herbst  d.  J.  335  oder  im  Frühjahr  334  nach 
Athen  kam,  wird  nicht  angegeben.  Für  die  letztere  Annahme  spricht  der 
Umstand,  dass  erst  im  Sommer  335,  nach  der  Zerstörung  Thebens,  die 
feindselige  Haltung  Athens  gegen  Alexander  aufgehört  hatte  und  der  mace- 
donJsche  Einfluss  in  dieser  Stadt  wieder  befestigt  war,  und  dass  Alexander 
erst  im  Frühjahr  334  nach  Asien  aufbrach.  Für  die  entgegengesetzte  An- 
sicht kanu  man  das  Zeugniss  des  Dionts  (s.  folg.  Anm.)  anführen,  von  dem 
es  aber  freilich  wahrscheinlicher  ist,  dass  es  nicht  auf  einer  genauen  Ueber- 
lieferung,  sondern  auf  eigener  Berechnung  aus  den  Jahresbestimmungen 
Apollodor's  (Ol.  111,  2  für  die  Ankunft  in  Athen,  Ol.  114,  3  für  den  Tod, 
etwas   früher,  also   Ol.   114,   2   Flucht  nach  Chalcis)  beruht. 


[24]  Schule  und  Lehrt hätigkeit  in  Athen.  29 

Jahre x),  aber  was  er  in  diesem  kurzen  Zeitraum  geleistet  hat, 
grenzt  an's  unglaubliche.  Dürfen  wir  auch  annehmen,  dass  er 
die  Vorarbeiten  für  sein  philosophisches  System  grossentheils 
schon  vorher  gemacht  hatte,  waren  auch  vielleicht  die  natur- 
wissenschaftlichen Untersuchungen  und  die  geschichtlichen  Samm- 
lungen, welche  ihm  den  Stoff  für  seine  philosophische  Forschung 
darboten,  bei  seiner  Rückkehr  nach  Athen  schon  zu  einem  ge- 
wissen Abschluss  gekommen,  so  scheinen  doch  seine  eigentlichen 
Lehrschriften  fast  alle  erst  der  letzten  Periode  seines  Lebens  an- 
zugehören 2i.  Mit  diesen  umfassenden  und  anstrengenden  schrift- 
stellerischen Arbeiten  geht  aber  gleichzeitig  jene  Lehrthätigkeit  Hand 
in  Hand,  durch  welche  er  seinem  grossen  Lehrer  jetzt  erst  als 
Stifter  einer  eigenen  Schule  ebenbürtig  gegenübertrat.  Als  Ver- 
sammlungsort für  seine  Zuhörer  wählte  er  die  Räume  des  Ly- 
ceums  3).  In  den  Baumgängen  dieses  Gymnasiums  auf-  und  ab- 
wandelnd pflegte  er  sich  mit  seinen  Schülern  zu  unterhalten 4), 
und  von  dieser  Gewohnheit  erhielt  die  ganze  Schule  den  Namen 
der  peripatetischen  5) ;  für  eine  zahlreichere  |  Zuhörerschaft  musste 


J)  Dionis.  a.  a.  0.:  Zayo/.ct^tv  £v  slvy.iiu)  yqövov  £twj'  dcödexK'  rw 
dt  Tqigy.aiSexärh),  ^tttet  Tr\r  *Ali'!-ürd()ov  Tt).tvTr\v ,  tnl  Ki]q iooöiÖqov  «o- 
yovTog,  anäpas  ttg  Xalxißa  röaio  TtXtvru.  Da  Alexander  323  im  Juni, 
Aristoteles  (s.  S.  40)  322  im  Herbst  starb,  so  ist  diese  Rechnung  genau  richtig, 
wenn  letzterer  im  Herbst  335  nach  Athen  kam,  und  es  im  Herbst  323  wie- 
der verliess.  Das  gleiche  wäre  freilich  auch  dann  der  Fall,  wenn  Arist. 
erst  im  Frühling  334  nach  Athen  und  im  Sommer  322  nach  Chalcis  gieng. 
Doch  ist  das  letztere  (s.  S.  39,   1)  nicht  wahrscheinlich. 

2)  Das  nähere  hierüber  im  nächsten  Kapitel. 

3)  Man  vgl.  über  dieses  in  einer  Vorstadt  gelegene,  mit  einem  Tempel 
des  Apollo  Lykeios  verbundene  Gymnasium  Suid.  und  Harpokration  u. 
d.   W.  Schol.  in  Aristoph.  pac.  V.  352. 

4)  Hermipp.  b.  Diog.  2  u.  a.,  s.  folg.  Anm. 

5)  Hermipp.  a.  a.  Ü.  Cic.  Acad,  I,  4,  17.  Gell.  N.  A.  XX,  5,  5. 
Diog.  I,  17.  Galen,  h.  phil.  c.  3.  Piiilop.  in  qu.  voc.  Schob  in  Ar.  11,  b. 
23  (vgl.  in  Categ.  Schol.  35,  a,  41  ff.  Ajijion.  in  qu.  voc.  Porph.  25,  b,  u. 
David  in  Cat.  23,  b,  42  ff.,  und  dazu  oben  S.  14,  2).  David  Schob  in 
Ar.  20,  b,  16.  Simi'l.  in  Categ.  1,  e.  Dass  diese  Ableitung  richtig  ist,  und 
der  Xame  nicht  (wie  Suin.  Aqiötot.  Zoy/.oür.  Hesvch.  vit.  init.  wollen,  und 
viele  Neuere  annehmen)  von  dem  Versammlungsort  der  Schule  (dem  7ieo(- 
7idTo;  des  Lyceums)  herstammt,  wird  tbeils  durch  seine  Form ,  welche  sich 
nur  von  TTtnirrcmir  herleiten  lässt,  theils  durch  den  Umstand  wahrschein- 
lich,  dass  der  Ausdruck  ntginuTog  in  der  älteren  Zeit  nicht  auf  die  aristo- 


30  Aristoteles.  25 

er  alicr  natürlich  eine  andere  Form  des  Unterrichts  wählen1). 
Ebenso  musste,  wie  diess  schon  bei  Plato  mehr  oder  weniger  der 
Fall  gewesen  war,  die  sokratische  Weise  der  Gesprächführung 
dem  fortlaufenden  Vortrag  weichen,  sobald  es  sich  um  eine 
grössere  Schülerzahl  oder  um  solche  Darstellungen  handelte,  in 
denen  nach  Stoff  und  Gedanken  wesentlich  neues  mitzutheilen, 
oder  eine  Untersuchung  mit  wissenschaftlicher  Strenge  in's  ein- 
zelne auszuführen  war2);  wogegen  er  da,  wo  kein  solches  Be- 
denken im  Weg  stand,  das  wissenschaftliche  Gespräch  mit  seinen 
Freunden  ohne  Zweifel  gleichfalls  nicht  ausschloss  s).    Neben  dem 

telische  Schule  beschränkt  ist  (s.  o.  13,  1).  In  der  Folge  erhält  er  aber 
allerdings  diese  Beschränkung,  und  man  sagt  ol  ix  (oder  dno)  tov  ttiqi.- 
nterov  ähnlich  wie  ol  dno  jrjg  \lxadrjui'«g,  rfjg  Oroäg  (z.  B.  Sext.  Pyrrh. 
III,  181.  Math.  VII,  331.  369.  XI,  45  u.  o.)  oder  auch  ol  ?x  twv  tiiqi- 
ttutwv  Stkabo  XIII,   1,  54.  S.  609. 

1)  Gell.  a.  a.  0.  sagt  zwar,  Arist.  habe  zweierlei  Unterricht  ertheilt, 
exoterischen  und  akroatischen;  jener  habe  sich  auf  die  Khetorik,  dieser  auf 
die  phüosophia  remotior  (die  Metaphysik),  die  Physik  und  die  Dialektik  be- 
zogen. Dem  akroatischen  Unterricht,  der  nur  für  die  bewährten  und  ge- 
hörig vorbereiteten  bestimmt  war,  habe  er  die  Morgenstunden,  dem  exo- 
terischen, zu  dem  jedermann  Zutritt  hatte,  die  Abendstunden  gewidmet; 
(vgl.  Qlintil.  III,  1,  14:  pomeridanis  scholis  A.  praecipere  artem  oratoriam 
coepit);  jener  sei  daher  der  soj&ivog,  dieser  der  Sa).ivbg  neoCncaog  genannt 
worden :  utroque  enim  tempore  ambulans  disserebat.  Allein  vor  einer  grösseren 
Zuhörerschaft  kann  man  nicht  im  Gehen  sprechen.  DlOG.  3  hat  daher  ohne 
Zweifel  das  richtigere:  tnttdt]  dt  ntet'oig  iytrovro  t}ö*t]  y.al  txn&tö'Ev.  Die 
Gewohnheit  des  Auf-  und  Abgehens  kann  er  dcsshalb  doch  beibehalten 
haben,   sobald   die  Zahl  der  Anwesenden  diess  erlaubte. 

2)  Auf  solche  Vorträge  muss  es  sich  beziehen,  wenn  Aristox.  Harm. 
Klein.  S.  30  sagt,  Aristot.  habe  in  seinem  Unterricht  vor  der  Erörterung 
des  Einzelnen  den  Gegenstand  und  Gang  der  Untersuchung  angegeben.  Von 
manchen  aristotelischen  Schriften  ist  es,  wie  später  gezeigt  werden  wird, 
wahrscheinlich,  dass  sie  theils  aus  Aufzeichnungen  von  Vorträgen  ergänzt 
worden,  theils  zur  Vorbereitung  für  solche  dienen  sollten,  und  am  Schluss 
seiner  Topik  (soph.  el.  34  Schi.)  wendet  sich  Arist.  mit  einer  ausdrück- 
lichen   .Anrede  an  seine  Zuhörer. 

3)  Es  liegt  diess  theils  in  der  Natur  der  Sache ,  zumal  da  Arist.  ge- 
reifte und  wissenschaftlich  bedeutende  Männer,  wie  Theophrast,  unter  seinen 
Zuhörern  hatte,  theils  wird  es  durch  die  dialogische  Form  wahrscheinlich, 
deren  er  sich  wenigstens  in  jüngeren  Jahren  auch  für  Schriften  bedient 
hatte,  theils  scheint  es  aus  der  Sitte  des  peripatetischen  Unterrichts  hervor- 
zugehen, welche  an  und  für  sich  auf  Wechselreden  hinweist;  vgl.  DlOG.  IV, 
10  (über  Polemo):     aXla   ufjv  oiöl  xaQ-(£tov  iltye   noög  rag  9&fig,    (fetal, 


[25.  26,  Schule   und   L  e  h  rf  li  !i  t  ig  k  e  i  t.  31 

philosophischen  Unterricht  scheint  er  seine  frühere  Redner- 
schule wieder  aufgenommen  zu  haben  x),  mit  welcher  auch  Rede- 
übungen |  verbunden  waren 2) ;  und  hierauf  bezieht  sich  die  An- 
gabe, dass  er  sich  des  Morgens  nur  einem  engeren  und  gewähl- 
teren Kreise,  Nachmittags  allen  ohne  Ausnahme  gewidmet  habe 3) ; 
an  populärwissenschaftliche  Vorträge  für  grössere  Versammlungen 
ist  dabei  nicht  zu  denken.  Auch  die  aristotelische  Schule  wer- 
den wir  uns  aber  zugleich  als  einen  Verein  von  Freunden  in 
vielseitiger  Lebensgemeinschaft  zu  denken  haben.  Gerade  für 
die  Freundschaft  hat  ja  ihr  Stifter,  im  platonischen  Kreise  gross- 
genährt,  in  Wort  und  That  einen  so  warmen  und  schönen  Sinn 
bewährt;  und  so  hören  wir  denn  auch,  dass  er  sich  mit  seinen 
Schülern,  nach  akademischem  Muster,  bei  gemeinsamen  Mahlen 
zu  versammeln  pflegte,  und  dass  er  eine  bestimmte  Ordnung 
für  diese  Mahle,  wie  für  das  ganze  Zusammensein,  eingeführt 
hatte 4). 

7TeQi7TUT(öv  dt  tntytiQti.  IT(j6g  fts'aiv  ktytiv  bezeichnet  den  fortlaufenden 
Vortrag  über  ein  bestimmtes  Thema,  ^ni/eiQiiv  die  Deputation.  Vgl. 
S.  31,  2. 

1")  Diog.  3  freilich  ist  hiefür  ein  schlechter  Zeuge,  da  das,  was  er  hier 
anscheinend  von  Aristoteles'  späterer  Zeit  sagt,  einer  Quelle  entnommen  zu 
sein  scheint,  in  der  es  sich  auf  den  früher,  im  Kampf  mit  Isokrates ,  er- 
theilten  Unterricht  bezog  (s.  o.  18,  3).  Allein  die  aristotelische  Rhetorik 
macht  es  doch  sehr  wahrscheinlich,  dass  auch  im  mündlichen  Unterricht 
des  Philosophen  die  Rhetorik  nicht  fehlte.  Auch  Gell.  a.  a.  O.  redet  aus- 
drücklich vom  Unterricht  im  Lyceum. 

2)  Diog.  3:  xal  kqIs  ßtaiv  0vveyvuva£t  roiig  ua&r)Tc\g  auct  xal 
q/tjTOQixwe  fnaaxwv.  Cic.  orator  14,  46:  unter  einer  &i0ig  verstehe  man 
eine  allgemeine,  auf  keinen  besondern  Fall  bezügliche  Frage.  (Weiteres 
über  diesen  Begriff  bei  Dems.  Top.  21,  79.  epist.  ad  Att.  IX,  4.  Qüintil. 
III,  5,  5.  X,  5,  11  vgl.  Fkei,  Quaest.  Prot.  150  f.)  In  hac  Aristoteles  ado- 
lescentes,  non  ad  philosophorum  morem  tenuiter  disserendi ,  sed  ad  copiam  rhe- 
torum  in  utramque  partem,  ut  ornatius  et  uberius  dici  posset ,  exercuit.  Keiner 
von  beiden  sagt,  ob  er  dabei  die  erste,  oder  die  zweite  Rednerschule  des 
Arist.  im   Auge  habe,  es  wird  aber  von  beiden   gelten.     Vgl.  folg.  Anm. 

3)  Gell.  a.  a.  0.  (s.  o.  30,  1):  i^otreguca  dicebantur,  quae  ad  rhetori- 
cas  meditationes  facultatemque  argutiarum  civiliumque  verum  notitiam  condueebant 
.  .  .  Utas  vero   exolericas  auditiones  exercitiumque  dicendi. 

A)  Nach  Athen.  I,  3  f.  V,  186,  b  schrieb  er  (für  die  gemeinsamen 
Mahle)  vöfxoi  av/unorixo)  (was  aber  freilich  auch  auf  die  S.  73,  1  2.  Aufl. 
zu  besprechende  Schrift  gehen  kann),   und    nach  Diog.  4    (der   diese    Notiz 


32  A  ristoteles.  [26.  27 

Die  wissenschaftlichen  Hülfemittel,  deren  Aristoteles  für 
seine  weitschichtigen  Arbeiten  bedurfte,  soll  ihm  die  Gunst  der 
beiden  macedonischen  Könige,  und  namentlich  Alexanders  könig- 
liche Freigebigkeit  verschafft  haben1);  und  so  übertrieben  die 
Angaben  der  |  Alten  hierüber  auch  zu  sein  scheinen,  so  wahr- 
scheinlich es  auch  ist,  dass  Aristoteles  schon  von  Hause  aus 
wohlhabend  war  -),  so  lässt  uns  doch  der  Umfang  seiner  Lei- 
stungen allerdings  auf  Mittel  schliessen ,  wie  sie  ihm  olme  jene 
Hülfsquelle  vielleicht  nicht  zu  Gebot  standen.  Jene  gründliche 
imd  vielseitige  Kenntniss  der  Schriftwerke  seines  Volkes,  welche 
uns  in  seinen  eigenen  Darstellungen  entgegentritt-),  war  ohne 
Bücherbesitz  kaum  denkbar;  und  es  wird  auch  ausdrücklich  be- 
zeugt, dass  er  der  erste  gewesen  sei,   welcher   eine  grössere  Bi- 


nur  an  einen  ganz  falschen  Ort  gestellt  hat)  führte  er  das  Amt  eines  alle 
10  Tage  wechselnden  Schulvorstandes  ein.  Den  vofiot  avfjnroTixol  scheinen 
die   Worte  bei   Athen.  1S6,  e  anzugehören.     Vgl.  hiezu  Abth.  I,  839,    1. 

1)  Aelian  V.  H.  IV,  19  lässt  schon  Philipp  dem  Philosophen  die 
reichlichsten  Mittel  (ttXovtov  avevfieij)  für  seine  Forschungen,  und  nament- 
lich für  die  Thiergeschichte,  gewähren;  Athen.  IX,  398,  e  redet  von  800 
Talenten,  mit  denen  Alexander  dieses  Werk  unterstützt  habe;  Pein.H.  nat. 
VIII,  16,  44  berichtet,  Alexander  habe  ihm  alle  Jäger,  Fischer  und  Vogel- 
fänger seines  Keichs,  alle  Aufseher  königlicher  Jagden,  Fischteiche,  Heer- 
den  u.  s.  w.,  mehrere  tausend  Menschen,  für  dasselbe  zur  Verfügung  ge- 
stellt. Indessen  bemerkt  über  die  letztere  Angabe  Brandis  S.  117  f.,  in 
Uebereinstimmung  mit  Humboldt  (Kosmos  II,  191.  427  f.),  dass  sich  in  den 
naturwissenschaftlichen  Schriften  des  Aristoteles  keine  Beweise  für  seine 
Bekanntschaft  mit  Dingen  finden ,  welche  erst  durch  Alexanders  Zug  zu 
seiner  Kunde  gelangen  konnten;  und  wenn  diess  auch  (z.  B.  hinsichtlich 
der  Elephanten)  einige  Ausnahmen  erleiden  sollte ,  erscheint  doch  die  An- 
gabe des  Plinius  nicht  gerechtfertigt. 

2)  Diess  zeigt  sich  nicht  blos  in  seinem  Testament,  welches  für  die 
frühere  Zeit  nicht  unmittelbar  beweisend  ist,  und  es  wird  nicht  blos  durch 
den  Vorwurf  der  Ueppigkeit  und  Prunkliebe  vorausgesetzt,  welchen  Gegner 
ihm  gemacht  haben  (s.  u.l ;  sondern  alles,  was  wir  von  seinem  Lebensgang 
wissen,  macht  den  Eindruck  eines  unabhängig  gestellten  Mannes,  der  bei 
der  Wiild  .-eines  Aufenthaltsorts,  bei  seiner  Verheirathung,  bei  seinen  schon 
in  jüngeren  Jahren  gewiss  sehr  umfassenden  und  bedeutende  Hülfsmittel  er- 
fordernden Studien  durch  keine  Vermögensrücksichten  gehemmt  ist  —  denn 
die  Fabeln  <les   Kpikur  und  Timäus  (s.  o.  8,  2.  3)  verdienen  keine  Beachtung. 

3)  Ausser  den  noch  vorhandenen  gehören  hieher  namentlich  auch  die 
nur  in  den  Titeln  und  in  dürftigen  Bruchstücken  erhaltenen  zur  Ge- 
schichte der  Philosophie,  der  Rhetorik  und  der  Poesie. 


27.  28]  Wissenschaftliche   Hiilf smittel.  33 

bliothek  anlegte1).  Werke  ferner,  wie  die  Politieen  und  die 
Sammlung  ausländischer  Gesetze 2),  komiten  nur  durch  müh- 
same und  wohl  auch  kostspielige  Erkundigungen  zu  Stande 
kommen.  Namentlich  aber  die  Thiergeschichte  und  die  ver- 
wandten naturwissenschaftlichen  Schriften  setzen  Untersuchungen 
]  voraus,  wie  sie  kein  Einzelner  fertig  bringen  konnte,  wenn  er 
nicht  über  weitere  Kräfte  zu  gebieten  hatte,  oder  sie  zu  gewin- 
nen im  Stande  war.  Es  ist  daher  eine  höchst  erfreuliche  Fügung 
der  Umstände,  dass  dem  Manne,  welchen  sein  umfassender  Geist 
und  seine  seltene  Beobachtungsgabe  zum  einflussreichsten  Be- 
gründer der  Erfahrungswissenschaft  und  der  gelehrten  Forschung 
gemacht  hat,  die  äusseren  Verhältnisse  günstig  genug  waren, 
um  ihm  die  nöthige  Ausrüstung  für  seinen  grossen  wissenschaft- 
lichen Beruf  nicht  zu  versagen. 

In  den  letzten  Lebensjahren  des  Aristoteles  trübte  sich  das 
schöne  Verhältniss,  in  welchem  er  bis  dahin  zu  seinem  grossen 
Zögling  gestanden  hatte 3).  Der  Philosoph  mag  wohl  an  man- 
chem Anstoss  genommen  haben,  was  Alexander  vom  Glücke 
berauscht  that,  an  mancher  Massregel,  die  jener  zur  Befestigung 
seiner  Eroberungen  nöthig  fand,  der  sich  aber  die  hellenische 
Sitte  imd  das  Selbstgefühl  unabhängiger  Männer  nicht  fügen 
konnte,  an  den  Härten  und  Leidenschaftlichkeiten,  zu  welchen 
sich  der  jugendliche  Weltherrscher,  von  Schmeichlern  umringt, 
durch  den  Widerstand  einzelner  Personen  erbittert,  durch  verrätheri- 
sche  Nachstellungen  misstrauisch  gemacht,  hinreissenliess  4) ;  und  an 
Zwischenträgern,  welche  dem  Könige  wahres  und  unwahres 
hinterbrachten,  wird  es  bei  der  Eifersucht,  mit  der  sich  die  Ge- 
lehrten und  Philosophen  in  seiner  Umgebung  gegenseitig  zu  ver- 

1)  Strabo  XIII,  1,  54.  S.  608:  TTQWTog  üv  iofitv  avvayaytiav  ßtßiia 
v.iu  SiSü'iag  rovg  £p  AiyvnTw  ßuai-Xiag  ßtßlwd-^y.rjg  ouvtccI-iv.  Vgl.  Athen. 
I,  3,  a.  Für  Speusipp's  Werke  soll  er  drei  attische  Talente  bezahlt  haben; 
Gell.  III,  17,  3. 

2)  Ueber  beide  tiefer  unten. 

3)  S.  o.  S.  24,  1.  Als  ein  Zeichen  dieses  freundlichen  Verhältnisses 
wird  der  Briefwechsel  der  beiden  angeführt,  von  dem  wir  aber  freilich  nicht 
wissen,  ob  und  wie  viel  achtes  darin  war. 

4)  Dass  er  mit  Alexanders  ganzer,  auf  Gleichstellung  und  Verschmel- 
zung von  Griechen  und  Orientalen  berechneter  Politik  nicht  einverstanden 
war,  sagt  wenigstens  Plctakch  s.  o.  S.  25,   1. 

Zell  er.  Philos.  d.  Gr.  II.  Bd.  3.  Aufl.  3 


34  Aristoteles.  [28.  29] 

drängen  suchten1)-  um  so  weniger  gefehlt  haben,  da  auch  die 
Höflinge  und  Feldherrn  ohne  Zweifel  die  wissenschaftlichen  Ver- 
bindungen und  Liebhabereien  des  Fürsten  in  ihr  Ränkespiel 
mit  hereinzogen.  Weiter  scheint  das  nahe  Verhältniss,  in  dem 
Aristoteles  mit  Antipater  stand  2),  den  König  bei  der  |  Spannung, 
welche  allmählich  zwischen  ihm  und  seinem  Feldherrn  eintrat, 
auch  gegen  jenen  verstimmt  zu  haben 3).  Was  jedoch  der 
früheren  Anhänglichkeit  des  Königs  an  seinen  Lehrer  den 
schwersten  Stoss  versetzte,  war  das  Verhalten  des  Kallisthenes4). 
Die  Unbeugsamkeit,  mit  welcher  sich  dieser  Philosoph  der  neu- 
eingeführten orientalischen  Hofsitte  widersetzte,  der  herbe  und 
rücksichtslose  Ton,  in  dem  er  dagegen  eiferte,  die  Absichtlich- 
keit, mit  der  er  seinen  Freimuth  zur  Schau  trug  und  die  Blicke 
aller  Unzufriedenen  im  Heer  auf  sich  richtete,  die  Wichtigkeit, 
welche  er  sich  als  Geschichtschreiber  Alexanders  beilegte,  und 
die  Selbstüberhebung,  mit  der  er  diess  aussprach,  hatten  den 
König  schon  seit  längerer  Zeit  mit  Groll  und  Misstrauen  gegen 
ihn  erfüllt.  Um  so  leichter  ward  es  den  Feinden  des  Philo- 
sophen, ihn  von  der  Mitschuld  desselben  an  einer  Verschwörung 
unter  den  Edelknaben  zu  überzeugen,  welche  Alexanders  Leben 
in  die  höchste  Gefahr  brachte,  und  Kallisthenes  verlor  mit  den 
Verschworenen,    deren  verbrecherischem  Unternehmen  er  ohne 


1)  M.  vgl.  z.  B.  Plct.  Alex.  c.  52.  53.  Arrian  IV,  9  —  11. 

2)  Dieses  Verhältniss  erhellt  ausser  dem  Umstand,  dass  Antipaters  Sohn 
Kassander  ein  aristotelischer  Schüler  war  (Plut.  Alex.  74),  aus  den  Briefen 
des  Philosophen  an  Antipater  (Arlstokl.  b.  EüS.  pr.  ev.  XV,  2,  9.  Diog. 
27.  Demetk.  De  elocut.  225.  Aelian  V.  H.  XIV,  1),  namentlich  aber 
daraus,  dass  Antipater  von  Arist.  bei  Diog.  11  zu  seinem  obersten  Testa- 
mentsvollstrecker bestimmt  wird.  Auch  die  falsche  Nachrede  über  seinen 
Antheil  an  Alexanders   Tod  (s.  u.)  setzt  es  voraus. 

3)  M.  s.  Pli  t.  a.  a.  O.  (freilich  ein  Vorfall  aus  Alexander's  letzter  Zeit, 
nach  der  Hinrichtung  des  Kallisthenes).  Ueber  Antipater  vgl.  ebd.  39.  49. 
Ahkian  VII,  12.     Curt.  X,  31.     Diodor   XVII,  118. 

4)  Das  nähere  über  ihn  geben  Plct.  Alex.  53 — 55  vgl.  Sto.  rep.  20,  6. 
S.  1043.  qu.  conv.  I,  6.  S.  623.  Arrian  IV,  10—14.  Curt.  VIII,  18  ff., 
vgl.  auch  Cii  \i.i>  b.  Athen.  X,  434,  d.  Theophbast  b.  Cic.  Tusc.  III,  10,  21. 
Sehboa  nat.  qu.  VI,  23,  2,  von  Neueren  Staiir,  Arist.  I,  121  ff.  Drovsen, 
Gesch.  Alex.  11,  88  ff.  Grote,  Hist*.  of  Greece  XII,  290  ff.  u.  a.  Auf  die 
weit  auseinandergehenden  Urtheile  dieser  Männer  über  Kallisthenes  kann  ich 
hier  natürlich   nicht  eintreten. 


r29.  30]  Späteres  Verhält  nie  s  zu  Alexander.  35 

Zweifel  ganz  fremd  war  '),  das  Leben  2).  Im  ersten  Augenblick 
wandte  sich  der  Verdacht  des  gereizten  Herrschers  selbst  gegen 
Aristoteles  3),  der  seinen  Verwandten  Kallisthenes  bei  sich  |  auf- 
erzogen und  ihn  später  Alexander  empfohlen  hatte4);  wie  drin- 
gend auch  jener  selbst  den  unbesonnenen  jungen  Mann  zur  Vor- 
sicht ermahnt  haben  mochte  5).  Doch  hatte  diess  für  ihn,  ausser 
einer  merklichen  Erkältung  seiner  Beziehungen  zu  Alexander, 
keine  weiteren  Folgen  6).  Wenn  sich  nichtsdestoweniger  an  den 
Tod  des  Kallisthenes  die  Behauptung  angeknüpft  hat,  dass  Ari- 
stoteles bei  der  angeblichen  Vergiftung  Alexanders  durch  Anti- 
pater  mitgewirkt  habe "),  so  ist  die  vollkommene  Grundlosigkeit 


1)  Inwiefern  ihn  die  Schuld  traf,  die  jungen  Leute  durch  unvorsichtige 
und  aufreizende  Reden  in  ihrem  Vorhaben  bestärkt  zu  haben,  lässt  sich  nicht 
ausmitteln,  eine  wirkliche  Mitwissenschaft  oder  Miturheberschaft  dagegen, 
wie  sie  ihm  zur  Last  gelegt  wurde,  ist  nicht  allein  unerweislich ,  sondern 
auch  höchst  unwahrscheinlich. 

2     Die  Art  seines  Todes  wird  bekanntlich  verschieden  angegeben. 

3)  Bei  Plut.  Alex.  55  schreibt  er  an  Antipater:  oi  ixiv  nuldtg  vno 
Tüiv  Ala/.iäörwv  xt(Ti).£vaür]aKV'  tov  Jf  ffoytffr^i'  (Kallisth.)  tyaj  y.oXä(J(D 
y.ca  rovg  £x7ti[x\paVTaq  avxbv  y.iil  xovg  vnoJfxo/uti'Ovg  raTg  nöXeOi  roiig 
ifioi  {n<fiov).tvovTag.  Nach  Chares  (Plut.  a.  a.  0.)  hatte  er  anfangs  im 
Sinn,  in  Gegenwart  des  Aristoteles  über  Kallisthenes  Gericht  zu  halten. 
Nur  eine  rednerische  Uebertreibung,  keine  geschichtliche  Angabe,  ist  die 
Behauptung  des  Dio  Chrysost.  or.  64,  S.  338:  Alexander  sei  damit  umge- 
gangen, Aristoteles  und  Antipater  tödten  zu  lassen. 

4)  Pllt.  a.  a.   O.  Arrian   IV,    10,   1.     Diog.   4  f.     Suid.  KakUa&. 

5)  Diog.  a.  a.  0.  Valer.  Max.  VII,  2,  ext.  8  vgl.  Plut.  Alex.  54. 

6)  Plutabch  sagt  diess  ausdrücklich,  s.  o.  24,  ],  und  die  Angabe  bei 
DiOG.  10,  dass  Alexander,  um  seinen  Lehrer  zu  kränken,  Anaximenes  von 
Lampsakus  und  Xenokrates  Beweise  seiner  Gnade  habe  zukommen  lassen, 
würde  das  Gegentheil  nicht  beweisen,  wenn  sie  auch  glaubhafter  wäre.  Aber 
ein  so  kleinliches  Verfahren  liegt  nicht  in  Alexanders  Charakter  und  würde 
auf  Aristoteles  auch  schwerlich  viel  Eindruck  gemacht  haben;  Plut.  a.  a.  O. 
sieht  in  der  Huld,  welche  der  König  Xenokrates  erwies,  gerade  eine  Nach- 
wirkung des  aristotelischen  Unterrichts.  Was  freilich  Philop.  in  Meteorol. 
(Arist.  Meteorol.  ed.  Ideler  I,  142)  über  einen  angeblich  aus  Indien  ge- 
schriebenen Brief  Alexanders  an  Arist.  mittheilt,  kann  man  für  die  Fortdauer 
ihres  freundschaftlichen  Verkehrs  nicht  anführen. 

7)  Der  erste  Zeuge  dafür  ist  ein  gewisser  Hagnothemis  b.  Plut.  Alex.  77, 
der  die  Sache  von  König  Antigonus  (wohl  Antig.  I.)  gehört  haben  wollte; 
weiter  erwähnt  der  Sage  Arrian  VII,  27,  indem  er  ihr,  wie  Plutarch,  wider- 
spricht; auch  Pi.in.   II.  nat.    XXX.    16,    Schi,   behandelt   sie    als   Erdichtung. 

3* 


36  Aristoteles.  [30.  31] 

dieser  Anschuldigung  längst  nachgewiesen  1).  Und  wirklich  hatte 
ja  auch  |  Aristoteles  so    wenig    Ursache,    den  Tod  seines   könig- 

Nacfa  Xiruii.iN  LXXVII,  7.  S.  1293  E.  entzog  Kaiser  Caracalla  wegen 
Aristoteles'  angeblicher  Blutschuld  den  Peripatetikern  in  Alexandrien  ihre 
Privilegien. 

])  Der  Beweis,  welchen  schon  Staiik  Arist.  I,  136  ff.  geführt  und 
Drotsen  Gesch.  d.  Hellen.  I,  705  f.  1.  Aufl.  ergänzt  hat,  beruht,  abgesehen 
von  der  moralischen  Undenkbarkeit  der  Sache,  hauptsächlich  auf  folgenden 
Gründen.  Erstens  bezeugt  Plit.  a.  a.  O.  ausdrücklich,  dass  der  Verdacht 
einer  Vergiftung  erst  6  Jahre  nach  Alexanders  Tod  aufgetreten  sei,  als  er 
der  leidenschaftlichen  Olympias  einen  willkommenen  Vorwand  bot,  ihren 
Hass  an  Antipaters  Familie  zu  kühlen,  und  die  öffentliche  Meinung  gegen 
Kassander,  den  angeblichen  Ueberbringer  des  Gifts,  aufzuregen ;  ein  Umstand, 
welcher  an  und  für  sich  schon  die  Angabe  mehr  als  verdächtig  macht.  Nicht 
minder  verdächtig  ist  2)  das  Zeugniss  des  Antigonus,  da  auch  dieses  doch 
nur  aus  der  Zeit  stammen  kann,  in  der  er  mit  Kassander  verfeindet  war; 
dabei  fragt  es  sich  aber  immer  noch,  ob  dieser  auch  schon  Aristoteles  der 
Theilnahme  an  dem  Verbrechen  beschuldigt  hatte.  Denn  höchst  auffallend 
ist  3),  dass  von  den  leidenschaftlichen  Gegnern  des  Stagiriten,  denen  sonst 
keine  Verläumdung  gegen  ihn  zu  schlecht  ist,  einem  Epikur,  Timäus,  De- 
mochares,  Lyko  u.  s.  w.  (m.  s.  über  dieselben  Aeistokl.  b.  Eus.  pr.  ev.  XV,  2 
und  was  S.  8  f.  weiter  angeführt  wurde)  eine  Erwähnung  dieser  Anschul- 
digung, die  ihnen  doch  vor  allem  willkommen  sein  musste,  nicht  bekannt 
ist.  Dazu  kommt  4),  dass  fast  alle,  die  von  Alexanders  Vergiltung  reden, 
die  fabelhafte,  allem  nach  schon  bei  der  ersten  Verbreitung  jener  Sage  in 
Umlauf  gesetzte,  und  auf  die  Volksphantasie  auch  ganz  gut  berechnete  An- 
gabe haben,  sie  sei  durch  Wasser  von  der  nonakrischen  Quelle  (der  Styx) 
bewirkt  worden;  was  wieder  beweist,  dass  wir  uns  hier  nicht  auf  geschicht- 
lichem Boden  befinden.  5)  weist  das,  was  Akrian  und  Plutakch  über  den 
Gang  von  Alexanders  Krankheit  aus  der  Hofchronik  mittheilen,  durchaus 
nicht  auf  Vergiftung.  Wenn  ferner  6)  Aristoteles  durch  Kallisthenes'  Schick- 
sal zu  seinem  Verhrechen  bestimmt  worden  sein  soll,  so  kann  dieses  weder 
einen  so  unauslöschlichen  Groll  in  ihm  erzeugt  haben,  dass  derselbe  noch 
6  Jahre  später  einen  derartigen  Ausbruch  genommen  hätte,  da  er  selbst  ja 
hei  der  Gemüthsart  und  dem  Benehmen  seines  Verwandten  diesen  Ausgang 
vorausgesehen  hatte,  noch  kann  er  andererseits  den  Tod  des  Königs  zu 
seiner  eigenen  Sicherheit  nöthig  gefunden  haben,  nachdem  eine  so  lange 
Erfahrung  gezeigt  hatte,  wie  wenig  er  für  sich  von  ihm  zu  fürchten  habe. 
Wahrscheinlich  stand  aber  sein  eigener  Adoptivsohn  im  Dienst  Alexanders, 
von  dem  ihm  wichtige  Aufträge  anvertraut  wurden  (s.  o.  S.  5,  6).  Was 
aber  7)  das  Gerücht  von  Alexanders  Vergiftung  für  sich  schon  widerlegt, 
das  ist  der  weitere  Gang  der  Ereignisse.  Alexanders  Tod  gab  für  Griechen- 
land das  Zeichen  zum  Ausbruch  eines  Aufstands,  durch  welchen  gerade 
Antipater    im    lamischen  Krieg    aufs   äusserste    bedrängt  wurde.     Jeder,  der 


[31.  32]  Flucht  aus  Athen.  37 

liehen  Schülers  zu  wünschen,  dass  vielmehr  dieses   Ereigniss  für 
ihn  selbst  ernstliche  Gefahren  herbeiführte. 

Die  unerwartete  Kunde  von  dem  plötzlichen  Ende  des  ge- 
fürchteten Eroberers  rief  nämlich  in  Athen  die  äusserste  Auf- 
regung gegen  die  macedonische  Oberherrschaft  hervor,  und  so- 
bald man  |  darübervolle  Gewissheit  erlangt  hatte,  ■  brach  diese  Auf- 
regung in  offenen  Krieg  aus.  Athen  stellte  sich  an  die  Spitze  aller 
derer,  welche  die  Freiheit  Griechenlands  erstreiten  wollten,  und  ehe 
der  macedonische  Statthalter  Antipater  lünreichend  gerüstet  war, 
sah  er  sich  von  einer  Uebermacht  angegriffen,  deren  Bewältigung  ihm 
nur  nach  langem  gefahrvollem  Kampf  in  dem  lamischen  Kriege 
gelang  i).  Gleich  bei  ihrem  Beginn  wandte  sich  diese  Bewegung, 
wie  sich  diess  nicht  anders  erwarten  liess,  gegen  die  hervor- 
ragenden Mitglieder  der  macedonischen  Partei,  und  mochte  auch 
Aristoteles  keine  politische  Rolle  gespielt  haben2),  so  war  doch 
sein  Verhältniss  zu  Alexander,  seine  freundschaftliche  Verbindung 
mit  Antipater  zu  bekannt,  sein  Name  zu  berühmt,  er  hatte  auch 


mit  den  damaligen  Verhältnissen  bekannt  war,  konnte  eine  solche  Bewegung 
für  diesen  Fall  mit  vollkommener  Sicherheit  voraussehen.  Wäre  Antipater 
vom  Tode  des  Königs  nicht  ebenso,  wie  alle  andern,  überrascht  worden,  so 
würde  er  seine  Vorkehrungen  getroffen  haben,  um  den  Aufständischen  ent- 
weder die  Stirne  bieten  zu  können,  oder  sich  als  Befreier  an  ihre  Spitze  zu 
stellen.  Hätte  man  andererseits  Antipater  für  den  Urheber  des  Ereignisses 
gehalten,  welches  die  Griechen  als  den  Anfang  ihrer  Freiheit  feierten,  so 
würde  sich  die  Bewegung  nicht  vom  ersten  Augenblick  an  gegen  ihn  ge- 
wendet haben,  und  hätte  man  Aristoteles  einen  Antheil  daran  zugeschrieben, 
so  würde  er  in  Athen  nicht,  sofort  auf  Leben  und  Tod  verklagt  worden  sein. 

1)  Das  nähere  über  diese  Vorgänge  bei  Dboysen,  Gesch.  d.  Hellenism. 
I,   59  ff.  (1.  Aufl.) 

2)  Nach  Abistoki.,  b.  Eis.  pr.  ev.  XV,  2,  3  hatte  Demochares  (ohne 
Zweifel  der  Neffe  des  Demosthenes,  über  welchen  Cic.  Brut.  83,  286.  De 
orat.  II,  23,  95.  Sem;,  v  de  ira  III,  23,  2.  Plut.  Demosth.  30.  vit.  X.  orat. 
VIII,  53.  S.  847.  Suid.  u.  d.  W.  z.  vgl.)  dem  Philosophen  vorgeworfen,  es 
seien  Briefe  von  ihm  aufgefangen  worden,  welche  feindselig  gegen  Athen 
waren,  er  habe  Stagira  den  Macedoniern  verrathen,  und  nach  der  Zerstörung 
Ülynth's  Philipp  die  reichsten  Bürger  dieser  Stadt  angegeben.  Aber  schon 
die  zwei  letzten,  selbst  den  äusseren  Verhältnissen  nach  unmöglichen  Be- 
hauptungen zeigen,  was  auch  von  der  ersten  zu  halten  ist.  Aristokles  hat 
ganz  Recht,  wenn  er  sagt,  man  brauche  diese  Dinge  nur  anzuführen,  um  sie 
zu  widerlegen.  Nicht  einmal  die  Ankläger  des  Arist.  scheinen  etwas  der  Art 
vorgebracht  zu   haben. 


38  Aristoteles.  [32.  33] 

der  persönlichen  Neider  und  Feinde  ohne  Zweifel  zu  viele,  als 
dass  er,  der  Erzieher  des  macedonischen  Herrschers,  unangefoch- 
ten bleiben  konnte.  Eine  Klage  wegen  Verletzung  der  be- 
stehenden Religion,  welche  an  sich  selbst  ungereimt  genug  war, 
musste  den  Vorwand  zur  Befriedigung  des  politischen  und  per- 
sönlichen Hasses  hergeben  *).  Aristoteles  |  fand  es  gerathen,  dem 
drohenden  Sturm  auszuweichen  2) :  er  flüchtete  sich  nach  Chalcis 


1)  Die  Klage,  von  Demophilus  auf  Betrieb  des  Ilierophanten  Eurymedon 
eingebracht,  gieng  auf  die  Vergötterung  des  Hermias,  für  welche  der  Beweis 
in  dem  S.  21,  2  erwähnten  Gedicht  und  wohl  auch  in  dem  angeblichen  Opfer 
(S.  21,  1)  liegen  sollte  (Athen.  XV,  696,  a.,  697,  a.  Diog.  5.  Anon.  Men. 
Siid.  Hestch.;  Omg.  e.  Cels.  I,  65  nennt  statt  dessen  wohl  nur  aus  eigener 
Vermuthung  riVa  Soyiiara  Ttjg  (fvloaoqiug  ai/Tov  a  h'öfitauv  tireti  clotßrj 
ot  *A&T}rct7ot).  Die  Schwäche  dieses  Klagegrundes  beweist  aber  zur  Genüge, 
dass  er  blosser  Vorwand  war,  wenn  auch  vielleicht  der  Hicrophant  in  dem 
Philosophen  neben  dem  Freund  Antipaters  auch  den  Aufklärer  hasste.  Eine 
ehrlich  gemeinte  Anklage  wegen  Gottlosigkeit  war  in  dem  damaligen  Athen 
wohl  kaum  noch  möglich,  wogegen  allerdings  die  grosse  Masse  auch  durch 
eine  solche,  die  anderen  Motiven  zum  Vorwand  diente,  in  Bewegung  gesetzt 
werden  konnte;  und  dass  es  in  dieser  Beziehung  auf  die  Athener  Eindruck 
machen  konnte,  wenn  ihnen  gesagt  wurde,  Arist.  habe  einen  Eunuchen,  der 
erst  Sklave  dann  Tyrann  war,  wie  einen  Heros  geehrt,  zeigt  Grote  18  f. 
Derselbe  macht  S.  14  f.  darauf  aufmerksam,  wie  verletzend  für  das  helle- 
nische Selbstgefühl  jener  Befehl  war,  den  Aristoteles'  Adoptivsohn  überbracht 
hatte  (vgl.  S.  5,6  g.  E.).  Grote's  (S.  37)  und  Grant's  (S.  24)  weitere  Ver- 
muthung, dass  auch  die  Feindschaft  der  isokratischen  Schule  bei  der  Klage 
gegen  Ar.  mitbetheiligt  gewesen  sei,  kann  richtig  sein,  aber  sie  wird  durch 
den  Umstand,  dass  Demophilus  ein  Sohn  des  Ephorus,  und  dass  dieser, 
vielleicht  auch  jener,  ein  Schüler  des  Isokrates  war,  nicht  erwiesen.  Noch 
weniger  haben  wir  eine  Veranlassung,  mit  den  Genannten  auch  der  Ab- 
neigung der  Akademiker  gegen  ihren  abtrünnigen  Mitschüler  einen  Theil 
der  Verantwortlichkeit  für  die  Verfolgung  des  letztern  aufzubürden. 

2)  Seine  Aeusserungen  hierüber:  er  wolle  den  Athenern  keine  Gelegen- 
heit geben,  sich  zum  zweitenmal  an  der  Philosophie  zu  versündigen,  und: 
Athen  sei  der  Ort,  wo,  nach  Homer,  oy%vri  in'  oy/Vy  yrjQc<axft,  avxov  ö' 
inl  ot'xo)  (Anspielung  auf  die  Sykophanten),  finden  sich  bei  Diog.  9.  Aelian 
III,  30.  Omg.  a.  a.  O.  Ei  btath.  in  Odyss.  H,  120.  S.  1573.  Ammon.  S.  48. 
v.  Marc.  8.  Ammon.  lat.  17.  Die  letztern  lassen  ihn  dicss  in  einem  Brief 
an  Antipater  äussern;  nach  Favorin  b.  Diog.  a.  a.  O.  war  der  homerische 
Vers  in  der  Verteidigungsschrift  angeführt,  die  auch  der  Anon.  Menag.  g. 
E.  und  Athen.  XV,  697,  a  kennt.  Indessen  bezweifelt  schon  Athen. 
die  Aechtheit  dieser  Schrift  (für  die  auch  Groti:  S.  22  keine  wei- 
teren Gründe  angibt) ,  und  der  Anonymus  rechnet  sie  zu  den  Pseud- 
epigraphen ;    und    man    sieht    auch    nicht   ein,    was  Aristoteles,  der  sich  in 


[33.   34,  Flucht   aus  Athen.  39 

auf  Euböa  l),  wo  er  ein  Landhaus  besass  2),  und  sich  wohl  auch 
sonst  schon  zeitemveise  aufgehalten  hatte 3) ;  seine  Feinde  konn- 
ten ihm  ausser  einigen  leicht  zu  verschmerzenden  Beleidigungen  4) 
nichts  anhaben.    Das  Lelu'amt  im  Lyceum  |  übernahm,  zunächst 


Sicherheit  befand,  und  sich  gewiss  über  die  Erfolglosigkeit  eines  solchen 
Schritts  nicht  täuschte,  zu  dieser  Selbstvertheidigung  hätte  bewegen  können. 
Es  ist  ohne  Zweifel  ein  rednerisches  Uebungsstück,  eine  Nachahmung  der 
sokratischen  Apologieen.  Was  Athenäus  daraus  mittheilt,  ist,  den  Gedanken 
betreffend,  dem  Ausspruch  des  Xenophanes  entnommen,  welcher  Th.  I,  490,  1 
aus  Aristoteles  (Rhet.  II,  23.  1400,  b,  5)  angeführt  ist;  im  übrigen  erinnert 
es  an  die  Art,  wie  die  platonische  Apologie  26,  D  ff.  den  Ankläger  in  einen 
Widerspruch  zu  verwickeln  sucht.  Der  Verfasser  verfährt  aber  dabei  sehr 
ungeschickt:  er  lässt  Arist.  sagen,  wenn  er  den  Hermias  für  u&avarog  hielte, 
würde  er  ihm  kein  Grabmal  errichtet  haben,  als  ob  der,  dessen  Asche  im 
Grab  liegt,  nicht  zugleich  als  Heros  fortleben  könnte. 

1)  Es  wäre  diess  nach  Apollodor  b.  Diog.  10.  Ol.  114,  3,  also  nach  der 
Mitte  d.  J.  322  v.  Chr.  geschehen.  Diess  ist  jedoch  nicht  wahrscheinlich. 
Denn  theils  redet  Strabo  a.  a.  0.  und  Heraklides  b.  Diog.  X,  1  so,  als 
ob  Arist.  längere  Zeit  in  Chalcis  gelebt  hätte,  theils  ist  es  an  und  für  sich 
viel  wahrscheinlicher,  dass  die  Anklage  gegen  Aristoteles  gleich  während  der 
ersten  Aufregung  gegen  die  macedonische  Partei,  als  dass  sie  später,  nach 
Antipater's  entscheidenden  Siegen  in  Thessalien,  erhoben  wurde,  und  dass 
Aristoteles  bei  Zeiten  flüchtete,  statt  den  ganzen  Verlauf  des  lamischen  Kriegs 
in  Athen  abzuwarten.  Ich  vermuthe  daher,  dass  er  schon  im  Spätsommer 
323  Athen  verliess,  und  dass  auch  Apollodor  nur  gesagt  hat,  was  bei  Dioxys. 
ep.  ad  Amm.  I,  5  steht,  Aristoteles  sei  Ol.  114,  3,  nach  Chalcis  geflüchtet, 
gestorben.  Andererseits  kann  man  aber  auch  nicht  (mit  Stark  I,  147)  auf 
eine  noch  frühere  Uebersiedelung  dorthin  aus  der  Angabe  des  Hekaklides 

a.  a.  O.  schliessen,  dass  Aristoteles,  als  Epikur  nach  Athen  kam,  sich  in 
Chalcis  aufgehalten  habe;  rO.t iTtjaccvrog  cT  lAXegurägov  ...  /utTtX&tiv  (sc. 
'En(xovQOv)  lig  Ko).o<fdiva.  Denn  da  die  Flucht  des  Philosophen  nach 
Chalcis  nur  durch  die  ihm  in  Athen  drohende  Gefahr  veranlasst  war,  diese 
Gefahr  aber  erst  in  Folge  von  Alexanders  Tod  eintrat,  welchen  kein  Mensch 
vorhersehen  konnte,  so  kann  Arist.  unmöglich  früher  nach  Chalcis  gegangen 
sein,  als  die  Nachricht  vom  Tode  des  Königs  nach  Athen  kam,  also  nicht 
vor  der  Mitte  d.  J.  323.  Jene  Angabe  des  Heraklides  oder  Diogenes'  Be- 
richt von  derselben  muss  demnach  ungenau  sein.    David  Schol.  in  Arist.  26, 

b,  26  begeht  das  unglaubliche,  die  Flucht  nach  Chalcis  in  die  nächste  Zeit 
nach  Sokrates'  Tod,  der  falsche  Ammonius  (s.  o.  ?8,  3),  sie  in  die  Zeit  vor 
Alexanders  Perserzug   zu  verlegen. 

2)  S.  o.  S.  4,   1. 

3     Vgl.  Strabo  X,   1,   11.  S.  44S. 

4)  Im  Fragment  eines  Briefs  an  Antipater  bei  Aelia.n  V.  H.  XIV,  l(s.  u.  48,  1) 
erwähnt  er.  wahrscheinlich  aus  dieser  Zeit,    twv  h-   Jtlyois    xp^ia&ivxwv 


40  Aristoteles.  [34] 

wohl  mir  für  die  Zeit  seiner  Abwesenheit1),  Theophrast2).  In- 
dessen sollte  sich  Aristoteles  seines  Asyls  nicht  lange  erfreuen. 
Schon  im  folgenden  Jahr,  im  Sommer  d.  J.  322  v.  Chr. 3) ,  er- 
lag er  einer  Krankheit,  an  der  er  schon  länger  gelitten  hatte4), 
so  dass  er  demnach  von  seinen  zwei  grossen  Zeitgenossen,  Ale- 
xander und  Demosthenes,  den  einen  nur  um  ein  volles  Jahr 
überlebt  hat,  und  dem  andern  um  weniges  im  Tode  vorangieng. 


fxot  xai  ihr  cci(riQT]uKi  rüv.  Was  diess  aber  war,  ob  eine  Bildsäule  oder 
irgend  ein  Ehrenrecht,  z.  13.  Proedrie,  oder  was  sonst,  und  von  wem  er  e> 
erhalten  hatte,  wird  nicht  mitgetheilt.  War  es  ihm  von  den  Athenern  ver- 
liehen, so  könnte  es  mit  den  S.  26,  2  erwähnten  Diensten  zusammenhängen. 

1)  Vgl.  hierüber  S.  42,   1. 

2)  Diog.  V,  36,  und  nach  ihm  Suid.  @s6(fQ. 

'S)  Das  Olympiadenjahr  114,3  nennt  Apollodok  b.  Diog.  10.  v.  Marc.  3. 
Ammon.  lat.  12  vgl.  Dionys.  a.  a.  O.  Die  nähere  Zeitbestimmung  ergibt 
sich  aus  der  Angabe  (Apollodor  a.  a.  O.),  er  sei  um  dieselbe  Zeit,  wie 
Demosthenes,  oder  genauer  (Gell.  N.  A.  XVII,  21,  35)  kurz  vor  Demosthenes, 
gestorben.  Da  nun  dieser  nach  Plut.  Demosth.  30.  Ol.  114,  3  am  16. 
Pyanepsion  (322,  14.  Oktbr.)  starb,  so  muss  Aristoteles' Tod  in  die  Zeit  vom 
Juli  bis  zum  September  dieses  Jahrs  fallen. 

4)  Dass  er  an  einer  Krankheit  starb,  sagen  Apollodok  und  Dionys. 
a.  d.  a.  0.,  vgl.  Gell.  XIII,  5,  1  ;  Censorin  di.  nat.  14,  16  fügt  bei:  hunc 
ferunt  naturalem  stomachi  inßrmitatem  crebrasque  morbidi  corporis  offensiones  adeo 
virtute  animi  diu  sustentasse,  ut  magis  mirum  sit  ad  annos  sexaginta  tres  eum 
vitam  protulisse,  quam  ultra  non  pertulisse.  Die  Behauptung  des  Eumelus  b. 
Diog.  6  (über  den  S.  2,  2.  6,  3),  welcher  der  Anon.  Menag.  S.  61  und  nach 
ihm  Suid.  folgt,  dass  er  sich  mit  Schierling  vergiftet  habe  (oder  gar,  wie 
Hesych.  will,  zum  Schierlingsbecher  verurtheilt  worden  sei),  scheint  aus 
einer  Verwechslung  mit  Demosthenes  oder  einer  Nachbildung  von  Sokrates' 
Ende  herzurühren ;  keinenfalls  aber  ist  sie  geschichtlich,  da  sie  die  zuver- 
lässigsten Zeugnisse  gegen  sich  hat,  und  weder  mit  den  Grundsätzen  des 
Philosophen  (Eth.  N.  III,  11.  1116,  a,  12.  V,  15,  Anf.  IX,  4.  1166,  b,  11) 
noch  mit  der  Sachlage  übereinstimmt;  denn  in  Euböa  war  er  ja  ausser  aller 
Gefahr.  Das  Märchen  vollends,  welches  sich  aber  in  dieser  Form  doch  nur 
bei  Elias  Ckktensis  S.  507,  D  Col.  findet,  dass  er  sich  in  den  Euripus 
gestürzt  habe,  weil  er  die  Ursachen  seiner  Erscheinungen  nicht  ergründen 
konnte,  bedarf  keiner  Widerlegung,  und  auch  das,  was  der  angebliche  Justin 
Cohort.  c.  36.  Greg.  Naz.  or.  IV,  112,  A.  Pkocof.  De  bello  Goth.  IV, 
579,  C  (denen  noch  Stahb  I,  155,  5  trotz  Bayle's  richtigerer  Auflassung, 
Art.  Aristote,  Anm.  Z,  die  gleiche  Angabe  zuschreibt)  allein  haben,  und 
was  selbst  Baylk  a.  a.  O.  des  Philosophen  höchst  würdig  findet,  dass  ihn 
sein  vergebliches  Nachsinnen  über  jene  Erscheinung  durch  Kummer  und 
Anstrengung  aufgerieben  habe,  ist  sehr  unglaubhaft. 


[35]  Tod.  41 

Sein  Leichnam  |  soll  nach  Stagira  gebracht  worden  sein  x) ;  sein 
letzter  Wille,  ein  Beweis  treuer  Anhänglichkeit  und  umfassender 
Fürsorge  für  die  Semigen,  auch  für  Sklaven,  ist  uns  noch  er- 
halten2).     Zum    Vorstand    seines    Schülerkreises    bestimmte    er 


1)  Was  freilich  nur  v.  Marc.  4  und  Ammon.  lat.  13,  und  zwar  mit  dem 
Zusatz  berichten,  es  sei  auf  seinem  Grab  ein  Altar  errichtet  und  an  diesem 
Orte  die  Bathsversammlung  gehalten  worden.  Auch  ein  Fest  IdQiGToriluK 
soll  begangen,  und  ein  Monat  AQiOTOTtkeiog  genannt  worden  sein.  Die 
Zeugen  sind  schlecht;  aber  wenn  man  erwägt,  dass  A.  nicht  allein  der 
berühmteste  Bürger,  sondern  auch  der  Gründer  der  Stadt  war,  (bei  Dio  or. 
47,  224  wird  von  ihm  gesagt:  er  sei  der  einzige,  der  das  Glück  hatte,  rrjs 
nuTQiäog  oiy.iarrjv  ytve'o&cu),  so  wird  man  die  Sache  nicht  für  unmöglich 
oder  besonders  unwahrscheinlich  halten  können. 

2)  Er  st?ht  bei  Diog.  11  ff.  Nach  V,  64  ist  zu  vermuthen,  dass  er 
ebenso,  wie  die  Testamente  Theophrast's,  Strato's  und  Lyko's,  bei  Aristo  zu 
finden  war;  wenn  jedoch  dieser  im  Cobet'schen  Text  6  XTog  genannt  wird, 
so  ist  diess  eine  verfehlte  Correctur  des  älteren  AqiGtwv  6  olxtios,  statt 
dessen  vielmehr  *A.  6  Kfios,  der  bekannte  Peripatetiker  aus  der  zweiten 
Hälfte  des  dritten  Jahrhunderts  (vgl.  S.  750  f.  2.  Aufl.),  zu  setzen  war. 
Gegen  das  Ende  des  gleichen  Jahrhunderts  hatte  nach  Athen.  XIII,  589,  c 
Hermippus  diese  Urkunde  angeführt,  welche  nach  v.  Marc.  8  f.  Amm.  lat.  17 
auch  Andronikus  und  Ptolemäus  ihren  (später  zu  berührenden)  Verzeichnissen 
der  aristotelischen  Schriften  beifügten;  es  heisst  nämlich  dort:  Arist.  habe 
eine  iJiccd-r^y.r]  hinterlassen,  rj  (ft'qeTcti  jtuqÜ  ts  Avd'govt'y.q)  xcti  Urolsutttw 
//fr«  .  .  .  nCvax  .  .  idv  avrov  övyyQccu ucctcdv,  was  Heitz  Verl.  Sehr.  d. 
Arist.  34  unter  Berufung  auf  die  Uebersetzung  des  Lateiners :  cum  voluminibus 
suorum  traetatuum  richtig  fi.  rw  ixivüy.wv  ergänzt.  Die  äussere  Bezeugung 
ist  daher  günstig  genug;  und  diess  um  so  mehr,  da  sich  annehmen  lässt, 
die  Testamente  des  Aristoteles  und  seiner  Nachfolger  seien  von  der  peri- 
patetischen  Schule,  für  welche  das  des  Theophrast,  Strato  und  Lyko  den 
Werth  von  Stiftungsurkunden  hatten,  sorgfältig  aufbewahrt  worden,  Aristo 
aber  der  unmittelbare  Nachfolger  Lyko's  war.  Auch  in  ihrem  Inhalt  trägt 
aber  diese  Urkunde  alle  Merkmale  der  Aechtheit,  und  was  derselben  ent- 
gegengehalten werden  könnte  (vgl.  Grast  a.  a.  O.  26  f.),  beweist  nicht  viel. 
Es  kann  auffallen,  dass  in  dem  Testament  weder  eines  Hauses  in  Athen, 
das  doch  Arist.  dort  ohne  Zweifel  besass,  noch  seiner  Bibliothek  erwähnt 
wird.  Aber  gerade  ein  Späterer  würde  die  letztere,  welche  für  die  peri- 
patetische  Schule  das  meiste  Interesse  hatte,  wohl  am  wenigsten  übergangen 
haben ;  wogegen  es  sehr  möglich  ist,  dass  Aristoteles  selbst  sich  schon  früher 
darüber  erklärt  hatte,  wie  er  es  damit  gehalten  wissen  wollte,  und  diess  in 
der  uns  überlieferten  letztwilligen  Verfügung,  die  überhaupt  mehr  eine  An- 
weisung für  Freunde,  als  ein  förmliches  und  vollständiges  Testament  ist,  und 
nicht  so,  wie  die  seiner  drei  Nachfolger,  über  alle  Theile  seines  Vermögens 
Bestimmungen    trifft,    zu    wiederholen     nicht    nöthig    fand.     Ist    es    Gi:am 


42  Aristoteles.  [35] 

Theophrast  '  | :  derselbe  erhielt  auch  den  werthvollsten  Theil  seiner 
Hinterlassenschaft,  seine  Bücher2). 

lieber  die  Persönlichkeit  unseres  Philosophen  sind  wir  durch 
die  Ueberlieierung   nur   sein'  unvollständig-  unterrichtet.     Ausser 


ferner  unwahrscheinlich,  dass  Pythias  beim  Tod  ihres  Vaters  noch  nicht 
heiratsfähig  und  Nikomachus  noch  ein  Kind  (oder  Knabe)  gewesen  sein 
sollte,  so  kann  ich  diess  nicht  finden:  warum  hätte  Pythias  ihrem  Gatten 
nicht  (vielleicht  nach  dem  Tod  älterer  Kinder)  ein  Jahrzehend  nach  ihrer 
Verheirathung  eine  Tochter  schenken,  und  Aristoteles  nicht  in  seinem  63.  Jahr 
von  einer  Frau,  an  deren  Wiederverheirathung  noch  ernstlich  gedacht  werden 
konnte  (vgl.  S.  22  m.),  einen  Sohn  haben  können,  der  das  Knabenalter  noch 
nicht  überschritten  hatte?  Wir  wissen  ja  aber  auch  sonst,  dass  die  Erziehung 
des  Nikomachus  Theophrast  anheimfiel.  Erweckt  ferner  die  Nennung  Anti- 
paters  bei  Grast  den  Verdacht,  dass  sich  hier  der  Fälscher  eines  berühmten 
Namens  bediene,  so  erklärt  sie  sich  doch,  die  Aechtheit  des  Schriftstücks 
vorausgesetzt,  sehr  natürlich  aus  dem  Wunsche  des  Arist.,  die  Ausführung 
der  Anordnungen,  die  er  zu  Gunsten  seiner  Angehörigen  getroffen  hatte, 
unter  den  Schutz  seines  mächtigen  Freundes  zu  stellen;  nur  diess  bedeutet 
aber  seine  Nennung:  er  ist  in  dem  Ehrenamt  eines  tniTQonog  naVTOiV 
vorangestellt,  die  Ausführung  des  Testaments  selbst,  das  Geschäftliche,  wird 
Theophrast  und  den  übrigen  tniueXrjTai  übertragen.  Wird  endlich  in  der 
Aufstellung  von  vier  Thierbildern,  die  Arist.  Zeus  dem  Erretter  und  Athene 
der  Erretterin  für  Nikanor  gelobt  habe  (Diog.  16),  eine  Nachahmung  des 
sokratischen  Opfers  für  Asklepios  (Plato  Phädo  118,  A)  gesucht,  so  scheint 
mir  diese  Parallele  doch  zu  weit  hergeholt;  in  der  Sache  aber  ist  dieser  Zug 
ganz  unbedenklich.  Denn  so  wenig  Aristoteles  an  die  Wirkung  eines  Ge- 
lübdes, oder  an  die  mythischen  Gestalten  des  Zeus  und  der  Athene  geglaubt 
hat,  so  vollkommen  entsprach  es  seiner  Denkweise,  in  dieser  der  griechischen 
Sitte  angemessenen  Form  seiner  Liebe  zu  seinem  Adoptivsohn  in  ihrer  ge- 
meinsamen Heimath  (die  Lilder  sollen  nach  Stagira  kommen)  ein  Denkmal 
zu  setzen.  Kr  selbst  rechnet  Eth.  IV,  5  Anf.  Weihgeschenke  und  <  ipfer  zu 
dem,  worin  sich  die  Tugend  der  /utyuLonQf'nsia  zeigt. 

1)  Die  artige  Erzählung  über  die  Art,  wie  er  diese  seine  Willensmeinung 
ausdrückte  Gell.  N.  A.  XIII,  5,  wo  aber  statt  „Menedemus"  Eudemus  stehen 
sollte,  selbst  wenn  der  Verfasser  „Menedemus"  geschrieben  hat),  ist  bekannt. 
Die  Sache  ist  auch  ganz  glaublich,  und  würde  Aristoteles,  wie  wir  ihn  sonst 
kennen,  ähnlich  sehen.  Wo  sie  sich  zutrug,  in  Athen  vor  seiner  Abreise  oder 
in  Chalcis,  lässt  sich  nicht  sicher  ausmachen,  doch  hat  die  letztere  Annahme 
mehr  für  sich.  In  diesem  Fall  kann  dann  aber  die  Uebergabe  des  Lehr- 
amts vor  der  Flucht  aus  Athen  nur  eine  interimistische  gewesen  sein,  wie 
diess  auch  an  sich  wahrscheinlicher  ist. 

2)  Stkabo  XIII,  ],  54.  S.  6U8.  Plut.  Sulla  c.  26.  Athen.  I,  3,  a 
vgl.  Diog.  V,  52. 


[35. 36;  Tod.  43 

einigen  Angaben  über  sein  Aeusseres  *)  sind  die  Anschuldigungen 
seiner  Gegner  fast  das  einzige,  was  uns  nritgetheilt  wird.  Die 
meisten  von  diesen  sind  nun  schon  früher  in  ihrem  Unwerth  ge- 
würdigt worden:  |  so  diejenigen,  welche  sich  auf  sein  Verhält- 
niss  zu  Plato,  zu  Hermias,  zu  seinen  zwei  Frauen,  zu  Alexan- 
der, auf  die  angeblichen  Un Würdigkeiten  seiner  Jugend  und  die 
politischen  Schlechtigkeiten  seiner  späteren  Jahre  beziehen 2). 
Auch  das  übrige  aber,  was  aus  den  Schriften  seiner  zahlreichen 
Feinde 3)    mitgetheilt    wird ,     hat    grösstenteils    nicht   viel    auf 

1)  Diog.  2  nennt  ihn  iayroay.t).i]g  und  uixjöiiiicuog,  ein  schmähendes 
Epigramm  in  der  Anthologie  III,  167  Jak.),  auf  das  nichts  zu  geben  ist, 
ßuixobg,  y  (c/.axQÖg,  nQoyäoTWo,  namentlich  geschieht  aber  eines  Sprachfehlers 
Erwähnung,  8er  in  einer  zu  v/eichen  Aussprache  des  R  bestanden  zu  haben 
scheint-,  darauf  nämlich  wird  sich  das  Prädikat  TQuvXog  bei  Diog.  a.  a.  O. 
Anon.  Menag.  Soid.  Plut.  aud.  poet.  c.  8,  S.  26.  adulat.  c.  9,  S.  53  be- 
ziehen. Einer  angeblichen  Bildsäule  von  ihm  erwähnt  Pacsax.  VI,  4,  5; 
über  andere  Aristoteles-Bilder  s.  m.  Stahr  I,  161  f.,  über  die  noch  vor- 
handenen, und  namentlich  über  die  lebensgrosse  sitzende  Statue  im  Palazzo 
Spada  in  Rom:  Schcster  über  die  erhaltenen  Porträts  der  griechischen 
Philosophen  (Leipzig  1^76)  S.  16  f.,  der  auch  ihre  Photographieengibt.  Jene 
Statue  zeigt  uns  ein  ernstes  tiefsinniges  Denkergesicht,  durch  das  eine  an- 
gestrengte geistige  Arbeit  ihre  Furchen  gezogen  hat,  hager  und  von  scharfem 
feinem  Profil.  Sie  macht  den  Eindruck  einer  so  lebensvollen  Naturwahrheit, 
und  die  Arbeit  daran  ist  so  vortrefflich,  dass  sie  recht  wohl  ein  Original 
aus  der  Zeit  des  Philosophen  oder  seines  nächsten  Nachfolgers  sein  kann. 
In  Theophrast's  Testament  (Diog.  V,  51)  wird  verordnet:  es  solle  das  von 
ihm  begonnene  uovatiov  ausgebaut  werden,  tntiTct  ttjv  IJqiototeIous  tixöru 
Te&fjrui  tig  rö  Ifgcv  xai  tu  koma  avafrquaTtt  oaa  TioÖTtoov  vnfioytv  Iv 
tö,  tipip,  was  meines  Erachtens  nur  von  einem  schon  früher  in  dem  Museum 
aufgestellten,  nicht  von  einem  neuen  Bild  verstanden  werden   kann. 

2)  Vgl.  S.  8  ff.  20,  4.  21,  1.  2.  35,  7.  36,  1.  37,2.  Zu  diesen  Verläumdungen 
gehört  auch  die  Angabe  Tertullian's  (Apologet.  46) :  Aristoteles  familiärem 
suutn  Hermiam  turpiter  loco  excedere  fecit,  was  nach  dem  Zusammenhang  doch 
nur  heissen  kann,  er  habe  ihn  verrathen,  eine  Behauptung,  so  ungereimt 
und  zugleich  so  schlecht,  dass  gerade  ein  Tertullian  nöthig  war,  um  sie  zu 
glauben,  oder  auch  zu  erfinden.  Um  nichts  besser  verbürgt  ist  die  Angabe 
des  Philo  von  Byblos  b.  Suid.  Uc<).cu'<f.,  der  Historiker  Paläphatus  aus 
Abydoa   sei  sein  Geliebter  gewesen. 

3)  Themist.  orat.  XXIII,  285,  c  redet  von  einem  aroKTog  oXog  solcher, 
welche  den  Arist.  verläumdet  hätten;  theils  bei  ihm,  theils  bei  Aristokles 
(Eüs.  pr.  ev.  XV,  2)  und  Diog.  11.  IC  werden  in  dieser  Beziehung  noch 
aus  der  Zeit  des  Arist.  und  der  nächsten  Folgezeit  genannt:  Epikur,  Timäus, 
Eubulides,  Alexinas,    Cephisodor,    Lyko,    Theokrit    von    Chios,    Demochares 


44  Aristoteles.  [36.37] 

sich  l 1 ;  und  ebenso  wenig  geben  uns  sonstige  Nachrichten  das  Recht, 
ihn  einer  egoistischen  Lebensklugheit  oder  eines  ungemessenen 
und  kleinlichen  Ehrgeizes  zu  beschuldigen2).  |  Der  erste  von 
diesen  Vorwürfen  stützt  sich  hauptsächlich  auf  sein  Verhältniss 
zu  den  macedomschen  Machthabern,  der  zweite  auf  die  Kritik, 
welche  er  in  seinen  Schriften  über  Zeitgenossen  und  Vorgänger 
ergehen  lässt.  Allein  dass  er  in  unwürdiger  Weise  um  die  Gunst 
eines  Philipp  oder  Alexander  gebuhlt  habe,  lässt  sich  nicht  be- 
weisen 3),    und  dass  er  die   Unbesonnenheiten   eines   Kallisthenes 


(uns  sind  diese   alle  a.  d.  a.  0.    schon    vorgekommen  ;    mit    welchem    Recht 
Themist.  diesen  Gegnern  Dicäarch  beifügt,  wissen  wir  nicht. 

1)  So  jene  Anschuldigungen,  welche  sich  bei  AßlSTOKL.  und  Diog.  a.  d. 
a.  0.  Sein.  L^oto-r.  Athen.  VIII,  342,  c.  XIII,  566,  e.  Plin.  h.  n.  XXXV. 
16,  2.  Aelian  V.  H.  III,  19.  Thbodobet  cur.  gr.  affect.  XII,  51.  S.  173. 
LiciAN  Dial.  moi-t.  13,  5.  Paras.  36  rinden:  Arist.  sei  ein  Schlemmer  ge- 
wesen, sei  nur  desshalb  an  den  macedonischen  Hof  gegangen,  habe  Alexander 
unwürdig  geschmeichelt,  in  seinem  Nachlass  haben  sich  75  i^oder  gar  300 
Schüsseln  gefunden;  er  sei  ferner  (wegen  Pythias  und  Herpyllis)  geschlecht- 
lich ausschweifend,  und  auch  in  seinen  Schüler  aus  Phaseiis  (Theodektes 
verliebt  gewesen 5  überdiess  so  weichlich,  dass  er  in  warmem  Oel  gebadet 
habe  (was  ohne  Zweifel  aus  medicinischen  Gründen  geschah;  vgl.  Diog.  16 
und  oben  S.  40,  4),  und  so  geizig,  dass  er  dieses  Oel  nachher  verkauft 
habe;  er  habe  sich  in  jüngeren  Jahren  mehr,  als  einem  Philosophen  zieme, 
geputzt  (was  ja  bei  einem  reichen,  in  der  Nähe  des  Hofs  aufgewachsenen 
jungen  Mann  möglich  ist),  sei  vorlaut  gewesen  und  habe  einen  spöttischen 
Zug  im  Gesicht  gehabt.  Es  liisst  sich  jetzt  nicht  mehr  ausmitteln,  ob  diesen 
Beschuldigungen  etwas  thatsächliches  und  was  ihnen  zu  Grunde  liegt,  aber 
die  Beschaffenheit  der  Zeugen  lässt  ganz  entschieden  vermuthen,  dass  dieses 
thatsächliche  jedenfalls  nur  auf  unbedeutende  Dinge  hinausläuft,  weit  das 
meiste  dagegen  böswillige  Erfindung  oder  Consequenzmacherei  ist.  Wie  die 
Grundsätze  des  Philosophen  über  den  Werth  der  äusseren  Güter  und  über 
die  Lust  zu  solchen  Verdächtigungen  benützt  wurden,  zeigt  u.  a.  Lician 
a.  a.  O.  Thbodoret  a.  a.  O.  und  der  von  ihm  angeführte  Attikis. 

2)  Vorwürfe,  denen  selbst  Stahr  I,  173  ff.  eine  grössere  Berechtigung 
einräumt,  als  ich  ihnen  zugestehen  kann. 

3)  Staiiu  findet  zwar,  es  klinge  fast  wie  Schmeichelei,  wenn  Arist.  bei 
Aei..  V.  II.  XII,  54  (Arist.  Fragm.  Nr.  611)  an  Alexander  schreibt:  6  &vfxög 
y.al  t]  6(>yr)  ov  nQog  iaovg  (wofür  mit  Kutgers  var.  lect.  I,  6.  Kose  und 
Hin/,  rjaoovs  zu  lesen  ist)  «AA«  7Tq6s  rovg  XQtinorug  yii'erai,  aol  dt 
oi'tf* i?  "aog.  Allein  wenn  Arist.  diess  auch  wirklich  an  Alex,  geschrieben  hat,  so 
hat  er  damit  nichts  weiter  als  eine  unläugbare  Wahrheit  ausgesprochen.  Er 
schrieb  es  ihm  nämlich  nach  Aelian,  um  seinen  Zorn  gegen  gewisse  Personen 
zu    besänftigen;    zu    diesem  Zweck    stellt    er    ihm    vor:    zürnen    könne  man 


37.38  Charakter.  45 

hätte  gutheissen  oder  nachahmen  sollen,  lässt  sich  nicht  ver- 
langen; nimmt  man  aber  daran  Anstoss,  dass  er  sich  überhaupt 
zur  makedonischen  Partei  hielt,  so  heisst  das  einen  falschen  und 
fremdartigen  Masstab  an  ihn  anlegen.  Aristoteles  war  allerdings 
nach  Geburt  und  Bildung  ein  Grieche.  Aber  wenn  schon  seine 
persönlichen  Verbindungen  wesentlich  dazu  beitragen  mussten, 
ihn  für  das  Fürstenhaus  zu  gewinnen,  welchem  er  und  sein  Vater 
so  nahe  standen  und  so  vieles  verdankten , '  so  konnte  die  Be- 
trachtung der  allgemeinen  Lage  nicht  dazu  dienen,  ihn  von 
diesem  Weg  abzulenken.  War  doch  schon  Plato  von  der  Un- 
nahbarkeit der  bestehenden  Zustände  überzeugt  gewesen,  hatte 
doch  er  schon  ilire  durchgreifende  Umgestaltung  gefordert. 
Dieser  Uebcrzeugung  seines  Lehrers  konnte  sich  der  Schüler 
wohl  um  so  weniger  entziehen,  je  schärfer  und  unbestechlicher 
er  die  Menschen  und  die  Dinge  zu  beobachten  verstand,  je 
klarer  er  die  Bedingungen  durchschaut  hatte,  an  welche  die 
Lebensfähigkeit  der  Staaten  und  der  Verfassungsformen  geknüpft 
ist.  Nur  dass  er  mit  seinem  praktischen  Sinn  nicht  an  das 
platonische  Staatsideal  glauben  konnte,  sondern  statt  dessen  in 
den  gegebenen  Verhältnissen  und  unter  den  bestehenden  poli- 
tischen Mächten  den  Stoff  zu  einem  staatlichen  Neubau  suchen 
musste.  Dieser  war  aber  damals  schlechterdings  nur  im  mace- 
donischen  Reiche  vorhanden ,  die  griechischen  Staaten  waren 
nicht  mehr  fähig,  ihre  Unabhängigkeit  nach  aussen  zu  behaupten 
und  ihr  inneres  Leben  aus  sich  zu  verbessern.  Die  ganze  bis- 
herige Erfahrung  bewies  diess  so  schlagend,  dass  selbst  ein 
Phocion  im  lamischen  Krieg  erklärte,  ehe  die  |  sittlichen  Zu- 
stände seines  Vaterlands  andere  geworden  seien,  lasse  sich  von 
einer  bewaffneten    Erhebung  gegen    die   Macedonier   nichts   er- 


keinem,  über  dem  man  stehe,  er  aber  stehe  über  allen.  Diess  war  ja  aber 
ganz  richtig:  wer  konnte  sich  denn  dem  Eroberer  des  Perserreichs  an  Macht 
gleichstellen?  In  diese  Zeit  müsste  nämlich  der  Brief  fallen.  Ob  er  freilich 
acht  war,  lässt  sich  nicht  ausmachen;  wenn  jedoch  Heitz  verlorene  Schriften 
d  Arist.  2S7  dieser  Annahme  entgegenhält,  dass  unser  Bruchstück  mit  dem 
b.  Piat.  tranqu.  an.  c.  13,  S.  472  u.  ö.  angeführten  (Arist.  Fragm.  614. 
15S1,  b)  nicht  übereinstimme,  in  dem  er  sich  selbst  wegen  seiner  reinen 
Vorstellungen  über  die  Götter  dem  macedonischen  Eroberer  gleichstellt,  so 
ist  mir  zwar  die  Aechtheit  des  letztern  noch  viel  zweifelhafter  als  die  des 
ä'ianischen,  beide  wären  aber  auch,  wie  mir  scheint.,  nicht  unverträglich. 


4(5  Aristoteles.  [38] 

warten1).     Dem  Freund  der   macedonischen  Könige,   dem  Bür- 
ger des  kleinen,    von    Philipp   zerstörten   und   als  macedonische 
Landstadt  wiederhergestellten    Stagira,    lag    die    gleiche    Ueber- 
zeugung  gewiss  weit  näher,    als  einem   athenischen   Staatsmann. 
Können  wir  es  ihm  verargen,  wenn  er  sich  ihr  nicht  verschluss, 
und   in   richtiger   Erkenntniss    der    Sachlage   sich    auf   die  Seite 
stellte,    welche  allein  eine   Zukunft   hatte,    und   von   der   allein, 
wenn  überhaupt  noch,  Griechenland  eine  Rettung  aus  seiner  in- 
neren Zerfahrenheit   und  Erschlaffung ,    seiner   äusseren   Unselb- 
ständigkeit hätte  kommen  können?   wenn  er  die  bisherige  Frei- 
heit der  griechischen  Einzelstaaten  für  unhaltbar  ansah,  nachdem 
ihre  tiefste  Grundlage,    die   politische  Tugend  der   Staatsbürger, 
verschwunden  war?  wenn  er  in  seinem  Alexander  die  Bedingung 
erfüllt  glaubte,  unter  der  er  die  Alleinherrschaft  für  naturgemäss 
und  gerecht  hält 2),  dass  Einer  über  alle  andern   an  Tüchtigkeit 
so  hervorrage,    um   ihre   Gleichstellung   mit   ihm   unmöglich   zu 
machen?  wenn  er  die  Hegemonie  Griechenlands  lieber  in  seinen 
Händen  wissen  wollte,  als  in  denen  des  persischen  Grosskönigs, 
um  dessen  Gunst  sich   die  griechischen   Staaten  seit   dem   pelo- 
ponnesischen   Krieg    wetteifernd    bemühten?    wenn  er   von  ihm 
hoffte,  dass  er  den  Griechen  geben  werde,    was  ihnen,    wie  er 
glaubt3),  allein  fehlte,   um  Herren  der  Welt  zu  sein,    die   staat- 
liche Einheit?     Die  politische  Haltung  unseres  Philosophen  wird 
daher,  so  weit  wir   sie  zu   beurtheilen   im    Stande   sind,    keinen 
Tadel  verdienen,    wenn  man   sie   nur  aus  dem  richtigen  Stand- 
punkt betrachtet.     Was  den  Vorwurf  des  Ehrgeizes   betrifft,    so 
ist  allerdings  seine  wissenschaftliche  Polemik  nicht  selten  schnei- 
dend und  selbst  ungerecht;   aber  doch  nimmt   sie  niemals  eine 
persönliche   Wendung,    und    überhaupt   wird   niemand   beweisen 
können,  dass  sie  aus  einer  anderen  Quelle   entspringe,    als    aus 
dem  Bestreben,    seinen  Gegenstand   möglichst  scharf  zu  behan- 
deln   und   möglichst  vollständig    zu    erschöpfen;    und  wenn   sie 
trotz  dem  immer  noch  bisweilen   den  Eindruck   einer  |  gewissen 


1)  Pi.i  r.  Phoc.  23. 

2)  Polit.  IH,   13,  Schi. 

3)  Polit.  VII,  7.  1327,  b,  29,  wo  Arist.  die  Vorzüge  des  griechischen 
Volks  auseinandersetzt:  SiöniQ  IXtvOtQov  t(  <haT().ti  xcu  ßtkriOTa  noXi- 
TftoiKVov  y.ia    Jvvuuevov   (ur/i-iv  TtttVTtOV  uiäq  ivyyävov  noXntlaq. 


39  Charakter.  47 

Rechthaberei  macht,  so  dürfen  wir  andererseits  auch  die  Ge- 
wissenhaftigkeit nicht  übersehen,  mit  welcher  der  Philosoph  jeden, 
auch  den  verborgensten  Keim  des  Wahren  bei  den  Früheren 
aufsucht,  so  dass  hier  schliesslich  doch  nur  eine  sehr  begreifliche 
und  entschuldbare  Einseitigkeit  übrig  bleibt.  Noch  weniger  wer- 
den wir,  um  anderes  zu  übergehen l),  darauf  ein  Gewicht  legen 
dürfen,  dass  Aristoteles  gehofft  haben  soll,  die  Philosophie  bald 
vollendet  zu  sehen 2) ;  denn  damit  hätte  er  sich  doch  nur  der 
gleichen  Selbsttäuschung  schuldig  gemacht,  welche  noch  man- 
chem Philosophen  nach  ihm,  und  darunter  auch  solchen  be- 
gegnet ist,  die  nicht,  wie  er,  für  Jahrtausende  Lehrer  der  Mensch- 
heit gewesen  sind.  Indessen  scheint  sich  jene  Aeusserung  in 
einer  Jugend schrift  des  Philosophen3)  gefunden,  und  nicht  seine 
eigene,  sondern  die  platonische  Lehre  als  diejenige  im  Auge  ge- 
habt zu  haben,  welche  die  Aussicht  auf  einen  baldigen  Abschluss 
der  Wissenschaft  eröffne4). 

So  weit  uns  die  wissenschaftlichen  Schriften  des  Philosophen, 
die  dürftigen  Ueberbleibsel  seiner  Briefe,  die  Bestimmungen 
seines  Testaments  imd  die  unvollständigen  Nachrichten  über  sein 
Leben  ein  Bild  seines  Charakters  gewähren,  können  wir  nur 
vorteilhaft  von  ihm  denken.  Reine  Grundsätze,  ein  richtiges 
sittliches  Gefühl,  ein  feines  und  treffendes  Urtheil,  Empfänglich- 
keit flu-  alles  Schöne,  ein  warmer  imd  lebendiger  Sinn  für  Fa- 
milienleben und  Freundschaft,  Dankbarkeit  gegen  Wohlthäter, 
Anhänglichkeit  gegen  Angehörige,  menschenfreundliche  Milde 
gegen  Sklaven  und   Hilfsbedürftige 5),   treue   Liebe  gegen  seine 

1  Wie  das  Geschichtchen,  welches  Valer.  Max.  VIII,  14,  ext.  3  als 
einen  Beweis  für  A.s  suis  in  capessenda  laude  anführt,  welches  aber  offenbar 
eine  massige,  ohne  Zweifel  aus  der  missverstandenen  Stelle  Rhet.  ad  Alex. 
c.   1,  Schi.   (vgl.  Rhet    III,   9.    1410,  b,   2)  geschöpfte  Erfindung  ist. 

2)  Cic.  Tcsc.  III,  28,  69:  Aristoteles  veteres  philosop/ios  accusans,  qui 
ezistimavissent,  philosopkiam  suis  ingeniis  esse  perfectam ,  ait  eos  auf  stultissimos 
aut  gloriosissimos  fuisse:  sed  se  videre,  quod  paucis  annis  magna  accessio  facta 
esset,  brevi  tempore  phüosophiam  plane  absolutam  fore. 

3)  Dem  Gespräch  ntoi  (fi).oao(fictg,  dem  sie  Rose  (Ar.  Fr.  Nr.  1)  und 
Heitz   (Ar.  Fr.  S.   33)  mit  Recht  zuweisen. 

4)  Wie  auch  Bvwater  (Journ.  of  Philol.  VII,  69)  annimmt.  In  seinen 
noch  vorhandenen  Schriften  verweist  Arist. ,  wie  wir  finden  werden,  nicht 
selten  auf  die  Notwendigkeit  weiterer  Untersuchung. 

5)  Hinsichtlich  der  ersteren  vgl.  m.   sein  Testament,  welches   u.  a.  ver- 


48  Aristo  tele  s.  [40] 

Gattin,  eine  edle,  über  das  griechische  |  Herkommen  weit  hinaus- 
gehende Auffassung  der  Ehe  —  diess  ungefähr  sind  die  Züge, 
welche  uns  an  seiner  moralischen  Persönlichkeit  in  die  Augen 
fallen.  Ihr  eigentlicher  Schwerpunkt  liegt  aber  in  dem  sittlichen 
Takte,  auf  den  auch  die  Ethik  des  Philosophen  alle  Tugend  zu- 
rückführt, und  welcher  bei  ihm  durch  die  umfassendste  Men- 
schenkenntniss  und  das  tiefste  Nachdenken  unterstützt  war.  Wir 
werden  annehmen  dürfen,  dass  jene  Scheu  vor  aller  Einseitigkeit 
und  Uebertreibung,  jene  gemässigte  Gesinnung,  welche  nichts 
in  der  menschlichen  Natur  begründetes  verschmäht,  aber  den 
geistigen  und  sittlichen  Vorzügen  allein  einen  unbedingten 
Werth  beilegt,  wie  sie  in  seiner  Sittenlehre  sich  ausspricht,  so 
auch  sein  Leben  geleitet  habe  1).  Erscheint  aber  so  sein  Cha- 
rakter, so  weit  wir  ihn  kennen,  bei  allen  den  kleinen  Schwä- 
chen, welche  ihm  ja  immerhin  anhängen  mochten,  edel  und 
ehren  werth,  so  sind  die  Eigenschaften  und  die  Früchte  seines 
Geistes  durchaus  bewunderungswürdig.  Es  ist  wohl  niemals  ein 
gleicher  Reichthum  an  gelehrten  Kenntnissen,  eine  gleich  sorg- 
fältige Beobachtung,  ein  gleich  unermüdlicher  Sammlerfleiss  mit 
so  viel  Schärfe  und  Strenge  des  wissenschaftlichen  Denkens,  mit 
einem  so  tief  in  das  Wesen  der  Dinge  eindringenden  philoso- 
phischen Geiste,  mit  einem  so  grossartigen,  stets  auf  die  Einheit 
und  den  Zusammenhang  alles  Wissens  gerichteten,  alle  Theile 
desselben  umfassenden  und  beherrschenden  Blicke  verknüpft  ge- 
wesen. An  dichterischem  Schwung,  an  Fülle  der  Phantasie,  an 
Genialität  der  Anschauung  kann  Aristoteles  allerdings  mit  Plato 
nicht  wetteifern;  seine  geistige  Ausrüstimg  liegt  ganz  auf  der 
wissenschaftlichen ,    nicht   auf   der    künstlerischen   Seite 2) ;    auch 

ordnet,  dass  keiner  von  denen,  die  ihn  persönlich  bedient  haben,  verkauft, 
mehrere  freigelassen  und  selbst  ausgestattet  werden;  hinsichtlich  der  andern 
das    Wort  bei  DiOG.    17:     ov  xbv  TQonov,  dlkä  tov  uvO-qwjiov  rjX^i]aa. 

1)  Hieher  gehören  die  Aeusserungen  in  dem  Brief  an  Antipater  bei 
Aklian  V.  H.  XIV,  1,  und  bei  Dioc;.  18.  Dort  sagt  er  über  die  Ent- 
ziehung der  ihm  früher  zuerkannten  Ehren  (s.  o.  39,  4) :  ovrws  £%&■>  «w? 
ui\Tt  yot  (HfoÖQcc  fjftttiv  vntQ  uvTOJV  /u^Ti  [A.01  /urjötv  uti.fiv,  hier  über 
jemand,  der  ihn  hinter  seinem  Rücken  geschmäht  hatte:  ilnövra  fis  xal 
uctOTiyovTO). 

2)  Auch  das  wenige,  was  wir  an  dichterischen  Versuchen  von  ihm  be- 
sitzen,   bewei.-t   keine    bedeutendere    dichterische  Begabung.      Dagegen  wird 


[411  Charakter.  49 

der  Zauber  der  Sprache,  |  mit  dem  jener  uns  fesselt,  fehlt  den 
erhaltenen  Werken  des  Stagiriten  fast  durchaus,  mit  so  vielem 
Recht  ohne  Zweifel  manchen  andern  eine  amnuthige  Darstellung 
nachgerühmt  wird x).  Aber  an  Vielseitigkeit  und  Gründlichkeit 
der  Forschung,  Reinheit  des  wissenschaftlichen  Verfahrens,  Reife 
des  Urtheils,  umsichtiger  Erwägung  aller  Entscheidungsgründe, 
an  gedrungener  Kürze  und  unnachahmlicher  Schärfe  des  Aus- 
drucks, Bestimmtheit  imd  allseitiger  Ausbildung  der  wissenschaft- 
lichen Terminologie,  an  allen  jenen  Vorzügen,  welche  das  Mannes- 
alter der  Wissenschaft  bezeichnen,  ist  er  seinem  Lehrer  über- 
legen. Er  weiss  ims  lange  nicht  in  demselben  Masse,  wie  dieser, 
zu  begeistern,  uns  im  Innersten  zu  ergreifen,  das  wissenschaft- 
liche und  das  sittliche  Streben  in  Eines  zu  verschmelzen;  seine 
Wissenschaft  ist  trockener,  schulmässiger ,  ausschliesslicher  auf 
die  Aufgabe  des  Erkennens  beschränkt,  als  die  platonische ;  aber 
innerhalb  dieser  Grenze  hat  er,  so  weit  diess  dem  Einzelnen 
möglich  war,  ein  höchstes  geleistet:  er  hat  der  Philosophie  für 
Jahrtausende  ihr  Verfahren  vorgezeichnet  und  zugleich  die  Pe- 
riode der  Gelehrsamkeit  für  die  Griechen  begründet,  er  hat  in 
gleichmässiger  Ausbreitung  des  Wissens  alle  Gebiete,  die  seiner 
Zeit  offen  standen,  mit  selbständigen  Forschungen  bereichert  und 
mit  neuen  Gedanken  befruchtet2).  Mögen  wir  auch  die  Hülfs- 
mittel,  welche  seine  Vorgänger  ihm  darboten,  die  Unterstützung, 
welche  ihm  von  Schülern  und  Freunden,  vielleicht  auch  von 
gebildeten  Sklaven  zu  Theil  wurde3),  noch  so  hoch  anschlagen: 


sein  "Witz  gerühmt  (Demetr.  De  elocut.  128),  von  dem  auch  die  Apophtheg- 
men  bei  Diog.  IT  ff,  und  die  Brieffragmente  bei  Demetü.  a.  a.  O.  29.  233 
Zeugniss  ablegen.  Dass  sich  hiemit  dann  eine  gewisse  Neigung  zum  Spott 
und  eine  vorlaute  Gesprächigkeit  {uxuioog  aroj/ivlia)  verband,  wie  diess 
Ael.  V.  H.  III,  19  von  den  jüngeren  Jahren  des  Philosophen  behauptet, 
ist  immerhin  möglich,  aber  durch  diesen  Zeugen  freilich  entfernt  nicht  be- 
wiesen. 

1)  Hierüber  später. 

2)  Das  nähere  wird  in  dieser  Beziehung  die  Uebersicht  seiner  Schriften 
ergeben. 

3)  So  soll  ihm  z.  B.  Kallisthenes  aus  Babylon  über  dortige  astrono- 
mische Beobachtungen  Mittheilungen  gemacht  haben  (Simpl.  De  coelo,  Schol. 
503,  a,  26  nach  Porphyr),  welche  Nacliricht  aber  freilich  durch  den  Zu- 
satz, dass  dieselben  31000  Jahre  weit  zurückgegangen  seien,  wieder  ziemlich 
unbrauchbar  wird. 

Zeller,  Thilos,  d.  Gr.  II.  Ed.  2.  Abth.  3.  Aufl.  4 


50  Aristoteles.  [41.42] 

der  Umfang  seiner  Leistungen  ragt  doch  immer  noch  so  weit 
über  das  gewöhnliche  Mass  hinaus,  dass  wir  kaum  begreifen, 
wie  Ein  Mann  in  einem  Leben  von  beschränkter  Dauer  diess 
alles  vollbringen  konnte;  zumal  da  sein  rastloser  Geist  über- 
diess  noch  einem  schwächlichen  Körper  die  Kraft  zu  der  rie- 
sigen Arbeit  abzuringen  hatte  ]).  Seinem  geschichtlichen  I  Beruf 
ist  Aristoteles  so  treu  nachgekommen,  seine  wissenschaftliche 
Aufgabe  hat  er  so  glänzend  gelöst,  wie  nur  selten  ein  anderer; 
was  er  ausserdem  als  Mensch  gewesen  ist,  darüber  sind  wir  lei- 
der nur  sehr  unvollständig  unterrichtet,  aber  wir  haben  keinen 
Grund,  den  Anschuldigungen  seiner  Feinde  zu  glauben  und  dem 
günstigen  Eindruck  zu  misstrauen,  der  durch  seine  sittlichen 
Grundsätze  hervorgerufen  und  durch  manche  andere  Spuren  be- 
stätigt wird. 


2.  Aristoteles'  Schriften.     A.  Einzeluntersuchung. 

Die  schriftstellerische  Thätigkeit  unseres  Philosophen  erregt 
zunächst  schon  durch  ihre  Vielseitigkeit  und  ihren  Umfang  un- 
sere Bewunderung.  Die  Werke,  welche  unter  seinem  Namen 
auf  uns  gekommen  sind,  erstrecken  sich  nicht  allein  über  alle 
Theile  der  Philosophie,  sondern  sie  verbinden  damit  eine  Fülle 
der  umfassendsten  Beobachtung  und  des  geschichtlichen  Wissens ; 
zu  diesen  erhaltenen  Werken  fügen  aber  die  alten  Verzeichnisse 
noch  eine  Menge  weiterer  Schriften  hinzu,  von  denen  jetzt  nur 
noch  die  Titel  oder  dürftige  Bruchstücke  übrig  sind.  Wir  be- 
sitzen zwei  derartige  Verzeichnisse,  von  denen  das  eine  in  einer 
doppelten  Bearbeitung  durch  Diogenes  (V,  21  ff.)  und  den  Ano- 
nymus des  Menage,  das  andere  durch  einige  arabische  Schrift- 
steller überliefert  ist2).  Das  erste  derselben  enthält  bei  Dio- 
genes 146  Titel;  von  diesen  hat  der  Anonymus3)  den  grösseren 


1)  Vgl.  S.  40,  4  und  Diog.  V,   16. 

2)  Beide  finden  sieh  jetzt  in  den  von  Rose  und  Heitz  besorgten 
Sammlungen  der  Aristotelesfragmente,  Arist.  Opp.  V,  1463  f.  der  Berliner, 
IV,  b,   1   ff',  der  Pariser  Ausgabe. 

i!)  Nach  der  wahrscheinlichen  Vermuthung  Rose's  (Arist.  libr.  ord.  48  f.) 
der  um  500   lebende  Hesychius   von  Milet. 


Verzeichnisse  seiner  Schriffen.  51 

Theil1)  aufgenommen,  einen  kleineren-)  hat  er  weggelassen3), 
dagegen  sieben  oder  acht  neue  beigelugt.  Ein  Anhang  bringt 
noch  47  Titel,  von  denen  aber  mehrere4)  nur  Wiederholungen 
oder  Varianten  von  früheren  sind,  und  10  Pseudepigraphen.  Die 
Gesammtzahl  der  Bücher  wird  von  beiden  Schriftstellern  über- 
einstimmend auf  fast  400  angegeben5).  Für  den  Verfasser  dieses 
Verzeichnisses  wird  aber  nicht  mit  Rose  6)  der  Rhodier  Andro- 
nikus,  der  bekannte  Herausgeber  und  Ordner  der  aristotelischen 
"Werke  ').  zu  halten  sein;  so  wenig  sich  auch  bezweifeln  lässt, 
dass  dieser  Peripatetiker  ein  Verzeichniss  der  aristotelischen 
Schriften  aufgestellt  hatte s).  Denn  will  man  auch  davon  ab- 
sehen, dass  Andronikus  den  Umfang  dieser  Schriften  auf  1000 
Bücher  angegeben  haben  soll'1),  während  imser  Verzeichniss 
ihrer  nicht  ganz  400  zählt,  imd  dass  in  dem  letzteren  die  von 
jenem  verworfene10)  Schrift  tteqI  eoui^siag  Aufnahme  gefunden 
hat11),    so  müsste    man    doch    bei   Andronikus   vor    allem    die 

1)  Nach  dem  älteren  Text  111,  nach  dem  von  Rose  aus  einer  ambro- 
sianischen  Handschrift  vervollständigten  132. 

2     14,  beziehungsweise  27. 

3)  Ueber  die  möglichen  Gründe  dieser  Auslassung  s.  m.  Heitz  Die  ver- 
lorenen Schriften  d.  Arist.   (1865)  S.   15   f. 

4  Wenn  ich  recht  gezählt  habe  9,  nämlich  Nr.  147  (=  106  des  ur- 
sprünglichen Verzeichnisses),  151  (7),  154  (111),  155  (91),  167  (98),  171 
(16),  172  (18),  174  (39),  182  (11). 

5)  Diog.  34;  der  Anon.  im  Eingang  seines  Verzeichnisses.  Das  des 
Diogenes  ergibt  wirklich,  wenn  man  von  den  Briefen  so  viele  Bücher  zählt, 
al>  Empfänger  derselben  genannt  sind,  die  Politieen  dagegen  als  Ein  Buch 
rechnet,  375  Bücher,  das  des  Anonymus,  nach  Rose's  Ergänzung,  ohne  den 
Anhang  391. 

6)  Arist.  pseudepigr.  8  f. 

7    Vgl.  Th.  III,  a.  549,  3  2.  Aufl. 

8)  Es  erhellt  diess  ausser  der  a.  a.  O.  besprochenen  Stelle  Plutarch's 
^ulla26;>  auch  aus  der  v.  M.  8  (s.  o.  S.41,  2)  und  David  Schol.  in  Ar.  24,  a, 
19;  und  dass  Andr.  hiebei  nur  das  Verzeichniss  des  Hermippus  aufgenom- 
men habe  (Heitz  Ar.  Fragm.  12\  das  zu  seiner  Aristotelesausgabe  gar  nicht 
stimmte,  ist  nicht  glaublich.  Ein  ähnliches  Verzeichniss  der  Werke  Theo- 
phrast's  schreiben  ihm  die  Scholien  am  Schluss  der  theophrastischen  Meta- 
physik und  am  Anfang  des  7.  Buchs  der  Hist.  plant,  zu. 

9)  David  a.  a.  O. 

Alex,  in  Anal.  pri.  52,  a,  u.  Weiteres  hierüber  später. 
11)  Ein  Umstand,    der    um   so   auffallender   ist,    da   nach    Diog.  34  das 
Verzeichnis    nur    die    anerkannt    ächten    Werke    enthalten    soll.      BbknavS 

4* 


52  Aristoteles. 

Schriften  zu  finden  erwarten,  welche  unsere,  ihrem  wesentlichen 
Bestände  nach  auf  ihn  zurückgehende,  Sammlung  enthält;  diess 
ist  aber  so  wenig  der  Fall,  dass  viele  wichtige  Bestandteile  der 
letztern  dann  entweder  ganz  fehlen,  oder  wenigstens  nicht  unter 
ihren  späteren  Titeln  und  in  ihrer  späteren  Gestalt  auftreten  J). 
Wollte  man  andererseits 2)  vermuthen,  das  Verzeichniss  bei  Dio- 
genes solle  nur  diejenigen  Werke  bringen,  welche  von  Androni- 
kus'  Sammlung  der  aristotelischen  Lehrschriften  ausgeschlossen 
waren,  so  verbietet  diess  der  Umstand,  dass  es  vieles  und  wich- 
tiges aus  ihr  enthält,  und  sich  selbst  mit  aller  Bestimmtheit  als 
eine  vollständige   Aufzählung  der   Werke    des  Philosophen  an- 


(Dial.  d.  Arist.   134^  nimmt  daher  an,  diese  Schrift  sei  vielleicht   erst   von 
einem  Späteren  dem  Verzeichniss  des  Andr.  eingefügt  worden. 

1)  Von  dem  Inhalt  unserer  aristotelischen  Sammlung  nennt  das  Ver- 
zeichniss des  Diogenes  nur  die  folgenden:  Kr.  141:  die  Kategorieen;  142: 
TT.  ko[ir\VElas\  49:  nQoxiQWv  ävctkvTixuiv;  50:  dvaXvr.  voTigcjv,  102:  n. 
±ümr  9  B. ,  womit  ohne  Zweifel  die  Thiergeschichte  gemeint  ist,  deren  (un- 
ächtes)  10.  Buch  gleichfalls  u.  d.  T.  vntQ  tov  fxrj  yevväv  (107)  aufgeführt 
wird;  123:  ^.r\yuvixwv  «;  75:  7ro).criXTJg  axQoäoeaig  8  B. ;  23:  olxovo/utxog 
a;  78:  rsyvrjg  QijTogixrjg  k  ß' ;  119:  TTOirjrixcöv  ä.  Dazu  kommt  wahr- 
scheinlich (s.  u.)  die  Topik  unter  zwei  verschiedenen  Titeln;  ferner  90: 
7t.  (fvaetog  ä  ß'  y  und  45  (115):  n.  xtvrjOsoyg  «,  womit  Theile  der  Physik, 
39:  7i.  aroiyehov  a  ß'  y,  womit  die  zwei  Bücher  vom  Entstehen  und  Ver- 
gehen in  Verbindung  mit  B.  3  f.  De  coelo  oder  Meteor.  B.  4  gemeint  sein 
können;  70:  &toeig  lrriy(cQ>]/uc<Tixai  xi,  wohl  eine  Kecension  der  Pro- 
bleme; 36:  n.  Ttvv  noaaywg  Isyojuevm',  ohne  Zweifel  die  von  Arist.  öfters 
so  angeführte  Abhandlung,  welche  jetzt  B.  V  der  Metaphysik  bildet;  38: 
Tl&txbiv,  aber  nur  5  Bücher.  Aber  selbst  wenn  man  diese  letzteren  Anfüh- 
rungen gleichfalls  auf  die  entsprechenden  Theile  unseres  Aristoteles  beziehen 
will,  fehlen  in  dem  Verzeichniss  noch  sehr  erhebliche  Stücke  unserer  Samm- 
lung. Der  Anonymus  fügt  die  Topik  (seine  Nr.  52)  unter  diesem  Namen 
und  die  Metaphysik  bei,  gibt  jedoch  dieser,  wenn  der  Text  in  Ordnung  ist 
(hierüber  später),  20  Bücher;  der  ersten  Analytik  gibt  er  (134)  ihre  2  Bücher, 
und  die  Ethik  nennt  er  (39)  tj&ixwv  x',  was  aus  A  —  K  entstanden  sein 
wird.  Erst  der  Anhang  zu  demselben  nennt  148:  die  (fvaixr\  äxQÖnOig 
(wobei  statt  *tj  wohl  blos  r\  zu  setzen  ist),  149:  n.  ysvtattog  xul  <p&OQÜg, 
150:  7i.  fierCtoQtov  <T,  155:  n.  Cqtcov  iaroolug  t,  156:  n.  l^oyotv  xt,vr\as(og 
(aber  3  B.),  157:  n.  Zottor  hoqIow  (nur  3  B.),  158:  n.  Zo'totr  ysr^aeotg 
(gleichfalls  3  B.),  174:  nagt  rj&txmv  Nixouityefotr. 

2)  Mit  Berkavs  a.  a.  O.  133  f.  Rose  a.  a.  O.;  gegen  diesen  Heitz 
Verl.  Sehr.  S.  19. 


Verzeichnisse  seiner  Schriften.  53 

kündigt1).  Ebensowenig  kann  es,  aus  dem  gleichen  Grunde, 
von  Nikolaus  von  Damaskus 2)  oder  sonst  jemand  herrühren, 
welchem  die  Schriftsanimlung  des  Andronikus  bereits  bekannt 
war.  Sein  Urheber  muss  vielmehr  ein  Gelehrter  der  alexandri- 
nischen  Zeit ,  am  wahrscheinlichsten  Hermippus3),  gewesen 
sein4);  und  dieser  muss  nicht  die  Mittel  gehabt  oder  sich  nicht 
die  Mühe  genommen  haben,  mehr  zu  geben,  als  eine  Aufzählung 
der  Handschriften,  welche  in  einer  ihm  zugänglichen  Bibliothek 
(der  alexandrinischen)  enthalten  waren  5) ,  da  ihm  sonst  unmög- 
lich Hauptwerke  entgangen  sein  könnten,  deren  Gebrauch  in 
den  zwei  Jahrhunderten  vor  Andronikus  sich,  wie  wir  finden 
werden,  urkundlich  feststellen  lässt 6).  Dieses  Verzeichniss  be- 
weist daher  zimächst  nur,  was  für  Schriften  zur  Zeit  seiner  Auf- 


1)  ZvviyoaxpE  öl,  wird  es  von  Diog.  V,  21  eingeleitet,  niiunXtiora 
ßtßXCa  ,  cinto  clxoXov&ov  i]yi]oäurjV  vnoygüxpai,  dm  tjjv  negl  nuvra$  Xo- 
yove  Tth'ögog  ttger^v.  Das  heisst  doch  nicht:  er  wolle  sie  mit  Ausnahme 
der  wissenschaftlichen  Hauptwerke  verzeichnen.  Das  gleiche  erhellt  aus 
§34:  die  Arbeitskraft  des  Arist.  sei  Ix  xü>v  TiQoyeyoituuivtov  ovyygaufxuTtav 
ersichtlich,  deren  Zahl  sich  auf  fast  400  belaufe. 

2)  Dessen  auf  Aristoteles  bezügliche  Arbeiten  Th.  III,  a,  556  2.  Aufl. 
genannt  sind.     Vgl.  Heitz  a.  a.  0.  38  f. 

Von  diesem  (S.  757  2.  Aufl.  besprochenen)  Gelehrten,  welcher  der 
peripatetischen  Schule  zugezählt  wird,  ist  uns  zwar  nicht  ausdrücklich  über- 
liefert, dass  er  die  aristotelischen  Schriften  verzeichnete.  Da  er  aber  eine 
aus  mindestens  zwei  Büchern  bestehende,  von  Diogenes  benützte  Lebens- 
beschreibung des  Aristoteles  verfasst  hatte  (Diog.  V,  1.  2.  Athen.  XIU, 
599,  c.  XV,  696,  f.),  da  ferner  seiner  uvuyQaifi]  tüv  Qeoifgäarov  ßißXCwv 
Erwähnung    geschieht    (in    den    S.  51  ,  8     genannten    Scholien,    vgl.  Heitz 

a.  a.  0.  49.  Ar.  Fragm.  11),  so  lässt  sich  kaum  bezweifeln,  dass  es  auch 
ein  ähnliches  Verzeichniss  der  aristotelischen  Werke  von  ihm  gab.  Durch 
welchen  Mittelsmann  dieses  Diogenes  zukam,  kann  hier  um  so  weniger 
untersucht  werden,  da  hierüber  immer  nur  Vermuthungen  möglich  sind. 

4  Heitz  46  f.,  dem  Grote  I,  48  f.  beistimmt.  Scsemihl  Arist.  über 
die  Dichtk.  19  f.  Arist.  Polit.  XLIII.  Nietzsche  Rhein.  Mus.  XXIV,  181  ff. 

5)  Dass  die  Verzeichnisse  der  aristotelischen  und  theophrastischen 
Schriften  bei  Diog.  nichts  anderes  seien,  hat  schon  Brandis  Gr.-röm.  Phil.  II, 

b,  1,  81  wahrscheinlich  gemacht. 

6y  Unerheblicher  ist  der  Umstand  (Brandis  a.  a.  O.  Heitz  17),  dass 
Diog.  selbst  anderwärts  aristotelische  Werke  anführt,  die  in  seinem  Ver- 
zeichniss fehlen ;  hieraus  folgt  nur,  dass  diese  Anführungen  aus  anderen 
Quellen  abgeschrieben  sind,  als  das  Verzeichniss. 


54  Aristoteles. 

Stellung    in    der    alexandrinisehen    Bibliothek    unter    Aristoteles' 
Namen  vorhanden  waren. 

Weit  jünger  ist  diejenige  Aufzählung  der  aristotelischen 
Werke,  welche  zwei  arabische  Schriftsteller  aus  dem  13.  Jahr- 
hundert1) von  Pto  lern  aus  entlehnt  haben;  wahrscheinlich  einem 
Peripatetiker  des  zweiten  Jahrhunderts  n.  Clu\ ,  der  auch  von 
griechischen  Schriftstellern  erwähnt  wird  -).  Dieselbe  scheint 
aber  den  Arabern  nur  unvollständig  zugekommen  zu  sein ;  denn 


1)  Die  näheren  Nachweisungen  über  dieselben  gibt  Rose  S.  1469  der 
akademischen  Textausgabe  des  Aristoteles. 

2)  Von  den  beiden  Arabern  sagt  der  eine  (Ibn  el  Kifti  f  1248)  in  den 
von  Rose  a.  a.  O.  mitgetheilten  Stellen:  er  sei  ein  Verehrer  des  Arist.  ge- 
wesen, und  es  sei  von  ihm  eine  Schrift :  „historiae  Aristotelis  et  mortis  ejus 
et  scriptorum  ejus  ordo"  verfasst,  die  an  Aalas  (oder  A'tlas)  gerichtet  gewesen 
sei;  der  andere  (Ibn  Abi  Oseibia  y  1269)  redet  gleichfalls  von  seinem  liber 
ad  Galas  de  vita  Aristotelis  et  eximia  pictate  testamenti  ejus  et  indice  scriptorum 
ejus  notorum;  ausser  dem  Bücherverzeichniss  haben  ihm  beide  auch  biogra- 
phische Notizen  entnommen,  aber  über  seine  Person  scheint  keinem  von 
ihnen  mehrbekanntgewesenzusein,  als  dasser  (nach  Ibn  el  kifti)  „in provincia 
Mum",  also  im  römischen  Reich  lebte,  und  vom  Verfasser  des  Almagest 
verschieden  war.  Was  sie  über  sein  Werk  sagen,  passt  nun  vollständig  auf 
den  Ptolemäus,  von  dem  David  Schol.  in  Ar.  22,  a,  10  (wie  aus  Z.  23 
erhellt,  nach  Proklus)  angibt,  er  habe  die  Zahl  der  aristotelischen  Schriften 
(mit  Andronikus;  s.  o.  51,  9)  auf  1000  Bücher  berechnet,  dvnyoatpijv 
avTcSv  7ioi7]<jä/utvog  xcu  xbv  ßiov  ccvtoü  xal  Ti)V  dic'c&(Gtr,  und  die  vita 
Marc.  (s.  o.  41,  2),  er  habe  seinem  Verzeichniss  der  aristotelischen  Schriften 
das  Testament  des  Philosophen  beigefügt.  Wenn  freilich  David  diesen  Ptol. 
für  den  Ptol.  Philadelphus  hält  (der  allerdings  nach  Diog.  V,  58  ein 
Schüler  Strato's ,  nach  Athen.  I,  3,  a.  David  und  Ammok.  Schol.  28,  a, 
13.  43  ein  Sammler  aristotelischer  Werke  war),  so  ist  das  4>ü.üösk(fog  zwar 
schwerlich  in  „ifü.6ao<foga  zu  verwandeln,  um  so  mehr  aber  in  dieser  Aus- 
sage ein  Beweis  von  der  Unwissenheit  David's  oder  des  Schülers,  der  seine 
Erklärungen  aufgezeichnet  hat,  zu  sehen.  Dass  Ptol.  jünger  war,  als  Androni- 
kus,  geht  schon  aus  der  Erwähnung  des  Andronikus  in  Nr.  90  und  des 
Apellikon  in  Nr.  86  seines  Verzeichnisses  hervor.  Unter  den  uns  bekannten 
Männern  dieses  Namens  möchtt  ich  weder  (mit  Rose  Arist.  libr.  ord.  45) 
an  den  von  Jambl.  b.  Stob.  Ekl.  I,  904  und  Pbokl.  in  Tim.  7,  B  genannten 
Neuplatoniker,  noch  an  den  Zeitgenossen  Longin's  denken,  der  nach  Pokph. 
v.  Plot.  20  keine  wissenschaftlichen  Werke  verfasst  hat,  sondern  am  ehesten 
an  den  Peripatetiker,  dessen  Einwendungen  gegen  Dionysius'  des  Thraciers 
Definition  der  Grammatik  Sext.  Math.  I,  60  und  der  Scholiast  in  Bekker's 
Anecd.  II,  730  anführen,  der  also  zwischen  Dionys  und  Sextus  (70 — 220 
n.  Chr.)  geschrieben  haben  muss. 


Verzeichnisse  seiner  Schriften.  55 

während  Ptoleinäus  den  Gesamnitunifang  der  aristotelischen 
Werke  auf  1000  Bücher  geschätzt  hatte  J),  umfassen  ihre  Ver- 
zeichnisse nur  etwa  100  Nummern  mit  einer  Gesammtzahl  von 
ungefähr  550  Büchern '-') ;  von  den  Bestandteilen  unserer  Samm- 
lung fehlen  darin  nur  wenige,  deren  Ausfallen  theilweise  zufäl- 
lige Gründe  haben  kann 3),  einige  andere  kommen  wiederholt 
vor.  Dass  das  Verzeichniss  einem  griechischen  Original  ent- 
nommen ist,  wird  durch  die  griechischen  Titel  bestätigt,  die  es 
bei  der  Mehrzahl  der  Schriften,  mitunter  freilich  bis  zur  Un- 
kenntlichkeit entstellt,  beifügt. 

Es  hegt  mm  am  Tage,  dass  Verzeichnisse,  mit  deren  Be- 
schaffenheit und  Ursprung  es  sich  so  verhält,  weder  für  die 
Vollständigkeit  ihrer  Aufzählung  noch  für  die  Aechtheit  der  in 
ihnen  enthaltenen  Werke  eine  ausreichende  Bürgschaft  darbieten ; 
dass  vielmehr  nur  eine  umfassende  und  eingehende  Einzelunter- 
suchung darüber  entscheiden  kann,  wie  es  sich  mit  den  Schriften 
und  Bruchstücken  verhält,  die  uns  als  aristotelisch  überliefert 
oder  genannt  sind.  Kann  nun  auch  diese  Untersuchung  liier 
unmöglich  erschöpfend  geführt  werden,  so  erscheint  es  doch  an- 
gemessen, mit  einer  vollständigen  Uebersicht  über  die  sämmt- 
lichen  Aristoteles  zugeschriebenen  Werke  eine  gedrängte  An- 
gabe und  Erwägung  der  Momente  zu  verbinden,  welche  für  die 
Beurtheilung  ihrer  Aechtheit  in  Betracht  kommen4). 


1)  S.  vor.  Anm. 

2)  Eine  genauere  Angabe  ist  nicht  möglich,  ohne  auf  die,  nicht  sehr 
erheblichen,  Abweichungen  der  beiden  Zeugen  und  ihrer  Handschriften  ein- 
zugehen. Wollte  man  die  171  Politieen  besonders  zählen,  so  erhielte  man 
etwa  720  Bücher. 

3)  Die  wichtigsten  davon  sind  die  nikomachische  Ethik  und  die  Oekono- 
mik.  Dazu  kommen:  die  Rhetorik  an  Alexander,  die  Schrift  über  Melissus 
u.  s.  w.,  die  Abhandlungen  n.  clxovaTtSv,  n.  ävanvorj;,  n.  Iwnvtayv,  n. 
ftavrut^s  *»7?  iv  Toig  iinvotg,  n.  vsÖttjtos  xal  yygtog,  n.  vnvov  xal 
tyoriyöoaews,  tt.  /oojuÜtojv;  ferner  n.  xöauov,  n.  dotTtov  xu)  xaxuiär,  n. 
&avuctoi(üV  uxovouÜtwv,  und  die  Physiognomik.  Von  den  kleinen  natur- 
wissenschaftlichen Schriften  mögen  aber  ausser  Nr.  -10  (De  memoria  et 
somno),  auch  andere  unter  Einem  Titel   zusammengefasst  sein. 

4)  Der  Frage,  wie  es  sich  in  dieser  Beziehung  mit  denjenigen  Schriften 
verhält,  welche  wir  nur  aus  ihren  Titeln  und  Bruchstücken  kennen,  hat 
Heitz  (Die  verlorenen  Schriften  d.  Arist.  1865)  eine  grün  lliche  und  um- 
sichtige Untersuchung  gewidmet,  während  der  von  ihm  bestrittene  Val.  Rose 


5(5  Aristoteles. 

Uni  hiebei  mit  dem  zu  beginnen,  womit  die  alten  Verzeich- 
nisse schliessen,  so  können  wir  zunächst  von  den  wissenschaft- 
lichen Arbeiten  des  Philosophen  dasjenige  unterscheiden,  was 
sich  auf  persönliche  Verhältnisse  bezog:  Briefe,  Gedichte  und 
Gelegenheitsschriften.  Indessen  ist  die  Zahl  dieser  Schriften  ver- 
hältnissmässig  klein,  und  wenn  wir  diejenigen  ausscheiden,  deren 
Aechtheit  fraglich  oder  deren  Unächtheit  unzweifelhaft  ist,  bleibt 
nur  sehr  wenig  übrig:  einige  Gedichte  und  Gedichtfragmente1), 
vielleicht  auch  ein  Theil  dessen,  was  aus  den  Briefen 2)  angeführt 


in  seinen  zwei  gelehrten  Werken  (De  Arist.  librorum  online  et  auctoritate 
1854.  Arist.  pseudepigraphus  1863)  neben  einem  Theil  der  erhaltenen 
Schriften  die  sämmtlichen  verlorenen  viel  zu  summarisch  verwirft.  —  Die 
in  den  alten  Verzeichnissen  genannten  Schriften  führe  ich  im  folgenden 
unter  den  Nummern  an,  die  sie  bei  Rose  (s.  o.  50,  2)  haben.  Von  den 
Verzeichnissen  bezeichne  ich  das  des  Diogenes  mit  D.,  den  Anonymus  des 
Menage  mit  An.,  den  Ptolemäus  der  Araber  mit  Pt.  Ar.  Fr.  bezeichnet  die 
Sammlung  der  Fragmente  von  Rose  im  5.  Bd.  der  Berliner,  Fr.  Hz.  die 
von  Heitz  Bd.  IV,  b  der  Didot'schen  Ausgabe. 

1)  Man  findet  dieselben  nebst  den  Angaben  der  Alten  darüber  bei 
Bergk  Lyr.  gr.  504  ff.  Rose  Ar.  pseudepigr.  598  ff.  Arist.  Fr.  621  ff. 
S.  1583.  Fr.  Hz.  333  f.  Die  bedeutendsten  sind  die  schon  oben  S.  12. 
21,  2  besprochenen,  an  deren  Aechtheit  zu  zweifeln  wir  keinen  Grund  haben. 
"Etit]  und  IXtyua  nennt  D.  145.  An.  138  f.,  lyxut/uiu  rj  v/nvovs  An.  App.  180. 

2)  Die  aristotelischen  Briefe,  von  Demetrius  De  elocut.  230.  Simpl. 
Categ.  2,  y.  Schol.  in  Ar.  27,  a,  43  und  andern  (b.  Rose  Ar.  ps.  587. 
Heitz  a.  a.  0.  285  f.  Arist.  Fr.  604-620,  S.  1579.  Fr.  Hz.  321  ff.)  als 
unerreichte  Muster  des  Briefstyls  gerühmt,  hatte  ein  gewisser,  uns  nicht 
näher  bekannter,  Artemon  in  8  Büchern  gesammelt  (Demetk.  elocut.  223. 
David  Schol.  in  Ar.  24,  a,  26.  Ptol.  Nr.  87);  Andronikus  (über  den  auch 
Gell.  XX,  5,  10)  soll  20  Bücher  gezählt  haben  (Pt.  Nr.  90);  vielleicht 
sprach  er  aber  auch  nur  von  20  Briefen;  so  viele  hat  der  An.  Nr.  137. 
Dioo.  Nr.  144  nennt  Briefe  an  Philipp,  Briefe  der  Selybrier,  4  an  Alexander 
(vgl.  Demetk.  a.  a.  O.  234.  Ammon.  V.  Ar.  S.  47),  9  an  Antipater,  7  an 
ebensoviele  andere  Personen.  Philop.  De  an.  K,  2,  o.  kennt  Briefe  an 
(oder:  von)  Diares  (über  den  Simpl.  Phys.  120,  b,  o.  z.  vgl.),  welche  bei 
Diog.  fehlen.  Aus  den  Sammlungen  des  Artemon  und  Andronikus  scheinen 
die  sämmtlichen  überlieferten  Bruchstücke  entlehnt  zu  sein.  Ob  aber  ein 
Theil  derselben  ächten  Schreiben  entnommen  war,  lässt  sich  um  so  weniger 
ausmachen,  da  ein  anderer  Theil  diess  offenbar  nicht  ist.  Ausser  Rose 
(a.  a.  O.  585  ff.  Ar.  libr.  ord.  113  f.)  hält  auch  Heitz  (280  ff.  Fragm.  321) 
alle  jene  Briefe  für  unterschoben.  Unzweifelhaft  sind  diess  die  sechs  noch 
vorhandenen    (bei  Stahk  Aristot.    II,    169  ff.     Heitz   Fr.  329  f.),    über   die 


Schritten:     Gespräche.  57 

wird;  wogegen  die  angebliehe  Vertheidigungsschrift  des  Aristo- 
teles x),  sowie  die  Reden  über  Plato  und  Alexander 2)  nur  spätere 
Machwerke  gewesen  sein  können. 

Eine  zweite  Klasse  aristotelischer  Schriften  beschäftigte  sich 
zwar  mit  wissenschaftlichen  Fragen,  aber  sie  unterschied  sich 
ihrer  Form  nach  wesentlich  von  allen  uns  erhaltenen  Werken: 
die  Gespräche3).  Dass  sich  Aristoteles  in  einem  Theil  seiner 
Schriften  der  Gesprächsform  bedient  hatte,  wird  vielfach  be- 
zeugt4); imd  als  eine  Eigenthümlichkeit  seiner  Dialogen  im 
Unterschied  von  den  platonischen  wird  hervorgehoben ,  dass  es 
ihnen  an  einer  individuellen  Charakteristik  der  auftretenden  Per- 
sonen fehlte 5),  und  dass  ihr  Verfasser  die  Leitung  des  Gesprächs 
sich  selbst  zutheilte6).     Unter  den  uns  bekannten  Werken  dieser 


Heitz  a.  a.  O.  mit  Recht  urtheilt,   dass   sie   in  Artemon's  Sammlung   noch 
nicht  enthalten  gewesen  sein  können. 

1)  S.  o.  S.  38,  2.     Arist.  Fr.  601,  S.   1578.     Fr.  Hz.  320. 

2)  Ein  lyxoj/uiov  nXcncovog  (Fr.  603.  Fr.  Hz.  319)  wird  von  Olym- 
piodor  in  Gorg.  166  (Jahrbb.  f.  Philol.  Suppl.  XIV,  395)  angeführt,  ist  aber 
schon  dadurch  mehr  als  verdächtig,  dass  kein  anderer  Schriftsteller,  von 
dem  wir  wissen,  diese  urkundlichste  Quelle  für  Plato's  Leben  benützt  hat. 
Ein  Panegyrikus  auf  Alexander  (Fr.  602.  Fr.  Hz.  319)  b.  Themist.  or.  Hl, 
55,  schon  an  sich  unglaublich  genug,  wird  durch  das  Fragment  b.  Rutil. 
Lcpcs  De  fig.  sent.  I,  18  (wenn  dieses  dorther  stammt)  vollends  verurtheilt, 
und  der  Ausweg  von  Bernavs  (Dial.  d.  Ar.  156),  ihn  auf  einen  älteren 
Alexander  zu  beziehen,  ist  sehr  unwahrscheinlich.  Eine  lyxlrjota  'Ale- 
IjövdQOv  nennt  nur  An.  Nr.  193  als  pseudepigraph ;  bei  Eustath.  in  Dionys. 
Per.  V.  1140  (das  5.  Buch  7r«o«.  Alegccvdoov)  ist  Aristoteles  aus  Arrian 
verschrieben,  und  ähnlich  mag  es  sich  mit  den  8  Büchern  tc.  AXs^civSqov 
verhalten,  die  der  Anhang  des  Anon.  Nr.  176  (nach  Rose's  Lesung)  auf- 
führt.    Vgl.  Heitz  291  f.  Müller  Script,  rer.  Alex,  praef.  V. 

3)  J.  Bernavs  Die  Dialoge  d.  Arist.  1863.  Heitz  S.  141—221.  Rose 
Arist.  pseudepigr.  23  ff. 

4)  Cic.  u.  Basil.  s.  folg.  Anmm.  Plut.  adv.  Col.  14,  4.  Dio.  Chrys. 
or.  53,  S.  274  R.  Alex.  b.  David  Schol.  in  Ar.  24,  b,  33.  David  ebd.  24, 
b,  10  ff.  26,  b,  35.  Philop.  ebd.  35,  b,  41.  De  an.  E,  2  u.  Prokl.  b. 
Philop.  aetern.  m.  2,  2  (Arist.  Fr.  10).  Derselbe  in  Tim.  338  D.  Ajimon. 
Categ.  6,  b  (b.  Stahr  Arist.  II,  255).  Simpl.  Phys.  2,  b,  m.  Priscian 
Solut.  prooem.  S.   553,  B.  Dübn.  u.  a. 

5)  Basil.  ep.  135  (167)  abgedruckt  bei  Rose  Ar.  pseud.  24.  Ar.  Fragm. 
1474.     Heitz  146. 

6)  Cic.  ad  Att.  XIII,  19,  4  wogegen  ad  Qu.  fratr.  III,  5  nicht  auf 
Gespräche  geht).  Eine  weitere  Bedeutung  hat  der  Aristotelius  mos  ad  Famil.  I, 


58  Aristoteles. 

Art  scheinen  der  Eudemus  ') ,   die   drei   Bücher   über  die  Philo- 
sophie -),  und  die  vier  über  die  Gerechtigkeit 3)  die  bedeutendsten 


it,  23  (vgl.  Heitz  1-1'.)  f.,  der  mir  uur  auf  den  Unterschied  zwischen  Aristoteles 
und  Arcesilaus  zu  viel  Gewicht  legt;  mir  scheint  hier  bei  dem  Ausdruck  ebenso, 
wie  De  orat.  III,  21,  SO,  nur  an  das  in  utramque  partem  disputare  gedacht 
zu  sein). 

1)  Dieses  merkwürdige  Gespräch  (worüber  Beknavs  21.  143  ff.  64  f. 
Dcrs.  im  Rhein.  Mus.  XVI,  236  ff.  Rose  Ar.  ps.  52  ff.  Fragm.  32—43, 
S.  1479  f.  Fr.  Hz.  47  f.)  wird  bald  EvStjjuos  (Themist.  De  au.  197,  5  Sp. 
Piiilop.  Simpl.  Olympiodok  unter  Fr.  41)  bald  n((>l  ifsv/ijs  (D.  13.  An.  13. 
Plut.  Dio  22)  bald  Evdrjjuos  tj  n.  ^v/fj?  (Plut.  cons.  ad  Apoll.  27,  S.  115. 
Simpl.  in  Fr.  42)  genannt.  Aus  Plut.  Dio  22.  Cic.  Divin.  I,  25,  53  erfahren  wir, 
dass  es  von  Arist.  dem  Andenken  seines  352  v.  Chr.  in  Sicilien  gefallenen 
Freundes  Eudemus  (s.  o.  S.  12)  gewidmet  war;  seine  Abfassung  fallt  wohl 
(wie  schon  Kkische  annimmt  Forsch.  I,  16)  in  die  nächste  Zeit  nach 
Eudem's  Tod.  Von  den  Bruchstücken,  die  Rose  ihm  zuweist,  werden  sich 
uns  für  Nr.  36.  38  u.  43  andere  wahrscheinlichere  Orte  zeigen.  Aristoteles 
selbst  bezieht  sich  De  an.  I,  4  Anf.,  wie  später  dargethan  werden  wird, 
wahrscheinlich  auf  eine  Erörterung  im  Eudemus  (Fr.  41). 

2)  D.  3.  An.  3  (der  wohl  nur  aus  Versehen  4  Bücher  angibt);  vgl. 
Bernays  47.  95.  Rose  Ar.  ps.  27.  Fragm.  1—21.  S.  1474.  Heitz  179  ff. 
Fr.  Hz.  30  f.  Bywater  Ar.  Dialogue  „on  philosophy"  (Journal  of  Philology 
VII.  64  ff).  Dass  dieses  Werk  ein  Gespräch  war,  sagt  Prisctan  a.  a.  O. 
(s.  o.  57,  4),  und  bestätigt  wird  es  durch  die  Angabe  Fr.  10  (Prokl.  b. 
Philop.  aet.  m.  2,  2.  Plut.  adv.  Col.  14,  4),  Arist.  habe  in  seinen  Ge- 
sprächen die  Ideenlehre  angegriffen  und  erklärt,  er  könne  sich  damit  un- 
möglich befreunden,  sollte  man  ihm  diess  auch  als  Rechthaberei  auslegen, 
wenn  wir  damit  die  Stelle  aus  dem  2.  Buch  7i.  if.iloa.  (Fr.  11)  zusammen- 
nehmen, worin  er  sich  gegen  die  Idealzahlen  wendet.  Angeführt  wird  es 
(mit  seinem  3.  Buch)  nach  dem  Verzeichniss  des  Diogenes  zuerst  von 
Philodem.  n.  evaeßt(ag  col.  22  und  aus  ihm  von  Cic.  N.  D.  I,  13,  33; 
dagegen  ist  mir  Akist.  Phys.  II,  2.  194,  a,  35  (d**«?  yctQ  tö  ov  tvsxcf 
iloTiTat,  <f  h  roTs  ntQi  (filodoipiag)  der  Beisatz  av(>»?r<u  u.  s.  f.  mit  Heitz 
S.  180  ff.  sehr  verdächtig,  da  Arist.  sonst  nie  eine  seiner  dialogischen 
Schriften  namentlich  anführt,  andererseits  aber  die  Verweisung  weder  auf 
die  Schrift  vom  Guten  noch  auf  die  Metaphysik  (XII,  7.  1072,  b,  2)  bezogen 
werden  kann,  denn  jene  konnte  nicht  n.  (fUonoylag  genannt  (s.  u.  64,  1), 
diese,  da  sie  Arist.  unvollendet  hinterliess,  in  der  Physik  noch  nicht  ange- 
führt werden.  Rose's  Einwendungen  gegen  die  Aechtheit  unserer  Schrift 
ist  Susemihl  Genet.  Entw.  d.  plat.  Phil.  II,  534  beigetreten;  seine  Gründe 
scheinen  mir  aber  nicht  überzeugend. 

3)  D.  1.  An.  1.  Pt.  3.  Fragm.  71 — 77,  S.  1487.  Behn.  48  f.  Rose  Ar. 
ps.  87  f.  Heitz  169  f.  Fr.  Hz.  19  Der  4  „umfangreichen"  Bücher  dieses 
Werks  erwähnt  Cic.  Rep.  III,  8,   12.     Nach  Plut-  Sto.  rep.  15,  6    hatte  es 


Schriften:    Gespräche.  59 

gewesen  zu  sein.  Von  besonderem  Interesse  sind  für  uns  die 
beiden  ersten  desshalb,  weil  sie  nicht  blos  ihrer  Form,  sondern 
auch  ihrem  Inhalt  nach  den  platonischen  Werken  so  nahe  stehen, 
dass  die  Vercnuthung  viel  für  sich  hat,  ihre  Abfassung  falle  in 
die  Jahre,  in  denen  Aristoteles  noch  dem  platonischen  Schüler- 
kreis angehörte  und  erst  im  Uebergang  zu  seiner  späteren  selb- 
ständigen Stellung  begriffen  war x).    Einige  andere  Stücke,  deren 


aber  schon  Chrysippus  angegriffen  (AQiGTorika,  nfgl  dixaioavvr\g  dvTi- 
yoäifaiv,  was  allerdings  kaum  anders  verstanden  werden  kann),  und  ebenso 
scheinen  sich  die  von  Lactanz  Epit.  55  (aus  Cic.  Rep.  III)  erwähnten 
Angriffe  des  Karneades  speciell  auf  diese  Schrift  bezogen  zu  haben.  Eine 
Stelle  derselben  berührt,  wahrscheinlich  vor  Cicero,  Demetr.  De  elocut.  28. 
Dass  sie  ein  Gespräch  war,  wird  nicht  ausdrücklich  berichtet,  aber  durch 
ihre  Stellung  an  der  Spitze  des  Verzeichnisses  bei  Diog.  wahrscheinlich. 
Dieses  beginnt  nämlich  (nach  Beenats'  Wahrnehmung,  S.  132)  mit  den, 
der  Bücherzahl  nach  geordneten,  Gesprächen.  Doch  werden  wir  finden,  dass 
zwischen  den  Gesprächen  in  dem  Protreptikos  auch  ein  Stück  steht,  das 
wahrscheinlich  kein  Dialog  war,  und  dass  die  von  Bern,  noch  hieher  ge- 
zogenen Stücke  Nr.  17 — 19  es  gleichfalls  nicht  waren.  Es  fragt  sich  daher, 
ob  nicht  der  Anonymus  hier  die  ursprüngliche  Anordnung  erhalten  hat,  und 
nur  seine  ersten  13  Nummern  nebst  dem  bei  ihm  durch  Veränderung  seines 
Titels  an  eine  falsche  Stelle  gerathenen  Symposion  zu  den  Gesprächen 
gehörten. 

1)  Es  gilt  diess  an  erster  Stelle  von  dem  Eudemus.  Alle  Ueber- 
bleibsel  dieses  Gesprächs  beweisen,  dass  ihm  der  Phädo  zum  Muster  gedient 
hat.  Mit  diesem  Dialog  hatte  es  nicht  allein  das  Thema,  die  Frage  über 
die  Unsterblichkeit  der  Seele,  gemein,  sondern  auch  die  Behandlung  dieses 
Gegenstandes  erinnert  in  künstlerischer  wie  in  philosophischer  Beziehung 
zunächst  an  ihn.  Wie  der  Phädo  (60,  E)  knüpfte  auch  der  Eudemus  (Fr.  32) 
an  eine  Offenbarung  im  Traum  an,  deren  unmittelbares  Vorbild  wir  aller- 
dings in  einem  andern  Gespräch  aus  den  letzten  Tagen  des  Sokrates,  Krito 
44,  A,  zu  suchen  haben.  Wenn  ferner  der  Phädo  seine  Erörterung  1 08,  D  ff. 
mit  einem  farbenreichen  Mythus  abschliesst,  hatte  auch  der  Eudemus 
mythischen  Schmuck  nicht  verschmäht;  vgl.  Fr.  40,  wo  die  Worte  des 
Silen:  äcii/uorog  tmnovov  u.  s.  w.  im  Ton  zugleich  an  Rep.  X,  617,  D 
erinnern,  und  Fr.  37,  welches  sich  auch  nur  als  mythisch  auffassen  lässt; 
wenn  sich  jener  69,  C  auf  die  Mysterienlehre  beruft,  macht  dieser  Fr.  30 
die  Sitte  der  Todtenverehrung  für  sich  geltend.  Noch  auffallender  zeigt  sich 
aber  die  Verwandtschaft  der  beiden  Gespräche  in  ihrem  Inhalt.  Denn«  mit 
der  Unsterblichkeit  trug  Arist.  im  Eudemus  auch  die  Lehre  von  der  Prä- 
existenz und  den  Wanderungen  der  Seele  vor,  indem  er  die  Annahme,  dass 
dieselbe  beim  Eintritt  in  dieses  Leben  der  Ideen  vergesse,  auf  eigenthümliche 
Weise  vertheidigte  (Fr.  34.  35) ;  wie  der  Phädo  den  entscheidenden  Beweis 


(50  Aristoteles. 

dialogische  Forin  aber  meistens  nur  durch  ihre  Stellung  in   den 


für  die  Unsterblichkeit  auf  die  Verwandtschaft  der  Seele  mit  der  Idee  des 
Lebens  gründet  (105,  C  ff.),  so  nannte  sie  auch  der  Eudemus  e?dof  n 
(Fr.  42'  ;  and  wie  jener  diese  Bestimmung  durch  eine  ausführliche  Be- 
streitung der  Annahme  vorbereitet,  dass  die  Seele  die  Harmonie  ihres  Leibes 
sei,  so  war  ihm  auch  dieser  (Fr.  41)  hierin  gefolgt.  Ganz  in  Plato's  Sinn  ist  auch 
Fr.  36,  wo  das  Elend  der  an  den  Leib  gefesselten  Seele  in  einer  grellen 
Vergleichung  geschildert  wird;  und  wenn  auch  Bvwatek  (Journ.  of  Philo- 
logy  II,  60)  und  R.  Hirzel  (Hermes  X,  94  f.)  dieses  Bruchstück  wohl  mit 
Recht  dem  Protreptikus  zuweisen,  scheint  doch  die  Abfassung  des  letztern 
von  der  des  Eudemus  nicht  weit  abzuliegen.  (S.  S.  63, 1).  Selbständiger  trat 
Arist.  in  den  Büchern  über  die  Philosophie  der  platonischen  Lehre 
gegenüber.  Denn  so  platonisch  die  Ausführungen  lauten,  in  denen  er  den 
Glauben  an  Götter,  die  Einheit  Gottes  und  die  vernünftige  Natur  der  Ge- 
stirne vertheidigt  (das  glänzend  geschriebene  Fr.  14  b.  Cic.  N.  D.  II,  37, 
das  wahrscheinlich  gleichfalls  unserer  Schrift  entnommene  Fr.  13,  ferner 
Fr.  16.  19—21  und  die  von  Brandis  II,  b,  1,  84  und  Heitz  228  im  Gegen- 
satz zu  Rose  Ar.  ps.  285  mit  Recht  hieher,  und  nicht  unter  die  zoologischen 
Bruchstücke  verwiesene  Stelle  b.  Cic.  N.  D.  II,  49,  125),  so  unverkennbar 
Fr.  15  (über  dessen  aristotelischen  Ursprung  Bernays  a.  a.  O.  110  ff.  und 
Heitz  Fr.  Ar.  37  zu  vergleichen  sind)  Plato  (Rep.  II,  380,  D  ff.)  nach- 
gebildet ist,  so  erklärte  er  sich  doch  in  dieser  Schrift  (Fr.  10,  11  ;  s.  o.  58,  2) 
auf's  entschiedenste  gegen  die  Lehre  von  den  Ideen  und  Idealzahlen,  be- 
zeichnete die  Welt  nicht  blos  mit  Plato  als  unvergänglich ,  sondern  bereits 
auch  als  anfangslos  (in  den  wahrscheinlich  aus  unserer  Schrift,  jedenfalls 
wohl  aus  einem  Gespräch  stammenden  Fr.  17.  18,  wozu  Bywater  a.  a.  O.  80. 
Plut.  tranqu.  an.  20,  S.  477  passend  vergleicht)  und  gab  in  seinem  ersten 
Buch  (so  wie  Bywater  a.  a.  O.  dieses  aus  Philop.  in  Nicom.  Isag.  Anf. 
Cic.  Tusc.  III,  28,  69.  Prokl.  in  Eucl.  S.  28  Friedl.  Vgl.  Fr.  2—9  recon- 
struirt)  eine  Uebersicht  über  die  Entwicklung  der  Menschheit  zur  Kultur 
und  Philosophie,  die  zwar  mit  der  Bemerkung  (b.  Philop.),  dass  das  Geistige 
und  Göttliche  trotz  seines  Glanzes  uns  Sia  rrv  lniy.tiu£vr\v  tov  atäfiaxos 
uylvv  dunkel  erscheine,  und  mit  der  Annahme  periodischer  Fluthverheerungen, 
welche  die  Menschen  immer  wieder  in  den  Rohzustand  zurückwarfen  (ebd. 
vgl.  Plato  Tim.  22,  B  f.  Gess.  III,  677,  A  f.  681,  E),  an  Plato  anknüpft, 
die  aber  zugleich  seine  eigene,  durch  ihre  Beziehung  auf  die  Ewigkeit  der 
Welt  über  Plato  hinausgehende  Geschichtsansicht  (Meteorol.  I,  14.  352,  b,  16. 
Polit.  VII,  9.  1329,  b,25.  Metaph.  XII,  8.  1074,  a,  38  vgl.  Bernays  Theophr. 
Schrift  ü.  d.  Frömmigk.  42  ff.)  und  seine  Annahmen  über  den  Gang  der 
geistigen  Entwicklung  (Metaph.  I,  1.  981,  b,  13  ff.  c.  2.  982,  b,  11  ff.)  deutlich 
erkennen  lässt.  Wenn  er  in  dieser  Darstellung  ferner  von  den  Magiern,  von 
Orpheus,  von  den  sieben  Weisen  gesprochen,  und  die  Entwicklung  der 
Philosophie,  wie  wir  annehmen  dürfen,  von  hier  aus  bis  auf  seine  Zeit  herab 
verfolgt   hatte,    so   spricht  sich    darin    sein  Interesse   für  gelehrte  Forschung 


Schriften:   Gespräche.  Q\ 

Verzeichnissen    wahrscheinlich   wird,   liegen  theils  ihrem  Inhalt 

nach  von   dem   Mittelpunkt   des  philosophischen   Systems  weiter 
ab  l),  theils  ist  ihre  Aechtheit  zu  bezweifeln  2). 


ebenso  bestimmt  aus,  wie  in  seiner  Bestreitung  der  Sage  von  Orpheus  (Fr.  9) 
sein  kritischer  Sinn.  Erwägt  man  alles  dieses,  so  zeigen  uns  die  Bücher 
über  die  Philosophie  im  Vergleich  mit  dem  Eudemus  einen  erheblichen  Fort- 
schritt zu  grösserer  wissenschaftlicher  Unabhängigkeit,  und  die  Vermuthun,: 
liegt  nahe,  sie  seien  später  als  jener,  erst  iu  Plato's  letzter  Zeit  verfasst.  — 
Krische's  (Forsch.  I,  265  ff.)  Versuch,  die  3  Bücher  tt.  (fiXoacxfictg  in 
Metaph.  I.  XI.  XII  nachzuweisen,  hat  durch  den  gegenwärtigen  Stand  dieser 
Untersuchung  ihren  Boden  verloren.  Vgl.  Heitz  179  und  unten  S.  5S  f. 
2.  Aufl.  Weit  mehr  empfiehlt  sich  die  Vermuthung  (Blass  Rhein.  Mus. 
XXX,  1875.  S.  481  ff),  dass  dieselben  an  verschiedenen  Stellen  der  Meta- 
physik (B.  I  u.  XII  und  der  Schrift  tt.  ovquvov  benützt  seien.  Im  einzelnen 
wird  man  aber  vielfach  abweichender  Meinung  sein  können,  und  wenn  Blass 
für  mehrere  von  jenen  Stellen  eine  wörtliche  Aufnahme  der  entsprechenden 
aus  tt.  (fi).oo.  annimmt,  und  daraus  die  Vermeidung  des  Hiatus  in  denselben 
und  überhaupt  ihre  gefeiltere  Sprache  erklärt,  steht  dem  ausser  anderem  der 
Umstand  im  Wege,  dass  so  sinnverwandte  Ausführungen,  wie  Metaph.  XII, 
8.  1074,  a,  38  ff.  De  coelo  I,  3.  270,  b,  16  ff.  Meteor.  I,  3.  339,  b,  19  ff. 
in  ihrem  Wortlaut  so  weit  auseinandergehen. 

1)  Dahin  gehören  die  drei  Bücher  n.  7ioir\jwv  (D.  2.  An.  2.  Pt.  6. 
Bbknays  S.  10  ff.  60.  139.  Rose  Arist.  ps.  77  f.  Ar.  Fr.  59—69,  S.  1485. 
Heitz  174  ff.  Fr.  Hz.  23).  Die  von  Müller  Fragm.  Hist.  H,  1S5  be- 
zweifelte dialogische  Form  dieses  Werks  wird  mittelbar  durch  seine  Stellung 
in  den  Verzeichnissen,  ausdrücklich  von  der  vita  Arist.  Marc.  S.  2  R.  bezeugt 
und  durch  Fr.  61  bestätigt.  Als  aristotelisch  ist  es  vielleicht  schon  von 
Eratosthenes  und  Apollodor  gebraucht  worden,  doch  sind  wir  nicht  sicher, 
ob  ihre  Anführungen  (Fr.  60  b.  Diog.  VIII,  51)  sich  auf  unsere  oder  eine 
andere  Schrift  (etwa  die  Politieen)  beziehen.  Dagegen  beruft  sich  Aristoteles 
selbst  Poet.  15,  Schi,  auf  eine  Erörterung  in  den  ZxSidopevoi.  ).öyoi,  bei  der 
man  am  natürlichsten  an  unsere  Schrift  denken  wird.  (In  der  Rhetorik, 
auf  die  Rose  Ar.  ps.  79  verweist,  findet  sich  nichts  der  Art.)  Das  wenige, 
was  aus  der  letzteren  angeführt  wird,  fast  durchaus  historische  Notizen,  gibt 
keinen  Grund,  ihre  Aechtheit  zu  bezweifeln;  auch  die  Angaben  über  Homer, 
die  Fr.  66  offenbar  nach  einer  in  los  einheimischen  Sage  bringt,  können 
in  dem  Gespräch  vorgetragen  worden  sein,  ohne  dass  der  Verfasser  für  ihre 
Wahrheit  selbst  einstände;  man  kann  daher  aus  ihnen  nicht  (mit  Nitzsch 
De  Hist.  Hom.  IT,  87.  Müller  a.a.O.  Rose  Ar.  ps.  79)  auf  die  Unächtheit  der 
Schrift  schliessen.  Statt  tt.  notrjTÖh'  findet  sich  (Fr.  65.  66.  69;  vgl.  Spesgel 
Abh.  d.  Münchn.  Akad.  II,  213  f.  Ritter  Arist.  poet.  X.  Heitz  175)  auch  der 
Titel:  tt.  n ot, tjti xijs ;  wenn  diess  nicht  blos  von  Verwechslung  herrührt,  weist  es 
daraufhin,  dass  unser  Werk  kein  rein  historisches  war,  sondern  mit  dem  über  die 
Dichter  gesagten  sich  Erörterungen  über  die  Dichtkunst  verbanden.  —  Auf  die  aus 


(32  Aristoteles. 

An  die  Gespräche  sehliessen  sich  einige  andere  Schriften 
an,  welche  zwar  nicht  die  gleiche  Form  hatten,  welche  sich  aber 
gleichfalls  von  den  streng  wissenschaftlichen  Werken  durch  ihren 


mehreren  Büchern  bestehenden  Dialoge  folgt  in  den  Verzeichnissen  der 
TToXtrixög  nach  D.  4  ans  zwei,  nach  An.  4  aus  Einem  Buch  bestehend 
(Fr.  70,  S.  14S7.  Rose  Ar.  ps.  SO.  Beknays  153.  Heitz  1S9.  Fr.  Hz.  41); 
hierauf  in  je  Einem  Buch:  n.  (it)Togcxfjg  fj  roiXXog  (D.  5.  An.  5),  der 
offenbar  falsch  tt.  noXiTixrjg  V  /]?•  y  hat,  während  Pt.  2,  b  (bei  Ibn  Abi 
Oseibia)  De  arte  Bittiri  III  gibt.  (Fragm.  57  f.  S.  1485.  Rose  Ar.  ps.  76. 
Bern.  62.  157.  Heitz  189.  Fr.  Hz.  41);  Nr)Qiv&og  (D.  6.  An.  6.  Fragm. 
53,  S.  1484.  Ar.  pseud.  73  f.  Bern.  84.  Heitz  190.  Fr.  Hz.  42)  ohne 
Zweifel  von  dem  öidXoyog  KoQivtitog  nicht  verschieden,  über  den  Themist. 
or.  33,  S.  356  Dind.  berichtet,  ohne  dass  man  desshalb  den  Titel  zu  ändern 
brauchte;  Zoyiariig  (D.  7.  An.  8.  Pt.  2.  Fragm.  54-56,  S.  1484.  Ar. 
pseud.  75.  Fr.  Hz.  -12),  aus  dem  nur  einige  Bemerkungen  über  Empedokles, 
Zeno  und  Protagoras  erhalten  sind;  Mfvs'1-evog  (D.S.  An.  10;  Fragmente 
sind  nicht  vorhanden);  'Egtorixog  (D.  9.  An.  12.  Fragm.  90—93,  S.  1492. 
Ar.  ps.  105.  Heitz  191.  Fr.  Hz.  43);  Zv/uttooto v  (D.  10.  An.  19,  wo 
dafür  avXX.oytautuV  nur  durch  Schreibfehler  zu  stehen  scheint.  Fragm.  107  f. 
S.  1495-  Ar.  ps.  119.  Fr.  Hz.  44.  Heitz  192,  welcher  mit  Recht  zweifelt, 
ob  Plut.  n.  p.  suav.  v.  13,4  sich  auf  unsere  Schrift  beziehe);  tt.  ttXovtov 
(D.  11.  An.  7.  Fragm.  86— SU  S.  1491.  Ar.  ps.  101.  Heitz  195.  Fr.  Hz.  45), 
wahrscheinlich  schon  von  dem  Epikureer  Metrodor  bestritten  (wenn  nämlich 
bei  Philodem.  De  virt.  et  vit.  IX,  col.  22,  wie  ich  mit  Spengel  Abh.  d. 
Münchn.  Akad.  V,  449  und  Heitz  annehme,  tt.  ttXovtov,  und  nicht  n. 
noXiTtiag,  zu  ergänzen  ist),  aber  nie  ausdrücklich  angeführt  (von  den  Bruch- 
stücken, welche  diesem  Gespräch  angehören  können,  sondert  Heitz  Fr.  88 
mit  Recht  aus);  n.  evxyg  (D.  14.  An.  9.  Fragm.  44—46,  S.  1483.  Ar. 
ps.  67.  Fr.  Hz.  55.  Bern.  122),  wovon  uns  indessen  nur  Eine  mit  Sicherheit 
dieser  Schrift  zuzuweisende  Anführung  (Fr.  46)  vorliegt,  die  der  platonischen 
Erklärung  Rep.  VI,  508,  E  f.  zu  nahe  steht,  um  zur  Verwerfung  derselben 
Anlass  zu  geben. 

2)  Diess  gilt  unbedingt  von  dem  Gespräch  tt.  evyevetag  (D.  15. 
An.  11.  Pt.  5.  Fragm.  82—85,  S.  1490.  Ar.  ps.  96.  Bern.  140  f.  Heitz  202. 
Fr.  Hz.  55),  das  schon  Pllt.  Arist.  27  bezweifelt,  es  müsste  denn,  wie  Heitz 
anzunehmen  geneigt  ist,  die  Behauptung,  dass  darin  von  der  Doppelehe  des 
Sokrates  gesprochen  wurde  (worüber  II,  a,  51,  2),  auf  einem  groben  Miss- 
verständniss  beruhen ;  was  mir  nicht  wahrscheinlich  ist,  da  jene  Fabel  gerade 
in  der  peripatetischen  Schule  so  häufig  und  so  früh  vorkommt.  Wie 
es  sich  mit  der  Aechtheit  der  andern  vor.  Anm.  besprochenen  Gespräche  ver- 
hält, lässt  sich  bei  den  wenigsten  auch  nur  mit  annähernder  Sicherheit 
bestimmen,  entscheidende  Zeichen  der  Unächtheit  scheinen  mir  bei  keinem 
vorzuliegen. 


Schriften:  Protreptikos  u.  a.  63 

populäreren  Ton  unterschieden  zu  haben   scheinen,   und   wenig- 
stens theilweise  der  gleichen  Zeit  angehörten,  wie  jene1). 


1)  In  denselben  Jahren,  wie  der  Eudemus,  ist  wohl  der  TTooroi  n  xixog 
(D.  12.  An.  14.  Pt.  1,  wo  demselben  vielleicht  durch  Verwechslung  mit  dem 
Gespräch  tt.  q  iXoaoq  ütg  3  Bücher  gegeben  werden,  ohne  dass  wir  doch  den 
Titel  desshalb  mit  Heitz  auf  dieses  Gespräch  selbst  beziehen  dürften.  Fragm. 
47_50  y.  14S3.  Fr.  Hz.  46)  verfasst  worden,  der  nach  Teles  (um  250 
v.  Chr.)  b.  Stob.  Floril.  95,  21  an  den  cyprischen  Fürsten  Themiso  gerichtet, 
und  schon  Zeno  und  seinem  Lehrer  Krates  bekannt  war.  Dass  diese  Schrift 
nicht,  wie  Rose  (Arist.  ps.  68  mit  einem  fortasse),  Bvwater  (Journ.  of 
Philol.  II,  55  ff.)  und  Usener  (Rhein.  Mus.  XXVIII,  392  ff.)  annehmen, 
ein  Gespräch,  sondern  ein  fortlaufender  Vortrag  war,  ist  mir  mit  Heitz 
(196)  und  R.  Hirzel  (über  d.  Protr.  d.  Ar.  Hermes  X,  61  ff.  —  Bernays 
116  entscheidet  sich  nicht)  wahrscheinlich:  theils  weil  Teles  sagt:  tov 
Aoiot.  TiooTotnTLxbv  ov  i-yQuipe  7TQOS  QtfxiawvK  (ein  Gespräch  kann  man, 
wie  ein  Drama,  zwar  jemand  widmen,  nvl  TTQogyQciqeiv,  aber  nicht  an 
jemand  richten,  nqög  rtvci  ygücftiv),  theils  weil  alle  andern  uns  bekannten 
rrooTotTTTixoi,  so  viel  wir  wissen,  Vorträge,  nicht  Gespräche  waren;  denn 
auch  der  pseudoplatonische  Klitophon  macht  mit  seinem  unpassenden  Neben- 
titel tt qot QSTTTixbg  (Thrasvll.  b.  Diog.  III,  60)  keine  Ausnahme:  er  ist 
gleichfalls  kein  Gespräch,  sondern  eine  Rede,  die  nur  mit  ein  paar  dialogi- 
schen Worten  eingeführt  wird,  und  kann  desshalb  mindestens  ebensogut 
TTooTniTTTixug  genannt  werden,  als  der  Menexenus,  mit  seiner  längeren  dia- 
logischen Einleitung,  'ETUTiafwg  (Thras.  a.  a.  0.  Arist.  Rhet.  III,  14.  1415, 
b,  30).  Wenn  er  aber  Cicero  für  seinen  Hortensius  zum  Vorbild  diente 
(Script,  hist.  aug.  v.  Sal.  Gallieni  c.  2),  fragt  es  sich,  ob  diess  auch  von 
seiner  dialogischen  Form  gilt.  Wie  Usener  a.  a.  O.  zeigt,  hat  ihn  Cicero 
auch  für  den  Traum  Scipio's,  Rep.  VI,  benützt,  ebenso,  wenigstens  mittelbar, 
Censorin  d.  nat.  18,  11,  und  nach  Bywaters  Xachweisungen  a.  a.  O.,  die 
aber  Hirzel  modificirt,  Jamblich  für  seinen  Protreptikus.  —  Verwandten 
Inhalts  war,  wie  es  scheint,  tt.  naiöeCag  (D.  19.  An.  10.  Pt.  4.  Fragm. 
51  f.,  S.  1484.  Ar.  ps.  72.  Heitz  307.  Fr.  Hz.  61).  Ob  n.  fiJovijg  (D.  16 
vgl.  66.  An.  15.  Pt.  16.  Heitz  203.  Fr.  Hz.  59)  ein  Gespräch  war,  können 
wir  um  so  weniger  beurtheilen,  da  nichts  davon  erhalten  ist.  Dagegen  war 
die  an  Alexander  gerichtete,  wie  es  scheint,  schon  von  Eratosthenes  (b. 
Strabo  1,4,9.  S.  66)  berücksichtigte  Schrift  tt.  ßaOiltiag  (D.  18-  An.  16. 
Pt.  7.  Fragm.  78  f.,  S.  1489;  auch  Fr.  81  scheint  aber  hierher  zu  gehören. 
Fr.  Hz.  59)  wohl  eher  eine  Abhandlung  (Heitz  204),  als  ein  Dialog  (Rose 
Ar.  ps.  93  f.  Bernays  56);  wogegen  der  Titel  'Alt'Z avd oog  rj  vtisq 
(ttsqI)  uttoCxwv  \rxL(ov~\  (D.  17.  Fragm.  80.  Bern.  56.  Heitz  204. 
Fr.  Hz.  61)  allerdings,  wenn  er  in  Ordnung  ist  (Heitz  207  vermuthet: 
rrobg  *A).i"£.  vTTto  uttoixwv  xcu  tt.  ßuaiXitccg,  ich  würde  in.  anotx.  «.  tt. 
ßaad.  ü  lassen),    eher   auf  ein  Gespräch  deuten  würde.     Einige  andere  von 


(54  Aristoteles. 

Aus  demselben  Zeitraum  muss  die  Schrift  über  das  Gute  l) 
herstammen,  ein  Bericht  über  den  Inhalt  platonischer  Vorträge 2), 
dessen  Aechtheit  7.11  bezweifeln  das  wenige,  was  aus  ihm  und 
über  ihn  niitgetheilt  wird,  keinen  Grund  gibt3).     Unsicherer  ist 

Rose   gleichfalls    unter    die    Dialogen  aufgenommene   Stücke  werden   später 
aufgeführt  werden. 

1)  77.  rrlyad-ov  nach  D.  20  in  3,  nach  An.  20  in  1,  nach  Pt.  8  in 
5  Büchern;  Alex,  zu  Metaph.  IV,  2,  1003,  b,  36.  1004,  b,  34.  1005,  a,  2 
führt  wiederholt  B.  2  an,  und  die  stehende  Bezeichnung  bei  Citaten  ist: 
£r  toTs  n.  Tay.  Wir  kennen  diese  Schrift  ausser  den  Verzeichnissen 
nur  aus  den  Commentatoren  des  Aristoteles,  deren  Angaben  Brandis  (De 
perd.  Arist.  libr.  de  ideis  et  de  bono.  Gr.-röm.  Phil.  II,  b,  1,  84),  KlUSCHB 
(Forsch.  I,  263  ff.),  Rose  (Ar.  ps.  46  ff.  Ar.  Fragm.  22-26,  S.  1477  f.)  und 
Heitz  (S.  209  ff.  Fr.  79  f.)  gesammelt  und  besprochen  haben.  Indessen  hat 
schon  Brandis  (perd.  Ar.  1.  S.  4.  14  f.)  gezeigt,  dass  kein  Ausleger  nach 
Alexander  die  Schrift  selbst  in  Händen  gehabt  hat ;  und  auch  von  Alexander 
bezweifelt  es  Heitz  213  f.,  weil  er  die  von  Arist.  Metaph.  IV,  2,  1004,  a.  2 
erwähnte  (später  zu  berührende)  Ixkoyt)  iwv  h'avTiotv  bald  von  dem  zweiten 
Buch  7i.  rayaSov  unterscheide  (S.  206,  19  Bon.),  bald  in  diesem  suche 
(S.  21S,  10.  14).  Mir  scheint  jedoch  aus  diesen  Stellen  nur  hervorzugehen, 
dass  ihm  eine  'Exloyi)  twv  Ivctvrtwv  als  besondere  Schrift  nicht  bekannt 
war,  wogegen  er  aus  dem  2.  Buch  n.  Taycc&ov  eine  Erörterung  kannte,  auf 
welche  sich  Aristoteles  a.  a.  O.  seiner  Meinung  nach  hätte  berufen  können, 
und  dass  er  desshalb  darüber  nicht  sicher  war,  ob  das  aristotelische  Citat 
auf  dieses  oder  auf  eine  eigene  Abhandlung  gehe*,  was  jedenfalls  eher  für 
als  gegen  seine  Bekanntschaft  mit  den  Büchern  über  das  Gute  spricht.  Wenn 
Simpl.  Dean.  6,  b,  u.  Philop.  Dean.  C,2  (Arist.  Fragm.  1477,  b,  35)  Seid.  äyct&. 
S.  35,  b  glauben,  bei  Akist.  De  an.  I,  2.  404,  b,  18  (Th.  II,  a,  636,  4)  gehen  die 
Worte  :  Iv  rot;  ntgi  (fiXorrofftag  Xtyoutvoi;  auf  unsere  Schrift,  während  sie  sich 
vielmehr  auf  platonische  Vorträge  beziehen,  so  beweist  dieses  Missverständniss 
allerdings,  dass  sie  jene  Schrift  nur  aus  dritter  Hand  kannten.  Rose's  Meinung, 
sie  habe  zu  den  Gesprächen  gehört,  hat  Heitz  217  f.  widerlegt.  Ob  Arist. 
seine  Aufzeichnung  über  die  platonischen  Vorträge  noch  bei  Lebzeiten  anderen 
mittheilte,  oder  ob  sie  erst  nach  seinem  Tode  bekannt  wurde,  wissen  wir 
nicht ;  nur  wenn  die  von  ihm  angeführte  IxJ.oyij  rw  travTCtav  in  ihr  stand, 
müsste  das  erstere  angenommen  werden.  Dass  die  Schrift  vor  dem  Ende 
des  dritten  Jahrhunderts  v.  Chr.,  und  jedenfalls  vor  Andronikus,  im  Ge- 
brauch war,  erhellt,  nach  dem  S.  50  ff.  bemerkten,  aus  ihrer  Erwähnung  im 
Verzeichniss  des  Diogenes. 

2)  Der  II,  a,  362,  2.  596,  3  nach  Aristoxenus  und  anderen  besproche- 
nen. Ausser  Arist.  werden  von  Simpl.  Phys.  32,  b.  104,  b  (Schol.  334, 
b,  25.  362,  a,  8)  Speusippus,  Xenokrates,  Heraklides  und  Hestiäus  als  solche 
genannt,  die  den   Inhalt  jener  Vorträge  niederschrieben. 

3)  Wie  ich  diess  Th.  II,  a,  805,  4  gegen  Sise.mihl  Genet.  Entw.  d. 
plat.  Phil.  II,   533  ff.  zu  zeigen  versucht  habe. 


Schriften  aus  der  früheren  Zeit.  (55 

die  Abfassungszeit  des  Werkes  über  die  Ideen  1),  das  Aristoteles 
selbst  allem  Anschein  nach  in  der  Metaphysik 2)  berücksichtigt 
und  Alexander  noch  in  Händen  gehabt  hat 3).  Dagegen  werden 
die  Auszüge  aus  einigen  platonischen  Schriften4)  und  die  Mono- 
graphieen  über  frühere  und  gleichzeitige  Philosophen 5) ,    so  Aveit 


1)  Die  griechischen  Verzeichnisse  (D.  54.  An.  45)  nennen  dieses  Werk 
n.  rijg  idt'ag  oder  n.  ifit'ag  und  geben  ihm  nur  Ein  Buch;  dagegen  führt 
Alex.  Mctaph.  564,  b,  15  Br.  59,  7  Bon.  das  erste,  573,  a,  12  (73,  11)  das 
zweite,  und  566,  b,  16  (6 3,  15)  das  vierte  Buch  n.  IStiov  an;  statt  des 
letzteren  ist  aber  wohl  (mit  Rose  Ar.  ps.  191.  Ar.  Fragm.  1509,  b,  36)  das 
erste  [A  statt  J)  zu  setzen.  Zwei  Bücher  gibt  der  Schrift  „n.  töjv  tiSw}"1 
Sykian  in  Metaph.  901,  a,  19-  942,  b,  21.  Keine  andere  wird  auch  Ptol.  14 
mit  den  3  Büchern  De  imaginibus  utrum  existant  an  non  meinen,  wenn  auch 
die  Bezeichnung  ,,/ari  aiduln"  vermuthen  lässt,  der  Araber  habe  statt  77. 
tldojv  „77.  tldo)).iov"  gelesen.  Die  Bruchstücke  b.  Rose  Ar.  ps.  185  ff.  Ar. 
Fragm.   180—  1S4,  S.   1505.  Fr.  Hz.  86  f. 

2)  I,  990,  b,  8  ff.,  wo  nicht  allein  Alexander  diese  Beziehung  annimmt, 
sondern  auch  der  aristotelische  Text  den  Eindruck  macht ,  dass  auf  eine 
den  Lesern  schon  bekannte  ausführlichere  Darstellung  der  für  die  Ideenlehre 
geltend   gemachten  Gründe  Rücksicht  genommen  werde. 

3)  Kose  bestreitet  diess  (Ar.  ps.  186);  aber  die  eigenen  Aussagen 
Alexanders  sprechen  dafür;   so  namentlich  Fr.    183,   Schi.   184,  Schi. 

4)  T«  ix  Tür  vöuwv  nkctrwvog  3  (D.  21)  oder  2  (An.  23)  B. 
Tu  ix  jrjc  nolntiag  ä  ß'  (D.  22.  Pkokl.  in  Remp.  350.  Ar.  Fragm. 
176,  S.  1507).  Tä  ix  tov  Tcficttov  xat  tiov  Aq/vtsCmv  (oder:  xai 
\loyiTov.  D.  94.  An.  85.  Smpl.  De  coelo,  Schol.  491,  b,  37:  aivoipw  ?; 
inirourjv  tov   Tifiaiov  yoatfuv  ovx   unrj^i'coaf).     Vgl.  Fr.  Hz.  79. 

5)  n.  Twv  üv&ayoQSiiov  D.  101.  An.  88,  ohne  Zweifel  das  gleiche 
Werk,  welches  auch  Swecywyii  twv  Hv&ayoQtiotg  uqtoxovTwv  (Simpl.  De 
coelo  Schol.  492,  a,  26.  b,  41  ff.),  nv&ayoQiXK  (Ders.  ebd.  505,  a,  24.35), 
JIvd-ayoQixög  (oder  -ov,  Theo  Arithm.  5),  7r.  Ttjg  Hv&KyoQtxcov  dogtjg 
(Alex.  Metaph.  560,  b,  25  Br.  56,  10  Bon.),  n.  rijg  IIv&uyoQixrfi  <fi).ooo(ftug 
(Jambl.  v.  Pyfh.  31)  genannt  wird.  Vielleicht  nur  ein  Theil  dieser  Schrift 
ist  die  von  Diog.  97  besonders  aufgeführte:  TtQÖg  roig  JIvd-ayoQetovs ;  Diog. 
wenigstens  gibt  jeder  von  beiden  nur  Ein  Buch,  während  Alexander  und 
Simplicius  das  zweite  Buch  über  die  pythagoreische  Philosophie  anführen. 
Auch  die  von  Diog.  VIII,  34  vgl.  19  überlieferte  Angabe  wird  dem  Werk 
über  die  Pythagoreer  entnommen  sein,  mag  man  nun  iv  rw  thqi  xvauoiv 
(„in  der  Erörterung  über  das  Bohnenverbot")  oder  mit  Cobet  blos  71.  y.vi'.u. 
lesen.  Was  sonst  aus  diesem  Werk  mitgetheilt  wird,  findet  sich  bei  Rose 
Ar.  ps.  193  ff.  Ar.  Fr.  185—200,  S.  1510  f.  Fr.  Hz.  68.  —  Drei  Bücher 
n.  rijg  'Aq/vt  (to  v  (oder  -vrov)  (/ iloaoq lag  (D.  92.  An.  83.  Pt.  9. 
Rose  Ar.  ps.  211.  Fr.  Hz.  77).  T«  ix  röir  'Aq/vt  et  cor  s.  vor.  Anm. 
Ilqbg  tu    Ai.x/u  alwv  o  g    (D.    96.    An.   87).  —  Tlqoß  lr\  u  ut  et    ix  T(üv 

Zell  er,   Philos.  d.  Gr.  II.  Bd.  2.  Abth.  3.  Aufl.  5 


('.("i  Aristo te]  es. 

sie  acht  waren  '  I,  jedenfalls  zum  grösseren  Theil  während  Aristo- 
teles' erstem  Aufenthalt  in  Athen  oder  doch  vor  seiner  Rück- 
kehr aus  Makedonien  verfasst  sein.  Eine  angebliche  Sammlung 
platonischer  Eintheilungen  war  jedenfalls  unterschoben  2). 

JrjpoxQiTov  7  (oder  2)  B.  (D.  124.  An.  116).  Rose  Ar.  ps.  213.  Ar. 
Fr.  202.  S.  1514.  Fr.  Hz.  77)  Jfnog  rä  MtKanov  (D.  95.  An.  86);. 
n  n.  t  (<  Fonyiov  (D.  98.   An.  89);  HQ.  r«  S'evoq  ürorg   (Codd.  -XQCtTOVg 

1).  99);  TT o.  tu  Zrjvüjrog  (D.  100\  unsere  Schrift  De  Melisso  u.  s.  f.;. 
zu  der  aber  ausser  dem  verlorenen  Abschnitt  über  Zeno  auch  ein  diesem 
vorangehender,  von  Pmi.oi'.  Phys.  B,  9,  u.  mit  einem  (ic.nl  als  ßißXi'ov 
Tjoog  irtv  rfctnutrifioi'  <5oir«J'  angeführter  gehört  zu  haben  scheint.  Ueber 
die  Benützung  dieser  Schrift  durch  Simplicius  vgl.  Th.  I.  474  f.  —  Htn) 
rfjg  Zn  iv  a  in  TTO  v  xctl  £"f  roxnäro  vg  (sc.  ifikoaoyt'ug)  D.  93. 
An.  84. 

1)  Wie  es  sich  damit  verhielt,  liisst  sich  bei  den  Schriften,  von  denen, 
uns  nur  die  Titel  überliefert  sind,  nicht  ausmachen ;  denn  einerseits  ist  es 
nicht  unmöglich,  dass  sich  unter  den  nachgelassenen  Fapieren  des  Arist. 
Auszüge  aus  philosophischen  Schriften  und  Bemerkungen  über  einzelne 
Philosophen  fanden,  die  er  beim  Studium  derselben  niedergeschrieben  hatte, 
und  dass  von  diesen  Abschriften  genommen  wurden,  andererseits  können 
aber  auch  derartige  Arbeiten  fälschlich  mit  seinem  Namen  geschmückt  wor- 
den sein.  Dass  das  letztere  bei  den  in  unserer  Sammlung  befindlichen  Ab- 
handlungen über  die  eleatischen  Philosophen  der  Fall  war,  habe 
ich  Th.  I,  464  ff.  gezeigt.  Schwerer  lässt  sich  die  Aechtheit  der  Schrift 
über  die  Pythagoreer  beurtheilen.  Wären  darin  alle  die  Fabeln,  welche 
Fr.  1S6  bringt  (vgl.  oben  Th.  I,  2S5,  2),  als  Thatsachen  erzählt  worden,  so 
könnte  der  Bericht  freilich  unmöglich  von  Arist.  herrühren;  "aber  bei  der 
Beschaffenheit  unserer  Zeugen  ist  es  sehr  denkbar,  dass  sie  erst  zur  Ge- 
schichte machten,  was  er  nur  als  pythagoreische  Ueberliefcrung  erwähnt 
hatte.  Ebenso  sind  die  Deutungen  pythagoreischer  Symbole  Fr.  190  f.  und 
das,  was  Isidob  b.  Clemens  Strom.  VI,  641.  C  (Fr.  188)  fälschlich  Aristo- 
teles selbst  beilegt,  blosses  Referat.  Was  andererseits  über  die  pythagoreische 
Lehre  aus  jener  Schrift  angeführt  wird,  gibt  keinen  Grund  zu  ihrer  Ver- 
werfung; auch  der  scheinbare  Widerspruch  zwischen  Fr.  200  (Simpl.  De 
coelo,  Schol.  492,  b,  39  ff.)  und  Arist.  De  coelo  II,  2.  285,  b,  25  lässt  sich 
heben  (vgl.  Th.  I,  408,  1),  selbst  ohne  dass  man  zu  Alexandbus  Ver- 
muthung  einer  Verwechslung  im  Text  der  Stelle  seine  Zuflucht  nimmt,  die 
allerdings  Fr.   195  (Simpl.  a.  a.  O.  492,  a,  18  ff.)  für  sich  hat. 

2)  Dieselbe  wird  unter  unsern  Verzeichnissen  nur  von  Ptol.  53  als  Div/'sio 
wofür  früher  unrichtig  juy'urandum  oder  testamentum  übersetzt  war)  Piatonis 

erwähnt,  war  aber  vielleicht  identisch  mit  den  sonst  genannten  aristotelischen 
A'iuiQiaag  (vgl.  S.  78,  4).  Eine  solche  Schrift,  offenbar  eine  spätere  Re- 
cension  der  von  Dioo.  III,  SO  ff.  für  seine  Darstellung  des  platonischen 
Systems  benutzten  pseudoaristotelischen,  theilt  Rose  Arist.  pseud.   677 — 695 


[49]  Logische  Schritten.  (57 

Ueber  alle  diese  Schriften  ragen  aber  an  geschichtlicher  Be- 
deutung die  Werke,  welche  das  eigene  System  des  Philosophen 
in  streng  wissenschaftlicher  Form  darstellten,  schon  desshalb 
weit  empor,  weil  sie  allein  ihrer  Mehrzahl  nach  die  ersten  Jahr- 
hunderte der  christlichen  Zeitrechnung  überdauert  und  dadurch 
dem  Mittelalter  und  der  Neuzeit  die  urkundliche  Kenntniss  der 
aristotelischen  Philosophie  vermittelt  haben;  was  sie  ihrerseits  in 
erster  Reihe  dem  Umstand  zu  verdanken  haben  werden,  dass 
diese  Philosophie  hier  erst  in  der  ausgereiften  Gestalt  und  der 
systematischen  Form  niedergelegt  war,  in  der  sie  ihr  Urheber 
während  seiner  Lehrthätigkeit  in  Athen  mitgetheilt  hatte. 

Vergegenwärtigen  wir  uns  nun,  was  uns  von  diesen  Wer- 
ken noch  erhalten  oder  anderweitig  bekannt  ist,  so  begeg- 
nen uns  zunächst  jene  wichtigen  Werke,  welche  die  Grund- 
lage der  ganzen  späteren  Logik  bildeten:  |  über  die  Haupt- 
klassen   der    Begriffe l),  die    Bestandteile    und    die   Arten    der 


aus  einer  Marcianischen  Handschrift  u.  d.   T.   ^fiatQtotis  'AqigtotO.ovs  und 
nach  ihm  Heitz  Fragm.  91   ff.  mit.     Weiteres  darüber  Th.  II,  a,  382. 

1)  Der  Titel  der  Schrift,  welche  dieser  Erörterung  gewidmet  ist,  lautet 
nach  der  gewöhnlichen,  wahrscheinlich  richtigen  Angabe:  Km  rj  yogiai. 
Daneben  finden  sich  aber  auch  die  Ueberschriften :  n.  twv  xctTtjyoQiwv, 
xccTTjyooicci  dt/M,  n.  twv  dt/.u  yar^yoniwv,  n.  twv  öixa  ytvwv,  n.  twv 
ysvwv  tov  (Ji'Tog,  xctTrjyoQi'ui,  i]Tot  n.  twv  Sixa  ytvtzwTUTwv  ytvwv,  n.  twv 
xa&olov  löywv,  tiqo  twv  Tonixwr(oder  tottwv);  vgl.  Waitz  Arist.Org.I,Sl  und 
Simpl.  in  Cat.  4,  ß  Bas.  David  Schol.  in  Ar.  30,  a,  3.  Die  Ueberschrift:  ra  nqb 
twvtcttwv  kannte  nach  Simpl.  a.  a.  0.  95,  f.  Schol.  81,  a,  27,  mit  dem  Boeth.  in 
praed.  IV,  Anf.  S.  191  offenbar  aus  der  gleichen  Quelle  (Porphyr)  geschöpft 
hat,  schon  Andronikus.  Herminus  (um  160  n.  Chr.)  hatte  ihr  vor  der  ge- 
wöhnlichen den  Vorzug  gegeben  (David  Schol.  81,  b,  25.  Diog.  59.  An.  57 
nennen  r«  nou  twv  tottwv  neben  den  KfurjyoQt'at,  [D.  141.  An.  132.  Pt.  25,  b] 
und  scheinen  diese  nicht  damit  zu  meinen).  Andronikus  hat  aber  wahrschein- 
lich richtig  gesehen,  wenn  er  diesen  Titel  (nach  Simpl.  a.  a.  O.  Schol.  81, 
a,  27)  mit  dem  unächten  Anhang  der  sog.  Postprädikamente  (s.u.)  in  Verbindung 
brachte;  mag  derselbe  nun  (wie  er  annimmt)  von  dem  Verfasser  dieses  An- 
hangs selbst  oder  von  einem  anderen  herrühren,  der  die  ursprüngliche  Be- 
zeichnung für  die  um  denselben  vermehrte  Schrift  zu  eng  fand.  Auf  seine 
Kategorieenlehre  verweist  Arist.  De  an.  I,  1.  5.  402,  a,  23.  410,  a,  14.  Anal, 
pri.  I,  37  (die  Stellen  sind  tiefer  unten,  S.  189,  2  2.  Aufl.  angeführt)  als  auf 
etwas  den  Lesern  bekanntes,  und  das  gleiche  setzt  er  (wie  a.  a.  O.  gezeigt 
ist)  auch  an  anderen  Stellen  voraus;  wobei  doch  immer  die  Annahme  zu- 
nächst liegt,  dass  er  sich  darüber  in  einer  ihnen  zugänglichen  Schrift  aus- 
gesprochen   habe.     Bestimmter    erinnert   Eth.  N.  II,   1,   Anf.   an  Kateg.  c.  -8 

5  * 


d>  Aristoteles.  [49.   50] 


(vgl.   Tki.m.i.i  iM.i  kg    Hist.    Beitr.  I,    174),    wogegen  Eth.   Eud.  I,  8.  1217, 

b,  27  allerdings  auch  auf  eine  Schrift  des  Eudemus  gehen  kann,  und  Top. 
IX  soph.  eL),  4.  22.  166,  b,  14.  178,  a,  5  sich  ohne  Zweifel  auf  die  in 
derselben  Schrift,  Top.  I,  9,  Anf.,  gegebene  Aufzählung  bezieht;  die  aber 
freilich,  so  kurz  und  unerläutert,  wie  sie  dasteht,  gleichfalls  auf  eine  frühere 
etwas  eingehendere  Auseinandersetzung  hindeutet.  Nach  Simpl.  Categ.  4,  £• 
Schol.  30,  b,  36.  David  Schol.  30,  a,  24  hätte  Ar.  unseres  Buchs  auch  in 
einer  andern  (jetzt  verlorenen)  Schrift  u.  d.  T.  KttTT]yoQlcii  oder  /tixa  Kca . 
erwähnt.  Nach  seinem  Vorgang  sollen  Eudemus,  Theophrast  und  Phanias 
nicht  allein  Analytiken  und  Schriften  |  n.'Enurji'ft«;,  sondern  auch  Kategorieen 
geschrieben  haben  (Ammon.  Schol.  28,  a,  40.  Ders.  in  qn.  v.  Porph.  15,  m. 
David  Schol.  19,  a,  34.  30,  a,  5.  Anon.  ebd.  32,  b,  32.  94,  b,  14),  was  aber 
freilich  in  Betreff  Theophrast's  von  Bkamhs  (Rhein.  Mus.  I,  1827,  S.  2"0  f.) 
mit  Grund  bestritten,  und  auch  für  Eudemus    bezweifelt   wird.     Dass  Strato 

c.  12  der  Kategorieen  berücksichtigte,  lässt  sich  aus  Simpl.  Cat.  106,  «.  107, 
a,  ff.  Schol.  89,  a,  37.  90,  a,  12  ff.  nicht  beweisen.  Dagegen  haben  die  alten 
Kritiker  die  Aechtheit  unserer  Schrift  nicht  bezweifelt,  während  sie  eine 
zweite  Recension  derselben  verwarfen  (Simpl.  Cat.  4,  f.  Schol.  39,  a,  36. 
Anon.  ebd.  33,  b,  30.  Philop.  ebd.  39,  a,  19.  142,  b,  38.  Ammon.  Cat.  13.  17. 
Boeth.  in  praed.  113  Bas.,  sämmtlich  nach  Adrastus,  einem  geschätzten 
Ausleger  um  100  n.  Chr.  vgl.  Fr.  Hz.  114);  nur  Schol.  33,  a,  28  ff.  scheinen 
Zweifel  berücksichtigt  zu  werden,  die  aber  schwerlich  von  Andronikus  her- 
rühren. Allerdings  zeigt  aber  die  innere  Beschaffenheit  des  kleinen  Buches 
manches  auffallende,  worauf  sich  Spengel  (Münchn.  Gel.  Anz  1845,  41  ff.), 
Pkantl  (Gesch.  d.  Logik  I,  90,  5.  204  ff.  243)  und  Boss  I  Arist.  libr.  ord. 
232  ff.  i  gestützt  haben,  um  seine  Aechtheit  zu  bestreiten;  nach  Pkantl 
(S.  207)  kann  sein  Verfasser  nur  in  „irgend  einem  peripatetischen  Schul- 
meister" aus  der  Zeit  nach  Chrysippus  gesucht  werden.  Nicht  alles  freilich, 
was  für  diese  Ansicht  vorgebracht  ist,  dürfte  einer  strengeren  Prüfung  Stand 
halten.  Wenn  Pkantl  z.  B.  S.  207  f.  an  der  Zehnzahl  der  aristotelischen 
Kategorieen  Anstoss  nimmt,  so  sind  doch  Top.  I,  9  die  gleichen  zehn 
Kategorieen  augegeben,  und  nach  Dexipp.  in  Cat.  40.  Schol.  48,  a,  46. 
Simpl.  ebd.  47,  b,  40  hatte  Aristoteles  dieselben  auch  noch  in  anderen 
Werken  genannt;  und  nimmt  auch  der  Philosoph  in  der  Regel  nur  einen 
Theil  der  10  Kategorieen  in  Gebrauch,  so  kann  er  darum  doch,  wo  es  ihm 
um  Vollständigkeit  zu  thun  ist,  sie  alle  aufgeführt,  oder  er  kann  auch  früher 
ihrer  mehr  gezählt  haben,  als  später.  Eine  fest  abgegrenzte  Zahl  derselben 
setzt  er  durchweg  voraus.  (Vgl.  S.  189  2.  Aufl.)  Wenn  die  Kategorieen  von 
<hi)T(fHu  ovaCai  reden,  so  entsprechen  diesem  Ausdruck  anderswo  nicht 
allein  tiqwtiu  ovoitu  (z.  B.  Metaph.  VII,  7.  13.  1032,  b,  2.  1038,  b,  10), 
sondern  auch  rntTut  ovoCai  (ebd.  VII,  2.  1028,  b,  20.  1043,  a,  18.  28);  und 
wenn  sie  c.  5.  2,  b,  29  sagen:  tixorwg  .  .  .  flava  .  .  .  tu  eidi]  xai  ra  yivr\ 
dtvTfQui  ovolai  MyovTtti,  so  braucht  man  diess  nicht  zu  übersetzen:  mit 
Recht    ist   für    die   Gattungen    der  Ausdruck    ölvt.  oisOiai  gebräuchlich  (der 


[51]  Logische  Schriften.  69 

Sätze1),  über  die  Schlüsse  und  das  wissenschaftliche  |  Verfahren 


freilich  vor  Aristoteles  nicht  gebräuchlich  gewesen  sein  kann%  sondern  der 
Sinn  kann  auch  der  sein:  wir  haben  Grund,  als  eine  zweite  Klas.se  von 
Substanzen  nur  die  Gattungen  und  Arten  gelten  zu  lassen.  Wenn  Kat.  c.  7. 
8,  a,  31.  39  bemerkt  wird,  ein  Troög  n  seien  strenggenommen  nur  die  Dinge, 
welche  nicht  blos  überhaupt  zu  einem  andern  in  einem  bestimmten  Verhält- 
niss  stehen,  sondern  deren  Wesen  in  dieser  Verhältnissbeziehung  aufgehe 
(ois  to  tlrcu  tccvtov  Igti  tw  TtQog  ti  rrcog  f/£iv\  so  braucht  man  hierin 
um  so  weniger  stoische  Einflüsse  zu  vermuthen,  da  das  ttqos  tt,  nwg  (%eiv 
auch  Top.  VI,  4.  142,  a,  29.  c.  8.  146,  b,  4.  Phys.  VII,  3,  247,  a,  2.  b,  3. 
Eth.  N.  I.  12.  1101,  b,  13  ebenso  vorkommt.  Nichtsdestoweniger  lassen  sich 
schwerlich  alle  Anstösse  beseitigen.  Aber  doch  trägt  die  Schrift  im  ganzen 
ein  überwiegend  aristotelisches  Gepräge,  sie  ist  namentlich  der  Topik  an 
Ton  und  Inhalt  verwandt,  und  auch  die  äusseren  Zeugnisse  sprechen  ent- 
schieden zu  ihren  Gunsten.  Ich  glaube  daher  nicht,  dass  sie  als  Ganzes 
unterschoben  ist,  und  möchte  mir  das,  was  uns  in  ihr  als  unaristotelisch 
auffällt,  lieber  durch  die  Annahme  erklären,  ihr  ächter  Grundstock  reiche 
nur  bis  c.  9.  1 1 ,  b,  7,  das  weitere  aber  sei  in  der  uns  allein  erhaltenen  Recension 
weggelassen  und  durch  die  kurze  Bemerkung  c.  9.  1 1,  b,  8 — 14  ersetzt  worden. 
Von  den  sog.  Postprädikamenten  (c.  10  — 15)  hat  schon  Andronikus  behauptet 
(Simfl.  a.  a.  O.  Schol.  81,  a,  27.  Ammon.  ebd.  b,  37),  und  in  der  Folge 
Brandis  (Ueb.  die  Reihenfolge  d.  Bücher  d.  arist.  Organon.  Abh.  d.  Berl. 
Akad.  Hist.  phil.  Kl.  1833,  267  f.  gr.-röm.  Phil.  II,  b,  406  ff.)  nachgewiesen, 
dass  sie  von  fremder  Hand  beigefügt  sind;  ob  aus  aristotelischen  Bruch- 
stücken, wie  er  annimmt,  ist  eine  andere  Frage.  Ebenso  machen  aber  die 
Schlussworte  c.  9.  11,  b,  8 — 14  ganz  den  Eindruck,  an  die  Stelle  von  Er- 
örterungen getreten  zu  sein,  welche  der  Ueberarbeiter  auswarf,  indem  er 
zugleich  dieses  Verfahren  durch  die  Bemerkung  rechtfertigte,  sie  haben  nichts 
enthalten,  was  nicht  schon  in  dem  früheren  vorgekommen  sei;  und  so  kann 
auch  in  dem  Hauptkörper  der  Schrift  einzelnes  von  ihm  weggelassen  oder 
beigefügt  sein;  manche  Ungelenkigkeit  der  Darstellung  und  des  Ausdrucks 
kann  aber  auch  davon  herrühren,  dass  die  Kategorieen  die  früheste  unter 
den  logischen  Schriften  und  vielleicht  längere  Zeit  vor  den  Analytiken 
verfasst   sind. 

1)  n.  'Eq  jurjva  ictg.  Diese  Schrift  wurde  in  älterer  Zeit  (nach  Alex. 
Anal.  pri.  52,  a,  u.  Schol.  in  Ar.  161,  b,  40.  Ammon.  De  interpret.  6,  a,  u. 
ebd.  97,  b,  13.  Boeth.  ebd.  97,  a,  28.  Anon.  ebd.  94,  a,  21.  Philop.  De 
an.  A,  13,  o.  B,  4,  u.)  von  Andronikus,  neuerdings  von  Gcmposch 
(üb.  d.  Logik  und  d.  log.  Sehr.  d.  Arist.  Lpz.  1839.  S.  89  ff.)  und  Rose 
(a.  a.  O.  232)  Aristoteles  abgesprochen ;  Brandis  (angef.  Abh.  263  ff.  vgl. 
David  Schol.  in  Ar.  24,  b,  5)  hält  sie  für  einen  unvollendeten  Entwurf  des- 
selben, welchem  c.  14,  schon  von  Ammonius  verworfen  und  von  Porphyr 
übergangen    (Ammon.    De   interpret.   201,   b,   Schol.  135,  b),    wahrscheinlich 


70  Aristoteles.  [52] 

im  ganzen1),    über  den  Wahrscheinlichkeitsbeweis2),  |  die  Trug- 

von  fremder  Hand  beigefügt  sei.  Die  äusseren  Zeugnisse  sind  günstig  genug. 
<la  nicht  allein  »lie  Verzeichnisse  1).  142.  An.  133.  Pt.  2)  unser  Buch  über- 
einstimmend enthalten,  sondern  auch  Theophrast  in  der  Abhandlung  nto) 
xarawäaetog  y.(d  anotpaoewg  (Dun;.  V,  44  I  es  berücksichtigt  haben  soll, 
Alex.  Anal.  pri.  124,  a,  u.  Schol.  ]s3,  b,  1;  ausführlicher,  nach  Alex., 
Hin  in.  ehd,  '.IT,  a,  38.  Anon.  Schol.  in  Ar.  94,  b,  14,  vgl.  das  Scholion  b. 
\V\nz  Arist.  Org.  I,  40,  welches  zu  De  interpret.  17,  h,  IG  bemerkt:  ttqö* 
toltÖ  (jTjrsiv  6  Hiöif  nc<OTo;  u.  s.  w.  auch  Ammon.  De  interpret.  73,  a,  in, 
128,  b,  u.  .  Auch  Eddemüs  tt.  A4$iu>g  (Alex.  Anal.  pri.  6,  b,  m.  Top.  38. 
u.  Metaph.  63,  15  Bon.  566,  b,  15  Brand.  Anon.  Schol.  in  Ar.  146,  a,  24 
könnte  unserem  Buch  (nicht,  wie  das  Scholion  S.  94,  b,  15  will,  den  Kate- 
gorieen)  nachgehildct  gewesen  sein,  vgl.  was  vor.  Anm.  aus  AmmoniüS  u.  a 
angeführt  wurde.  Indessen  ist  nicht  blos  die  letztere  Annahme  ganz  un- 
sicher, sondern  auch  die  Angabe  über  Theophrast  steht  nicht  unbedingt  fest. 
Denn  aus  den  angeführten  Stellen  selbst  geht  hervor,  dass  er  die  Schrift 
tt.  SQU.  nicht  genannt  hatte;  sondern  Alexander  glaubte  nur  aus  der  Art, 
wie  er  das  Thema  derselben  in  der  seinigen  behandelt  hatte,  auf  ihre  Be- 
rücksichtigung schliessen  zu  dürfen,  ob  er  aber  dazu  ein  Recht  hatte,  wissen 
wir  nicht.  Noch  weniger  beweist  das  Scholion  bei  Waitz,  dass  sich  die  dort 
angeführte  Bemerkung  Theophrast's  gerade  auf  die  Stelle  unseres  Buches, 
und  nicht  ganz  allgemein  auf  den  von  Aristoteles  öfters  besprochenen  Satz 
des  ausgeschlossenen  Dritten  (s.  u.  157,  5  2.  Aufl.)  bezieht.  Andererseits  ist 
es  auflallend,  dass  die  Abhandlung  tt.  (Qf*;  während  sie  selbst  in  keiner 
andern  aristotelischen  Schrift  angeführt  oder  in  Aussicht  gestellt  wird  vgl. 
Bonitz  Ind.  arist.  102,  a,  27),  ihrerseits  neben  der  ersten  Analytik  (c.  10.  19, 
b,  31.  Anal.  46.  51,  b,  36)  und  der  Topik  (c.  11.  20,  b,  26.  Top.  IX,  17. 
175,  b,  39  —  die  Erwähnung  der  Rhetorik  und  Poetik  c.  4.  17.  a,  5  enthält 
keine  Beziehung  auf  die  entsprechenden  aristotelischen  Werke),  auch  die 
Schrift  von  der  Seele  {c.  1.  16,  a,  8),  und  zwar  diese  für  einen  Satz  an- 
führt, dessen  Besprechung  weder  die  alten  Gegner  des  Andronikus  noch  die 
neueren  Gelehrten  darin  nachzuweisen  vermocht  haben  (vgl.  Bonitz  Ind. 
arist.  97,  b,  49,  dessen  Vorschlag  mich  aber  auch  nicht  befriedigt).  Dazu 
kommt,  dass  die  Schrift  zwar  ihrem  Inhalt  nach  mit  der  aristotelischen 
Lehre  durchaus  übereinstimmt,  aber  sich  vielfach  über  Sätze  der  elemen- 
tarsten Art  in  schulmässigcn  Erörterungen  verbreitet,  wie  sie  Aristoteles. 
sollte  man  glauben,  in  der  Zeit,  in  welche  ihre  Abfassung  fallen  müsste. 
nicht  mehr  nöthig  gefunden  hätte.  Es  fragt  sich  daher,  ob  sie  von  ihm  oder 
einem  andern  herrührt,  oder  vielleicht  auch  (wie  Gkänt  vermuthet,  Aristotel. 
")T  auf  Grund  mündlicher  Vorträge,  bei  denen  das  Bedürfniss  der  Anfänger 
mitberücksichtigt  wurde,  von  einem  seiner  Schüler  niedergeschrieben  worden  ist. 
1  Von  den  Schlüssen  handeln  die  Avalvrixa  tt  nör  toa ,  vom 
wissenschaftlichen  Verfahren  die  'Avak.  vartQa  in  je  zwei  Büchern.  D&88 
Diog.    Nr.   49.    An.  -4 * *>  der  ersten  Analytik    neun    Bücher  geben    (während  sie 


[53]  Logische  Sehr i  ft  en.  71 


An.  134  noch  einmal  mit  2  Büchern  aufführt),  rührt  vielleicht  nur  von  einer 
andern  Eintheilung  her;  möglich  aber  auch,  dass  dabei  andere  Bearbeitungen 
dieser  Schritt  mitgezählt  sind:  nach  dem  Ungenannten  Schol.  in  Ar.  33,  b, 
.32  vgl.  David  ebd.  30,  b,  4.  Philop.  ebd.  39,  a,  19.  142,  b,  3S.  Simpl. 
Categ.  4.  t  hatte  Adrastus  4Ü  Bücher  Analytiken  erwähnt,  von  denen  unsere 
vier  allein  al^  licht  anerkannt  wurden.  Dass  sie  diess  sind,  kann  auch 
keinem  Zweifel  unterliegen,  und  ist  ausser  ihrer  innen)  Beschaffenheit  auch 
durch  die  eigenen  Anführungen  des  Aristoteles  und  durch  den  Umstand  zu 
erweisen,  dass  schon  seine  ersten  Schüler  mit  Beziehung  auf  dieselben  ähn- 
liche Werke  verfasst  haben  (,vgl.  S.  68.  Brandis  Rhein.  Mus.  von 
Niebuhr  und  Brandis  I,  267  ff.)  So  kennen  wir  von  Eudemus  eine 
Analytik  (Alex.  Top.  70,  u.),  und  von  Theophrast  wird  das  erste  Buch 
seiner  ttqot(ou  'AvuXvtixk  angeführt  (Alex.  Anal.  pri.  39,  b,  u.  51,  a,  o. 
131,  b,  o.  Schol.  lös,  b,  S.  161,  b,  9.  184,  b,  36.  Simpl.  De  coelo,  Schol. 
509,  a,  6);  von  beiden  theilt  Alexander  in  seinem  Commentar  zahlreiche 
Bestimmungen  mit,  in  denen  sie  die  aristotelische  erste  Analytik  ergänzten 
oder  verbesserten  (s.  u  S.  648  ff.  2.  Aufl.  Theophrast  Fragm.  ed.  Wimmek 
S.  177  f.  229.  Eud.  Fr.  ed.  Spengel  S.  144  ff);  für  die  zweite  Analytik 
fehlen  uns  gleich  sorgfältige  Kachweisungen,  doch  werden  von  Alexandei: 
{bei  einem  Ungenannten  Schol.  in  Ar.  240,  b,  2  und  bei  Eüsteat.  ebd.  242, 
a,  17  .  Themist.  (ebd.  199,  b,  46),  Philop.  (ebd.  205,  a,  46)  Aeusserungen 
Theophrast's,  von  einem  Ungenannten  ebd.  248,  a,  24  eine  Bemerkung 
des  Eudemus  angeführt,  welche  sich  sämmtlich  auf  dieses  Werk  zu  beziehen 
scheinen ;  und  wenn  sich  von  Theophrast  nicht  allein  aus  dem  Titel  der 
'AvaXvTixa  nQortQu,  sondern  auch  aus  ausdrücklichen  Zeugnissen  (Diog.  V, 
42.  Galen.  Hippocr.  et  Fiat.  II,  2.  Bd.  V,  213  K.  Alex.  qu.  nat.  I,  26 
ergibt,  dass  er  neben  seiner  ersten  auch  eine  zweite  Analytik  schrieb,  so 
wird  er  bei  dieser  ebensogut,  wie  bei  jener,  dem  aristotelischen  Vorgang 
gefolgt  sein.  Aristoteles  selbst  citirt  die  beiden  Analytiken  mit  dieser  Be- 
zeichnung Top.  VIII,  11.  13.  162,  a,  II.  b,  32.  soph.  el.  2.  165,  b,  8.  Rhet. 
I,  2.  1356,  b,  9.  1357,  a,  29.  b,  24.  II,  25.  1403,  a,  5.  12.  Metaph.  VII,  12, 
Anf.  Eth.  N.  VI,  3.  1139,  b,  26.  32;  ebenso  De  interpr.  10.  19,  b,  31.  M. 
Mor.  II,  6,  1201,  b,  25.  Eth.  Eud.  I,  6.  1217,  a,  17.  II,  6.  1222,  b,  38.  c. 
10.  1227,  a,  10  (weitere  Verweisungen,  ohne  Namen,  b.  Bonitz  Ind.  arist. 
102,  a,  30  ff.);  diess  ist  demnach  ihr  ursprünglicher  Titel,  wie  er  auch 
später  der  allgemein  gebräuchliche  geblieben  ist;  und  dass  Arist.  gewisse 
Abschnitte  der  ersten  Analytik  u.  d.  T.  h'  roTg  tiiq)  avU.oyiauov  anfuhrt 
(Anal,  post  I,  3.  11.  73,  a,  14.  77,  a,  33),  dass  Alex.  Metaph.  437,  12. 
488,  11.  718,  4  Bon.  und  Ptol.  Nr.  28  seines  Verzeichnisses  die  zweite 
Analytik  'AnoSHXTtxr\  nennt,  dass  Galen  (De  puls,  different.  IV,  Schi.  lid. 
VIII,  765  K.  De  libr.  propr.  Bd.  XIX,  41  f.)  statt  der,  wie  er  selbst  sagt, 
gewöhnlichen  Titel  lieber  tt.  avM.oyinuuv  und  n .  (inodti'iiwz  setzen  will, 
darf  uns  nicht  irre  machen.  Aus  inneren  Gründen  aber  die  erste  Analytik 
n.  av/.i.oyiauov,  die  zweite  Alfdodix«  zu  nennen  (GüMPOSCH.  Log.  d.  Arist. 


72  Aristoteles.  [53] 


115  ff.),  haben  wir  kein  Keclit.  Richtig  bemerkt  übrigens  Braxdis  (üb.  d. 
arist.  Org.  l'til  ff.  gr.-rom.  Phil.  II,  b,  1,  224.  275  f.):  die  erste  Analytik  sei 
ungleich  sorgfältiger  und  gleichmässiger  ausgeführt,  als  die  zweite,  die  Arist. 
selbst  schwerlich  als  abgeschlossen  betrachtet  hätte,  und  die  beiden  Bücher 
der  ersten  scheinen  nicht  unmittelbar  nach  einander  verfasst  zu  sein. 

'2  Aristoteles  hat  diesen  Gegenstand,  wohl  im  Zusammenhang  mit  seinem 
rhetorischen  Unterricht,  in  mehreren  Schriften  behandelt.  Wir  besitzen  noch 
die  Torrixu  in  8  Büchern,  von  denen  aber  das  letzte,  und  vielleicht  auch 
das  3te  und  7te   längere  Zeit  nach  den  andern  ausgearbeitet  zu  sein  scheint 

Brandts  üb.  d.  arist.  Org.  255.  gr.-rüm.  Phil.  II,  b,  330  f.);  ihre  Aechtheit 
und  ihr  Titel  sind  schon  durch  die  Anführungen  in  aristotelischen  Schriften 
(De  interpr.  11.  20,  b,  20.  Anal.  pr.  I,  11.  24,  b,  12.  II,  15.  17.  04,  a,  37. 
65,  b,  16.  Rhet.  I,  1.  1355,  a,  28.  c.  2.  1356,  b,  11.  1358,  a,  29.  II,  '12.  1390, 
b,  4.  c.  23.  1398,  a,  28.  1399,  a,  0.  c.  25.  1402,  a,  36.  c.  26.  1403,  a,  32. 
III,  18.  1419,  a,  24)  sichergestellt.  Die  Kunst  des  Wahrscheinlichkeits- 
Beweises  nennt  A.  Dialektik  (Top.  Anf.  Rhet.  An  f.  u.  o.),  und  mit  der 
gleichen  Bezeichnung  (nQayfxctTtia  tteqI  ttjv  dictkexuxriv)  verweist  er  auch 
auf  die  Topik  (Anal.  pr.  I,  30.  46,  a,  30).  Um  so  wahrscheinlicher  ist  es, 
dass  auch  mit  den  [it&od ixit  Rhet.  I,  2.  135H,  b,  19  die  Topik  gemeint 
ist,  welche  es  gleich  in  ihren  Anfangsworten  als  ihre  Aufgabe  bezeichnet, 
uifrodov  tvoeiv  u.  s.  f.,  und  in  welcher  das  hier  berührte  I,  12.  105,  a, 
16.  VIII,  2  Anf.  vorkommt,  nicht  (wie  Heitz  81  ff.  Fr.  117  annimmt)  eine 
verloren  gegangene  Schrift.  Vgl.  Rose  Arist.  libr.  ord.  120.  Vahlex  Z. 
Krit.  arist.  Sehr.  Sitzungsber.  d.  Wiener  Akad.  XXXVIII,  99.  Boxitz  Ztschr. 
f.  d.  Österreich.  Gymn.  186G,  11,  774.  Auch  in  manchen  Handschriften 
scheint  die  Topik  diesen  Titel  geführt  zu  haben,  und  dadurch  schon  frühe 
die  Meinung  entstanden  zu  sein,  dass  beides  verschiedene  Werke  gewesen 
seien.  Dionts.  ep.  I  ad  Amm.  c.  6,  S.  729  spricht  diese  Ansicht  zwar  nicht 
aus,  denn  er  redet  aus  Anlass  der  Stelle  Rhet.  I,  2  (in  welcher  er  die  von 
Heitz  für  interpolirt  gehaltenen  Worte  bereits  gelesen  hat)  nur  von  der 
ävaliTixr]  y.cu  ut&oJcxT)  noity /uctreia,  ohne  der  Topik  neben  der  letzteren 
noch  besonders  zu  erwähnen.  Dagegen  nennt  D.  52  die  Mt&odtxit  in  acht, 
An.  49  dieselben  in  7  Büchern,  während  beide  die  Topik  gleichfalls  kennen 
(s.  u.  74,  7);  V,  29  unterscheidet  DlOG.  tk  tb  totiixu  xcu  [Kdodixa,  und 
Simrl.  Cat.  16,  a.  Schol.  47,  b,  40  (bezw.  Porphyr)  scheint  die  letzteren  zu 
den  sog.  hypomnematischen  Schriften  zu  rechnen,  zu  denen  die  Topik  nicht 
gehört.  D.  81  kommt  noch  ein  zweites  /ue&otiixdv  «.  Dass  unsere  Topik 
erhebliche  Lücken  in  ihrem  Text  habe,  scheint  mir  durch  die  Stellen,  welche 
Spengel  (Abh.  d.  Münchn.  Akad.  VI,  497  f.)  dafür  anführt,  Rhet.  I,  2.  1356, 
b,  10.  II,  25.  1402,  a,  34  nicht  bewiesen,  da  für  die  er6te  von  diesen  An- 
führungen Top.  I,  1.  12  ausreicht  (auf  die  Topik  wird  nämlich  hier  blos 
hinsichtlich  des  Unterschieds  von  avXloytafjog  und  {nayoiyt]  verwiesen,  wie 
auch  Bkaxdis  üb.  d.  Rhet.  d.  Arist.  Philologus  IV,  13  f.  annimmt),  bei  der 
zweiten  aber,   welche  allerdings   auch    auf  Top.  VIII,   10.   161,  a,  9  ff.   nicht 


54  Logische  Schritten.  73 

Schlüsse  und  ihre  Widerlegung ').  Neben  diesen  Bestandtheilen 
unseres  jetzigen  Organon  -)  wird  uns  aber  noch  eine  grosse  An- 
zahl verwandter  Schriften  genannt:  Erörterungen  über  Wissen 
und     Meinen 3) ;      über     Definition 4),     Unter-      und     Ueberord- 


passt,  die  Worte  xa&änSQ  xai  iv  rofg  Tonr/.olg  nicht  als  Anführung  einer 
bestimmten  Stelle  gefasst  zu  werden  brauchen,  sondern  auch  die  Erklärung 
zulassen:  „von  Einwendungen  gibt  es  in  der  Rhetorik,  wie  in  der  Topik 
im  rednerischen  Gebrauch,  wie  bei  der  Disputation")  viererlei  Arten";  was 
auch  dann  gesagt  werden  konnte,  wenn  dieser  Unterschied  in  dem  früheren 
Werke  nicht  berührt  war.  Ebenso  steht  äaneo  iv  roTg  Toniy.oTg  und  ähn- 
liches öfters;  vgl.  Bomtz  Ind.  arist.  101,  b,  44  ff.  52  ff.  Vaiilex  a.  a.  O. 
140,  wo  die  Worte  Rhet.  II,  25  erklärt  werden:  „Instanzen  bringt  man  hier 
in  der  Art,  wie  in  der  Topik,  und  zwar  vierfache." 

1)  IT.  aoq igt ly.üv  i).iyywv  oder  (nach  Alex.  Schol.  296,  a,  12. 
21.  29.  Boethiis  in  s.  Uebersetzung)  aoifiOTiy.ol  "O.iyyoi.  Indessen  macht 
Waitz  Arist.  Org.  II,  528  f.  (dem  Bonitz  Ind.  ar.  102,  a,  49  beistimmt)  mit 
Recht  geltend,  dass  Arist.  selbst  De  interpr.  c.  11.  20,  b,  26.  Anal.  pri.  II, 
17.  65,  b,  16  auf  Stellen  unserer  Schrift  (dort  c.  17.  175,  b,  -39.  c.  30,  hier 
c.  5.  167,  b,  21)  mit  der  Bezeichnung  iv  roTg  Toniy.oTg  verweise,  dass  er 
soph.  el.  c.  9,  Schi.  c.  11,  Schi.  vgl.  Top.  I,  1.  100,  b,  23  die  Kenntniss 
der  Trugschlüsse  zur  Dialektik  rechne,  und  c.  34  nicht  allein  für  die  Ab- 
handlung über  diese,  sondern  für  die  ganze  Topik  den  Epilog  gebe.  Er  will 
desshalb  die  ao(fiari%oi  ¥l.  lieber  als  9tes  Buch  der  Topik  bezeichnen.  Nun 
scheint  Arist.  allerdings  c.  2.  165,  b,  8  vgl.  Rhet.  I,  3.  1359,  b,  11  beide 
auch  wieder  zu  unterscheiden  (Braxdis  gr.-röm.  Phil.  II,  b,  148);  doch  folgt 
daraus  nur,  dass  die  Abhandlung  von  den  Trugschlüssen  später  verfasst  wurde, 
als  die  übrigen  Bücher  der  Topik,  nicht,  dass  sie  nicht  mit  diesen  Ein  Ganzes 
bilden  sollte.  Die  Verzeichnisse  des  Diog.  und  Anon.  übergehen  die  aoffiar. 
'i)..  unter  dieser  Bezeichnung  (denn  An.  125  ist,  wie  Rose  zeigt,  dieser  Titel 
auszuwerfen),  wiewohl  sie  der  Topik  (ue&odixa)  nur  8  Bücher  geben,  während 
Ptol.  29  sie  von  der  Topik  (26  b)  getrennt  aufführt;  wahrscheinlich  haben 
sie  aber  auch  jene  unter  dem  Titel:  n.  iotaa/MV  (D.  27)  oder  n.  ioiar. 
loyeav  (An.  27)  2  B. 

2)  Ueber  diesen  Namen  für  das  Ganze  der  logischen  Schriften  vgl.  m. 
S.    132,  3  2.  Aufl. 

3)  IT.  in tarr)  ur\  g  D.  40;  n.  in iot  t] fiw  v  (D.  26.  An.  25);  n. 
^o^rjg  (An.  App.  162).  Gegen  die  Aechtheit  dieser  Stücke  spricht  schon 
der  Umstand,  dass  sie  sonst  nirgends  erwähnt  werden. 

4)  Auf  diese  beziehen  sich  mehrere  Titel  im  Verzeichniss  des  Ptole- 
mäus  :  Nr.  60  4  B.  Öqigt ixa  (der  gleiche  Titel  unter  den  theophrastischen 
Schriften  Diog.  V,  50),  Nr.  63  2  B.  über  die  Objekte  der  Defini- 
tionen, Nr.  63  b:  De  contradictione  definttionum,  Nr.  63  c:  De  arte  defi- 
niendi,   Nr.   64    2  B.    ngog   roig  ooiG/Liovg    (ein  solches  b.  Diog.  V,  45 


74  Aristoteles.  54] 

nuDg1),  Gegensatz  and  Unterschied2),  und  einzelne  Arten 3)  der 
Begriffe;  aber  den  sprachlichen  Ausdruck *) ;  über  Bejahung  und 
Verneinung3  ;  zur  Schlusslehre6);  namentlich  aber  über  Gegen- 
stände aus  dem  Gebiete  der  Topik  und  Eristik7).    Indessen  sind 


als  theophrastiscb  .  De  tabula  definiendi  erklärt.  Ueber  die  Sammlungen  vo.i 
Definitionen  and  Eintheilangen  S.  78. 

\)  TT.  eltföiv  xal  yevtov  {D.  31;  An.  28  nur:  ti.  lidojr');  sonst 
unbekannt. 

2  leber  das  Yerhältniss  des  Gegensatzes  unter  den  begriffen  handelte 
die  Schrift  n.  Ttöv  avzixe  tuevojv,  die  ohne  Zweifel  von  der  ti.  Ivav- 
tI(ot  (1).  30.  An.  32)  nicht  verschieden  ist.  Einiges  nähere  über  diese 
Schrift  und  ihre  casuistischen  Erörterungen  (ein  uttoqiwv  nlijüag  äurj%avov 
Fr.  115)  theilt  Simflicius  an  verschiedenen  Stellen  seines  Commentars  zu 
den  Kategorieen  (Arist.  Fr.  115  —  121  S.  1497  f.  Fr.  Hz.  119)  mit.  Rose 
Ar.  pseud.  130  weist  sie  dem  Zeitalter  Theophrast's  zu.  4  B.  tt  .  J/«y  OQ«g 
nennt  Ptol.   12. 

3)  De  relato  (n.  tov  TiQog  ti)  6  B.   (Pt.   84). 

4)  De  significatione  (Pt.  78;  sein  griechischer  Titel  sei  ..garamkun",  d.  h. 
yQuuumtxbv  oder  -oh1).  Ein  weiterer  hieher  gehöriger  Titel:  tt.  A^w4-, 
wird  S.  76,  2  besprochen  werden.  Auch  die  partitio  conditionum,  quae  sta- 
tuuntur  in  voce  et  ponuntur  (Pt.  54.  6  Bücher)  mag  grammatischen  Inhalts 
gewesen  sein. 

5)  Alex.  Metaph.  286,  23.  Bon.  680,  a,  26  Br.  citirt  diese  Schrift  zwar  nur 
tv  tw  n(Qi  xciT a (f  (t  G &  <<>  g ,  sie  hiess  aber  vielleicht,  wie  die  ihr  ent- 
sprechende, möglicherweise  mit  ihr  identische,  Theophrast's  ^Diou.  V,  44) 
mit  ihrem  vollständigen  Titel  tt.   xuTaqicGtwg  xai  änoyüotojg. 

6)  2v Xloyi Ofjtoxv  «  ß'  (.D.  56.  An.  5-1);  av ).).oyian  xov  xa) 
ot)üi     1).   57.  An.  55:   -xo~iv    oqojv);   av kloyta fj  ol    u  (D.   48). 

7)  Dahin  gehören  zunächst  die  in  den  Verzeichnissen  neben  den  Mt- 
9-oitxa  genannten  Schriften:  r  «  ttqo  to~>v  t6tio)V  (D.  59.  An.  57);  7  B. 
oqoi  71  no  toIv  tontxüv  (D.  55);  t  <>tt  txöjr  tt  qo  g  to  v  g  6  Qovg  ä  ß 
(D.  60.  An.  59;  Pt.  62:  tabula  deßnitümutn,  quae  adhibentur  in  topica,  noi; 
OQOvg  Tonc/Mv  genannt,  3.  ls.)i  De  definiendo  topico  (über  die  topische  Defi- 
nition Pt.  61);  tt.  IdCoiV  (D.  32);  ti.  ^Qon^atwg  xal  an  ox  ot'asoig 
(D.  44.  An.  44).  Indessen  glaubt  Brandis  a.  a.  O.,  diese  Titel  bezeichnen 
nur  einzelne  Theile  unserer  Topik:  r«  ttqo  rdv  rörrojv,  sonst  für  die 
Kategorieen  gesetzt  (s.  o.  67,  1),  das  erste  Buch,  welches  wirklich  von  Ein- 
zelnen so  bezeichnet  worden  sein  soll  (Ungenannter  Schol.  in  Ar.  252,  a,  46\ 
uQOt  töjv  Ton.  (wie  Br.  statt  ttqo  t.  t.  vorschlägt)  B.  2 — 8,  ron.  ttqo^ 
Toi>s  oqovs  B.  6.  7,  n.  IdCtav  B.  5,  ti.  tnom'iattog  x.  anoxq.  B.  8,  von 
dem  Ai.kx.  Schol.  292,  a,  11  bezeugt,  manche  nennen  es  so,  andere,  mit 
Rücksicht  auf  seine  Anfangsworte,  n.  Ttt&aig  xat  unoxot'atoig.  Diese  An- 
nahmen empfehlen  sich  mir  gleichfalls;  nur  hinsichtlich  der  7  B.  oooi  ttqo 
t.  tott.  ist  es  mir  noch  wahrscheinlicher,  dass  der  Text  des  Diogenes  nicht 


54  Logische  Schriften.  75 

seihst  die  ältesten  von  diesen  Schriften    wahrscheinlich    erst   aus 
der  peripatetisehen  Schule  nach  Aristoteles  hervorgegangen. 


ganz  in  Ordnung  ist.  Der  Anon.  gibt  nämlich  dafür  die  zwei  Titel:  51  : 
ugorv  ßißkiov  «,  52:  ronixiav  £  ;  und  hier  wird  man  die  oqoc  am  natür- 
lichsten auf  B.  1  unserer  Topik  beziehen,  das  wirklich  in  seiner  ersten 
Hälfte  (c.  1  — 11)  aus  Definitionen  und  ihrer  Erklärung  besteht,  die  7  B. 
Tomxa  auf  B.  2 — 8.  Ich  möchte  nun  theils  desshalb,  theils  wegen  der  Sieben- 
zahl der  Bücher  in  beiden  Verzeichnissen  vermuthen,  auch  in  dem  des  Diog. 
seien  die  onoi  ursprünglich  gleichfalls  von  den  Topika  unterschieden  ge- 
wesen, indem  sein  Text  lautete:  oqoi  ttqo  tmv  ronixwv  «.  jnniy.wv  ü  ß' 
y'  ö'  i  z'  £'.  Weiter  nennen  D.  65.  An.  62  in i yfiQTjjuaT ojv  «  ß'  (Pt. 
55  39  B.  83  1.  B.),  D.  33.  An.  33  v n o  fivi\  uttx a  in  iyt  ior\u  ux  ix« 
3  B.  D.  70.  An.  65  Statig  in  i  yt  io\]  itar  i  xa\  xs,  wie  auch  Theo  Pro- 
gymn.  S.  165  W.  (Rhet.  ed.  Sp.  II,  69),  Aristoteles  und  Theophrast  aoXlic 
ßißlia  fte'attov  iniyQityouevci  beilegt,  die  näher  (nach  Alex.  Top.  16,  u. 
Schol  254,  b,  10  Ttjv  sig  r«  (h'Tixa'utva  öi'  ivöö'£ü)v  iniyt(Qr\aiv  enthielten. 
(ITqos  didLV  imyttQiTv  heisst:  das  Für  und  Wider  in  Beziehung  auf  einen 
gegebenen  Satz  erörtern,  vgl.  Ind.  arist.  282,  b,  57  f.  283,  a,  6  f.;  &£oti^ 
^ntytiorjuaTixv)  sind  also  Themata  für  dialektische  Ausführungen,  dialektische 
Aufgaben  mit  einer  Anleitung  zu  ihrer  Bearbeitung).  Die  'EniyfiQrjfAaT« 
sind  wohl  identisch  mit  den  Xoyixa  iniytiQrj/juTK,  deren  zweites  Buch 
Philop.  Schol.  227,  a,  46  anführt;  die  vnoutrj/uaTa  iTiiytiQrjuaTixcc  mit  der 
von  Dexipp.  Cat.  40.  Schol.  48,  a,  4.  Simpl.  Schol.  47,  b,  39  (nach  Porphyr 
einfach  vn o  ttvr\  p  cct  cc  genannten  Schrift;  Ptol.  69.  82.  82  b  nennt  zuerst 
2,  dann  16  B.  amusmata  oder  ifumsmata  (vnofiVTJ/uaTtc),  dann  noch  ein  wei- 
teres Buch.  Dagegen  verweist  Athen.  IV,  173,  e.  XIV,  654,  d  mit 
li4oi(>TOTt).7]S  ?t  &to<j  occGTog  iv  roTg  vnofivi'^uaat  nicht  auf  ein  bestimmtes 
Buch  dieses  Titels,  sondern  unbestimmt  auf  eine  nicht  näher  bezeichnete 
Schrift.  Wie  sich  die  von  Ptol.  Nr.  79.  80  genannten  33  (oder  23)  und  31 
(oder  7)  Bücher  n  qot  aasig  zu  den  tiiaug  iniyfiQtj/uarixKi  verhalten, 
lässt  sich  um  so  weniger  angeben,  da  auch  Diog.  zweimal  (46.  67)  und 
An.  38  nnortcofig  ä  hat.  Die  iniytinrificeTixu'i  löyot,  deren  Arist.  n.  (xvr\fj. 
c.  2  Anf.  erwähnt,  beziehen  sich  nicht  (wie  Themist.  z.  d.  St.  97,  a,  u. 
S.  241  Sp.  glaubt)  auf  eine  von  dieser  Abhandlung  verschiedene  Schrift, 
sondern  auf  ihr  erstes  Kapitel  (-149.  b,  13  ff.  450,  a,  30  ff.  b,  11  ff.);  vgl. 
Bonitz  Ind.  arist.  99,  a,  3*5.  —  Zur  Topik  gehören  ferner  die  ivaruati; 
D.  35.  An.  36.  Pt  55  b;  die  nnoTciaeig  igiar  tx  tti  cf  (D.  47.  An.  44 ). 
Xvatig  i  Qtartxnl  J'  (D.  28.  An.  29),  J  /  ctin  t'oeig  aoffiarcxai  i) 
(D.  29.  An.  31).  Ueber  die  iniarixol  Xoyoi  s.  m.  S.  73,  1  Schi.  Eine 
Schrift  -nanu  t^v  ktt-iv,  deren  Simpl.  Cat.  Schol.  47,  b,  40  erwähnt, 
{Vr.  113,  S.  1496.  Rose  Ar.  ps.  128.  Fr.  Hz.  116)  wurde,  wie  er  bemerkt, 
schon  im  Alterthum  angezweifelt.  Dieselbe  handelte  vielleicht  (nach  Soph. 
el.  4)  von  den  Trugschlüssen  nnoä  rr]v  Xf$iv.  Unter  den  Pseudepigraphen 
nennt   An.    196:   n.   ut&öSov. 


7t',  Aristoteles.  [55] 

|  An  die  Topik  schliessen  sich  die  rhetorischen  Werke  der 
Sache  nach  an  M.  wenn  auch  wohl  mehrere  derselben  der  Zeit 
nach  ihr  vorangingen,  andere  erst  nach  langem  Zwischenraum 
nachfolgten i  indessen  ist  uns  von  den  vielen  theils  aristotelischen 
theils  wenigstens  als  aristotelisch  überlieferten  Schriften,  in  denen 
die  Theorie   der  Beredsamkeit   entwickelt 2),    die  Geschichte   der 


1)  Vgl.  Rhet.  I,   1,  Anf.  c.  2.  1356,  a,  25.  Soph.  el.  34.   184,  a,  8. 

2)  Ausser  den  beiden  noch  vorhandenen  Werken  gehört  hieher  zunächst 
die  theodektische  Rhetorik.  D.  82.  An.  74  nennen  diese  T^yvrjg  rrjg 
SeodixTOV  awayojyri  (wofür  sich  auch  ttgayojyf]  findet);  jener  gibt 
ihr  Ein,  dieser  drei  Bücher.  Unsere  Rhetorik  verweist  III,  9,  Schi,  auf  eine 
Aufzählung  £v  roTg  OeotfexTStoig,  was  sich  nur  auf  ein  aristotelisches  Werk 
beziehen  lässt,  und  jedenfalls,  auch  wenn  das  dritte  Buch  der  Rhetorik 
unächt  ist,  das  frühe  Dasein  der  Schrift  beweist.  Der  Verfasser  der  Rhet. 
ad  Alex.  1.  1421,  b,  1  lässt  Arist.  von  rat?  in  tfxov  Ttyvaig  Oiodextr) 
yoatf ti'aaig  reden,  und  auch  dieses  Zeugniss  wird  jedenfalls  älter  sein,  als 
Andronikus.  Ob  damit  eine  Rhetorik  bezeichnet  werden  soll ,  die 
Theodektes  gewidmet,  oder  eine  solche,  die  von  Arist.  verfasst,  aber  von 
Theodektes  unter  seinem  eigenen  Namen  veröffentlicht  war,  lässt  der  Aus- 
druck unentschieden;  die  Späteren  geben  aber  dem  Titel  ,, Rhetorik  des 
Theodektes"  (GeofitxTixal  Ttyvai  Anon.  Seguer.  in  Arist.  Fr.  125,  S.  1499. 
Fr.  Hz.  125)  nicht  selten  diese  letztere,  an  sich  höchst  unwahrscheinliche 
Bedeutung  ^Quintil.  II,  15,  10  mit  dem  Beisatz:  ut  creditum  est;  bestimmter 
Valkr.  Max.  VIII,  14,  3  ext.),  oder  nennen  sie  auch  Theodektes  geradezu 
als  Verfasser  (Cic.  orat.  51,  172.  57,  194.  Qlintil.  IV,  2,  63.  Spätere  bei 
Rose  Arist.  pseud.  141.  Ar.  Fragm.  123.  Fr.  Hz.  124  f.),  wie  das  gleiche 
(eben  bei  Cicero)  auch  bei  der  nikomachischen  Ethik  vorkommt  (s.  S.  72,  1 
2.  Aufl.);  oder  sie  schreiben  Aristoteles  und  Theodektes  zu,  was  sie  in  der 
theodektischen  Rhetorik  gefunden  hatten  (Dionys.  comp.  verb.  2,  S.  8.  De 
vi  Demosth.  48,  S.  1101.  Quintil.  I,  4,  18.  Ar.  Fr.  126).  Wenn  die  Schrift 
acht  war  —  und  die  Fragmente  geben  wenigstens  keinen  Anlass,  diess  zu 
bezweifeln  —  so  wird  man  sie  nur  für  ein  an  Theodektes  gerichtetes  (nicht 
etwa  für  ein  von  Theodektes  verfasstes  und  von  Arist.  nach  dessen  Tod 
herausgegebenes)  Werk  halten  können ;  und  da  nun  dieser  Redner  Alexanders 
asiatischen  Feldzug  nicht  mehr  erlebt  hat,  aber  durch  Aristoteles  mit  Alexan- 
der bekannt  geworden  war  (Plut.  Alex.  17,  Schi.),  wird  ihre  Abfassung  wohl 
in  die  Jahre  fallen,  die  Arist.  in  Macedonien  zubrachte.  Dass  sie  mehr  als 
Ein  Buch  hatte  (Rose  Arist.  ps.  139',  scheint  der  Ausdruck  rtyvcu  in  der 
Rhet.  ad  Alex,  vorauszusetzen,  aus  dem  Plural  QiodtxTHtt  Rhet.  III,  9, 
Schi,  würde  es  nicht  folgen.  Ausführlicher  bespricht  sie  Rose  a.  a.  O.  135  ff. 
Heitz  85  f.  —  Von  den  übrigen  Titeln  rhetorischer  Werke  in  den  Verzeich- 
nissen geht  reyvr]  (oder  -r\g)  «  D.  79.  An.  73  wahrscheinlich  auf  unsere 
Rhetorik  an  Alexander;  D.  80  schwanken  die  Handschriften  zwischen  aXlr) 


[56]  Rhetorische  Schriften.  77 

Rhetorik  |  dargestellt  J),  rednerische  Muster  gegeben  2)  waren,  nur 

riyvr\  und  kXXt]  Tfyvdiv  Ovvaymyrj;  in  jenem  Falle  hätte  man  wohl  an  ein 
zweites  Exemplar  unserer  Rhetorik,  in  diesem  an  ein  solches  der  xtyvöiv 
avvaytoyij,  nicht  an  eigene,  von  ihnen  verschiedene  Werke  zu  denken.  Unter 
den  Einzelabhandlungen,  die  genannt  werden,  wurde  der  rQvXXog  schon 
S.  61,  1  berührt;  eine  blosse  Doublette  desselben  scheint  An.  App.  153: 
n.  ()t]TOQixfjs  zu  sein.  In  n.  ).t%£tag  a.  ß'  (D.  87;  An.  79:  n.  i.'i^. 
xaOuoäg  —  über  eine  gleichnamige  Schrift  des  Eudemus  S.  698,  3  2.  Aufl.) 
vermuthet  Braxdis  gr.-röm.  Phil.  II,  b,  1,  79  das  3te  Buch  unserer  Rhetorik, 
deren  12  erste  Kapitel  sich  damit  beschäftigen,  mit  um  so  grösserer  Wahr- 
scheinlichkeit, da  Diog.  78  der  Rhetorik  nur  zwei  (dagegen  An.  72  drei) 
Bücher  gibt.  77.  peye&ovg  «  (D.  85.  An.  77;  über  den  Gegenstand  s.  m. 
Rhet.  I,  3.  1359,  a,  16.11,  18  f.  1391,  b,  31. 1393,  a,  8),  n.  OvfxßovXias  (oder 
-ijg)  et  (D.  88.  An.  80.  Ar.  Fragra.  136,  S.  1501.  Ar.  pseud.  S.  148.  Fr.  Hz.  126), 
n.  ^tjroQog  rj  n oXitixov  (An.  App.  177),  xixvrl  lyxio/xiaaT  ixtj 
(ebd.  178)  waren  ohne  Zweifel  alle  unächt,  ebenso  das  /j.vi]fiovtxov  (D. 
117.  An.  109),  das  auch  eine  Hülfswissenschaft  der  Rhetorik  betreffen  würde. 
Die  nuQctyytXuaTu  (Ptol.  68)  scheinen  mit  den  bei  Diog.  V,  47  Theo- 
phrast  beigelegten  naQayyü.uaTa  QrjTOQtxrjg  identisch,  keinenfalls  aristo- 
telisch  zu  sein. 

1)  Eine  Darstellung  aller  bis  auf  seine  Zeit  herab  aufgetretenen  rheto- 
rischen Theorieen  (rt/vcti)  gab  die  Teyvwv  ovvctywyr)  (D.  77  zwei  BB. 
An.  71.  Pt.  24  1  B.),  wovon  D.  89  (ovvayojyfjg  ä  ß')  und  80  (falls  hier 
aXXjj  Tf/v.  avvay.  zu  lesen  ist)  blosse  Wiederholungen  zu  sein  scheinen. 
Mittheilungen  aus  derselben  (aus  Cic.  De  invent.  II,  2,  6.  De  orat.  II,  38, 
160.  Brut.  12,  46  u.  a.)  Ar.  Fragm.  130—135.  S.  1500  f.  Rose  Arist.  ps. 
145  f.  Fr.  Hz.  122.  Die  gleiche  Schrift  oder  ein  Auszug  daraus  scheint  mit 
der  IniTO/ATi  ()t]TOQwv  (Demetk.  Magn.  b.  Diog.  II,  104)  gemeint  zu  sein. 

2)  'Ev&vfiijficcT  a  QTjTOQtXK  u'  D.  84.  An.  76.  'Ev&v  (xr}[iÜT(i)v 
S ictiQ toeig  «  (D.  84;  An.  88  offenbar  verschrieben:  h&v/x.  xai  alot'atwv). 
Auch  7t qo  o  t[it(ov  «  (An.  127)  gehörte  hieher;  es  ist  aber  wohl  nagot- 
fiiiZv  (D.  138)  dafür  zu  setzen.  Zu  den  rednerischen  Schriften  könnte  man 
auch  die  Xgeiai  rechnen,  eine  Sammlung  treffender  Aussprüche,  wie 
Plutarch's  Apophthegmen,  welche  Stob.  Floril.  5,  83.  7,  30.  31.  29,  70.  90. 
43,  140.  57,  12.  93,  38.  116,  47.  118,  29  anführt.  Da  aber  aus  dieser  Schrift 
auch  ein  Wort  des  Stoikers  Zeno  mitgetheilt  wird  (57,  12),  und  da  sich  eine 
solche  Anekdotensammlung  Aristoteles  überhaupt  nicht  zutrauen  lässt,  so 
muss  sie  entweder  unterschoben  oder  von  einem  gleichnamigen  späteren 
Schriftsteller,  etwa  dem  b.  Diog.  V,  35  genannten  Grammatiker,  verfasst  sein. 
Rose  Arist.  ps.  611  f.  glaubt,  ^Agiaroxtkoig  sei  hier  aus  AQi'OTOjvog  ver- 
schrieben. Die  gleiche  Schrift  scheint  b.  Stob.  38,  37.  45,  21  mit  dem 
Lemma :  ix  tmv  xoivöiv  IjQiOTortXovg  ötuTQißiZv  gemeint  zu  sein.  (^Ihre 
Ueherbleibsel  b.  Rose  a.  a.  O.  Fr.  Hz.  335  f.)  —  Zwei  Prunkreden:  lyxiä- 
fiiov  Xöyov  und  iyxojfx.  nkovTov ,  rechnet  schon  An.  190.  194  zu  den 


78  Aristoteles.  [56] 

Hin«'  erhalten1),  an  der  wir  aber  allerdings  ohne  Zweifel  die 
reifete  Zusammenfassung  der  aristotelischen  Rhetorik  besitzen; 
wogegen  die  an  Alexander  gerichtete  Rhetorik  jetzt  allgemein 
für  unächt  erkannt  ist  -  . 

Unter  den  Schriften,  welche  der  materiellen  Ausführung  des 
philosophischen  Systems  gewidmet  sind,  werden  uns  zunächst, 
als  I Hilfsmittel  zur  Orientinmg  über  dasselbe,  Sammlungen  von 
Definitionen8)  und   Eintheilungen 4)    genannt,    unter   denen  sich 

Pseudepigraphen.  Die  von  Arist.  angeführten  Gnomen  und  Apophthegmen 
Rose  Ar.  ps.  606  ff.  Fr.  Hz.  337  ff.)  sind  verschiedenen  Quellen  entnommen. 
1")  Die  3  Bücher  der  Rhetorik.  Ueber  die  Abt'assungszeit  dieser  Schrift, 
welche  dem  letzten  athenischen  Aufenthalt  des  Philosophen  angehören  muss, 
vgl.  m.  Bkamus  Ueb.  Arist.  Rhetorik,  Philologus  IV,  8  ff.  Dass  indessen  auch 
sie  nicht  ohne  alle  Interpolationen  und  Versetzungen  ist,  dass  namentlich 
im  2ten  Buch  c.  18 — 26  vor  c.  1  —  17  gehörte,  zeigt  Spengel  Ueb.  d.  Rhe- 
torik d.  Arist.  Abh.  d.  Münchn.  Akad.  VI,  483  ff,  dem  Vaiilen  Z.  Krit. 
arist.  Sehr.  (Sitzungsber.  d.  Wiener  Akad.  XXXVIII)  92.  121  ff.  hierin  bei- 
stimmt. Gegen  die  Aechtheit  des  dritten  Buchs  sind  in  neuerer  Zeit  von 
Saüppe  (Dionysios  u.  Arist.  Gott.  1^63  S.  32  ff.),  Rose  (Arist.  ps.  137, 
Anm. ),  Heitz  (S.  85.  89),  Schaarschmidt  (Samml.  d.  plat.  Sehr.  108)  Be- 
denken erhoben  worden,  denen  auch  ich  mich  II,  a,  389  angeschlossen  habe. 

2)  Diese  Schrift  scheint  allerdings  schon  dem  Verfasser  unseres  ältesten 
Verzeichnisses  (Diog.  Nr.  79  vgl.  S.  76  unt.)  bekannt  gewesen  zu  sein,  in- 
dessen ist  an  ihre  Aechtheit  nicht  zu'denken.  Spengel  (Zvray.  Jtyv.  182  ff. 
Anaxim.  Ars  Rhet.  Proleg.  IX.  ff.  vgl.  99  ff.)  weist  sie,  mit  Ausnahme  des 
ersten  und  letzten  Kapitels,  Aristoteles'  Zeitgenossen  Anaximenes  von  Lain- 
psakus  zu.  Diese  Annahme  unterliegt  jedoch  erheblichen  Bedenken;  vgl. 
Rose  Arist.  libr.  ord.  100  ff  Kampe  im  Philologus  IX,  106  ff.  279  ff.  Denn 
auch  abgesehen  davon,  dass  wir  die  Zueignung  an  Alexander  von  der  übrigen 
Schrift  zu  trennen  kein  Recht  haben,  verräth  sich  der  Einfluss  der  aristo- 
telischen Lehre  auf  die  letztere  theils  in  ihrer  stehenden  Methode  schul- 
mässiger  Definitionen  und  Eintheilungen,  theils  in  einzelnen  Stellen.  So 
gleich  c.  2,  Auf.  vgl.  mit  Rhet.  I,  3;  c.  3.  1424,  a,  12  —  19  (Polit.  VI,  4. 
1318,  b,  27—38);  c.  5.  1427,  a,  30  (Eth  N.  V,  10.  1135,  b>  11  ff.  Rhet.  I, 
13.  1374,  b,  6);  c.  8.  1428,  a,  19  ff.  (Rhet.  II,  25.  1402,  b,  12  ff);  e.  s. 
1428,  a,  25  (Anal.  pr.  II,  27  Anf.) ;  c.  9  Anf.  (Rhet.  I,  2.  1357,  b,  2S); 
c.  12  Anf.  (Rhet.  II,  21.  1394,  a,  22  —  auch  die  Unterscheidung  von 
ivSvfiijua  und  yviöfir],  c.  1 1  f.,  wenn  auch  hier  anders  gefasst,  ist  ursprüng- 
lich aristotelisch ;  vgl.  Rhet.  II,  21.  1394,  a,  26);  c.  17  (Rhet.  I,  15.  1376, 
b,  31    ff);  c.  28  Anf.   29  Anf.  (Rhet.  III,  9.   1410,  a,  23). 

3)  'Oqio/xoI  (Pt.  oqov)  nach  D.  64.  An.  61  13,  nach  Pt.  59  16  Bücher, 
sicher  eine  spätere  Schularbeit,  ähnlich  wie  die  platonischen  Definitionen. 
Ausserdem  nennt  An.   51  ogutv  ßiß).Cov  u,  worüber  S.  75  ob. 

4)  Die  Verzeichnisse,  nennen  von  solchen,  ausser  der  S.  66,  2  berührten 


[56]  Metaphysik.  79 

aber  nichts  achtes  befunden  zu  haben  scheint.     Um  so  wichtiger 
ist  die  Schrift  über  die  erste  Philosophie  x) ,  ein  Torso ,  mit  dem 


Sammlung  platonischer  Fintheilungen :  diacQt'asig  (D.  42;  An.  41:  nto) 
SiatQ(Gtojv)  tC;  ferner  <$ laiotTizcS v  «  (D.  4,'!.  An.  42\  wo  aber  Rose 
SiatotTixöv  vermuthet,  wie  bei  der  Wiederholung  dieses  Titels  1).  R2  auch 
steht.  Ft.  52  gibt  den  diaiQ^attg,  die  sich  nach  seiner  näheren  Angabe 
ihres  Inhalts  über  alles  mögliche  erstreckten,  26  Bücher.  An  die  Aechtheit 
dieser  Schrift  ist  nicht  zu  denken,  mag  sie  nun  von  den  platonischen 
Diäresen  verschieden,  oder,  wie  mir  wahrscheinlicher  ist,  damit  identisch 
gewesen  sein.  Was  Alex.  Top.  126,  u.  Schol.  274,  a,  42  aus  Arist.  h- 
T]t  tmv  aya&üv  Siuintatt  anführt  (Fr.  Ar.  110,  S.  1496.  Fr.  Hz.  119),  er- 
klärt sich  -einigend  aus  M.  Mor.  I,  2.  11S3,  b,  20  ff.  vgl.  Eth.  N.  I,  12. 
1101,  b,  11,  kann  aber  allerdings  eben  daher  auch  in  die  Diäresen  gekom- 
men sein.  —  Aristoteles  selbst  nennt  eine  'ExXoyr]  iwr  tvuvrCwv  Me- 
taph.  IV,  2.  1004,  a,  1,  wo  er  zu  der  Bemerkung,  dass  alle  Gegensätze  sich 
schliesslich  auf  den  des  IV  oder  ov  und  seines  Gegentheils  zurückführen 
lassen,  hinzufügt:  Tt&(o)orj<j{}cü  J"'  ijfiiV  tuvtcc  tv  rrj  ixloyjj  xmv  IvaVTiav  (in 
der  Parallelstelle  XI,  3.  1061,  a,  15  nur:  (orojoav  yu{>  ccItcu  T6&eu)Qi]u£- 
»•«() ;  vgl.  b,  33:  ttkvtk  dt  xal  tcU.Iu  ccvuyüutra  tpaivtrat  (ig  to  tv  scu 
tu  n).rj9og'  t ilrjff  >'roj  yan  t]  avayioyr,  rj/ttiv.  Auf  die  gleiche  Darstellung 
bezieht  sich  offenbar  X,  3.  1054,  a,  29:  tan  dt  tou  utv  ivog,  wairtn  v.iu 
iv  r  i~t  diaiot'att  tujv  tv av  t  iujv  öiiyQtt\<juutv ,  to  tkvto  xu\  üuoiov 
sau  i'aov  u.  s.  w.  (gerade  das  tkvtov  und  ouoiov  waren  IV,  2.  1003,  b, 
35  als  Beispiele  der  in  der  txXoyrj  t.  ?r.  besprochenen  tidr]  ror  trog  an- 
geführt) vgl.  c.  4,  Schi.;  wogegen  XII,  7.  1072,  b,  2  die  Worte:  ij  ätaiqt- 
(iig  ör^.oi  nicht  auf  eine  Schrift  dieses  Inhalts,  sondern  auf  die  unmittelbar 
darauf  angegebene  Unterscheidung  eines  doppelten  ov  irty.a  gehen.  Ob  mit 
der  ixkoyrt  r.  ivavr.  eine  eigene  Abhandlung  oder  ein  Abschnitt  der  Schrift 
vom  Guten  bezeichnet  werde,  wusste  schon  Alexander  nicht  zu  sagen  (s.  o. 
64,  1);  da  er  aber  das,  wofür  Arist.  sich  auf  die  ixXoyi]  beruft,  im  2.  Buch 
Tl.  jaya&ov  gefunden  zu  haben  scheint,  ist  mir  wahrscheinlich,  dass  Arist. 
auch   nur  dieses  im  Auge  hat. 

1)  Mit  dieser  Bezeichnung  wird  das  Werk  zuerst  angeführt  (De  motu 
anim.  6.  700,  b,  8).  Dass  Aristoteles  selbst  ihm  diesen  Titel  geben 
wollte,  wird  durch  Metaph.  VI,  1.  1026,  a,  15.  24.  30.  XI,  4.  1<>61,  b,  19. 
Phys.  I,  9.  192,  a,  35.  II,  2,  Schi.  De  coelo  I,  8.  277,  b,  10.  gen.  et  corr. 
I,  3.  318,  a,  6.  De  an.  I,  1.  403,  b,  16  wahrscheinlich;  statt  nob'nrj  <ft,Xo- 
nexfüc  steht  auch  ifi\oao<f(u  allein  i  Metaph.  XI.  3.  4.  1061,  b,  5.25),  &so- 
/.oyiy.rj  Metaph.  VI,  1.  1026,  a,  19.  XI,  7.  1064,  b,  3),  tj  ntni  r«  &£ia 
tfü.orroifi'a  (part.  an.  I,  5.  645,  a,  4),  ootpla  (Metaph.  I,  1.  2),  pifrodog 
TTSQi  Trjg  «o/fjg  Trjg  7robjTTjg  (Phys.  VIII,  1.  251,  a,  7)  zur  Bezeichnung 
seines  Inhalts.  Demgemäss  führte  die  Schrift  auch  die  weiteren  Titel:  oo- 
tpta,  (fi).oao(füc,  dtoloyia  (Askxep.  Schol.  in  Ar.  519,  b,  19.  31).  Vgl. 
Bonitz  Arist.  Metaph.  II,  3  f. 


80  Aristoteles.  [56] 

in  unserer  Metaphysik1)  eine  Anzahl  weiterer,  theils  ächter  theils 

unächter  Stücke   äusserlich  zusammengelasst  ist2);   die  ersteren 


1)  Der  Name  uera  t«  ipvaixa  begegnet  uns  zuerst  bei  Nikolaus 
von  Damaskus,  der  nach  dem  Scholion  zu  Theophrast's  Metaphysik  S.  323 
Brand,  eine  d-etagfa  zwr  IdoiaroTf'Xovs  /lutu  tu  (pvotxä  verf'asst  hatte,  dann 
bei  Pi.it.  Alex.  7  und  seitdem.  Da  Nikolaus  ein  jüngerer  Zeitgenosse  des 
Andronikus  war,  lässt  sich  der  Titel,  der  vor  ihm  nie,  von  da  an  aber  ganz 
stehend  vorkommt,  mit  Sicherheit  auf  Andronikus  zurückführen,  aus  dessen 
Zusammenstellung  der  aristotelischen  Schriften  er  sich  auch  allein  erklärt; 
denn  er  bedeutet  (nach  Alex.  Metaph.  127,  21  Bon.  Asklep.  Schol.  519, 
b,  19  f.)  das,  was  nach  der  Ordnung  des  Lehrgangs  und  der  Schriftsamm- 
lung auf  die  naturwissenschaftlichen  Schriften  folgt,  nicht,  wie  Simpl.  Phya, 
1,  a,  m.  und  der  Neuplatoniker  Herennius  (b.  Boxitz  Ar.  Metaph.  II,  5) 
meint:  was  über  die  Natur  hinausgeht.  Von  unsern  Verzeichnissen  nennt 
der  Anonymus  (Nr.  111  und  dann  noch  einmal  im  Anhang  Nr.  154)  und 
Ptol.  49  die  Metaphysik:  dieser,  nach  der  gewöhnlichen  Zählung  der 
Griechen,  mit  13  B.,  jener  das  erstemal  mit  x',  das  zweitemal  mit  i\  wo- 
bei sich  nicht  ausmachen  lässt,  ob  diese  Angaben  von  der  Unvollständig- 
keit  der  betreffenden  Exemplare  herrühren  (indem  das  eine  nur  die  Bücher 
A — K,  das  andere  A — I  enthielt),  oder  ob  das  K  und  I  aus  N  (d.  h.  A — N) 
verschrieben  wurden;  das  x'  könnte  auch  aus  der  Schlusssylbe  von  uera- 
(f  vaixcc  entstanden  sein. 

2  Die  Frage  über  die  Zusammensetzung  unserer  Metaphysik  ist  durch 
die  Untersuchungen  von  Bkandis  (üb.  d.  arist.  Met.  Abh.  d.  Berl.  Akad. 
1834.  Hist.-phil.  Kl.  S.  63—87.  Gr.  -  röm.  Phil.  II,  b,  1,  541  ff.)  und 
Bonitz  (Ar.  Metaph.  II,  3 — 35),  zu  denen  inzwischen  nichts  erhebliches 
hinzugekommen  ist,  auf  so  sichere  Grundlagen  gestellt  worden,  dass  es  ge-  ', 
nügen  wird,  hinsichtlich  der  früheren  Versuche  zu  ihrer  Aufklärung  auf 
den  übersichtlichen  Bericht  von  Bonitz  a.  a.  O.  30  ff.  zu  verweisen.  — 
Den  Hauptkörper  des  von  Arist.  begonnenen,  aber  nicht  vollendeten  Werks 
bilden  hiernach  die  Bücher  I.  III  (B).  IV.  VI  —  IX ,  in  welchen  nach  der 
historisch-kritischen  Einleitung  des  1.  Buchs  Eine  und  dieselbe  Untersuchung, 
über  das  Seiende  als  solches,  methodisch  geführt,  aber  allerdings  weder  zu 
Ende  gebracht,  noch  im  einzelnen  der  letzten  Feile  unterworfen  ist.  Für 
eine  etwas  spätere  Stelle  der  gleichen  Untersuchung  scheint  B.  X  bestimmt 
gewesen  zu  sein  (vgl.  X,  2  Anf.  mit  III,  4.  10U1 ,  a,  4  ff.  X,  2.  1U53,  b, 
16  mit  VII,  13),  aber  Arist.  hat  es  mit  B.  IX  in  keine  ausdrückliche  Ver- 
bindung gesetzt,  es  macht  vielmehr,  so  wie  es  vorliegt,  den  Eindruck  einer 
selbständigen  Abhandlung.  Zwischen  diese  zusammengehörigen  Bücher  ist 
nun  in  B.  V  eine  Erörterung  über  die  verschiedenen  Bedeutungen  von  30 
philosophischen  Begriffen  und  Ausdrücken  gestellt  worden,  welche  weder 
mit  dem  vorangehenden,  noch  mit  dem  folgenden  Buch  verknüpft  ist.  Der 
aristotelische  Ursprung  dieses  Stücks  lässt  sich  nicht  bezweifeln:  Arist.  selbst 
führt  es  Metaph.  VII,  1   Anf,  X,   1    (vgl.  gen.    et  corr.   II,   10.  336,  b,  29. 


[56]  Metaphysik.  81 


Phys.  I,  8.  191,  b,  29)  mit  der  Bezeichnung:  Iv  ToTg  neol  tov  noaa- 
X<*>5  (oder:  n.  tov  noa.  ksyercci  'ixciOTov^)  an;  und  dass  diese  Citate  in  un- 
serem 5.  Buch  ihre  Erledigung  nicht  finden,  dieses  daher  nicht  von  Arist. 
herrühren,  sondern  nur  an  die  Stelle  eines  ächten  von  ähnlichem  Inhalt 
getreten  sein  könne  (Scsemihl  Genet.  Entw.  d.  plat.  Phil.  II.  536),  ist 
ebenso  entschieden  zu  bestreiten,  als  Rose's  (Arist.  libr.  ord.  154)  Urtheil, 
der  es  des  Philosophen  durchaus  unwürdig  findet.  Arist.  berücksichtigt  es 
vielmehr  auch  noch  an  anderen  Stellen  der  Metaphysik:  X,  4.  1055,  a,  23 
(vgl.  V,  10.  1018,  a,  25);  X,  6.  1056,  b,  34  (V,  15.  1021,  a,  25),  und  eine 
V,  7  Schi,  einem  andern  Ort  aufgesparte  Untersuchung  findet  sich  IX,  7. 
Aber  einen  Theil  des  Werks  über  die  erste  Philosophie  kann  die  Schrift 
vi.  tov  noaa/wg  ursprünglich  nicht  gebildet  haben;  sie  muss  vielmehr,  wie 
diess  auch  ihre  Berücksichtigung  in  der  Physik  und  der  Schrift  vom  Ent- 
stehen und  Vergehen  beweist,  viel  früher,  als  ein  Hülfsmittel  zum  richtigen 
Gebrauch  und  Verständniss  der  philosophischen  Begriffe,  verfasst  worden 
sein;  und  so  wird  sie  auch  wirklich  in  den  Verzeichnissen  (D.  36.  An.  37 
mit  dem  eigentümlichen  Zusatz:  71.  t.  noa.  Xsy.  r]  twv  xutcc  TTQogd-eaiv) 
als  eigenes  Werk  aufgeführt.  Da  jedoch  Aristoteles  Metaph.  VI,  2  Anf. 
mit  den  Worten:  aXX"  Intl  to  ov  unXwg  Xeyofisvov  Xe'ytTtxi  nokla/cig,  tov 
tv  fj.ev  i\v  to  xutu  Gv fißs ßrjxog  u.  s.  w.  unverkennbar  auf  V,  7.  1017, 
a,  ".  22  ff.  31  verweist,  und  diese  Erörterung  wie  etwas  dem  Leser  der 
Metaphysik  schon  vorgekommenes  (rjv)  anführt,  so  scheint  es,  er  habe  unser 
Buch  /f  oder  den  Inhalt  desselben  wirklich  (an  dieser  Stelle)  in  sein  Werk 
aufnehmen  wollen,  sei  aber  nicht  dazu  gekommen ,  es  ihm  schriftstellerisch 
einzufügen.  Von  Buch  XI  ist  die  zweite  Hälfte  (c.  8.  1065,  a,  26  ff.),  eine 
Compilation  aus  der  Physik,  anerkanntermassen  unächt;  die  erste  trifft  in 
ihrem  Inhalt  mit  B.  III.  IV.  VI  durchaus  zusammen,  und  ist  entweder  ein 
erster  noch  sehr  skizzenhafter  Entwurf  dessen,  was  in  der  Eolge  in  diesen 
Büchern  eingehender  ausgeführt  wurde,  oder  (wie  Rose  Arist.  libr.  ord. 
156  annimmt)  ein  späterer  Auszug  aus. denselben.  Für  die  letztere  Annahme 
spricht  das  auffallende  siebenmalige  Vorkommen'der  Partikel  yh  /j.tjv,  welche 
den  aristotelischen  Schriften  sonst  fremd  ist  (Eucken  De  Arist.  die.  rat.  I, 
10  f.  Ind.  arist.  147,  a,  44  f.).  Doch  erscheint  diess  den  entgegenstehen- 
den, dem  Inhalt  unseres  Buches  entnommenen  Gründen  (Bonitz  Ar.  Me- 
taph. II,  15.  451)  gegenüber  um  so  weniger  entscheidend,  da  auch  sein 
Styl  im  übrigen  aristotelisches  Gepräge  hat  und  da  ähnliche  Erscheinungen 
auch  sonst  vorkommen.  So  findet  sich  r£  .  .  .  ts  bei  Arist.  fast  blos  in  der 
Ethik  und  Politik  (Eucken  16),  ää  ys  fast  nur  in  der  Physik,  Metaphysik 
und  Politik  (.ebd.  33),  in  denen  auch  [xivTot,  xccitol  und  toCvvv  viel  häufiger 
sind,  als  in  den  andern  Schriften  (ebd.  35.  51),  aoa  in  den  späteren  Bü- 
chern der  Metaphysik  öfter,  als  in  den  früheren  (ebd.  50);  unter  den  10 
Büchern  der  Ethik  weichen  die  drei  letzte*!  von  I — IV  und  V  —  VII,  und 
diese  von  einander  mehrfach  ab  (ebd.  75  f.).  In  unserem  Buch  selbst  stehen 
fünf  von  den  sieben  ye  fi^v  im  2.  Kapitel.  Da  überdiess  yt  sehr  oft  erst 
Z  el  1  e  r ,  Philos.  d.  Gr.  II.  Bd.  2.  Abth.  3.  Aufl.  6 


52  Aristoteles.  [56] 


MMi  den  Abschreibern  beigefügt  wurde,  konnte  auch  die  Hand  eines  solchen 
aus  früher  Zeit  mit  im  Spiele  sein.  —  Als  eine  selbständige  Abbandlung 
stellt  sich  B.  XII  dar,  welches  auch  an  keines  der  früheren  Bücher  erinnert. 
aber  c.  7.  1073.  a,  ö  die  Physik  VIII,  10,  besonders  267,  b,  17  IV.)  und 
-  1078,  a,  3*2  ausser  ihr  VIII,  8  f.)  auch  De  coelo  II,  3  ff.  zu  berück- 
sichtigen scheint.  Da  dasselbe  zwar  c.  6 — 10  die  Ansichten  des  Philosophen 
über  die  Gottheit  und  die  übrigen  ewigen  Wesenheiten  etwas  ausführlicher 
entwickelt,  dagegen  c.  1  —  5  die  Lehre  von  den  veränderlichen  Substanzen 
und  ihren  Ursachen  nur  in  einem  äusserst  gedrängten  Uniriss  und  in  einer 
oft  bis  zur  UnVerständlichkeit  knappen  Darstellung  gibt,  da  ferner  in  diesem 
I  mriss  zweimal  (c.  3,  An  f.  ebd.  1()70,  a,  4)  die  Formel  vorkommt:  /jtict 
ravta  (sc.  Itxrsov)  oti,  so  ist  zu  vermuthen,  dieses  Buch  sei  überhaupt 
keine  von  Arist.  veröffentlichte  Schrift,  sondern  eine  Aufzeichnung,  welche 
Vorträgen  zur  Grundlage  zu  dienen  bestimmt  war,  und  desshalb  vieles  nur 
in  den  kürzesten  Worten  andeutete,  was  seine  verständlichere  Fassung  erst 
in  der  mündlichen  Ausführung  erhalten  sollte.  Das  Hauptthema  dieser 
Vorträge  bildeten  wohl  die  Punkte ,  denen  in  der  zweiten  Hälfte  unseres 
Buchs  eine  besondere  Sorgfalt  gewidmet  ist;  während  die  allgemeinere 
metaphysische  Erörterung,  die  ihnen  als  Einleitung  und  Grundlage  voran- 
gieug,  nur  leichter  umrissen  wurde.  Der  Inhalt  derselben  sollte  aber 
ohne  Zweifel  in  das  Werk  von  der  ersten  Philosophie  aufgenommen  wer- 
den, zu  dessen  Abschluss  sich  c.  6—10  unseres  Buches  der  Sache  nach 
vorzüglich  eigneten  (c.  1  —  5  enthalten  nichts ,  was  nicht  in  den  früheren 
Büchern  stände).  Was  Kose  Ar.  libr.  ord.  160  ff.  gegen  unser,  durch  die 
ältesten  Zeugnisse  (s.  folg.  Anm.)  ganz  besonders  geschütztes  Buch  ein- 
wendet, beweist  nicht  gegen  seinen  aristotelischen  Ursprung,  sondern  nur 
gegen  seine  Zugehörigkeit  zur  Metaphysik.  —  Unklar  ist  das  Verhältniss 
der  letzten  zwei  Bücher  (von  denen  mit  Rose  S.  1j7  nur  das  XIV.  für 
aristotelisch  gelten  zu  lassen  kein  Grund  vorliegt)  zu  dem  übrigen  Werke. 
Ursprünglich  muss  sie  Arist.  in  dasselbe  aufzunehmen  beabsichtigt  haben, 
da  XIII,  2.  1076,  a,  39  auf  III,  2.  998,  a,  7  ff.,  XIII,  2.  1076,  b,  39  auf 
III,  2.  997,  b,  12  ff,  XIII,  10.  1086,  b,  14  auf  III,  6.  1003,  a,  6  ff.  ver- 
wiesen, und  umgekehrt  VIII,  1.  1042,  a,  22  eine  Erörterung  über  das  Ma- 
thematische und  die  Ideen  in  Aussicht  gestellt  wird ,  welche  nach  XIII, 
Auf.,  wie  es  scheint,  der  Theologie  zur  Vorbereitung  dienen  sollte  (Bkamh* 
S.  542,  413  a).  Andererseits  fehlt  aber  XIV,  1  die  naheliegende  Beziehung 
auf  X,  1,  auch  B.  VII  u.  VIII  sind  in  XIII  u.  XIV  nicht  berücksichtigt 
Bonitz  S.  26).  Namentlich  aber  ist  unglaublich,  dass  Aristoteles  einen 
grösseren  Abschnitt  fast  wortgleich  zweimal  gebracht  hätte,  wie  diess  jetzt 
I-  6  9  und  XIII,  4.  5  geschieht;  und  da  nun  doch  das  erste  Buch  als 
Ganzes,  ebenso  wie  das  dritte,  worin  es  angeführt  wird  (III,  2.  996,  b,  8  ff. 
vgl.  m.  I.  2.  982,  a,  16.  b,  4.  1.  9;  ebd.  997,  b,  3  vgl.  I,  6  f.),  älter  sein 
musS,  als  das  13te,  so  ist  mir  das  wahrscheinlichste,  dass  die  Darstellun- 
I.  9,   welche   auch  wirklich  später  und  reifer  als  die  des  13ten  Buchs  zu  sein 


Metaphysik.  83 

scheinen  aber  schon  in  der  nächsten  Zeit   nach   Aristoteles'  Tod 
in  diese  Verbindung  gebracht  worden  zu  sein  x).    Von  den  übrigen 


scheint,  erst  einer  zweiten  Bearbeitung  des  lsten  Buchs  angehört,  zu  der 
Aristoteles  veranlasst  wurde,  als  er  in  der  Folge  B.  XIII  und  XIV  von  dem 
Plan  des  metaphysischen  Hauptwerks  ausschloss.  Das  zweite  Buch  («),  eine 
Sammlung  von  drei  kleinen,  eher  zur  Einleitung  in  eine  Physik  als  in  eine 
Metaphysik  geeigneten  und  (nach  c.  3,  Schi.)  bestimmten  Aufsätzen,  rührt 
gewiss  nicht  von  Arist.  her;  die  Alten  (Scholion  zu  S.  993,  a,  29  der  aka- 
demischen Ausgabe,  Schol.  in  Ar.  589,  a,  41  wiederholt;  der  sog.  Philo- 
ponus,  Bekker's  Anonymus  Urbin. ,  in  der  Einleitung  zu  a ;  auch  Asklep. 
Schol.  520,  a,  6  hat  offenbar  die  gleiche  Notiz  vorgelegen,  nur  dass  er  sie 
auf  A  überträgt;  vgl.  Bonitz  a.  a.  0.  15  f.)  hielten  theilweise  (angeblich 
ol  nXiiovg)  einen  Neffen  des  Eudemus,  den  Rhodier  Pasikles  (An.  Urb.: 
Pasikrates)  für  seinen  Verfasser.  Dass  es  erst  nach  der  Zusammenstellung 
der  übrigen  Stücke  eingeschoben  wurde ,  erhellt  theils  aus  seiner  Bezeich- 
nung, theils  aus  der  Art,  wie  es  den  Zusammenhang  der  eng  verbundenen 
Bücher  A  u.  JS  unterbricht;  wesshalb  es  auch  manche  der  Physik,  andere 
wenigstens  dem  ersten  Buch  der  Metaphysik  voranstellen  wollten  (Schol. 
589,  b,  1  ff.).  Wenn  Syrian's  Angabe,  dass  einzelne  Ausleger  Gross- 
Alpha  verworfen  haben  (Schol.  849,  a,  3),  nicht  die  gleiche  Verwechslung 
zu  Grunde  liegt,  wie  der  obenberührten  des  Asklepius,  hat  er  ein  Recht, 
dieses  Urtheil  lächerlich  zu  finden. 

1)  Es  ergibt  sich  diess  (wie  ich  in  den  Abhandlungen  d.  Berl.  Akad. 
1S77.  Hist. -phil.  Kl.  145  ff.  nachgewiesen  habe)  mit  Wahrscheinlichkeit 
aus  dem  Umstand,  dass  von  den  meisten  ächten  Büchern  unseres  Werkes 
bereits  in  den  Schriften  und  Bruchstücken  der  ältesten  Peripatetiker  Ge- 
brauch gemacht  wird,  und  dass  dieselben  schon  frühe  unter  einer  gemein- 
samen Bezeichnung  zusammengefasst  gewesen  zu  sein  scheinen.  Das  erste 
Buch  hat  nämlich,  wie  dort  gezeigt  ist,  nicht  allein  Theophrast  für  das 
erste  seiner  Geschichte  der  Physik  zum  Vorbild  gedient,  sondern  auch  bei 
Eudemus  finden  sich  deutliche  Spuren  desselben,  und  der  Verfasser  der  Ab- 
handlungen über  Melissus  u.  s.  w.  hat  den  Gesichtspunkt,  nach  dem  er  bei 
ihrer  Abfassung  verfuhr,  ihm  entlehnt;  das  dritte  (B)  und  vierte  werden 
von  Eudemus,  das  vierte  auch  von  Theophrast  berücksichtigt;  das  sechste 
von  Theophrast,  das  siebente  von  Eudemus,  das  neunte  von  Theo- 
phrast; das  zwölfte  von  Theophrast,  Eudemus,  den  Verfassern  der  grossen 
Moral  und  der  Schrift  nun  Ccjoyv  y.ivrjoiaig ;  das  dreizehnte  von  Eude- 
mus, das  vierzehnte,  wie  es  scheint,  von  Theophrast,  das  fünfte  (die 
Abhandlung  tisqI  twv  noaa/Mg  Ityofiivwv)  von  Strato.  Den  Beweis  für 
diesen  Sachverhalt  liefert  die  Vergleichung  der  folgenden  Stellen:  1)  Me- 
taph.  I,  1.  981,  a,  12  ff.  Eudem.  Fr.  2  Spang.  2)  I,  3.  983,  b,  20.  Tiieo- 
phb.  Fr.  40.  3)  Ebd.  Z.  30.  Eud.  Fr.  117.  4)  I,  5.  986,  b,  18  ff.  De 
.Melisso,  Xenoph.  u.  s.  w.  vgl.  Bd.  I,  468.   484.     5)  Ebd.  Z.  21   ff.   Theophb. 

6* 


>  j  Aristoteles. 

Schriften,  die  sich  ihrem  Inhalt  nach  der  Metaphysik  anreihen 
würden,  können  nur  einige  Aristoteles'  früherer  Zeit  angehörige 
fiir  acht  gehalten  werden  '). 


Fr.  45.  6)  Ebd.  Z.  27  ff.  Thbophk.  Fr.  43.  44.  Eud.  Fr.  11.  S.  21,  7. 
T  I.  6  Ant.  Thbophk.  Fr.  48.  8)  I,  6.  987,  b,  32.  Eud,  Fr.  11.  S.  22,  7 
Sp.  9)  I,  8.  989,  a,  30  ff.  Theophr.  Fr.  46.  10)  III,  2.  996,  b,  26  ff. 
IV,  3.   1005,   a,  19  ff.  Ecd.  Fr.  4.     11)  III,   3.  999,  a,  6  ff.   Eth.   Eud.    I, 

8.  1218,  a,  1  ff.  12)  IV,  2.  1009,  b,  12.  21.  Tiikopmr.  Fr.  42  g.  E.  13)  IV, 
6.  1011,  a,  12.  c.  7.  1012,  a,  20.  Theophr.  Fr.  12,  26.  14)  V,  11.  Strato 
b.  Simpl.  Categ.  Schol.  in  Arist.  90,  a,  12-46.  15)  VI,  1.  1026,  a,  13— 16. 
Theophr.  Fr.   12,  1.     16)  VII,   1.   1028,  a,  10  ff.  20  ff.  Edd.  Fr.  5.     17)  IX, 

9.  1051,  b,  24  ff.  Theopiir.  Fr.   12,  25.     18)  XII,   7,  Auf.  vgl.  c.   8.   1073, 

a,  22  ff.  De  motu  an.  6.  700,  b,  7  f.  19)  XII,  7.  1072,  a,  20  ff.  Theophr. 
Fr.  12,  5.  20)  XII,  7.  1072,  b,  24  f.  c.  9.  1074,  b,  21  ff.  33.  Eth.  Eud. 
VII,  12.   1245,  b,   16  ff.  M.  Mor.  II,  15.   1213,  a,   1  ff.     21)  XII,   10.    1075, 

b,  34  ff.  Theophr.  Fr.  12,  2.  22)  XIII,  1.  1076,  a,  28.  Eth.  Eud.  I,  8. 
1217,  b,  22.  23)  XIV,  3.  1090,  b,  13  ff.  Theophr.  Fr.  12,  2.  Da  hier- 
nach auch  solche  Theile  unserer  Metaphysik,  die  ursprünglich  nicht  zu  dem 
aristotelischen  Hauptwerk  gehörten,  wie  namentlich  das  zwölfte  Buch,  ebenso 
früh  und  ebenso  häufig  benützt  wurden,  wie  die  zu  ihm  gehörigen,  so  ist 
zh  vermuthen,  beide  seien  bereits  in  der  nächsten  Zeit  nach  Aristoteles'  Tod 
mit  einander  verbunden  worden;  und  eine  bemerkenswerthe  Bestätigung  er- 
hält diese  Vermuthung  dadurch,  dass  schon  in  der  Schrift  n.  £(ö(uv  xivr\- 
aaoyg,  die  ohne  Zweifel  noch  dem  dritten  Jahrhundert  angehört,  c.  6.  700, 
b,  8  gerade  das  12te  Buch  mit  der  von  Aristoteles  für  sein  metaphysisches 
Hauptwerk  bestimmten  Bezeichnung:  iv  roTg  71sqI  Ttjg  n^coTrjg  (fiXooocftccs 
angeführt  wird',  denn  die  Verdächtigung  dieser  Worte  (Krische  Forsch. 
267,  3.  Heitz  Verl.  Sehr.  182)  ist  durchaus  unberechtigt;  vgl.  Bonitz  Ind. 
arist.  100,  a,  47  f.  Wir  werden  daher  mit  Wahrscheinlichkeit  annehmen 
können,  es  seien  nach  Aristoteles'  Tod  mit  den  von  ihm  fertig  gestellten 
Thcilen  des  Werks  über  die  erste  Philosophie,  d.  h.  mit  B.  I.  III.  IV.  VI 
bis  X  unserer  Metaphysik,  die  übrigen  von  ihm  hinterlassenen  Aufzeich- 
nungen verwandten  Inhalts,  die  erste  Hälfte  von  B.  XI,  B.  XII,  XIII  u. 
XIV,  als  Schriften  über  die  7zqu>tt]  ifikoooipta  zusammengestellt,  und  ebenso 
damals  schon  B.  V  zwischen  IV  u.  VI  eingeschoben  worden;  wogegen 
Klein-Alpha  und  die  zweite  Hälfte  von  B.  XI  erst  von  Andronikus  mit  dem 
Werke,  dem  sie  ihrem  Ursprung  und  Inhalt  nach  fremd  sind ,  verbunden 
wurden.  Wer  nun  jene  erste  Redaktion  vornahm,  lässt  sich  natürlich  nicht 
mit  Sicherheit  bestimmen;  indessen  verdient  die  Angabe  Alexanders  (z. 
Metaph.  760,  b,  11  ff.  Bekk.  483,  14  Bon.),  dass  es  Eudemus  gewesen  sei, 
alle  Beachtung;  während  der  hievon  abweichenden  Erzählung  des  Asklk- 
iii  -  (Schol.  in  Ar.  519,  b,  38  ff.)  die  stärksten  Bedenken  entgegenstehen. 
Näheres  hierüber  a.  a.  O.  S.    156  f. 

1)  Ausser  den   Büchern    über  die  Philosophie    (oben  S.   58,  2.  60),  das 


[58 — 60]  Naturwissenschaftliche  Schriften.  85 

Den  grössten  Raum  nehmen  unter  den  Geisteserzeugnissen 
des  Philosophen  die  naturwissenschaftlichen  Werke  ein.  Unter 
denselben  treten  zunächst  einige  wichtige  Untersuchungen  her- 
vor, welche  von  Aristoteles  selbst  mit  einander  verknüpft,  die 
allgemeinsten  Gründe  und  Bedingungen  der  Körperwelt,  das 
Weltgebäude  und  die  Himmelskörper,  die  elementarischen  Stoffe, 
ihre  Eigenschaften  und  Verhältnisse,  nebst  den  meteorologischen 
Erscheinungen   behandeln :    die   Physik *) ,    die   zwei   zusammen- 


Gute  und  die  Ideen  (S.  64, 1.  G5, 1)  war  vielleicht  auch  ntQl  ev/ijs  (S.  61,  1  Schi.) 
acht;  die  3  Bücher  tc.  tv/tjs  (An.  App.  152)  dagegen  wohl  ebensowenig 
als  der  Mccyixog,  den  zwar  Diog.  I,  1.  8.  II,  45  und  ohne  Zweifelauch 
Plin.  H.  n.  XXX,  1,  2  als  aristotelisch  benützt,  der  aber  von  dem  Anon. 
Men.  Nr.  191  zu  den  Pseudepigraphen  gerechnet  wird,  und  nach  Suid. 
'^ivTiod.  auch  Antisthenes,  theilsdem  Sokratiker  theils  (nach  Bernhardy's  glück- 
licher Vermuthung:  „'PodYco"  statt  'Podtavi)  dem  Peripatetiker  aus  Rhodos  (um 
180  v.  Chi-.)  beigelegt  wurde.  (Ueber  denselben:  Rose  Ar.  ps.  50  f.,  der  ihn 
für  einen  Dialog  hält.  Ar.  Fragm.  27  —  30,  S.  1479.  Heitz  S.  294.  Fr. 
Hz.  66).  Die  Qso Xoyov [ifvct,  welche  Macrob.  Sat.  I,  18  Arist.  bei- 
legt, und  von  welchen  auch  die  Theogonie  (Schol.  Eurip.  Rhes.  28)  und 
die  Tsleral  (Schol.  Laur.  in  Apoll.  Rhod.  IV,  973  —  die  Stellen  finden 
sich  mit  verwandtem  b.  Rose  Ar.  ps.  615  ff.  Fr.  Hz.  347  f.)  Theile  ge- 
wesen zu  sein  scheinen,  weist  Rose  a.  a.  0.  dem  Rhodier  Aristokles  (einem 
Zeitgenossen  Strabo's)  zu;  mir  ist  diese  Vermuthung  mit  Heitz  (S.  294  f.) 
unwahrscheinlich.  Ein  achtes  aristotelisches  Werk  können  sie  aber  nicht 
gewesen  sein,  und  ihren  Inhalt  scheinen  nicht  philosophische  Untersuchungen 
über  die  Gottheit,  sondern  Zusammenstellungen  und  vielleicht  auch  Deu- 
tungen von  Mythen  und  Kultusgebräuchen  gebildet  zu  haben,  n.  UQXrjs 
scheint  zwar  nach  seiner  Stelle  im  Verzeichniss  des  Diog.  41  eher  eine  metaphy- 
sische oder  physische,  als  eine  politische  Schrift  gewesen  zusein;  indessen  wissen 
wir  sonst  nichts  darüber.  Ueber  eine  „Theologie  des  Aristoteles", 
die  aus  der  neuplatonischen  Schule  hervorgegangen  und  in  einer  arabischen 
Uebersetzung  erhalten  ist,  vgl.  m.  Dieterci  Abhandl.  d.  D.  morgenl.  Gesellsch. 
1877,  1,  117  ff. 

1)  •Pvai-xi)  l4xQÖaaig  in  8  B.  (auch  An.  148  sollte  statt  iij  wohl 
r{  stehen).  So  nennen  die  Handschriften,  auch  die  der  Ausleger,  Simpl. 
Phys.  Eing.,  An.  148.  Pt.  34  u.  a.  das  Werk.  Aristoteles  selbst  bezeichnet 
gewöhnlich  nur  die  ersten  Bücher  als  ipvGixu  oder  r '  negl  (pvöeoöf  (Phys. 
VIII,  1.  251,  a,  8  vgl.  m.  III,  1;  VIII,  3.  253,  b,  7  vgl.  II,  1.  192,  b,  20; 
VIII,  10.  267,  b,  20  vgl.  III,  4  ff;  Metaph.  I,  3.  983,  a,  33.  c.  4.  985,  a, 
12.  c.  7.  988,  a,  22.  c.  10,  Anf.  XI,  1.  1059,  a,  34  vgl.  Phys.  II,  3.  7;  Me- 
taph. I,  5.  986,  b,  30  vgl.  Phys.  I,  2  f.;  XIII,  1,  Anf.  c.  9.  1086,  a,  23 
vgl.  Phys.  I.),  die  späteren  dagegen  nennt  er  in  der  Regel  rä  nfQi  xcvrr 
aews  (Metaph.  IX,    8.    1049,  b,  36   vgl.  Phys.  VIII.  Vi,  6  f . ;   De   coelo  I, 


36  Aristoteles.  [60] 

gehörigen  Werke  über  den  Himmel  und  über  das  Entstehen  und 


5.  7.  272,  a,  30.  275,  b,  21  vgl.  Phys.  VI,  7.  2  *8,  a,  20  ff.  c.  2.  233,  a.  31. 
VIII,  10 ;  De  coclo  III,  I.  299,  a,  10  vgl.  Phys.  VI,  2.  233,  b,  15;  gen. 
et  corr.  I,  3.  318,  a,  3  vgl.  Phys.  VIII;  De  sensu  e.  6.  445,  b,  19  vgl. 
Phys.  VI,  1  f.;  Anal.  post.  II,  12.  95,  b,  10).  Doch  wird  Phys.  VIII,  5. 
2.17,  a.  31  mit  den  Worten  Iv  TOig  xcc&oXov  ttsqI  ifvOfwg  auf  B.  VI,  I  f. 
4,  Metaph.  VIII,  1,  Schi,  mit  (f.vaixu  auf  13.  V,  I  verwiesen,  und  Metaph. 
I,  8.  989,  a,  24.  XII,  8.  1073,  32  geht  der  Ausdruck  r«  n.  (fvaeuig  nicht 
allein  auf  die  ganze  Physik,  sondern  auch  auf  andere  naturwissenschaftliche 
Schriften  (vgl.  Bonitz  und  Schweglei:  z.  d.  St.).  Dem  Inhalt  nach  wird 
B.  III,  4  f.  De  coelo  I,  6.  27 J,  a,  21  mit  den  Worten:  iv  Tolg  tcsqI  rag 
an/ug,  B.  IV,  12.  VI,  1  De  coelo  III,  4.  303,  a,  23  mit  ne^l  %q6vov  xal 
xivrjOfwg,  viele  andere  Stellen  (vgl.  Ind.  arist  102,  b,  18  ff.)  werden  mit  all- 
gemeineren Bezeichnungen  angeführt.  D.  90.45(115)  nennt  n.  (fvotcog  und 
7i.  xiv^ascog,  aber  jenes  nur  mit  drei  Büchern,  dieses  mit  Einem  (vgl.  S. 
52,  1).  Simplicius  (Phys.  190,  a,  o.  216,  a,  m.  258,  b,  u.  320,  a,  u.)  be- 
hauptet, Aristoteles  selbst  sowohl ,  als  seine  haiQot.  (Theophrast  und  Eu- 
dem),  nennen  die  fünf  ersten  Bücher  wvßixa  oder  n.  cIq/wv  (fvacxtov ,  B. 
VI — VIII  it.  xivqGtMg.      Ohne    Zweifel    hat  aber   Porphyr   (b.    Simpl.  190, 

a,  m)  Recht,  wenn  er  das  mit  B.  VI  so  eng  verbundene  B.  V  unter  dem 
Titel  n.  xivrjaecjg  mitbefasste.  Denn  mögen  auch  zur  Zeit  Adrast's  (bei 
Simpl.  1,  b.  m.  2,  a,  o.)  bei  manchen  die  fünf  ersten  Bücher  die  Ueber- 
schrift:  n.  ag^iav  oder  n.  aQ/üiv  (fvatxuiv  getragen  haben,  welche  andere 
dem  ganzen  Werk  gaben,  B.  VI  —  VIII  dagegen  den  Titel:  n.  xivtjoewg, 
unter  dem  sie  auch  Androniküs  anführte  (Simpl.  216,  a,  o.),  so  lässt  sich 
doch  nicht  beweisen,  dass  diess  auch  schon  in  der  älteren  Zeit  geschah; 
wenn  vielmehr  Theophrast  B.  V  u.  d.  T.  ix  rriov  (fvaixcov  anführte ,  so 
kann  er  dabei  (pvoixec  recht  wohl  in  jener  weiteren  Bedeutung  genommen 
haben,  in  der  es  nicht  allein  unser  ganzes  Werk,  sondern  auch  noch  andere 
naturwissenschaftliche  Schriften  bezeichnete  (s.  o.  und  Simpl.  216,  a,  m), 
und  wenn  Damasus  ,  der  Lebensbeschreiber  und  wohl  auch  Schüler  des 
Eudemus,  ix  rfjg  nfQi  (fvowg  7iQay^uT((c;g  rijg  !AQiOTOT(lovg  twv  7TEQL 
xivrjotcug  TQ(a  nennt  (Simpl.  216,  a,  m,  wo  für  Damasus  den  Neuplatoniker 
Damascius  zu  setzen  durchaus  nicht  angeht),  so  folgt  doch  nicht,  dass  er 
damit  B.  VI— VIII,  und  nicht  vielmehr  B.  V.  VI.  VIII  meinte  (vgl.  Rose  Arist. 
libr.  ord.  198  f.  Bkandis  II,  b,  782  f.).  B.  VII  machte  nämlich  schon  auf  die  Alten 
den  Eindruck,  dass  es  nicht  recht  in  den  Zusammenhang  des  Ganzen  ver- 
arbeitet sei,  und  Eudemus  hatte  es  nach  Simpl.  Phys.  242;,  a,  o.  in  seiner 
Bearbeitung  der  Schrift  übergangen.  Für  unächt  (wie  Rose  S.  199  will) 
wird  es  desshalb  doch  nicht  zu  halten  sein,  wohl  aber  mit  Biiandis  (II,  b, 
89't  ff.)  für  eine  Zusammenstellung  vorläufiger  Aufzeichnungen,  die  keinen 
Tlu'il  des  physikalischen  Werks  bildeten.  In  seinen  Text  sind  aus  einer 
schon   Alexander    und    Simplicius   bekannten   Paraphrase   (Simpl.    245,  a,  o. 

b,  u.  253,  b,  u.)  vielfache  Zusätze  und  Aenderungen  gekommen  (s.  Spengel 


[61]  Naturwissenschaftliche  Schritten.  .  87 

Vergehen  x),  die  Meteorologie  -).    Mit  diesen  Hauptwerken  hängen, 


Abhandl.  der  Münchn.  Akad.  III,  313  ff.);  den  ursprünglichen  Text  gibt 
die  kleinere  BEKKEu'sche  und  die  FBANTi/sche  Ausgabe.  Die  Aechthcit 
von  B.  VI,  c.  9.  10  vertheidigt  Brasdis  II,  b,  S89  mit  Recht  gegen 
Weisse. 

1)  II.  Ovnuvoii  in  vier,  ,t.  reviotwg  y.ul  <f>&OQ(i;  in  zwei  Bü- 
chern. Die  gegenwärtige  Abtheilung  dieser  zwei  Werke  rührt  aber  schwer- 
lich von  Aristoteles  her,  denn  B.  III  u.  IV  n.  Ovguvov  ist  den  Ausfüh- 
rungen der  zweiten  Schrift  näher  verwandt,  als  den  vorangehenden  Büchern. 
Auf  beide  Schriften  verweist  Aristoteles  durch  einen  kurzen  Bückblick  auf 
ihren  Inhalt  am  Anfang  der  Meteorologie;  auf  De  coelo  II  7  ehd.  I,  3. 
339,  b,  36  (vgl.  341,  a,  17  ff.)  mit  den  Worten:  tu  7Z£qI  tov  urw  rönov 
#fwo^i/«T«;  auf  gen.  et  corr.  I,  7  De  an.  II,  5.  417,  a,  1  (iv  TOig  xu9-6).ov 
löyoig  TTEoi  toC  noiitv  xal  Tiäoyt cv ,  ähnlich  gen.  an.  IV,  3.  768,  b,  23: 
iv  tois  7i8Qi  tuv  tioisiv  xcu  ndo/eiv  di(0()iG{/£'voig);  auf  gen.  et  corr.  I,  10 
(nicht:  Meteor.  IV)  De  sensu  c.  3.  440,  b,  3.  12  (iv  roTg  ntm  fiii-twg);  auf 
gen.  et  corr.  II,  2  ff.  De  an.  II,  II.  423,  b,  29.  De  sensu  c.  4.  441  ,  b,  12 
(iv  ToTg  nagt  GioiytCwv).  Eine  Schrift  n.  Oioavov  hatte  nach  Simpl.  De 
coelo,  Schol.  in  Ar.  -46S.  a,  11.  49b,  b,  9.  42.  502,  a,  43  auch  Theophrast 
verfasst  und  die  aristotelische  darin  berücksichtigt;  ausser  ihm  sind  Xenar- 
clius  und  Nikolaus  der  Damascener  die  frühesten  Zeugen  für  das  Dasein 
dieser  Schrift  (s.  Brandis  gr.-röm.  Phil.  II,  b,  952),  deren  Aechtheit  übrigens 
so  wenig,  als  die  der  Bücher  n.  ysvioecog  x.  q>&.,  einem  Zweifel  unterliegt. 
Aus  Stob.  Ekl.  I,  486.  536  kann  man  nicht  (mit  Ideler  Arist.  Meteorol. 
I,  415.  II,  199)  schliessen,  dass  die  Bücher  vom  Himmel  ehmals  vollstän- 
diger oder  in  einer  andern  Recension  vorhanden  gewesen  seien;  aus  Cic. 
N.  D.  II,   15.  Plct.  plac.  V,  20  ohnedem  nicht. 

2)  Die  Meteorologie  (MeTfaxjoloyixcc,  b.  An.  App.  150:  n.  Me- 
TtwQWv  6'  rj  jutTe<üQoox.o7iia,  von  Pt.  37  mit  4,  76  mit  2  Büchern  an- 
gegeben) setzt  sich,  wie  bemerkt,  mit  den  eben  genannten  Werken  in  un- 
mittelbare Verbindung.     Die  Aechtheit  dieser  Schrift    kann    nicht   bezweifelt 

#  werden:  Aristoteles  selbst  nennt  sie  zwar  nicht,  (denn  De  plant.  II,  2.  822, 
b,  32  gehört  einer  unächten  Schrift  an),  beruft  sich  aber  wiederholt  auf  ihre 
Ausführungen  (vgl.  Bonitz  Ind.  arist.  102,  b,  49);  nach  Alex.  Meteor.  91, 
a,  u.  Olympiod.  b.  Ideler  Arist.  Meteor.  I.  137.  222.  286  scheint  sie  schon 
Theophrast  (in  s.  MkTuoGioloyixu  Diog.  V,  44)  nachgebildet  zu  haben; 
Ideler  a.  a.  O.  I,  VII  f.  zeigt,  dass  sie  Aratus,  Philochorus  (?),  Agathe- 
meras,  Polybius ,  Posidonius  bekannt  war.  (Eratosthenes  dagegen  scheint 
sie  nicht  gekannt  zu  haben;  s.  ebd  I,  462.)  Von  ihren  vier  Büchern  scheint 
aber  das  letzte,  seinem  Inhalt  nach,  ursprünglich  nicht  zu  ihr  gehört  zu 
haben.  Alexander  (Meteor.  126,  a,  m)  und  Ammonus  (bei  «Ilvmpiod. 
Arist.  Meteor,  ed.  Id.  I,  133)  wollen  es  lieber  der  Schrift  vom  Entstehen 
und  Vergehen  zuweisen;  auch  zu  dieser  passt  es  aber  nicht,  und  da  es  nun 
doch  acht  aristotelisch  aussieht  und  von  Aristoteles   (part.  an.  11,  2.  649,  a, 


S^  Aristoteles.  [61.62] 

so  weit  sie  nicht  als  Theile  darin  enthalten,  oder  als  unächt  zu 
beseitigen  sind,  verschiedene  andere  naturwissenschaftliche  Ab- 
handlungen zusammen  x) ;  eine  eigene  |  Klasse,  den  genannten  nur 

33  vgl.  Met.  IV,  10.  gen.  an.  II,  6.  743,  a,  6  vgl.  Met.  IV,  6.  383,  b,  9. 
384,  a,  33)  berücksichtigt  wird,  so  wird  es  für  eine  abgesonderte  Abhand- 
lung zu  halten  sein,  welche  beim  Anfang  der  Meteorologie  noch  nicht  in 
dieser  Form  beabsichtigt  (vgl.  Meteor.  1,1,  Schi.),  in  der  Folge  an  die 
Stelle  der  Erörterungen  trat ,  die  am  Schluss  des  dritten ,  den  Plan  des 
Werks  offenbar  noch  nicht  zu  Ende  führenden  Buchs  noch  in  Aussicht  ge- 
stellt werden.  Es  selbst  führt  c.  8.  384,  b,  33  (wie  auch  Bonitz  Ind.  arist. 
98,  b,  53  gegen  Heitz  bemerkt)  die  Stelle  Meteor.  III,  6/7.  378,  a,  15  an. 
(Vgl.  hiezu  Ideler  a.  a.  O.  II,  347 — 360.  Spengel  üb.  d.  Reihenfolge  d. 
naturwissensch.  Schriften  d.  Arist.  Abhandl.  d.  Münchn.  Akad.  V,  150  ff. 
Bkandis  gr.-röm.  Phil.  II,  b,  1073.  1076  f.  Rose  Arist.  libr.  ord.  197.) 
Die  Zweifel  gegen  das  erste  Buch,  deren  Olimpiod.  a.  a.  O.  I,  131  erwähnt, 
haben  nichts  auf  sich.  Dass  es  im  Alterthum  eine  doppelte  Recension  der 
Meteorologie  gegeben  habe,  scheint  mir  durch  das,  was  Ideler  I,  XII  f. 
beibringt,  nicht  erwiesen.  Die  Angaben,  welche  er  aus  einer  zweiten  Ge- 
stalt unseres  Werks  ableitet,  können  meist  auch  andern  Schriften  entnom- 
men sein,  und  wo  diess  nicht  der  Fall  ist  (Sen.  qu.  nat.  VII,  28,  1  vgl. 
Meteor.  I,  7.  344,  b,  18),  lässt  sich  ein  Irrthum  des  Berichterstatters  an- 
nehmen. Möglich  ist  es  aber  allerdings,  dass  die  Schrift  auch  in  einer  er- 
weiternden Ueberarbeitung  oder  einer  mit  mancherlei  Zusätzen  versehenen 
Ausgabe  vorhanden  war.     Vgl.  Brandis   S.   1075. 

1)  Auf  die  Physik  gehen  die  Titel:  n.  'Aqv<5v  rj  <Pvoewg  «  (An.  21), 
iv  toTs  71.  twv  kq/wv  rijg  okrjg  qvatojg  (Themist.  De  an.  II,  71.  76  Sp.), 
iv  rofg  n.  twj'  ao/wv  (ebd.  93),  n.  Kivrjotwg  (D.  45.  115.  An.  102  1  B., 
Pt.  17  8  B.,  das  gleiche  aber  als  auscultatio  physica  noch  einmal  Nr.  34), 
vielleicht  auch  n.  ^Aqyr\g  (D.  41);  wie  es  sich  in  dieser  Beziehung  mit 
den  Titeln  n.  <P>voe<»g  (D.  90  3  B.,  An.  81  1  B.),  <Pvaixöv  «  (D.  94), 
7i.  '/'voixwv  ä  (An.  82)  verhält,  lässt  sich  nicht  ausmachen.  Auch  n. 
Xoovov  (An.  App.  170.  Pt.  85)  könnte  möglicherweise  nur  der  Abschnitt« 
Phys.  IV,  10 — 14  sein,  doch  möchte  ich  eher  an  eine  besondere  Abhand- 
lung von  irgend  einem  Peripatetiker  tanken.  Mit  der  Bezeichnung  iv  roTg 
7i.  axoiytlbn>  verweist  Arist.  selbst  De  an.  II,  11.  423,  b,  28.  De  sensu  4, 
441,  a,  12  auf  gen.  et.  corr.  II,  2  f.;  ob  aber  auch  bei  Diog.  39.  An.  35 
der  Titel  n.  Zrov/tiaiv  y"  nur  auf  diese  Schrift  geht,  etwa  in  Verbin- 
dung mit  B.  3  und  4  De  coelo  (s.  o.  52,  1  ,  oder  mit  Meteor.  4  (Heitz 
Fr.  S.  156),  ob  vielleicht  aus  mehreren  aristotelischen  Werken  das  die  Ele- 
mente betreffende  besonders  zusammengestellt,  oder  ob  endlich  eine  eigene 
Schrift  über  die  Elemente,  welche  aber  nicht  für  aristotelisch  gehalten  werden 
könnte,  vorhanden  war,  muss  dahingestellt  bleiben.  Aehnlich  verhält  es  sich 
mit  dem  Buch  n.  rov  Iläa/aiv  r\  n enov &4v ai  (D.  25).  Arist.  selbst 
verweist   De    an.    II,    5.   417,    a,    1.   gen.   anim.    IV,   3.   768,  b,- 23  mit  der 


[63]  Naturwissenschaftliche  Schriften.  89 


Formel :  lr  roTg  neol  tov  noietr  xal  näa^eiv  auf  gen.  et  corr.  I,  7  ff.  (was 
zwar  Trendelenbdeg  z.  d.  St.  De  anima  und  Heitz  S.  80  bezweifeln,  was 
sich  mir  aber  aus  einer  Vergleichung  der  Stellen  unabweislich  zu  ergeben 
scheint;  m.  vgl.  mit  gen.  an.  a.  a.'O.  S.  324,  a,  30  ff.,  mit  De  an.  416,  b, 
35  S.  323,  a,  10  ff.,  mit  De  an.  417,  a,  1:  tovto  de  nw;  Svvaxor  rj 
aSvraror,  (iorjxautv  u.  s.  w.  S.f325,  b,  25 :  neig  äi  IvSfytTca  tovto  av/u- 
ßctt'rttv,  nä).iv  liywfiev  u.  s.  f.).  Es  liegt  daher  nahe,  auch  bei  Diogenes 
nur  an  diesen  Abschnitt,  oder  auch  an  das  ganze  erste  Buch  der  genannten 
Schrift  zu  denken;  sollte  aber  auch  eine  eigene  Abhandlung  gemeint  sein, 
so  ist  es  mir  doch  jedenfalls  wahrscheinlicher,  dass  sie  der  Erörterung  gen. 
et  corr.  analog  war,  als  dass  sie  (wie  Trendelenburg  glaubt,  Gesch.  d. 
Kategorieenl.  130  f.)  die_Kategorieen  des  Thuns  und  Leidens  im  allgemeinen 
behandelte,  und  dass  auch  die  zwei  aristotelischen  Citate  sich  auf  eine  solche 
allgemein  logische  Untersuchung  beziehen.  —  An  die  Physik  würde  sich 
weiter  die  Abhandlung  De  qziaestionibus  hylicis  (Pt.  50)  und  vielleicht  auch 
De  accidentibus  universalibus  (Pt.  75)  anschliessen;  dieselben  waren  aber  ohne 
Zweifel  unächf,  auch  n.  xoa/uov  ysvsasojg  (An.  App.  ]89)  kann  der 
Philosoph,  welcher  die  Weltentstehung  so  entschieden  bestreitet,  selbstver- 
ständlich nicht  geschrieben  haben.  —  Das  Buch  n.  xöa/nov,  selbst  unsern 
drei  Verzeichnissen  noch  unbekannt,  ist  frühestens  50 — 1  v.  Chr.  verfasst; 
vgl.  Th.  III,  a,  558  ff.  —  Das  angebliche  Bruchstück  einer  Schrift  tc. 
fii^ec»5,  welches  Minoides  Mynas  seiner  Ausgabe  des  Gennadius  gegen 
Pletho  beigefügt  hat,  (Heitz  Fragm.  S.  157)  stammt  vielleicht  aus  den 
S.  78,  4  besprochenen  Diäresen.  —  Auch  unter  den  Abhandlungen,  welche 
in  das  Gebiet  der  sog.  Meteorologie  gehören,  scheint  viel  unächtes  gewesen 
zu  sein.  Eine  Schrift  7T.  dv^fxwv  (Achill.  Tat.  in  Ar.  c.  33.  S.  158,  A. 
Fr.  Hz.  350.  Rose  Ar.  ps.  622)  ist  Aristoteles  vielleicht  nur  durch  Ver- 
wechslung mit  Theophrast  (über  welchen  Diog.  V,  42.  Alex.  Meteor,  101, 
b,  o.  106,  a,  m.  u.  ö.  z.  vgl.)  beigelegt,  ebenso  die  arj/ueia  y tifjuov biv 
(D.  112,  bei  An.  99:  arj^aout,  oder  -ai,  xstH-  'n  der  Ueberschrift  des 
Bruchstücks  Arist.  Opp.  II,  973:  n.  ar\ fxsiojv),  deren  Ueberbleibsel  sich 
Fr.  Ar.  237  ff.  S.  1521.  Fr.  H.  157.  Arist.  pseud.  243  ff.  finden.  Die  Schrift 
n.  TioTauäv  (Ps.-Plut.  De  fluv.  c.  25,  Schi.  Heitz  297.  Fr.  H.  349)  scheint 
ein  spätes  Machwerk  gewesen  zu  sein;  weit  älter  (Rose  glaubt,  aus  der  Zeit, 
oder  selbst  ein  Werk  Theophrast's)  ist  die  n.  rrjg  tov  Nsilov  ava- 
ßitat  oig  (An.  App.  159.  Pt.  22),  worüber  Rose  Ar.  ps.  239  ff.  Ar.  Fr.  1520. 
Fr.  H.  211.  Die  Abhandlungen  De  humoribus  und  De  siccitate  (Pt. 
73.  74)  sind  schon  desshalb  nicht  für  acht  zu  halten,  weil  sie  sonst  nie 
erwähnt  werden.  Gegen  die  Schrift  n.  Xqw [xcLt cov  hat  Praktl.  (Arist. 
üb.  die  Farben,  Münch.  1849,  S.  82  ff.  vgl.  107  ff.  115.  142  f.  u.  ö.)  begrün- 
dete Einwendungen  erhoben.  Dass  Arist.  ein  Buch  n.  Xv/ucuv  geschrieben 
habe,  nimmt  Alex,  in  Meteor.  98,  b,  u.  Olvmpiodor  in  Meteor.  36,  a  (b. 
Ideler  Arist.  Meteor.  I,  287  f.)  an,  keiner  von  beiden  scheint  es  aber  selbst 
gekannt  zu  haben;  so  bemerkt  auch  Michael  JEphes.  zu  De  vita  et  m.   175, 


Aristoteles.  64J 

theilweise  verwandt,    bilden  die  mathematischen,    mechanischen, 
optischen  und  astronomischen  Schriften  ')• 


b,  u.,  die  Schriften  des  Aristoteles  n.  (fvrwv  xcu  yvkwv  seien  verloren, 
wesshalb  man  sich  an  Theophrast  halten  müsse.  Arist.  selbst  verweist  Meteor. 
II,  3.  359,  1».  20  auf  eine  eingehendere  Erörterung  über  die  schmeckbaren 
Eigenschaften  der  Dinge ;  da  er  aber  über  denselben  Gegenstand  in  der 
späteren  Abhandlung  De  sensu  c.  4,  Schi,  weitere  Untersuchungen  für  das 
Werk  über  die  Pflanzen  in  Aussicht  stellt,  fragt  es  sich  doch  sehr,  ob  wir 
diese  Verweisung  auf  eine  besondere  Schrift  tt.  Xrnwv,  und  nicht  vielmehr 
als  später  eingetragen)  auf  De  sensu  c.  4.  De  an.  II,  10  zu  beziehen  haben. 
Eine  Untersuchung  über  die  Metalle  stellt  Arist.  Meteor.  III,  Schi,  in  Aus- 
sicht, seine  Ausleger  erwähnen  auch  einer  iiovoßtßXog  n.  u  f  r  u ).  X  co  v  (Sijii-l. 
Phys.  1,  a,  u.  De  coelo,  Schol.  in  Ar.  468,  b,  25.  Damasc.  De  coelo  ebd. 
454,  a,  22.  Philop.  Phys.  a,  1,  m.,  der  aber  zur  Meteorologie,  I,  135  Id., 
rodet,  als  ob  er  von  einer  solchen  Schrift  nichts  wüsste.  Olympiod.  in 
Meteor.  I,  133  Id.),  die  aber  mit  mehr  (irund  Theophrast  beigelegt  wird 
(Pollex  (Aornast,  VII,  99.  X,  149  vgl.  Diog.  V,  44.  Theopiik.  De  lapid. 
Anf.  Alex.  Meteor.  12b,  a,  o.  II,  161  Id.  u.  a.).  Vgl.  Rose  Arist.  ps.  254  ff. 
261  ff.  Ar.  Fr.  242  f.  S.  1523.  Er.  H.  161,  und  gegen  die  Beziehung  von 
Meteor.  III,  7.  378,  b,  5.  IV,  8.  384,  b,  34  auf  die  Schrift  n.  /utr.  (die  aber 
auch  Heitz  S.  68  nicht  behaupten  will)  Boxitz  Ind.  ar.  98,  b,  53.  Wie  sich 
hiezu  die  Schrift  De  metalli  fodinis  (Hadschi  Khalfa  b.  Weinrich  De  auet. 
Gr.  vers.  arab.  160)  verhält,  wissen  wir  nicht.  Die  Schrift  über  den  Magnet 
(n.  zijg  XCd-ov  D.  125.  An.  117.  Kose  Ar.  ps.  242  Fr.  H.  215)  war  schwer- 
lich acht,  die  von  den  Arabern  viel  gebrauchte  De  lapidibua  (Hadschi  Kh. 
a.  a.  O.  159;  weiteres  bei  Meyer  Xicol.  Damasc.  De  plantis  praef.  S.  XI. 
Rose  Ar.  libr.  ord.  181   f.    Ar.  ps.  255  f.)  gewiss  nicht. 

1)  Ma&7]  pur  ix  6  r  et  (D.  63.  An.  53),  n.  t  r\g  £r  t  olg  [ia&T}(j.aOi,v 
oiiOiag  (An.  App.  160),  n.  (a  ovüdog  (D.  1 1 1.  An.  100).  n.  pe yt&o  vg  (D. 
85.  An.  77,  wenn  diess  nicht  vielmehr  eine  rhetorische  Abhandlung  war,  s.  o. 
7ti,  2  g,E.).  Die  Abhandlung  n.  aroftcov  rqttfi  jxöjv  (Ar.  Opp.  II,  96S  ff.) 
in  unsern  Verzeichnissen  nur  von  Ptol.  10  genannt,  von  Arist.  selbst  nie 
angeführt,  wurde  nach  Simpl.  De  coelo,  Schol.  in  Ar.  510,  b,  10.  Philop, 
gen.  et  corr.  8,  b,  m.  auch  Theophrast  beigelegt,  (wogegen  Philop.  a.  a.  0. 
37,  a,  u.  Phys.  m,  8,  m.  die  Schrift  einfach  als  aristotelisch  behandelt)  was 
manches  für  sich  hat.  (Gegen  ihre  Aechtheit  auch  Rose  Ar.  libr.  ord.  193.) 
Dass  Arist.  über  die  Quadratur  des  Zirkels  geschrieben  habe,  sagt  Eutoc. 
ad  Archim.  de  circ.  dimeus.  prooem.  nicht;  seine  Aeusserung  geht  auf  soph. 
el.  11.  171,  b,  14.  Phys.  I,  2.  185,  a,  16.  Ohne  nähere  Angabe  nennt  Simil. 
Categ.  ),  C  (Bas.)  Aristoteles'  yMüjutTQixci  re  xa)  /urjxctvtxu  ßcßlia.  Unsere 
Mr\y uv i/.u  jedoch  (D.  123.  An.  114:  ur\yavixbv  oder  -iov),  die  richtiger 
(wie  bei  Ptol.  Im  unyu.vtxu  Ti{toß).i)uam  genannt  würden,  sind  gewiss  nicht 
aristotelisch.  'Vgl.  auch  Rose  a.  a.  0.  Iü2  |  Ein  Buch  ^Onr ixbr  (-wv  sc. 
7TQoß).tltuÜTiur!  nennt  D.  114.   An.  103,  onrixa  ßißUa  David  in  Categ.  Schol. 


[65  Naturwissenschaftliche  Schriften.  91 

|  Auf  die  Physik  und  die  verwandten  Schriften  folgen  die 
zal Lireichen  und  wichtigen  Werke  über  die  lebenden  Wesen. 
Dieselben  sind  theils  beschreibende,  theils  untersuchende.  In  die 
erste  Klasse  gehört  die  Thiergeschichte  l]  und   die  anatomischen 

25.  a,  36.  Anon.  proleg.  in  metaph.  (b.  Rose  Ar.  ps.  377.  Heitz  Fr.  215), 
otit.  nooßl\u«Tu  v.  Marc.  8.  2  vgl.  S.  S  K.  Dass  eine  solche  Schrift  schon 
frühe  unter  Aristoteles'  Namen  im  Umlauf  war,  zeigt  ihre  Anführung  in 
einer  lateinischen  Uebersetzung  von  Hero's  (um  230 )  Katoptrik  (b.  Rose 
a.  a.  0.  378.  Ar.  Fr.  1534.  Fr.  H.  216  und  den  (pseudo-)  aristotelischen 
Problemen  XVI,  1,  Schi.  Ihre  Aechtheit  ist  damit  freilich  noch  nicht  ver- 
bürgt, so  möglich  es  immerhin  ist,  dass  sich  unter  den  ächten  Problemen 
auch  optische  befanden.  Mit  der  Schrift  De  speculos  welche  arabische  und 
christliche  Schriftsteller  des  Mittelalters  Arist.  beilegen,  scheinen  Euklid's 
KaiOTiTQixä  gemeint  zu  sein  (Rose  Ar.  ps.  376).  Ein  'Aotqovo  u  i/.ov  kennt 
nicht  blos  D.  113.  An.  101,  sondern  auch  Aristoteles  verweist  Meteor.  I,  3. 
330,  b,  7  (r\öi]  yiio  (Ötitui  diu  twV  äOTQoXoytxaiv  &{(»Qr]uÜT(ov  rjutv),  ebd. 
c.  8.  345,  b,  1  (xa&äneQ  SeCxvvrai  Iv  roTg  nini  uOTQoloyiuv  ^(ojq^uicgh) 
und  De  coelo  II,  10.  291,  a,  20  (Tieoi  dt  rrjg  tk&w?  ccvtwv  u.  s.  w.  ix 
rwi'  7i egl  aOTQokoyiav  &fcjQetß^oj'  XiytTUL  yag  txurcog)  auf  ein  derartiges 
Werk;  auch  Simpl.  z.  d.  St.  De  coelo,  Schol.  497,  a,  8  scheint  an  ein 
solches  zu  denken.  Derselben  Ansicht  ist  unter  den  neueren  Gelehrten 
Bonitz  Ind.  ar.  104,  a,  17  ff.,  ebenso  nimmt  Pkantl  zu  Arist.  n.  ovg.  S.  303 
an,  dass  es  ein  solches  "Werk  von  Arist.  gegeben  habe,  auch  Heitz  S.  117 
findet  es  wahrscheinlich,  während  er  Fragm.  160  sich  nicht  entscheiden 
will.  Blass  Rhein.  Mus.  XXX,  504  bezieht  die  Anführungen  auf  fremde 
Schriften,  Ideler  Arist.  Meteor.  I,  415  denkt  an  eine  andere  Bearbeitung 
der  Bücher  vom  Himmel,  was  nichts  für  sich  hat.  Dass  diese  astronomische 
(oder  wie  sie  Arist.  nach  Heitz'  richtiger  Bemerkung  genannt  haben  würde : 
astrologische)  Schrift  die  Form  von  Problemen  hatte,  ist  mir  nicht  wahr- 
scheinlich, da  Arist.  wiederholt  von  &€(OQ^/zara  redet.  Nicht  um  sie,  son- 
dern nur  um  späte  Unterschiebungen,  wird  es  sich  bei  den  von  Hadschi 
Kiialfa  (S.  159  -161  genannten  Titeln:  De  siderum  arcanis,  De  sideri- 
bus  eorumque  arcanis,  De  stellis  labentibus ,  Mille  verba  de  astrologia 
judiciaria  handeln.  Wie  es  sich  sonst  mit  der  Aechtheit  der  mathemati- 
schen und  der  verwandten  Schriften  verhielt,  lässt  sich  nicht  ausmachen; 
dass  keine  derselben  von  Aristoteles  verfasst  sein  könne,  sucht  Rose  Ar. 
libr.  ord.   192  f.  vergeblich  zu  beweisen. 

1)  7i.  tu  Zoja  toTOOia  '•n.  l,mwv  tax oolag  i  An.  App.  155;  das 
gleiche  Werk  meinen  aber  D.  102.  An.  91  offenbar  mit  ihren  9  Büchern 
TT.  j{mv.  und  Ptol.  42.  Die  Araber  zählen  bald  10,  bald  15,  bald  19  Bücher, 
sie  hatten  also  unsere  Thiergeschichte  durch  allerlei  Zusätze  erweitert, 
s.  Wbnrich  De  auct.  graec.  vers.  148  f.).  Aristoteles  selbst  führt  diese  Schrift 
unter  verschiedenen  Namen  an:  laioniat  (oder  auch  —  (a)  n.  tu  £wa  (part. 
anim.  III,  14.  674,  b,  16.  IV,  5.  68»,  a,   1.  IV,  8,  Schi.   IV,   10.  689,  a,  18. 


«!•_>  Aristoteles.  [65J 


IV,  13.  696,  b,  14.  gen.  an,  I,  4.  717,  a,  33.  I,  20,  728,  b,  13.  respir.  c.  16, 
Anf.);  iOtoqIui  tt.  rwr  Cq'xov  (part.  anim.  II,  1,  Anf.  c.  17.  660,  b,  2.  gen. 
anim.  I,  3.  716,  b,  31.  respir.  c.  12.  477,  a,  6),  £wi'xij  taroQia  (part.  anim. 
III,  5,  Schi.),  lOTOQfa  (pvaixT)  (part.  an.  II,  .3.  650,  a,  31.  ingr.  an.  c.  1, 
Schi.),  auch  einfach  tOTOQt'ai  oder  lOToqia  (De  respir.  16-  478,  b,  1.  gen. 
anim.  I,  11.  719,  a,  10.  II,  4.  740,  a,  23.  c.  7.  746,  a,  14.  III,  1.  750,  b,  31. 
c  2.  753,  b.  17.  c.  S,  Schi.  c.  10,  Schi.  c.  11,  Schi.).  Ihrem  Inhalt  nach  ist 
sie  mehr  eine  vergleichende  Anatomie  und  Physiologie,  als  eine  Thierbe- 
schreibung;  über  ihren  Plan  s.  m.  J.  B.  Meyer  Arist.  Thierkunde  114  tt. 
An  ihrer  Aechtheit  ist  im  übrigen  nicht  zu  zweifeln;  nur  das  lOte  Buch 
wird  nicht  blos  mit  Spengel  (De  Arist.  libro  X  hist.  anim.  Heidelb.  1842) 
für  die  Rückübersetzung  aus  der  lateinischen  Uebersetzung  einer  aristotelischen, 
hinter  B.  VII  gehörigen,   Abhandlung,   sondern    mit  Schneider  (IV,  262  f. 

I,  XIII  s.  Ausg.)  Rose  (Ar.  libr.  ord.   171  ff.)  und  Brandis  (gr.-röm.   Phil. 

II,  b,  1257  f.)  für  unächt  zu  halten  sein.  Ausser  allem  andern  würde  schon 
die  unaristotelische  Annahme  eines  weiblichen  Samens  diess  beweisen.  Mit 
diesem  Buch  ist  ohne  Zweifel  die  Schrift  v  n  t  o  (oder  ns  qi)  tov  [irj  ysvvuv 
(D.  107.  An.  90)  identisch.  Ueber  Alexanders  angebliche  Mitwirkung  für 
unser  Werk  vgl.  S.  32  f.,  über  seine  Quellen  auch  Rose  Ar.  libr.  ord.  206  ff 
—  Neben  der  Thiergeschichte  existirten  im  Alterthum  noch  mehrere  ähn- 
liche Werke.  So  benützt  namentlich  Athenäus  mit  den  Bezeichnungen: 
iv  r(j5  7t.  Zqjtov,  iv  ToTg  n.  Z.,  (wofür  mit  Rose  Ar.  ps.  277.  Heitz  224 
durchweg  gleichfalls  Zw'ixwv  zu  setzen,  mir  nicht  nöthig  scheint)  iv  rw  n. 
Xqnxcav,  iv  rw  iniyQctrfOjuivo)  Zwi'zw,  iv  T(p  tt.  Zwcov  rj  [xcu]  Y/#iW', 
iv  rw  7i.  Zony.MV  xal  'ix&vcov,  iv  to)  tt.  'I%öv(üv  Eine  und  dieselbe,  von 
unserer  Thiergeschichte,  wie  aus  seinen  Mittheilungen  selbst  erhellt,  ver- 
schiedene Schrift,  während  er  zugleich  seltsamerweise  das  5te  Buch  der 
Thiergeschichte  oft  als  tk'/jtttov  tt.  Zojwv  /uoq(wv  anführt  (m.  s.  d.  Register 
zu  Athen. ;  die  Anmerkungen  Schweighäusers  zu  den  betreffenden  Stellen, 
namentlich  zu  II,  63,  b.  III,  88,  c.  VII,  281,  f.  286,  b;  Rose  Ar.  ps.  276  ff. 
Ar.  Fr.  Kr.  277  ff.;  Heitz  224  f.  Fr.  H.  172).  Auch  Clemens  (Paedag.  II, 
150,  C  vgl.  m.  Athen.  VII,  315,  e)  scheint  sich  auf  dieses  Werk  zu  be- 
ziehen; desselben  erwähnt  Apollon.  Mirabil.  c.  27,  indem  er  es  ausdrück- 
lich von  dem  tt.  Zqwv  (unserer  Thiergeschichte)  unterscheidet.  Blosse  Theile 
desselben  bezeichnen,  wie  es  scheint,  die  Titel :  71.  &r]Q((ov  (Eratosth. 
Catasterismi  c.  41  und  wohl  nach  ihm  das  Scholion  zu  Germanicüs  Aratea 
Phaenom.  V.  427,  Arat.  ed.  Buhle  II,  88);  i>7i(()  xiov  [xv&oloy ov- 
ixtvtov  £,<äo)v  (D.  106.  An.  95);  vnkQ  xwv  gvv&£t tov  Cüwv  (D. 
105.  An.  92);  n.  iiav  (fOiXfvövriov  (Ptol.  23:  „fari  tufulin".  Diog.  V, 
44  legt  eine  Schrift  dieses  Titels,  ohne  Zweifel  die  gleiche,  Theophrast  bei, 
dessen  Fragm.  170— 178  Wimm.,  aus  Athen.  II,  63,  c.  III,  105  d.  VII,  314, 
b,  ihr  entnommen  sind.  Ebendaher  stammt  wohl  auch  die  Notiz  b.  Plüt. 
qu.  conv.  8,  9,  3,  die  Rose  Ar.  Fr.  Nr.  38  dem  Dialog  Eudemus,  Heitz 
Fragm.  Ar.  217    den    IccTQUcä    zuweist).     Was    aus    diesen    und    ähnlichen 


[66]  Naturwissenschaftliche  Schriften.  93 

Beschreibungen  x);  |  die  zweite  eröffnen  die  drei  Bücher 
von  der  Seele 2),    |    denen    sich    viele    weitere    anthropologische 

Schriften,  bald  unter  Aristoteles'  bald  unter  Theophrast's  Namen,  angeführt 
wird,  findet  sich  bei  Kose  Ar.  ps.  276—372.  Ar.  Fr.  257—334,  S.  1525  ff. 
Heitz  Fragm.  Ar.  171  ff.  Plik.  H.  nat.  VIII,  16,  44  lässt  den  Philosophen 
gegen  50,  Antigoms  Mirab.  c.  60  (66)  gar  gegen  70  Bücher  über  die  Thiere 
schreiben.  Aecht  waren  von  den  so  eben  genannten  Schriften  ohne  Zweifel 
nur  die  ersten  neun  Bücher  unserer  Thiergeschichte;  das  von  Athenäus  be- 
nützte Werk,  schon  nach  der  Sprache  der  Fragmente  nicht  aristotelisch, 
scheint  eine  aus  ihnen  und  andern  Quellen  geflossene  Compilation  gewesen 
zu  sein,  welche  nach  dem  so  eben  aus  Antigonus  angeführten  noch  dem 
3.  Jahrhundert  angehören  muss. 

1)  Die  'Avctjouai  (nach  D.  103.  An.  93  sieben  Bücher)  werden  von 
Aristoteles  sehr  oft  angeführt  (m.  s.  die  Belege  bei  Bonitz  Ind.  arist.  104, 
a,  4  ff.  Heitz  Fr.  Ar.  160  f.),  und  es  ist  nicht  möglich,  diese  Verweisungen 
(mit  Rose  Arist.  libr.  ord.  188  f.)  wegzudeuten;  nach  H.  an.  I,  17.  497,  a, 
31.  IV,  1.  525,  a,  8.  VI,  11.  566.  a,  15.  gen.  an,  II,  7.  746,  a,  14.  part.  an. 
IV.  5.  6S0,  a,  1.  De  respir.  16.  478,  a,  35  waren  sie  mit  Zeichnungen  aus- 
gestattet, welche  vielleicht  ihren  Hauptbestandteil  bildeten.  Der  Scholiast 
zu  ingr.  anim.  (hinter  Simi'l.  De  anima)  178,  b,  u.  citirt  sie  schwerlich  aus 
eigener  Anschauung;  Apclejcs  De  Mag.  c.  36.  40  bezeichnet  ein  aristoteli- 
sches Werk  n.  tiaiav  tcvKTourjg  als  allgemein  bekannt,  sonst  wird  aber  diese 
Schrift  selten  erwähnt,  und  auch  Apulejus  meint  damit  vielleicht  die  n. 
i.'oj«»r  uooicov.  Ein  Auszug  daraus  CEy.loyrj  ccvccto /uüv  D.  104.  An.  94. 
Apollox.  Mirab.  c.  39)  war  gewiss  nicht  aristotelisch.  Rose's  Meinung  (Ar. 
pseud.  276),  dass  die  ccvctro/ual  mit  den  Uotxu  Ein  Werk  seien,  widerspricht 
Heitz  Fr.  Ar.  171  mit  Eecht.  Eine  Avccto/ut)  avd-Qwnov  führt  An.  187 
unter  den  Pseudepigraphen  an;  Arist.  machte  keine  Sektionen  an  Menschen; 
vgl.  H.  an.  III,  3.  513,  a,  12.  I,  16,  Anf.  Lewes  Aristoteles  S.  161.  169. 
d.  Uebersetzung. 

2)  n.  1'i'XTJs  wird  von  Aristoteles  an  vielen  Stellen  der  gleich  zu  er- 
wähnenden kleineren  Abhandlungen  (worüber  Bonitz  Ind.  arist.  102,  b,  60  ff.) 
und  gen.  an.  II,  3.  V,  1.  7.  736,  a,  37.  779,  b,  23.  786,  b,  25.  788,  b,  1. 
part.  an.  HI,  10.  673,  a,  30  (De  interpr.  1.  16,  a,  8.  De  motu  an.  c.  6,  Anf. 
c.  11,  Schi.)  angeführt,  muss  daher  früher  sein,  als  diese  Schriften.  Dass 
aus  Meteor.  I,  1,  Schi,  das  Gegentheil  folge  (Ideler  Arist.  Meteor  II,  360), 
ist  nicht  richtig.  Die  Worte  ingr.  an.  c.  19,  Schi.,  welche  unsere  Schrift  erst 
in  Aussicht  stellen,  während  sie  die  von  den  Theilen  der  Thiere  voraus- 
setzen, sind  wohl' mit  Brandis  (a.  a.  O.  1078)  für  eine  Glosse  zu  halten. 
Von  ihren  drei  Büchern  erscheinen  die  zwei^ersten  vollendeter,  als  das  dritte; 
indessen  hat  Torstrik  im  Vorwort  zu  seiner  Ausgabe  (1862)  gezeigt,  dass 
vom  zweiten  Buch  noch  Bruchstücke  einer  anderen  Recension  erhalten  sind, 
und  dass  ebenso  in  dem  jetzigen  Text  des  3.  Buchs  durch  eine  Vermischung 
von  zwei  Bearbeitungen,  welche    über  die  Zeit  Alexanders   von  Aphrodisias 


•  14  Aristoteles.  [67.68] 

Abhandlungen  anreihen  ').    Die  weiteren  Ausfuhrungen  |  über  die 

hinaufreicht,  störende  Wiederholungen  entstanden,  und  das  gleiche  scheint 
auch  schon  im  ersten  Buch  der  Fall  gewesen  zu  sein.  —  Diogenes  und  der 
An  Men.  nennen  auffallender  Weise  unser  Werk  nicht,  während  es  Pt.  .'is 
anführt ;  dafür  haben  sie  (1).  73.  An.  68)  Ot'atig  tt.  ipv/ijs  ü.  Zur  Seelen- 
lehre geliürt  auch  der  Eudemus;  s.  o.  S.  58,   1.  59,   1. 

1)  Von  den  erhaltenen  Schriften  gehören  hieher  folgende  Abhandlungen, 
welche  sieh  sämmtlich  auf  die  xonä  awuarog  xat  vjv/ijg  tQya  (De  an.  III. 
lü,  433,  b,  20)  beziehen:  1)  tt.  AioftrjGfcog  xce'i  _/  toHi]T  6>  r.  Aristoteles 
eitirt  diese  Schrift,  deren  Titel  aber  vielleicht  nur  tt.  aio^^asojg  lautete  (s. 
Ideleij  Arist.  Meteor.  I,  650.  II,  3ös).  in  denen  über  die  Theile  und  die 
Entstehung  der  lebenden  Wesen  (Bonitz  Ind.  ar.  103,  a,  8  ff.1,  De  memor. 
c.  1,  Anf.,  De  somno  2.  450,  a,  2  (De  motu  anim.  c.  11,  Schi.),  während  er 
sie  Meteor.  I.  3.  341,  a,  14  als  künftig  ankündigt.  Trendelenbcrg  De  au. 
IIb  (106)  f.  (gegen  ihn  Rose  Ar.  libr.  ord.  219.  226.  Brandis  gr.-röm.  Phil. 
II,  b.  2.  S.  1191,  284  Bonitz  Ind.  ar.  99,  b,  54.  100,  b,  30.  40.)  glaubt, 
die  Schrift  tt.  ato&.  sei  verstümmelt  und  ein  von  ihr  abgeriesenes  Stück 
sei  uns  unter  der  Ueberschrift :  ?x  tov  TreQi  a xov ot cor  (Ar.  Opp.  II, 
hOO  ff.}  erhalten.  Und  es  lassen  sich  wirklich  für  einige  Verweisungen 
späterer  Schriften  die  entsprechenden  Stellen  in  der  unsrigen  nicht  voll- 
ständig aufzeigen.  Nach  gen.  an.  V,  2.  781,  a,  20.  part.  an.  II,  10.  650,  a, 
27  soll  iv  roig  nsol  cciafrrjOStos  auseinandergesetzt  sein,  dass  die  Kanäle  aller 
Sinnesorgane  vom  Herzen  ausgehen;  dagegen  lesen  wir  in  der  einzigen  Stelle 
unserer  Abhandlung,  an  die  mau  hiebei  denken  kann,  c.  2.  438,  b,  25  ff.: 
die  Organe  des  Geruchs-  und  Gesichtssinns  haben  ihren  Sitz  in  der  Gegend 
des  Gehirns,  aus  dem  sie  auch  gebildet  seien,  der  Tastsinn  und  Geschmack 
im  Herzen.  Erst  De  vita  et  m.  3.  469,  a,  10  ff.  wird  beigefügt,  dass  es  auch 
für  die  andern  Sinne  der  Sitz  der  Empfindung  sei,  nur  nicht  yartowg,  wie 
für  jene;  wobei  aber  Z.  22  f.  auf  die  Stelle  tt.  cciad-.  verweist  (nur  hier 
nämlich,  nicht  in  der  vom  Ind.  arist.  99,  b,  5  angegebenen  Stelle  part.  an.  II, 
10  ist  der  Grund  für  die  verschiedenen  Orte  der  Sinneswerkzeuge  angegeben). 
Allein  daraus  folgt  nicht,  dass  in  unserer  Schrift  ein  Abschnitt,  der  die 
fragliche  Erörterung  enthielt,  ausgefallen  ist;  sondern  die  Anführungsformel : 
iv  Toig  tt.  uioti.  wird  gen.  an.  V,  2.  part.  an.  II,  10  in  weiterem  Sinn  zu 
nehmen  sein,  so  dass  sie  alle  die  tt.  cetod-.  1  Anf.  mit  einer  gemeinschaft- 
lichen Einleitung  eingeführten  anthropologischen  Abhandlungen  umfasst. 
Ebenso  haben  wir  es  zu  erklären,  wenn  nach  part.  an  II,  7.  653,  a,  19 
f-r  Tf  rot;  neol  idoth'joetog  xal  ntQi  vttvov  öuonto/ntvoig  über  die  Ursachen 
Und  Wirkungen  des  Schlafes  gesprochen  worden  sein  soll.  Diese  Erörterung 
findet  sich  nur  De  somno  2  3.  455,  a,  13  ff.,  und  es  lässt  sich  in  der  Ab- 
handlung über  die  Sinneswahrnehmung  kein  geeigneter  Ort  für  sie  aufzeigen; 
sie  wird  daher  auch  schon  ursprünglich  nicht  in  ihr  gestanden  haben,  son- 
dern tt.  alad:  gibt  die  Stelle,  wo  sie  sicli  fand,  allgemein,  tt.  vttvov  speciell 
an  (und  es  ist  desshalb  vielleicht  in  den  Worten:  Iv  TS  roig  u.  s.  w.  t(  zu 


Naturwissenschaftliche  Schriften.  95 


streichen).  Wird  endlich  gen.  an.  V,  7.  786,  b,  23.  78S,  a,  34  auf  Erörterungen 
über  die  Stimme  verwiesen,  die  sich  £v  xotg  tt.  ipvyijg  und  tt.  alö&r\ö8iog 
finden,  so  l!is:>t  sich  diess  neben  der  Hauptstelle  De  an.  II,  8  recht  wohl 
auf  c.  I.  437,  a,  3  ff.  c.  6.  446,  b,  2  ff.  12  ff.  unserer  Schrift  beziehen. 
Dagegen  sagt  sie  selbst  c.  4  Anf.,  dass  eine  so  eingehende  Besprechung  von 
Ton  und  Stimme,  wie  in  unserem  Bruchstück  tt.  axovanov,  nicht  in  ihrem 
Plan  liege.  Das  letztere,  von  Aristoteles  nie  angeführt,  und  ohne  jede  aus- 
drückliche Beziehung  auf  eine  seiner  Schriften,  zeigt  schon  durch  seine  breit 
angelegte  Darstellung,  dass  es  eher  von  einem  späteren  Mitglied  als  von  dem 
Stifter  der  peripatetischen  Schule  herrührt.  Doch  scheint  es  noch  einer 
ihrer  ersten  Generationen  anzugehören.  —  2)  tt.  JVIvrjfj.r]s  xal  l4vauvrj- 
aiwg.  De  motu  an.  c.  11,  Schi,  von  Ptol.  40  und  von  den  Commentatoren 
angeführt;  mit  ihr  hat  die  S.  76,  2  g.  E.  berührte  anächte  Schrift  über  Mnemonik 
nichts  zu  thun.  —  3)  tt.'Yttv  ov  xal  'Eyqr]  yö  qat  <og,  De  longit.  v.,  part. 
an.,  gen.  an.,  motu  an.  angeführt  (Ind.  ar.  103,  a,  16  ff.),  De  an.  III,  9. 
432,  b,  11.  De  sensu  c.  1.  436,  a,  12  ff.  augekündigt.  Diese  Abhandlung 
wird  nicht  selten,  aber  offenbar  nur  aus  äusserlichen  Gründen,  mit  der  vorigen 
zu  Einer  Schrift,  tt.  /uv^jurjg  xal  vttvov,  zusammengefasst  (Gell.  VI,  6. 
Alex.  Top.  27y,  m.  Schol.  296,  b,  1,  den  Scid.  uvr\u.r\  ausschreibt.  Ders. 
De  sensu  125,  b,  u.  Michael  in  Arist.  De  mem.  127,  a,  o.  Ptol.  4);  dagegen 
ergibt  sich  aus  Arist.  Divin.  in  s.  c.  2,  Schi.,  dass  sie  mit  4)  tt.  Evv  ttviwv 
und  5)  tt.  Ttjg  z«#'  "Ytivov  Mavrtxrjg  zuammengehört.  Von  den  letz- 
teren wird  Nr.  4  auch  De  somno  2.  456,  a,  27,  als  zukünftig,  erwähnt.  — 
6)  tt.  Maxgo  ßiör  tjt  o  g  xal  Boayv  ßiOTr)xo  g ,  ohne  den  Titel  part. 
an.  III,  10.  673,  a,  30,  mit  demselben  von  Athen.  VIII,  353,  a.  Pt.  46, 
vielleicht  auch  An.  App.  141  angeführt.  7)  tt.  Zcorjg  xal  Oavärov.  Mit 
dieser  Abhandlung  gehört  nach  Aristoteles'  Absicht  8)  die  tt.  ^Avanvor\g 
so  unmittelbar  zusammen,  dass  sie  Ein  Ganzes  mit  ihr  bildet  (De  vita  et  m. 
c.  ],  Anf.  467,  b,  11.  De  respir.  c.  21.  480.  b,  21);  einer  dritten  Erörterung, 
tt.  XtÖTrjTog  xal  r^owg,  welche  Arist.  S.  467,  b,  6.  10  ankündigt, 
weisen  zwar  unsere  Ausgaben  die  zwei  ersten  Kapitel  tt.  t,wr\g  x.  &av.  zu, 
|  aber  offenbar  mit  Unrecht ;  es  scheint  vielmehr,  diese  Untersuchung  sei  von 
Arist.  entweder  gar  nicht  ausgeführt  worden,  oder  schon  sehr  frühe  verloren 
| gegangen  (vgl.  Brandis  S.  1191  f.;  jenes  ist  Bonitz  Ind.  ar.  103,  a,  26  ff., 
dieses  Heitz  S.  58  anzunehmen  geneigt).  Da  De  vita  et  m.  c.  3.  468,  b,  31 
vgl.  De  respir.  c.  7.  47M,  a,  27  die  Erörterungen  über  die  Theile  der  Thiere 
j  (wobei  nicht  wohl  mit  Rose  Arist.  libr.  ord.  217  an  Hist.  an.  III,  3.  513, 
a,  21  gedacht  werden  kann)  als  schon  vorhanden  angeführt,  longit.  v.  c.  6. 
-4 * >  7 ,  b,  6  die  Untersuchungen  über  Leben  und  Tod  u  s.  w.  als  Schluss  aller 
Arbeiten  über  die  Thiere  bezeichnet  werden,  so  vermuthet  Bkandis  1 192  f. 
nur  die  erste  Abtheilung  der  sog.  parva  Naturalia  (Nr.  1  —  5)  sei  unmittelbar 
nach  den  Büchern  von  der  Seele  verfasst,  das  weitere  dagegen,  das  auch  im 
Verzeichniss  des  Ptolemäus  Nr.  46  f.  von  den  Abhandlungen  über  die  Sinne, 
den  Schlaf  und  das  Gedächtniss  durch  die  zoologischen  Werke  getrennt  ist, 


96  Aristoteles.  [68] 

Theile  der  Thiere  l),  nebst  den  mit  ihnen  zusammenhängenden  über 

sei  zwar  schon  früher  beabsichtigt  gewesen,  aber  erst  nach  den  Werken  über 
die  Theile,  Jen  Gang  .und  die  Entstehung  der  Thiere  niedergeschrieben, 
l'inl  wirklich  werden  gen.  anim.  IV,  10.  777,  b,  8  Untersuchungen  über  die 
Gründe  der  verschiedenen  Lebensdauer  (welche  in  diesem  Werk  selbst  nicht 
mehr  berührt  werden)  erst  in  Aussicht  gestellt.  Andererseits  bezieht  sich 
aber  Arist.   part.  an.  III,  6,  669,  a,  4  auf  De  respir.  c.   10.  16;  IV.   13.  696, 

b,  1.  697,  a,  22  auf  De  resp.  c.  10.  13;  gen.  an.  V,  2.  781,  a,  20,  wie  wir 
nach  dem  vorhin  bemerkten  annehmen"  müssen,  auf  De  v.  et  morte  3.  469» 
a,  10  ff.  (unsicherer  sind  die  andern  im  Ind.  ar.  103,  a,  23.  34  ff.  ange- 
gebenen Verweisungen).  Diese  Anführungen  müssten  daher,  wie  diess  aller- 
dings nicht  ganz  selten  vorkommt,  den  schon  fertigen  Schriften  erst  später  beige- 
fügt sein.  Die  Aechtheit  der  ebenbesprochenen  Abhandlungen  ist  neben  den 
inneren  Gründen  durch  die  angeführten  Verweisungen  in  andern  aristoteli- 
schen Schriften  verbürgt.  Eine  beabsichtigte  Abhandlung  n.  Nöaov  xu\ 
'Yytficcg  (De  sensu  c.  1.  43(5,  a,  17.  long.  vit.  c.  1.  464,  b,  32.  respir.  c.  21. 
480,  b,  22.  part.  an.  II,  7,  653,  a,  8)  ist  vermuthlich  nicht  ausgeführt  worden 
(anderer  Ansicht  ist  Heitz  S.  58.  Er.  Ar.   169);  schon  Alex.  De  sensu  94, 

a,  o.  weiss  nichts  davon.  Um  so  unwahrscheinlicher  ist  die  Aechtheit  einer 
bei  den  Arabern  (Hadschi  Khalfa  b.  Wenricii  a.  a.  O.  160)  vorkommenden 
Schrift  De  sanitate  et  morbo.  2  Bücher  n.  "Oipeiog  (An.  App.  173)  und  1  B. 
7i.  <P(ovijs  (ebd.  164)  waren  schwerlich  acht.  (Ueber  die  'Oktixci  S.  90,  1.) 
—    Eine     Schrift      n.      Too(fr\g     scheint     durch     die     Stelle    De     somno 

c.  3.  456,  b,  5  (Meteor.  IV,  3.  381,  b,  13  ist  allzu  unsicher)  vorausgesetzt 
zu  werden;  De  an.  II,  4.  Schi.  gen.  an.  V,  4.  784,  b,  2.  part.  an.  II,  3.  650, 

b,  10.  c.  7.  653,  b,  14.  c.  14.  674,  a,  20.  IV,  4.  678,  a,  19  wird  sie  in  Aus- 
sicht genommen.  Dagegen  geht  De  motu  an.  10.  703,  a,  10  das  tXqr\Tai  h 
clD.OLg  nicht,  wie  Michael  Ephes.  z.  d.  St.  S.  156,  a  glaubt,  auf  n.  TQO(frjg, 
sondern  auf  die  Schrift  n.  IIvsii /narog;  denn  dort  heisst  es:  ri'g  fih>  olv 
ri  ocoTTjoia  tov  Gv/Li(f  vtov  rcveifictTog  fiQTjTcci  iv  akXoig,  was  offenbar  auf 
die  Anfangsworte  von  n.  nvtvfi.:  rig  rj  tov  tfMfviov  nrtvuctTog  dtajuovrj; 
hinweist.  (So  auch  Bonitz  Ind.  ar.  100,  a,  52,  während  Kose  Ar.  libr.  ord. 
167  die  Schrift  n.  £o>.  y.ivr\a.  trotz  ihres  tiorjTat  von  der  n.  nvevuaTog 
berücksichtigt  werden  lässt,  Heitz  Fr.  Ar.  168  ihr  Citat  auf  n.  Too<prjg 
bezieht.)  Diese  Schrift,  bei  Ptol.  20  zu  3  Büchern  erweitert  oder  zerlegt, 
bespricht  ausser  ihrem  Hauptthema  auch  noch  andere  Gegenstände  etwas 
aphoristisch;  dass  sie  jünger  ist,  als  Aristoteles,  erhellt  schon  daraus,  dass 
sie  den  Unterschied  der  Venen  und  der  Arterien  kennt,  welcher  jenem  noch 
unbekannt  ist  (vgl.  Ind.  arist.  109,  b,  22  ff.).  Aus  der  peripatetischen  Schule 
stammt  sie  allerdings.  Weiteres  bei  Hose  Ar.  libr.  ord.  167  ff.,  mit  dem  in 
der  Verwerfung  der  Schrift  ausser  Bonitz  a.  a.  O.  auch  Brandis  S.  1203 
übereinstimmt. 

1)  n.  Ztotav  Moqitov  4  B.  (An.  App.  157,  3  B.)  Diese  Schrift  wird 
ausser  den  Büchern  De  gen.  an.,  ingr.  an.,  motu  an.  (worüber  Ind.  ar.  103, 
:i,  "i5  ff.)  auch  De  vita  et  m.  und  De  respir.  (s.  S.  95   u.)  angeführt;  wogegen 


[69]  Naturwissenschaftliche  Schriften.  97 

die  Erzeugimg  l)  und  den  Gang  *2)  der  |  Thiere  bringen  Aristoteles' 
zoologisches  System  zum  Abschluss.  Der  Abfassungszeit  nach 
spater,    der  systematischen   Stellung    nach   früher    sind   die   ver- 


De  somno  3.  457,  b,  28  auch  auf  De  sensu  2.  438,  b,  28  gehen  kann;  was 
freilich  ebd.  c.  2.  455,  b,  34  steht,  findet  part.  an.  III,  3.  665,  a,  10  ff.  eine 
entsprechendere  Parallele,  als  De  sensu  2.  438,  b,  25  ff.  Als  zukünftig  wird 
unsere  Schrift  Meteor.  I,  1.  339,  a,  7.  Hist.  an.  II,  17.  507,  a,  25  ange- 
kündigt. Ihr  erstes  Buch  gibt  eine  allgemeine  Einleitung  in  die  zoologischen 
Untersuchungen,  mit  Einschluss  derer  über  die  Seele,  die  Lebensthätigkeiten 
uud  Lebenszustände,  welche  ursprünglich  nicht  wohl  für  diesen  Ort  bestimmt 
gewesen  sein  kann.  Vgl.  Spengel  üb.  d.  Reihenfolge  d.  naturwissensch. 
Schriften  d.  Arist.,  Abh.  d.  Münchn.  Akad.  IV,  159  ff.  und  die  von  ihm 
angeführten. 

1)  7i.  Zü)(xiv  rtvtos  wg  5  B.  (Dass  ihm  An.  App.  158  nur  drei  gibt, 
Ptol.  das  Werk  Nr.  44  mit  fünf  und  Nr.  77  noch  einmal  mit  zwei  BB.  auf- 
führt, hat  natürlich  nichts  auf  sich.)  Arist.  verweist  öfters  auf  dieses  Werk, 
doch  nur  als  ein  künftiges  (vgl.  Bokitz  Ind.  ar.  103,  b,  8  ff.);  bei  Diog. 
fehlt  es;  an  seiner  Aechtheit  lässt  sich  aber  nicht  zweifeln;  dagegen  scheint 
B.  V  ursprünglich  nicht  dazu  zu  gehören,  sondern  eine  ähnliche  Ergänzung 
zu  den  Werken  über  die  Theile  und  die  Erzeugung  der  Thiere  zu  bilden, 
wie  die  parva  naturalia  zu  der  Schrift  von  der  Seele.  —  Eine  Uebersicht 
über  den  Inhalt  der  Schriften  De  part.  an.  und  De  gen.  an.  gibt  Meyer 
Arist.  Thierk.  128  ff  Lewes  Arist.  Kap.  16  f.  —  Die  Schrift  De  eoitu  (Had- 
schi  Kh.  b.  Wemuch  a.  a.  0.  159)  war  sicher  unterschoben;  denn  hiebei  (mit 
Wesrich)  an  den  Titel  n.  jut^eag,  De  sensu  c.  3,  zu  erinnern,  ist  ganz 
verfehlt:  s.  o.   S.  87,  1.     Ueber  das  Buch  n.  rov  [at]  ysvvcjv  S.  92,  m. 

2)  77.  Zojwv  noQBiag.  Die  Schrift  wird  part.  an.  IV,  11.  690,  b, 
15.  692,  a,  17  mit  diesem  Titel,  ebd.  c.  13.  696,  a,  12  mit  dem  erweiterten: 
n.  nogeiag  xai  y.ivr]Oi(og  tüv  Cqmv,  De  coelo  II,  2.  284,  b,  13  (vgl.  ingr. 
an.  c.  4.  5.  c.  2.  7U4,  b,  IS)  mit  der  Bezeichnung:  £v  roig  negl  rag  xiäv 
ytptav  xivrjOtig  angeführt,  citirt  aber  ihrerseits  c.  5.  706,  b,  2  gleichfalls  part. 
an.  (IV,  9.  684,  a,  14.  34)  mit  einem  tiQTjTai  Ttgörsgov  h  higoig.  Auch 
nach  der  Schlussbemerkung,  c.  19,  die  uns  freilich  schon  S.  93,  2  verdächtig 
wurde,  ist  sie  später  als  die  von  den  Theilen  der  Thiere,  auf  die  auch  ihre 
Anfangsworte  zu  verweisen  scheinen,  zugleich  wird  sie  jedoch,  wie  bemerkt, 
in  dieser  öfters  angeführt,  und  auch  am  Schluss  derselben  (697,  b,  2(J)  nicht 
mehr  als  bevorstehend  in  Aussicht  genommen.  Vielleicht  ist  sie  während  der 
Ausarbeitung  des  grösseren  Werks  verfasst  worden.  —  Die  Abhandlung  7t. 
Z(ä(ov  y.ir^aewg  kann  nicht  wohl  acht  sein,  wie  diess  u.  a.  aus  der  An- 
führung des  Buchs  7t.  ITvtvfj.ccTog  (s.  o.  S.  96,  m.)  hervorgeht.  Für  ihre  Un- 
ächtheit  erklärt  sich  ausser  Rose  Ar.  libr.  ord.  163  ff.  auch  Brandis  II,  b, 
1.  S.  1271,  482,  wogegen  Barthelemy  St.  Hilaire  Psychol.  d'Aristote  237 
die  Aechtheit  nicht  bezweifelt.)  Von  unsern  Verzeichnissen  nennt  An.  App. 
156.  Ptol.  41   7t.  Zw.  xtvrjG.,  Pt.  45  n.  Z.  nogeiag. 

Zell  er,  Philos.  d.  Gr.  II.  Bd.  2.  Abth.  3.  Aufl.  7 


gg  Aristoteles.  69] 

lorenen    Bücher  über    die    Pflanzen  '  .      Andere   in  das  \  natur- 

1  //.  'I>i  jo,r  ß'  1).  10S.  An.  96.  Pt.  48).  Von  Aristoteles  Meteor.  I, 
1.  33!».  a,  7.  De  sensu  c.  4.  442.  1»,  25.  long,  vitae  6.  467,  l>,  4.  De  vita 
68,  a,  31.  part.  an.  II,  10.  656,  a,  3.  gen.  an.  I,  1.  716,  a,  1.  V,  3.  783, 
b,  20  versprochen,  wird  die  Schritt  II.  an.  V,  1.  539,  a,  20.  gen.  an.  1,23. 
7:il,  a,  29  angeführt,  und  das  Präteritum  der  Anfuhrungsformel  in's  Futurum 
zu  verwandeln,  erseheint  namentlich  gen.  an.  I,  23  unzulässig.  Müssen  nun 
auch  iliese  Verweisungen  erst  nachträglich  in  die  beiden  Schriften  gekommen 
sein,  so  ist  es  doch  möglich,  dass  diess  schon  durch  Arist.  selbst  geschehen 
ist.  Alex,  zu  De  sensu  a.  a.  0.  S.  183  Thur.  bemerkt,  ein  Pflanzen  werk 
sei  nur  von  Theophrast,  nicht  von  Arist.  vorhanden;  ebenso  Michael 
Kphes.  zu  De  vita  et  m.  175,  b,  u.,  und  wenn  Simpl.,  Philop.  u.  a.  das 
Gegentheil  sagen  (m.  s.  die  Stellen  bei  Kose  Ar.  ps.  261  f.  Heitz  Fr.  Ar. 
163  ,  lässl  sieh  doch  nicht  annehmen,  dass  sie  aus  eigener  Kenntniss  der 
Bücher  n.  tpvrmv  reden.  Auch  Quintil.  XII,  11,  22  beweist  so  wenig  für, 
als  Cic.  Fin.  V,  4,  10  gegen  die  Aechtheit  derselben,  und  was  Athen.  XIV, 
652,  a.  653,  d  u.  a.  daraus  anführen  (Ar.  Fr.  250 — 254),  kann  so  gut  einer 
unterschobenen  als  einer  ächten  Schrift  entnommen  sein.  Aber  die  aristo- 
telischen Anführungen  in  bist.  an.  und  gen.  an.  machen  es  doch  über- 
wiegend wahrscheinlich,  dass  Arist.  wirklich  2  Bücher  über  die  Pflanzen 
geschrieben  hatte,  die  zur  Zeit  des  Hermippus  noch  vorhanden  waren,  die 
aber  in  der  Folge  durch  die  reichhaltigeren  Werke  Theophrast's  verdrängt 
wurden.  (So  Heitz  a.  a.  O.  und  Verlor.  Sehr.  61  ff.,  während  Rose  a.  a.  0. 
glaubt,  die  theophrastischen  Bücher  seien  auch  Aristoteles  beigelegt  worden.) 
Aus  ihnen  scheint  nach  Antig.  Mirabil.  c.  169  vgl.  129  (Ar.  Fr.  253.  Fr. 
H.  223)  Kallimachus  noch  geschöpft  zu  haben;  und  ebenso  der  Verfasser 
jener  'Pvtixcc,  von  denen  Pollix  X,  170  (Ar.  Fr.  252.  Fr.  II.  224)  nicht 
weiss,  ob  sie  Aristoteles  oder  Theophrast  angehören,  die  aber  jedenfalls,  wie 
die  Zio'i'y.tc  (oben  S.  92,  m.),  von  einem  Späteren  für  lexikalische  Zwecke  an- 
gefertigt wurden,  und  mit  diesen  eine  von  den  Fundgruben  des  Athenäus 
und  ähnlicher  Sammler  bildeten  (vgl.  Rose  und  Heitz  a.  d.  a.  O.).  liier 
wird  wirklich  einmal  (Fr.  254.  Fr.  H.  225)  zwischen  Theophrast's  und 
Aristoteles'  Ausdrücken  unterschieden.  —  Unsere  jetzigen,  auch  in  dem 
älteren  lateinischen  Text  durch  die  Hände  von  2 — 3  Uebersctzern  hindurch- 
gegangenen 2  Bücher  n.  iftvrwv  sind  entschieden  unaristotelisch;  MevEB 
(Nicolai  Damasc.  de  plantis  II.  Lpz.  1841.  Praef.)  legt  sie  in  ihrer  ursprüng- 
lichen Gestalt  Nikolaus  von  Damaskus  bei,  vielleicht  sind  sie  aber  auch  nur 
ein  überarbeitender  Auszug  aus  demselben.  —  Für  Jessen's  Vermuthung 
Rhein.  Mus.  Jahrg.  1859.  Bd.  XIV,  88  ff.),  das  ächte  aristotelische  Werk 
sei  in  den  beiden  theophrastischen  Schriften  erhalten,  beweist  der  Umstand 
nicht  das  geringste,  dass  diese  Sehritten  ihrem  Inhalt  nach  vielfach  mit  dem 
Übereinstimmen,  was  Aristoteles  anderswo  ausgesprochen,  oder  für  die  Schrift 
von  den  Frlanzen  versprochen  hat;  wir  wissen  ja,  in  welchem  Umfang  die 
älteren  Peripatetiker   die  Lehren    und  selbst    die  Worte   des  Aristoteles  sich 


70  Naturwissenschaftliche  Schriften.  99 

wissenschaftliche  Gebiet  einschlagende  Werke,  welche  für  aristo- 
telisch ausgegeben  werden ,  die  Anthropologie J)  und  die  Phy- 
siognomik 2) ,     die     Schriften     über     Heilkunde3),     Landwirth- 


aneigneten.  Dagegen  findet  sich  (um  nur  einiges  anzuführen)  die  einzige 
Stelle  aus  dem  aristotelischen  Werk,  welche  wörtlich  mitgetheilt  wird  (Fr. 
250  b.  Athen.  XIV,  652,  a),  in  den  theophrastischen  (die  allerdings  un- 
vollständig sind)  nicht;  diese  ihrerseits  enthalten  keine  einzige  bestimmte 
Hinweisung  auf  aristotelische  Schriften,  ein  Fall,  der  in  so  umfangreichen 
und  mit  früherem  in  so  vielfachem  Zusammenhang  stehenden  aristotelischen 
Büchern  ganz  unerhört  wäre,  und  gerade  die  Stelle,  worin  Jessen  einen 
Hauptbeweis  für  seine  Ansicht  sieht,  Caus.  pl.  VI,  4,  1,  weist  auf  verschie- 
dene in  der  peripatetischen  Schule  hervorgetretene  Modificationen  eines 
aristotelischen  Satzes  hin.  Von  Aristoteles  abweichend  redet  Theophrast 
von  männlichen  und  weiblichen  Pflanzen  (Caus.  pl.  I,  22,  1.  Hist.  III,  9, 
2  f.  u.  ö.).  Was  weiter  für  sich  schon  entscheidet:  er  erwähnt  nicht  allein 
Alexanders  und  seines  indischen  Zuges  in  einer  Weise,  wie  diess  zu  Aristo- 
teles'Lebzeiten  kaum  möglich  war  (Hist.  IV,  4,  1.  5.  9  f.  Caus.  VIII,  4,  5), 
sondern  er  berührt  auch  Vorgänge  aus  der  Zeit  des  Königs  Antigonus  (Hist. 
IV,  s,  4)  und  der  Archonten  Archippus  (Hist.  IV,  14,  11)  und  Nikodorus 
(Caus.  I,  19,  5),  von  denen  jener  321  und  318,  dieser  314  v.  Chr.  im  Amt 
war.  Dass  auch  die  Sprache  und  Darstellung  der  theophrastischen  Schriften 
keinen  Anlass  gibt,  sie  Aristoteles  beizulegen,  würde  eine  genauere  Unter- 
suchung darthun. 

i)  n.  llv&nwTTOv  <PvOf(og,  nur  An.  App.  183  genannt;  einige 
Aeusserungen ,  die  dieser  Schrift  angehört  zu  haben  scheinen,  b.  Rose  Ar. 
ps.  379  ff.    Ar.  Fr.  257—264,  S.  1525.     Fr.  H.   189  f. 

2)  <Puoioyv(0[tovixc\  bei  Bekker  S.  805,  &v(uoyvo)[iorix6v  a'  D. 
109.  rpvoioyrcouovixct  ß'  An.  97.  Auf  eine  erweiterte  Recension  dieser  Schrift 
weist  eine  Anzahl  in  unserem  Text  nicht  enthaltener  physiognomischer  Be- 
stimmungen in  einer  wahrscheinlich  von  Apulejus  herrührenden  Physio- 
gnomik (in  Rose's  Anecd.  gr.  61  ff.);  m.  s.  darüber  Heitz  Fr.  Ar.  191  f. 
Eose  Ar.  ps.  696  ff. 

3)  D.  HO  nennt  2  B.  'Iutqixk;  An.  98  2  B.  n.  larqi,XT}g.  Ders. 
App.  167  7  B.  7i.  IccTotxrjs;  Pt.  70:  5  B.  nQoßlrifiartt  iaroixä  (wonach 
auch  die  Iutqlxci  bei  Diog.  Probleme  zu  sein  scheinen ;  aus  solchen  ärztlichen 
Fragen  und  Antworten  besteht  B.  I  unserer  Probleme;  TiQoßl.  Iutqixo.  kennt 
auch  die  vita  Marc.  S.  2  R.);  71:  n.  diaiTr\s\  74  b:  De  pulsu;  92:  1  B. 
i  ut o  ixo  ? ,  Hadschi  Khalfa  bei  Wenricii  S.  159:  De  sanguinis  profusione; 
Coel.  Aurel.  celer.  pass.  II,  13,  vielleicht  nur  durch  ein  Versehen  im 
Ausdruck,  das  1.  B.  De  adjutoriis.  Galen  in  Hippocr.  De  nat.  hom.  I,  1.  Bd. 
XV,  25  K.  kennt  eine  iaxqixr\  avvaycjyt)  in  mehreren  Büchern,  welche 
den  Namen  des  Aristoteles  trage,  welche  jedoch  anerkanntermassen  von 
seinem  Schüler  Meno  verfasst  sei,  möglicherweise  (wie  Wenrich  S.  158 
vermuthet)  mit  der  Zvvaycoyrj   in  2  B.  bei  Diog.  89  identisch.     Das  wenige, 


100  Aristoteles.  [71] 

schalt '  und  Jagd8),  sind  ohne  Ausnahme  unterschoben;  und 
«renn  den  Problemen  s)  allerdings  aristotelische  Aufzeichnungen  zu 
Grunde  liegen  4),  so  kann  doch  unsere  jetzige  Sammlung  nur  für 
ein  allmählich  entstandenes  und  ungleich  ausgeführtes  Erzeug- 
niss  der  peripatetischen  Schule  gehalten  werden,  das  ausser  der 
unsrigen  noch  in  verschiedenen  andern  Bearbeitungen  vorhan- 
den war"'). 

was  daraus  mitgetheilt  wird,  Hndet  sieh  bei  Rose  Ar.  ps.  3S4  ff.  Ar.  Fr. 
335—341.  S.  1534.  Heitz  Fragm.  216  f.  (über  dessen  Fr.  362  jedoch  S.  92  u. 
zu  vergleichen  ist).  An  die  Aechtheit  dieser  Schriften  oder  einzelner  von 
ihnen  ist  nicht  zu  denken.  Dass  Arist.  ärztliche  Gegenstände  technisch,  und 
nicht  etwa  nur  nach  ihrer  naturwissenschaftlichen  Seite,  behandeln  wollte,  wird 
durch  seine  eigene  S.  9,  1  Schi,  berührte  Erklärung  (wozu  De  sensu  I,  1. 
436,  a,  17.  Longit.  v.  464,  b,  32.  De  respir.  c.  21,  Schi.  part.  an.  II,  7.  653, 
a,  8  zu  vergleichen")  ausgeschlossen,  und  eine  so  unbestimmte  Aussage,  wie 
die  Aeliax's  V.  H.  IX,  22,  kann  das  Gegentheil  nicht  beweisen.  Ueber 
die  Schrift  n.  vöaov  xal  vyicfag  S.  96.  Galen  kann  (wie  Heitz  a.  a.  0. 
richtig  bemerkt)  keine  Schrift  über  Heilkunde  von  Arist.  gekannt  haben,  da 
er  niemals  einer  solchen  erwähnt,  wiewohl  er  den  Philosophen  mehr  als 
600  mal  anführt. 

1)  An.  189  nennt  die  reoiQyiXn  unter  den  Pseudepigraphen,  Pt.  72  da- 
gegen 15  (oder  10)  B.  De  agricultura  als  acht,  und  eben  daher,  nicht  aus 
der  Schrift  von  den  Pflanzen,  scheint  die  Angabe  Geopon.  III,  3,  4  (Ar. 
Fr.  255  f.  S.  1525)  über  Düngung  der  Mandelbäume  genommen  zu  sein. 
Was  sonst  vielleicht  dorther  stammt,  gibt  Kose  Ar.  ps.  2b8  ff.  Heitz  Fragm. 
165  f.  Dass  A.  nicht  über  Landwirthschaft  und  ähnliche  Gegenstände  schrieb, 
erhellt  auch  aus  Polit.  I,  11.    125>>,  a,  33.  39. 

2)  Im  Verzeichniss  des  Ptolemäus  gibt  Hadschi  Khalfa  Nr.  23  {n.  twv 
(f(oktvövTü)v) :  De  animaUutn  captura,  nee  non  de  locis,  quibus  deversantur  atque 
deliteseunt.   I. 

3)  M.  s.  über  diese  Schrift  die  gründliche  Untersuchung  von  Pkante 
Ueb.  d.  Probl.  d.  Arist.  Abh.  d.  Münchn.  Akad.  VI,  341—377.  Rose  Arist. 
libr.  ord.  189  ff.  Ar.  ps.  215  ff.   Heitz  Verl.  Sehr.    103  ff  Fr.  Ar.  194  ff. 

4)  Arist.  verweist  an  7  Stellen  auf  die  nQoßlri^uTa  oder  nQoßkriiAUTixa 
(Pkantl  a.  a.  O.  364  f.  Ind.  ar.  103,  b,  17  ff),  aber  nur  ein  einziges  von 
diesen  Citatcn  passt  einigermassen  auf  unsere  Probleme,  und  das  gleiche  gilt 
(Pk.  a.  a.   O.   367    ff.)  von  der  Mehrzahl  der  späteren  Anführungen. 

5)  Pkantl  a.  a.  O.  hat  diess  erschöpfend  nachgewiesen,  und  Derselbe 
hat  (Münchn.  Gel.  Anz.  1858,  Nr.  25)  gezeigt,  dass  auch  unter  den  weiteren, 
von  BüBSBHAKBB  in  der  Didot'schcn  Ausgabe  des  Aristoteles  Bd.  IV  bei- 
gefügten 262  Problemen,  welche  früher  theilweise,  aber  gleichfalls  mit  Un- 
recht, den  Namen  Alexanders  von  Aphrodisias  trugen,  (m.  vgl.  über  diese 
auch   l  -i.m.i:    Alex.   Aphr.  probl.    libri  III.    IV,  Berl.   1859,  S.  IX   ff.)    sich 


[71.  72        Naturwissenschaftliche  u.  ethische  Schriften.        101 

Wenden  wir  uns  weiter  der  Ethik   und  Politik  zu,    so   be- 
sitzen |  wir  über  die  erstere  drei  umfassende  Werke  *),  von  denen 


nichts  aristotelisches  mit  einiger  Wahrscheinlichkeit  ausscheiden  lässt.  Das 
gleiche  gilt  von  denen,  welche  Rose  Ar.  ps.  666  ff.  aus  einer  lateinischen 
Handschrift  des  10.  Jahrh.  mittheilt.  —  Mit  diesem  Charakter  der  Problemen- 
sammlung hängen  nun  auch  die  vielen  Abweichungen  in  den  Angaben  über 
ihren  Titel  und  ihre  Bücherzahl  zusammen.  In  den  Handschrifteu  werden 
sie  theils  ÜQoßkrjfiuTa  theils  <Pvgixk  HgoßkrjuctTcc  genannt,  zum  Theil  mit 
dem  Beisatz :  xar  fiSog  aurctytuyfjg  (nach  den  Materien  geordnet).  Gellius 
sagt  gewöhnlich  Froblemata,  XIX,  4  Probl.  p/iysica,  XX,  4  (Probl.  XXX,  10 
anführend)  n Qoß).r\ uaz a  iyxvxha,  Apcl.  De  magia  c.  51  Problemata,  Athe- 
räds  und  Apolloniüs  (s.  die  Indices  und  Peantl.  390  f.)  immer  nooß).r\- 
ftara  y  vaixa,  Macrob.  Sat.  VII,  12  physicae  quaestiones.  Auf  Problemen- 
sammlungen beziehen  sich  die  Titel:  (pvotxcov  Xrj  xarce  aioiytiov  (D.  120. 
An.  110;  x.  aroiy.,  dessen  Erklärung  bei  Rose  Ar.  ps.  215  mir  nicht  ein- 
leuchtet, verstehe  ich  von  der  Anordnung  der  einzelnen  Bücher  nach  der  alpha- 
betischen Reihenfolge  ihrer  Ueberschriften);  JIqo ßkr\ u  ara  (68  oder  28  B. 
Pt.  65);  In iT£&ect/Li£V(ov  ÜQoß Xt}  u  är  w v  ß'  (D.  121.  An.  112); 
'Eyxvxliwv  ß'  (D.  122.  An.  113.  ngoßkr/juartt  tyxvxL  4  B.  Pt.  67); 
Fhysica  Froblemata,  Adspectiva  Probl.  (Ammon.  v.  Arist.  lat.  S.  58);  "Araxj  a 
iß'  (D.  127.  [ä]du(T(ixTOJV  iß'  An.  119).  Fraemissa  quaestionibus  (Pt.  66; 
der  griechische  Titel  sei  brbimatn  bruagrawa  d.  h.  ngoßkrijuarwr  nQoyoctur), 
oder  TTQoctiayQCtcfy) ;  2^vtutu  ixt  u>  v  Zr\xr\  ftär  (ov  oß'  (An.  6ö  mit  dem 
Beisatz:  <5g  yrjaiv  Evxaioog  6  clxovarrjg  «i)ror;  von  70  Büchern  n.  ac/u/nix- 
tüjv  Crpy/nüron'  an  Eukairios  redet  auch  David  Schol.  in  Ar.  24,  b,  8,  von 
(fioixa  nQoßh'juccTn  in  70  Büchern  die  vita  Marc.  S.  2  R.);  'Egrjyriftiva 
(oder  ti-riTaa/uera)  xara  ytvog  iö'  (D.  128.  An.  121).  Ueber  die  Trooßkr)- 
uaru  {irjxavixa,  onrixct,  Iktqixcc  vgl.  m.  S.  90  u.  99,  3.  Eine  Theorie  der 
Aufstellung  und  Beantwortung  von  Problemen  scheint  die  (unächte)  Schrift 
Ti.  II qo  ßkrj/uur  <ov  enthalten  zu  haben,  welche  ausser  D.  51  (und  wohl 
auch  An.  48,  wiewohl  hier  das  ntgl  fehlt)  auch  Alex.  Top.  34  Schol.  in 
Ar.  258,  a,  16  anführt.  M.  s.  darüber  Rose  Ar.  ps.  126.  Fragm.  109. 
S.  1496.  Fr.  H.  115.  Dagegen  kann  mit  den  tyxvxha  Eth.  N.  1,  3.  1096, 
a,  3  nicht  wohl  B.  30  unserer  Probleme  (wie  Heitz  122  glaubt)  gemeint  sein, 
Arist.  scheint  vielmehr  damit  das  gleiche  zu  bezeichnen,  was  er  sonst 
i£o)TtQixol  löyoi,  De  coelo  I,  9.  279,  a,  30  t«  lyxvxlia  (fiJ.oooqrijuctTH 
nennt.     Vgl.  Beknays  Dial.  d.  Arist.  85.  93  ff.   171.     Bomtz  Ind.  ar.   105, 

a,  27  ff.     Weiteres  hierüber  tiefer  unten. 

1)  'H&ixa  Nixo /u  ciytcct  10  B.,  'HS-Uta  Evärj p«  7  B.,  *Hftixa 
Meydla  2  B.  Von  unsern  Verzeichnissen  nennt  D.  38  nur  'H&ixiör  t' 
(al  J'),  wiewohl  vorher,  V,   21,  mit  Beziehung  auf  Eth.  Eud.  VII,  12.  1245, 

b,  20  das  7te  Buch  der  Ethik  citirt  ist;  An.  39  hat  'H&txdiv  x  (Eth.  Nik.,  deren 
letztes  Bach  x  ist),  und  dann  im  Anhang  174  noch  einmal,  wie  es  scheint, 
einen  Auszug  daraus:    n.  r\Soiv    (-ixolv)   Nt,xo[Aayt((ov  vnodr\xttg;  Pt.  30  f. 


102  Aristoteles.  [72] 

aber  nur  eines,    die  Nikoraachische   Ethik,   unmittelbar   aristote- 
lischen Ursprungs  ist  *) ;  ausserdem  wird  uns  eine  grosse  Anzahl 


die  grosse  Ethik  in  2,  die  endemische  in  8  B.  Aristoteles  selbst  citirt 
Metaph.  I,  1.  981,  b,  25  und  an  6  Stellen  der  Politik  die  i]fftzB,  und  zwar 
sichtbar  die  Nikomachien  (vgl.  Bexdixek  im  Philologus  X,  203.  290  f.  Ind. 
ar.  103,  b,  4(J  f.  101,  b,  19  ff.)  Cic.  Fin.  V,  5,  12  meint,  des  Nikomachus 
libri  de  moribus  werden  zwar  Aristoteles  zugeschrieben,  indessen  könne  ja 
der  Sohn  recht  wohl  dem  Vater  ähnlich  gewesen  sein.  Auch  Diog.  VIII, 
88  führt  Eth.  N.  X,  2  mit  den  Worten  an:  (fi]ol  dt  Ntxö^ayos  6  14qiöto- 
Tt'Xoig.  Dagegen  nennt  Attikxs  b.  Eis.  pr.  ev.  XV,  4,  6  alle  drei  Ethiken 
mit  ihren  jetzigen  Namen  als  aristotelisch;  ebenso  Simpl.  in  Cat.  1,  C. 
43,  6  und  der  Scholiast  zu  Porphyr,  Schol.  in  Ar.  9,  b,  22,  welcher  die 
eudemische  Ethik  an  Eudemus,  die  fieyccka  Nixo/xcc/ia  (M.  Mor.)  an  Niko- 
machus den  Vater,  die  iuxqu  Nixo/uä/uc  (Eth.  N.)  an  Nikomachus  den 
Sohn  des  Aristoteles  gerichtet  sein  lässt.  Das  gleiche  wiederholt  David 
Schol.  in  Ar.  25,  a,  40.  Eustrat.  in  Eth.  N.  141,  a,  m  (vgl.  Arist.  Eth. 
Eud.  VII,  4,  Anf.  c.  10.  1242,  b,  2)  behandelt  die  eudemische  Ethik  als 
Werk  des  Eudemus,  d.  h.  er  hat  hier  diese  Angabe  bei  einem  von  den  Vor- 
gängern, die  er  benützt  (vgl.  S.  72,  b,  m),  und  wie  es  scheint  keinem  ganz 
ungelehrten,  gefunden,  wogegen  er  1,  b,  m  nach  eigener  Vermuthung  oder 
einer  gleich  werthlosen  Quelle  Eth.  N.  einem  gewissen  Nikomachus,  Eth. 
Eud.  einem  gewissen  Eudemus  gewidmet  sein  lässt.  Auch  ein  Scholion,  das 
Aspasius  beigelegt  wird,  (b.  Spengel  Ueber  die  unter  dem  Namen  des 
Aristoteles  erhaltenen  ethischen  Schriften,  Abh.  d.  Münchn.  Akad.  III, 
439—551,  S.  520  aus  Schol.  in  Ar.  Eth.  Class.  Journal  Bd.  XXIX,  117) 
muss  Eudemus  für  den  Verfasser  der  eudemischen  Ethik  halten,  da  es  nur 
unter  dieser  Voraussetzung  die  Abhandlung  über  die  Lust  Eth.  N.  VII,  12  ff. 
ihm  beilegen  kann.  Commentare  (von  Aspasius,  Alexander,  Porphyr,  Eustra- 
tius)  sind  uns  nur  über  die  Nikomachien  bekannt.  Zum  vorstehenden  vgl. 
m.  Spengel  a.  a.  O.  445  ff. 

1)  Nachdem  noch  Schleiermachek  (Ueber  die  ethischen  Werke  d. 
Arist.,  Abhandlung  v.  J.  1817.  W.  W.  Z.  Philos.  III,  306  ff.)  die  Ansicht 
aufgestellt  hatte,  von  den  drei  ethischen  Werken  sei  die  sog.  grosse  Moral 
das  älteste,  die  nikomachische  Ethik  das  jüngste,  ist  durch  die  angeführte 
Abhandlung  Spengel's  die  umgekehrte  Annahme,  dass  die  nikomachische 
Ethik  das  ächte  Werk  des  Aristoteles,  die  eudemische  eine  Ueberarbeitung 
desselben  durch  Eudemus,  die  grosse  Moral  ein  Auszug,  zunächst  aus  der 
eudemischen,  sei,  zur  allgemeinen  Anerkennung  gebracht  worden.  Dagegen 
ist  die  Stellung  der  drei  Bücher,  welche  der  nikomachischen  und  eudemischen 
Ethik  gemeinsam  sind  (Nik.  V— VII,  Eud.  IV — VI),  noch  streitig.  Spengel 
(480  ff)  glaubt,  sie  gehören  ursprünglich  den  Nikomachien  an,  nachdem  aber 
die  entsprechenden  Abschnitte  der  Eudemien  frühe  verloren  gegangen,  seien 
sie  zur  Ausfüllung  der  Lücke  in  diesen  verwendet  worden;  die  Abhandlung 
über  die  Lust,  Nik.  VII,  12  ff.,  welche  auch  Aspasius  Eudemus  beilegt  (vor. 


[73]  Ethische  Schritten.  103 

von  kleineren  j  Abhandinngen  genannt,  unter  denen  jedoch  gleich- 
falls   wenig  achtes  gewesen   zu   sein  scheint1).     Auch  von  den 

Anm.  Schi.),  ist  er  (S.  518  ft'.)  geneigt,  für  ein  Bruahstück  der  eudemischen 
Ethik  zu  halten,  ohne  doch  die  Möglichkeit  ausschliessen  zu  wollen,  dass 
sie  ein  von  Aristoteles  für  die  nikomachische  bestimmter  und  später  durch 
X.  1  ff-  ersetzter  Entwurf  sei;  arist.  Stud.  I,  20  (wogegen  Walter  Die  Lehre 
v.  d.  prakt.  Vernunft  8S  ff.)  wird  auch  Nik.  VI,  13  Eudemus  beigelegt. 
Dagegen  will  Fisjchee  (De  Ethicis  Eudem.  et  Nicom.  Bonn.  1847)  und  an 
ihn  sich  anschliessend  Fkitzsghe  (Arist.  Eth.  Eud.  1851.  Prolegg.  XXXIV) 
nur  Nik.  V,  1  — 14  der  nikoruachi sehen,  Nik.  V,  15.  VI.  VII  der  eudemischen 
Ethik  zuweisen,  der  Grant  (Ethics  of  Ar.  I,  49  ff.)  diese  3  Bücher  sogar 
vollständig  zutheilt;  während  Bendixen  (Philologus  X,  199  ff.  263  ff.)  um- 
gekehrt den  aristotelischen  Ursprung  derselben,  mit  Einschluss  von  VII, 
12 — 15,  mit  beachteuswerthen  Gründen  vertheidigt,  Brandis  (gr.-röm.  Phil. 
II,  b,  1555  f.),  Prantl  (D.  dianoet.  Tugenden  d.  Ar.  Münch.  1852.  S.  5  ff) 
und  in  der  Hauptsache  auch  Ueberweg  (Gesch.  d.  Phil.  I,  177  f.  5.  Aufl.) 
und  Rassow  (Forsch,  üb.  d.  nikom.  Ethik  26  ff.  vgl.  15  ff.)  Spengel's  Er- 
gebnissen beitreten;  der  letztere  mit  der  Modifikation,  die  manches  für  sich 
hat,  dass  Nik.  V — VII,  im  wesentlichen  aristotelisch,  doch  einer  Ueber- 
arbeitung  von  fremder  Hand  unterworfen,  und  vielleicht  in  Folge  einer  Ver- 
stümmlung aus  der  eudemischen  Ethik  ergänzt  worden  seien. 

1)  Es  sind  diess,  abgesehen  von  den  S.  58,  3.  62  f.  besprochenen  Gesprächen 
n.  dixaioavvrjg,  toMTixog,  n.  nXovTOv,  n.  tuytveiitg  und  n.  r\Sovr\g,  die 
folgenden:  Der  noch  vorhandene  kleine  Aufsatz  n.  ]Agtrwv  xa)  Ka- 
xtdüv  (Arist.  Opp.  1249  -  1251),  die  Arbeit  eines  halb  akademischen  halb 
peripatetischen  Eklektikers ,  schwerlich  älter,  als  das  erste  vorchristliche 
Jahrhundert  (vgl.  Th.  III,  a,  573  2.  Aufl.);  IlQOTCiOsig  n.  'AgSTrjg  (D. 
34.  An.  342.  m.);  n.  AgiTrjg  (An.  App.  163);  n.  zUxaiwv  ß'  (D.  76. 
An.  64  —  Pt.  11  4  B.);  n.  rov  Belriovog  «'  (D.  53.  An.  50);  n. 
Exov  atov  (-i'wv)  «'  (D.  68.  An.  58);  n.  tov  AIqstov  xctl  xov 
Zvpßt ßrjxoTog  «'  (D.  58.  n.  (rigfrov  xal  avfxßalvovTog  An.  56).  Dass 
Aristoteles  auch  eine  eigene  Schrift  n.  'En  i  &v  fxiag  verfasst  hat,  ist  nicht 
wahrscheinlich :  De  sensu,  Anf.  stellt  er  Untersuchungen  über  das  Begeh- 
rungsvermögen als  künftige  in  Aussicht,  wir  hören  aber  nicht,  dass  sie  aus- 
geführt wurden;  was  Se>;eca  De  Ira  I,  3.  9,  2.  17,  1.  III,  3,  1  mittheilt, 
mag  eher  in  der  Schrift  n.  Ila&wv  (oder  -ovg)  OQyijg  (D.  37.  An.  30) 
gestanden  haben,  deren  muthmassliche  Ueberbleibsel  Rose  Ar.  ps.  107  ff. 
Fr.  Ar.  94—97,  S.  1492.  Heitz  Fr.  151  f.  zusammenstellen.  Ob  sie  ein 
Gespräch  (Rose)  oder  eine  Abhandlung  (Heitz)  war ,  lässt  sich  nicht  mit 
Sicherheit  angeben;  wahrscheinlicher  ist  mir  das  letztere.  Ihre  Aechtheit 
ist  mindestens  unerweislich,  der  Titel  lautet  nicht  aristotelisch.  D.  61.  An. 
60  haben  ausserdem  noch  nü&r]  «'.  Weiter  werden  neben  dem  S.  62 
berührten  'EgcoTixog  noch  6  B.  Egwrixcc  (An.  App.  181.  Pt.  13:  3  B.) 
und  4  B.  &iattg  iocaiixal   (D.  71.  An.  66;  Pt.  56:  1  B.)  genannt,  beide 


104  Aristo  teleB.  [74] 

Staats  wissenschaftlichen  '  Werken    des    Philosophen  ist    uns   nur 
Eines,  die  acht  Bücher   der    Politik *) ,    erhalten ,    seinem    Inhalt 


ohne  Zweifel  gleich  unächt.  77.  £w<fooovvi]g  zählt  schon  An.  162  unter 
die  Pseudepigraphen.  TT.  (fi).(ctg  «'  (D.  24.  An.  24.  Pt.  25)  war  ver- 
muthlich  nicht  eine  Separatabschrift  von  Eth.  N.  VIII»  IX,  sondern  eine  eigene 
Abhandlung,  die  aber  schwerlich  acht  war;  noch  weniger  werden  die  &4- 
atig  (piliKttl  ß'  [D.  72.  An.  67)  Aristoteles  zum  Verfasser  gehabt  haben. 
Von  den  zwei  Schriften:  n.  ^vfjßiojaetog  ärdpög  xal  yvvat  xbg 
(An.  App.  165)  und  vofxovg  (-ot)  ctvÖQog  xal  yaueTtjg  (ebd.  166") 
wird  der  ersten  auch  sonst  einigemale  erwähnt  (Clemens,  Oltmpiodob  u. 
David  in  den  bei  Rose  Ar.  ps.  180  f.  Ar.  Fr.  178  f.  S.  1507  abgedruckten 
Stellen).  Zwei  lateinische  Uebersetzungen  der  vö/joi  (oder  der  Schrift  n. 
ai'jußiwa.,  wenn  nicht  am  Ende  beides  nur  verschiedene  Titel  der  gleichen 
Schrift  waren),  die  sich  als  zweites  Buch  der  Oekonomik  geben,  hat  Rose 
De  Ar.  libr.  ord.  60  ff.  nachgewiesen.  Sie  finden  sich  Ar.  pseud.  644  ff". 
Fr.  H.  153  ff.  Aus  einer  Schrift  n.  M£&r]g,  vielleicht  einem  Gespräch, 
theilen  Plutarch,  Athenäus  u.  a.  einiges  mit;  vgl.  Rose  Ar.  ps.  116  ff.  Ar. 
Fr.  98—106,  S.  1493  f.  Fr.  H.  64  f.  Aecht  war  sie  wohl  keinenfalls;  eher 
könnte  sie  mit  der  gleichnamigen  theophrastischen  Schrift  identisch  gewesen 
sein  (Heitz  a.  a.  O.),  nur  miisste  dann  Athenäus,  der  beide  und  dazu  noch 
eine  dritte  von  Chamäleon  anführt,  seine  Citate  verschiedenen  Vorgängern 
verdanken,  von  denen  sie  dem  einen  unter  diesem,  dem  anderen  unter  jenem 
Namen  vorgelegen  hatte,  was  nicht  eben  wahrscheinlich  ist.  Was  daraus 
mitgetheilt  wird ,  weist  theils  auf  historische  theils  auf  physiologische  Er- 
örterungen ;  ob  die  Trunkenheit  darin  auch  von  der  moralischen  Seite  be- 
trachtet wurde,  wissen  wir  nicht.  Ebensowenig  ist  uns  der  Inhalt  der  Nö_ 
ii  u  [  avaanixo)  (wofür  aber  die  Handschriften  D.  139  vö/uog  av- 
OTctrixog,  An.  130  rö/jwv  avOTUTixow  a  haben)  näher  bekannt,  denn  der 
Umstand,  dass  der  platonischen  Republik  darin  erwähnt  wurde  (Prokl.  in 
Remp.  350.  Ar.  Fr.  177,  S.  1507),  gibt  darüber  keinen  Aufschluss;  wir 
können  daher  auch  nicht  ausmachen,  ob  Rose  (Ar.  ps.  179)  Recht  hat, 
wenn  er  eine  Erörterung  über  die  Einrichtung  der  Symposien  und  das  rich- 
tige Verhalten  bei  denselben,  oder  Heitz  (Fr.  Ar.  307),  wenn  er  eine  Zu- 
sammenstellung der  auf  sie  bezüglichen  Gebräuche  darin  vermuthet.  Von 
ihnen  ist  wohl  tt.  avaanCow  rj  avf/noa(cov  (An.  App.  161)  nicht  verschie- 
den; wohl  aber  die  3  B.  Z  vaa  it  ixdiv  n  qo  ßkr\  päi  <»v  (An.  136),  deren 
Titel  nicht  blos  an  solche  Fragen  zu  denken  erlaubt,  die  sich  auf  die  Mahle 
beziehen,  sondern  mit  noch  grösserer  Wahrscheinlichkeit  an  solche,  die  bei 
einem  Mahl  aufgeworfen  werden,  wie  Plutarch's  aiiunoaiaxä  nQoßlr'jiunTct. 
Ueber  die  77 unayy O.fxur «  vgl.  S.  76,  2,   Schi. 

1)  Arist.  setzt  dieses  Werk  mit  der  Ethik  in  die  engste  Verbindung, 
indem  er  die  letztere  als  eine  Hülfswissenschaft  der  Politik  behandelt  (Eth. 
N.  I,  1.  1094  a,  26  ff.  1095,  a,  2.  c.  2,  Anf.  c.  13.  1102,  a,  5.  VII,  12, 
Anf.    Rhet.    I,    2.    1356,    a,    26),    und    die    Verwirklichung    der   Grundsätze, 


[74.  75]  Staats  wissenschaftliche  Schriften.  105 

nach  eines  von  den  reifsten  und  bewunderungswürdigsten  Er- 
zeugnissen seines  Geistes,  das  aber  ähnlich,  wie  die  Metaphysik, 
unvollendet  geblieben  ist 1).  Die  Oekonomik  kann  nicht  für 
acht  gehalten  werden 2) ;  alles  andere ,  darunter  auch  die  un- 
ersetzlichen Politieen,  ist  bis  auf  düritige  Bruchstücke  verloren  3). 


welche  die  Ethik  aufgestellt  hat,  von  der  Politik  erwartet  (ebd.  X,  10); 
doch  sollen  beide  nicht  blos  zwei  Theile  Einer  Schrift  sein   (vgl.  Polit.  VII, 

1.  1323,  b,  39.  c.  13.  1332,  a,  7.  21.  II,  1.  1261,  a,  30.  III,  9.  1280,  a,  IS. 
c.  12.  1282,  b,  19).  An  seiner  Aechtheit  lässt  sich,  auch  abgesehen  von 
dem  Citat  Rhet.  I,  S,  Schi,  und  der  Anführung  in  den  Verzeichnissen  (D. 
75.  An.  70),  nicht  zweifeln,  so  selten  es  auch  sonst  von  den  Alten  genannt 
wird  (m.  s.  die  Nachweisungen  bei  Spengel.  Ueb.  d.  Politik  d.  Arist.  Ab- 
handl.  d.  Münchn.  Akad.  V,  44  u.) 

1)  Das  nähere  hierüber  in  dem  Abschnitt   über   die  Politik,    S.    520    ff". 

2.  Aufl.* 

2)  Von  dem  zweiten  Buch  (über  dessen  Anfang  Rose  Arist.  libr.  ord. 
59  f.  z.  vgl.)  ist  diess  längst  anerkannt,  in  dem  ersten  will  Göttling  (Arist. 
Oecon.  S.  VII.  XVII)  einen  Auszug  aus  einer  acht  aristotelischen  Schrift 
sehen;  mir  ist  es  wahrscheinlicher,  dass  es  eine  auf  Polit.  I  ruhende  Arbeit 
eines  Späteren  ist.  Vgl.  S.  768  f.  2.  Aufl.  D.  23.  An.  17  nennen  Olxovo- 
/uixog  (oder  -öv)  a.     Ueber  ein  anderes  angebliches   2.  Buch  vgl.  m.  S.  104. 

3)  Die  politischen  Schriften ,  welche  ausser  den  angeführten  genannt 
werden,  sind  die  folgenden:  1)  II o  kir  stcti ,  eine  Sammlung  von  Nach- 
richten über  158  Staaten  (D.  145.  An.  135,  deren  Text  Bernavs  Rh.  Mus. 
VII,  289  unter  Zustimmung  von  Rose  Ar.  ps.  394  einleuchtend  verbessert), 
welche  sich  nach  den  Bruchstücken  und  den  Angaben  der  Alten  (Cic.  Ein. 
V,  4,  11.  Plut.  n.  p.  su.  v.  10,  4,  der  das  Werk  xxiatig  xct)  nohreTut 
nennt)  nicbt  blos  auf  ihre  Verfassung,  sondern  auch  auf  Gebräuche,  Sitten, 
Lage  der  Städte,  die  Geschichte  ihrer  Gründung,  ihre  Localsagen  u.  s.  f. 
bezogen.  Wenn  Ptol.  81  :  171  (oder  nach  der  Angabe  b.  Herbelot  Bibl. 
or.  971,  a:  191),  Ämmon.  v.  Ar.  48:  255,  Ammon.  lat.  'S.  56.  Ps. -Porphyr. 
Schol.  in  Ar.  9,  b,  26.  David  ebd.  24,  a,  34:  250,  Philop.  ebd.  35,  b,  19: 
ungefähr  250  Politieen  zählt,  scheint  diess  nicht  von  einer  späteren  Erwei- 
terung der  Sammlung,  sondern  von  Lese  -  und  Schreibfehlern  herzurühren 
(vgl.  Rose  Ar.  ps.  394);  und  wenn  Simpl.  Categ.  2,  y.  Schol.  27,  a,  43 
durch  die  Worte :  iv  raTg  yvrjütcag  ctvrov  nohrfiutg  auf  das  Vorhanden- 
sein unächter  Politieen  hinzudeuten  scheint,  so  ist  hier  zwar  schwerlich  (mit 
Idelek  Arist.  Meteor.  I,  XII,  40)  statt  noXiTtlaig  „tmaroXaiga,  aber  viel- 
leicht statt  yvr]ötcug  „QV^lt  (158)  zu  lesen  (Heitz  Fr.  Ar.  219).  Die  zahl- 
reichen Bruchstücke  der  grossen  Sammlung  finden  sich  bei  Müller  Fragm. 
Ilist.  II,  102  ff.  (vgl.  Bodrnot  im  Philolog.  IV,  266  ff.)  Rose  Ar.  ps. 
402  ff.  Ar.  Fr.  343-560,  S.  1535  ff.  Fr.  Hz.  218  ff.  Der  Aechtheit  der 
Schrift,  die  Rose  (Ar.  libr.  ord.  56  f.  Ar.  ps.  395  f.)  bestreitet,  stehen  (wie 
Heitz   S.  246  ff",  zeigt)  keine  erheblichen  Gründe  entgegen;  und  wenn  auch 


Inf,  Aristoteles.  [75] 


die  äusseren  Zeugnisse,  unter  denen  das  des  TimäüS  (^b.  Polvb.  XII,  5.  11) 
das  älteste  nachweisbare  ist,  Rose's  Annahme  nicbt  unbedingt  ausschliessen 
würden,  dasfi  das  Werk  bald  nach  Aristoteles'  Tod  vert'asst  und  frühzeitig 
unter  seinem  Namen  in  Umlauf  gekommen  sei,  so  wird  die  innere  Unwahr- 
scheinliehkeit  derselben  doch  immerhin  durch  sie  verstärkt.  Die  Aussagen 
1)  wiu's  a.  a.  0.  und  des  Scholiasten  zu  Porphyrs  Isagoge  (b.  Rose  Ar. 
ps  399.  Ar.  Fr  1535)  sprechen  für  die  Annahme,  in  den  Politieen  seien 
die  einzelnen  Staaten  nach  alphabetischer  Ordnung  besprochen  worden ;  und 
dazu  stimmt,  dass  von  den  Athenern  (nach  Fr.  378,  wo  aber  die  Lesart 
unsicher  ist)  im  Isten,  den  Ithakern  (Fr.  466)  im  42.  Buch  gehandelt  wor- 
den sein  soll.  Der  Umstand,  dass  die  zahlreichen  Fragmente  alle  nur  ver- 
einzelte Notizen  enthalten,  ohne  auf  eine  einheitlich  ausgeführte  Darstellung 
hinzuweisen,  wird  sich  zwar  nicht  (mit  Rose  Ar.  ps.  395)  als  Beweis  für 
die  Unächtheit  des  Werkes  benützen  lassen;  aber  er  empfiehlt  in  Verbin- 
dung damit,  dass  die  aristotelischen  Schriften  nirgends  auf  unser  Werk  ver- 
weisen (denn  auch  Eth.  N.  X,  10.  1181,  b,  17  geht  auf  die  Politik;  vgl. 
Heitz  231  f.),  die  Vermuthung  (Heitz  233  f.),  die  Politieen  seien  nicht  ein 
schriftstellerisch  ausgearbeitetes  Ganzes,  sondern  eine  von  Aristoteles,  zu- 
nächst für  seinen  eigenen  Gebrauch,  angelegte  Sammlung  von  Nachrichten  ge- 
wesen, die  er  theils  durch  eigene  Anschauung  und  Nachfrage,  theils  aus 
Schriften  zusammengebracht  hatte;  in  welchem  Fall  sie  wohl  erst  nach 
seinem  Tode  abschriftlich  verbreitet  wurden.  Ein  Kapitel  aus  der  noXiTtln 
A&r\vaCn>v  mag  zu  dem  Titel:  rt.  r üv  ZoXwvog  ägövcov  (An.  App.  140) 
Anlass  gegeben  haben.  Vgl.  Müllek  a  a.  O.  109,  12.  —  Eine  ähnliche 
Sammlung  waren  2)  die  No/uif.ia  BctQßuQixct,  welche  unter  diesem 
Titel  von  Apollon.  Mirabil.  11.  Vakko  1.  1.  VII,  70.  An.  App.  186  (voui- 
[avjv  ßaoß.  ovvayioyri)  angeführt  werden;  aus  demselben  scheinen  aber  auch 
die  Bezeichnungen:  vouot  «  ß'  y  d"  (D.  140),  roulfiutv  3'  (An.  131)  ver- 
schrieben zu  sein.  Zu  ihnen  werden  die  vö/ut/ua  'Piouui'ov  (An.  App.  185) 
und  die  vö/uiftcc  Tv(j()r)vä>v  (Athen.  I,  23,  d)  gehört  haben.  Unter  den 
wenigen  Fragmenten  (bei  Müller  a.  a.  O.  178  ff.  Rose  Ar.  ps.  537  ff. 
Ar.  Fr.  56t— 568.  S.  1570.  Fr.  Hz.  297  f.)  lassen  sich  Nr.  562.  563.  564 
Aristoteles  nur  dann  zutrauen,  wenn  er  ihren  Inhalt  nicht  in  eigenem  Na- 
men, sondern  als  irgendwo  umgehende  Sagen  gegeben  hatte.  -  Ueber 
Streitigkeiten  zwischen  den  hellenischen  Staaten  und  ihre  Entscheidung 
scheinen  3)  die  J ixaiw [tara  twv  noXfwv  (Ammon.  differ.  vocab.  Nijeg) 
oder  dix.  iXXrjvt'dov  nöXtwv  (v.  Arist.  Marc.  S.  2  R)  gehandelt  zu  haben, 
welche  auch  kürzer  blos  Jixuioj/uutk  genannt  werden  (D.  129.  An.  120. 
Bahpokkat.  .Iuiucs).  4)  Die  Qtotig  noXir ixal  ß'  (An.  69;  ebenso 
ist  aber  auch  D.  74  zu  lesen)  waren  wohl  jedenfalls  unächt;  dem  Gryllos 
(s.  o.  S.  62)  kann  der  Anon.  5  nur  aus  Versehen  den  Nebentitel:  n.  noXt- 
iixijg  beilegen.  Ueber  den  TloXnixhg  vgl.  m.  S.  62;  über  n.  ßuaiXtlctg 
und  vntn  dnoixuyv  S.  63  unt.  Schi.;  über  n.  {jrjTooog  rj  noXiTixoii  76,  2g.  E.; 
über  TT.  ((Q/fjs  84,    1    Schi.;    über    ein    mittelalterliches    Machwerk:    secretum 


[76]  Staatswissenschaftliche  S  chri  ften.  \i)~ 

Ein  blosses  Bruchstück  ist     auch  unsere  Poetik  J)  •  von  den  übrigen 


secretorum  (oder:  Aristotelis  ad  Alexandrum  regem  de  moribus  rege  dignis) 
Geier  Arist.  und  Alex.  234  f.  Kose  Arist.  libr.  ord.  183  f.  Ar.  ps.  583  f. 
1)  Diese  Schrift  hat  in  unsern  Ausgaben  den  Titel:  n.  II  o irjTixr  g. 
Arist.  selbst  erwähnt  ihrer  in  der  Politik  (VIII,  7.  1341,  b,  38)  als  künftig, 
in  der  Rhetorik  (I,  11,  Schi.  III,  1.  1404,  a,  38.  c.  2.  1404,  b,  7.  28.  1405, 
a,  5.  c.  18.  1419,  b,  5,  wozu  aber  S.  78,  1  z.  vgl.)  als  schon  vorhanden 
mit  der  Bezeichnung:  iv  rolg  ttsqi  7ioir\Tiy.r\g  oder  (1404,  b,  28)  iv  r.  n. 
noir\atiag.  Die  Verzeichnisse  nennen:  Tiouyuurtiug  Tt'/rrjg  noiTjTiy.rjg  ß' 
(D.  83),  Te'/Djg  nocTjT.  ß  (An.  75),  De  arte  poctica  secundum  disciplinam  Py- 
tlmgorae  (diess  ein  Zusatz,  der  wohl  aus  der  Vermischung  von  zwei  ver- 
schiedenen Titeln  entstanden  ist;  vgl.  Rose  Ar.  ps.  194)  tr.  II.  Ps.  Alex. 
soph.  el.  Schol.  in  Ar.  299,  b,  44  hat  iv  rio  n.  7ioir]T.,  ebenso  Herm.  in 
Phädr.  111  u.  Ast:  iv  rw  n.  n.,  Simpl.  Cat.  Schol.  43,  a,  13.  27:  iv  tm 
i.  TT.,  David  ebd.  25,  b,  19:  rö  n.  n.,  dagegen  Ajimos.  De  interpr.  Schol. 
99,  a,  12:  iv  roTg  n.  not.  Boeth.  De  interpr.  290:  in  libris  quos  de  arte 
poetica  scripsit.  Die  älteren  Zeugen  kennen  somit  zwei  Bücher  der  Poetik 
(ein  drittes  wird  nur  in  den  S.  61,  1  berührten,  auf  die  Schrift  n.  noirjTdiv 
bezüglichen  Anführungen  erwähnt >,  die  späteren  nur  noch  eines;  ausser 
sofern  sie  Aelteren  nachschreiben,  wie  diess  von  Ammonius  und  Boethius 
anzunehmen  ist.  Müssen  wir  nun  schon  hiernach  vermuthen,  dass  unsere 
Schrift  ursprünglich  einen  grösseren  Umfang  gehabt  habe ,  als  sie  jetzt  hat, 
so  wird  diess  zur  Gewissheit  durch  die  Verweisungen  auf  solche  Partieen 
derselben,  die  in  unserer  Recension  fehlen,  wie  die  Polit.  VIII,  7.  1341,  b, 
38  versprochene  Untersuchung  über  die  Katharsis,  welche  der  Natur  der 
Sache  nach  in  dem  Abschnitt  über  die  Tragödie  vorkommen  musste,  und 
nach  sicheren  Spuren  auch  dort  vorkam  (vgl.  Bersavs  Grundz.  d.  Abh.  d. 
Arist.  üb.  d.  Wirkung  d.  Trag.  Abh.  d.  hist. -phil.  Ges.  in  Breslau  160  ff. 
197  f.  Susemihl  S.  12,  Vahlen  S.  81  f.  s.  Ausgabe  u.  a.);  die  Poet.  c.  6 
Anf.  verheissene,  Rhet.  I,  11  Schi,  angeführte  Auseinandersetzung  über  die 
Komödie,  von  der  Bernays  (Rh.  Mus.  VIII,  561  ff.)  werthvolle  Ueber- 
bleibsel  in  Cramer's  Anecd.  Paris.  T.  I  Anh.  nachgewiesen  hat  (jetzt  bei 
St>E.MiiiL  S.  208  f.  V aiilen  76  ff.);  die  Erörterung  über  die  Synonymen, 
deren  Slmpl.  Categ.  Schol.  43,  a,  13.  27  erwähnt.  Auch  sonst  zeigt  unser 
jetziger  Text  manche  kleinere  oder  grössere  Lücken,  daneben  aber  auch 
Interpolationen  (wie  c.  12  und  viele  kleinere)  und  Versetzungen  (die  er- 
heblichste die  des  15.  Kap.,  das  hinter  c.  18  gehört),  die  zur  Genüge  be- 
weisen, dass  wir  das  aristotelische  Werk  nur  in  einem  verstümmelten  und 
|  vielfach  verdorbenen  Texte  besitzen.  Wie  sein  jetziger  Zustand  zu  erklären 
ist,  kann  hier  nicht  untersucht  werden  (eine  Zusammenstellung  der  verschie- 
denen, zum  Theil  weit  auseinandergehenden  Erklärungsversuche  gibt  Süse- 
miiil  a.  a.  O.  S.  3  f.);  Sdsemihl  mag  aber  im  wesentlichen  Recht  haben, 
wenn  er  glaubt,  dass  die  Vernachlässigung  der  Schrift,  die  Willkür  der  Ab- 
schreiber und  ungünstige  Zufälle  die  Hauptschuld  tragen;  nur  für  die  Inter- 


Ins  Aristoteles.  [77.78] 

Schriften  zur  Theorie  und  |  Geschichte  der  Kunst  und  zur  Er- 
klärung von  Dichtern  *)  ist  nicht  |  einmal  so  viel  übriggeblieben. 
Nur  weniges  hat  sich  endlich  auch  von  den  anderweitigen  Bü- 
chern erhalten,   welche  ausser  dem  Fachwerk   des   wissenschaft- 

polationen  wird  man  diese  Faktoren,  so  weit  dieselben  über  die  Aufnahme 
einzelner  Randbemerkungen  hinausgehen,  nicht  verantwortlich  machen 
können. 

1)  Von  dem  Gespräch  n.  II 01  r\r  wv  y  war  schon  S.  61,  1  die  Rede. 
Neben  diesem  führt  Anon.  115  noch  xvxXov  n.  noi^Ttüv,  gleichfalls  in 
3  Büchern,  auf;  mag  nun  dieaer  Titel  aus  dem  des  Gesprächs  durch  Ver- 
dopplung und  Verderbnis s  entstanden  sein,  oder  (nach  Heitz  178)  ein  da- 
von verschiedenes  Werk  bezeichnen ;  das  xvxXov  könnte  aus  lyxvxXiov  (oder 
-((07')  entstanden  sein,  was  Nr.  113  steht.  Verwandt  damit  scheinen  n. 
Toctyiodiüiv  a  (D.  136.  An.  128)  und  Kwfxixol  (Erotian  exp.  voc. 
Hippocr.  s.  v.  'IIqccxX.  röaov).  Für  einen  Theil  der  Schrift  über  die  Tra- 
gödien hält  Müller  Hist.  gr.  II,  82  wohl  mit  Unrecht  die  A tcF aaxaXiai 
(D.  137.  An.  129.  Rose  Ar.  ps.  550  ff.  Ar.  Fr.  575—587,  S.  1572  f.  Heitz 
255.  Fr.  Hz.  302  ff.),  ein,  wie  es  scheint,  chronologisches ,  auf  die  vorhan- 
denen Inschriften  gegründetes  Verzeichniss  der  in  Athen  aufgeführten  Tra- 
gödien. Weiter  wird  eine  Reihe  auf  Dichter  bezüglicher  Schriften  genannt, 
welche  die  Form  von  Problemen  hatten :  An o  qr} /uktcov  n  oitjt  oxüjv  a 
(An.  App.  145);  Atrial  noirjTixui  (ebd.  146  —  ah(ai  scheint  eben 
die  Form  der  Behandlung  zu  bezeichnen,  welche  den  (tnoorj/uecT«  oder  tiqo- 
ßX^juaTu  eigen  ist,  dass  nach  dem  dia  xl  gefragt,  und  mit  Angabe  des 
Stört  oder  der  ctiria  geantwortet  wird);  An oqt]  u  c'ct «>r  'O/urjQt  xwr  g' 
(D.  118.  An.  106  f.  Heitz  258  ff.  Fr.  Hz.  129.  Rose  Ar.  ps.  148  ff. 
Ar.  Fr.  137—175,  S.  1501  f.),  oder  wie  sie  die  vita  Marc.  S  2  R.  nennt: 
'O/i.  fjjri^unra;  JTqo ßXr\ fiär wv  'O/htjqixwv  i'  (An.  App.  147.  Ptol. 
91.  Ammon.  v.  Ar.  44.  Amm.  lat.  54,  wahrscheinlich  aus  den  änoorj/uceTK 
durch  Verdopplung  entstanden);  AnoQriftccTa  'H aiö S ov  a'  (An.  App. 
143);  Anoo.  AqxiXöy  ov ,  Ev om (d o  vg,  XoiqCXo  v  y'  (ebd.  144). 
Ebendahin  scheinen  die  An oorj/uctTa  &eTa  (An.  107)  zu  gehören;  nur 
eines  der  homerischen  Probleme  wird  die  Abhandlung  sein:  El  d(  nore 
"0/jt]Qog  lno(i]asr  rag  'HXCov  ßovg ;  (An.  App.  142).  Diejenige  von  diesen 
Schriften,  für  welche  ein  aristotelischer  Ursprung  am  ehesten  wahrschein- 
lich ist,  sind  die  homerischen  Aporieen ;  auch  sie  können  aber  spätere  Zu- 
sätze erhalten  haben.  Dagegen  ist  an  die  Aechtheit  des  TlinXog  (An. 
105.  An.  App.  169.  Rose  Ar.  ps.  563  ff.  Ar.  Fr.  594  —  600,  S.  1574  f. 
Heitz  Fragm.  309  ff.  vgl.  Bergk  Lyr.  gr.  505  ff.  Müller  Fragm.  Hist. 
II,  188  ff.)  nicht  zu  denken.  Aelter  scheint  das  Buch  n.  Movatxr\g  zu 
sein,  das  sowohl  Diog.  (116.  132)  als  der  Anonymus  (104.  124)  doppelt  auf- 
führen, wohl  identisch  mit  den  von  Laisbeus  Bibl.  nova  116  (b.  Brandis 
II,  b,  94)  gesehenen  musikalischen  Problemen ;  aber  acht  war  es  wohl  so 
wenig,  wie  das  n.  KaXov  (D.   69.  An.  63:  n.  KttXXovg). 


[78]  Schriften  über  die  Kunst.  109 

liehen  Systems  stehend,  noch  zu  erwähnen  sind  l),  und  aucli  liier 
hat  sich  ohne  Zweifel  manches  unächte  eingeschlichen.  | 

3.     Fortsetzung1.     B.   Allgemeinere,    die    aristotelischen   Schriften 
betreffende   Fragen. 

Wenn  man  die  Gesammtheit  der  Werke  überblickt,  die  ims 
als  aristotelisch  überliefert  oder  bekannt  sind,  so  lässt  sich  nicht 
verkennen,  dass  dieselben,  auch  abgesehen  von  den  Briefen  und 
Gedichten,  einen  verschiedenen  Charakter  trugen.  Die  Bestand- 
teile unserer  aristotelischen  Sammlung  sind  sammt  und  sonders 

1)  Hieher  gehören  die  nachstehenden,  meist  historischen  Werke:  ^Olvfx- 
movlxat  «'  (D.  130.  An.  122);  IIv&lov ixtov  "Elayyoi  a'  (D.  134 
und  wahrscheinlich  auch  An.  125),  üu&iovixcci  «'  (D.  131.  An.  123  in 
der  seltsamen  Fassung:  Uvd-iovixas  ßißliov  £v  io  Mtvai/fiov  tvixrjotv), 
Hv&ixog  «'  (D.  133),  vermuthlich  nur  verschiedene  Titel  der  gleichen 
Schrift;  NTxat,  /t tovva taxal  a'  (D.  135.  An.  126:  vixtov  /liov.  aart- 
xwj'  xui  ).r]vc(i(ov  «').  M.  vgl.  über  diese  Schriften:  Rose  Ar.  ps.  545  ff. 
Ar.  Fr.  572—574,  S.  157.  Heitz  254  f.  Fr.  Hz.  300  f.  Müller  Hist. 
gr.  H,  182  f.  Ferner  n.  Evqtj/liÜt  cov  (Clemens  Strom.  I,  308,  A,  wo 
mir  denn  doch  eine  aristotelische  Schrift  dieses  Titels  gemeint  zu  sein 
scheint,  die  freilich  gewiss  nicht  acht  war;  die  Notizen,  welche  derselben 
entnommen  sein  mögen,  finden  sich  b.  Müller  a.a.O.  181  f.)  —  77.  @ccv- 
uaoiwv  'AxovOfidcTwv  von  Athen.  (XII,  541,  a  vgl.  &kv[a.  clx.  c.  96) 
u.  d.  T.  iv  Quvpctoioig,  vielleicht  auch  von  Antigon.  Mirabil.  c.  25  (vgl. 
d-ccvju.  uxovau.  c.  30)  angeführt,  eine  Sammlung  von  Abenteuerlichkeiten, 
an  deren  Aechtheit  nicht  gedacht  werden  kann.  Näheres  über  diese  Schrift 
bei  Westeemann  JlaoaSo^oyQatf.oi  S.  XXV  ff.,  namentlich  aber  bei  Rose 
Ar.  libr.  ord.  54  f.  Ar.  pseud.  279  f. ,  welcher  den  Hauptkörper  derselben 
aus  c.  1—114.  130—137.  115  —  129.  138—151  bestehend,  der  Mitte  des 
3.  Jahrh.  zuweist.  Eine  erweiternde  Bearbeitung  oder  ein  vollständigeres 
Exemplar  derselben  mögen  die  77«p«(Jofa  gewesen  sein,  aus  deren  zweitem 
Buch  Plut.  parall.  gr.  et  rom.  c.  29,  S.  312  etwas  beibringt,  was  in  unsern 
&av[x.  clx.  nicht  steht.  77« oo i/ulcti  cc'  (D.  138  vgl.  An.  127),  eine 
Sprüchwörtersammlung,  deren  Dasein  mir  mit  andern  auch  aus  Athen  II, 
60,  d  hervorzugehen  scheint,  wogegen  Heitz  Verl.  Sehr.  163  f.  Fragm.  219 
bezweifelt,  dass  es  eine  aristotelische  Schrift  dieses  Inhalts  gegeben  habe. 
Ob  die  Angaben  b.  Eüstath.  in  Od.  N,  408  und  Sines.  Enc.  Calvit.  c.  22 
(Ar.  Fr.  Nr.  454.  Nr.  2)  aus  ihr  oder  andern  Werken  stammen,  lässt  sich 
nicht  ausmachen.  Dazu  kommen  noch  einige  Titel ,  die  so  unbestimmt 
lauten,  dass  sich  daraus  nichts  sicheres  über  den  Inhalt  der  betreffenden 
Schriften  abnehmen  »lässt:  IIuQaßokal  (D.  126);  'Axaxxa  (wozu  wohl 
nqoßXT)fxtau  oder  vnofivfj^iuTu  zu  ergänzen  ist)  iß'  (D.  127  vgl.  S.  101, m.). 


\\0  Aristoteles. 

wissenschaftliche  Lehrschriften  *\\  und  fast  alle  diese  Schriften, 
so  weit  sie  für  acht  gehalten  werden  können,  sind  mit  einander 
wie  tiefer  unten  gezeigt  werden  wird)  durch  ausdrückliche  Ver- 
weisungen  in  einer  Weise  verknüpft,  wie  diess  nur  dann  mög- 
lich war.  wenn  sie  als  zusammengehörige  und  sich  gegenseitig 
erläuternde  Theile  Eines  Ganzen  für  denselben  Leserkreis  be- 
stimmt waren.  Anders  verhält  es  sich  in  dieser  Beziehung  mit 
denjenigen  Schriften,  welche  von  den  Späteren  als  hypomnema- 
tische  bezeichnet  werden;  d.  h.  als  Aufzeichnungen,  die  Aristo- 
teles nur  zu  seinem  eigenen  Gebrauche  gemacht,  und  denen  er 
aus  diesem  Grunde  nicht  die  gleiche  schriftstellerische  Form  und 
Einheit  gegeben  habe,  wie  den  zur  Mittheilung  an  andere  be- 
stimmten Werken 2).  Unter  den  uns  erhaltenen  Büchern,  so 
weit  sie  wenigstens  acht  sind,  befindet  sich  keine  derartige 
Schrift3);  wogegen  von  den  verlorenen  mehrere,  wie  es  scheint, 
hieher  gehörten 4).  Von  diesen  beiden  Klassen  von  Schriften 
unterscheidet  sich  aber  noch  eine  dritte.  Wenn  an  Aristoteles 
von  Cicero,  Quintilian  und  Dionys  von  Halikarnass  neben  seiner 
wissenschaftlichen    Grösse    auch    die    Anmuth    und    Fiüle   seiner 


1)  Eine  Ausnahme  machen  nur  etwa  die  „wunderbaren  Geschichten", 
diese  sind  aber  nicht  aristotelisch. 

2)  Simpl.  in  Categ.  Schol.  in  Ar.  24,  a,  42:  u7rof*VT]/uKTixct  oOa  tiqos 
vnö^ivrjniv  olxeiav  xcä  nXtiova  ßäaavov  owfra&V  6  (fiXöcToqos.  Diese 
Schriften  gelten  aber  nicht  für  tikvt))  Onovdijs  «£*«,  man  entnehme  ihnen 
daher  keine  Beweise  für  die  aristotelische  Lehre.  6  (itvTOt  Idtegavdgos  ra 
VTro/uvrj/biccTixtt  avfx7it(fVQfx4va  ifrjoh'  elvai  xul  fxi]  ngög  tva  oxonov  dva-  I 
(f^Qtarhci,  und  ebendesshalb  werden  die  andern  als  avvrctyuurcxa  von  ihnen 
unterschieden.  David  Schol.  24,  a,  38:  vno/iivijfictTtxa  f.itv  Ityovrat,  iv 
oig  /uöva  tcc  xt(fä).aia  (lntyQätfr\aav  dt/cc  nQOoi/jtcjv  xai  intköywv  xctl 
T?]?  nQtnovarig  IxSöatair  unuyytllui;.     Vgl.  Hbitz  Verl.   Sehr.  24  f. 

3)  Die  Probleme,  an  die  man  vielleicht  denken  möchte ,  können  nicht 
blos  zu  eigenem  Gebrauch  niedergeschrieben  sein,  da  Arist.  dieselben  öfters 
anführt  (s.  o.  S.  100,  4),  und  somit  voraussetzt,  sie  seien  seinen  Lesern  be- 
kannt. Anderes,  wie  die  Abhandlungen  über  Melissus  u.  s.  w. ,  ist  nicht 
für  acht  zu  halten.  Seilten  endlich  einzelne  Theile  unserer  Sammlung 
Lehrvorträgen  zur  Grundlage  gedient  haben,  oder  aus  denselben  entstanden 
sein,  so  würden  sie  dadurch  noch  nicht  zu  blos  hypomnematischen  Schriften. 

4)  So  die  S.  65,  4.  5  genannten,  vielleicht  auch  die  Politieen  (S.  105,1); 
ob  auch  tikh  raya9ov  ist  mir  nach  dem  S.  64,  1  Schi.  78,  4  g.  E.  bemerkten 
zweifelhaft. 


Verschiedene   Klassen  aristotelischer  Schriften.        \\\ 

Darstellung,  „der  goldene  Strom  seiner  Rede"  gerühmt  wird  J), 
so  muss  sich  diess  zwar  auf  Werke,  die  ihr  Verfasser  für  die 
Oeffentlichkeit  bestimmt  hatte,  aber  es  kann  sich  nicht  auf  die- 
jenigen beziehen,  welche  uns  von  Aristoteles  erhalten  sind,  von 
denen  indessen  wenigstens  den  beiden  Römern  wahrscheinlich 
nur  die  wenigsten  bekannt  waren2);  wir  müssen  vielmehr  an- 
nehmen, es  seien  andere,  für  uns  verlorene  Schriften  gewesen, 
denen  sie  diese  Vorzüge  beilegen.  Wer  den  Werth  der  sprach- 
liehen Form  aus  dem  Standpunkt  des  wissenschaftlichen  Be- 
dürfnisses beurtheilt,  der  wird  allerdings  an  unsem  aristotelischen 
Werken  vieles  zu  loben  finden:  die  treffende  Bezeichnung  der  Be- 
griffe, die  unnachahmliche  Schärfe  und  Kürze  des  Ausdrucks, 
die  sichere  Handhabung  einer  festen  Terminologie;  aber  für  das, 
was  Cicero  an  der  aristotelischen  Darstellung  hervorhebt,  für  die 
Anmuth  einer  voll  und  gelallig  hinströmenden  Sprache,  wird  er 
selbst  aus  den  populärsten  von  diesen  Werken  nur  wenige  Bei- 
spiele beibringen  können,  während  im  übrigen  die  Trockenheit 
der  Behandlung,  die  Knappheit  der  wortkargen  Darstellung,  die 


1)  Cic.  Top.  1,  3:  Die  aristotelischen  Schriften  empfehlen  sich  nicht 
allein  durch  ihren  Inhalt,  sed  dicendi  quoque  incredibili  quadam  cum  copia  tum 
etiam  suavitate.  De  invent.  II,  2,  6  (über  die  ovvay(oyr\  re/vwv):  Arist. 
habe  die  alten  Rhetoren  suavitate  et  brevitate  dicendi  weit  hinter  sich  gelassen. 
De  orat.  I,  11,  49:  si  item  Aristoteles,  si  Theophrastus ,  si  Carneades  ...  elo- 
quentes et  in  dicendo  suaves  atque  ornati  fuere.  De  Fin.  I,  5,  14  (über  Epi- 
kur  :  quod  ista  Piatonis  Aristotelis  Theophrasti  orationis  ornamenta  neglexerit. 
Acad.  II,  38,  119:  veniet  ßumen  orationis  aureum  fundens  Aristoteles.  Qüin- 
til.  Inst.  XI,  83:  quid  Aristotelem?  quem  dubito  scientia  rerum  an  scriptorum 
copia  an  eloquendi  suavitate  ...  clariorem  putem.  Dionys.  De  verb.  cop.  24: 
unter  den  Philosophen  seien  Demokrit,  Plato  und  Aristoteles  die  besten 
Stylisten.  De  cens.  vet.  Script.  4:  7iaQaXri7irtov  dt  xal  'AgiOTortkr]  (ig  fii- 
utjOlv  rfjg  Tt  HSQi  xr\v  iQjurjveiccv  deivorrjTog  xcu  rrjg  aayr\vtiaq  xal  xov 
r\6(og  xiti  n oXvuaft-ovg. 

2)  Ausser  der  Topik  und  Rhetorik  haben  wir  bei  keinem  derselben 
Grund  zu  der  Annahme,  dass  sie  es  aus  eigener  Anschauung  gekannt  haben; 
wogegen  von  Cicero  ein  Theil  der  S.  57  ff.  besprochenen  Schriften,  die 
Bücher  über  die  Philosophie,  der  Eudemus,  der  Protreptikus,  vielleicht  auch 
der  nohuxog,  7t.  ßaaiXtittg  und  n.  tiXovtov,  benützt  werden;  vgl.  Fin.  IL 
13,  40.  Acad.  II,  38,  119.  N.  D.  II,  15,  42.  16,  44.  37,  95.  49,  125.  Divin. 
I.  25,  53.  Fragm.  Hort.  b.  Auglstjn  c.  Jul.  IV,  78.  Fin.  V,  4,  11.  ad 
Quint.  fr.  III,  5.  ad  Att.  XII,  40,  2.  XIII,  28,  2.  Off.  II,  16,  56  und  oben 
S.  63,  1. 


112  Aristoteles. 

oft  so  verwickelte  Gestalt  der  anakoluthisch  gebildeten,  mit  lan- 
gen Einschiebseln  überladenen  Sätze,  zu  Cicero's  Beschreibung 
schlechterdings  nicht  stimmt.  Wir  selbst  können  aber  auch  so- 
gar aus  den  dürftigen  Ueberbleibseln  der  verlorenen  aristote- 
lischen Schriften  noch  erkennen,  dass  ein  Theil  derselben  in 
einer  viel  reicheren  und  blühenderen  Sprache  verfasst  war,  und 
in  seiner  Darstellung  dem  Schmucke  der  platonischen  Gespräche 
viel  näher  kam,  als  die  wissenschaftlichen  Untersuchungen  des 
Philosophen,  die  unsere  Sammlung  enthält x) ;  und  wir  werden 
uns  diese  Ersch einung  nicht  blos  aus  der  trüberen  Abfassungs- 
zeit der  ersteren ,  sondern  auch  daraus  zu  erklären  haben,  dass 
die  einen  nicht  dem  gleichen  Zweck  dienen  sollten  und  nicht 
auf  den  gleichen  Leserkreis  berechnet  waren,  wie  die  andern2). 
Aristoteles  selbst  verweist  einigemale  auf  die  von  ihm  her- 
ausgegebenen,  oder  die  im  allgemeinen  Gebrauch  befindlichen 
Darstellungen  in  einer  Weise,  die  vorauszusetzen  scheint,  dass 
andere  von  seinen  Schriften,  und  so  namentlich  diejenigen,  worin 
diese  Verweisungen  sich  finden,  nicht  in  der  gleichen  Weise,  wie 
jene,  der  Oeffentlichkeit  übergeben   worden   seien3);   und   durch 

1)  M.  vgl.  in  dieser  Beziehung,  was  unter  Nr.  12  — 14.  17  f.  32.  36. 
40.  48.  49.  71.  72  der  Fragmente  (^akad.  Ausg.)  aus  dem  Eudemus,  dem 
Protreptikus ,  n.  q iXoaoqiccg ,  n.  öixacoaüvrjg  angeführt  ist,  und  oben  S. 
59,    1. 

2)  Hierüber  sogleich. 

3)  Poet.  15.  1454,  b,  17:  «fp/jrai  dt  ntql  aincüv  iv  roig  ixäetiofterotg 
Xoyoig  Ixaviag.  De  an.  I,  4,  Anf. :  xut  uXXtj  de  rig  ööi;a  naqadt'd'oTcu  neql 
ipv/fjg,  Tit&aVTj  /utv  noXXotg  .  .  .  Xöyovg  J '  wontQ  tv&vvag  (wofür  Bernavs 
Dial.  d.  Ar.  15  ff.  unter  Streichung  von  Xoyovg  vermuthet:  u>antQ  tv&vvag 
dl)  ötSoixvla  xai  roig  iv  xotvqi  ycyvo/ut'votg  Xöyotg'  aqpovCav  yuQ  riva 
avTTjv  Xiyovav  u.  s.  w.  Zu  der  ersten  von  diesen  Stellen  bemerkt  Ber- 
navs a.  a.  O.  13,  das  „herausgegeben"  sei  hier  gleichbedeutend  mit: 
„früher  herausgegeben".  (Ebenso,  die  Worterklärung  betreffend ,  Böse  Ar. 
ps.  79.)  Ich  zweifle  jedoch,  ob  diese  Ergänzung  erlaubt  ist.  Das  Prädikat 
IxötdoutvoL  wird  allerdings  nicht  müssig  dastehen,  sondern  die  Xöyoi  ixSt- 
äotuivot  von  gewissen  andern  Xoyoi  unterscheiden  sollen.  Man  wird  auch 
Ixötöofitvoi  nicht  so  erklären  können,  dass  „die  von  mir  herausgegebenen 
Schriften"  eine  blosse  Umschreibung  für  „meine  Schriften"  wäre;  denn  theils 
liegt  eine  solche  Weitläufigkeit  nicht  in  der  Art  des  Aristoteles,  welcher 
vielmehr  da,  wo  er  ohne  Bezeichnung  einer  bestimmten  Schrift  auf  früheres 
verweist,  nur  einfach:  iv  liXXoig,  h  &zi()otg  oder  n^örtnov  zu  sagen  pflegt; 
theils  geht  daraus,    dass   es  nicht    heisst   vn*    ifxov    fxdeJo/ut'vot, ,    hervor, 


,, Herausgegebene"  Schriften.  113 

seine  Ausleger  erfahren   wir,   dass  eine   von  den  Erörterungen, 
auf  die  er  in  der  angegebenen   Art   hindeutet,    sich    in  seinem 


dass  der  Nachdruck  auf  dem  Ixdtdouivot,  als  solchem  ruht,  die  loyot  txde- 
douhot  im  Gegensatz  zu  ur,  txSsäouhoi  gedacht  sind.  Allein  bei  den 
letzteren  an  später  herausgegebene,  und  daher  bei  den  Ixäeöoutroi  an 
früher  herausgegebene  ).öyoi  zu  denken,  haben  wir  kein  Recht.  Den 
Gegensatz  zu  ,. herausgegebenen"  Werken  bilden  nicht  später  heraus- 
gegebene, sondern  nicht  herausgegebene;  und  aus  dem  Perfekt  Ixfieöoutvot 
herauszulesen:  „solche,  die  zur  Zeit  der  Abfassung  der  Poetik  bereits  her- 
ausgegeben, also  früher  als  sie  waren"  verbietet  die  Erwägung  (Ueberweg 
z.  d.  St.  Arist.  üb.  d.  Dichtk.  S.  75),  dass  jeder  Schriftsteller  sich  dem 
Leser  gegenüber  in  die  Zeit  versetzt,  wo  diesem  seine  Schrift  schon  vor- 
liegen wird.  Wenn  daher  die  Poetik  ebenso  herausgegeben  d.  h.  der  ganzen 
Lesewelt  vorgelegt  werden  sollte,  wie  die  Xoyoi,  auf  die  sie  verweist,  hätten 
die  letzteren  nicht  im  Unterschied  von  ihr  das  Prädikat  ixöedoutvot  er- 
halten können,  denn  für  ihre  Leser  wäre  sie  so  gut,  wie  jene,  ein  Xoyog 
Ixötdoutvog  gewesen.  Wenn  Rose  die  Xoyoi  Zxdsd.  erst  (Arist.  libr.  ord. 
130)  auf  frühere  Stellen  der  Poetik,  dann  (Ar.  pseud.  79)  auf  die  Rhetorik 
beziehen  wollte,  hat  er  beides  in  der  Folge  (Ar.  ps.  714)  mit  Recht  zurück- 
genommen, denn  das,  wofür  die  Poetik  auf  die  ).6yot,  Ixdsd.  verweist,  findet 
sich  weder  in  der  Rhetorik  noch  in  der  Poetik  (vgl.  Bern Ars  a.  a.  0.  13S), 
welche  letztere  ohnedem  in  ihr  selbst  nicht  so  hätte  bezeichnet  werden 
können.  Ebensowenig  kann  man  aber  den  Ausdruck  (wie  R.  Ar.  ps.  717 
will)  auf  Schriften  über  die  Poetik  aus  der  platonischen  Schule,  sondern  nur 
auf  aristotelische  Schriften  beziehen.  —  In  der  zweiten  Stelle,  De  an. 
I.  4,  können  die  loyoi  iv  xoivo)  yiyvöueroi  nicht  (mit  Tobstbik  Arist.  De 
an.  123,  dem  hierin  vielleicht  schon  die  Urheber  der  Variante  Ityouivoig 
statt  yiyrou.  vorangiengen )  von  Unterhaltungen,  wie  sie  in  gebildeten 
Kreisen  vorzukommen  pflegten,  oder  (mit  Rose  Ar.  ps.  717)  von  Aeusse- 
rungen  aus  der  platonischen  Schule  verstanden  werden,  denn  das  sv&vvas 
üttiaxvia  weist  auf  eine  bestimmte,  dem  Leser  bekannte,  Kritik  der  An- 
nahme, dass  die  Seele  die  Harmonie  ihres  Leibes  sei,  nicht  auf  irgend  welche 
gar  nicht  näher  zu  bezeichnende,  Unterhaltungen  dritter  Personen.  (Vgl. 
auch  Bbbnays  a.  a.  O.  18  f.)  Auch  an  mündliche  Besprechungen  des 
Aristoteles  mit  seinen  Schülern  (Philop.  s.  folg.  Anm.)  möchte  ich  nicht 
denken:  theils  weil  Arist.  sich  sonst  nie  auf  solche  Besprechungen  beruft, 
und  in  einer  Darstellung,  die  zwar  vielleicht  zunächst  seiner  Schule  als 
Lehrbuch  dienen  sollte,  die  aber  doch  nirgends  zu  erkennen  gibt,  dass  sie 
nur  für  seine  persönlichen  Schüler  bestimmt  sei,  sich  nicht  wohl  darauf  be- 
rufen konnte,  theils  weil  der  Philosoph  die  hier  berührte  Erörterung  wirk- 
lieb in  einer  seiner  Schriften  gegeben  hatte.  (Vgl.  folg.  Anm.)  Und  aus 
dem  letzteren  Grund  empfiehlt  es  sich  auch  nicht,  die  löyoi  iv  xoirto  yiyr. 
(mit  Simpl.  s.  folg.  Anm.)  auf  den  platonischen  Phädo  zu  beziehen,  für  den 
sie  überdiess  eine  gesuchte  und  mit  der  Art,  wie  ihn  Plato  sonst  einfach 
Zell  er,  Philos.  <1.  Gr.  II.  Bd.  2.  Abth.  3.  Aufl.  S 


114  Aristoteles. 

Eudemus  fand  1).  Noch  häutiger  bezieht  sich  der  Philosoph  auf 
die  „ex  o  t  er  i  sehen  Reden",  in  denen  ein  Gegenstand  schon  zur 
Sprache  gekommen  sei 2).     Was  jedoch   damit  gemeint  sei  und 

beim  Namen  nennt  (vgl.  Th.  II,  a,  39S,  1  und  Meteorol.  II,  2.  355,  b,  32), 
nicht  übereinstimmende  Bezeichnung  wären  (Behnavs  S.  20).  Will  end- 
lich Uebebwbg  Gesch.  d.  Phil.  I,  173  5.  Aufl.)  unter  den  Xöyot  Ivx.yiyv. 
Philoponus'  Erklärung  erweiternd,  Erörterungen  verstehen,  die  gemeinsam, 
entweder  in  wirklichen  Unterredungen  oder  in  dialogisch  abgefassten  Schrif- 
ten, angestellt  seien,  so  scheint  es  mir,  dass  die  letzteren  nicht  so  bezeichnet 
werden  konnten,  und  der  dialogischen  Form  jener  Erörterungen  zu  erwähnen, 
hier  kein  Anlass  vorlag.  Sprachlich  werden  dieselben  wegen  der  Präsens- 
form yiyrouivoig  (auf  die  Bomitz  Ind.  arist.  105,  a,  4G  mit  Recht  aufmerk- 
sam macht)  nicht  zu  erklären  sein:  „die  der  Oeffentlichkeit  übergebenen 
Reden",  denn  in  diesem  Fall  müsste  yevofifvoig  stehen,  sondern  mit  Ber- 
nais Dial.  d.  Arist.  29:  die  in  der  Oeffentlichkeit  befindlichen,  der 
allgemeinen  Benützung  zugänglichen  Erörterungen ,  indem  das  iv  xoivm 
ebenso  genommen  wird,  wie  in  den  Ausdrücken :  iv  xoivo)  xcwctTi&fO&ac,  iv 
xoivio  uipiivai  {in  medio  relinquere  Metaph.  I,  6.  987,  b,  14).  Das  gleiche, 
wie  mit  den  löyot  iv  xoivw  yiyvöjutvot,  scheint  auch  mit  den  iyxvxkia 
oder  iyxi'x/.iu  qi?.üao(frjuuTci  gemeint  zu  sein,  deren  Eth.  I,  3.  1096,  a,  2 
(xnl  Tieol  fitv  tovtwv  ukig'  Ixavcog  yao  xcu  iv  rolg  iyxvx'/.lotg  eitttjTcu 
ifo't  ttiffSv)  und  De  coelo  I,  9.  279,  a,  30  (xal  yuo  xitOunto  iv  rotg  iy- 
xvxlioig  (fif.oaoq^juccai  ntoi  tu  &ein  noWüxig  7TQO(faivfTca  roig  löyoig 
ort  tÖ  &iTov  cl/iitT('(ß).r)Tov  ävayxuTuv  elvac  u.  s.  w.)  Erwähnung  geschieht. 
EyxvxliOS  kann  recht  wohl  ebenso,  wie  iv  xoivu)  ytyvö/jtvog,  die  Bedeu- 
tung in  medio  positus  haben  (weniger  gefällt  mir  Bbrnats'  Erklärung  Dial. 
d.  Ar.  124:  „Schriften  im  gewöhnlichen  Ton''),  und  es  wird  nicht  allein 
von  Sikflicics  so  erklärt  (z.  d.  St.  De  coelo,  Schol.  487,  a,  3:  iyxvxi.. 
(fil.  nenne  A.  t«  xara  ttjv  rä^iv  ££  «Q/rjg  roig  noXXoig  nooTi&ipeva,  die 
igcjTioixct ),  sondern  wir  sehen  auch  aus  Ar.  Fr.  77.  1488,  b,  36  ff.  und 
Fr.  15.  1476,  b,  21,  dass  das,  wofür  sich  Arist.  auf  die  iyxvxXia  beruft, 
wirklich  in  zwei  von  seinen  Gesprächen  ausgeführt  war.  Vgl.  Beknavs  a. 
a.  0.  84  ff.  93  f.   110  ff.  f 

1)  Aus  den  bei  Rose  Ar.  Fr.  41,  S.  1481  f.  Heitz  Fr.  Ar.  73,  S.51 
abgedruckten  Stellen  des  Philoponus,  Simplicius,  Themistius  und  Olympio- 
dor  (deren  gemeinsame  Quelle  Alexander  gewesen  sein  mag)  geht  hervor, 
dass  Arist.  im  Eudemus,  nach  dem  Vorgang  des  Phädo,  der  Annahme,  die 
Seele  sei  die  Harmonie  ihres  Leibes ,  eine  eingehende  Prüfung  gewidmet 
hatte,  deren  Hauptsätze  von  ihnen  mitgetheilt  werden.  Auf  dieses  Ge- 
spräch wird  sich  daher  unsere  Stelle  beziehen,  wenn  uns  auch  Philoponus 
De  an.  E,  2,  u.  zwischen  ihm  und  den  äyocttfoi  owovoicci  noog  roig 
foaioovs  die  Wahl  lassen  will,  und  SisirLicius  De  an.  14,  a,  o.  neben  ihm 
an  den  Phädo  dei 

2)  Die  sämmtlichen   Stellen  sind  tiefer  unten  angeführt. 


Exoterische  Schritten.  \15 

wie  sich  diese  „Reden"  zu  unsern  aristotelischen  Schriften  ver- 
halten, darüber  sind  die  Meinungen  getheilt.  Die  alten  Schrift- 
steller, (he  ihrer  erwähnen,  beziehen  sie  durchweg  auf  eine  be- 
stimmte Klasse  aristotelischer  Werke,  welche  sich  von  den 
wissenschaftlichen  Lehrschriften  durch  eine  weniger  strenge  Hal- 
tung unterschieden  habe  l) ;  indessen  weichen  sie  in  ihren  näheren 
Bestimmungen  über  dieselben  ebenfalls  von  einander  ab.  Cicero  2) 
und  Strabo  3)  beschreiben  die  exoterischen  Werke  im  allgemei- 
nen als  populäre 4) ;  der  erstere  denkt  aber  dabei  unverkennbar 
zunächst  an  die  Gespräche 5),  die  auch  Plutarcii  ö)  als  exote- 
rische Schriften  bezeichnet.  Nach  Gellius  wären  diejenigen 
Vorträge  und  Schriften,  welche  sich  auf  Rhetorik,  Topik  und 
Politik  bezogen,  exoterische  genannt  worden,  die  auf  Metaphy- 
sik, Physik  und  Dialektik  bezüglichen  akroatische  T)  ;  weil  näm- 


1)  Eine  Ausnahme  machen  nur  zwei  spät  byzantinische,  durchaus  un- 
zuverlässige Ausleger  der  Ethik,  Eustratics  90,  a,  u.  und  der  angebliche 
AudroniküS  (Heliodor,  um  1367)  S.  69,  indem  jener  die  iijcoTtQixol  Xöyoi 
auf  die  gemeine  Meinung  deutet,  dieser  auf  mündliche  Belehrung. 

2)  Fin.  V,  5,  12:  über  das  höchste  Gut  gebe  es  von  Aristoteles  und 
Theophrast  duo  genera  librorum,  „unum  populariter  scriptum,  quod  i^ioTfocxöv 
appellabant,  alterum  limatius  (uxoißtOTfoojg,  in  strengerer  Form),  quod  in  com- 
mentariis  reliquerunt" ,  im  wesentlichen  stimmen  aber  beide  überein. 

3  XIII,  1.  54.  S.  609:  weil  die  Peripatetiker  nach  Theophrast  seine 
und  Aristoteles'  Schriften  nicht  hatten,  nXr,v  oXiyav  xal  (idXiOia  töüv  i£w- 
t(qix(vv,  begegnete  es  ihnen,  jirjdkv  t%av  (ftXoaoif.th'  nouyuuTixwg  (in  die 
Sachen  eingehend,  wissenschaftlich)  dXXa  -frtoeig  Xrjzv&ifeiv. 

4)  Ebenso  Simpl.  Phys.  2,  b,  m:  die  arist.  Schriften  zerfallen  in  akroa- 
matische  und  exoterische,  oiu  tu  iarooiy.it  xal  tu  tiiaXoyixit  xal  oXwg  tu 
fit)  uxoug  uxgißtt'ug  ifoovTiCovTu.  —  Philop.  De  an.  E,  2  (b.  Stahr  Arist. 
II,  261):  tu  tgwTtgixä  aiyyoc'tuuuTu,  wv  (ioi  xal  oi  StiO.oyoi  ...  änto 
diu  tovto  ^coTfoixcc  xix).i)T ui  ort  oi  noög  rovg  yvrjGiovg  axoouTug  ye~ 
youuutvu. 

5)  Vgl.  ad  Att.  IV,  16,  2 :  quoniam  in  singulis  libris  (des  Gesprächs  über 
den  Staat)  utor  prooemiis,  ut  Aristoteles  in  iis  quos  i^wreoixovg  vocat.  Im 
Unterschied  von  den  Gesprächen  heissen  die  streng  wissenschaftlichen  Werke 
(s.  vorl.  Anm.)  commentarii,  fortlaufende  Darstellungen,  den  uitottqogojttu 
oder  dxoouTixu  der  griechischen  Ausleger  (s.u.  Anm.  7. 117,1.  2)  entsprechend. 

6)  Adv.  Col.  14,  4.  S.  1115:  Arist.  bekämpfe  die  Ideen  allenthalben: 
iv  ToTg  fj&ixoTg  vnouv^fiaaiv  (gleichbedeutend  mit  Cicero's  commentarii  s. 
vor.   Anm.),  tv  roTg  qvaixoTg,  diu  to.v  {i-üjTfgixcov   SuO.Lywv. 

7)  X.  A.  XX,  5:  Arist  Vorträge  und  Schriften  zerfielen  in  zwei 
Klassen,  die  tl-ajTtotxu    und    die    uxooutizu.    'Eionfotzü    dicebantur  quae  ad 

b* 


Htj  Aristoteles. 

lieh  jene,  wie  G-ALEN  diese  Benennung  erläutert,  für  jedermann 
ohne  Unterschied,  diese  nur  für  die  Schüler  des  Philosophen  be- 
stimmt waren J).  Wegen  der  Veröffentlichung  der  akroatischen 
Schriften  stellt  Alexander  in  einem  schon  von  Andronikus  mit- 
getheilten  Briefchen2)  seinen  Lehrer  zur  Rede;  da  aber  dieser 
sie  doch  veröffentlicht  hat,  muss  die  Vorstellung,  als  ob  Aristo- 
teles selbst  ihre  Geheimhaltung  gewünscht  hätte,  dem  Verfasser 
jenes  Schreibens  noch  fremd  gewesen  sein.  Später  begegnen 
wir  auch  dieser  Annahme  s) ;  und  damit  verbindet  sich  die  wei- 
tere Behauptung,  dass  sich  Aristoteles  in  seinen  akroatischen 
Werken  absichtlich  einer  Darstellungsform  bedient  habe,  die  sie 
andern,  als  seinen  Schülern,  unverständlich  machen  sollte4),  wäh- 


vhetoricas  meditationes  facultatemque  argutiarum  civiliumque  verum  notitiam  con- 
ducebant,  axooarcxa  autem  vocabantur  in  quibus  philosophia  vemotiov  subtiliov- 
que  agitabatuv  quaeque  ad  natuvae  contemplationes  diseeptat  icmesque  dialecticas 
pcvtinebant.  Diesen  sei  im  Lyceum  der  Morgen,  jenen  der  Abend  gewidmet 
worden.  (Vgl.  S.  30,  1.)  Libvon  quoque  suos,  eavum  omnium  verum  eommen- 
tarios,  seorswn  divisit,  ut  alii  exoterici  diceventuv  partim  acroatici. 

1)  De  subst.  fac.  nat.  Bd.  IV,  758  K. :  AoiOTOT^Xovg  rj  QfoqQtioTou 
t«  uhv  Totg  noD.oTg  yeyQai/ÖTCjr,  rag  3t  axooäatig  Toig  iraiooig. 

2)  Bei  Gell.  a.  a.  0.  Plut.  Alex.  7  s.  o.  23,  4.  Da  es  hier  heisst: 
ovx  do&wg  tnoiTjaag  ixSovg  rovg  axooarixovg  twv  Xoywr ,  muss  dem  Ver- 
fasser des  kleinen  Briefs  die  Unterscheidung  der  Xöyot  dxooari.xol  und 
i^wreoixol  schon  bekannt  gewesen  sein. 

3)  So  Plut.  Alex.  c.  7 :  eoixe  J'  AX^avdqog  ov  fiovov  rov  fi&ixöv 
xal  nolnixov  naoaXaßelv  Xoyov,  clXXä  xal  tiöv  iItio^^tojv  xal  ßaovrt- 
qüiv  [ßad-vr.]  did'aOxuXiöJr,  ag  oi  uvdoeg  idiwg  dxQoauaTtxag  xal  Inonri,- 
xäg  (wie  bei  den  Mysterien)  nQogayogevovTtg  ovx  igtiffgov  e!g  noXXovg, 
jueTc<(y/etv.  Clemens  Strom.  V,  575,  A:  nicht  allein  die  Pythagoreer  und 
Platoniker,  sondern  alle  Schulen  haben  Geheimlehren  und  Geheimschriften; 
Xiyovai,  (U  xal  pi  'AnictTOTiXovg  ra  utv  toioTtgtxa  elvai  rwv  OvyyQauitü- 
Tior  (cvtwv  [-ov]  tu  St  xoiva  n  xal  i£(üT£oixü.  In  demselben  Sinn  wird 
Rhet.  ad  Alex.  c.  1.  1421,  a,  26  ff.  Arist.  von  Alexander  um  strengste  Ge- 
heimhaltung  dieser  Schrift  ersucht,  welche  er  seinerseits  jenem  gleichfalls 
zur  Pflicht  macht. 

4)  Diese  Vorstellung  spricht  sich  schon  in  der  Antwort  des  Arist.  au 
Alexander  bei  Gell.  a.  a.  O.  aus,  wenn  er  hier  auf  den  Vorwurf  des  letz- 
tern in  Betreff  der  uxoounxol  Xoyoi  erwiedert:  fad-i  ovv  avrovg  xal  lx- 
Jfdoutvovg  xal  fir\  Ixötdouivovg'  '£witoI  yäg  tloi  fiövoig  roig  rjftüv 
axovoaoir.  Weiter  vgl.  m.  Themist.  or.  XXVI,  319,  A  ff.:  Arist.  habe  für 
die  Masse  nicht  dieselben  Reden  passend  gefunden ,  wie  für  die  Philosophen, 
und  desshalb  jener  die  höchsten  Geheimnisse  seiner   Lehre   (die  rtXta  leoä, 


Exoterische  Schriften.  117 

rend  er  doch  seine  Ueberzeugungen  nur  hier  in  iln'em  wissen- 
schaftlichen Zusammenhang  niedergelegt  habe  1).  Die  exoterischen 
Schriften  sollen  sich  demnach  von  den  akroamatischen  im  all- 
gemeinen dadurch  unterscheiden,  dass  sie  für  einen  weiteren 
Kreis  von  Lesern  bestimmt  sind,  und  desshalb  theils  ihrer  Form 
nach  eine  populärere  Gestalt  haben,  theils  in  ihrem  Inhalt  die 
schwierigeren  Untersuchungen  bei  Seite  lassen  und  die  strengere 
wissenschaftliche  Beweisführimg  durch  eine  gemeinverständlichere 
ersetzen 2). 

das  uvarueov")  durch  Dunkelheit  entzogen.  Simpl.  Phys.  2,  b,  m. ,  mit  Be- 
ziehung auf  die  ebengenannten  Briefe:  'v  rolg  axQoaftaTixoig  aaäiftiav 
inerriSevas  u.  s.  \v.  Das  gleiche  in  Categ.  Schol.  27,  a,  38.  David  in 
Cat.  Schol.  22,  a,  20.  27,  a,  IS  ff.  Daher  Lucian  V.  auct.  c.  26:  Arist. 
sei  SmXovg,  uXXog  uiv  c  exroaihtv  (fuivöf.itvog  uXXog  dt  6  h'Toad-tv ,  exo- 
terisch    und  esoterisch. 

1)  Alexander  bemerkt  Top.  52,  m :  Arist.  rede  bald  Xoyixwg,  so  dass 
er  die  Wahrheit  als  solche  entwickle,  bald  diaXtXTixcog  7706g  dö'£uv.  So  in 
der  Topik,  den  qtjtooixu  und  den  ^ojTfotxü.  xai  yao  tv  txti'roig  nkilGra 
xul  rrtoi  tü)V  rj&ixwv  xai  Tttol  tÜv  <f  voixwv  h'döi-wg  XtytTcci.  Aber  schon 
das  Beispiel  der  Topik  und  Rhetorik  kann  zeigen,  dass  sich  diess  nur  auf 
die  Begründung  der  in  diesen  Schriften  dargelegten  Ansichten,  die  Beweis- 
führung aus  dem  allgemein  Anerkannten  (dem  trdoi-or),  nicht  auf  den  In- 
halt der  Lehren  als  solchen  bezieht.  In  dem  gleichen  Sinn  sprechen  sich 
auch  noch  die  Späteren  |in  der  Regel  aus;  so  Simpl.  Phys.  164,  a,  m: 
l^wrtoixu  de  ian  tu  xoiva  xul  dV  tvdö'£wv  Treoacvö/ueva  uXXu  jut)  cctto- 
deiXTixu  ur]dt  uxoouuutixÜ.  Ammon.  und  David  s.  folg.  Anm.  Philop. 
Phys.  S,  4,  m.  Dagegen  verkehrt  David  Schol.  in  Ar.  24,  b,  33  die  An- 
gabe Alexanders,  die  er  anführt,  um  sie  zu  bestreiten,  dahin:  otc  t*v  tutv 
roig  uxoouuuTixoTg  tu  doxovvxa  uvtoj  Xe'yei  xul  tu  uXrjd-rj,  £v  dt  ToTg  dia- 
XoyixoTg  tu   ü'XXoig  doxovvTu,  tu  ipevdr}. 

2)  Auf  diese  Bestimmungen  kommen  ausser  den  bisher  abgehörten 
Zeugnissen  auch  die  weiteren  Angaben  zurück,  die  sich  bei  neuplatonischen 
Commentatoren  finden.  So  der  angebliche  Ajimon.  in  Categ.  6,  b  ff.  (auch 
bei  Sxaiir  Aristotelia  II,  255  ff.),  welcher  nach  einigen  andern  Eintei- 
lungen der  aristotelischen  Schriften  unter  den  syntagmatischen  uvtottqoocottu 
xai  uxoouuutixu  und  dtuX.oyixu  xul  i£(OTtQixu  unterscheidet.  Jene  seien 
Tioog  yiTfOiovg  uxoourug,  diese  nobg  tt\v  twv  ttoXX.wv  itiiftXuuv  geschrieben  $ 
in  jenen  spreche  Arist.  seine  eigene  Ansicht  mit  streng  wissenschaftlicher 
Beweisführung  ans,  in  diesen  tu  Soxovvtu  uvtw,  nXX'  ov  de'  anodtixrixmv 
tmyiiorjuÜTwv,  xai  oig  oioC  Ti  tiaiv  ol  noXXol  tnuxoXov&tlv.  Ganz  ähn- 
lich, nur  noch  ausführlicher,  David  Schol.  24,  a,  20  ff.,  welcher  gleichfalls 
die  airTuyuaTixu  in  uvtotiqoowtiu  oder  uxoouuutixu  und  diaXoyixü  u 
xul  igtoTSQixa  XtyoVTat  theilt,   jene   Tioog  Toig    tTTiTTjdtioig  tPj    tfiXoooyiu, 


|13  Aristoteles. 

Die  Richtigkeit  dieser  Annahmen  wird  nun  freilich  durch 
den  Umstand,  dass  sich  dieselben  bis  auf  Andronikus  und  noch 
etwas  weiter  hinauf  verfolgen  lassen '),  noch  nicht  ausser  Zweifel 
gestellt.  Aber  wenn  sie  auch  in  dem  einen  und  anderen  Punkte 
der  Berichtigung  bedürfen,  werden  sie  doch  in  der  Hauptsache 
durch  die  eigenen  Aeusserungen  des  Aristoteles  über  die  „exo- 
terischen  Reden"  bestätigt.  Denn  wenn  auch  im  allgemeinen 
jede  Erörterung  eine  exoterische  genannt  werden  kann,  welche 
nicht  zu  der  eben  vorliegenden  Untersuchung  gehört 2),  oder 
welche  nicht  tiefer  in  ihren  Gegenstand  eindringt :i),  wenn  ferner 


diese  Tinos  (IrtniTr^fioig  nnög  cfi/.oaotfiar,   jene  daher    tft'    avayxaOTixwv 
).6ym-,  diese  6ut  Tit&aiiov,  geschrieben  werden  lässt.     Vgl.  S.  115,  4. 

1)  Zum  Erweis  dieses  Satzes  kann  ich  zwar  der  so  eben  besprochenen 
Stelle  aus  David  kein  solches  Gewicht  beilegen,  wie  Heitz  Verl.  Sehr.  25  f. 
Da  vielmehr  David  (21,  b,  5)  sich  ausdrücklich  auf  Amnionitis  (zu  n.  fQ- 
jut]T(i«g)  beruft,  und  der  angebliche  Commeutar  des  letztern  zu  den  Kate- 
gorieen,  wenn  auch  in  seiner  jetzigen  Gestalt  nicht  von  Ammonius  her- 
rührend, doch  aus  einem  von  ihm  verfassten  genossen  zu  sein  scheint,  halte 
ich  Ammonius  für  David's  nächste  Quelle;  und  wenn  dieser  allerdings  Ael- 
tere  (zunächst  Alexander,  den  David  24,  b,  33  bestreitet,  und  dem  auch 
seine  Anführung  des  aristotelischen  Eudemus  ebenso  entnommen  sein  wird, 
wie  die  bei  Philop.  De  an.  E.  2  f.  Ar.  Fr.  S.  1481,  Nr.  41)  benützt  hat, 
wissen  wir  doch  nicht,  wie  viel  ihren  Aussagen  späteres  beigemischt  ist. 
Dagegen  werden  wir  die  Angaben  bei  Cicero ,  Strabo  und  Gellius  (s.  o. 
115,  2  —  7)  auf  Tyrannio  und  Andronikus  zurückführen  müssen,  und  dass 
dieser  selbst  die  Unterscheidung  exoterischer  und  akroatischer  Schriften  und 
die  Annahme,  dass  die  letzteren  nur  den  Schülern  des  Philosophen  haben 
verständlich  sein  sollen,  schon  vorfand,  beweisen  die  S.  116,  2.  4  be- 
sprochenen Briefe. 

2)  Polit.  I,  5.  1254,  a,  33:  äMa  Tavra  /uii'  iaoig  tgwTtQtxcjTtoccg  loü 
tticixfiEtag.  Aehnlich  ebd.  II,  6.  1264,  b,  39:  in  der  Republik  habe  Plato 
von  der  Gesetzgebung  nur  unvollständig  gehandelt,  tcc  <T  a).).ct  Toig  'f£w- 
S-ev  loyoig  7T(7i)tjqojx€  rov  Xoyov.  Die  ££«#£>'  köyoi  enthalten  in  diesem 
Fall  gerade  die  spekulativsten  Untersuchungen.  Ebenso  Eudemus  Fr.  6 
(Simi-l.  Pbys.  18,  b,  u.),  wo  statt  des  aristotelischen  l%et  d"  cmoniav  ... 
iao)g  Ji  ov  Trabs  rbv  Xöyov  (Phys.  I,  2.  185,  b,  11)  steht:  tyti  $i  i'.vib 
tovto  emootav  ^oneoix?'^. 

3)  Phys.  IV,  10,  Auf.:  noonov  Sl  xcdwg  t/ti,  dianooiioai  thq'i  ctv- 
roü  (tov  xqovov)  xctl  öict  Twr  tSmTSQixäiv  Xoytav.  Die  {t-wr.  löyoo  be- 
zeichnen hier  die  unmittelbar  folgende  Erörterung,  welche  in  ähnlicher 
Weise  exoterisch  genannt  wird,  wie  Arist.  sonst  das  Logische  dem  Physi- 
schen    entgegensetzt     (s.     u.    171,    2),    weil     sie      noch      nicht      auf    den 


Exoterische   Schriften.  119 

die  „esoterischen  Redenu  nicht  immer  und  nicht  nothwendig 
eine  bestimmte  Klasse  von  Schriften  bezeichnen1),  so  finden 
sich  doch  Stellen,  in  denen  wir  allen  Grund  haben,  sie  auf 
solche  zu  beziehen  2) ;  und  dass  damit  Werke  von  einer  populäreren 

scharfen  und  vollständigen  Begriff  der  Zeit  (das  tC  iartr  6  yQÖvog,  218,  a, 
31)  ausgeht,  sondern  nur  vorläufig  gewisse  Eigenschaften  derselben  in  Be- 
tracht zieht.  Um  exoterische  Schriften  handelt  es  sich  hier  nicht;  eben- 
sowenig wird  aber  Prantl  (Arist.  Physik  501,  32)  Recht  haben,  wenn  er 
nicht  Mos  in  unserer  Stelle,  sondern  überall  unter  den  exoterischen  Reden 
immer  nur  jene  Besprechungen  verstanden  wissen  will,  welche  damals  über 
pikantere  Themata  überall  auch  bei  gesellschaftlicher  Unterhaltung  geführt 
wurden,  Dass  diess  an  anderen  Stellen  nicht  angeht,  wird  sogleich  gezeigt 
werden;  an  der  unsrigen  verbietet  es  schon  die  streng  dialektische  und  acht 
aristotelische  Haltung  der  von  S.  217,  b,  32  —  21S,  a,  30  sich  erstrecken- 
den Erörterung. 

1)  So  ausser  der  vor.  Anm.  besprochenen  Stelle  der  Physik  bei  Eüdemüs, 
der  Eth.  II,  1.  1218.  b,  33  die  Eintheilung  der  Güter  in  äussere  und  geistige 
mit  der  Bemerkung  einführt:  xattürrtQ  diccioovut&K  xctl  h'  roTg  i'ZoiTtQixoTg 
loyotg.  In  der  Parallelstelle  Eth.N.  I,  8.|109S,b,  10  sagt  Aristoteles:  erwolleüber 
die  Glückseligkeit  reden  xal  ix  rcor  i.tyoiiivw  ntoi  «ür»]?,  womit  nach 
dem  folgenden  nur  die  herrschenden  Annahmen  gemeint  sein  können.  Auf 
eben  diese  müssen  sieb  daher  auch  die  i'&n.  ).6yoi   des  Eudemus  beziehen. 

2)  Diess  gilt  zunächst  von  Polit.  VII,  1.  1323,  a,  21:  rouiactvTctg  ovr 
txuvwg  nolh'.  ).iyia&ctL  xal  rwv  iv  rotg  i!;toTtoixoig  ).6yoig  tieqi  rfjg  cloiorrig 
tcjrjg  xai  vvv  ynr\oikov  aiirolg.  Dass  hiemit  nicht  blos  mündliche  Aeusse- 
rungen  in  den  Unterhaltungen  des  täglichen  Lebens  gemeint  sind,  geht  aus 
dem  nächstfolgenden  klar  hervor.  Denn  wenn  Arist.  fortfährt:  tog  a).rj&(og 
yito  noog  ys  ui«v  öiici'osaiv  ovdt)g  d/Lt(ptßßrjTrjasi8V  u.  s.  w.,  wenn  er  also 
sagt:  von  dem  in  den  li-bntntxoi  Xoyoi  erörterten  werde  zunächst  zwar  das 
allgemein  anerkannt  werden,  dass  zur  Glückseligkeit  nicht  allein  äussere  und 
leibliche,  sondern  vor  allem  auch  geistige  Güter  nöthig  seien,  aber  trotzdem 
pflege  man  sich  mit  einem  viel  zu  kleinen  Mass  dieser  geistigen  Güter  zu 
begnügen,  so  müssen  die  H-oit.  /.öyoi,  mit  denen  die  herrschende  Denkweise 
nur  einige  Schritte  weit  übereinstimmt,  nothwendig  etwas  anderes  sein,  als 
die  Aeusserungen  eben  dieser  Denkweise  (vgl.  Bernays  Dial.  d.  Arist.  40); 
und  auch  die  Worte:  noög  yt  utar  öiuiotaiv  ovdtig  cliKf'iaßrjTTjatuv  deuten 
auf  bestimmte,  in  einer  Schrift  niedergelegte,  nicht  blos  in  dem  unfassbaren 
Medium  der  mündlichen  Gesprächführung  sich  herumtreibende  Auseinander- 
setzungen. Eher  könnte  man  (mit  Oncken  Staatsl.  d.  Arist.  I,  44.  59)  an 
mündliche  Vorträge  des  Aristoteles  selbst  denken.  Indessen  kann  man  sich 
hiefür  auf  das  Präsens  Xiyoutv  (nebst  dem  dioQi£'>iuid-a  Pol.  III,  6.  1278, 
1».  32)  nicht  stützen,  da  Arist.  nicht  allein  sehr  häufig  fremde,  sondern  nicht 
selten  auch  eigene  Schriften  so  anführt;  vgl.  Pol.  VII,  13.  1332,  a,  8:  <j«un 
$'t  xul  iv  roTg  rjftixoTg.     Phys.  VIII,   1.  251,  a,  9:  (pa/utv  Jr/  u.  s.  w.  (Phy.>. 


120  Aristoteles. 

Haltung,  als  die  unserer   aristotelischen  Schriften,  genieint  sind, 

III,  J  ).  De  coelo  I,  7.  275,  b,  21:  Xöyog  iV  Iv  roTg  rrfoi  xivrtatcog  (sc. 
tarn  .  Metaph.  V.  30  Schi.:  Xöyog  Se  roi'roc  iv  ht'ootg.  Eth.  VI,  3.  1139, 
b,  20:  uionin  xcu  iv  roig  «vnXiTixotg  Xt'yottfv.  Ebd.  32:  oaa  aXXct  rrnog- 
>h(,(iuo'ite&{(  iv  roTg  avnXvrtxoig.  Und  andererseits  spricht  gießen  diese  Er- 
klärung das  vvv  xoi}artoY  «uroTg,  da  das  folgende  dadurch  als  etwas  den 
exoterischen  Reden  entnommenes  bezeichnet  wird,  eben  diess  aber  zu  be- 
merken Arist.  ungleich  mehr  Veranlassung  hatte,  wenn  er  aus  einem  früheren 
Werk  etwas  entlehnte,  als  wenn  er  in  einer  Schrift  wiederholte,  was  er 
schon  mündlich  ausgesprochen  hatte.  Das  letztere  musste  der  Natur  der 
Sache  nach  bei  ihm  gerade  so  gut,  als  bei  einem  heutigen  Uni- 
versitätslehrer, sehr  oft  vorkommen;  wenn  er  in  unserem  Fall  die  Entlehnung 
aus  den  i^MTfQixol  X.uyoi  ausdrücklich  motivirt,  so  weist  diess  hier,  wie  De 
coelo  II,  13.  295,  a,  2.  Meteor.  III,  2.  372,  b,  10,  (wo  mit  dem  gleichen 
yorpiiov  einige  unserer  Schriften  citirt  werden)  auf  eine  in  schriftlicher 
Abfassung  vorliegende  Aeusserung  hin.  Eine  aristotelische  Schrift  muss 
aber  allerdings  damit  gemeint  sein,  da  das,  was  im  folgenden  aus  den  ll-cor. 
Xöyoi  herübergenommen  wird,  durchaus  aristotelisch  lautet  und  mit  dem, 
was  Arist.  in  eigenem  Kamen  vorträgt  (rifitig  dt  igocuev  Z.  3S),  Ein  Ganzes 
bildet.  Wenn  sich  endlich  ähnliches,  wie  das  hier  aus  den  £,:wr.  Xöyoi  an- 
geführte, in  einigen  Stellen  der  Ethik  (I,  6  ff.  X,  6  ff.)  findet,  auf  welche 
ich  in  der  2.  Auflage  unsere  Anführung  beziehen  zu  können  glaubte,  muss 
ich  doch  Bernays  (a.  a.  0.  71  f.  vgl.  Oncken  a.  a.  O.  43,  5.  Vaiilen  arist. 
Aufs.  II,  6)  einräumen,  dass  Arist.  der  Ethik,  welche  er  in  der  Politik  wieder- 
holt als  r&ixct  anführt,  und  mit  derselben  in  die  engste  Verbindung  setzt 
(s.  u.  S.  127,  2  2.  Aufl.),  nicht  mit  der  Bezeichnung:  i!-<oT(Qixoi  Xöyoi  er- 
wähnt haben  würde.  Ist  daher  auch  der  Beweis  dafür,  dass  das  erste 
Kapitel  des  siebenten  Buchs  der  Politik  von  dem  sonstigen  Styl  der  prag- 
matischen Werke  auffallend  abweiche  und  die  deutlichen  Spuren  der  Ent- 
lehnung aus  einem  Dialog  trage  (Beknays  73  ff.),  nach  Vahlen's  ein- 
dringenden Gegenbemerkungen  (arist.  Aufs.  II)  schwerlich  für  erbracht  zu 
halten,  so  muss  ich  doch  Behnays  darin  beitreten,  dass  mit  den  „exoteri- 
schen Reden"  an  unserer  Stelle  eine  für  uns  verlorene  Schrift  des  Philo- 
sophen  gemeint  ist,  an  welche  sich  Arist.  in  derselben  ziemlich  eng  anzu- 
schliessen,  und  ebendesshalb  auf  sie,  und  nicht  auf  die  sinnverwandten  Aus- 
führungen der  Ethik,  zu  verweisen  scheint.  —  Weniger  beweisend  erscheint 
mir  in  dieser  Beziehung,  trotz  Beknavs'  Einrede  (a.  a.  O.  38.  51  ff.),  Polit. 
III,  6.  1278.  b,  30:  uXXit  fir\v  xa\  Trjg  ttQXVS  tovg  Xtyo/ufrovg  Toönovg  (die 
(hoTTOTtiic,  die  oixorouixr]  und  die  noXnixr\  (tij/rj)  ik'uhov  dieXiTv'  xal  yaq 
iv  joig  il-wTtgixoTg  X.üyoig  ätooiLÖiK&cc  rrfgi  uvtwv  noX.Xäxig.  Diese  Worte 
konnten,  für  sich  genommen,  nicht  allein  (mit  Oncken  a.  a.  O.)  auf 
mündliche  Auseinandersetzungen  des  Aristoteles,  sondern  auch  (indem  das 
i^iooii^öfxt&a  communicativ  genommen  würde)  auf  solche  Annahmen  bezogen 
werden,  die  auch   ausser  der  Schule  und  der  wissenschaftlichen' Untersuchung 


Exot eri sehe  Schriften.  121 

wird  theils  durch  die   ausdrückliche   Unterscheidung   der    exote- 


vorkommen;  denn  dass  sich  Arist.  hier  „nicht  für  das  Vorhandensein" 
(richtiger:  die  Unterscheidung)  „verschiedener  Arten  der  Herrschaft,  sondern 
für  die  genaue  Abgrenzung  ihres  Unterschiedes  auf  tgeor.  Xoyoc  berufe1' 
Bernays  S.  38),  kann  man  aus  dem  3togi£6uedct  nicht  herauslesen,  da 
dieser  Ausdruck  jede  Unterscheidung,  nicht  blos  die  genaue  Unterschei- 
dung, die  „abgewogen  logische  Antithese"  bezeichnet.  Vergleicht  man  aber 
freilich  den  ganz  analogen  Gebrauch  des  It'youer,  dioottiuaftu  u.  s.  f.  in 
den  vorhin  (S.  119  unt.)  angeführten  Stellen,  so  wird  man  dem  <$iooi£6fAfdu 
auch  hier  die  gleiche  Bedeutung  zu  geben  geneigt  sein,  und  hat  man  sich 
aus  andern  Stellen  überzeugt,  dass  Arist.  gewisse  Schriften  Xoyoc  l!-WT(gtxol 
nennt,  so  wird  diese  Bedeutung  auch  für  unsere  Stelle  wahrscheinlich.  Und 
es  linden  sich  allerdings  unter  den  verlorenen  aristotelischen  Schriften  einige, 
in  denen  die  hier  berührte  Unterscheidung  besprochen  worden  sein  kann; 
so  namentlich  der  ttoX.it  ixbg  und  n.  ßuaiXsiug  (oben  S.  61,  1.  63  u.). 
—  Aehnlich  verhält  es  sich  mit  Eth.  VI,  4,  Anf. :  stsqov  J'  IotI  TroirjOcg 
xiu  TToil'iig'  mOTSioutr  61  rrfol  ccltwv  xai  joig  ^coTfoixoi'g  ).6yoig.  Der 
Znsammenhang  erlaubt  hier  unstreitig  die  Annahme,  dass  sie  auf  Er- 
örterungen in  aristotelischen  Schriften  von  anderem  Charakter,  als  die  uns 
erhaltenen  wissenschaftlichen  Werke,  w7ie  etwa  das  Gespräch  über  die  Dichter 
oder  der  Gryllos,  verweisen  wollen;  aber  dass  er  jede  andere  Annahme 
verbiete,  davon  hat  mich  Bern ats  (S.  39.  57  ff.)  nicht  überzeugt.  Wenn 
jemand  den  fraglichen  Worten  statt  des  von  Bernays  angenommenen  engern, 
den  weiteren  Sinn  geben  wollte :  „es  ist  diess  schon  in  meinen  anderweitigen 
Schriften  nachgewiesen  worden",  so  stände  dem  an  sich  weder  die  Be- 
deutung von  t'^iüTtoixbg  noch  der  Zusammenhang  im  Wege,  da  jene  den 
S.  118,  2  angeführten  Beispielen  analog  wäre,  und  dieser  von  der  Frage,  ob 
Arist.  hier  auf  wissenschaftliche  oder  populäre  Schriften  verweist,  nicht  be- 
rührt wird.  Wollte  man  andererseits  die  ti-ouT.  Xöyoi  von  den  Xtyöiierii, 
dem  von  andern  gesagten  verstehen,  so  könnte  man  sich,  den  Ausdruck 
betreffend,  auf  Euderrms  (vor.  Anm.)  berufen;  [und  wenn  es  Bernays,  die 
Sache  anbelangend,  unglaublich  findet,  dass  wir  uns  den  Aufschluss  über 
einen  solchen  Angelpunkt  des  peripatetischen  Systems,  wie  das  Verhältniss 
von  TTOirjOig  und  Troclt-tg,  aus  der  gebildeten  Conversation  holen  sollen,  so 
müsste  er  es  nicht  minder  unglaublich  finden,  dass  wir  uns  Aufschlüsse  über 
den  Schwerpunkt  der  ganzen  Ethik,  den  Begriff  der  Eudämonie,  ebendaher 
holen  sollen.  Und  doch  steht  I,  8,  Anf.  unbestreitbar:  axinxiov  Sr\  thqI 
(tuTTJg  .  .  .  xai  Ix  tiov  Xsyouivtov  negl  avTrjg.  Aber  so  wenig  damit  gesagt 
i.-t,  man  solle  die  wissenschaftlichen  Bestimmungen  über  die 
Glückseligkeit  „aus  der  gebildeten  Conversation  holen",  ebensowenig  wäre 
diess  Eth.  VI,  4  Anf.  von  denen  über  die  TTOir^aig  und  Troutig  gesagt,  wenn 
man  die  ti-coT.  Xoyoi  in  dieser  Stelle  von  den  layöutra  verstände;  sondern 
es  wäre  nur  dafür,  dass  überhaupt  zwischen  noirjoig  und  7TQu$~ig  zu 
unterscheiden  sei,  auf  die  allgemeine  Ueberzeugung  verwiesen,  wie  diess  acht 


122  Aristoteles. 

rischen  und   der  wissenschaftlichen   Erörterungen x) ,   theiis   auch 


aristotelische  Art  ist:  7^  yaq  äXij&ei  nävta  auvädti  t«  vnäQxovra  (Eth.  I, 
s ,.  —  Viel  bestimmter  tritt  Eth.  1,  13.  1 102,  a,  26  die  Absicht,  auf  aristo- 
telische Schriften  zu  verweisen,  in  den  Worten  hervor:  Xiyerat  dt  ntgl 
ai'TTjs  (sc.  Ttjg  Vryfjg)  xal  ?v  Toi~g  ££(OT€QixoTg  Xöyoig  c'cQxovrrwg  h>ut  xal 
y<n]GT(ov  avToig.  oiov  rö  fikv  aXoyov  cwTTJg  tlvai  16  6t  ).6yov  tyor.  Denn 
wenn  es  auch  an  sich  gar  nicht  so  undenkbar  ist,  wie  Beiinais  8.  36  glaubt, 
da.-.-  die  Unterscheidung  des  Vernünftigen  und  des  Vernunftlosen  in  der 
Seele  aus  der  platonischen  Schule  in  weitere  Kreise  gedrungen  sein  kann 
(kommt  ihr  doch  schon  viel  früher  Epicharnms  mit  seinem  rovg  6q(<  u.  s.  f. 
nahe  genug\  und  wenn  insofern  der  Deutung  der  ^wr.  Xöyot  auf  Annahmen, 
die  ausser  der  Schule  verbreitet  waren,  schwerlich  eine  sachliche  Unmöglich- 
keit entgegenstände,  so  sind  doch  die  Worte,  mit  welchen  jene  Unter- 
scheidung hier  eingeführt  wird,  den  oben  besprochenen  aus  Polit.  VII,  1 
zu  ähnlich,  und  namentlich  das  Itytrat  doxovvTio;  tvia  xal  viiv  yoi)(n£oT 
ttvTiTg  weist  hier  wie  dort  zu  bestimmt  auf  schriftliche  Erörterungen,  als 
dass  wir  die  Anführung  auf  blosse  Xtyöutva  beziehen  könnten.  Geht  sie 
aber  auf  ein  aristotelisches  Werk,  so  wird  diess  eines  der  verlorenen,  am 
wahrscheinlichsten  der  Eudemus  sein;  denn  auf  n.  ipryrjg  III,  9.  432,  a, 
22  ff.  passt  das  Citat  nicht  recht,  und  diese  Schritt  wäre  auch  schwerlich 
mit  dieser  .Bezeichnung,  sondern,  wie  sonst  immer,  mit  tv  ioig  ntgl  rpvyijg 
angeführt  worden.  —  Ebensowenig  werden  wir  Metaph.  XIII,  1.  1076,  a,  28 
(über  die  Ideen  als  solche  wolle  er  nur  (CTiXcHg  xal  oaov  rouov  yäqiv 
reden;  Tt&ovlXriTai  yao  rec  noV.a  xcu  vno  roh'  ^ontoixcov  Xöywv)  bei  den 
Igor,  Xöyot,  an  mündliche  Erörterungen  dritter  Personen,  sondern  nur  an 
die  eigenen  Ausführungen  des  Arist.  denken  können,  da  nur  solche  ihn  einer 
eingehenderen  Kritik  der  Ideenlehre  überheben  konnten;  und  dass  wir  diese 
weder  in  den  Lehrvorträgen  noch  in  den  streng  wissenschaftlichen  Schriften 
des  Philosophen  zu  suchen  haben,  macht  ausser  der  Bezeichnung  l|tor.  Xöyot 
namentlich  das  xal  (xal  vnb  x.  i£.  X.)  wahrscheinlich,  durch  welches  die 
Igurt.  Xoyoi  von  andern,  nicht  exoterischen ,  unterschieden  werden.  Noch 
bestimmter  erhellt  es  aber  aus  Eudemus,  wenn  dieser  in  augenscheinlicher 
Erinnerung  an  unsere  Stelle  Eth.  I,  8.  1217,  b,  22  gleichfalls  von  den 
Ideen  sagt:  Iniaxtmai  dt  noXXoig  ntol  aütuv  rgonoig  xal  iv  rotg  li-ontQi- 
xoTg  Xöyoig  xal  tv  rotg  xaia  (jtXooo(fiar.     Vgl.  folg.  Anm. 

1)  Diese  ist,  wie  bemerkt,  schon  darin  angedeutet,  dass  in  den  vor. 
Anm.  angeführten  Stellen,  namentlich  denen  aus  Polit.  VII,  1.  Eth.  I,  13. 
Metaph.  XIII,  1,  ausdrücklich  bemerkt  ist,  es  sei  etwas  auch  in  den  exoteri- 
schen Reden  zur  Genüge  erörtert;  sofern  nämlich  hiebei  vorausgesetzt  wird, 
dass  man  solche  Erörterungen  in  ihnen  weniger  erwarten  sollte.  Bestimmter 
sagt  es  aber  Eudemus,  wenn  er  (vor.  Anm.  Schi.)  den  1£cütiqixoI  Xtyoi  die 
Xöyot  xarä  y  iXoaoy  (av  gegenüberstellt.  Da  die  letzteren  wissenschaftliche 
Untersuchungen  sind,  können  die  ersteren  nur  populäre  Besprechungen,  und 
wenn  mit  ihnen  (wie  wir  gesehen  haben)  Schriften  gemeint  sind,  nur  populäre 


Exote  ri  sehe  Schrift  en.  123 

schon  durch  die  Bezeichnung  der  ersteren  waln-scheinlich  J). 
Dass  freilich  mit  den  exoterischen  Reden  nur  die  aristotelischen 
Gespräche  gemeint  seien,  ist  weder  in  diesem  Ausdruck  an- 
gedeutet, noch  in  einer  sachlichen  Notwendigkeit  begründet,  da 
es  ausser  ihnen  auch  noch  andere  auf  das  Verständniss  weiterer 


Schriften  sein  Nun  könnte  es  freilich  scheinen,  gerade  die  Kritik  der  Ideen- 
lehre auf  die  sich  Eth.  Eud.  I,  8  und  Metaph.  XIII,  1  a.  d.  a.  O.  beziehen, 
hätte  sich  für  populäre  Schriften  am  wenigsten  geeignet;  indessen  haben 
wir  schon  S.  82,  2.  60,  m.  gesehen,  dass  er  dieser  Lehre  in  dem  Gespräch 
über  die  Philosophie  mit   aller  Entschiedenheit  entgegengetreten  war. 

1)  'E'gontoixbg  bedeutet  bei  Arist.  H  das,  was  sich  aussen  befindet, 
das  Aeussere,  und  2^  das,  was  nach  aussen  geht,  sich  auf  Aeusseres  be- 
zieht. Die  erste  Bedeutung  hat  das  Wort  z.  B.  wenn  eine  auswärtige  Pro- 
vinz eine  t gwr tQlxrj  kq/tj  (Polit.  II,  10.  1272,  b,  19),  oder  wenn  Hand  und 
Fuss  ti-ontoLx«  utotj  (gen.  an.  V,  6.  786,  a,  26)  genannt  werden;  ebendahin 
gehören  die  l'zonioixa  äyafra  Pol.  VII,  1.  1323,  a,  25.  In  der  zweiten 
Bedeutung  wird  der  Ausdruck  in  der  Verbindung:  ^ojrfQixal  ngä^ttg  (Pol. 
VII,  3.  1325,  b,  22  29)  gebraucht.  Gibt  man  ihm  nun  in  unserem  Fall  die 
erste  Bedeutung,  so  können  unter  exoterischen  Reden  au  den  Stellen,  wo 
damit  aristotelische  Schriften  einer  bestimmten  Gattung  oder  die  in  ihnen 
enthaltenen  Untersuchungen  gemeint  sind,  nicht  solche  Beden  verstanden 
werden,  die  ausserhalb  der  Erörterung  liegen,  in  der  auf  sie  verwiesen  wird, 
„anderweitige  Reden"  (wie  die  ?!-wTioixü)Tfocc  oxiilitg  und  die  'fi-w&tv  ).6yoi 
S.  118,  2.  119,  1);  auch  nicht  (wie  Bernavs  will  Dial.  d.  Ar.  92  f.)  solche,  die 
in  den  Kern  der  Sache  nicht  eindringen,  ihr  äusserlich  bleiben  (wie  S.  118,  3), 
denn  diess  wäre  theils  überhaupt  eine  seltsame  Bezeichnung  für  „populäre 
Abhandlungen",  theils  würde  es  namentlich  für  d.ie  Fälle  nicht  passen,  in 
denen  Arist.  das  in  den  t^ontoty.ol  Xoyoi  gesagte  als  sachgemäss  und  ge- 
nügend in  späteren  Werken  wieder  aufnimmt,  wie  in  den  S.  119,  2  ange- 
führten Stellen  der  Politik,  der  Ethik  und  der  Metaphysik.  Sondern  exoterisch 
in  dieser  Bedeutung  des  Wortes  müssten  jene  Schriften  desshalb  genannt 
sein,  weil  sie  auch  ausserhalb  der  aristotelischen  Schule  verbreitet  und  ge- 
braucht waren.  Auf  das  gleiche  kommt  man  aber  auch,  wenn  man  (was 
ich  vorziehe)  von  der  zweiten  Bedeutung  des  i^iortocxog  ausgehend,  unter 
den  £i;o)T.  ).6yoi  Schriften  versteht,  welche  für  die  Draussenstehenden,  für 
das  grössere  Publikum,  bestimmt  waren,  also  im  wesentlichen  dasselbe, 
wie  unter  den  '/.öyoi  ixihSouf'vot  oder  iv  xoircZ  yvyvbfxf.voi.  Dass  solche 
Schriften  einen  populäreren  Charakter  trugen,  war  mit  dieser  Bestimmung- 
gegeben,  aber  es  liegt  nicht  unmittelbar  in  dem  li-cDTfgixog  als  solchem.  Auch 
wenn  Eudemus  die  't.iyot,  t§(OT.  denen  xarce  (fi).oaoif(av  entgegensetzt 
(vor.  Anm  ),  könnte  man  die  letzteren  zunächst  von  solchen  verstehen,  welche 
dem  wissenschaftlichen  Unterricht  dienen  sollten:  indessen  steht  auch  der 
Erklärung:  „sowohl  in  den  für  das  grössere  Publikum  bestimmten  als  in 
den  wissenschaftlichen  Darstellungen"   nichts  im  Wege. 


124  Aristoteles. 

Kreise  berechnete  Werke  gegeben  haben  kann  und  wirklich  ge- 
geben zu  haben  scheint1);  und  wenn  Spätere  glauben,  der  Phi- 
losoph habe  seine  streng   wissenschaftlichen   Schriften  überhaupt 
nicht  für  die  Oeffentlichkeit  bestimmt,    oder  er  habe  für  sie  ab- 
sichtlich eine  dunkle  und  den  Laien  unzugängliche  Darstellungs- 
form gewählt,    so  widerspricht  die   erste  von   diesen  Annahmen 
der  gleichzeitigen  Angabe   über   die  Vorwürfe,    die   dem  Philo- 
sophen wegen  der  Herausgabe  solcher  Schriften  gemacht  worden 
sein  sollen 2) ,    die  andere  der  thatsächlichen  Beschaffenheit   der 
aristotelischen  Werke;  denn  so  weit  diese  nicht  für  blosse  Auf- 
zeichnungen zu  eigenem  Gebrauche   zu  halten  sind,   geben   sie 
sich  vielmehr  alle  Mühe,    durch  eine   fest    ausgeprägte    wissen- 
schaftliche   Terminologie,    durch    scharfe    Begriffsbestimmungen, 
durch   Erläuterungen  und  Beispiele,   durch  methodischen  Fort- 
schritt der  Gedanken,  durch  Abwehr  von   Unklarheiten,   Zwei- 
deutigkeiten   und   Missverständnissen    dem    Leser    zu    Hülfe  zu 
kommen;  wenn  daher  doch   manches   einzelne   darin  dem  Aus- 
leger Mühe  macht,  wird  der  Grund  davon  in  allem  anderen  eher, 
als  in   der   Absicht   des   Schriftstellers   zu  suchen  sein.     Davon 
nicht  zu  reden,    dass    beide   Annahmen    dem  Philosophen   eine 
ganz  kindische  und  aller  vernünftigen  Beweggründe  entbehrende 
Geheimnisskrämerei  zutrauen.    Das  scheint  aber  allerdings  richtig 
zu  sein,  dass  Aristoteles  blos  einen  Theil   seiner  Schriften  selbst 
herausgegeben,    d.  h.  für  ihre  Verbreitung  in   einem  grösseren 
Leserkreis  ausdrückliche   Fürsorge    getroffen   hatte,   andere  da- 
gegen, an  seinen  mündlichen  Unterricht  sich   anschliessend,   zu- 
nächst   nur    Lehrschriften    zum    Gebrauch    seiner    Schüler    sein 
wollten3);  dass  er  nur  bei  den  ersteren  auf  die  Fülle  des  Aus- 
drucks, die  künstlerische  Vollendung   und  die   Gemeinverständ- 
lichkeit ausgieng,  die  an  den  exoterischen  Werken  gerühmt  wer- 
den, wälirend  die  andern,    der   wissenschaftlichen  Forschung  als 
solcher  gewidmet,  sich  von  jenen   durch  eine   strengere  Haltung 
und  eine  schmucklosere  Darstellung  unterschieden;    dass  endlich 
die  erste  Klasse  ganz  überwiegend  und   vielleicht  ausschliesslich 

1)  Vgl.  S.  63,  1. 

2)  Vgl.  S.   24,  m.    116,   2. 

3     Ohne    dass   man    doch    desshalb   anzunehmen  braucht,    es  sei  diesen 
ihre  Mittheilung    an  Dritte    unbedingt  verwehrt    gewesen. 


Exot  erische  Sehr  iften.  125 

aus  jenen  bis  auf  einzelne  Bruchstücke  flu'  uns  verlorenen 
Schriften  bestand,  die  Aristoteles  vor  der  Eröffnung  der  peri- 
patetischen  Schule  in  Athen,  grossentheils  noch  als  Genosse  des 
platonischen  Kreises  verfasst  hatte  *).     So  gross  aber  auch  unter 

1)  In  diesem  Sinu  habe  ich  mich  schon  in  der  2.  Aurlage  dieses  Bandes  S.  9S 
über  den  der  Unterscheidung  exoterischer  und  esoterischer  Schrifteu  wahr- 
scheinlich zu  Grunde  liegenden  Sachverhalt  ausgesprochen.  Dagegen  glaubte 
ich  damals  in  den  aristotelischen  Stellen,  welche  der  l'gfOTtQtxol  Xoyoi  erwähnen, 
diesen  Ausdruck  durchweg  von  solchen  Erörterungen  verstehen  zu  können, 
welche  nicht  in  den  Bereich  der  eben  vorliegenden  Untersuchung  gehören. 
(Ebenso  Schwegler  Gesch.  d.  griech.  Phil.  194.)  Hievon  bin  ich  jetzt  zurück- 
gekommen, und  finde  es  wahrscheinlicher,  dass  die  allgemeine  Bedeutung 
des  i£(tjT6Qix6s,  wonach  es  etwas  äusseres  oder  auf  das  Aeussere  bezügliches 
bezeichnet,  auch  in  der  Verbindung:  It-wreoixol  Xoyoi  sich  je  nach  dem 
Zusammenhang  näher  modificirt,  und  daher  dieser  Ausdruck  nicht  blos  auf 
solche  Erörterungen  gehen  kann,  die  ausserhalb  eines  bestimmten  Gegen- 
standes liegen  (wie  S.  118,  2),  oder  die  nur  das  Aeusserliche  desselben 
betreffen  (S.  118,  3),  sondern  auch  auf  solche,  die  ausserhalb  eines  be- 
stimmten Kreises  angestellt  werden  (S.  119,  1)  oder  für  Aussenstehende 
bestimmt  sind  (S.  119,  2).  Je  nachdem  nun  von  der  einen  oder  der  andern 
aristotelischen  Stelle  ausgegangen,  und  die  von  ihr  an  die  Hand  gegebene 
Bedeutung  des  Ausdrucks  auch  auf  alle  andern  Fälle  ausgedehnt  wird,  er- 
gibt sich  diese  oder  jene  Auffassung  der  £|wr.  Xoyot,  und  es  begreift  sich 
so  um  so  mehr,  dass  sich  auch  heute  noch  die  verschiedenartigsten  An- 
sichten darüber  gegenüberstehen.  Am  weitesten  entfernt  sich  unter  diesen 
von  der  seit  Andronikus  herrschenden  Erklärung,  welche  unter  denselben 
eine  bestimmte  Gattung  aristotelischer  Schriften  versteht,  die  Annahme  von 
M advig  (Exe.  VII  zu  Cic.  De  Fin.),  Praxtl  (Arist.  Physik  S.  501,  32), 
Spengel  (Arist.  Studien.  Abh.  d.  bayr.  Akad.  X,  181  f.),  Forchhammeu 
(Arist.  und  die  exoter.  Reden,  vgl.  besonders  S.  15.  64),  Susemihl  (Philol. 
Anz.  V,  674  f.),  dass  mit  den  £%(ot.  Xoyoi  nur  die  Unterhaltungen  nicht- 
philosophischer Kreise  bezeichnet  werden  sollen.  Etwas  näher  kommen  ihr 
Ravaissox  (Metaph.  d'Arist.  I,  209  ff.)  und  Thükot  (Etudes  sur  Aristote 
209  ff.),  wenn  sie  dieselben  auf  die  dialektischen  Erörterungen  (im  Unter- 
schied von  den  streng  wissenschaftlichen),  die  Beweisführungen  ngög  do|«r 
deuten,  welche  theils  in  aristotelischen  Schriften  theils  in  den  mündlichen 
Disputationen  der  Schule  vorgekommen  seien;  mögen  sie  nun  desshalb 
exoterische  heissen,  weil  man  es  darin  immer  mit  einem  Andern  zu  thun 
habe  (vgl.  den  ?£«  und  taco  Xöyog  Anal.  I,  10.  76,  b,  24),  oder  weil  sie 
■dem  Gegenstand  äusserlicher  bleiben.  Ihnen  schliesst  sich  Grote  (Aristotlc 
63  ff.y  an,  nur  dass  er  dabei  neben  den  aristotelischen  Gesprächen  und 
einzelnen  Abschnitten  der  akroamatischen  Werke  auch  an  Unterhaltungen 
ausserhalb  der  Schule  gedacht  wissen  will.  Ebenso  (doch  mit  Weglassung 
der  ausserphilosophischen  Unterhaltungen)  Ueberweg  Gesch.  d.  Phil.  I,  143 


]2o  Aristoteles. 

dieser  Voraussetzung  immerhin  der  formale  Unterschied  zwischen 
den  esoterischen  und  den  akroatischen  Schriften  erseheint,  und 
so  vielfach  die  ersteren,  oder  wenigstens  manche  von  ihnen,  auch 
ihrem  Inhalt  nach  hinter  dem  Standpunkt  zurückgeblieben  sein 
können ,  auf  welchem  wir  den  Philosophen  in  seinen  reiferen 
Jahren  treffen,  so  wenig  ist  doch  daran  zu  denken,  dass  er  in 
den  einen  oder  den  andern  seine  Ansichten  zu  verbergen  oder 
dem  Verständniss  der  Leser  zu  entziehen  versucht  hätte. 

Es  ist  aber  nicht  blos  die  Unterscheidung  der  „herausgegebe- 
nen1' oder  „exoterischen"  Schriften  von  den  übrigen,  welche  auf 


5.  Aufl.  Nur  an  mündliche,  neben  den  wissenschaftlichen  Vorträgen,  in 
denen  der  ^wr.  \6yoi  erwähnt  wird,  herlaufende,  aber  der  Gattung  nach 
von    ihnen    verschiedene    Erörterungen    denkt  Onckex  (Staats]    d.  Arist.  I, 

43  f.).  Dagegen  hält  sich  Rittei;  (Gesch.  d.  Phil.  III,  21  ff.)  strenger  an 
die  Angaben  der  Alten  über  "die  zwei  Klassen  der  aristotelischen  Schüler 
und  Schriften,  wenn  er  annimmt  (S.  29),  die  sämnitlichen  streng  wissen- 
schaftlichen Werke  seien  von  Arist.  nur  zum  Behuf  seiner  Vorträge  aus- 
gearbeitet und  erst  später  von  ihm  oder  seinen  Schülern,  und  vielleicht  auch 
zuerst  nur  für  seine  Schüler  herausgegeben  worden ;  wogegen  die  übrigen 
(für  uns  verlorenen)  Schriften,  die  für  alle  Bildungsbedürftige  berechnet 
waren,  ebenso,  wie  die  entsprechenden  Vorträge,  exoterische  genannt  werden 
konnten.  Auf  dem  gleichen  Standpunkt  befindet  sich  in  der  Hauptsache 
Beksays  (Dial.  d.  Arist.),  der  bei  den  exoterischen  Reden  zunächst  an  die 
Gespräche  denkt,  Heitz  (Verl.  Sehr.  d.  Ar.  122  ff.J,  der  in  der  Sache  mit 
ihm  einverstanden  nur  dem  Ausdruck  (mit  Beziehung  auf  Phys.  IV,  10, 
Anf.1  die  weitere  Bedeutung  geben  will,  einen  der  eigentlichen  "Wissenschaft 
ferner    stehenden    Standpunkt   anzudeuten,    und    Bonitz   (Ind.  arist.   104,  b, 

44  ff.  Ztschr.  f.  östr.  Gymn.  1866,  776  f.).  Schwankender  äussern  sich 
Stahk  Aristotelia  II,  289  ff.  vgl.  besonders  275  f.)  und  Brandis  (Gr.-röm. 
Phil.  II,  b,  101  ff.),  wenn  jener  als  exoterische  Schriften  theils  solche  be- 
zeichnet glaubt,  in  denen  etwas  nur  gelegentlich  besprochen  wurde,  theils 
und  hauptsächlich  solche,  die  nicht  wesentlich  in  den  systematischen  Zu- 
sammenhang der  philosophischen  Schriften  gehörten,  wie  die  Dialogen,  theils 
endlich  eine  bestimmte  Weise  des  Philosophirens;  während  dieser  zwar 
im  allgemeinen  die  exoterischen  Schriften  den  populären  gleichsetzt,  aber 
auf  genauere  Bestimmungen  über  sie  und  über  den  Ausdruck:  „exoterische 
Reden"  verzichtet.  Ganz  vereinzelt  steht  Thomas  De  Arist.  1%(ot.  Xöyoii; 
(Gott.  1860)  mit  dem  seltsamen  Einfall,  die  exoterischen  Reden  des  Arist.  in 
der  grossen  Moral  zu  suchen  —  Eine  eingehendere  Prüfung  dieser  ver- 
schiedenen Annahmen  erlaubt  mir  der  Raum  nicht;  die  Entscheidungsgriinde, 
von  denen  sie  auszugehen  hätte,  sind  im  vorhergehenden  enthalten.  Die 
ältere  Literatur  über  unsere  Frage  gibt  Stahk  a.  a.  0. 


Wissenschaftliche  Lehrschriften.  127 

die  Vermuthung  fuhrt,  die  uns  erhaltenen,  streng  wissenschaft- 
lichen Werke  des  Philosophen  seien  zunächst  nur  als  Lehrbücher 
für  seine  Schüler  verfasst  worden;  sondern  auch  in  diesen  Wer- 
ken selbst  findet  sich  manches,  das  mit  der  Voraussetzung,  sie 
seien  noch  vor  Aristoteles'  Tod  herausgegeben  worden,  schwer 
zu  vereinigen  ist. 

Dahin  gehört  zunächst  die  merkwürdige  Erscheinung x),  dass 
nicht  so  ganz  selten  eine  Schrift,  die  von  einer  andern  angeführt 
wird,  auf  eben  diese  ihrerseits  Bezug  nimmt,  oder  dass  die  gleiche 
Untersuchung  von  einer  früheren  Schrift  als  bereits  vorliegend  be- 
handelt, von  einer  späteren  erst  für  die  Zukunft  in  Aussicht  gestellt 
wird.  Die  Topik,  welche  in  den  beiden  Analytiken  öfters  an- 
geführt ist 2),  nennt  ihrerseits  jene  an  vier  Stellen 3) ;  und  wenn 
diese  auch  sämmtlich  ihren  späteren  Theilen  angehören,  können 
sie  doch  nicht  jünger  sein  als  die  Analytiken,  in  denen  diese 
Bücher  ebenso  angeführt  werden,  wie  die  früheren4).  Kann 
ferner  auch  die  Physik  bei  der  Hinweisung  auf  Erörterungen, 
welche  sich  jetzt  nur  in  der  Metaphysik  finden,  einen  Abschnitt 
im  Auge  haben,  der  schon  vor  der  Abfassung  der  letzteren  eine 
selbständige  Schrift  bildete  5),    so  wird  dagegen  in  den   Büchern 


1)  W eiche  schon  Ritter  III,  29  und  Brandis  II,  b,  113  in  ähnlicher 
Weise,  wie  diess   hier  geschieht,  erklärt  haben. 

2)  Vgl.  S.  72,  2.  Im  übrigen  gibt  Bomtz  Ind.  arist.  102  f.  die  Belege 
zu  der  folgenden  Erörterung,  so  weit  sie  nicht  ausdrücklich  angegeben  sind. 

3)  VII,  3.  153,  a,  24:  ?x  ti'vcov  dt  Sei  xciTCiGxtväktiv  (sc.  GvXXoytGubv 
i'gov)  SiwgcGtcu  utv  iv  irigoig  (ixgißtGTtgov  (vgl.  Anal.  post.  II,  13).  VIII, 
11.  162,  a,  11:  qavtgbv  d'  ix  twv  dvccXirixiöv  (Anal.  pr.  II,  2^.  VIII,  13. 
162,  b,  32:  to  d'  iv  tco/ij  .  .  .  7Twg  airUTtti  6  igwrwv,  xar'  dXrj&tiav  /uev 
iv  roig  dvaXvjixoig  (Anal.  pr.  II,  16;  tigeren,  xktu  dö'£av  dt  vvv  Xtxrtov. 
IX.  2  (soph.  el.).  165,  b,  8:  ntgl  piv  ovv  rcSv  dnodtixrixwv  (sc.  oiXXoyio- 
uwv)  iv  ro?g  dvai.vTixoig  t'i'grjrai. 

4)  Anal.  pr.  II,  15.  64,  a,  36  (tGtc  dt  dV  aXXiov  igonrjudrcüv  GvX- 
Xoyi'octG&ai  ÜuTtgov  rj  wg  iv  roTg  TontxoTg  iXfy&r]  Xnßtir)  geht  auf  Top. 
VIII,  Anal.  pr.  II,  17.  65,  b,  15  (einig  tigeren  xal  iv  TOig  TomxoTg)  auf 
die  Stelle  Top.  IX,  4.  167,  b,  21,  an  deren  Wortlaut  auch  das  folgende 
anknüpft. 

5)  Phys.  I,  8.  191,  b,  27  bemerkt  Arist.  nach  einer  Erörterung  über 
<lie  Möglichkeit  des  Werdens:  eis  {**v  dy  rgönog  oirog,  aXXog  d'  ort, 
trih'ytTdt  ravTtt  Xtytiv  xutic  t!]v  dvvauiv  xcu  ttjv  ivigyttuv  tovto  d  iv 
äXXoig  deowtorac  dV  d/.gißtiug  fxäXX.ov.  Diese  Verweisung  wird  allerdings 
mit  der  <:rössten  Wahrscheinlichkeit  auf  eine   Stelle  der  Metaphysik  bezogen 


1  ■_>*-  A  ri  Btot  ele  -. 

vom  Himmel  eine  zoologische  Abhandlung  angeführt1),  von  der 
eich  nicht  bezweifeln  lässt,  dass  sie  später,  als  jene,  verfasst 
wurde8).  I>i<'  Meteorologie  verweist  auf  die  Abhandlung  über 
die  Sinne3),  wiewohl  sie  gleich  in  ihrem  Eingang  (I,  1)  sich 
selbst  als  den  Abschluss  der  Untersuchungen  über  die  unorga- 
nische Natur  bezeichnet  hat,  an  welche  die  über  Thiere  und 
Pflanzen  sich  erst  anschliessen  sollen.  In  der  Thiergeschichte 
wird  das  Pflanzenwerk  angeführt,  während  es  in  anderen,  nach- 
weisbar späteren  Büchern  erst  als  künftig  in  Aussicht  gestellt 
ist4);  das  gleiche  Werk,  welches  die  Schrift  von  der  Ent- 
stehung der  lebenden  Wesen  in  einem  der  früheren  Abschnitte 
als  schon  vorhanden,  in  einem  späteren  als  noch  ungeschrieben 
behandelt  5).  Die  verlorene  Schrift  über  die  Ernährung 
wird  in  der  über  den  Schlaf  benützt (;),  in  den  späteren  Werken 


werden  (denn  an  eine  der  verlorenen  Schriften  zu  denken,  verbietet  die  Er- 
wägung, dass  Arist.  diese  sonst  nicht,  wie  die  Lehrschriften,  mit  dem  ein- 
fachen Iv  aXXoig  anzuführen  pflegt;  vgl.  S.  112  IT.);  aber  hier  passt  sie  nicht 
blos  auf  IX,  6  ff.,  sondern  auch  auf  V,  7.  1017,  a,  35  ff.,  also  die  Ab- 
handlung 7tsqI  tov  noaaywg  vgl.  S.  80,  1.  Das  gleiche  gilt  von  gen.  et 
corr.  II,    10.  336,  b,  29,  vgl.  Metaph.  V,  7. 

1)  De  coelo  II,  2.  284,  b,  13:  wenn  die  Welt  eine  rechte  und  linke 
Seite  hätte,  müsste  sie  auch  ein  Oben  und  Unten,  Vorne  und  Hinten  habeu; 

ÖlWQtOTCU      /UtV     OVV     7T(ol     TOVTCOV      iv     TOTg       7TSQI     T«?     TWV     ClOtOV    XlVt]0£t; 

(ingr.  an.  2.  704,  b,  18  ff.  ebd.  c.  4  f.)  dta  to  rijg  (fvatug  olxti«  t>); 
rs.tt'rwv  etvat. 

2)  Wie  diess  ausser  Meteorol.  I,  1  Schi,  schon  daraus  hervorgeht,  dass 
die  Thiergeschichte  und  n.  Comv  uooi'or  darin  angeführt  werden ;  Ind.  arist. 
100,  a,   55  f. 

3)  III,  2  Schi.:  (oho  6i  ttsqI  tovxwv  rjfilv  Te&toinij/jiroi'  iv  rofg  nt^i 
rüg  (clofrt'iOtig  ätixvvfiivoig '  (De  sensu  3)  öib  rä  fxtv  Xiyoifitv,  roig  ä' 
wf  vndnyovoi  yoTjao'jfxt&u  jtvruiv.  Um  so  weniger  haben  wir  Grund 
Meteor.  II,  3.  359,  b,  21  dem  eiQtjTca  ir  nXlotg  eine  andere  Beziehung  zu 
geben,  als  auf  De  sensu  4. 

4)  II.  an.  V,  1.  539,  a,  20:  wßnfQ  tfnriTctt  ir  rrt  &eo)t>(u  rtj  ntQi 
<f  itcöv.  Dagegen  wird  diese  Schrift,  wie  S.  98,  1  gezeigt  ist,  in  Werken, 
welche  ihrerseits  die  Thiergeschichte  öfters  anführen,  De  vita  et  m.,  part. 
an.,  gen.  an.,  erst  versprochen. 

5)  I,  23.  731,  a,  29:  dXXä  ntql  futv  (fvrwv ir  kriqoig  inioxenrui. 
Dagegen  V.  3.  783,  b,  23:  aXXa  ntQi  fxlv  rovrojv  (das  Abfallen  der  Blätter 
im  Winter)  iv  ciD.oig  rb  cunor  Xexriov  (vgl.  I,  1.  716,  a,  1:  ntni  /utv  ovv 
(jvTiiJr.   avTtt  xcc't'  ccvrä  /wm;  inta/.tnrior  und  S.  98,   1). 

6)  C.  3,  450,   I),  5:  etgtjTat  <ii   ntcn  roviwr  ir  roig  neu  TQoyrjg. 


Wissenschaftliche  Lehrschriften.  120 

über  die  Theile  und  die  Entstehung  der  lebenden  Wesen  erst 
versprochen  x).  Dieselben  "Werke  stehen  mit  einigen  andern  von 
den  kleineren  physiologischen  Schriften  2)  in  einem  solchen  Ver- 
hältniss  gegenseitiger  Anführung,  dass  sich  nicht  entscheiden 
lässt,  welche  die  früheren  und  welche  die  späteren  sind.  Die 
Schrift  von  den  Theilen  der  lebenden  Wesen  wird  in  der  über 
ihren  Gang  einmal,  diese  in  jener  dreimal  citirt 3).  Wie  sollen 
wir  nun  diese  Erscheinung  ansehen?  Sollen  wir  in  allen  diesen 
Fällen  die  Anführungslbrmeln  der  früheren  Schriften  so  um- 
ändern, dass  die  späteren  darin  erst  'für  die  Zukunft  angekün- 
digt, nicht  als  schon  vorhanden  angeführt  würden?  Allein  diess 
wird  theils  durch  die  Anzahl  der  Fälle,  welche  immerhin  erheb- 
lich genug  ist,  theils  durch  den  Umstand  verboten,  dass  in  meh- 
reren derselben  die  Berücksichtigung  der  späteren  Schrift  in  den 
Text  der  früheren  zu  tief  eingreift,  um  sich  auf  diesem  Wege 
beseitigen  zu  lassen4).  Die  gleichen  Gründe  stehen  der  An- 
nahme im  Weg,  dass  alle  jene  auffallenden  Citate  erst  nach 
Aristoteles'     Tod     in     den    Text     seiner    Schriften     gekommen 


1)  Vgl.  S.  96,  na  und  über  das  Zeitverhältniss  der  Schriften  tt.  vttvol, 
jt.  £wwr  i^ooiwr,  tt.  £<wcür  ytvtatwg  Ind.  arist.   103,  ä,   16  ff.  55  ff. 

2)  77.  Cur};  x«i  frccrccrov  nebst  der  dazu  gehörigen  tt.  th'anrorjg,  vgl. 
S.  95  unt.  f. 

3)  Ingr.  an.  5.  706,  a,  33 :  manche  Thiere  haben  die  vorderen  und  hin- 
teren Theile  bei  einander,  oiov  tcc  tj  juk).«xicc  xul  tu  crrpou/Jwdr;  rwi 
oaxouy.oStoixon' .  eigrjTai.  öe  tt(oI  tovtojv  ttq6t£qoI'  tv  irfQOig  (part.  an.  IV, 
9.  6S4,  b,  10  ff.  34,  wo  dasselbe  über  die  fialaxta  Tt  xul  axQoußwöi]  twv 
baTQay.odtouü)v  steht).  Dagegen  part.  an.  IV,  11.  690,  b,  14:  fj  d"  aln'ct 
Tijg  uTTodiug  uvtwv  (der  Schlangen)  (torjTca  £v  TOtg  tt(qI  rr\g  7iOQtiag  töjv 
tojujv  (c.  S.  708,  a,  9  ff.)  diojgiautroig.  Ebd.  692,  a,  16:  ttsqi  dk  Tijg  twv 
xaujivf.cüV  xüfxipsojg  Iv  Toig  neo)  noosiug  (c.  7.  707,  b,  7  ff.)  rrgÖTtgor 
IniaxtTTTai,  xoirjj  ttsqi  ttkvtmy.  Mit  Beziehung  auf  dieselben  Stellen  IV, 
13.  696,  a,  11 :  to  tf'  cutiov  li'  roTg  nfol  nootlcc;  xai  xirrjOtoig  tcüjv  tfipwv 
(Tqtjtki. 

4)  So  Top.  VII,  3.  153,  a,  24,  wo  zur  Entfernung  des  Citats  zwei  Zeilen 
ausgeworfen  werden  müssten,  und  Meteorol.  III,  2  Schi.  (s.  o.  128,  3),  wo 
das  cag  VTiüoyovot^  /orjacouf^cc  deutlich  zeigt,  dass  es  sich  nicht  um  eine  erst 
zu  erwartende  Darstellung  handelt.  Koch  gewaltsamer,  als  die  hier  be- 
strittenen Textesänderungen,  ist  die  Auskunft  (Rose  Ar.  libr.  ord.  118  f.), 
aöthigenfalls  tl'orjTac  die  Bedeutung  von  o^'.l^otTui  zu  geben,  und  in  Aus- 
drücken, wie:  tlg  ixtfrur  tov  xaiQov  unoxtlofrü},  die  Beziehung  auf  die 
Zukunft  zu  läugnen. 

Zeller,  Pinlos.  d.  Gr.  II.  Bd.  2.  Abtb.  3.  Aufl.  9 


130  Aristoteles.    " 

seien  y).  Viel  einfacher  erklärt  sieh  die  Sache,  wenn  dieser  selbst 
die  Werke,  in  denen  später  abgefasste  als  schon  vorhanden  an- 
geführt wurden,  nach  ihrer  Abfassung  nicht  sofort  herausgegeben, 
sondern  zunächst  nur  im  Zusammenhang  mit  seinem  persönlichen 
Unterricht  seinen  Schülern  ihre  Benützung  gestattet  hatte.  In 
solche  Handsehritten  konnten  im  Verfolge  mit  andern  Zusätzen 
auch  Hinweisungen  auf  später  geschriebene  Werke  eingetragen 
werden;  und  wenn  ihr  Verfasser  selbst  nicht  mehr  dazu  kam, 
einem  Werke  zum  Zweck  der  Veröffentlichung  die  letzte  Feile 
zu  geben,  konnte  es  auch  geschehen,  dass  die  bei  seiner  ersten 
Abfassung  der  Sachlage  entsprechende  Hinweisung  auf  eine  erst 
zu  erwartende  Arbeit  auch  nach  ihrer  Ausführung  in 
dieser  Form  stehen  blieb,  während  vielleicht  an  einer  anderen 
Stelle  desselben  Werks  oder  in  einer  vor  ihm  verfassten 
Schrift  ein  Zusatz  Aufnahme  gefunden  hatte,  welcher  auf  die 
gleiche  Arbeit  als  eine  bereits  vorhandene  hinwies.  In  der- 
selben Weise  lässt  es  sich  erklären,  dass  die  Politik,  welche  wir 
flu  ein  von  Aristoteles  nicht  vollendetes  und  erst  nach  seinem 
Tod,  in  ihrer  unvollendeten  Gestalt,  herausgegebenes  Werk  zu 
halten  allen  Grund  haben 2),  zugleich  mit  der  in  ihr  erst  ver- 
sprochenena)  Poetik,  in  der  Khetorik  angeführt  wird4):  Aristo- 
teles hatte  einen  Theil  der  Politik  früher  niedergeschrieben  als 
die  Rhetorik  und  Poetik,  und  konnte  desshalb  die  Poetik  in  der 
Politik  als  zukünftig,  die  Stelle  der  Politik  in  der  Rhetorik  als 
schon  vorhanden  anführen;  hätte  er  dagegen  die  Rhetorik  selbst 


1)  Ausser  den  vor.  Anm.  angeführten  Stellen  erscheint  diese  Auskunft 
namentlich  De  coelo  II,  2  (s.  o.  128,  1)  bedenklich,  da  hier  dem  diwotOTtxi 
/uev  ovv  (Z.  13)  das  ei  Je  öei  xal  to)  ovquvo)  u.  s.  f.  (Z.  18)  entspricht, 
so  dass  die  ganze  Stelle  von  öiÜqioku  —  eiiloyov  vnüoyevv  iv  aircö 
(Z.  2ü),  die  allerdings  entbehrt  werden  könnte,  ein  nacharistotelisches  Ein- 
schiebsel sein  müsste. 

2)  Vgl.  S.  52U  ff.   2.  Aufl. 

3)  VIII,  7.  1341,  b,  39:  über  die  Katharsis  vvv  uev  taikwg,  tiÜXiv  cT  iv 
TüTg  neol  ttoitjtixtjs  iyovjuev  Ouifje'GJtoov,  was  sieb,  wie  ich  mit  Bernays 
(Abh.  d.  hist.  phil.  Ges.  in  Breslau  S.  139)  annehme,  auf  einen  verlorenen 
Abschnitt  unserer  Poetik,  nicht  auf  einen  solchen  der  Politik  (Heitz  Verl. 
Sehr.  100   f.)  beziehen  wird. 

4)  Die  Politik  J,  8.  13D(i,  a,  21  (SujxgtßtOTat  yäq  iv  roig  noXiTixoig 
Tieul  ToiTtov),  die  Poetik  öfters,  s.  o.   107,  1. 


Wissenschaftliche  Lehrschriften.  131 

noch  herausgegeben, .  so  hätte  er  sich  in  ihr   auf   die   noch  nicht 
veröffentlichte  Politik  nicht  in  dieser  Art  berufen  können1). 

Dass  die  aristotelischen  Lehrschritten  zunächst  für  die 
Schüler  des  Philosophen  bestimmt  waren,  scheint  sich  auch  aus 
den  Schlussw orten  der  Topik-)  zu  ergeben.  Wenn  der  Ver- 
tu sser  hier  seine  Leser  anredet,  um  für  die  Theorie,  die  er  ihnen 
auseinandergesetzt  hat,  theils  ihre  Nachsicht  theils  ihren  Dank 
in  Anspruch  zu  nehmen 3),  und  sich  dabei  speciell  an  diejenigen 
von  ihnen  "wendet,  welche  seine  Vorträge  angehört  haben,  so 
folgt  daraus  allerdings  nicht,  dass  unsere  Topik  ein  blosses  Vor- 
lesungsheft  des  Philosophen  oder  eine  Nachschrift  eines  Zuhörers 
ist-,  diesen  beiden  Annahmen  steht  vielmehr  neben  den  Worten 
unserer  Stelle 4)  der  Umstand  entgegen ,  dass  Aristoteles  selbst 
in  späteren  Schriften  nicht  selten  auf  die  Topik  verweist5),  wie 
dies*-  weder  in  Beziehung  auf  eine  andern  nicht  mitgetheilte,  noch 
in  Beziehung  auf  eine  von  einem  andern  herausgegebene  Vor- 
lesung möglich  war.  Andererseits  passt  aber  eine  solche  An- 
rede auch  nicht  in  ein  Werk,  das  durch  förmliche  Herausgabe 
einem  Leserkreis  von  beliebiger  Ausdehnung  vorgelegt  wird; 
wogegen  sie  sich  vollkommen  erklärt,   wenn  die  Topik  zunächst 


1)  Schwieriger  ist  es,  aus  dieser  Voraussetzung  die  eigenthümliche  Er- 
scheinung zu  erklären,  dass  Ehet.  III,  1.  1404,  b,  22  von  dem  Schauspieler 
Theodorus  gesprochen  wird,  als  ob  er  noch  lebte  und  aufträte,  während  ihn 
Polit.  VIII,  17.  1336,  b,  27  wie  einen  der  Vergangenheit  angehörigen  be- 
handelt. Hier  fragt  es  sich  aber,  ob  wir  im  3.  Buch  der  Rhetorik  das 
eigene  Werk  des  Aristoteles  vor  uns  haben  oder  die  Arbeit  eines  Späteren, 
der  an  unserer  gut  aristotelisch  lautenden  Stelle  eine  ältere  Ausführung  des 
Arist.  (möglicherweise  die  &eod(xreia)  benützt  haben  könnte.    Vgl.  S.  78,  1. 

2)  Soph.  el.  33  Schi.:  Für  seine  Theorie  der  Beweisführung  habe  Arist. 
gar  keinen  Vorgänger  gehabt;  ei  de  (paiverai  fteuauuevoig  vulv  .  .  .  e/tiv 
tj  [xeltodog  ixavws  tikqu  rüg  äk/.ug  Tigayuareiug  7tcg  ix  nuQtidöoewg  tjv£t)- 
ue'vug,  kocnov  uv  eirj  tiuvtiov  ifxCjv  rj  iwc  rjxnoa^e'vwv  eoyov  Teig  tuev 
naou'/.t/.eiuue'voig  rrjg  tue&6öov  Gvyyviü/urjv  rotg  d*  evQi)uivoig  tioIItjv 
tytw  %Üqiv. 

3)  Einige  Handschriften  lesen  zwar  statt  vulv  und  vuüjv  „r)ulvu  und 
„tjuwv'';  aber  Arist.  konnte  doch  unmöglich  sich  selbst  unter  diejenigen, 
denen   er  dankt  und   bei   denen  er  sich  entschuldigt,  mit  einschliessen. 

4)  Welche  ja  unter  den  Lesern  die  rjy.ooccue'i'oi  von  den  übrigen  unter- 
scheidet-, nur  wenn  man  das  17  vor  raiv  Tjxooauiviov  striche,  erhielte  man 
eine   einfache  Anrede  an  Zuhörer,  aber  die  Handschriften  haben  es  alle. 

5)  Ind.  arist.   102,  a,  40  ff. 

9* 


132  Aristoteles. 

nur  den  Schülern  des  Aristoteles  zur  Erinnerung  an  den  Inhalt 
seiner  Vorträge  oder  zum  Ersatz  für  dieselben  dienen  sollte J). 
Und  dass  es  sieh  wirklieh  mit  einem  Theil  der  aristotelischen 
Schriften  so  verhielt,  müssen  wir  auch  aus  einigen  anderen  Bei- 
spielen schliessen.  Die  Uebersicht  über  die  verschiedenen  Be- 
deutungen der  Wörter,  welche  jetzt  das  fünfte  Buch  unserer 
Metaphysik  bildet,  kann  in  dieser  lexikalischen  Gestalt,  ohne 
Einleitung  und  Sehluss,  unmöglich  von  Aristoteles  selbst  ver- 
öffentlicht, sondern  nur  seinen  Schülern  als  Hülfsmittel  des 
Unterrichts  in  die  Hand  gegeben  Avorden  sein;  und  doch  wird 
wiederholt,  und  nicht  erst  in  der  Metaphysik,  auf  sie  verwiesen  -). 
Das  gleiche  scheint  bei  den  oft  citirten  anatomischen  Beschrei- 
bungen 3)  der  Fall  gewesen  zu  sein,  die  schon  wegen  der  Zeich- 
nungen, die  einen  wesentlichen  Bestandtheil  derselben  bildeten, 
auf  einen  engeren  Kreis  beschränkt  bleiben  mussten.  Waren 
aber  Schriften,  auf  die  Aristoteles  verweist,  nur  seinen  Schülern 
mitgetheilt  worden,  so  muss  es  sich  auch  mit  denen,  worin  er 
auf  sie  verweist,  ebenso  verhalten  haben,  da  man  sich  unmög- 
lich in  einer  veröffentlichten  Schrift  auf  eine  nicht  veröffentlichte 
mit  der  Bemerkung  berufen  kann,  ein  in  jener  berührter  Punkt 
sei  in  dieser  genauer  erörtert. 

Aus  der  gleichen  Voraussetzung,  wie  die  bisher  besproche- 
nen Erscheinungen,  erklären  sich  noch  einige  weitere  Eigen- 
tümlichkeiten der  aristotelischen  Schriften.  Jene  vielbesproche- 
nen Nachlässigkeiten  ihres  Styls,  jene  Wiederholungen,  welche 
uns  in  diesen  meist  so  knappen  Darstellungen  nicht  selten  über- 
raschen, jene  Einschiebsel,  die  einen  sonst  wohlgefügten  Fort- 
schritt der  Rede  unterbrechen,  begreifen  sich  am  leichtesten, 
wenn  man  annimmt,  an  die  Schriften,  worin  sie  sich  finden, 
habe  ihr  Verfasser  selbst  die  letzte  Hand  nicht  mehr  angelegt, 
und  es  sei  bei  ihrer  Herausgabe  ihrem  ursprünglichen  Text  — 
sei  es  aus  andern  Aufzeichnungen,  sei  es  aus  den  Vorträgen 
ihres  Verfassers    —   das    eine    und    andere    beigefügt   worden  *). 


1)  Wie  schon  Staiik  a.  a.  0.   vermuthet. 

2)  Vgl.  S.  SD  unt.   f.  127.  5. 

3)  Worüber  S.  93,  1. 

4)  Eine  Annahme,  zu  der  eine  Reihe  von  Gelehrten,  unter  verschiedenen 
näheren  Modifikationen  derselben,  geführt  wurde;    so  Ritter  III,   29  (s.  o. 


Wissenschaftliche  Lehrschriften.  133 

Am  nächsten  liegt  diese  Vermuthung,  wenn  sich  in  grösseren  Ab- 
schnitten eines  Werks  Spuren  einer  doppelten  Recension  linden, 
ohne  dass  wir  doch x)  eine  der  beiden  Fassungen  Aristoteles  ab- 
zusprechen Grund  haben,  wie  diess  bei  den  Büchern  von  der 
Seele  der  Fall  ist2);  um  von  der  Politik  und  Metaphysik  nicht 
zu  reden,  die  wir  auch  aus  anderen  Gründen  für  unvollendete 
und  erst  nach  dem  Tod  ihres  Verfassers  erschienene  Werke 
halten  müssen 3).  Auch  hier  müssen  wir  aber  von  den  Schriften, 
deren  Herausgabe  erst  in  die  Zeit  nach  Aristoteles'  Tod  zu 
fallen  scheint,  auf  alle  die  zurückschliessen ,  welche  durch  An- 
führungen der  ersteren  beweisen,  dass  sie  später,  als  jene,  ver- 
fasst  sind.  Sollte  sich  daher  die  obige  Vermuthung  auch  nur 
für  die  Schrift  von  der  Seele  zu  einem  höheren  Grade  der 
Wahrscheinlichkeit  erheben  lassen,  so  würden  daraus,  da  die 
letztere  in  mehreren  anderen  naturwissenschaftlichen  Werken 
angeführt  ist4),  sehr  weitgreifende  Folgerungen  hervorgehen. 

Wie  weit  freilich  diese  Ansicht  über  die  Entstehung  der 
aristotelischen  Werke  auszudehnen  und  wie  sie  näher  zu  modi- 
ficiren  ist,  lässt  sich  nur  durch  Untersuchung  der  einzelnen 
Schriften  ausmachen.  Da  die  oben  besprochenen  Erscheinungen, 
die  Berufung  auf  herausgegebene  oder  exoterische  Schriften,  die 
Anführung  späterer  Werke  in  früheren,  die  Wiederholungen  imd 
Nachlässigkeiten ,  welche  die  abschliessende  Arbeit  des  Verfassers 
vermissen  lassen,  sich  durch  alle  oder  fast  alle  Werke  unserer 
Sammlung  hindurchziehen,  da  schon  die  Topik  und  die  Bücher 
von  der  Seele  zu  der  Vermuthung  Anlass  geben,  sie  seien  zu- 
nächst nur  für  die  Schüler  des  Aristoteles  niedergeschrieben  wor- 
den °),  eben  diese  Bücher  aber  von   den   späteren  vielfach   an- 


S.  126,  m.),  Bran-dis  II,  b,  113.     Ueberweg  Gesch.  d.  Phil.  I,  174  5.  Aufl. 
Susemiiil  Arist.  Poet.  S.   1  f.    Bernavs  Arist.  Politik  212. 

1)  Wie  im  7.  Buch  der  Physik,  über  das  Spengel  Abh.  d.  Miinchn. 
Akad.  III,  2,  305  ff.     Pra>tl  Arist.  Phys.   337  z.  vgl. 

2)  Vgl.  S.  93,  2.  Anders  mag  es  sich  mit  den  in  der  Ethik,  nament- 
lich B.  5 — 7,  vorkommenden  Wiederholungen  und  Störungen  des  Zusammen- 
hangs verhalten.     Vgl.   S.   102,   1. 

3)  Vgl.  S.  80,  2  und  S.  520  ff.  2.  Aufl. 

4)  S.  o.  93,  2.     Ind.  ar.   102,  b,  60  ff 

5)  Vgl.   S.   131   ff. 


134  Aristoteles. 

geführt  werden '),  so  ist  es  allerdings  wahrscheinlich,  dass  unsere 
ganze  aristotelische  Sammlung,  so  weit  sie  acht  ist,  nur  .aus 
solchen  Werken  besteht,  die  im  Zusammenhang  mit  dem  Unter- 
richt im  Lyceum  entstanden  und  zunächst  für  die  aristotelischen 
Schüler  bestimmt,  erst  nach  dem  Tod  ihres  Verfassers  durch 
formliche  Herausgabe  allgemein  zugänglich  gemacht  wurden. 
Von  der  überwiegenden  Mehrzahl  dieser  Werke  müssen  wir 
nicht  allein  wegen  ihrer  inneren  Beschaffenheit,  sondern  auch 
wegen  der  ausdrücklichen  Beziehung,  in  welche  sie  sich  zu  ein- 
ander setzen,  annehmen,  sie  seien  von  Aristoteles  selbst  in  schrift- 
licher Bearbeitung  dessen,  was  er  seinen  Schülern  bereits  münd- 
lich vorgetragen  hatte,  verfasst  worden  2) ;  wenn  auch  bei  ihrer 
Herausgabe  durch  Dritte  da  und  dort  Zusätze  gemacht  und 
selbst  ganze  Abschnitte  aus  aristotelischen  Vorlesungen  oder 
Handschriften  in  ihren  Text  aufgenommen  worden  sein  können 3). 
Einzelne  mögen  auch  als  Hülfsmittel  des  Unterrichts  gedient 
haben,  ohne  dass  sie  selbst  den  Inhalt  bestimmter  Lehrvorträge 
wiedergaben4);  eines  unserer  metaphysischen  Bücher5)  scheint 
eine  Aufzeichnung  gewesen  zu  sein,  die  aristotelischen  Vorträgen 
zu  Grunde  gelegt  wurde,  aber  in  dieser  Gestalt  nicht  zur  Mit- 
theilung an  andere  bestimmt  war.  Dass  es  sich  aber  mit 
einem  grösseren  Theil  unserer  Sammlung  ebenso  verhielt,  lässt 
sich  nicht  annehmen.  Denn  diess  verbieten  theils  die  zahl- 
reichen, durch  unsere  ganze  Sammlung  sich  hindurchziehenden 
Verweisungen  der  Schriften  auf  einander,  welche  ihrer  Zahl  wie 
ihrer  Form  nach  weit  über  das  hinausgehen,  was  Aristoteles  für 
den  angegebenen  Zweck  sich  selbst  anzumerken  veranlasst  sein 
konnte ") ;      theils    erscheinen     die     aristotelischen    Werke ,    bei 


1)  Ueber  die  Bedeutung  dieses  Umstandes  vgl,  m.  S.   132,  m. 

2)  M.  vgl.  was  aus  Anlass  der  Topik  S.  131   f.  bemerkt  ist. 

3)  Wie  diess  nacli  dem  S.  SO,  2.  133  bemerkten  bei  der  Metaphysik 
und  der  Schritt  von  der  Seele  der  Fall  gewesen  zu  sein  scheint. 

4)  Wie  die  Schrift  tkqi  tov  noan/cÖg  (vgl.  S.  SO,  2.  132),  weniger 
möchte  ich  es  von  den  'AvaTOfxai   verniuthen. 

5)  Das  zwölfte  vgl.  S.   82. 

6  B.  XII  der  Metaphysik  hat  in  seiner  ersten  Hälfte,  so  manche  Ver- 
anlassung dazu  gewesen  wäre,  gar  keine,  in  der  zweiten,  bereits  viel  voll- 
ständiger ausgeführten,  (da  das  dtStf/.Tca  c.  7.  1073,  a,  5  auf  c.  f>.  1071,  b, 
20  geht)  eine  einzige  Verweisung   (c.   S.  1073,  a,  32:    (h'ötiy.rai   <T  lv  toi; 


Wissenschaftliche  Lehrschriften.  135 

aller  Gedrungenheit  ihrer  Darstellung  und  trotz  aller  der  oben 
(S.  132)  besprochenen  Mangel,  doch  schriftstellerisch  immer 
noch  viel  zu  ausgearbeitet,  als  dass  wir  in  ihnen  nur  Aufzeich- 
nungen zu  eigenem  Gebrauch  sehen  könnten;  und  schon  die 
ungemein  häufigen  Einleitungs-,  Uebergangs-  und  Schlussformeln 
und  ähnliche  Wendungen  beweisen,  dass  sie  von  ihrem  Verfasser 
nicht  blos  für  sich  selbst,  sondern  auch  für  andere  niedergeschrie- 
ben worden  sind1).  Ebensowenig  empfiehlt  sich  mir  die  Ver- 
muthung  2),  unsere  aristotelischen  Schriften  bestehen  alle  oder  einem 
erheblichen  Theile  nach  aus  Aufzeichnungen,  in  welchen  Schüler 
des  Philosophen  den  Inhalt  seiner  Lehrvorträge  dargestellt  hatten. 
Dass  sie  mit  diesen  Vorträgen  in  einem  nahen  Zusammenhang 
stehen,  hat  sich  ims  allerdings  bereits  als  wahrscheinlich  ge- 
zeigt 3).     Aber  eine  andere  Frage  ist  es,  ob  sie  eine  blosse  Auf- 


<j  inixotg  ntn)  toltmv).  Anders  verhält  es  sich  in  den  meisten  übrigen 
Werken.  Koch  entscheidender  ist  aber  die  Form  der  Verweisungen.  Wen- 
dungen, wie  das  S.  119unt.  besprochene  (fuutv,  umständliche  Formeln,  wie: 
tx  T(  jr^g  taTOQiug  rr/g  nsgi  tu  Ciou  qurioör  xui  twv  ürurof/ojv  xai  vOreoov 
Ityßr^tTui  lv  roTg  7T(gl  yeveasto;  (part.  an.  IV,  10.  689,  a,  18)  und  ähn- 
liche (Beispiele  bietet  der  Ind.  ar.  97,  b  ff.),  oder  wie  die  S.  118,3.  119,2 
angeführten,  gebraucht  niemand   sich  selbst  gegenüber. 

1)  Dahin  gehört  der  Schluss  der  Topik  (worüber  S.  131);  das  vvv 
dt  Xiytüfifv  (soph.  el.  c.  2,  Schi.  Metaph.  VII,  12,  Anf.  XIII,  10.  1086,  b, 
16  u.  o.),  (Santo  liyof4SV,  wcrntq  üJyoutv  (Eth.  N.  VI,  3.  1139,  b,  26. 
Metaph.  IV,  5.  1010,  a,"4.  Rhet.  I,  1.  1055,  a,  28  u.  o.),  xad-äneo  InrjlSofiev 
(Metaph.  X,  2,  Anf.  XIII,  2.  1076,  b,  39),  xa&airsg  ditü.öue&K  (Metaph. 
VII,  1,  Anf.),  «  SiaigiOuutv,  h'  oig  diojQiGuusöcc,  tu  Siwoiauivu  i)un 
(Metaph.  I,  4.  985,  a,  1  I.  VI,  4,  Schi.  I,  7.  1028,  a,  4).  äfjlov  r\filv  (Rhet.  I, 
2.  1356,  b,  9.  135".  a.  29),  ts&swotjtcu  i\fuv  txuvoig  neol  avräv  (Metaph. 
I,  3.  9V3.  a,  33) ;  ferner  jene  Sätze,  in  welchen  früher  erörtertes  zusammen- 
gefasst.  und  weiter  auszuführendes  angekündigt  wird  (wie  Metaph.  XIII,  9. 
1086,  a,  18  ff.  Rhet.  I,  2.  1356,  b,  10  ff.  soph.  el.  c.  33.  183,  a,  33  ff. 
Meteorol.  Anf.).  Oncken  a.  a.  O.  58  verzeichnet  allein  aus  der  nikomachi- 
schen  Ethik  und  der  Politik  32  Stellen  mit  derartigen  Formeln.  Nun  wird 
aber  doch  niemand  glauben,  dass  Aristoteles,  wie  ein  angehender  Docent, 
der  noch  keines  Wortes  sicher  ist,  alle  solche  Redewendungen  in  sein  Vor- 
lesungsheft einzutragen  nöthig  gehabt  hätte. 

2)  Oncken  a.  a.  O.  48  ff  nach  Scaliger.  O.  bemerkt  dabei  (62  f.  , 
dass  er  diese  Annahme  zunächst  nur  für  die  Ethik  und  Politik  wahrschein- 
lich gemacht  zu  haben  glaube,  aber  seine  Gründe  würden  von  der  Mehrzahl 
unserer  aristotelischen  Schriften  gelten. 

3)  Oncken  beruft  sich  dafür  neben  anderem  (S.  59  f.)  mit  Recht  auch  auf 


136  Aristoteles. 

Zeichnung  derselben  oder  eine  freie  Bearbeitung  ihres  Inhalts 
sein  wollten,  ob  sie  es  auf  eine  mögliehst  getreue  Wiedergabe 
der  aristotelischen  Worte  oder  auf  eine  geistige  Reproduktion 
der  Gedanken  abgesehen  hatten,  ob  sie  von  Schülern  des  Aristo- 
teles oder  von  ihm  selbst  niedergeschrieben  wurden.  Die  erste 
von  diesen  Annahmen  könnte  für  sich  anführen,  dass  sie  die 
Nachlässigkeiten  der  aristotelischen  Darstellung  am  besten  er- 
kläre x).  Allein  dieser  Vortheil  verliert  sich  bei  näherer  Unter- 
suchung. Denn  es  handelt  sich  hier  nicht  blos  um  solche  Män- 
gel, wie  sie  in  einem  sonst  regelrechten  Vortrag  bei  ungenauer 
Wiedergabe  desselben  durch  einzelne  Auslassungen  oder  Wieder- 
holungen und  ungeschickte  Herstellung  des  gestörten  Zusammen- 
hangs zu  entstehen  pflegen ;  sondern  um  stylistische  Eigenthüm- 
lichkeiten,  deren  Auswüchse  der  Schriftsteller  zu  beschneiden 
versäumt  hat,  die  aber  an  sich  selbst  zu  charakteristisch  und 
constant  sind,  als  dass  wir  nur  den  Zufall  und  die  Nachlässig- 
keit dritter   Personen    dafür    verantwortlich    machen   könnten 2). 

die  Stellen  der  Ethik,  worin  von  Zuhörern  gesprochen  wird:  Eth.  I,  1.  1095, 
a,  2.  11  :  Sit  Ttjg  rjoXnixrjg  oix  iaxiv  oixiTog  dxQoarrig  6  rtog  ....  nfm 
ulv  ctXQoaTov  .  .  .  7T«fQOiuino$(ü  TüoavTct.  Ebd.  c.  2.  1095,  b,  4:  Sib  Sit 
roTg  (9-eatv  >?/#r«  xicXiog  tuv  ntol  .  .  .  tmv  -noXiTixäv  dxovaoperov.  (Eth. 
X,  10.  1079,  b,  23.  27.  VII,  5.  1147,  b,  9  gehören  nicht  hierher;  auch  Pol. 
VII,  1.  1323,  b,  39:  irtgitg  yäo  latuv  ioyov  a/oXf^g  xctVTct  will  wohl  nur 
besagen:  diess  gehört  zu  einer  andern  Untersuchung.)  Weiter  macht  0. 
geltend,  dass  bei  der  Verweisung  einer  Stelle  auf  andere  Ausführungen  nur 
Wendungen  vorkommen,  die  einem  im  Sprechen  begriffenen  anstehen,  wie 
iigrjTai,  Xexre'or,  iiXXog  Xöyog  u.  s.  w. ;  was  aber  freilich  auch  bei  der  Be- 
rufung auf  Schriften  (wie  die  Probleme  und  die  ^wrfQixol  Xöyot,  oben 
S.  100,  4.  119,  2)  geschehen  kann  und  heute  noch  zu  geschehen  pflegt.  Auch 
auf  den  Titel  der  noXcTtxr)  uxooaaig  b.  Diog.  V,  24  verweist  er;  ebenso  ist 
für  die  Physik  (pvOtxrj  uxQoaaig  allgemein  gebräuchlich  (s.  o.  85,  1);  da 
wir  aber  nicht  wissen,  von  wem  diese  Titel  herrühren,  kann  nicht  zu  viel 
daraus  geschlossen  werden. 

1)  Und  eben  diess  ist  für  Onckkn  der  Hauptgrund,  auf  den  er  sie  stützt. 
..Aus  den  naturgemässen  Mängeln  einmal  des  peripatetischen  Monologs  (sagt 
er  S.  62)  und  sodann  eilig  nachgeschriebener,  später  schlecht  redigirter  Zu- 
hörerhefte" seien  die  Mängel  unserer  Texte  am  leichtesten  zu  erklären. 

2)  Dahin  gehört  die  (von  Bonitz  arist.  Stud.  II,  3  ff.  eingehend  be- 
sprochene) Art  der  Satzbildung,  namentlich  die  zahlreichen  und  oft  ziemlich 
langen  parenthetisch  eingeschobenen  Erläuterungen  und  die  dadurch  ver- 
anlassten Anakoluthe;   der  häutige  Gebrauch  oder  das  Fehlen  gewisser  Par- 


Wissenschaftli  ch  e  Lehrschriften.  137 

Das  letztere  wäre  nur  dann  möglich,  wenn  sie  blos  in  einzelnen 
Schriften  vorkämen;  da  sie  dagegen  zwar  nicht  in  allen  gleich 
stark  hervortreten,  aber  sich  doch  thatsächlich  durch  alle  liin- 
durchziehen,  können  sie  nicht  von  den  voraussetzlichen  Heraus- 
gebern der  aristotelischen  Vorlesungen,  sondern  nur  von  Aristo- 
teles selbst  hergeleitet  werden.  Gerade  der  Styl  und  die  Form 
unserer  aristotelischen  Werke  bietet  daher  ein  erhebliches  An- 
zeichen dafür,  dass  sie  nicht  blos  ihrem  Inhalt  sondern  auch 
ihrer  Abfassung  nach  von  Aristoteles  selbst  herrühren.  Das 
gleiche  ergibt  sich,  wie  schon  früher  bemerkt  wurde  *),  aus  den 
durchgreifenden  Verweisungen  der  Schriften  auf  einander;  da 
man  in  einer  Vorlesung  wohl  an  die  eine  oder  die  andere 
frühere  Auseinandersetzung,  aber  nicht  an  ganze  Reihen  von 
Vorträgen  erinnern  kann,  die  der  Zeit  nach  weit  auseinander- 
liegen müssten,  von  denen  man  daher  nicht  voraussetzen  könnte, 
ihr  Inhalt  sei  der  Erinnerung  der  Zuhörer  selbst  in  seinen  Einzel- 
heiten noch  gegenwärtig 2).     Für  mündliche  Vorträge  geht  ferner 


tikeln  (wofür  sich  bei  Eucken  De  Arist.  dicendi  ratione  und  in  Bonitz' 
Anzeige  dieser  Schritt,  Ztschr.  f.  d.  östr.  Gymn.  1866,  804  ff.  Belege  finden); 
das  oiv  und  wäre  zur  Einführung  des  Nachsatzes  (worüber  Bonitz  arist. 
Studien  III,  59  ff".  106  ff.)  und  ähnliches.  Ebenso  sind  die  in  allen  aristo- 
telischen Schriften  so  oft  vorkommenden  Fragen  zu  beurtheilen,  die  bald  in 
einfacher  bald  (wie  De  an.  I,  1.  403,  b,  7  ff.  gen.  et  corr.  II,  11.  337,  b,  5 
und  in  der  von  Bonitz  arist.  Stud.  II,  16  f.  erläuterten  Stelle  ebd.  6.  333, 
b,  30)  in  disjunktiver  Form  gestellt,  aber  nicht  beantwortet  werden.  Dass 
solche  unbeantwortete  Fragen  in  einer  Schrift  nicht  hätten  vorkommen 
können  (Oncken  a.  a.  O.  61),  kann  ich  nicht  einräumen  (wie  viele  finden 
sich  z.  B.,  um  nur  Einen  zu  nennen,  bei  Lessing !),  und  daher  auch  der 
Vermuthung  (ebd.  59)  nicht  beitreten,  sie  seien  im  mündlichen  Vortrag  von 
den  Zuhörern  oder  dem  Lehrer  beantwortet  worden;  sie  scheinen  mir  viel- 
mehr bei  Aristoteles  wie  bei  Lessing  eine  für  einen  scharfen  und  lebendigen 
Dialektiker  ganz  natürliche  Wendung  zu  sein,  die  von  unselbständigen  Zu- 
hörern eher  verwischt  als  erhalten  worden  sein  würde. 

1)  S.  134.  131. 

2)  Man  beachte  nur  in  dieser  Beziehung,  wie  Eine  und  dieselbe  Schri/t 
nicht  selten  an  den  entlegensten  Orten,  und  andererseits  in  derselben  Schrift 
das  verschiedenartigste  angeführt  wird.  So  wird  die  Physik  De  coelo,  gen. 
et  corr.,  Meteor.,  De  anima,  De  sensu,  part.  an.,  an  vielen  Stellen  der  Meta- 
physik und  in  der  Ethik  angeführt,  die  Bücher  vom  Entstehen  und 
Vergehen  in  der  Meteorologie,  der  Metaphysik,  De  anima,  De  sensu, 
part.  an.  gen.  an.;  die  Metaphysik  ihrerseits  citirt  die  Analytik,  die  Physik, 


138  Aristoteles. 

der  Inhalt  mancher  Werke ,  namentlich  der  naturwissenschaft- 
lichen, zu  tief  in  Einzelheiten  ein,  deren  Fülle  auch  den  auf- 
merksamsten Zuhörern  das  Festhalten  im  Gedächtniss  unmög- 
lich machen  musste,  von  denen  sich  daher  schwer  einsehen 
lässt,  wie  sie  ihnen  bei  der  Aufzeichnung  jener  Vorträge  so 
vollständig  hätten  zur  Hand  sein  können  ]);  und  doch  werden  auch 
solche  Werke,  z.  B.  die  Thiergeschichte,  in  der  gleichen  Weise, 
wie  die  übrigen,  angeführt.  Weiter  hören  wir,  dass  Theophrast 
und  Eudemus  in  ihren  Analytiken  die  des  Aristoteles  im  Ganzen 
und  im  Einzelnen  berücksichtigten 2),  und  wir  selbst  können 
noch  den  Kachweis  führen,  dass  diese  aristotelischen  Schüler 
sich  •  manche  Stellen  unserer  Metaphysik  bis  auf  den  Wort- 
laut hinaus  aneigneten  8) ,  Eudemus  die  aristotelische  Ethik  und 
in  noch  weiterem  Umfang  die  Physik 4)  grossentheils  wörtlich  in 
die  seinige  herübergenommen  hatte;  ja  wir  besitzen  noch  Aus- 
züge aus  Briefen,  in  denen  sich  Eudemus  bei  Theophrast  nach 
dem  Text  einer  gewissen  Stelle  erkundigt  und  dieser  seine  An- 
frage beantwortet5.  .Brandis  hat  gewiss  Recht  mit  der  Be- 
merkung 6) :  die  Weise,  in  welcher  diese  aristotelischen  Schüler 
sich  an  die  Schriften  ihres  Meisters  anschlössen,  setze  die  An- 
nahme voraus,  dass  sie  es  in  denselben  mit  seinen  eigenen 
Worten  zu  thun  haben.  Dass  endlich  die  Topik  nur  eine  Schrift 
des  Aristoteles,  nicht  eine  blosse  Kachschrift  eines  Zuhörers  sein 
kann  und  sich  selbst  auch  so  gibt,  ist  schon  S.  131  gezeigt 
worden. 

9  Waren  aber  die  Lehrschriften  des  Aristoteles  beim  Tod 
ihres  Verfassers  noch  nicht  über  den  Kreis   seiner  persönlichen 


De  coelo,  die  Ethik,  die  hJ.oyr]  rßv  Ivmntow,   in    der   Rhetorik   wird    die. 
Topik,   die  Analytik,  die  Politik,  die  Poetik    und    die   Otodtxrfta  angeführt. 

1)  Denn  an  förmliche  Diktate  wird  man  natürlich  nicht  denken  können; 
wollte  man  es  aber  doch  thun,  so  erklärte  man  ebendamit  unsere  aristo- 
telischen Schriften  für  das  eigene  Werk  des  Arist.,  nicht  für  Aufzeichnungen 
seiner  Schüler. 

2)  Vgl.  S.  71. 

3)  Vgl.  S.  63,  1. 

4)  Hierüber  S.  699  ff.   2.  Aufl. 

5)  Dieselben  betreffen  Phys.  V,  2.  221),  b,  14  und  finden  sich  bei  Simpl. 
Pliys.   216,  a,  o.     Schol.  404.  b,   10. 

6)  Gr.-röm.  Phil.  II.  b,    114. 


[81]  Schicksal   s.  Schriften.  139 

Schüler  hinausgedrungen,  so  scheint  ebendamit  die  Möglichkeit 
gegeben  zu  sein,  dass  sie  auch  nach  diesem  Zeitpunkt  der 
Oeffentlichkeit  noch  längere  Zeit  vorenthalten  blieben,  und  durch 
einen  unglücklichen  Zufall  selbst  der  peripatetischen  Schule  wie- 
der  abhanden  kommen  konnten.  Und  eben  diess  wäre  nach 
einer  bekannten  Erzählung  für  zwei  Jahrhunderte  wirklich  der 
Fall  gewesen.  Wie  Strabo  und  Plutaucii  berichten,  kamen 
die  Werke  des  Aristoteles  und  Theophrast  nach  dem  Tode  des 
letzteren  an  seinen  Erben,  Neleus  in  Skepsis;  |  von  den  Erben 
des  Neleus  in  einem  Keller  versteckt,  wurden  sie  erst  nach  dem 
Anfang  des  ersten  vorchristlichen  Jahrhunderts  im  verdorbensten 
Zustand  durch  den  Tejer  Apelliko  entdeckt  und  nach  Athen, 
dann  von  Sulla  als  Kriegsbeute  nach  Rom  gebracht,  wo  sie  in 
der  Folge  von  Tyrannio,  und  durch  dessen  Vermittlung  von 
Andronikus,  benützt  und  herausgegeben  wurden  x).  Von  diesem 
Schicksal  der  aristotelischen  Schriften  wollen  es  die  Genannten 
herleiten,  dass  den  alten  Peripatetikern  nach  Theophrast  mit  den 
Hauptwerken  ihres  Meisters  auch  seine  ächte  Lehre  unbekannt 
gebheben  sei;  worauf  aber  diese  Annahme  sich  gründet,  ob  nur 
auf  eigene  Vermuthung  oder  auf  bestimmte  Zeugnisse,  und  welche 
diess  waren,    wird  uns  nicht  gesagt 2).     Neueren  war  dasselbe 


1)  Die  Zeit,  in  der  diess  geschah,  muss  im  allgemeinen  in  das  zweite 
Drittheil  des  letzten  Jahrhunderts  v.  Chr.  fallen.  Denn  da  Tyrannio  71 
v.  Chr.  in  Amisus  zum  Gefangenen  gemacht  und  von  Muräna  freigelassen 
wurde  (vgl.  Th.  III,  a,  550,  1),  konnte  er  schwerlich  vor  Lucullns'  Rück- 
kehr nach  Rom  (66  v.  Chr.)  in  diese  Stadt  kommen.  Andererseits  wird  die 
dortige  Thätigkeit  des  Mannes,  der  bei  seiner  Gefangennahme  schon  ein 
Gelehrter  von  Ruf  war,  57  v.  Chr.  Cicero's  Söhne  unterrichtete  und  mit 
ihm  und  Attikus  verkehrte  (Cic.  ad  Qu.  Fr.  II,  4.  ad  Att.  IV,  4.  8),  nicht 
allzu  weit  über  die  Mitte  des  Jahrhunderts  herabreichen,  wenn  er  auch 
dessen  letztes  Drittheil  vielleicht  noch  erlebt  hat.  (Er  starb  nach  Scid. 
u.  d.  W.  yr]ocaog,  im  3.  Jahr  einer  Olympiade,  deren  Zahl  leider  verschrieben 
ist.)     Ueber  Andronikus  vgl.  m.  Th.  III,  a,   549,  3  und  oben  S.  51,  8. 

2)  Unsere  Quellen  für  die  obige  Erzählung  sind,  wie  bemerkt,  Strabo 
iXIII,  1,54.  S.  608)  und  Plctarch  (Sulla  26),  denn  Scid.  ZvU.ccg  schreibt 
Dm  Plntarch  aus.  Dieser  selbst  aber  hat  seinen  Bericht  unverkennbar  aus 
B<     bo,  und  auch  das  einzige,  was  sich  bei    dem    letzteren    nicht   findet,    die 

j  Bemerkung,  dass  Andronikus  durch  Tyrannio  Abschriften  der  aristotelischen 

i  Werke  erhalten,  dieselben  veröffentlicht  und  roig  vvv   (fiqoinrovg  Tttvuxtts 

verfasst  habe,  kann  er  aus  seiner  sonstigen    Kenntniss   beigefügt,   oder  auch 

Stahr   Arist.  II,  23    annimmt)    in    Strabo's    (unmittelbar    nachher   für 


140  Aristoteles.  [81] 

ein  willkommener  Erklärungsgrund  für  die  UnVollständigkeit  und 
Unordnung  unserer  jetzigen  Sammlung 1).  Und  wenn  es  sich 
damit  wirklich  so  verhielte,  wie  Strabo  und  Plutarch  sagen,  so 
könnten  wir  uns  über  den  gegenwärtigen  Zustand  derselben  so 
wenig  verwundern,  dass  wir  vielmehr  eine  viel  tiefere  und  un- 
heilbarere Verderbniss  befürchten  müssten,  als  sie  in  Wahrheit 
vorzuliegen  scheint.  Denn  wenn  gerade  für  die  wichtigsten 
Werke  des  Philosophen  die  einzige  Quelle  unseres  jetzigen 
Textes  in  jenen  Handschriften  lag,  welche  ein  Jahrhundert  und 
länger  im  Keller  von  Skepsis  moderten,  bis  sie  Apelliko,  von 
Würmern  zerfressen  und  durch  Feuchtigkeit  zu  Grunde  ge- 
richtet, ungeordnet  und  durcheinandergeworfen  an  sich  nahm; 
wenn  Apelliko  selbst,  wie  Strabo  sagt,  das  fehlende  sclüecht 
ergänzte,  wenn  auch  Tyrannio  imd  Andronikus  keine  weiteren 
handschriftlichen  Hülfsmittel  zu  Gebot  standen:  wer  verbürgt 
ims,  dass  nicht  in  unbestimmbar  vielen  Fällen  fremdes,  was  sich 


einen  Vorfall  aus  Sulla's  Aufenthalt  in  Athen  benutztem)  Geschiehtswerk 
gefunden  haben;  eine  von  Strabo  unabhängige  Quelle  für  seinen  Bericht 
über  Apelliko's  Bücherfund  anzunehmen  (Heitz  Verl.  Sehr.  10),  haben  wir 
kein  Recht.  Unser  einziger  selbständiger  Zeuge  hiefür  ist  daher  Strabo. 
Wem  aber  dieser  seine  Mittheilungen  verdankte,  wissen  wir  nicht;  die  An- 
nahme, dass  es  Andronikus  gewesen  sei,  ist  sehr  unsicher.  Strabo  bemerkt 
nämlich  nach  den  Angaben  über  den  Ankauf  der  aristotelischen  Bücher 
durch  Apellikon  und  über  die  fehlerhaften  Ausgaben  des  letzteren:  avr(ßr) 
de  roTg  I*  twJ'  TKointtTtov,  Toig  jutv  nüXca  roTg  /Jtrü  QtöifqucSTOv  ovx 
fyovoiv  oloig  rü  ßißXia  nXr\v  bXiywv,  xttl  /jdXcara  tcjv  il-coTfQixwv,  {jrjötv 
iyiiv  (fiXoooqtiv  7Tn«y/u«Tix(dg  flXXic  r'^atig  Xi]<ri<x>(&iv  Toig  J1'  varetwv, 
d(f . '  ov  tu  ßtßXüt  Ticina  noo^X^fv,  ajjttvov  fxtv  ixsi'vwv  ifiXooo<f(Tv  xnl 
lipioiüTiXiCtii',  itrctyxii&o&iti  /u^vtoi  t«  noXXa  ilxöia  Xtyttv  dV<  to  nXfj&og 
luv  auaoTiwv.  Diess  kann  aber  nur  dann  dem  Andronikus  entnommen 
sein,  wenn  man  die  jüngeren  Peripatetikcr  (roTg  J'  vanoov  u.  s.  f.)  auf 
diejenigen  Vorgänger  des  Andronikus  beschränkt,  welche  die  Ausgaben  des 
Apellikon  und  Tyrannio  noch  benützen  konnten,  und  ob  diesen  uns  ganz 
unbekannten  Männern  eine  Verbesserung  der  peripatetischen  Lehre  und  ein 
engerer  Anschluss  an  Aristoteles  beigelegt  werden  konnte,  die  sich  Androni- 
kus freilich  mit  Grund  zuschreiben  Hessen,  ist  doch  sehr  fraglich.  Ebenso- 
wenig wird  man  Tyrannio  oder  Boethus  (an  die  Grote  Aristotle  I,  54  denkt) 
für  Strabo's  Quelle  halten  können,  da  jener  über  seine  eigene  Ausgabe  und 
dieser  über  die  jüngeren  Peripatetikcr  sich  anders  geäussert  haben  würde, 
als  Strabo. 

])  So  Buhle    Allg.  Encykl.    Sect.    I.   Bd.  V,  276  f.,    neuerdings   Heitz 
b.   S.   141,  2. 


[82]  Schicksal  s.  Schriften.  141 

unter  den  Handschriften  des  Neleus  befand,  in  die  aristotelische 
Sammlung  mitaufgenommen ,  zusammengehöriges  auseinander- 
gerissen, anderes  irrthümlich  verbunden,  grössere  und  kleinere 
Lücken  willkürlich  ausgefüllt  wurden?  Indessen  sind  in  neuerer 
Zeit  gegen  |  jene  Darstellung  Strabo's  Bedenken  erhoben  wor- 
den *) ,  welche  auch  durch  die  Vertheidiger  derselben  -) 
nicht  zum  Schweigen  gebracht  sind.  Dass  Theophrast  seine 
Büchersammlung  dem  Neleus  vermacht  hatte,  ist  allerdings  un- 
bestreitbar 3) ;  dass  aus  dieser  Sammlung  die  aristotelischen  und 
theophrastischen  Schriften  an  die  Erben  des  Neleus  gekommen 
sind,  dass  sie  von  diesen  vor  der  Bückerliebhaberei  der  perga- 
menischen  Könige  in  einen  Kanal  oder  Keller  geflüchtet,  und  im 
verwahrlostesten  Zustand  von  Apelliko  aufgefunden  wurden, 
brauchen  wir  gleichfalls  nicht  zu  bezweifeln 4) ;  und  insofern 
kann  alles,  was  Strabo  über  diesen   bestimmten  Vorgang  über- 


1)  Nachdem  schon  um  den  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  die  vereinzelte 
und  nicht  weiter  beachtete  Stimme  eines  französischen  Gelehrten  diese  Er- 
zählung in  Zweifel  gezogen  hatte  (m.  s.  was  Stahr  Arist.  II,  163  ff.  aus 
dem  Journal  des  Scavans  v.  J.  1717,  S.  655  ff.  über  die  anonyme  Schrift: 
Les  Amenitez  de  la  Critique  mittheilt),  war  es  zuerst  Brandis  (Ueb.  die 
Schicksale  d.  arist.  Bücher.  Bhein.  Mus.  v.  Niebuhr  und  Brandis  I,  236  ff. 
259  ff.  vgl.  jetzt  gr.-röm.  Phil.  II,  b,  66  ff.),  welcher  dieselbe  gründlich  be- 
richtigte; einen  Nachtrag  hiezu  gab  Kopp  Bhein.  Mus.  III,  93  ff.;  mit  er- 
schöpfender Ausführlichkeit  hat  endlich  Stahr  (Aristotelia  II,  1  —  166  vgl. 
2'.»4  f.)  die  Streitfrage  erörtert.  An  diese  Vorgänger  haben  sich  die  neueren 
Gelehrten  ihrer  grossen  Mehrzahl  nach  angeschlossen. 

2)  Heitz  Verl.  Sehr.  d.  Ar.  9  ff.  20.  29  ff.  Grote  Aristotle  I,  50  ff. 
Grant  Ethics  of  Ar.  I,  5  ff".  Aristotle  3  ff.  Einzelne  Unrichtigkeiten  in 
Strabo's  und  Plutarch's  Darstellung  werden  zwar  auch  von  diesen  Gelehrten 
eingeräumt,  aber  im  wesentlichen  soll  sie  doch  richtig  sein.  Was  für  diese 
Ansicht  geltend  gemacht  wird,  kann  ich  hier  nicht  in  alle  Einzelheiten  ver- 
folgen ;  die  sachlichen  Entscheidungsgründe  werden  aber  im  nachstehenden 
vollständig  zur  Sprache  kommen. 

3)  Theophrast's  Testament  b.  Diog.  V ,  52.  Athen.  1 ,  3 ,  a  mit  dem 
Zusatz:  Ptolernäus  Philadelphus  habe  die  ganze  Sammlung  von  Neleus  ge- 
kauft und   nach  Alexandrien  bringen  lassen. 

4)  Denn  wenn  Athenäus,  oder  der  Epitomator  seiner  Einleitung,  a.a.O. 
die  ganze  Bibliothek  des  Neleus  nach  Alexandrien  wandern  läset,  so  kann 
diess  leicht  ein  ungenauer  Ausdruck  sein,  ebenso  wie  es  ungekehrt  ungenau 
ist,  wenn  Derselbe  V,  214,  d  den  Apelliko]  die  Bibliothek,  nicht  blos 
die  Werke  des  Aristoteles  besitzen  lässt. 


142  Aristoteles.  [62.  83] 

liefert,  richtig'  sein.  Ebenso  steht  es  ausser  Frage,  class  Andro- 
nikus'  Ausgabe  der  aristotelischen  Lehrschriften  für  das  Studium 
wie  für  die  Erhaltung  derselben  eine  epochemachende  Bedeutung 
gehabt  hat.  Wird  nun  aber  weiter  angenommen,  diese  Schriften 
seien  ausser  dem  Keller  zu  Skepsis  nirgends  zu  finden  gewesen, 
und  sie  haben  namentlich  der  peripatetischen  Schule  seit  Theo- 
phrast's  Tode  gefehlt,  so  hat  diese  Voraussetzung  die  gewich- 
tigsten Gründe  gegen  sich.  Zunächst  ist  es  schon  fast  imbegreif- 
lich, dass  ein  so  ungemein  wichtiges  Ereigniss,  wie  die  Ent- 
deckung der  verlorenen  aristotelischen  Hauptwerke,  von  keinem 
der  Männer  auch  nur  mit  einem  Worte  berührt  sein  sollte, 
welche  sich  seit  jener  Zeit  als  Kritiker  und  als  Philosophen  mit 
Aristoteles  beschäftigt  haben:  nicht  von  Cicero,  der  so  viele 
Veranlassimg  dazu  gehabt  hätte,  der  während  der  ersten  Aus- 
beutung der  sullanischen  Bücherschätze  durch  Tyrannio  in  Rom 
lebte,  und  mit  |  Tyrannio  selbst  in  lebhaftem  Verkehr  stand; 
nicht  von  Alexander,  dem  „Exegeten",  nicht  von  einem  einzigen 
jener  griechischen  Erklärer,  welche  die  eigenen  Schriften  des 
Andronikus  theils  mittelbar  theils  unmittelbar  benützt  haben.  Ja 
Andronikus  selbst  scheint  Apelliko's  Fund  eine  so  geringe  Be- 
deutung beigelegt  zu  haben,  dass  er  weder  bei  der  Untersuchung 
über  die  Aechtheit  eines  aristotelischen  Buches,  noch  bei  der 
Frage  über  die  richtige  Lesart,  auf  die  Handschriften  des  Neleus 
zurückgieng J),  und  die  Späteren  glauben  sich  durch  seine  Les- 
arten, welche  nach  Strabo  die  einzig  authentischen  sein  müssten, 
keineswegs  gebunden 2).  Soll  ferner  das  Verschwinden  der 
aristotelischen  Werke  daran  schuld  sein,  dass  Theophrast's  Nach- 


1)  M.  vgl.,  das  erstere  betreffend,  die  S.  69,  1  angeführten  Mittheilungen 
über  seine  Zweifel  gegen  die  Schrift  tt.  'Eout)veücg,  »hinsichtlich  des  zweiten 
Punkts  Dbxipp.  in  Arist.  Categ.  S.  25,  Speng.  (Schol.  in  Ar.  42,  a,  30): 
ttqwtov  /uev  olv  ovx  Zv  unaat,  roig  uvTiy'QU(poig  t6  „o  dt  Xöyug  rrg  oi<- 
oiug''  TTQÖgxtiTat,  wg  y.cti  Borj&og  /uvrjuovevn  xal  IdvÖQOVixog — dass  dieser 
den  Streit  aus  den  sullanischen  Handschriften  (oder  wenn  diese  selbst  ihm 
nicht  zu  Gebote  standen,  wenigstens  aus  den  nach  Plutarch  von  ihm  be- 
nützten Abschriften  Tyrannio's)  geschlichtet  habe,  wird  nicht  gesagt.  Es 
scheint  also,  dass  diese  Handschriften  weder  die  einzigen,  noch  auch  nur 
die  Urschriften  der  betreffenden  Werke  waren.  Vgl.  Bkaxdis  Rhein.  Mus. 
I,    241. 

2)  Vgl.   Si.mi'l.  Phys.   103,  a,  o. 


[SM-  ^4  Schicksal  s.  Schriften.  143 

folgern  die  ursprüngliche  Lehre  ihrer  Schule  fremd  geworden 
sei,  dass  sie  entartet  seien  und  sich  in  ihrer  Philosophie  auf 
rednerische  Ausführungen  beschränkt  haben,  so  steht  diese  Be- 
hauptung unverkennbar  im  Widerspruch  mit  den  Thatsachen; 
denn  wenn  sich  auch  die  Peripatetiker  des  dritten  Jahrhunderts 
mit  der  Zeit  von  den  naturwissenschaftlichen  und  metaphysischen 
Untersuchungen  ab  wandten,  so  geschah  dieses  doch  nicht  schon 
seit  Theophrast's  Tod,  sondern  frühestens  seit  dem  seines  Nach- 
folgers Strato ;  dieser  selbst  dagegen  hat  sich  so  wenig  auf  Ethik 
und  Rhetorik  beschränkt,  dass  er  sich  vielmehr  mit  einseitiger 
Vorliebe  der  Physik  zuwandte;  auch  die  Metaphysik  und  die 
Logik  hat  er  aber  nicht  vernachlässigt.  Hat  er  dabei  Aristo- 
teles vielfach  widersprochen,  so  kann  es  doch  nicht  Unbekannt- 
schaft mit  der  aristotelischen  Lehre  gewesen  sein,  die  ihn  hiezu 
veranlasste,  da  er  ja  eben  diese  Lehre  bestritt1).  Und  auch 
nach  Strato  scheint  die  wissenschaftliche  Thätigkeit  der  Schide 
nicht  sofort  erloschen  zu  sein 2).  Ebendamit  fällt  aber  auch  die 
Voraussetzung,  als  ob  die  Abweichung  der  späteren  Peripatetiker 
von  Aristoteles  durch  die  Entfernung  seiner  |  Schriften  aus  Athen 
herbeigeführt  sei;  dieselbe  wird  vielmehr  ebenso  zu  beurtheilen 
sein,  wie  die  entsprechenden  Erscheinungen  in  der  Akademie, 
welcher  es  doch  an  den  platonischen  Werken  nicht  gefehlt  hat. 
Wer  wird  es  aber  überhaupt  glaublich  finden,  dass  gerade  die 
Hauptwerke  des  Philosophen  beim  Tod  seines  Nachfolgers  in 
| keinen  anderen  Abschriften  vorhanden  gewesen  seien,  als  in 
denen,  welche  Neleus  von  Theophrast  erbte?  Dass  nicht  allein 
Ibei  seinen  Lebzeiten,  sondern  auch  in  den  neun  Olympiaden 
zwischen  seinem  und  Theophrast's  Tod,  von  den  zahlreichen 
.Schülern  der  beiden  Männer  auch  nicht  Einer  den  Versuch  ge- 
macht oder  die  Gelegenheit  gefunden  hätte,  die  wichtigsten  Ur- 
kunden der  peripatetischen  Lehre  sich  zu  verschaffen?  Dass 
Eudemus,  der  treueste  unter  den  aristotelischen  Schülern,  dass 
Strato,  der  scharfsinnigste  unter  den  Peripatetikern,  die  Schriften 
:les  Meisters  entbehrt,  dass  der  Phalereer  Demetrius  seine  ge- 
ehrte Sammlerthätigkeit  auf  sie  nicht  mit  ausgedehnt,  dass  Pto- 


1)  Die  Belege  für  das  obige  werden  theils    sogleich,    theils  in  dem  Ab- 
chnitt  über  Strato  (S.  728  ff.  2.  Aufl.)  gegeben  werden. 

2)  Vgl.  S.  760  ff.  2.  Aufl. 


114  Aristoteles.  [84] 

hinaus  Philadelphia  zwar  die  übrigen  Bücher  des  Aristoteles 
und  Theophrast  für  seine  alexandrinisclie  Bibliothek  angekauft, 
von  ihren  eigenen  Werken  dagegen  Abschriften  zu  erwerben 
versäumt  hätte?  Man  müsste  denn  annehmen,  diess  sei  ihnen 
von  den  Eigenthümern  verwehrt  worden,  Aristoteles  habe  seine 
Schriften  in  strengem  Verschluss  gehalten,  Theophrast,  wiewohl 
für  ihn  jeder  Grund  dazu  wegfiel,  habe  dasselbe  Geheünniss  be- 
wahrt und  seinen  Erben  zur  Pflicht  gemacht.  Aber  dieser  Ein- 
fall wäre  doch  gar  zu  ungereimt,  um  ihn  ernstlich  zu  wider- 
legen. Doch  wir  brauchen  uns  nicht  auf  Vermuthungen  zu  be- 
schränken: so  mangelhaft  auch  unsere  Beweismittel  für  einen 
Zeitraum  sind,  dessen  philosophische  Literatur  uns  ein  herbes 
Verhängniss  fast  vollständig  geraubt  hat,  so  können  wir  doch 
von  einem  grossen  Theil  der  aristotelischen  Werke  genügend 
darthun,  dass  sie  in  den  zwei  Jahrhunderten  zwischen  Theo- 
phrast's  Tod  und  der  Eroberung  Athens  durch  Sulla  den  Ge- 
lehrten nicht  unbekannt  waren.  Mag  nun  Aristoteles  seine  streng 
wissenschaftlichen  Werke  selbst  schon  herausgegeben  haben, 
oder  nicht :  jedenfalls  waren  sie  als  die  Lehrschriften  der  Schule 
bestimmt,  von  den  Mitgliedern  derselben  benützt  zu  werden; 
und  schon  die  vielen  Stellen,  in  denen  sie  sich  auf  einander  be- 
ziehen, Hefern  den  augenscheinlichen  Beweis  dafür,  dass  sie  nach 
der  Absicht  ihres  Verfassers  von  seinen  Schülern  nicht  blos  ge- 
lesen, sondern  auch  gründlich  studirt  und  verglichen,  also  selbst- 
verständlich auch  in  Abschriften  erhalten  und  vervielfältigt  wer- 
den sollten.  Dass  diess  aber  auch  wirklich  geschehen  ist,  er- 
hellt, vorläufig  noch  abgesehen  von  den  Nachrichten  über  ein- 
zelne Werke,  schon  aus  einigen  allgemeineren  Erwägungen.  Wenn 
der  peripatetischen  Schule  mit  der  Büchersammlung  Theophrast'a 
die  acht  aristotelische  Lehre  verloren  gegangen  sein  soll,  so  setzt 
diess  voraus,  dass  die  Urkunden  derselben  ausser  dieser  Samm- 
lung nirgends  zu  finden  waren.  Nun  hören  wir  aber  nicht  allein 
von  Theophrast,  sondern  auch  von  Eudemus,  dass  er  in  den 
Titeln  und  dem  Inhalt  seiner  Schriften  die  seines  Lehrers  nach- 
geahmt habe1);  und  wie  eng  er  sich  dabei  an  den  Wortlaut 
wie  an  den  Gedankengang   der  letzteren   anschloss,   sehen    wir 

!)  Vgl.  S.  68.  71. 


Schicksal  s.  Schriften.  145 

selbst  noch  an  seiner  Ethik  und  seiner  Physik  l).  Dann  muss 
er  aber  diese  Schriften  auch  besessen  haben;  vollends  wenn  er 
dieselben,  wie  eine  unverdächtige  Nachricht 2)  angibt ,  zu  einer 
Zeit  benützt  hat ,  in  der  er  von  Athen  entfernt  war 3).  Dass 
ferner  die  alexandrinische  Bibliothek  eine  bedeutende  Anzahl 
aristotelischer  Werke  enthielt,  lässt  sich  kaum  bezweifeln 4) ;  und 
gesetzt  auch,  die  Verfasser  des  alexandrinischen  Kanons,  welche 
Aristoteles  unter  die  philosoplüschen  Musterschriftsteller  aufnah- 
men 5),  haben  dabei  überwiegend  die  sorgfaltiger  stylisirten  exo- 
terischen  Schritten  im  Auge  gehabt,  so  können  doch  bei  der 
Begründung  jener  grossartigen  Büchersammlung  die  Lehrschriften 
des  Philosophen  nicht  ausser  Acht  gelassen  worden  sein.  Den 
tatsächlichen  Beweis  des  Gegentheils  liefert,  wenn  es  wirklich 
aus  der  alexandrinischen  Bibliothek  stammt,  das  Schriften  ver- 
zeichniss  des  Diogenes  6)  •,  wäre  aber  auch  diese   (an  sich   höchst 


r    Vgl.  S.  149,  2.  S.  699  f.  704  f.  2.  Aufl. 

2)  Oben  S.  138,  5. 

3)  Heitz  (Verl.  Sehr.  13)  glaubt  zwar,  wenn  die  aristotelischen  Werke 
allgemein  bekannt  und  veröffentlicht  gewesen  wären,  Hesse  es  sich  nicht 
begreifen,  dass  Eudemus  sich  in  seiner  Physik  (und  Ethik)  den  Worten  des 
Aristoteles  so  genau  anschloss.  Mir  scheint  es  jedoch,  wenn  Eudemus  Be- 
denken getragen  hätte,  diess  veröffentlichten  Werken  gegenüber  zu  thun,  so 
hätte  ihm  ein  Plagiat  an  nicht  veröffentlichten  noch  viel  unerlaubter  er- 
scheinen müssen.  Aber  unter  diesen  Gesichtspunkt  dürfen  wir  sein  Ver- 
fahren überhaupt  nicht  stellen,  und  wird  er  selbst  es  nicht  gestellt  haben; 
sondern  seine  Ethik  und  Physik  wollten  gar  nichts  anderes  sein,  als  Be- 
arbeitungen der  in  der  peripatetischen  Schule  allgemein  anerkannten  aristo- 
telixhen  Werke,  die  dem  Bedürfniss  seines  eigenen  Unterrichts  angepasst 
waren. 

4)  Ausser  dem,  was  S.  144  bemerkt  wurde,  gehört  hieher  die  Angabe, 
Ptolemäus  Philadelphus  habe  sich  um  aristotelische  Bücher  eifrig  bemüht, 
hohe  Preise  dafür  bezahlt,  und  ebendadurch  zur  Unterschiebung  solcher 
Werke  Anlass  gegeben  (Ammon.  Schol.  in  Arist.  28,  a,  43.  David  ebd.  Z. 
14.  Simpl.  Categ.  2,  «).  Auch  was  S.  68.  71  von  den  zwei  Büchern 
der  Kategorieen  und  den  40  der  Analytiken  angeführt  wurde,  welche  sich 
nacb  Adrast  in  alten  Bibliotheken  fanden,  wird  vor  allem  von  der  alexan- 
drinischen gelten.  Dass  aber  diese  nur  unterschobene  Werke  erworben,  die 
ächten,  deren  Vorhandensein  die  Unterschiebung  selbst  doch  beweist,  ent- 
behrt habe,  lässt  sich  nicht  annehmen. 

5)  M.  s.  hierüber  Stahr  a.  a.  0.  65  f. 

6)  Worüber  S.  50  ff. 

Zeller,  Philos.  d.  <ir.  II.  Bd.  2.  Abth.   3.  Aufl.  10 


146  Aristoteles. 

wahrscheinliche)  Vermuthung  unrichtig,  so  würde  es  immer  noch 
beweisen,  dass  dem  Urheber  desselben,  der  jedenfalls  jünger 
war  als  Theophrast  und  älter  als  Andronikus,  ein  grosser  Theil 
unserer  aristotelischen  »Sammlung  vorlag ').  Dass  sein  wahr- 
scheinlicher Verfasser ,  Hermippus ,  mit  Theophrast's  Werken 
wohl  bekannt  war,  die  nach  Strabo  und  Plutarch  zugleich  mit 
den  aristotelischen  in  Skepsis  begraben  geAvesen  wären,  erhellt 
aus  seinem,  wahrscheinlich  von  Diogenes  aufbewahrten,  Verzeich- 
niss  dieser  Werke  2) ;  dass  dieser  Gelehrte  von  dem  Verschwin- 
den der  aristotelischen  Schriften  nichts  gewusst  hat,  müssen  wir 
aus  dem  Stillschweigen  des  Diogenes  über  diese  Thatsache 
schliessen 3).  Einen  weiteren  schwerwiegenden  Beweis  für  den 
Gebrauch  der  aristotelischen  Werke  im  dritten  vorchristlichen 
Jahrhundert  können  wir  der  stoischen  Lehre  entnehmen,  welche 
sich  gerade  in  ihrer  systematischeren  Ausführung  durch  Chry- 
sippus  sowohl  in  der  Logik  als  in  der  Physik  so  eng  an  Aristo- 
teles anlehnt,  wie  diess  ohne  Kenntniss  seiner  Schriften  kaum 
möglich  war.  Und  auch  von  ausdrücklichen  Zeugnissen  für  die 
Berücksichtigung  dieser  Schriften  durch  Chrvsippus  sind  wir  nicht 
ganz  verlassen  4).     Wie  könnte  ferner  von  Kritolaus  gesagt  wer« 

1)  Vgl.  S.  52,  l. 

2)  M.  vgl.  hierüber  das  Scholion  am  Schluss  der  theophrastisehen  Meta- 
physik: tovto  rö  ßtßXfoV  AvÖQOViy.og  utv  xn)  "Eouinnog  ayvoovoiV  ovdk 
yctQ  uveiav  aiiTor  oi.ojg  ninoir\viav  iv  tj)  avayqaqirj  t<öv  Gioifnäotov 
ßißkttov.  Auf  das  gleiche  Verzeichniss  geht  aber  offenbar  auch  das  Scho- 
lion am  Anfang  des  7.  Buchs  der  Pflanzengeschichte  (b.  Usener  Anal. 
Theophr.  23):  (-)to<f uäarov  nfo)  fpvTÖiv  tOTOQt'ttg  to  r\.  "Eofiinnag  At 
7it{)i  ippvyavtxtüv  xal  notwd'wv,  l4vd'aorixog  dt  mgl  ipvTtSv  iaroqiag.  Die 
Schrift  über  Theophrast,  von  der  es  einen  Theil  gebildet  haben  wird,  nennt 
Dkx,.  II,  55.  Dass  die  Verzeichnisse  des  DlOG.  V,  4tj  ff.  wenigstens  theil- 
weise  und  mittelbar  aus  ihm  geflossen  sind,  ist  um  so  wahrscheinlicher,  da 
Hermippus  unmittelbar  vorher,   V,  45,  genannt  wird. 

3)  Denn  einerseits  lässt  sich  nicht  annehmen,  dass  Hermippus  in  seinem 
(S.  53,  3  besprochenen  ausführlichen  Werk  über  Aristoteles  dieses  Vor- 
gangs nicht  erwähnt  hätte,  wenn  er  ihm  bekannt  war;  andererseits  ist  es 
sehr  unwahrscheinlich ,  das.-  der  Schriftsteller,  dem  Diogenes  seine  vielen 
Anführungen  des  Hermippus  verdankt,  diese  Nachricht  übergangen,  oder 
Diogenes,  dessen  Manier  sie  sich  so  sehr  empfehlen  musste,  sie  nicht  I» - 
gierig  ergriffen   hätte. 

1)  Denn  will  man  auch  auf  die  S.  58,  3  berührte  Polemik  gegen  eines 
der  Gespräche  kein  Gewicht  legen,  so  setzt  doch  die  Aeusserung  bei  Pr.ir.  Sto. 


[88.  89]  Schicksal  s.  Schriften.  147 

den,  er  habe  die  alten  Meister  seiner  Schule  (Aristoteles  und 
Theophrast)  nachgeahmt x) ,  von  dem  Stoiker  Herillus ,  er  habe 
sich  an  sie  angeschlossen  -),  von  Panätius ,  er  habe  in  seinen 
Schriften  den  Aristoteles  und  Theophrast  beständig  im  Munde 
gefüln-t a),  wie  könnte  von  der  vielfachen  Hinneigung  des  Posi- 
donius  zu  Aristoteles  gesprochen  werden 4) ,  wie  hätte  Cicero's 
Lehrer  Antiochus  die  peripatetische  Lehre  für  einerlei  mit  der 
akademischen  erklären,  und  ihre  durchgängige  Verschmelzung- 
Versuchen  können5),  woher  könnten  Gegner,  wie  Stilpo  und 
Hermarchus,  den  Stoff  zu  iliren  Streitschriften  gegen  Aristoteles 6) 
|  geschöpft  haben,  wenn  die  Werke  dieses  Philosophen  erst  durch 
Apelliko,  imd  vollständig  erst  durch  Tyrannio  und  Andronikus 
bekannt  wurden?  Wenn  endlich  schon  Andronikus  den  Brief 
mitgetheilt  hat,  worin  sich  Alexander  bei  Aristoteles  über  die 
Veröffentlfchung  seiner  Lehre  beschwert ') ,  so  müssen  schon 
längere  Zeit  vorher  Schriften  des  Philosophen,  und  auch  solche 
im  Umlauf  gewesen  sein,  die  von  den  Späteren  zu  den  esote- 
rischen gerechnet  werden.  Wir  selbst  können,  so  dürftig  die 
Quellen  auch  fliessen,  doch  neben  vielen  von  den  verlorenen 
Werken,  die  als  exoterische  oder  hypomnematische  nicht  hieher 
gehören  würden s),  noch  von  der  grossen  Mehrzahl  der  aristote- 

rep.  24,    S.  1045  die    Bekanntschaft   mit  Aristoteles'  dialektischen  Schriften 
voraus. 

1)  Cic.  Fin.  V,   5,   14. 

2)  Ebd.  V,  25,  73. 

3)  Ebd.  IV,  28,  79  vgl.  Th.  III,  a,  503,  3  2.  Au«. 

4)  Vgl.  Th.  III,  a,  514,  2  2.  Aufl. 

5)  Das  nähere  a.  a.  0.  535  ff. 

6)  Stilpo  schrieb  nach  Diog.  II,  120  einen  'AoiöTortJ.qs,  Hermarchus 
(ebd.  X,  25)  noog  L4ptoToreA?jt\  Aus  der  Aeusserung  des  Kolotes  freilich 
b.   Plut.  adv.  Col.   14,   1.  S.    1115   lässt  sich  nichts  schliessen. 

7)  S.  S.  24,  m.   116,   2. 

8)  Die  Briefe ,  s.  o.  56,  2 ;  die  von  Chrysippus ,  Teles ,  Demetrius 
(n.  (Qutjv.),  wahrscheinlich  auch  Karneades,  berücksichtigten  4  Bücher 
7i.  d'izcuoovrT]g  (58,  3);  der  Protreptikus,  welcher  schon  Krates,  Zeno  und 
Teles  bekannt  ist  (63,  1);  der  Eudemus  (59,  1),  den  wenigstens  Cicero,  die 
Gespräche  von  der  Philosophie  (58,  2)  und  vom  Reichthum  (S.  62,  m.),  die  vor 
ihm  schon  Philodemus,  das  letztere  auch  Epikur's  Schüler  Metrodor  gebraucht 
hat;  der  IgcoTixög,  den  nach  Athen.  XV,  674,  b  der  Keer  Aristo,  der  Dialog 
n.  noiTjToir  (61,  1  ,  den  Eratosthenes  und  Apollodor  benützt  zu  haben 
scheint,  die  *0).vuttiovTxcu,   die  Eratosthenes  b.  Diog.  VIII,  51,   die   Didas- 

10* 


148  Aristoteles.  [89] 

tischen  Lehrschriften  nachweisen,  dass  sie  schon  vor  Andronikus 
gebraucht  wurden.  Für  die  Analytiken  ergibt  sieh  diess  neben 
dem  Verzeichniss  des  Diogenes  auch  durch  die  Angaben  über 
den  Gebrauch,  den  Theophrast  und  Eudemus  von  ihnen  mach- 
ten1», für  die  Kategorieen  und  7r.  eQurjveiag  aus  dem  ersteren2); 
die  Kategorieen  fand  schon  Andronikus  um  die  unächten  Post- 
prädicamente  vermehrt  und  kannte  von  ihnen  verschiedene  Ab- 
schriften mit  abweichenden  Titeln  und  Lesarten 3),  sie  müssen 
also  schon  längere  Zeit  vor  ihm  in  den  Händen  der  Abschrei- 
ber gewesen  sein4).  Die  Topik  enthält  das  Verzeichniss  des 
Diogenes  5) ;  berücksichtigt  hat  sie  nach  Theophrast 6)  auch  sein 
Schüler  Strato "').  Die  Rhetorik  wird  in  Schriften ,  die  aller 
Wahrscheinlichkeit  nach  älter  sind,  als  Andronikus,  nachgeahmt 
und  angeführt8),    und  das  gleiche  gilt  von   der   theodektischen 


kalieen,  welche  Didymus  beim  Scholiasten  zu  Aristoph.  Av.  1379  (vgl.  Heitz 
Verl.  Sehr.  56)  anführt,  die  77«  qo  tu  tat,  wegen  deren  Arist.  (nach  Athen.  II, 
60,  d)  von  Cephisodor  angegriffen  wurde;  überhaupt  (nach  dem  S.  50  ff. 
bemerkten)  alle  im  Verzeichniss  des  Diogenes  aufgeführten  Stücke;  von  der 
unächten,  aber  viel  benützten  Schrift  n.  tvysvtlag  (62,  2)  nicht  zu  reden. 
Auch  die  Schriften  über  ältere  Philosophen,  darunter  unsere  Abhandlung 
über  Melissus  u.  s.   w.,  finden  sich  bei  Diog.  Nr.  92 — 101. 

1)  S.  S.   71. 

2)  S.   67,   1.  69,1. 

3)  S.  S    67,  m.  69,  m.  142,   1. 

4)  Das  gleiche  würde  aus  der  Angabe  (Simpl.  Categ.,  Schol.  79,  a,  1) 
folgen,  dass  Andronikus  sich  mit  einer  gewissen  Bestimmung  an  die  Kate- 
gorieen des  Archytas  anschliesse,  da  diese  jedenfalls  den  aristotelischen  nach- 
gemacht sind;  Simplicius  redet  aber  hier  ohne  Zweifel  nur  aus  seiner  falschen 
Voraussetzung  von   ihrer  Aechtheit  heraus. 

5)  Vgl.  S.  72,  2.   74,  7. 

6)  Von  Theophrast  erhellt  diess  aus  Alex,  in  Top.  S.  5,  m.  (vgl.  68,  o.) 
72,  u.  31,  o.  in  Metaph.  342,  30.  373,  2.  (705,  b,  30.  719,  b,  27.)  Simpl. 
Categ.  Schol.  in  Ar.  89,  a,  15. 

7)  Vgl.  Alex.  Top.  173,  u.  (Schol.  281,  b,  2).  Unter  Strato's  Schriften 
rinden  sich  b.  Diog.   V,  59:    Tönoiv  tiqooiiu«. 

8)  Jones  in  der  Rhetorik  an  Alexander  (s.  o.  78,  2),  die  schon  Diog. 
Nr.  7!(  neben  unserer  Rhetorik  (worüber  S.  76,2  g.  E.)  kennt  (vgl.  S.  76,  u.); 
dieses  bei  Demetbius  De  elocutione;  Anführungen  unserer  Rhetorik  finden 
siel  hier  c.  38.  41  (Rhet.  III,  8.  1409,  a,  1)',  c.  11.  34  (Khet.  111,9.  1409, 
a,  35.  b,  16);  c.  81   (Rhet.  III,   11,  Auf.);    auf  dieselbe  bezieht  sich  ebd.  c. 

J,4   schon   vor  dem  Verfasser  Arehedemus,    vielleicht   der    Stoiker    (um    140 
hir.). 


[90J  Schicksal  s.  Schriften.  149 

Rhetorik 1).  Die  |  Physik  hatten  Theophrast  imd  Eudemus  be- 
arbeitet, und  der  letztere  namentlich  sich  so  genau  an  den  aristo- 
telischen Text  gehalten,  dass  er  geradezu  als  Zeuge  für  die 
richtige  Lesart  gebraucht  wird 2).  Ein  Schüler  des  Eudemus  3 ) 
führt  aus  der  Physik  des  Aristoteles  die  drei  Bücher  über  die 
Bewegung  an.  Ebenso  lasst  sich  von  Strato  darthun,  dass  ihm 
das  aristotelische  Werk  vorlag4);  auch  der  Stoiker  Posidonius 
verräth  seine  Bekanntschaft  mit  demselben5).  Die  Bücher  vom 
Himmel  lassen  sich  zwar  vor  Andronikus  mit  Sicherheit  nur  bei 
Theophrast  nachweisen 6) ;    dass   aber   dieses    Werk   nach   Theo- 


1)  Welche  (nach  S.  76,  2)  gleichfalls  bei  Diogenes  aufgeführt  und  von 
der  Rhet.    ad   Alex,  genannt  wird. 

2)  Wir  sehen  diess  ausser  anderem  namentlich  aus  den  äusserst  zahl- 
reichen Anführungen  bei  Simplicius  zur  Physik ;  beispielsweise  vgl.  m.  über 
Theophrast  Simpl.  Thys.  141,  a,  m.  b,  u.  187,  a.  m.  201,  b,  u.  Ders.  in 
Categ.,  Schol.  92,  b,  20  ff.  Themist.  Phys.  54,  b,  o.  55,  a,  m.  b,  o.  (Schol. 
409,  b,  S.  411.  a,  6.  b,  28),  und  dazu  Bkandis  Rhein.  Mus.  I,  282  f.;  über 
Eudemus  Simpl.  Phys.  18,'b,  u.  (Auist.  Phys.  I,  2.  185,  b,  11).  29,  a,  o. : 
6  Evör]fiog  rw  lAQcaroTii.il  ttkvtu  xaraxolov&äv.  120,  b,  o.,  wo  zu  Phys. 
III,  S.  208,  b,  18  bemerkt  wird:  xü/J.cor  yuo,  olucu,  to  ,.j£to  tov  äarecas" 
Ovtws  cixovttr,  üg  6  Evdquog  ivotjOi  tu  tov  xtc^rjyi/jövog  u.  s.  w.  121,  b, 
u.:  lv  Tiac  St  [sc.  avTcyocufoig]  ehre  tov  „xoevt)"  „7toojttju.  xal  obren 
yQcicfti  xal  b  EvStjjuog.  128,  b,  o. :  Evdrjuog  Sk  rovrocg  ttuquxoXov&wv 
u.  s.  w.  178,  b,  m.  Eud.  schreibt  Phys.  IV,  13.  222,  b,  18  nicht  nÜQtav, 
sondern  naoon:  201,  b,  u.:  Eid',  lv  roig  iuiTOv  (fvacxoig  naouffQu^cov  tu 
tov  \4qcototQ.o vg.  216,  a,  m:  Eud.  knüpft  unmittelbar  an  das,  was  bei 
Aristoteles  am  Schluss  des  5ten  Buchs  steht,  den  Anfang  des  6ten.  223,  a, 
u. :  bei  Aristoteles  bringt  (Phys.  VI,  3.  234,  a,  1)  ein  in  verschiedener  Be- 
ziehung wiederholtes  ine  Tcifii  eine  Unklarheit  in  den  Ausdruck;  Eudemus 
setzt  für  das  zweite  in)  Tcids  „inixuvu".  242,  a,  o.  (Anfang  des  Tten  Buchs): 
Evd.  ui/Qc  rovöi  bhjg  a/iöbv  nQuyuuTttag  xtcfaXaiocg  cixokov-&^aug,  tovto 
7TitQi)i9ö>r  ibg  TTtQiTTov  in)  tu  iv  rw  Tt).ivTixio)  ßcß).(o)  «etpdXaia  uiTtjX&i. 
279,  a,  m:  xal  o  yi  Eid.  nuoucfoü^wv  nyidbr  xu)  uvTog  tu  lAotaTOTiXovg 
Tt&rjGc  xu)  tuvtu  tu  TurjuuTu  aviTÖuwg.  294,  b,  o.:  Arist.  zeigt,  dass  das 
erste  Bewegende  unbewegt  sein  müsse,  Eudemus  fügt  bei:  rö  nowreog  xivovv 
xuft'    ixdOTTjv  xivriaiv.     Weiteres  S.  700  f.  2.   Aufl.  und  oben  S.   138,  5. 

3)  Damasus,  s.  o.  S.  86  u. 

4)  M.  vgl.  Simpl.  Phys.  153,  a,  o.  (155,  b,  m.)  154,  b,  u.  168.  a,  o.  187, 
a,  m  ff.,    189,  b,  u.  (vgl.  Phys.  IV,    10).   214.  a,  m. 

5)  In  dem  Bruchstück  b.  Simpl.  Phys.  64,  b,  m,  von  dem  schon  Simpli- 
ciu-  bemerkt,  dass  er  sich  darin  an  Aristoteles  (Phys.  II,  2)  anlehne. 

6)  S.  o.  S.   87,   1. 


150  Aristoteles.  [91] 

phrast  verloren  gewesen  sein  sollte,  ist  um  so  unwahrschein- 
licher, da  seine  Fortsetzung,  die  Schrift  vorn  Werden  und  Ver- 
gehen, im  Verzeichniss  des  Diogenes  steht '),  und  die  mit  beiden 
so  eng  |  zusammenhängende  Meteorologie  in  jener  Zeit  vielfach  ge- 
braucht wurde  2) ;  ihre  Lehre  von  den  Elementen  hatte  sich  Po- 
sidonius  angeeignet3),  ihrer  Theorie  über  die  Schwere  und 
Leichtigkeit  der  Körper  Strato  widersprochen4).  Die  (unächte) 
Mechanik  und  die  Astronomie  nennt  das  Verzeichniss  des  Dio- 
genes 5).  Die  Thiergeschichte  wurde  nach  Theophrast ü)  von  dem 
Alexandriner  Aristophanes  aus  Byzanz  bearbeitet 7) ;  dass  sie 
während  der  alexandrinischen  Periode  nicht  verschollen  war, 
sieht  man  auch  aus  dem  Verzeichniss  des  Diogenes  (Nr.  102) 
und  einer  aus  ihr  geflossenen  viel  gebrauchten  Compilation  8).  Die 
Schrift  von  der  Seele  benützt  ausser  Theophrast 9)  auch  der  Ver- 
fasser der  Schrift  über  die  Bewegung  der  lebenden  Wesen,  der 
letztere  zugleich  mit  der  unächten  Abhandlung  über  das  Pneu- 
ma10).  Von  den  Problemen11)  ist  es  mehr  als  unwahrscheinlich, 
dass  ihre  Ueberarbeitung  in  der  peripatetischen  Schule  erst  nach 
Andronikus  begann.  Die  Metaphysik  ist,  wie  wir  gesehen 
haben12),    nicht   allein  von   Theophrast  und   Eudemus  in   aus- 


1)  Wenn  nämlich  Nr.  39:  n.  aroi/etcüv  ä  ß'  y'  auf  sie  geht;  worüber 
S.  52,  m. 

2)  S.  o.  87,  2. 

3)  Simpl.  De  coelo,  Schol.  in  Ar.  517,   n,  31. 

4)  Simpl.  a.  a.  O.  4S6,  a,  5. 

5)  Jene  Nr.  123,  diese  113;  s.  o.  90,   1. 

6)  Diog.  V,  49  nennt  von    ihm    Ennofiüv  *AQiOToriXovs  it.  Zwwv  g'. 

7)  Nach  Hierokl.  Hippiatr.  praef.  S.  4  hatte  dieser  Grammatiker  eine 
'EntTO/ut]  derselben  geschrieben,  wofür  Artemidor  Oneirocrit.  II,  14  unojuvy- 
uara  tlg  yiotaroT^Xrjv  sagt.  (S.  Schneider  in  s.  Ausg.  I,  XIX.)  Auch 
Demetr.  De  elocut.  97.  157  (vgl.  H.  an.  II,  1.  497,  b,  28.  IX,  2.  32.  610, 
a,   27.  619,  a,   16),  oder  der  von  ihm  benützte  Vorgänger  kennt  sie. 

8)  Worüber  S.  92.  Aus  dieser  CompilatioD  sind  vielleicht  auch  die 
vielen  Anführungen  der  aristotelischen  Thiergeschichte  in  Antigonus'  Mira- 
bilien  (c.  16.  22.  27—113.  115)  entnommen;  für  uns  ist  es  unerheblich,  ob 
sie  mittelbare  oder  unmittelbare  Zeugnisse  für  den  Gebrauch  derselben  sind. 

9)  Ueber  welchen  Themist.  De  an.  89.  b,  u.  91,  a,  o.  m.  Pun.or. 
De  an.  C,  4,  u. 

10)  Vgl.  S.  93,  2.    94,   1. 

11)  Worüber  S.  100  z.  vgl. 

12)  S.  83,  1. 


Schicksal  s.  Schriften.  151 

giebiger  Weise,  sondern  auch  nach  ihnen  von  Strato  und  an- 
dern Peripatetikern  benützt ,  vielleicht  von  Eudemus  heraus- 
gegeben worden,  wenn  auch  einige  Abschnitte  dieses  Werkes 
erst  durch  Andronikus  in  die  ältere  Zusammenstellung  der  aristo- 
telischen Schriften  über  die  erste  Philosophie  aufgenommen  wor- 
den zu  sein  scheinen.  Von  der  Ethik  ohnedem  versteht  es  sich 
von  selbst,  dass  sie  nicht  blos  in  Theophrast's  Exemplar  vor- 
handen war  und  nicht  mit  ihm  verschwand,  da  sie  ja  in  diesem 
Fall  weder  von  Eudemus  noch  auch  später  von  dem  Verfasser 
der  grossen  Moral  hätte  bearbeitet  werden  können.  Die  Politik 
befand  sich,  nach  dem  Verzeichniss  des  Diogenes  zu  schliessen, 
zugleich  mit  dem  ersten ,  auch  von  Philodemus *)  angeführten, 
Buch  unserer  Oekonomik  in  der  alexandrinischen  Bibliothek 2) ; 
dass  die  erstere  Dicäarchus  bekannt  war,  wird  durch  die  An- 
gaben über  seinen  Tripolitikus  3)  wahrscheinlich ,  dass  der  Ver- 
fasser des  ersten  Buchs  unserer  Oekonomik4)  sie  vor  Augen 
hatte,  hegt  auf  der  Hand.  Mag  daher  auch  ihre  Benützung  in 
der  grossen  Moral  nicht  streng  zu  erweisen  sein  5),  und  wissen 
wir  auch  nicht,  wem  Gcero  das  verdankt,  was  er  ihr  für  seine 
eigenen  Darstellungen  entnommen  hat  üj,    so  lässt  sich  doch  von 


1)  De  vit.  IX  (Vol.  Herc.  II)  col.  7,  38.  47.  col.  27,  15,  wo  sie 
Theophrast  zugeschrieben  wird. 

2)  S.  o.  104,   1.   105,  2. 

3)  Worüber  S.   721,  5  2.  Aufl. 

4)  Den  wir  nach  S.  768  2.  Aufl.  eher  in  Eudemus  oder  einem  seiner 
peripatetischen  Zeitgenossen,   als  in  Aristoteles  zu   suchen  haben  werden. 

5)  Wenn  hier  I,  4.  1184,  b,  33  ff.  die  Glückseligkeit  als  h't'oytuc  /.at 
XQ*ioiS  t*}S  äntTrjg  definirt  wird,  so  hat  diess  allerdings  mit  Polit.  VII,  13. 
1332,  a,  7  (eine  Stelle,  an  die  Nickes  De  Arist.  polit.  libr.  87  f.  erinnert) 
grössere  Aehnlichkeit,  als  mit  Eth.  N.  I,  6.  X,  6.  7.  Eud.  II,  1,  da  die 
Glückseligkeit  hier  zwar  tviqyiiu  xax'  (igtr^v  (oder  t?}?  aotr^g)  genannt 
wird,  aber  die  Zusammenstellung  der  h'toytiu  und  ym,at,;  fehlt.  Indessen 
wird  auch  Eud.  1219,  a,  12  ff.  23.  Xik.  I,  9.  1098,  b,  31  von  der  /orjoig 
gesprochen,  und  so  ist  es  immerhin  möglich,  dass  dem  Verfasser  der  grossen 
Moral  nur  diese  Stellen  vorschwebten. 

6)  Dass  in  Cicero's  politische  Schriften  das  eine  und  andere  aus  der 
aristotelischen  Politik  übergegangen  sei,  habe  ich  schon  2.  Aufl.  S.  526  aus 
Cic.  Leg.  III,  6.  Iiep.  I,  25  (vgl.  Polit.  III.  9.  1280,  6,  29.  c.  6.  1278,  b,  19. 
I,  2.  1253,  a,  2).  Eep.  I,  26  (Pol.  III,  1.  1274,  b,  36.  c.  6.  1278,  b,  8.  c.  7. 
1279,  a,  25  ff.)  ßep.  I,  27  (Pol.  III,  9.  1280,  a,  11.  c.  10.  11.  1281,  a,  28  ff. 
b,  28.  c.   16.  1287,  a,  8  ff.)  Rep   I,  29  (Pol.  IV,  8.  11)  geschlossen,  und  auch 


1 52  Aristoteles. 

ihr  gleichfalls  nicht  bezweifeln,  dass  sie  den  Gelehrten  auch  nach 
Theophrast  zugänglich  gewesen  ist.  Das  gleiche  gilt  von  den 
Politieen,  für  deren  Benützung  während  der  alexandrinischcn 
Periode  uns  zahlreiche  Beweise  zu  Gebote  stehen1).  Dass  end- 
lich auch  die  Poetik  den  alexandrinischen  Grammatikern  wohl 
bekannt  war,  ist  durch  neuere  Untersuchungen  ausser  Zweifel 
gestellt2).  Alles  zusammengenommen  sind  es  daher  von  den 
ächten  Bestandteilen  unserer  aristotelischen  Sammlung  nur  die 
Werke  über  Theile,  Entstehung  und  Gang  der  lebenden  Wesen 
und  die  kleineren  anthropologischen  Abhandlungen,  von  denen 
sich  nicht  durch  bestimmte  Zeugnisse  nachweisen  oder  doch  in 
hohem  Grad  wahrscheinlich  machen  liesse,  dass  sie  auch  nach 
der  Entfernung  der  theophrastischen  Büchersammlung  aus  Athen 
noch  gebraucht  worden  sind.  Auch  von  jenen  haben  wir  aber 
keinen  Grund  diess  zu  bezweifeln,  sondern  wir  können  es  nur 
nicht  positiv  beweisen;  und  diess  hat  bei  der  Lückenhaftigkeit 
unserer  Ueberlieferungen  über  die  philosophische  Literatur  nach 
Aristoteles  nichts  auffallendes.  Wenn  daher  Strabo  und  Plutarch 
glauben,  die  aristotelischen  Lehrschriften  seien  nach  Theophrast's 
Tod  der  Benützung  fast  vollständig  entzogen  gewesen,  so  wird 
diese  Voraussetzung  durch  den  nachweisbaren  Thatbestand  ent- 
schieden widerlegt.  Einzelne  Schriften  kann  allerdings  mög- 
licherweise das  Schicksal  betroffen  haben,    das   nach  jenen    fast 


SüSEMiHL  Arist.  Pol.  XLIV,  81  stimmt  mir  bei.  Da  aber  Cicero  den  Ari- 
stoteles in  der  Republik  nicht  nennt  und  Leg.  III,  6  nur  in  ganz  unbestimmten 
Ausdrücken  auf  ihn  Bezug  nimmt,  scheint  er  nicht  unmittelbar  aus  ihm 
geschöpft  zu  haben,  und  es  fragt  sich,  woher  er  jenes  Aristotelische  hat. 
SusE.Mim.  S.  XLV  denkt  an  Tyrannio,  man  könnte  aber  auch  auf  Dicäarch 
rathen,   den  er  bekanntlich  mit  Vorliebe  benutzt  hat. 

1)  Der  älteste  Zeuge  dafür  ist  Timiius  b.  Polyb.  XII,  5  — 11  und  dieser 
selbst;  weiter,  neben  Diog.  (Hermippus)  Nr.  145,  der  Scholiast  des  Aristo- 
phanes,  welcher  (nach  einer  guten  alexandrinischen  Quelle)  die  Politieen 
sehr  oft  anführt;  m.  s.  Arist.  Fr.  ed.  Rose  Nr.  352.  355—358.^370.  373.  407. 
420  f.  426  f.  470.    IV,.  498  f.  525.  533. 

2)  Ihr  Vorhandensein  in  der  alexandrinischen  Bibliothek  erhellt  aus 
dem  Verzeichniss  des  Diog.  (Nr.  83),  ihre  Benützung  durch  Aristophanes 
von  Byzanz  und  Didymus  aus  den  Belegen,  welche  Susemihl  S.  2(1  f.  s. 
Ausgabe  nach  Tbendelenbi  bg  Grammat.  graec.  de  arte  trag,  judic.  rel.  aus 
den  Einleitungen  and  Scholien  zu  Sophokles  und  Euripides  zusammenge- 
stellt hat. 


Schicksal  s.  Schriften.  153 

alle  heimgesucht  hätte;  es  kann  das  eine  oder  das  andere  Werk 
mit  Theophrast's  Bibliothek  der  Schule  in  Athen  verloren  ge- 
gangen, von  Andronikus  nur  nach  einer  Abschrift  aus  den  ver- 
dorbenen Exemplaren  der  sullanischen  Bibliothek  herausgegeben 
worden  sein.  Allein  dass  diess  bei  irgend  einem  von  den  bedeu- 
tenderen Werken  oder  gar  bei  mehreren  derselben  der  Fall  ge- 
wesen sei,  ist  zum  voraus  nicht  eben  wahrscheinlich,  da  sich 
kaum  annehmen  lässt,  es  seien  in  der  peripatetischen  Schule  zu 
Athen  während  Theophrast's  langer  Schulführung  von  ihren 
wichtigsten  Lehrbüchern  keine  Abschriften  genommen  wor- 
den; und  da  sich  auch  Theophrast  selbst  nicht  zutrauen  lässt. 
dass  er  zwar  in  allen  andern  Beziehungen  für  seine  Schule  auf's 
beste  besorgt  gewesen  wäre,  dass  er  ihr  Garten  und  Häuser  und 
Museum  und  die  Mittel  zum  Ausbau  des  letzteren  vermacht,  zu- 
gleich aber  seine  kostbarsten  und  für  ihren  Bestand  unentbehr- 
lichsten Schätze,  seine  eigenen  und  die  aristotelischen  Schriften  ihr 
entzogen  hätte,  wenn  nicht  ein  anderweitiger  Ersatz  für  sie  beschafft 
war.  Sollte  daher  das  eine  oder  das  andere  von  unsern  aristotelischen 
Büchern  zu  der  Vermuthung  Anlass  geben,  dass  eine  Hand- 
schrift aus  der  Bibliothek  Apellikon's  die  einzige  Grundlage  seines 
Textes  bilde,  so  müsste  diese  Vermuthung  doch  immer  für  den 
einzelnen  Fall  aus  der  Beschaffenheit  dieses  Werkes  begründet 
werden:  auf  Strabo's  und  Plutarch's  Behauptungen  über  das 
allgemeine  Verschwinden  der  aristotelischen  Lehrschriften  nach 
Theophrast's  Tod  könnte  sie  sich  nicht  stützen. 

Nun  lässt  sich  allerdings  nicht  läugnen,  dass  ein  bedeuten- 
der Theil  der  aristotelischen  W7erke  Erscheinungen  darbietet, 
welche  zu  der  Vermuthung  berechtigen,  es  seien  bei  der  jetzigen 
Gestalt  derselben  noch  andere  Hände,  als  die  ihres  Verfassers, 
im  Spiele  gewesen :  Verderbniss  des  Textes,  Lücken  der  wissen- 
schaftlichen Ausführung,  Versetzung  ganzer  Abschnitte,  Zu- 
thaten,  welche  nur  von  Späteren  herrühren  können,  andere,  die 
zwar  aristotelisch,  aber  ursprünglich  nicht  für  diese  Stelle^  be- 
stimmt scheinen,  Wiederholungen,  die  sich  einem  sonst  so  spar- 
samen Schriftsteller  schwer  zutrauen  und  doch  auch  kaum  von 
späterer  Interpolation  herleiten  lassen x).      Zur   Erklärung   dieser 


1)  M.  vgl.  in  dieser  Beziehung,  um  anderes*  zu    übergehen,   was    früher 
über  die  Kategorieen  (S.  67,   1),  n.  kotxr]veiug  (69,  1),  die  Rhetorik  (78,  1), 


154  Aristoteles.  [103] 

Erscheinungen  reicht  aber  Strabo's  Erzählung  schon  desshalb 
nicht  aus,  weil  sie  sich  auch  bei  solchen  Schriften  linden,  welche 
nachweisbar  vor  Apelliko  im  Umlauf  waren.  Die  Gründe  der- 
selben werden  vielmehr  im  wesentlichen  theils  in  den  Umstän- 
den, unter  denen  diese  Schriften  verfasst  und  veröffentlicht  wur- 
den M,  theils  in  dem  Gebrauch,  der  beim  Unterricht  von  ihnen 
gemacht  wurde 2),  theils  endlich  in  der  Nachlässigkeit  der  Ab- 
schreiber und  den  mancherlei  Zufällen  zu  suchen  sein,  von  denen 
die  Abschriften  betroffen  werden  konnten,  und  die  von  einer 
einzigen  auf  alle  aus  ihr  abgeleiteten  zurückwirken  mussten. 

Um  schliesslich  die  Frage  nacli  der  Zeit  und  der  Abfolge 
zu  berühren,  in  welcher  die  aristotelischen  Schriften  verfasst  wur- 
den, so  hat  dieselbe  bei  ihnen  lange  nicht  die  gleiche  Bedeu- 
tung, wie  bei  den  platonischen.  |  Aristoteles  war  allerdings  schon 
während  seines  ersten  Aufenthalts  in  Athen  als  Schriftsteller 
aufgetreten 3),  und  dass  er  diese  Thätigkeit  auch  in  Atarneus, 
Mytilene  und  Macedonien  fortsetzte,  lässt  sich  wenigstens  ver- 
muthen.  Die  uns  erhaltenen  Schriften  jedoch  scheinen  alle  dem 
zweiten  athenischen  Aufenthalt  anzugehören,  so  vieles  auch  ohne 
Zweifel  schon  früher  für  sie  vorbereitet  war.  Diess  ergibt  sich 
zunächst  schon  aus  einzelnen  Spuren  ihrer  Abfassungszeit,  welche 
nicht  blos  für  die  Werke,  in  denen  sie  vorkommen,  sondern 
auch  für  alle  späteren  beweisen4),    sowie  aus  den  |  häufigen  Be- 

die  Metaphysik  (80,2),  das  7.  Buch  der  Physik  (£6  u.),  das  4te  der  Meteoro- 
logie (87,  2),  das  JOte  der  Thiergeschichte  (91,  1),  n.  xpvxrjg  (93,  2),  B.  V 
De  gen.  an.  (97,  1),  die  Ethik  (1()2,  1),  die  Poetik  (107,  1)  bemerkt  ist,  und 
was  S.  520  ff.  2.   Aufl.  über  die  Politik  zu  bemerken  sein  wird. 

1)  Vgl.  S.   112  ff. 

2)  Wie  leicht  dadurch  einzelne  Erläuterungen  und  Wiederholungen  in 
den  Text  kommen,  für  kleinere  und  grössere  Abschnitte  doppelte  Recen- 
^ionen  entstehen  konnten,  liegt  am  Tage  und  wird  im  grossen  durch  das 
Beispiel  der  eudemischen  Physik   und   Ethik  bewiesen. 

3)  S.  o.   S.   59  ff. 

4)  So  geschieht  Meteor.  I,  7.  345,  a,  1  [eines  Kometen  Erwähnung, 
welcher  unter  dem  Archon  Nikomachus  (Ol.  109,  4.  341  v.  Chr.)  in  Athen 
sichtbar  war,  indem  sein  Lauf  und  Standort  genau,  wie  aus  eigener  späterer  Er- 
kundigung, angegeben  wird.  Die  Politik  berührt  nicht  blos  den  heiligen 
Krieg  wie  etwas  vergangenes  (V,  4.  1304,  a,  10),  und  den  Zug  des  Phaläkus 
nach  Kreta,  welcher  am  Schluss  desselben,  um  Ol.  108,  3  stattfand  (Diodor 
XVI,  62),  mit  einem  vtiooA  (II,  10,  Schi.),  sondern  auch  V,  10.  1311,  b,  1 
die    Ermordung    Philipp's    (336    v.    Chr.),     und    zwar    letztere    ohne    jede 


[104  A  bfassungszei t  d.  Schritten.  155 

ziehungen  auf  Athen  und  selbst  auf  den  Ort  des  aristotelischen 
Unterrichts,  die  sich  schon  in  den  frühesten  von  ihnen  finden  1). 
Wenn  ferner  richtig  ist,  was  sich  uns  über  die  Bestim- 
mung unserer  aristotelischen  Werke  rar  die  Schule  des  Phi- 
losophen, über  ihren  Zusammenhang  mit  seinem  Unterricht,  über 
die  Verweisungen  späterer  Schriften  auf  frühere  ergeben  hat 2), 


Andeutung  davon,  dass  sie  der  neuesten  Zeit  angehöre.  Die  Rhetorik  be- 
zieht sich  II,  23.  1397,  b,  31.  1399,  b,  12  ohne  Zweifel  auf  Vorgänge  aus 
den  Jahren  33S— 336  v.  Chr.;  III,  17.  1418,  b,  27  führt  sie  Isokrates' 
Philippus  (345  v.  Chr.)  an;  von  derselben  zeigt  Brandis  (Philologus  IV, 
10  ff.),  dass  die  vielen  in  ihr  angeführten  attischen  Redner,  welche  jünger 
als  Demosthenes  sind,  kleinsten  Theils  vor  Aristoteles'  erste  Abreise  von 
Athen  gesetzt  werden  können,  und  das  gleiche  wird  von  den  zahlreichen 
Werken  des  Theodektes  gelten,  welche  hier  und  in  der  Poetik  benützt  sind. 
Metaph.  I,  9.  991,  a,  17.  XII,  S.  1073,  b,  17.  32  wird  von  Eudoxus  und 
dem  noch  jüngeren  Kallippus,  Kth.  N.  VII,  14.  1153,  b,  5.  X,  2,  Anf.  von 
Speusipp  und  Eudoxus  so  gesprochen,  als  wären  sie  nicht  mehr  am  Leben. 
Von  der  Thiergeschichte  hat  Rose  (Arist.  libr.  ord.  212  ff.)  aus  VIII,  9.  II, 
5,  Anf.  u.  a.  St.  gezeigt,  dass  sie  erst  einige  Zeit  nach  der  Schlacht  bei 
Arbela,  in  welcher  den  Macedoniern  zuerst  Elephanten  zu  Gesicht  kamen, 
und  wahrscheinlich  nicht  vor  dem  indischen  Feldzug,  verfasst  (oder  doch 
vollendet)  sei.  Dass  aber  andererseits  auch  viel  früheres  mit  einem  vvv 
angeführt  wird,  wie  Meteor.  III,  1.  371,  a,  30  der  ephesinische  Tempelbrand 
(Ol.  106,  1.  356  v.  Chr),  Polit.  V,  10.  1312,  b,  10  der  Zug  Dio's  (Ol.  105, 
4  f.),  kann  bei  der  Unbestimmtheit  dieses  Ausdrucks  nichts  beweisen.  Eben- 
sowenig folgt  aus  Anal,  pri.'  II,  24,  dass  Theben  damals  noch  nicht  zerstört 
war;  eher  könnte  man  aus  Polit.  III,  5.  1278,  a,  25  für  diese  Schrift  das 
Gegentheil  abnehmen. 

1)  Vgl.  Brasdis  gr.-röm.  Phil.  II,  b,  1 16.  Ich  setze  hier  bei,  was  mir 
ausser  dem  eben  angeführten  derartiges  aufgestossen  ist.  Kateg.  4.  2,  a,  1. 
c.  9,  Schi.:  tiov,  oiov  ir  Aizeiw.  Anal.  pri.  II,  24:  Athen  und  Theben,  als 
Beispiele  von  Nachbarn.  Ebenso  Phys.  III,  3.  202,  b,  13.  Ebd.  IV,  11.219, 
b,  20 :  rö  tv  Av/.tito  elvai.  Metaph.  V,  5.  30.  1015,  a.  25.  1025,  a,  25: 
ro  n).tvOai  tig  AXyivav,  als  Beispiel  einer  Geschäftsreise.  Ebd.  V,  24,  Schi.: 
die  athenischen  Feste  der  Dionysien  und  Thargelien  (auch  der  attischen 
Monate  bedient  sich  Arist.  z.  B.  Hist.  an.  V,  11  u.  ö.,  doch  will  ich  darauf 
kein  Gewicht  legen).  Rhet.  II,  7.  1385,  a,  28:  6  tv  Avxtio)  tbv  (foo/uov 
tfoi/?.  Ebd.  III,  2.  1404,  b,  22.  Polit.  VII,  17.  1336,  b,  27:  der  Schauspieler 
Theodorus.  Athen's  und  der  Athener  geschieht  ohnediess  ausserordentlich 
oft  Erwähnung  (Ind.  ar.  12,  b,  34  ff.)  Auch  die  Bemerkung  über  die  Corona 
borealis  Meteor.  II,  5.  362,  b,  9  passt,  wie  Ideler  z.  d.  St.  I,  567  f.  zeigt, 
für  die  Breite  von  Athen. 

2)  S.   112   ff.  vgl.  besonders  S.   126  f.  131  ff. 


156  Aristoteles.  [104.  105] 

so  können  alle  diese  Werke  nur  in  Athen  während  Aristoteles' 
letzter  Anwesenheit  in  dieser  Stadt  verfasst  sein.  Nicht  minder 
entscheidend  ist  endlich  biefur  die  Wahrnehmung,  dass  in  dieser 
ganzen  so  umfassenden  Sammlung-  kaum  irgend  eine  nennens- 
werthe  Aenderung  in  den  Ansichten  oder  der  Terminologie  zu 
bemerken  ist.  Alles  ist  so  reif  und  fertig,  alles  stimmt  bis  in's 
einzelste  so  vollständig  überein,  die  wichtigsten  Schriften  sind 
untereinander,  mit  wenigen  Ausnahmen ,  theils  durch  ausdrück- 
liche Verweisungen,  theils  durch  ihre  ganze  Anlage  in  einen  so 
engen  Zusammenhang  gesetzt,  dass  wir  in  ihnen  nicht  weitaus- 
einanderliegende  Erzeugnisse  verschiedener  Lebensperioden,  son- 
dern nur  das  planmässig  ausgeführte  Werk  einer  Zeit  sehen 
können,  in  der  ihr  Verfasser,  mit  sich  selbst  vollständig  zum 
Abschluss  gekommen,  die  wissenschaftlichen  Früchte  seines  Le- 
bens zusammenfasste,  und  auch  von  den  früheren  Arbeiten  die- 
jenigen, welche  er  mit  den  späteren  verknüpfen  wollte,  einer 
nochmaligen  Durchsicht  unterwarf.  Ebendesshalb  ist  es  aber  für 
diejenige  Benützung  dieser  Schriften,  welche  uns  obliegt,  von 
keiner  grossen  Wichtigkeit,  ob  ein  Werk  früher  oder  später  als 
ein  anderes  verfasst  wurde.  Doch  muss  auch  diese  Frage  immer- 
hin untersucht  werden. 

Einige  Schwierigkeit  macht  nun  zwar  hiebei  der  schon 
früher  x)  besprochene  Umstand,  dass  die  Verweisungen  der  aristo- 
telischen Werke  |  auf  einander  mitunter  gegenseitig  sind;  doch 
werden  dieselben  dadurch  nicht  in  dem  Mass  unbrauchbar,  wie 
man  wohl  geglaubt  hat,  da  es  im  Verhältniss  zu  der  grossen 
Anzahl  der  Anführungen  doch  immer  nur  Ausnahmen  sind,  um  die 
es  sich  hier  handelt,  und  unser  Urtheil  über  die  Reihenfolge  der 
Schriften  nur  in  wenigen  Fällen  durch  die  Gegenseitigkeit  der 
Verweisungen  in's  Schwanken  gebracht  wird.  Im  besonderen 
werden  wir  unter  den  uns  erhaltenen  Werken,  so  weit  sie  sich 
nicht  jeder   derartigen    Bestimmung  entziehen 2) ,    die  logischen, 

1)  Vgl.  S.   127   ff. 

2)  Was  aber  nur  bei  solchen  Schritten  der  Fall  ist,  deren  Aechtheit 
auch  aus  anderweitigen  Gründen  zu  bestreiten  ist.  Von  ihnen  wird  nicht 
allein  selbstverständlich  keine  in  den  ächten,  und  nur  eine  einzige  in  einer 
unächten  Schrift  angeführt,  sondern  es  verweisen  auch  nur  die  wenigsten 
auf  andere  Schriften,  während  unter  den  für  acht  zu  haltenden  Werken  kein 
einziges  ist.  das  nicht  andere  anführte  oder  von  ihnen  angeführt  oder  doch 


[10t>]  Reihenfolge  d.   Schritten.  157 

mit  Ausnahme  des  Schriftchens  über  die  Sätze  *),  für  die  ersten 
zu  |  halten  haben.  Denn  theils  ist  es  natürlich  und  dem  metho- 
dischen Verfahren  des  Aristoteles  entsprechend,  dass  er  der  ma- 
teriellen Ausführung  seines  Systems  jene  formalen  Untersuchungen 
voranschickte,  durch  welche  die  Regeln  und  Bedingungen  alles 
wissenschaftlichen  Denkens  festgestellt  werden  sollten;  theils  er- 
hellt auch  aus  seinen  eigenen  Anführungen,  dass  dieselben  den 
naturwissenschaftlichen  Werken,  der  Metaphysik,  Ethik  und 
Rhetorik  vorangiengen 2).  Unter  den  logischen  Schriften  selbst 
scheinen  die  Kategorieen  die  erste  zu  sein;  auf  sie  folgte  die 
Topik,  mit  Einschluss  des  Buchs  über  die  Trugschlüsse,  dieser 
die  zwei  Analytiken;  erst  später  ist  die  Abhandlung  von  den 
Sätzen  beigefügt  worden  3).  Jünger  als  die  Analytik,  aber  älter 
als  die  Physik  scheint  die  Erörterung  zu  sein,   welche  jetzt   das 


vorausgesetzt  würde,  bei  den  meisten  aber  beides  der  Fall  ist.  Näher  verhält 
es  sich  damit  so.  I.  Von  den  entschieden  anächten  Werken  werden  a) 
weder  angeführt  noch  führen  sie  andere  an:  tt.  xoGfiov,  n.  ^omuktmv ;  tt. 
axovGrdJv ;  (fvaioyvtofiovixci;  tt.  (fiTcöv  (vgl.  S.  98,  u.);  tt.  d-avfxnaiwv 
dxovnuuTtov ;  /ßTj/avixa ;  7i.aTOu.mv  yoccu/iiwr ;  ttvifMov  Ss'atig;  tt  Sfro- 
(füvovg  u.  s.  w.;  rj&ixä  fieyala;  tt.  doermv  xai  xaxtwv;  oixovofuxii; 
örjToiHXT}  noog  Idkei-KvtfQov.  b)  IT.  TTVtvuuTog  führt  keine  andere  an,  wird 
aber  in  der  unächten  Abhandlung  tt.  uoojv  xivrjdfcog  angeführt,  c)  Umgekehrt 
wird  tlie  letztere  selbst  nie  angeführt,  während  sie  einige  andere  Schriften 
nennt;  ebenso  die  eudemische  Ethik,  falls  ihre  Citate  auf  aristotelische 
Werke  gehen.  II.  Unter  den  übrigen  Schriften  sind  die  Kategorieen  die 
einzige,  welche  keine  andere  anführt,  und  sie  werden  auch  nicht  direkt 
angeführt  (doch  vgl.  S.  67,  u.) ;  ti.  fQurjvtittg,  tt.  t.  xaty'  vttvov  fiavTixfjg 
und  die  Rhetorik  führen  andere  an,  werden  aber  nicht  angeführt;  n.  Cohov 
yevtoetus  hat  viele  Anführungen,  wird  aber  nur  Einmal  als  zukünftig  ge- 
nannt; von  der  Metaphysik  wird  nur  B.  V  in  ächten,  B.  I.  XII  und  XIII  in 
itcn  Schriften  angeführt  oder  benützt  (vgl.  S.  80,  2.  83,  I),  sie  ihrerseits 
eitirt  die  Analytik,  die  Physik,  De   coelo,  die  Ethik. 

1)  Worüber  S.  69,   1. 

2)  Ausser  den  S.  70,  1.  72,  2  gegebenen  Nachweisungen  gehört  hieher 
lie  entscheidende  Stelle  Anal.  post.   II,    12.  95,  b,   10:  /uällov  Jf  ifuvtQÖi; 

I'v  Toig  xu&oXov  Titol  xirrjaecog  äti  k£%9i[vai>  ntnl  ccutwv.  Die  Physik  aber 
st  das  früheste  von  den  naturwissenschaftlichen  Werken.  Auch  das  nega- 
ive  Merkmal  trifft  zu,  dass  in  den  Kategorieen.  den  Analytiken  und  der 
opik  keine  von  den   übrigen  Schriften  angeführt  wird. 

3)  S.  S.  67,  1.  70,  1.  72  und  die  S.  69,  m.  angeführte  Abhandl.  von  Bbandib, 
velche  S.  256  ff.  durch  eine  Vergleichung  der  Analytiken  mit  der  Topik  die 
iühere  Abfassung  der  letzteren  darthut. 


158  Aristoteles.  [106.   107] 

fünfte  Buch  der  Metaphysik  bildet ').  An  diese  Untersuchungen 
schliessen  sich  die  naturwissenschaftlichen,  und  unter  ihnen  zu- 
nächst die  Physik  an,  welche  in  der  Analytik  erst  für  die  Zu- 
kunft in  Aussicht  gestellt  wird  und  die  ebengenannte  metaphy- 
sische Abhandlung  berücksichtigt,  welche  aber  nicht  allein  von 
der  Metaphysik  und  Ethik,  sondern  auch  von  der  Mehrzalü  der 
übrigen  naturwissenschaftlichen  Werke  angeführt  oder  voraus- 
gesetzt wird,  während  sie  ihrerseits  keines  von  ihnen  als  schon 
vorhanden  anführt  oder  voraussetzt  -).  Dass  auf  sie  die  Bücher 
vom  Himmel 3)  und  vom  Entstehen  und  Vergehen  nebst  der 
Meteorologie  in  dieser  Ordnung  folgten,  sagt  die  letztere  sehr 
bestimmt4).  Ob  diesen  Untersuchungen  über  die  unorganische 
Natur  die  Thiergeschichte  oder  die  Schrift  von  der  Seele  der 
Zeit  nach  näher  steht,  lässt  sich  nicht  entscheiden;  sehr  möglich, 
dass  das  erstgenannte  Werk,  weitschichtig,  wie  es  ist,  vor  dem 
zweiten  begonnen,  aber  erst  nach  ihm  vollendet  wurde 5). 
Mit  der  Schrift  von  der  Seele  sind  jene  kleineren  Ab- 
handlungen zu  verbinden,  welche  |  theils  ausdrücklich  |;),  theils 
durch  ihren  Inhalt  auf  sie  zurückweisen;  doch  ist  ein  Theil  der- 
selben wohl  erst  nach  den  Werken  über  die  Theile,  den  Gang 
und  die  Erzeugung  der  Thiere  oder  während  der  Ausarbeitung 
derselben  verfasst  worden 7),  welche  sich  im  übrigen  zunächst 
an  sie  anreihen ;  denn  dass  sie  jünger  sind ,  als  die  Thier- 
geschichte, die  Schrift  von  der  Seele  und   die  ihr  zunächst  fol- 


1)  Denn  sie  wird  einerseits  in  der  Physik  und  De  gen.  et  corr.  berück- 
sichtigt (s.  o.  80  u.  127,  5),  andererseits  scheint  sie  c.  30  Schi,  auf  Anal, 
post.  I,  6.  75,  a,  18  ff.  28  ff.  hinzudeuten;  doch  ist  das  letztere  nicht  sicher. 

2)  S.  o.   85,   1.  Ind.  arist.  102,  a,  53  ff.  98,  a,  27  ff. 

3)  Welche  man  schon  wegen  der  auf  sie  gehenden  Verweisungen,  aber 
auch  aus  anderen  Gründen,  nicht  mit  Blass  (Rhein.  Mus.  XXX,  498.  505) 
für  eine  hypomnematische  Schrift  halten  kann. 

4)  Meteor.  1,1,  wozu  man  weiter  S.  87,  1.  Ind.  arist.  98,  a,  44  ff.,  und 
das  Citat  der  Schrift  n.  ^omv  noqtiag  De  coelo  II,  2  betreffend  S.  128 
vergleiche. 

5)  Dass  die  Vollendung  der  Thiergeschichte  nicht  zu  frühe  gesetzt 
werden  kann,  wird  aus  dem   hervorgehen,  was  S.  154,  4  angeführt  wurde. 

6)  So  vi.  alo&TjOewg,  tt.  vnvov,  n.  ivvnviwr,  tt.  ((V((7irvrjg  (Ind.  ar.  102. 
I»,  (10  ff.) 

7)  S.   o.  95  trat.  folg. 


[1Ü7.  10S]  Reihenfolge  d.   Schriften.  159 

genden  Abhandlungen,  steht  ausser  Zweifel *) ;  dass  sie  anderer- 
seits der  Ethik  und  Politik  vorangehen,  ist  desshalb  wahrschein- 
lich, weil  sich  nicht  annehmen  lässt,  Aristoteles  habe  seine  natur- 
wissenschaftlichen Darstellungen  durch  ausführliche  Arbeiten  in 
so  ganz  anderer  Richtung  unterbrochen 2).  Eher  könnte  man 
fragen,  ob  die  ethischen  Schriften  nicht  überhaupt  vor  die  phy- 
sikalischen zu  setzen  seien 3).  Wiewohl  sich  aber  diese  Frage 
durch  ausdrückliche  Verweisungen  der  einen  auf  die  andern  (ab- 
gesehen von  einer  Anfuhrung  der  Physik  in  der  Ethik) 4S)  nicht 
entscheiden  lässt,  werden  wir  doch  für  die  frühere  Abfassung 
der  naturwissenschaftlichen  Bücher  stimmen  müssen;  denn  wer 
so,  wie  Aristoteles,  überzeugt  war,  dass  der  Ethiker  die  mensch- 
liche Seele  kennen  müsse  5),  von  dem  lässt  sich  erwarten ,  dass 
er  die  Untersuchung  über  die  menschliche  Seele  der  über  die 
sittlichen  Thätigkeiten  und  Verhältnisse  voranstellte;  und  wirk- 
lich sind  auch  in  der  Ethik  die  Spuren  der  Seelenlehre  und  der 
ihr  gewidmeten  Schrift  kaum  zu  verkennen G).  An  die  Ethik 
schliesst  sich  unmittelbar  die  Politik  |  an  7) ;  später  als  beide  wäre 
den  Anführungen  nach  die  Rhetorik  zu  setzen,  vor  dieser,  aber 
nach  der  Politik,  die  Poetik  verfasst  worden.  Indessen  gilt  diess 
wahrscheinlich  nur  von  einem  Theil,  oder  höchstens  von  allen 
den  Theilen  der  Politik,  welche  Aristoteles  überhaupt  ausge- 
arbeitet hat;  an  der  Vollendung  des  Ganzen  dagegen  scheint 
ihn  der  Tod   verhindert   zu  haben8).      Ebenso   sind  in  unserer 


1)  S.  S.  93,   2.  94,  1.  91.  1.  Ind.  arist.  99,  b,   30  ff. 

2)  Die  weitere  Frage  nach  der  Reihenfolge  der  genannten  drei  Schriften 
ist  schon  S.  96  f.  erledigt. 

3)  So  Rose  Arist.  libr.  ord.  122  ff. 

4)  Eth.  X,  3.  1174,  b,  2  vgl.  Phys.  VI— VIII. 
5    Eth.  I,  13.  1102,  a,  23. 

6)  Beruft  sich  auch  Arist.  Eth.  I,  13.  1102,  a,  26  ff.  nicht  auf  De  an. 
III,  9.  432,  a,  22  ff.  II,  3,  sondern  auf  die  ti-uTtQiy.o)  Xoyoi,  so  scheint 
doch  II,  2,  Anf.  die  Mehrzahl  der  theoretischen  Schriften  schon  vorauszu- 
setzen. Wenn  es  aber  solcher  Spuren  nicht  mehrere  sind,  haben  wir  ans 
diess  vielleicht  daraus  zu  erklären,  dass  Aristoteles  bei  der  praktischen 
Abzweckung  der  ethischen  Werke  (Eth.  I,  1.  1095,  a,  4.  II,  2,  Anf.)  keine 
L  ntersuchungen  hereinziehen  wollte,  welche  für  diesen  Zweck  entbehrlich 
waren:   vgl.  Ir  13.    1102,  a,  23. 

7)  S.  S.  104,   1. 

8)  Vgl.  S.   130.  S.  520  ff.  2.  Aufl.     Ist  aber  diese  Annahme  richtig,  so 


160  Aristoteles.  [108.  109] 

Metaphysik  allen  Anzeichen  nach  mit  einem  Werke,  das  Aristo- 
teles unvollendet  hinterliess,  mehrere  andere,  theils  ächte  theils 
unächte  Stücke  verbunden  worden1)- 

4.     Standpunkt,    -Methode   und    Theile    der    aristotelischen 
Philosophie. 

Wie  Plato  an  die  sokratisehe,  so  knüpft  Aristoteles  zunächst 
an  die  platonische  Philosophie  an.  Auch  die  früheren  Philo- 
sophen hat  er  zwar  in  umfassender  Weise  benützt.  Vollstän- 
diger, als  irgend  ein  anderer  vor  ihm,  mit  den  Lehren  und 
Schriften  seiner  Vorgänger  vertraut,  liebt  er  es,  der  eigenen 
Untersuchung  eine  Uebersicht  über  ihre  Ansichten  voranzu- 
schicken ;  er  lässt  sich  von  ihnen  die  Autgaben  bezeichnen ,  um 
die  es  sich  handelt,  er  will  ihre  Irrthümer  widerlegen,  ihre  Be- 
denken lösen,  das  richtige,  was  sich  bei  ihnen  findet,  aufzeigen. 
Aber  einen  bedeutenderen  Einfluss  üben  die  vorsokratischen 
>\  >teme  bei  ihm  weit  mehr  auf  die  Behandlung  |  einzelner  Fra- 
gen, als  auf  das  Ganze  seines  Standpunkts.  Im  Princip  sind 
sie  schon  von  Plato  widerlegt;  Aristoteles  findet  es  nicht  mehr 
nöthig,  sich  mit  ihnen  so  eingehend  auseinanderzusetzen,  wie 
jener  -).  Noch  weniger  lässt  er  sich ,  wenigstens  in  den  noch 
vorhandenen  Schriften,  auf  jene  propädeutischen  Erörterungen 
ein,  durch  welche  Plato  das  Recht  der  Philosophie  und  den  Be- 
griff des  Wissens  theils  dem  gewöhnlichen  Rewusstsein,  theils 
der  Sophistik  gegenüber  erst  festgestellt  hatte.  Er  setzt  den  all- 
gemeinen Standpunkt  der  sokratisch  -  platonischen  Begriffsphilo- 
sophie voraus,  und  will  nur  innerhalb  dieses  Standpunkts  durch 


wird  es  auch  dadurch  unwahrscheinlich,  dass  die  mit  der  Politik  so  eng 
zusammenhängende  Ethik  vor  den  naturwissenschaftlichen  Werken  verfasst 
sein  sollte. 

1  Vgl.  S.  bO  ft'.,  und  über  die  Citate  der  Metaphysik  S.  15ti,  2.  Rosb'b 
Annahme  (Arist.  libr.  ord.  135  ff.  Ibü  f.).  dass  die  Metaphysik  den  sänmit- 
lichen  naturwissenschaftlichen  Schriften,  oder  doch  den  zoologischen  voran- 
gehe, macht  die  thatsächliche  Beschaffenheit  dieser  Schrift  zum  unerklärbaren 
Räthsel.  Die  Physik  ohnedem  nebst  den  Büchern  vom  Himmel  wird  in 
zahlreichen  Stellen  der  Metaphysik  (Ind.  ar.  101,  a,  7  ff.)  als  schon  vor- 
handen, die  Metaphysik  Phys.  I,  '.I.  192,  a,  35  als  erst  zukünftig  angeführt. 
2)  Auch  Metaph.  I.  *>  werden  ihre  Principien  nur  kurz,  vom  aristoteli- 
schen Standpunkt  aus,  beurtheilt,  und  gerade  die  Eleaten  und  Heraklit,  mit 
denen  sich  Plato  so  viel   beschäftigt,  übergangen. 


[109]  Standpunkt.  \Q\ 

genauere  Bestimmung  der  leitenden  Grundsätze,  durch  ein  stren- 
geres Verfahren,  durch  Erweiterung  und  Verbesserung  der 
wissenschaftlichen  Ergebnisse  ein  vollkommeneres  Wissen  ge- 
winnen. Wiewohl  daher  in  seinen  eigenen  Schriften  neben  der 
vielfachen  imd  scharfen  Polemik  gegen  seinen  Lehrer  die  spär- 
lichen Aeusserungen  der  Zustimmung  fast  verschwinden *),  ist 
doch  in  der  Hauptsache  seine  Uebereinstimmung'  mit  Plato  weit 
grösser,  als  sein  Gegensatz  gegen  denselben  -) ,  und  sein  ganzes 
System  lässt  sich  nur  dann  verstehen,  wenn  wir  es  als  eine 
Umbildung  und  Fortbildung  des  platonischen,  als  die  Vollendung 
der  von  Sokrates  begründeten  und  von  Plato  weiter  geführten 
Begriffsphilosophie  betrachten. 

Mit  Plato  stimmt  Aristoteles  zunächst  schon  in  seiner  An- 
sicht über  den  Begriff  und  die  Aufgabe  der  Philosophie  grossen- 
theils  überein.  Ihr  Gegenstand  ist  auch  nach  ihm  nur  das 
Seiende  als  |  solches 3),  nur  da*  Wesen,  und  näher  das  allgemeine 
Wesen  des  Wirklichen4);    es   handelt    sich   in   ihr   um    die   Ur- 


1)  Jene  Polemik,  wie  sie  namentlich  gegen  die  Ideenlehre  Metaph.  I,  9. 
XIII.  XIV  u.  o.  geführt  ist,  wird  uns  noch  später  beschäftigen;  Stellen,  worin 
sich  Arist.  ausdrücklich  mit  Plato  einverstanden  erklärte,  finden  sich  nur 
wenige;  ausser  dem,  was  S.  12.  15,  4  angeführt  wurde,  s.  m.  Eth.  X.  I,  2. 
1095,  a,  32.11,  2.  1104,  b,  11.  De  an.  III,  4.  429,  a,  27.  Polit.  II,  6.  1265,  a,  10. 

2)  M.  vgl.  hierüber  auch  die  guten  Bemerkungen  von  Sthöipell  Gesch. 
d.  theor.  Phil.  d.  Gr.  177.  Aristoteles  selbst  fasst  sich,  wie  schon  S.  15,  3 
bemerkt  wurde,  nicht  selten  in  der  ersten  Person  mit  der  übrigen  platoni- 
schen Schule  zusammen.  Sein  gewöhnliches  Verfahren  ist  aber  freilich  das 
Gegentheil  des  platonischen.  Während  Plato  auch  sein  eigenes,  selbst  wo 
es  dem  ursprünglich  sokratischen  widerspricht,  seinem  Lehrer  in  den  Mund 
gelegt  hatte,  bestreitet  Aristoteles  den  seinigen  nicht  selten  auch  da,  wo  sie 
in  der  Hauptsache  einverstanden  und  nur  in  Xebenpunkten  verschiedener 
Meinung  sind. 

3)  Anal.  post.  IL  19.  100,  a,  6 :  £/.  cT  ifineiofas  ■  ■  ■  tiyrr^  uoyr\  xccl 
iTTiaTrjuTjg,  luv  fihv  ntol  ytveoiv,  Ttyvrjs,  tar  dt  ntoi  to  ov,  tmaTT]urig. 
Metaph.  IV,  2.  1004,  b,  15:  to>  ovti  >,  or  sOti  rivä  iSia,  y.cu  tc.it'  IotI 
Tito)  utv  tov  (f  iloaöy ou  ImnyMbuafrai  Tu).rj&(g.  Ebd.  1005,  a,  2.  c.  3. 
1005,  b,  10. 

4)  Metaph.  III,  2.  996,  b,  14  ff.,  wo  u.  a.:  tö  elSivai  txuatov  .  .  .  röV 
olöut'nc  vnän/iir,  oxav  siSwfiSv  tI  Ipriv.  VII.  1.  1028,  a,  36:  tlSivcu  tot' 
oiofie&a  exaorov  juc'ü.kjt«,  Ztuv  t(  IgtvP  ö  «rftoojno;  ynoutr  rt  tu  nvo, 
fiüD.ov  7]  to  ttoiov  rj  to  noaov  >*  to  ttov  u.  s.  w.  c.  6.  1031.  b,  20:  t<> 
t7Ti(JT«o&c<i  'ixaciTov  tovtÖ  IftTi   tö  ti  rtv  tlvcci   Z^iaTurf&cu.   Ebd.  Z.  6.  XIII, 

Zeller,  Philos.  d.  Gr.  II.  Bd.  2.  Abth.  3.  Aufl.  11 


1(32  Aristoteles.  [110] 

sacken  und  Gründe  der  Dinge l) ,  und  zwar  um  ihre  höchsten 
und  allgemeinsten  Gründe,  und  in  letzter  Beziehung  um  das 
schlechthin  Voraussetzungslose 2) ;  wesshalb  er  denn  auch,  mit 
Rücksicht  auf  diesen  Einheitspunkt  alles  Wissens,  dem  Philo- 
sophen in  gewissem  Sinn  ein  Wissen  um  alles  zuschreibt3). 
Wie  ferner  Plato  das  Wissen,  als  die  Erkenntniss  des  Ewigen 
und  Noth wendigen ,  von  der  Vorstellung  oder  Meinung,  deren 
Gebiet  das  Zufällige  ist,  unterschieden  hatte,  so  auch  Aristoteles: 
das  Wissen  entsteht  ihm.  wie  Plato,  aus  der  Verwunderung,  aus 
dem  Irrewerden  der  gewöhnlichen  Vorstellung  an  sich  selbst4), 
und  Gegenstand  desselben  ist  auch  ihm  nur  das  Allgemeine  und 
Xothwendige,  das  Zufällige  kann  nicht  gewusst,  sondern  nur  ge- 
meint werden;  wir  meinen,  wenn  wir  glauben,  dass  etwas  auch 
anders  sein  könnte,  wir  wissen,  wenn  wir  die  Unmöglichkeit  des 
Andersseins  einsehen ;  beides  ist  daher  so  wenig  einerlei,  dass  es 
vielmehr,  nach  Aristoteles,  geradezu  unmöglich  ist,  dasselbe  zu- 
gleich |  zu  wissen  und    zu    meinen5).      Ebensowenig    kann    das 


9.  1086,  b,  5:  die  Begriffsbestimmung  ist  nnerliisslich,  avev  uer  yäo  rov 
xa&clov  ovx  tOTtr  liu,GTi\yit\v  Xußeiv.  c.  10.  1086,  b,  33 :  jj  ijttar^fii}  töjv 
xu&ÖXov.  III,  6,  Schi.:  xuHölov  af  iniOTfj/Acti  ttÜvtoiv.  III.  4.  999,  b,  26: 
70  tjiiOTaa&ai,  mog  eaxai,  ti  ur\  ti  torai  h>  tnl  ttkvtwv.,  ebd.  a,  28.  b,  1. 
XI,  1.  1059,  b,  25.  Anal.  post.  I,  11,  Auf.  II,  19.  100,  a,  6.  I,  24.  85,  b, 
13.  Eth.  N.  VI,  6.  Anf.  X.  10.  1180,  b,  15.  Weiteres  unten,  in  der  Lehre 
vom  Begriff. 

1)  Anal.  post.  I,  2,  Anf. :  trrtOTuoöai  J*  o?6u£>'t'  exaOTov  ■  ■  .  orav  Ttm 
r'  uhCuv  oliüut&u  yivojGxtir  öV  tjv  to  rroäyjuä  ?OTtv  .  .  .  xal  ur]  Iröt'yta&ai 

toCt'  äUws  ix*'*-  Ebd-  c-  ii-  79>  a>  23-  ni  1]>  Anf-  u-  °-  Eth-  N-  VI>  7- 
1141,  a,  17.  Metaph.  I,  1.  981,  a,  28.  982,  a,  1.  c.  2.  982,  a,  12.  982,  b,  2  ff. 
VI,   1,  Anf.  Vgl.  ScmvEGLER  Arist.  Metaph.  III,  9. 

2)  Phys.  I,  1.  184,  a,  12:  röie  yao  ofout&a  yivcoaxeiv  txaOTor,  orav 
tu  ahia  yicooi'nioutv  tu  tioüjtcc  xut  Tag  aoyug  Tilg  rroonug  xtt)  fxi/QL  röiv 
OTOi/ei'oiv.  Ebd.  II,  3  Anf.  Metaph.  I,  2.  982,  b,  9:  tfft  yan  tu6ttjv  (die- 
jenige Wissenschaft,  welche  den  Namen  der  oo(püc  verdienen  soll)  twv 
7TO(Ötcov  üo/otr  xal  kItlwv  drei  &ea)QT)Ttxrjv.  c.  3,  Anf.:  tots  yccc>  eintrat 
(fuutv  exaOTov,  orav  ti]v  noÜTrjV  airCav  oiü/iii&a  yv<oqi&iv.  III,  2.  996, 
b,  13.  IV,  2.  1003,  b,  16.  IV,  3.  1005,  b,  5  ff. 

3     Metaph.  I,  2.  982,  a,  S.  21.  IV,   2.   1004,  a,  35. 

•1  Metaph.  I,  2.  982,  b,  12:  Stet  yao  to  fravftäCeiv  ol  av^oconoi  xal 
vvv  xal  to  TTQWTor  r\Ql-avTO  y ü.oaoif-tiv  u.  s.  f.  Ebd.  983,  a,  12.  vgl. 
1.   Abtb.  511,   1. 

5)  Anal.  post.  I,  33  vgl.  ebd.  c.  6,  Schi.  c.  8,  Anf.  c.  30  ff.  Metaph.  VII, 


[111]  Standpunkt.  1^3 

Wissen  in  der  Wahrnehmung  bestehen,  da  uns  die  letztere  nur 
über  das  Einzelne,  nicht  über  das  Allgemeine ,  nur  über  die 
Thatsachen,  nicht  über  die  Ursachen  unterrichtet  r)  ;  und  ähnlich 
unterscheidet  es  sich  von  der  blossen  Erfahrung  dadurch,  dass 
uns  diese  nur  von  dem  Dass  eines  Gegenstandes  Kunde  gibt, 
jenes  auch  von  dem  Warum2; 5  das  gleiche  Merkmal,  wodurch 
Plato  das  Wissen  von  der  richtigen  Vorstellung  unterschieden 
hatte.  Auch  darin  endlich  begegnet  sich  Aristoteles  mit  seinem 
Lehrer,  dass  er  ebenso,  wie  dieser,  die  Philosophie  für  die  Be- 
herrscherin aller  andern  Wissenschaften,  und  die  Wissenschaft 
überhaupt  für  das  höchste  und  beste,  was  der  Mensch  er- 
reichen kann,  für  den  wesentlichsten  Bestandtheil  seiner  Glück- 
seligkeit erklärt 3). 


15.  VI,  2.  1026.  b,  2  ff.  Eth.  N.  VI.  3.  1139,  b,  IS.  c.  6,  Anf.  Ebendahin 
gehört  die  Widerlegung  des  Satzes,  dass  für  jeden  wahr  sei,  was  ihm  als 
wahr  erscheint,  die  Metaph.  IV.  5.  6  ähnlich,  wie  im  platonischen  Theätet, 
geführt  wird 

1  Anal.,  post.  I,  31:  oiöi  dV  cdofrrjoeajg  sartv  tnlaTuGd-ai.  Denn  die 
Wahrnehmung  geht  immer  auf  Einzelnes  ^mehr  hierüber  tiefer  unten),  to 
Si  xaO-okov  xiu  In'i  nttdiv  udvviaov  tdad-aveo9 ai  u.  s.  w.  Selbst  wenn 
man  sehen  könnte,  dass  die  Winkel  eines  Dreiecks  zwei  Rechten  gleich  sind, 
oder  dass  bei  der  Mondsfinsterniss  die  Erde  zwischen  Sonne  und  Mond 
steht,  wäre  diess  doch  noch  kein  Wissen,  so  lange  die  allgemeinen  Gründe 
jener  Erscheinungen  nicht  erkannt  wären. 

■1     Metaph.  I,   1.  9S1.  a,  28. 

3)  M.  s.  Metaph.  I,  2.  9S2,  b,  4:  ugyty.tinüxr\  S\  tcüv  iTnarrjuior,  xal 
fiiXloV  uoyiy.i]  rijg  V7irtotT0iOr]g,  r)  yriooi&vou  Ti'vog  evexev  ton  nqaxriov 
txaorov'  tovto  (f  IgtI  rdyad-ov  Iv  ixäaroig.  Jene  Wissenschaft  aber  sei 
die,  welche  die  obersten  Gründe  und  Ursachen  untersucht,  da  ja  das  Gute 
und  der  höchste  Zweck  auch  zu  diesen  gehöre.  Ebd.  Z.  24:  drjlor  ovv,  (og 
!(?*'  oi-Ssjuiav  ((ltt]V  CrjToiuzr  /nti'ciy  heqav,  aXX'  woneo  «v&oojTrog  (fccuev 

'ttoog  o  avrov  avexa  xal  urj  äV.ov  oir,  oirco  /.cd  avn)  uovtj  H.sv&e'gcc 
oi'ff«  Ttijr  IrriaTTjuwi''  uovr)  yag  ran;  airijs  'ivexiv  lariv'  tfio  xal  Sixaiiog 
«v  oiy.  ctv&Q(07iivri  vofiifyno  «vTrjg  jj  xzrjOtg  .  .  .  dl/.'  ovts  tc  &ti~ov  cp&ove- 

IvdtytTai  tlvai,  .  .  ovrt  rfjg  TouciTrjg  alXt\v  ygr\  vofii&v  Tcuicortoav 
w  yuo  litLOTÜTi]  xal  Tiuicorcirrj  ....  avayxatoTSQat  utr  ovv  nciacc  TccvzTjg, 

vatv  cT  ovd'fuuc.  XII,  7.  1072,  b,  24:  >)  decootcc  rb  fjSiarov  xcti  ägcarov. 
Eth.  N.  X.  7:  die  Theorie  ist  der  wesentlichste  Bestandtheil  der  vollendeten 

kseligkeit;  vgl.  z.  13.  1177,  b,  30:  ei  öt)  d-flov  0  vovg  nobg  tov  avd-QUTiov, 

6  y.utu  tovxov  ßiog  dtiog   rrobg  tov  äv&oomtror  ßi'or'  ov  ym\  St  xara 

■  napaivoivrag  dv&gconiva  ifooveTv  avd-gamov    ovtcc    oiiSt  &vtjtcc  tov 

m(toj'.  a).V  ?(f'   l,gov  höt/nca  a&avarl&tv  y.u't  navra   noulv   nobg  to 

11* 


1(54  Aristoteles.  [112] 

!  Vollkommen  fallt  aber  allerdings  der  aristotelische  Begriff 
der  Philosophie  mit  dem  platonischen  nicht  zusammen.  Nach 
Plato  ist  die  Philosophie  ihrem  Umfange  nach  der  Inbegriff 
aller  geistigen  und  sittlichen  Vollkommenheit,  sie  umfasst  daher 
bei  ihm  ebenso  das  Praktische,  wie  das  Theoretische,  um  so 
schärfer  wird  sie  dagegen  ihrem  Wesen  nach  von  jeder  andern 
Geistesthätigkeit  unterschieden;  Aristoteles  hat  sie  einestheils 
gegen  das  praktische  Leben  genauer  abgegrenzt,  anderntheils 
mit  den  Erfahrungswissenschaften  in  ein  näheres  Verhältniss  ge- 
setzt. Die  Philosophie  ist  nach  seiner  Ansicht  ausschliesslich 
Sache  des  theoretischen  Vermögens;  von  ihr  unterscheidet  er 
sehr  bestimmt  die  praktische  Thätigkeit.  welche  ihren  Zweck  in 
dem  von  ihr  hervorzubringenden,  nicht,  wie  jene,  in  sich  selbst 
hat,  und  nicht  rein  dem  Denken,  sondern  auch  der  Meinung 
und  dem  vernunftlosen  Theil  der  Seele  angehört;  ebenso  auch 
das  künstlerische  Schaffen  (die  rtoi^aig),  welches  gleichfalls  auf 
etwas  ausser  ihm  liegendes  gerichtet  ist ').  Dafür  verknüpft  er 
nun  aber  die  Philosophie  enger  mit  der  Erfahrung.  Plato  hatte 
alle  Betrachtung  des  Werdenden  imd  Veränderlichen  aus  dem 
Gebiete  des  Wissens  in  das  der  Vorstellung  verwiesen,  und  auch 
den  Uebergang  von  dieser  zu  jenem  nur  in  der  negativen  Weise 
gemacht,  dass  die  Widersprüche  der  Vorstellung  von  ihr  weg- 
füln-en  und  zur  reinen  Betrachtung  der  Idee  hintreiben  sollten; 
Aristoteles,  wie  wir  sogleich  sehen  werden,  gibt  der  Erfahrung 
ein  positiveres  Verhältniss  zum  Denken,  er  lässt  dieses  aus  jener 
auf  affirmativem  Wege  hervorgehen ,  indem  das  in  der  Erfah- 
rung gegebene  zur  Einheit  zusammengefasst  wird.  Plato  hatte 
ferner  geringes  Interesse,  von  der  Betrachtung  des  Begriffs  zu 
dem  einzelnen  der  Erscheinung  herabzusteigen;  der  eigentliche 
Gegenstand  des  philosophischen  Wissens  sind  ihm  nur  die  reinen 


£rjv  y.c.Tti  to  xq^tiOtov  xwv  fv  avTtö  .  .  .  70  otxeiov  ixciaiq)  r;}  qivaei  xoart- 
orov  y.c't  tfSiorov  lariv  ««'irw '  xu)  jo>  (IvfrQomq)  dt)  <>  xutu  ihr  vovv  ßto(, 
iint-o   TOVTO    iiultnic.    ('.vU i)«)7i og '    obiog    uq«    xa)    tvdai/xovtaTaTOg.     C.   9. 

1178,  b,  2s :  i(p'  oaov  St)  diarelvti  t)'u&etoQta,  xa)  tj  tvöaifiorta.  Vgl.  c.  9. 

1179,  a.  22.  Eth.  Eud.  VII,   15,  Schi.     Weiteres  in  der  Ethik. 

1)  M.  s.  ausser  dem  eben  angeführten:  Eth.  N.  VI,  2.  c.  5.  1140,  a,  28. 
b,  25.  X,  8.  117s.  1».  20.  VI,  1.  1025,  b,  18  ff.  XI,  7.  De  an.  III,  10.  r.'.H. 
a,  14.  De  coelo  III,  7.  306,  a,  16.  Das  gleiche  wiederholt  dann  EüdebiCS 
Eth.  I,  5  g.  E.  und  der  Verfasser  von  Metaph.  II,  1.  993,  b,  20. 


[113]  Standpunkt.  165 

Begriffe.  Aristoteles  gibt  zwar  gleichfalls  zu,  dass  es  die  Wissen- 
schaft mit  dem  allgemeinen  Wesen  der  Dinge  zu  thun  habe, 
aber  er  bleibt  nicht  hiebei  stehen ,  sondern  als  ihre  eigentliche 
|  Aufgabe  betrachtet  er  eben  die  Ableitung  des  Einzelnen  aus 
dem  Allgemeinen  (die  a7todei^ig  s.  u.):  die  Wissenschaft  soll  mit 
dem  Allgemeinen  imd  Unbestimmten  anfangen,  aber  zum  Be- 
stimmten fortgehen1),  sie  soll  das  Gegebene,  die  Erscheinungen 
erklären  -),  und  sie  soll  hiebei  nichts ,  auch  das  unbedeutendste 
nicht,  geringschätzen,  denn  auch  in  solchem  liegen  unerschöpf- 
liche Schätze  des  Erkennens :i).  Aus  diesem  Grunde  macht  er 
nun  allerdings  an  das  wissenschaftliche  Denken  selbst  weniger 
strenge  Anforderungen,  als  sein  Vorgänger.  Er  gibt  dem  Wissen 
und  dem  wissenschaftlichen  Beweis  nicht  blos  das  Nothwendige, 
sondern   auch   das  Gewöhnliche   (to   wg  Inl  xb  noVv)   zum  In- 


1)  Metaph.  XIII,  10.  1087,  a,  10:  to  6t  tt]v  Iniaxrjfx^v  sfvai  xa&öXov 
naOav  .  .  .  f/a  fjfv  uaXcOx'  dnogiav  xiov  Xf/O-hnwv,  ov  ur)v  uXX  toxi 
fiiv  aüg  dXrj&eg  xb  Xtyouirov,  toxi  3'  (ög  ovx  dXtjfre'g'  r)  yao  inißxrjur], 
lüOTito  xal  xb  IniOTCtG&ai,  Sittov,  mv  xb  utv  Swdfiet  xb  dk  tvegytia'  r) 
ftiv  oi  r  öuvct/uig  a>g  vir]  [toi]  xaUoXov  ovoa  xal  doqtarog  xoü  xa&oXov 
xal  (loQiorov  taxir,  i)  iV  Ivegyeia  wpiou&r]  xal  tootOfxivov  rodf  tl  oüaa 
Tovdt  xtrog. 

2)  Metaph.  I,  9.  992,  a,  24  (gegen  die  Ideenlehre):  SX(og  <5f  Cvro^arlS 
xijg  ooipiag  ntol  xwv  (fccrtoiöv  to  oitiov,  toüto  jutv  sldxaufV  (oi>&hv  yao 
Xiyoutv  Titol  xijg  ulxCag  o'fei'  r)  dgyi]  xijg  fj(xaßoXijg)  u.  s.  w.  De  coelo  III, 
7.  306,  a,  16:  xt'Xog  d'k  xijg  üb'  noorjxixijg  iTTiaxrjurjg  xb  egyov,  xijg  dk 
ifinr/.ijg  to  (fuivöutrov  dsl  xioi'iog  xaxd  xijr  ttiO&rjGiv.  De  an.  I,  1.  402, 
a,  16:  k'oixe  J"  od  uovov  to  xt  faxt  yvwvai  %gr\Oiuov  (trat  Tjgbg  to 
&«oorjoai.  xdg  alxi'ug  xwv  ßvußeßrjxoxujv  xaig  ocoiaig  .  .  .  dXXa  xal  dvdnaXtv 
tu  avußtßtjxöxa  au^ißdXXexai,  fiäya  us'gog  ngbg  xb  tlötvai  xb  xt  toxtV 
inuöüv  yao  f/co/nfv  dnodtdörai  xaxd  xr\v  ipavxaßtav  Titgl  xüüv  ovfißtßiyxo- 
tuv  rj  TxävTtav  rj  twv  txXiiotwv,  xöxe  xal  negl  xijg  oioiag  ii-o/uev  Xtyeiv 
xulXioxa'  ndo~r\g  yao  djioStl'&ug  dgyi)  xb  xl  ißxtv,  wGie  xa&'  baovg  xwv 
ogio/uwv  /ji)  avußatva  xd  av/ußfßtjxöxa  yvwgi&iv  .  .  ■  SijXov  oti  diaXexxi- 
xwg  eioTjvxai   xal  xevwg  änavxeg.    Vgl.   c.  5.  4U9,  b,  11  ff. 

3)  Part.  an.  I,  5.  645,  a,  5:  Xoinbv  neol  xijg  fwi'x^j  ifvaewg  etnetv, 
fitjOtv  7xagaXi7xövxug  (ig  düvujuiv  prjxe  dxiuöxtgov  ^xs  xiutüxtQOV'  xal 
yug  tv  xoTg  /nrj  x(/uoi.afÄ(voig  avxdiv  ngbg  xr\v  ala^r\oiv  xaxd  xr\v  &(cogiuv 
Ofiiog  tj  Srj/uiovgyrjouau  (füoig  durj/dvovg  riöovug  Tiage/tc  xoig  övvafie'voig 
xdg  alxiag  yvwgufiv  xal  ifvaei  (fiXcooqotg  .  .  .  Oio  deT  (it)  ^vg/tgaivstv 
7iai6ixujg  xtjv  Txtgl  rwc  uxituwT(owv  fröwv  trxiaxtxpiv'  Iv  näoi  ydg  Totg 
(fvoixoig  f'rtaxi  xi  Uuvuuoxöv  u.  s.  w.     De  coelo  II,  12.  291,  b,   25. 


1(5(3  Aristoteles.  [113] 

halt1);  er  hält  es  für  ein  Zeichen  wissenschaftlicher  Unreife, 
wenn  man  für  alle  Arten  der  Untersuchung  die  gleiche  wissen- 
schaftliche Strenge  verlange  -).  während  es  doch  von  der  Natur 
des  Gegenstands  abhänge,  welche  Genauigkeit  sich  in  jeder 
Wissenschaft  erreichen  lasse13);  und  wo  ihm  zwingende  Beweis- 
gründe fehlen,  will  er  sich  mit  dem  Möglichen  und  Wahrschein- 
lichen begnügen,  die  bestimmtere  Entscheidung  dagegen  auf  fer- 


1)  Anal.  post.  I,  30.  II,  12,  Sohl.  part.  an.  III,  2,  663,  b,  27.    Metaph. 

VI,  2.   1H2T.  a.  20.  XI,  8.   1064..  b,  32  ff.   Eth.  N.  I,    1,   1094,  b,   19. 

2)  Eth.  N.   I.   1.   1094,  b,  11—27.    c.  7.    109S,  a,   26.   II.  2.   1104,   a,   1. 

VII,  1.  Schi.  IX,  1.  1165.  a.  12.  (Polit.  VII,  7,  Schi,  gehurt  nicht  hieher.) 
Die  ethischen  Untersuchungen  besonders  sind  es,  für  welche  A.  hier  die 
Anforderung  einer  durchgängigen  Genauigkeit  abweist,  weil  die  Natur  der 
Sache  sie  nicht  verstatte :  denn  bei  der  Beurtheilung  der  Menschen  und  der 
Erfolge  unserer  Handlungen  beruhe  vieles  auf  einer  nur  im  allgemeinen  und 
in  der   Kegel  zutreffenden  Schätzung. 

3  Genauer  (uy.oißtOTtna  ist  nach  Anal.  post.  I.  27  diejenige  Wissen- 
schaft, welche  mit  dem  Sri  zugleich  das  äiöri  feststellt,  die,  welche  es  mit 
rein  wissenschaftlichen  Bestimmungen,  nicht  mit  ihrer  Anwendung  auf  ein 
Gegebenes  zu  thuu  hat.  (>;  uij  x«#'  v^oxtiutrov  [(cy.oißiOTfyct]  Tt];  xcett' 
vnoxfiut'vov,  olor  clotd-urjty.t]  nQfiovcxfjs),  endlich  die,  welche  ihre  Er- 
gebnisse aus  einer  kleineren  Zahl  von  Voraussetzungen  ableitet,  (z.  B.  die 
Arithmetik  im  Vergleich  mit  der  Geometrie)  also  die  abstraktere  (tj  lg  i).ar- 
Tovcar  v];  ix  noog&t'asws,  wie  auch  Metaph.  I,  2.  982,  a,  20,  unter  An- 
führung des  gleichen  Beispiels  sagt).  Das  letztere  wird  auch  so  ausgedrückt 
Metaph.  XIII,  3.  1U7S,  a,  9):  oa<»  örj  av  nsqi  ttooti'qcdv  tw  ).cyq>  das 
dem  Begriff  oder  seiner  Natur  nach  früher.e,  den  Principien  näher  stehende; 
vgl.  S.  138,  2  2.  Aufl.)  xai  aTikouartgcov,  tooovto)  uäXkov  f/ti  Taxgiß^s. 
Hieraus  folgt  von  selbst,  dass  die  eiste  Philosophie  nach  Arist.  der  höchsten 
Genauigkeit  fähig  ist  (vgl.  Metaph.  I,  2.  9S2,  a,  25:  ccxni ßiar ai cu  dt  tö>v 
iniarrjiuSv  cd  fiaUora  ttäv  nnchüjr  etat),  jede  andere  Wissenschaft  einer 
um  so  geringeren,  je  mehr  sie  zum  Sinnlichen  herabsteigt  (vgl.  a.  a.  O.  107S, 
a,  11  f.)-,  denn  in  diesem  noU.i]  ))  rov  aoQiarov  cfvoig  hvnÜQ'/ji,  (Metaph. 
IV,  5.  1010,  a,  3;  weiteres  S.  250  ff.  2.  Aufl.);  und  so  sind  denn  die  Natur- 
wissenschaften nothweudig  weniger  genau,  als  diejenigen,  welche  sich  mit 
dem  Unbewegten  beschäftigen,  wie  die  erste  Philosophie,  die  reine  Mathe- 
matik und  die  Seelenlehre  an  der  De  au.  I,  1  Anf.  ihre  axgtßua  rühmt», 
die,  welche  das  Vergängliche  zum  Gegenstand  haben,  weniger,  als  die  Astro- 
nomie (Metaph.  107"5,  a,  11  ff.).  Wenn  jedoch  Kampe  (Erkenntnisstheorie 
d.  Ar.  254)  sagt,  in  der  Scala  der  axgtßaia  nehme  die  Wissenschaft  der 
Natur  die  niederste  Stelle  ein,  so  wäre  diess,  nach  dem  vor.  Anm.  ange- 
führten, eher  von  der  Ethik  und  Politik  zu  sagen. 


[114]  Standpunkt.  lf,7 

nere  Betrachtung  ausgesetzt  |  sein  lassen1).  Indessen  sind  es  doch 
nicht  die  eigentlich  philosophischen  Fragen,  bei  denen  sich  Aristo- 
teles so  ausspricht,  sondern  immer  nur  speciellere  ethische  oder 
naturwissenschaftliche  Bestimmungen,  für  die,  auch  Plato  von  der 
Strenge  des  dialektischen  Verfahrens  nachgelassen,  und  die 
"Wahrscheinlichkeit  an  die  Stelle  der  wissenschaftlichen  Beweise 
gesetzt  hatte;  sie  unterscheiden  sich  nur  dadurch,  dass  Aristo- 
teles auch  diesen  angewandten  Theil  der  Wissenschaft  mit  zur 
Philosophie  rechnet,  Plato  dagegen  alles  andere,  ausser  der  reinen 
Begriffswissenschaft,  nur  als  eine  Sache  der  geistreichen  Unter- 
haltung oder  eine  nothgedrungene  Anbequemung  des  Philosophen 
an  das  praktische  Bedürfniss  betrachtet  wissen  will  -).  Warum 
aber,  fragt  Aristoteles  mit  Recht,  sollte  der,  welcher  nach  Wissen 
dürstet,  nicht  wenigstens  einiges  zu  erkennen  suchen,  wo  er 
nicht  alles  ergründen  kann 3)  ?  Ebensowenig  möchte  ich  unsern 
Philosophen  darüber  tadeln,  dass  er  durch  die  Unterscheidung 
der  theoretischen  Thätigkeit  von  der  praktischen  die  Einheit  der 
geistigen  Bestrebungen  beeinträchtigt  habe4);  denn  diese  Unter- 
scheidung hat  unstreitig  ihr  gutes  Recht,  jene  Einheit  aber  ist 
bei  Aristoteles  dadurch  hinreichend  gewahrt,  dass  er  die  Theorie 
als  die  Vollendimg  des  wahrhaft  menschlichen  Lebens,  die  prak- 
tische Thätigkeit  dagegen   gleichfalls   als    einen   unentbehrlichen 


1)  De  coelo  IL  5.  287,  b,  2S  ff  c.  12,  Anf.  gen.  an.  III,  10.  760.  b,  27, 
wo  er  einer  Erörterung  über  die  Entstehung  der  Bienen  die  Bemerkung  bei- 
fügt: ov  /utjv  {ü.rj7TTeti  ye  r«  avußaivovTU  Ixavoig,  aiX'  lia1  nore  hnwd-i}, 
tgts  r/)  aiaO-r,oti  ucoJ.ov  tü)v  ).6yo>r  niGTEiTiov,  xul  rotg  köyocg,  luv 
OfioXoyovutra  ätixrvaai  rotg  (fturoutvoig.  H.  an.  IX,  37  Schi.  c.  42.  629, 
a,  22.  27.  Metaph.  XII,  S.  1073,  b,  10  ff.  1074,  a,  15.  Meteor.  I,  7,  Auf.: 
TTinl  tcöv  atfavtäv  r/)  «to&rjoei  r'Ofii£ouer  ixavmg  anoätSsT/9-at  xaxk  tot 
j.oyor,  tav  iig  ro  Swarov  ccvayüycoutv.  Vgl.  Elcken  Meth.  d.  arist.  Forsch. 
125  f.     Ich  werde  im  nächsten  Kapitel  noch  einmal    hierauf  zurückkommen. 

2)  Kep.  VI,  511,  B  f.  VII,  519,  C  ff.  Theät.  173,  E.  Tim.  29,  B  f.  u.  a. 
Vgl.   1.  Abth.  S.  490.  516.  536  f. 

3)  De  coelo  II,  12,  Anf. :  neigariov  ttyuv  rb  (fcuröuerov,  cclöovg 
atjtav  slvai  vouCZovTctg  tr\v  nQO&vuiar  fiaXXov  r\  &oüo~ovg  (dass  er  sich 
umgekehrt  wegen  unphilosophischer  Bescheidenheit  zu  verantworten  haben 
konnte,  fällt  ihm  nicht  ein),  e\  rig  öcü  to  (pikoGotpfag  &iipyv  xcci  /uixoctg 
txmogCag  ayanä  neu'i  coi'  rüg  utyi'arc.g  'iyoutr  dnoQi'ag.  Vgl.  a.  a.  O.  292, 
a,   14.  c.   5.  2S7,  b,  31.  part.  an.  I,  5.  644,  b,  31. 

4)  Rittek  III,  5U  ff. 


168  Aristoteles.  [115J 

Bestandteil  desselben,  die  sittliche  Erziehung  als  eine  unerläss- 
liche  Vorbedingung  der  ethischen  Erkenntniss  darstellt r).  Hat 
aber  allerdings  jene  Beschränkung  der  Theorie  auf  sich  selbst, 
jene  Ausscheidung  Dilles  praktischen  Triebs  und  Bedürfnisses  aus 
ihrem  Begriffe,  wie  |  sie  namentlich  in  der  aristotelischen  Schilde- 
rung des  göttlichen  Lebens  (s.  u.)  zum  Vorschein  kommt,  der 
späteren  Zurückziehung  des  Weisen  aus  der  praktischen  Thätig- 
keit  vorgearbeitet,  so  dürfen  wir  doch  nicht  übersehen,  dass  Aristo- 
teles auch  hierin  nur  der  von  Plato  vorgezeichneten  Richtung 
gefolgt  ist:  auch  der  platonische  Philosoph  würde  ja,  sich  selbst 
überlassen,  ausschliesslich  der  Theorie  leben,  und  nimmt  nur  ge- 
zwungen am  Staatsleben  Antheil.  Am  wenigsten  ist  es  aber  zu 
billigen,  wenn  Aristoteles  darüber  angegriffen  wird,  dass  er  sich 
in  seiner  Ansicht  von  der  Aufgabe  der  Philosophie  nicht  nach 
einem  der  menscldichen  Art  unerreichbaren  Ideal,  sondern  nach 
dem  in  der  Wirklichkeit  ausführbaren  gerichtet  habe2),  und 
zwar  vnii  derselben  Seite  her,  auf  der  man  es  an  Plato  löblich 
lindet,  dass  er  sein  Ideal  des  Wissens  von  der  menscldichen 
Wissenschaft  zu  unterscheiden  gewusst  habe 3).  Wäre  jene  An- 
sicht über  das  Verhältniss  des  Ideals  zur  Wirklichkeit  an  sich 
selbst  und  im  Sinne  des  Aristoteles  gegründet,  so  würde  daraus 
nur  folgen,  dass  er,  wie  der  Philosoph  soll ,  nicht  abstrakten 
Idealen,  sondern  dem  wirklichen  Wesen  der  Sache  nachgegangen 
sei.  Diess  ist  aber  nicht  einmal  der  Fall ;  wie  vielmehr  die  Idee 
in  Wahrheit  zwar  über  die  Erscheinung  übergreift,  und  in  keiner 
einzelnen  Erscheinung  schlechthin  aufgeht,  darum  aber  doch 
kein  unwirkliches  Ideal  ist,  so  hat  auch  Aristoteles  wohl  an- 
erkannt, dass  das  Ziel  der  Weisheit  hoch  gesteckt,  und  nicht 
für  jeden,  ja  auch  für  die  Besten  immer  nur  unvollkommen  zu 
erreichen  sei4),  wie  wenig  er  aber  darum  geneigt  ist,  es  für 
schlechthin  unerreichbar  zu  halten,   und  seine  Anforderungen  an 


1)  Ausser  dem,  was  später,  bei  der  Untersuchung  über  das  höchste 
Gut,  beizubringen  sein  wird,  vgl.  m.  Eth.  N.  X,  10.  1179,  b,  20  ff.  I,  1. 
1094,  b,  27  ff.  ^ 

2)  Kittek  a.  a.  O.  und  S.  56  f. 

3)  Ders.  II,  222  ff. 

4)  Metaph.  I,  2.962,  b,  2b.  XII,  7.  1072,  b,  24.  Eth.  N.  VI,  7.  1141,  b,  2  ff. 
X,  7.   1177,   b,  30.   c.  6.  1178,   b,  25;  vgl.  ebd.  VII.   1. 


[115.116]  Methode.  lo9 

die  Philosophie  nach  der  Schwäche  der  Menschen  zu  bemessen, 
und  wie  vollständig  er  gerade  hier  mit  Plato  übereinstimmt, 
muss  schon  unsere  bisherige  Darstellung  gezeigt  haben. 

Auch  in  seinem  wissenschaftlichen  Verfahren  folgt  Aristo- 
teles im  wesentlichen  der  Richtung,  welche  Sokrates  und  Plato 
begründet  hatten:  seine  Methode  ist  die  dialektische,  und  er 
selbst  ist  es,  der  diese  Dialektik  zur  höchsten  Vollendung  ge- 
bracht hat.  Zugleich  verbindet  er  aber  mit  derselben  die  Beob- 
achtung des  Naturforschers,  und  wenn  es  ihm  auch  nicht  ge-  . 
hingen  ist,  diese  beiden  Elemente  völlig  in's  Gleichgewicht  zu 
bringen,  so  hat  er  doch  durch  ihre  Verknüpfung  unter  den 
Griechen  ein  höchstes  geleistet,  |  und  die  Einseitigkeiten  der  Be- 
grifisphilosophie,  so  weit  diess  ohne  eine  gänzliche  Umgestaltung 
ihrer  Grundlagen  möglich  war,  ergänzt.  Wie  Sokrates  und 
Plato  vor  allem  nach  dem  Begriff  jedes  Dings  gefragt  und  seine 
Erkenntniss  allem  anderen  Wissen  zu  Grunde  gelegt  hatten,  so 
hebt  es  auch  Aristoteles,  mit  der  Untersuchung  über  den  Begriff 
seines  jeweiligen  Gegenstandes  zu  beginnen  ').  Wie  ferner  jene 
hiebei  in  der  Regel  von  dem  einfachsten,  von  Beispielen  aus 
dem  täglichen  Leben,  von  allgemein  anerkannten  Ueberzeugungen, 
von  der  Betrachtung  der  Wörter  imd  des  Sprachgebrauchs  aus- 
gehen, so  pflegt  auch  er  die  Anhaltspunkte  flu'  seine  Begriffs- 
bestimmungen in  den  herrschenden  Meinungen,  den  Ansichten 
der  früheren  Philosophen,  vor  allem  aber  im  sprachlichen  Aus- 
druck, in  den  für  eine  Sache  üblichen  Bezeichnungen  und  der 
Bedeutung  der  Wörter  zu  suchen2).  Wie  aber  schon  Sokrates 
die  Unsicherheit  dieser  Grundlage  durch  eine  allseitige  dialek- 
tische Vergleichung  der  verschiedenen  Vorstellungen  und  Erfah- 
rungen zu  verbessern  gesucht  hatte,  so  hat  Aristoteles  dieses 
Verfahren  noch  umfassender  und  mit  bestimmterem  Bewusstsein 
über  seinen  wissenschaftlichen  Zweck  angewendet;  denn  er  er- 
öffnet in  der  Regel  jede  wichtigere  Untersuchung   mit  einer  ein- 

1)  So  werden  z.  B.  Phys.  II,  1.  III,  1.  IV,  1  ff.  IV,  10  f.  die  Begriffe 
der  Natur,  der  Bewegung,  des  Baumes,  der  Zeit,  De  an.  I,  1  ff.  II,  1  f.  wird 
der  Begriff  der  Seele,  Eth.  N.  II,  4  f.  der  Begriff  der  Tugend,  Polit.  III,  1  ff. 
der  Begriff  des  Staats  gesucht  u.  s.  f. 

2)  Es  wird  später  noch  gezeigt  werden,  welche  Bedeutung  die  allgemeine 
Meinung  und  der  aus  ihr  abgeleitete  Wahrscheinlichkeitsbeweis,  als  Grund- 
lage der  Induktion,  für  Aristoteles  hat. 


1  ,11  Aristoteles.  [116.   117] 

gehenden  Erörterung  der  Gesichtspunkte,  aus  denen  ihr  Gegen- 
stand betrachtet  werden  kann,  der  Schwierigkeiten  und  Wider- 
sprüche, die  sich  aus  den  verschiedenen  Annahmen  über  den- 
selben ergeben,  der  Gründe,  welche  für  und  gegen  jede  An- 
nahme sprechen;  und  er  stellt  der  Wissenschaft  nun  eben  die 
Aufgabe,  durch  eine  schärfere  Bestimmung  der  Begriffe  eine 
Lösung  -jener  Schwierigkeiten  zu  finden x).  Aristoteles  bewegt 
sich  so  wesentlich  auf  dem  Boden  und  in  der  Richtung  der  so- 
kratisch-platonischen  Dialektik;  er  hat  die  somatische  Induktion 
zur  bewussten  Technik  |  entwickelt,  hat  sie  durch  die  Lehre  von 
der  Beweisführung,  deren  eigentlicher  Schöpfer  er  ist,  und  durch 
alle  damit  zusammenhängenden  Erörterungen  ergänzt,  hat  in 
seinen  Schriften  das  vollkommenste  Muster  von  einer  nach  allen 
Seiten  hin  streng  und  scharf  durchgeführten  dialektischen  Unter- 
suchung gegeben.  Wenn  wir  es  auch  nicht  vorher  wüssten, 
schon  an  seinem  wissenschaftlichen  Verfahren  würden  wir  den 
Schüler  Plato's  erkennen. 

Mit  diesem  dialektischen  Element  verknüpft  sich  nun  aber 
bei  ihm  eine  Meisterschaft  in  der  Beobachtung  der  Thatsachen, 
ein  Streben  nach  ihrer  physikalischen  Erklärung,  welches  in 
diesem  Masse  nicht  allein  Sokrates,  sondern  auch  Plato  fremd 
war.  Die  vollkommenste  Begriffsbestimmung  ist  seiner  Ansicht 
nach  diejenige,    welche  die    Gründe   der    Dinge   aufzeigt2),   die 


1  i  Auch  hierüber  werden  später  die  näheren  Naehweisungen  gegeben 
werden. 

2  \>e  an.  II,  2,  Auf.:  ov  yao  (aovov  xö  ort,  dti  xör  ÖQtaxixör  löyov 
drjXoüv  .  .  .  aXXa  xal  xi)r  ctlxiur  tri  rxiur/tir  xai  tiKfccirtaitui.  rvv  6' 
äantf)  ou/uTTtoäouccd-'  oi  koyot,  tcöv  oqiov  tiair'  oior  xi  toxi  xtxoaywvia- 
uös'i  Jv  iooi'  (Tfoouijzti  öo&oywnov  tlrac  iaonktiQor.  6  St  xoiovxog  bpog 
Xöyog  zov  avfjMtptinuaxog.  ö  dt  ).(ywr  ort  taxiv  6  xtxpaywvio/ubg  u(ar]g 
tvptaig,  xov  noäyfxaxog  Xiytc  xö  aixiov.  Anal.  post.  II,  1  f.:  Es  handelt 
sich  bei  jeder  Untersuchung  um  vier  Stücke,  das  ort,  das  Siöxi,  das  tt  toxi, 
das  xi  ioTiv.  Diese  lassen  sich  jedoch  auf  die  zwei  Fragen:  t!  tan  utoor 
und  xi  laxe  xo  fjtoov  zurückführen,  xö  fAtv  yetp  atxtov  xo  [xtaov,  iv  anu<H 
dt  xovxo  Ct]xthiu.  Und  nachdem  einige  Beispiele  angeführt  sind:  tr  anocoi 
yao  xovxoig  yartpöv  taxiv  öxc  xo  avxö  toxi  xo  xi  toxi  xcel  dia  xt  laxtv 
u.  s.  w.  Ebd.  c.  3,  Auf.  c.  8,  Auf.  Ebd.  I,  31.  SS,  a,  5 :  xo  dt  xct&oXov  xi/uiov 
oxi  drjXoi  xo  ici'xior.  Metaph.  VI,  1.  1025,  b,  17:  dia  xo  xijg  avxrjg  tivm 
diaroiug  xö  xt  xi  toxi,  drjXov  noitir  xai  tl  'ionr.  Ebd.  VII,  17,  wo  u.  a. 
1041,  a,  27:    qartpöv  xoirvr  uxi  £i]xt<~  xö  aixiov'  xovxo  d"  toxi  xö  xi  rv 


[117]  Methode.  171 

Philosophie  soll  die  Erscheinungen  erklären  x) ;  dazu  darf  sie  aber 
nach  Aristoteles,  wie  wir  später  noch  finden  werden,  nicht  blos 
ihren  Begriff  und  ihren  Zweck,  sondern  sie  muss  ebensosehr 
auch  die  bewegenden  und  die  stofflichen  Ursachen  in's  Auge 
lassen;  und  je  entschiedener ,  nun  (s.  u.)  daran  festzuhalten  ist, 
dass  jedes  aus  seinen  eigenthümlichen  Gründen  erklärt  werde, 
um  so  weniger  kann  dem  Philosophen  eine  solche  Betrachtungs- 
weise genügen,  welche  nur  das  Allgemeine  des  Begriffs  berück- 
sichtigt, die  nähere  Bestimmtheit  der  Dinge  dagegen  vernach- 
lässigt2).     Daher    hier    diese   sorgfältige   Beachtung    der    That- 


t'ivai,  wg  ÜTith'  loyiYMq.  o  in'  ivi'iov  fiiv  iori  rivog  trtxa,  .  .  .  in'  ivtwv 
dt  Tt  IxiVTjae  noojTor.  Vgl.  Anal.  post.  II,  11,  Auf. :  intl  dt  iniGrua&at, 
olöut&a  ojav  ttdcoutr  rr\v  alriav,  atrial  dt  TtTTugtg  .  .  .  naaat  avrai  diä 
tov  utoov  (hi'y.ri  itk(. 

1)  S.  o.  S.   165. 

2)  In  diesem  Sinn  setzt  Aristoteles  nicht  selten  die  logische  Betrachtung 
einer  Sache,  d.  h.  diejenige,  welche  sich  nur  an  das  allgemeine  ihres  Be- 
griffs hält,  theils  der  analytischen,  in  die  Eigentümlichkeit  des  gegebenen 
Falls  näher  eingehenden,  die  er  desshalb  auch  ix  twv  xtiuivmV  nennt,  theils 
der  physikalischen  Untersuchung  entgegen,  welche  ihre  Ergebnisse  nicht  blos 
aus  dem  begriff  einer  Erscheinung,  sondern  aus  den  konkreten  Bedingungen 
derselben  ableitet.  Jenes  z.  B.  Anal.  post.  I,  21,  Schi.  c.  23.  S4,  a,  7  vgl. 
c.  24.  86,  a.  22.  c.  32.  88,  a,  19.  30.  Metaph.  VII,  4,  1029,  b,  12.  1030,  a, 
25.  c.  17.  1041,  a,  28.  Dieses  Phys.  III,  5.  204,  b,  4.  10  (vgl.  a,  34.  Metaph. 
XI,  10.  1066,  b,  21)  c.  3.  202,  a,  21.  De  coelo  I,  7.  275,  b,  12.  Metaph.  XII. 
1.  1069,  a,  27.  XIV,  1.  1087,  b,  20  (ähnlich  rfioixwg  und  xaS-olov  De  coelo 
I,  10,  Schi.  c.  12.  2S3,  b,  17).  Hiebei  gilt  ihm  aber  das  Logische  in  dem- 
selben Mass  für  das  unvollkommenere,  in  dem  es  sich  von  der  konkreten 
Bestimmtheit  des  Gegenstandes  entfernt.  Vgl.  Phys.  VIII,  8.  264,  a,  7 : 
otg  uiv  ovr  av  rig  w?  oixtioig  niortvotit  Xöyoig,  ovxoi  xai  tocovtoi  nrtg 
tiair'  '/.oyixwg  d'  imoxonoioi  xuy  ix  Ttürdt  dötjtit  tm  tuvto  tovto  ovu- 
ßairtir.  gen.  an.  II,  8.  747,  b,  28:  i.iyta  dt  loytxrjv  [änödtttjir]  dia  tovto. 
ort,  hob)  xa&6).ov  /ucl)J.ov  nooocoTtoo)  tcSv  oixsCwv  iorlr  äo/cor.  Und  nach- 
dem ein  solcher  Beweis  geführt  ist,  748,  a,  7 :  ovrog  /utr  ovr  6  ).6yog  xccS-6- 
lov  h'av  xal  xtrog.  ol  yao  urj  ix  rwv  otxtiiur  aqyiür  Xoyoi  xeroi  u.  s.  w. 
(Aehnlich  De  an.  I,  1.  403,  a,  2:  dialtxrixoig  xal  xtrwg.  Eth.  Eud.  I,  8. 
121-7,  b,  21:  loyixütg  xal  xtrwg.)  In  solchen  Fällen  zieht  er  daher  die 
physikalische  Behandlung  der  logischen  weit  vor  (z.  B.  gen.  et  corr.  I,  2. 
316,  a,  10:  idot  d'  är  rig  xal  ix  TOinwr,  Soor  diaif-tgoveir  ol  (fvoixwg 
'.c'i  /.oyixwg  axonovvTtg  u.  s.  w.  s.  1.  Abth.  S.  869,  1),  wogegen  ihm  bei 
ler  metaphysischen  Untersuchung  über  die  Ideen  Metaph.  XIII,  5,  Schi,  die 

oyixwTtooi  ).6yoi  auch  die  i'.y.oifrOTtnoi   sind.     Weiteres  bei  Waitz   Arist. 


172  Aristoteles.  [HS.  119] 

Sachen,  |  welche  dem  Philosophen  nicht  selten  sogax  den  Vorwurf 
eines  unphilosophischen  Empirismus  zugezogen  hat 1).  Aristoteles 
ist  nicht  blos  einer  der  spekulativsten  Denker,  er  ist  auch  einer 
der  genausten  und  unermüdlichsten  Beobachter,  einer  der  fleis- 
sigsten  Gelehrten,  welche  wir  kennen;  wie  er  überhaupt  in  der 
Erfahrung  die  Vorbedingung  des  Denkens,  in  der  Wahrnehmung 
den  Stoff  sieht,  aus  dem  die  Gedanken  sich  entwickeln  (s.  u.), 
so  hat  er  es  auch  |  nicht  versäumt,  seinem  eigenen  System  einen 
breiten  Unterbau  von  erfahrungsmässigem  Wissen  zu  geben,  und 
seine  philosophischen  Sätze  durch  eine  allseitige  Betrachtung 
des  thatsächlich  Gegebenen  zu  begründen.  Für  die  Natur- 
forschung  vor  allem  verlangt  er,  dass  man  zuerst  die  Erschei- 
nungen kenne,  und  dann  erst  nach  ihren  Ursachen  sich  um- 
sehe -).  Diejenige  Sicherheit  und  Genauigkeit  des  Verfahrens 
dürfen  wir  allerdings  bei  ihm  noch  nicht  suchen,  welche  die 
Erfahrungs Wissenschaft  in  der  neueren  Zeit  erreicht  hat-,  hiefür 
war  dieselbe  in  seinen  Tagen  noch  zu  jung,  es  fehlte  ihr  auch 
noch  zu  sehr  an  den  Hülfsinitteln  der  Beobachtung  und  an  der 
Unterstützung  durch  eine  ausgebildetere  Mathematik;  es  wird 
endlich  bei  Aristoteles  die  empirische  Forschung  noch  vielfach 
von  jener  spekulativen  und  dialektischen  Behandlung  gekreuzt, 
welche  er  zunächst  aus  der  platonischen  Schule  herübergenom- 
men hat.     Man  könnte  insofern,  was  seine  naturwissenschaftlichen 


Org.    II,    353    f.     BosiTZ    Arist.    Metaph.    II,    IST.     Ind.   arist.    432,    b,  5  f. 
Ras.sow  Arist.  de  not.  def.  doctr.   19  f. 

1)  So  Schleiermacheh,  weun  er  Gesch.  d.  Thil.  S.  120  von  A.  sagt: 
„grossen  Mangel  an  speculativem  Geist  kann  man  nicht  verkennen"  u.  s.  w., 
und  S.  110  die  älteren  Akademiker  als  die  „spekulativeren"  ihm  entgegen- 
stellt, auf  Grund  des  Satzes,  bei  dem  er  freilich  übel  wegkommen  muss: 
„nie  ist  einer,  der  eine  grosse  empirische  Masse  zuerst  bearbeitet  hat,  ein 
eigentlicher  Philosoph  gewesen."  So  noch  Stkümpell  Theoret.  Phil.  d.  Gr. 
S.  156  mit  dem  Urtheil,  das  aber  mit  der  S.  184  ff.  gegebenen  Auseinander- 
setzung sich  schwerlich  ganz  verträgt  und  noch  weniger  an  sich  selbst  be- 
gründet erscheint,  dass  seine  allgemeine  Richtung  unsern  Philosophen  „mehr 
zur  sammelnden  Auffassung  des  Empirischen  und  Historischen,  als  zur  Be- 
seitigung metaphysischer  Schwierigkeiten  geneigt  gemacht  habe"  u.  s.  w. 

2)  So  part.  an.  I,  1.  639,  b,  7  ff.  640,  a,  14.  Hist.  an.  I,  7.  491,  a,  9  f. 
Meteor.  III,  2.  371,  b,  21.  Anal.  pr.  I,  30.  46,  a,  1 7  ff.  Arist.  beruft  sich 
hier  (wie  part.  an.  639,  b,  7)  namentlich  auf  den  Vorgang  der  Astronomie 
(über  den  S.   344,  3  2.  Aufl.)    Vgl.  Elcken  Methode  d.  arist.  Forsch.  122  f. 


[119.   120]  Methode.  173 

Untersuchungen  betrifft,  weit  eher  über  das  Zuwenig  als  über 
das  Zuviel  seines  Empirismus  Klage  führen *).  Das  richtigere 
ist  aber  vielmehr,  dass  er  beide  Methoden  so  weit  gefördert  hat. 
als  diess  von  ihm  zu  erwarten  war.  Da  die  griechische  Wissen- 
schaft mit  der  Spekulation  angefangen  hatte,  und  die  Erfahrungs- 
wissenschaften erst  spät,  hauptsächlich  durch  Aristoteles  selbst, 
zu  einiger  Ausbildung  gelangten,  so  war  es  natürlich,  dass  das 
dialektische  Verfahren  eines  Sokrates  und  Plato,  die  von  der  ge- 
meinen Vorstellung  und  der  Sprache  ausgehende  logische  Zer- 
gliederung und  Verknüpfung  der  Begriffe,  einer  strengeren  Em- 
pirie den  Rang  ablief.  Auch  Aristoteles  hält  sich  zunächst  an 
dieses  Verfahren,  ja  er  bringt  es  theoretisch  und  praktisch,  wie 
bemerkt,  zur  Vollendung.  Dass  die  Kunst  der  empirischen 
Forschung  bei  ihm  eine  gleichmässige  Ausbildung  erfahren  werde, 
Hess  sich  nicht  erwarten,  und  ebenso  lag  ihm  eine  schärfere 
Unterscheidung  beider  Methoden  noch  ferne ;  diese  ist  erst  durch 
die  höhere  Entwicklung  der  Erfahrun gs Wissenschaften ,  und  von 
philosophischer  Seite  durch  die  erkenntnisstheoretischen  Unter- 
suchungen herbeigeführt  worden,  welche  die  neuere  Zeit  in's 
Leben  gerufen  hat.  Nur  um  so  grössere  Anerkennung  verdient 
es  aber,  dass  Aristoteles  mit  dem  unbefangenen  imd  umfassen- 
den wissenschaftlichen  Sinn,  der  ihn  auszeichnet,  auch  der  Be- 
obachtung sich  zugewendet,  und  sie,  so  weit  er  es  |  vermochte, 
mit  der  dialektischen  Verarbeitung  der  Begriffe  verbunden  hat2). 
Indem  nun  das  dialektische  Verfahren  von  Aristoteles  auf 
einen  viel  umfangreicheren  erfahrungsmässigen  Stoff  angewandt 
wird,  als  von  Plato,  so  erhält  es  von  selbst  das  formal  logische 
Gepräge,  durch  welches  die  aristotelischen  Darstellungen  sich  auf 
den  ersten  Blick  von  den  platonischen  unterscheiden.  Aristo- 
teles geht  nicht  auf  jene  rein  begriffliche  Entwicklung  aus, 
welche  Plato  von  dem  Philosophen  verlangt 3),  wiewohl  er  selbst 


1)  Wie  diess  ja  auch  bekanntlich  schon  von  Baco,  und  seit  das  obige 
zuerst  niedergeschrieben  wurde,  von  Lewes  (Aristot  §  91.  97),  und  mit  einer 
hei  ihm  nicht  seltenen  Einseitigkeit  von  Lange  Gesch.  d.  Mater.  I,  61  ff. 
geschehen  ist. 

2)  Genaueres  über  die  methodologischen  Grundsätze  des  Arist.  und  ihre 
Anwendung  im  nächsten  Kapitel  und  bei  Eccken  Die  Methode  d.  arist. 
Forschung  (1872);  vgl.  namentlich  S.  29  ff.   122  ff.  152   ff. 

3)  S.  1.  Abth.  S.  490  f.  516,  3,  521. 


174  Aristoteles.  [120.  UM] 

sie  im  Grunde  doch  nur  in  einzelnen  Fällen  und  nur  unvoll- 
kommen versucht  hat  \  sondern  die  begrifflichen  Erörterungen 
sind  bei  ihm  fortwährend  durch  Belege  aus  der  Erfahrung,  durch 
Erörterungen  über  vieldeutige  Ausdrücke,  durch  Kritik  fremder 
Ansichten  durchbrochen,  und  je  umfassender  der  Stoff  ist,  den 
er  wissenschaftlich  zu  bewältigen  hat,  um  so  grösseren  Werth 
legt  er  darauf,  dass  jeder  Schritt  in  seinen  weitschichtigen  Unter- 
suchungen theils  durch  eine  reichhaltige  Induktion,  theils  durch 
genaues  Einhalten  der  logischen  Eegeln  gesichert  sei.  Auch 
seine  Darstellungsform  erscheint  im  Vergleich  mit  der  platoni- 
schen trocken  und  nicht  selten  ermüdend;  von  der  Fülle  und 
Anmuth,  welche  den  aristotelischen  Schriften,  wie  den  plato- 
nischen, nachgerühmt  wird,  geben  die,  welche  wir  noch  haben, 
nur  selten  eine  Probe;  jene  dramatische  Lebendigkeit,  jene 
künstlerische  Vollendung,  jene  anziehenden  mythischen  Bildungen, 
die  wir  bei  Plato  bewundern,  felilen  ihnen 1).  Aber  die  eigen- 
thümlichen  Vorzüge  einer  wissenschaftlichen  Sprache  be- 
sitzen sie  in  so  hohem  Grade,  dass  sich  Aristoteles  nach  dieser 
Seite  hin,  wenn  wir  auch  nur  die  Darstellung  in  Betracht  ziehen, 
nicht  allein  nicht  als  „schlechter  Schriftsteller"  -),  sondern  seinem 
grossen  Lehrer  sogar  weit  überlegen  zeigt.  Und  auch  seinen 
angeblichen  Formalismus,  |  der  ohnedem  in  den  konkreteren  natur- 
wissenschaftlichen und  ethischen  Untersuchungen  bedeutend  zu- 
rücktritt, wird  man  anders  beurtheilen,  wenn  man  erwägt,  wie 
nothwendig  auch  nach  Plato  noch  diese  strenge  logische  Zucht 
war.  wie  viele  Verwirrung  in  den  Begriffen  durch  schärfere 
Unterscheidung  der  Wortbedeutungen,  wie  mancher  Fehlschluss 
durch  eine  genauere  Analyse  der  Schlussformen  beseitigt  werden 
musste,  welches  unsterbliche  Verdienst  sich  Aristoteles  dadurch 
erworben  hat,  dass  er  die  unabänderlichen  Grundlagen  alles 
wissenschaftlichen  Verfahrens  festgestellt  und  dem  Denken  eine 
Sicherheit  in  denselben  verschafft  hat,  deren  Werth  wir  nur 
desshalb  leicht  zu  verkennen  geneigt  sind,  weil  sie  uns  zu  ge- 
läufig ist,  um  uns  als  etwas  grosses  zu  erscheinen. 

Fassen  wir  endlich,  so  weit  diess  hier  schon  geschehen  kann, 
die  hauptsächlichsten    Ergebnisse   und   den    ganzen   Standpunkt 


i)  vgl.  h.  iio  i. 

•1      RlTTEB    HI.    28. 


[121.   122  Metaphysisches  Trincip.  175 

der  aristotelischen  Weltansicht  in's  Auge,  so  werden  wir  auch 
hier  einestheils  die  sokratisch-platonische  Grundlage  nicht  über- 
sehen, andererseits  aber  eine  so  bedeutende  und  folgerichtig 
durchgeführte  Eigentümlichkeit  wahrnehmen,  dass  die  Meinung, 
als  ob  Aristoteles  nur  ein  unselbständiger  Nachtreter  Plato's  ge- 
wesen wäre,  der  dessen  Gedanken  nur  formell  zu  verarbeiten 
und  zu  ergänzen  gewusst  habe J),  als  das  ungerechteste  Miss- 
verständniss  erscheinen  muss.  Aristoteles  hält  nicht  allein  an 
dem  sokratischen  Satze  fest,  dass  es  die  Wissenschaft  nur  mit 
dem  Begriff  der  Dinge  zu  thun  habe,  sondern  auch  an  der  wei- 
teren Folgerung,  Avelche  in  den  Mittelpunkt  des  platonischen 
Systems  führt,  dass  nur  das  im  Begriff  gedachte  Wesen  der- 
selben das  schlechthin  Wirkliche  an  ihnen,  alles  andere  dagegen 
nur  in  dem  Masse  wirklich  sei,  in  dem  es  an  der  begrifflichen 
Wesenheit  theilnimmt.  Aber  während  Plato  dieses  wesenhafte 
Sein  als  ein  Fürsichseiendes  aus  der  Erscheinung  hinaus  in  eine 
besondere  Ideenwelt  verlegt  hatte,  erkennt  sein  Nachfolger,  dass 
die  Idee  als  das  Wesen  der  Dinge  von  den  Dingen  selbst  nicht 
getrennt  sein  könne,  und  er  will  aus  diesem  Grunde  den  Begriff 
nicht  als  fürsichseiende  Allgemeinheit,  sondern  als  das  den  Einzel- 
dingen selbst  inwohnende  gemeinsame  Wesen  derselben  gefasst 
wissen;  er  verlangt  statt  des  gegensätzlichen  und  ausschliessen- 
den  Verhältnisses,  zu  welchem  die  Unterscheidung  des  Begriffs 
und  der  Erscheinung  |  bei  Plato  geführt  hatte,  ihre  positive  Be- 
ziehung aufeinander,  ihre  gegenseitige  Zusammengehörigkeit :  das 
Sinnliche  soll  der  Stoff,  das  unsinnliche  Wesen  die  Form  sein,  es  soll 
Ein  und  dasselbe  Sein  hier  zur  Wirklichkeit  entwickelt,  dort  unent- 
wickelt als  blosse  Anlage,  gesetzt  sein,  und  es  soll  desshalb  der  Stoff 
mit  innerer  Xothwendigkeit  zur  Form  hinstreben,  die  Form  im 
Stoffe  sich  darstellen.  Man  wird  in  dieser  Umbildung  der  pla- 
tonischen Metaphysik  den  naturwissenschaftlichen  Realismus,  den 
auf  die  Erklärung  des  Thatsächlichen  gerichteten  Sinn  des 
|  Philosophen  nicht  verkennen.  Gerade  das  ist  ja  seine  stärkste 
immer  wiederkehrende  Einwendung  gegen  die  Ideenlehre,  dass 
sie  die  Erscheinungen,  das  Werden  und  die  Veränderung,  un- 
erklärt lasse;  während  er  seinerseits  die  Grundbestimmungen 
seiner  Metaphysik  an  erster  Stelle  aus  der  Betrachtung  der  Vor- 

1)  Bbaniss  Gesch.  d.  Phil.  s.  Kant  I,   179  ff.  207  f. 


176  Aristoteles.  [122] 

gänge  gewinnt,  in  denen  alle  Hervorbringung  und  Veränderung, 
die  natürliche  wie  die  künstliche,  besteht.  Aber  sein  System  in 
dieser  Richtung-  zu  vollenden,  verbietet  dem  Aristoteles  jener 
begriffsphilosophische  Dualismus,  den  er  von  Plato  geerbt  hat. 
So  sehr  er  sich  auch  bemüht,  Form  und  Stoff"  einander  zu 
nähern,  in  letzter  Beziehung  bleiben  es  doch  immer  zwei  Prin- 
cipien,  von  welchen  sich  weder  eines  aus  dem  andern  noch  beide 
aus  einem  dritten  ableiten  lassen;  und  so  vielfach  sie  in  den 
endlichen  Dingen  verflochten  sind,  das  höchste  von  allem  ist  doch 
blos  der  reine,  ausserweltliche ,  nur  sich  selbst  denkende  Geist, 
und  das  höchste  im  Menschen  die  Vernunft,  welche  von  aussen 
her  in  ihn  eintritt  und  mit  der  individuellen  Seite  seines  Wesens 
nie  wahrhaft  zur  Einheit  zusammengeht.  Die  aristotelische  Phi- 
losophie ist  insofern  zugleich  die  Vollendung  und  das  Ende  des 
sokratisch-platonischen  Idealismus:  jenes,  weil  sie  der  tiefste  Ver- 
such ist,  ihn  durch  das  ganze  Gebiet  des  Wirklichen  durch- 
zuführen, die  gesammte  Erscheinungswelt  vom  Standpunkt  der 
Idee  aus  zu  erklären;  dieses,  weil  sich  in  ihr  die  Unmöglichkeit 
herausstellt,  den  Begriff  und  die  Erscheinung  zu  einer  wirklichen 
Einheit  zusammenzufassen,  nachdem  einmal  in  der  Bestim- 
mung der  letzten  Gründe  ihr  ursprünglicher  Gegensatz  ausge- 
sprochen ist. 

Wollen  wir  nun  die  Aveitere  Ausführung  dieses  Standpunkts 
im  aristotelischen  System  näher  kennen  lernen,  und  versuchen 
wir  es  zu  dem  Ende,  zunächst  eine  vorläufige  Uebersicht  über 
die  Gliederung  desselben  zu  gewinnen,  so  tritt  uns  der  Umstand 
höchst  störend  entgegen,  dass  uns  weder  in  den  aristotelischen 
Schriften  noch  in  einer  zuverlässigen  Ueberlieferung  über  die 
Eintheilung,  welcher  der  Philosoph  selbst  folgte,  eine  genügende 
Auskunft  ertheilt  |  wird  ').  Wenn  wir  den  späteren  Peripatetikern 
und  den  neuplatonischen  Auslegern  trauen  dürften,  so  hätte 
Aristoteles  die  ganze  Philosophie  in  die  theoretische  und  die 
praktische  getheilt,  indem  er  jener  die  Bestimmung  zuwies,  den 
erkennenden,  dieser,  den  begehrenden  Theil  der  Seele  zu  ver- 
vollkommnen.    In    der  theoretischen    Philosophie   hätte   er   dann 


1)  M.  vgl.  zum  folgenden  Ritter  III.  :>7  ff.  Bkakdis  II,  b,  130  ff. 
TeichmClleb  Arist.  Forsch.  II,  '.•  ff.  Walter  Die  Lehre  v.  d.  prakt.  Vern. 
ö:<7  ff. 


[123]  Gliederung  d.  Systems.  177 

wieder  drei  Theile  unterschieden:  die  Physik,  die  Mathematik, 
und  die  Theologie,  welche  auch  erste  Philosophie  oder  Meta- 
physik genannt  wird.  Die  praktische  Philosophie  zerfiele  in  die 
Ethik,  die  Oekonomik  und  die  Politik  r).  Auch  fehlt  es  diesen 
Angaben  nicht  an  Anhaltspunkten  in  den  aristotelischen  Schriften. 
Aristoteles  stellt  nicht  selten  die  theoretische  und  die  praktische 
Vernunft  einander  entgegen 2) ,  er  unterscheidet  solche  Unter- 
suchungen, welche  am  Erkennen,  und  solche,  welche  am  Han- 
deln ihr  Ziel  haben 3),  und  dem  entsprechend  findet  sich  schon 
frühe  in  seiner  Schule  die  Eintheilung  der  Wissenschaft  in  die 
theoretische  und  die  praktische 4) ;  |  er  selbst  freilich  pflegt  beiden 
die  poietische  Wissenschaft  beizufügen  5) ,    indem  er  das  Hervor- 


1)  So  Ammox.  in  qu.  voc.  Porph.  7,  a  ff.  (welcher  noch  die  vierfache 
Eintheilung  der  Mathematik  in  Geometrie,  Astronomie,  Musik  und  Arith- 
metik beifügt),  und  nach  ihm  David  Schol.  25,  a,  1.  Simpl.  Phys.  Anf.  Categ. 
1,  f.  Philop.  Schol.  in  Ar.  36,  a,  6.  Phys.  Anf.  Anatol.  in  Fabric.  Bibl.  III,  462  H. 
Ecstkat.  in  Eth.  N.  Anf.  Anon.,  Schol.  in  Arist.  9,  a,  31.  Die  Eintheilung 
in  die  theoretische  und  die  praktische  Philosophie  hat  schon  Alex,  in  Anal, 
pri.  Anf.  und  Diog.  V,  28.  Im  weiteren  theilt  der  letztere,  theilweise  ab- 
weichend von  den  andern,  die  theoretische  Philosophie  in  Physik  und  Logik 
(welche  jedoch  nicht  eigentlich  als  Theil,  sondern  als  Werkzeug  der  Philo- 
sophie zu  betrachten  sei  ,  die  praktische  in  die  Ethik  und  die  Politik,  die 
Politik  in  die  Lehre  vom  Staat  und  die  Lehre  vom  Hauswesen.  Alex.  Top. 
17,  m.  nennt  als  philosophische  Wissenschaften  die  Physik,  Ethik,  Logik 
und  Metaphysik;  über  die  Logik  vgl.  m.  aber  unten  S.   182,  5. 

2)  De  an.  III,  9.  432,  b,  26.  c.  10.  433,  a,  14.  Eth.  VI,  2.  1139,  a,  6 
vgl.  I,  13  g.  E.  Polit.  VII,  14.  1333,  a,  24.  Das  nähere  hierüber  im 
Uten  Kap. 

3)  Eth.  I,  1.  1095,  a,  5:  tneiSt]  rö  rtlog  [rrjg  TroliTixfjg]  tarlv  ov 
yvüois  «IIa  noüi-cg.  Ebenso  X,  10.  1179,  a,  35.  II,  2,  Anf.:  inel  ovv  rj 
nanovoa  noayuareia  ov  ftscooiag  'ivtxä  Igtiv  wotiso  al  allai  (ov  yaq  iv' 
elSiö/xtv  tC  Igtiv  r\  dotTt)  G/.S7iröfj.a&a,  all'  iv'  aya&ol  yeväfxsd-a,  fnel 
oväev  av  r\v  bqelog  arrfjg)    u.  8.    w. 

4)  Metaph.  II  («),  1.  993,  b,  19:  oo&wg  <T  ü^st  xal  to  xaleiG&ai  xr\v 
<f  iloGoq i'tcv  l7iiGrr\ur\v  xi\g  cdtj&eiag.  &(cjor}Ti,xrjg  fitv  yao  (zu  der  aber  hie- 
nach  die  gesammte  Philosophie  gerechnet  wird)  rtlog  ulri&fia,  nqaxTixr^g 
V  t-oyov.  Eth.  Eud.  I,  1.  1214,  a,  8:  Tiollcov  d"  bvrwv  f)s(oorjfiaTtov  .  .  .  rd 
lief»  avräv  ovvrtiva  noog  to  yvdövai  inövov,  rd  de  xui  ntoi  rag  xirjatig 
:ui   TTio'i  rag  .to«££{?  rov  7roiiyuc<Tog.  oGa  uhv  ovv  t-%ti  (pcloGoift'av  fiovov 

*H»0>]TlXqV    U.    S.    W. 

5)  Metaph.  VI,  1.  1025,  b,  18  ff.:  r)  tpvOixr  intarrifit}  .  .  .  d'fjlov  ort,  ovre 
Kittxxixrj    iGTir    ovrs    TToir/Tixri  ....   wart   si   nitaa    diävoia  ?i  ttokxtixt]   ij 

Zell  er,  Philos.  d.  Gr.  II.  Ed.  2.  Abth.  3.  Aufl.  12 

'  1 


178  Aristoteles.  1124] 

bringen  (rroitjOig)  vom  Handeln  (jcga^ig)  theils  durch  seinen 
Ursprung,  theils  durch  sein  Ziel  unterscheidet:  denn  jener  liegt 
bei  dem  einen  im  künstlerischen  Vermögen,  bei  dem  andern  im 
Willen  '),  dieses  bei  dem  Hervorbringen  ausser  ihm  selbst  in  dem 
zu  erzeugenden  Werke,  beim  Handeln  in  der  Thätigkeit  des 
Handelnden  als  solcher2).  Im  Gegensatz  gegen  die  theoretische 
Thätigkeit  kommen  aber  beide  darin  überein,  dass  sie  es  mit 
der  Bestimmung  eines  solchen  zu  thun  haben,  was  so  oder  an- 
ders sein  kann,  jene  mit  der  Erkenntniss  dessen,  was  nicht  an- 
ders sein  kann,  als  es  ist 3).     Weiter  nennt  Aristoteles  drei  theo- 


7TocT)Tixt)  i]  &ea>()7]T(y.T],  })  (fuoty.T]  d-sioQi]Tixi\  Tig  av  slrj.  c.  2.  1026,  b,  4 
(XI,  7):  ovdffitä  yccQ  iTTiOTTJfiy  tni/neXtg  7reQi  avzov  (sc.  tov  Gu/ußtßrjxÖTOg) 
ovre  7i paxT ix fj  ovts  7ioi>]Tixrj  ovt(  S-etüQt)Tixij.  Die  gleiche  Eintheilung  der 
ImaT^/urj  Top.  VI,  6.  145,  a,  15.  VIII,  1.  157,  a,  10.  Weiter  vgl.  m.  Eth. 
N.  VI,  3—5.  c  2.  1139,  a,  27.  X,  8.  1178,  b,  20,  und  über  den  Unterschied 
der  poietischen  und  theoretischen  Wissenschaft  De  coelo  III,  7.  306,  a,  16. 
Metaph.  XII,  9.  1075,  a,  1  vgl.  IX,  2.  1046,  b,  2  und  Bonitz  z.  d.  St. 
Redet  Arist.  hier  auch  nur  von  einer  lixiQTr]fxir\  (nicht  einer  yikooo(f>la) 
7TQc<xTixi]  und  7Toit)Tixi],  so  würden  doch  schon  diese  Stellen  uns  berechtigen,  uns 
auch  des  letzteren  Ausdrucks  zu  bedienen,  da  ifikoao<p(a  mit  iniaT^/urj, 
wenn  dieses  nicht  blos  überhaupt  das  Wissen,  sondern  specieller  die  Wissen- 
schaft bezeichnet,  gleichbedeutend  ist.  Und  wenn  er  Metaph.  VI,  1  (s.  u. 
179,  1)  drei  <filoao(ftai  friMQtjTixai  aufführt,  so  setzt  diess  unverkennbar 
voraus,  dass  es  auch  eine  nicht  theoretische,  also  praktische  oder  poietische 
Philosophie  gebe.  Dass  nun  aber  mit  der  letzteren  nicht  die  von  der  7t()ä£is 
und  noirjOig  handelnde  Wissenschaft,  die  Ethik,  Politik  und  Kunstlehre 
gemeint  sei,  sondern  das  Vermögen  der  nQa'iig  und  noir^oig  selbst,  die 
<f()6vr)Oig  und  die  xiyvi]  (Walter  a.  a.  O.  540  f.)  kann  ich  nicht  glauben. 
Diese  Bedeutung  hat  if  ikoaoqiia  nie,  und  auch  IntaTTj/^rj  kann  sie  in  diesem 
Zusammenhang  nicht  haben;  wenn  vielmehr  von  der  Physik,  Mathematik 
und  Metaphysik,  als  den  theoretischen  Wissenschaften,  andere  als  praktische 
und  poietische  unterschieden  werden,  müssen  diese  gleichfalls  wirkliche 
Wissenschaften  sein.  Und  welche  andere  Stelle  bliebe  auch  für  die  Ethik 
u.  s.  f.  frei? 

1)  Metaph.  VI,  1.  1025,  b,  22:  rwv  tutv  ya.Q  ttoitjtixcöv  Iv  tw  notovm 
i  ccqxv  >j  vovg  fj  x£yvr\  r\  Svvafiig  Tig,  tiüv  dt  nQaxTixwv  ir  toj  noaTTOvTi 
>]  TiQoutotoig.  Daher  Eth.  VI,  5.  1140,  b,  22:  auf  dem  künstlerischen 
Gebiet  sei  es  besser,  freiwillig,  auf  dem   sittlichen,  unfreiwillig  zu  fehlen. 

2)  Eth.  VI,  4,  Anf. :  ertQOv  J"  toii  noiqoig  xctl  nQä&g.  c.  5.  1140, 
b,  3:  aklo  tu  ytvog  nQag'Hüg  xal  TzoirjOecog  ....  Ttjg  ftlv  yaQ  noirjOtmg 
tTtoov  tö  r&og,  Ttjg  df  TTQcc^eiog  ovx  av  etr]'  tan  yaQ  avTT]  r\  tvnQa'ila 
TÜog.     Ebd.  I,   1,  Anf. 

3)  Eth.    VI,    3.    1139,    b,    18:     tniarn/uri    ßiv   ovv  ti    iaxiv    hTtulHv 


(124]  Gliederung  d.  Systems.  179 

retische  Wissenschaften,  von  denen  sich  die  erste  auf  das  Be- 
wegte und  Körperhöhe  beziehe,  die  zweite  auf  das  Unbewegte 
am  Körperlichen,  die  dritte  auf  das  schlechthin  Unkörperliche 
und  Unbewegte :  die  Physik,  die  Mathematik  und  die  erste  Phi- 
losophie, welche  er  auch  Theologie  nennt x),  und  als  den  Gipfel 
alles  Wissens  betrachtet2).  |  Versuchen  wir  es  jedoch,  die  hierin 


(fiaregöv  .  .  .  ndvrtg  ydg  v7roXajj.ßdvoutv,  o  tntordutfra  /utj  h'dt/ta&at 
iiXlojg  t/uv.  c.  4,  Anf. :  tov  d"  tidexofjtvov  itklaig  e/air  tan  ti  xai  noirjTor 
xcu  ngaxTOV  u.  s.  w.  Vgl.  c.  2.  1139,  a,  2  ff.  De'coelo  a.  a.  O.:  s.  o.  165,  2. 
part.  an.  I,  1.  610,  a,  3 :  f]  ydq  do/r)  roTg  utv  (den  Theoretikern)  to  or, 
roig  St  (den  Technikern)  to  taö/utvov. 

1)  Metaph.  VI,  1.  (XI,  7.),  wo  u.  a.  1026,  a,  13:  tj  utv  ya.Q  (pvrtixr, 
7ifQi  äxtoQiöTcc  fiev  kXV  ovx  dxivt)Tcc,  rrjg  dt  /UK&rjjuarcx^g  evict  ntgt 
dxi'i't]T«  /utv  ov  /(üQiaTct  J"  i'acog,  di.V  tog  lt>  vlij.  r\  dt  71qwttj  (sc.  qiko- 
ooqi'a)  xk)  TTtQi  /woKTr«  xa)  dxtvtjTa  .  .  .  wart  TQtTg  av  tltv  ipilooo(fictt 
&t(OQi]Tixai,  ua&r]fjaTixrj,  (pvGiXT],  ötoXoyixri.  Aehnlich  XII,  1.  1096,  a,  30. 
c.  6,  Anf.  De  an.  I,  1.  403,  b,  7  ff.  lieber  den  Namen  der  ersten  Philo- 
sophie vgl.  auch  S.  S4  m.;  über  die  Mathematik  als  die  Wissenschaft  der  Zahlen 
und  Grössen,  und  die  ihr  eigentümliche  Abstraktion,  das  Körperliche  nicht 
nacb  seinen  physikalischen  Eigenschaften,  sondern  nur  aus  dem  Gesichts- 
punkt der  Raumgrösse  zu  betrachten,  bei  den  Zahlen-  und  Grössenbestim- 
mungen  von  der  näheren  Beschaffenheit  dessen  abzusehen,  an  dem  sie  vor- 
kommen, s.  m.  Phys.  II,  2.  193,  b,  31  ff.  Anal.  post.  I,  10.  76,  b,  3.  c.  13.  79, 
a,  7.  Anal.  pri.  I,  41.  49,  b,  35.  Metaph.  XI,  4.  c.  3.  1061,  a,  28.  VII,  10. 
1036,  a,  9.  XIII,  2.  1077,  a,  9  —  c.  3,  Schi.  III,  2,  997,  b,  20.  Ebd.  996,  a, 
29.  De  an.  III,  7,  Schi.  Einzelne  Aeusserungen  über  die  Mathematik  finden 
sich  noch  an  manchen  Orten,  z.  B.  Metaph.  I,  2.  982,  a,  26.  De  coelo  III, 
1.  299,  a,  15.  c.  7.  306,  a,  26.  De  an.  I,  1.  402,  b,  16.  Vgl.  Bkandls  S.  135  ff. 
Der  Widerspruch,  welchen  Ritter  III,  73  f.  bei  Aristoteles  findet,  dass  der 
Mathematik  ein  sinnliches  Substrat  bald  abgesprochen,  bald  zugeschrieben, 
und  ihr  Gegenstand  bald  als  getrennt  bald  als  nicht  getrennt  vom  Sinnlichen 
bezeichnet  werde,  lässt  sich  theils  durch  die  Unterscheidung  der  reinen 
mathematischen  Wissenschaften  von  den  angewandten,  theils  und  besonders 
durch  die  Bemerkung  beseitigen,  dass  Aristoteles  nirgends  sagt,  der  Gegen- 
stand der  Mathematik  sei  ein  ^wqiOtov,  sondern  nur:  er  werde  als  solches, 
d.h.  abgesehen  von  seiner  sinnlichen  Beschaffenheit,  betrachtet;  Metaph. 
XII,  8.  1073,  b,  3  ohnedem  wird  die  Astronomie  auch  bei  der  gewöhnlichen 
Lesart  nicht  „die  eigentlichste  Philosophie",  sondern  die  olxtior drtj,  die 
für  die  vorliegende  Untersuchung  wichtigste  unter  den  mathematischen  Wissen- 
schaften genannt;  Bonitz  jedoch  liest  mit  Recht:  Trjg  olxtioTKTTjg  qtXo- 
<JO(f  (q  ToJv  {Acc&rjuaTi/.ojv  lTH.aTr\/i.ön>. 

2)  Metaph.  VI,  1.  1026,  a,  21  (und  fast  gleichlautend  XI,  7.  1064,  b,  1), 
nach  dem  vor.  Aura,  angeführten:  ir\r  TiuiondrTjr  [tniGTqurji']   ö'ti'  ntol  tu 

12* 


180  Aristoteles.  [125] 

angedeutete  Eintheilung  auf  den  Inhalt  der  aristotelischen  Schrif- 
ten anzuAvenden l),  so  gerathen  wir  in  vielfache  Verlegenheit. 
Zur  poietischen  Wissenschaft  würde  von  allem ,  was  Aristoteles 
geschrieben  hat,  nur  die  Poetik  gehören;  denn  die  Rhetorik  stellt 
er  selbst  unter  einen  andern  Gesichtspunkt,  indem  er  sie  als 
einen    Seitenzweig    der  Dialektik   und   der   Politik    bezeichnet2), 


TtuiicT«70v  yivog  tivui.  (Denn,  wie  es  1064,  b,  5  heisst:  ßelritov  xai  ytiowv 
ix/cott)  Xtynai  xarä  ro  oixeTov  tntOTrjTov.)  ai  uiv  ovv  O^fWQrjTixa)  twv 
dXXwv  iniarrjfiwv  aigfTojTfgai;  avTTj  dt  twv  &eoig>jTixwr.  Ausführlich  er- 
örtert Metaph.  I,  2,  wesshalb  die  erste  Philosophie  den  Namen  der  ooatta 
vorzugsweise  verdiene:  weil  sie  als  Erkennen  des  Allgemeinsten  das  um- 
fassendste Wissen  gewähre;  weil  sie  das  erforsche,  was  am  schwersten  zu 
erkennen  sei ;  weil  die  Wissenschaft  von  den  letzten  Gründen  die  genaueste 
ctx()ißiGTc<T7])  sei  und  die  vollständigste  Belehrung  über  die  Ursachen  ge- 
währe; weil  sie  mehr  als  jede  andere  das  Wissen  als  Selbstzweck  verfolge; 
weil  sie  als  die  Wissenschaft  von  den  Principien,  und  daher  auch  von  den 
letzten  Zwecken,  alle  andern  zu  beherrschen  habe.  Top.  VIII,  1.  157,  a,  9 
wird  als  Beispiel  einer  Eintheilung  angeführt:  on  Incar^rj  lni(Sir\^.r]g  ßsX- 
Tt'ov  fj  rw  uxgtßeOTegu  etvat  rj  r&J  ßeXnövwv ;  dass  der  Werth  des  Wissens 
sich  nach  dem  seines  Gegenstandes  richte,  setzt  A.  auch  Metaph.  XII,  9.  1074, 
b,  29  f.  voraus.  Der  allgemeine  Vorrang  der  theoretischen  Wissenschaften 
vor  den  praktischen  und  poietischen  beruht  aber  weder  hierauf  noch  auf 
ihrer  grösseren  Genauigkeit,  denn  einzelne  derselben  (die  zoologischen  und 
psychologischen)  haben  in  beiden  Beziehungen  vor  der  Ethik  nichts  voraus ; 
sondern  zunächst  darauf,  dass  das  Wissen  hier  Selbstzweck  ist;  vgl.  Metaph. 
I,   1.  981,  b,  17  ff.  982,  a,   1. 

1)  So  Ravaisson  Essai  sur  la  Mctaphysique  d'Aristote  I,  244  ff.,  welcher 
die  theoretische  Philosophie  weiter  in  die  Theologie,  Mathematik  und  Physik, 
die  praktische  in  die  Ethik,  Oekonomik  und  Politik,  die  poietische  in  die 
Poetik,  Rhetorik  und   Dialektik  theilen  will. 

2)  Rhet.  I,  2.  1356,  a,  25:  olare  avußulvet,  tt]v  grjTogtxrjv  oiov  nuga- 
<fiig  iL  Trjs  SiaXfxnxijg  elvai  xai  rrjg  mgl  tu  rj&r]  7iguyi.iaTt(ag ,  i\v 
SlxaiLv  ?oti  ngoauyogtitiv  noXiTixrv.  c.  3.  1359,  b,  S:  oneg  ydg  xai 
ngÖTtgov  eigtjxoTeg  Tuy/dvo/uev  uXrj&tg  {otiv,  oti  jj  grjrogixrj  aüyxeiTat  /uh 
?*  Tt  irtg  dvaXvTixijg  l7TiOTi]/Lirjg  xai  rrjg  nfgl  r«  >)&t)  noXirixrjg,  uuoia  J' 
toxi  tu  utv  Ttj  diuXtxTtxTj  tu  <U  TOig  aoipiOTtxoig  Xoyoig.  Eth.  I,  1. 
1094,  b,  2:  ogwusv  dt  xai  rüg  h'Ti/LtoTUTag  Toiv  äwä/xtfav  vnb  tui'itjv  [tjJv 
loXntxriv]  ovaug,  oiov  OTguTrjyixrjv,  oixorofuxtjv,  nrjTogixrjV"  /gco/uiv^g  J£ 
tuvtijs  Talg  Xoinuig  tcov  ttouxtixwv  {niOTTj/uäiv  u.  s.  w.  Diese  Aeusserungen 
scheinen  mir  die  Stelle  der  Rhetorik  bestimmt  zu  bezeichnen:  Aristoteles 
sieht  in  ihr  eine  Verwendung  der  Dialektik  für  Zwecke  der  Politik;  und  da 
nun  der  Charakter  einer  Wissenschaft  von  ihrem  Zweck  abhängt,  zählt  er 
sie  zu  den  praktischen   Fächern.     Wiewohl    sie    daher    an    sich    selbst    eine 


[J26]  Gliederung  d.   Systems.  131 

die  Dialektik  j  ohnedem  lässt  sich  von  der  Analytik,  unserer  Lo- 
gik, nicht  trennen *).  Wollte  man  aber  desshalb  der  Zweithei- 
lung in  die  theoretische  und  die  praktische  Philosophie  den  Vor- 
zug geben,  so  würde  man  sich  von  den  eigenen  Erklärungen 
des  Aristoteles  wieder  entfernen.  Die  Mathematik  ferner  scheint 
er  selbst  bei  der  Darstellung  seines  Systems  nicht  berücksichtigt 
zu  haben;  die  einzige  mathematische  Schrift  wenigstens,  auf 
welche  er  verweist  und  welche  ihm  mit  Sicherheit  beigelegt  wer- 
den kann,  das  astronomische  Werk,  gehört  nach  der  obigen  Be- 
stimmung eher  zur  Physik,  von  den  andern  ist  theils  die  Aecht- 
heit  unsicher,  theils  lässt  das  Fehlen  jeder  Verweisung  auf  die- 
selben vermuthen,  dass  sie  keinenfalls  ein  wesentliches  Glied  in 
der  zusammenhängenden  Ausführung  der  aristotelischen  Lehre 
bildeten-).  So  wird  auch  die  Physik,  als  ob  keine  Mathematik 
zwischen  ihr  und  der  ersten  Philosophie  stände,  die  zweite,  nicht 
die  dritte,  Philosophie  genannt 3).  Die  mathematischen  Axiome 
aber,  welche  den  Philosophen  allerdings  angehen,  weist  er  selbst 
der  „ersten  Philosophie"  zu4).  Was  weiter  die  praktische  Phi- 
losophie betrifft,  so  theilt  sie  Aristoteles  nicht,  wie  die  Späteren 5), 
welche  durch  die  unächte  Oekonomik  dazu  verleitet  sind,  in 
Ethik,  Oekonomik  und   Politik  6) ,   sondern  er  unterscheidet  |  zu- 


Knnstlehre  ist,  und  auch  von  Arist.  als  solche  bezeichnet  wird  (z.  B.  Rhet. 
I,  1.  1354,  a,  11  f.  b,  21.  1355,  a,  4.  33.  b,  11.  c.  2.  1356,  b,  26  ff.;  rv/vai 
heissen  ja  auch  die  rhetorischen  Theorieen,  vgl.  S.  76,  2.  77,  1),  scheint  er  ihr 
doch  eine  selbständige  Stellung  im  System,  wie  sie  Brandis  (II,  b,  147  . 
und  noch  entschiedener  Döring  (Kunstl.  d.  Arist.  78)  ihr  anweisen,  der 
Rhetorik  nicht  zuzugestehen. 

1  )  Auch  Top.  I,  1,  Anf.  c.  2  wird  sie  deutlich  als  eine  Hülfswissen- 
schaft  der  Philosophie  überhaupt,  und  namentlich  der  theoretischen  Unter- 
suchungen bezeichnet. 

2)  M.  vgl.  über  diese  Schriften  S.  90,  1. 

3)  Metaph.  VII,  11.  1037,  a,  14:  rr\q  (fvßtxfjg  xai  davrtoceg  yiJ.oaocfi'ag. 

4)  Metaph.  IV,  3,  Anf.  (XI,  4). 

5)  Denen  sich  hierin  ausser  Ravaisson  auch  Ritter  III,  302  anschliesst. 

6)  Aristoteles  nennt  allerdings  Eth.  VI,  9.  1142,  a,  9  neben  der  auf 
den  Einzelnen  bezüglichen  (fQovijOig  noch  die  oixovouia  und  nolireia,  aber 
1141,  b,  31  hat  er  die  Politik  (d.  h.  die  Lehre  vom  Gemeinwesen  mit  Aus- 
schluss der  Ethik)  in  oixoro/xta,  vouo&eoia,  ttoIitixtj  getheilt,  so  dass  dem- 
nach die  Oekonomik  einen  Theil  der  Politik  bildet.  Bestimmter  stellt  Eudemus 
Eth.  Euil.  I,  S.   121S,  b,   13  die  nohrixi]  xai   oixovofxix^    xai   (jQÖi'rjacg  als 


182  Aristoteles.  f  J  27  ] 

nächst1)  die  ethische  Hauptwissenschaft,  die  er  Politik  genannt 
wissen  will  *),  von  den  blossen  Hilfswissenschaften,  der  Oekono- 
niik,  Feldherrn  kun  st  und  Rhetorik  a);  sodann  in  der  Politik  den 
Theil,  Avelcher  von  der  sittlichen  Thätigkeit  des  Einzelnen,  und 
den,  welcher  vom  Staat  handelt 4).  Nicht  unbedenklich  ist  es 
endlich,  dass  in  der  obigen  Eintheilung,  ob  wir  sie  nun  zwei- 
oder  dreigliedrig  fassen,  die  Logik  keinen  Raum  findet.  Die 
jüngeren  Peripatetiker  helfen  sich  hier  mit  der  Behauptung, 
welche  einen  Streitpunkt  zwischen  ihnen  und  den  Stoikern  bil- 
det, dass  die  Logik  nicht  ein  Theil,  sondern  nur  ein  Werkzeug 
der  Philosophie  sei5).  Aristoteles  selbst  jedoch  deutet  diese 
Unterscheidung  nirgends  an 6) ,  wenn  er  auch  die  Logik  aller- 
dings zunächst  als  Methodologie  fasst 7),  und  sie  würde  auch  nicht 
viel  helfen :  da  er  die  Logik  einmal  mit  solcher  Sorgfalt  wissen- 
sc  haftlich  bearbeitet  hat,  muss  ihr  auch  in  dem  Ganzen  seiner 
Philosophie  ein  bestimmter  Ort  angewiesen  Averden  s).    Das  Fach- 

die  drei  Theile  der  praktischen  Wissenschaft  zusammen;  diese  Eintheilung 
muss  mithin  den  ältesten  Peripatetikern  angehören. 

1)  Eth.   I,  1.   1094,  a,  18  ff  VI,  9.   1141,  h,  23  ff. 

2)  Eth.  I,  1  a.  a.  O.  und  1095,  a,  2.  I,  2,  Anf.  und  Schi.  II,  2.  1105, 
a,  12.  VII,  12,  Anf.  vgl.  I,   13.   1102,  a,  23.  Rhet.  I,  ?.  3.  s.  o.   180,   2. 

3)  Eth.  I,  1.  1094,  b,  2.  Rhet.  I,  2.  1356,  a,  25.  Ebenso  wird  in  der 
Politik,  B.  I,  die  Oekonomik,  soweit  Aristoteles  überhaupt  auf  sie  einge- 
gangen ist,  zur  Staatslehre  gezogen. 

4)  Eth.  I,  1.  1094,  b,  7.  So  auch  in  der  ausführlichen  Erörterung 
X,  10. 

5)  Diog.  V,  28.  Alex,  in  pri.  Anal.  Anf.,  Schol.  141,  a,  19,  b,  25.  in 
Top.  41,  m.  Ammos.  b.  Waitz  Arist.  Org.  I,  44  med.  Simpl.  Categ.  1,  o 
Schol.  39,  b,  u.  Philop.  in  Categ.  Schol.  in  Ar.  36,  a,  6.  12.  15.  37,  b,  46. 
Ders.  in  Anal.  pri.  ebd.  143,  a,  3.  Anon.  ebd.  140,  a,  45  ff.  David  in  Categ., 
Schol.  25,  a,  1,  wo  auch  theil  weise  weitere  Abtheilungen  der  Logik  und  der 
logischen  Schriften. 

6)  Denn  dass  er  Top.  I,  18,  Schi.  VIII,  14.  163,  b,  9  die  logische 
Fertigkeit  ein  Organ  der  Philosophie   nennt,  ist  ganz  unerheblich. 

7)  S.  185  f. 

6  )  Nicht  stichhaltiger  ist  auch  R.waisson's  Auskunft  (a.  a.  O.  252.  264  f.): 
die  Analytik  sei  keine  besondere#Wissenschaft,  sondern  die  Form  aller  Wissen- 
schaft. Sie  ist  vielmehr  das  Wissen  von  dieser  Form,  welches  ebensogut 
ein  besonderes  Fach  ausfüllt,  wie  die  Metaphysik  als  das  Wissen  von  den 
allgemeinen  Gründen  alles  Seins.  Makbach  Gesch.  d.  Phil.  I,  247  meint 
gar,  „es  könne  keinem  Zweifel  unterliegen,  dass  die  Mathematik,  welche 
einen  Theil  der  Philosophie  ausmacht,  die  jetzt  sog.  Logik  sei." 


[128]  Gliederung  d.   Systems.  183 

werk,  welches  sich  aus  den  oben  angeführten  |  Aeusserungen  des 
Philosophen  ableiten  lässt,  erscheint  so  für  den  Stoff,  der  in 
seinen  Schriften  vorliegt,  theils  als  zu  weit,  theils  als  zu  eng. 
—  Eine  andere  Eintheilung  des  philosophischen  Systems  könnte 
man  auf  die  Bemerkung  gründen,  dass  alle  Sätze  und  Aufgaben 
theils  ethische ,  theils  physische ,  theils  logische  seien *).  Unter 
dem  Logischen  i'asst  aber  freilich  Aristoteles  hiebei  die  formale 
Logik  mit  der  ersten  Philosophie,  unserer  Metaphysik,  zusam- 
men -),  was  für  sich  allein  schon  beweisen  würde,  dass  er  es  bei 
dieser  Unterscheidung  nicht  darauf  abgesehen  haben  kann,  für 
die  Darstellung  seines  Systems,  in  welcher  beide  Fächer  so  klar 
geschieden  sind,  den  Plan  zu  verzeichnen.  —  Müssen  wir  aber 
lüernach  darauf  verzichten ,  über  diesen  in  bestimmten  Erklä- 
rungen einen  mit  der  Ausführung  übereinstimmenden  Aufschluss 
von  ihm  zu  erhalten,  so  bleibt  nur  übrig,  dass  wir  die  letztere 
selbst  darauf  ansehen,  welchen  Gesichtspunkten  sie  folgt.  Und 
da  treten  nun  in  den  Schriften  des  Philosophen,  nach  Abzug 
dessen,  was  blossen  Vorarbeiten,  geschichtlicher  und  natur- 
geschichtlicher Sammlung  und  wissenschaftlicher  Kritik  gewidmet 
ist,  vier  Hauptmassen  hervor :  die  logischen,  die  metaphysischen, 
die  naturwissenschaftlichen  und  die  ethischen  Untersuchungen. 
Eine  fünfte  Abtheilung  bildet  die  Kunstlehre,  von  der  aber 
Aristoteles  mir  die  Theorie  der  Dichtkunst  bearbeitet  hat.  Diese 
verschiedenen  Zweige  aus  dem  Begriff  und  der  Aufgabe  der 
Philosophie  abzuleiten,  oder  sie   auf  eine   einfachere  Eintheilung 


1)  Top.  I,  14.  105,  b,  19:  «m  <f  wg  tvtim  nigdußtiv  twv  nooTÜaim' 
xui  tojv  7iQoßkr]uärwv  fi^QT]  toi«,  al  uiv  yüo  ri&ixtti  TTQOTuOttg  eto'tv,  ai 
Si  XoyixuC  ....  öfioiwg  Si  xul  tu  nnoßXrjuuTU  ....  7ioög  uiv  ovv  <fiXo- 
ootfi'ttv  xar*  uXrj&uav  Titol  uvtwv  7iQuy/uuT(VT^ov,  SiuXtxrixwg  Si  nobg 
So%nv.  Ziemlich  unerheblich  ist  dagegen,  dass  in  Beziehung  auf  den  Unter- 
schied des  Wissens  und  der  Vorstellung  Anal.  post.  I,  33,  Schi,  bemerkt 
wird :  tu  Si  Xotnü  nä>g  StT  Siavsiuut,  ItiC  ts  Stuvoiug  xal  vov  xul  lni(STr\iiT\g 
xul  T^vrjg  xul  (fooi'rjOiojg  xul  aoifiug  tu  uiv  (fvoixfjg  tu  Si  rj&ixrjg  facootag 
/jüXXov  tmCv. 

2)  Als  ein  Beispiel  logischer  Sätze  nennt  Top.  a.  a.  O.  den  Satz,  welcher 
der  Sache  nach  ebenso  zu  der  Methodologie  oder  Analytik  gehört,  wie  zur 
Metaphysik  (vgl.  Metaph.  IV,  2.  1004,  a,  9  ff,  1005,  a,  2),  dass  das  Ent- 
gegengesetzte unter  die  gleiche  Wissenschaft  falle.  Auch  in  den  S.  171,  2  an- 
geführten Fällen  steht  Xoyixog  bald  für  logische  bald  für  metaphysische 
Untersuchungen;  für  letztere  auch  Eth.  Eud.  1,8.  1217,  b,   16. 


184  Aristoteles.  1  *2  V*  1 

zurückzuführen,  hat  Aristoteles,  wie  es  scheint,  unterlassen.  Von 
ihnen  selbst  wird,  wie  in  der  Reihenfolge  der  wissenschaftlichen 
|  Hauptwerke1),  so  auch  in  der  Darstellung  des  Systems  das 
Logische  und  Methodologische  voranzustellen  sein,  welches  Aristo- 
teles selbst  als  eine  Vorbedingung  aller  anderen  Forschungen 
bezeichnet s).  Auf  diese  Erörterungen  über  das  wissenschaftliche 
Verfahren  wird  die  „erste  Philosophie"  zu  tblgen  haben;  denn 
mag  auch  ihre  zusammenhängende  Ausführung  in  unserer  Meta- 
physik zu  den  letzten  Arbeiten  des  Philosophen  gehören 3),  so  ent- 
hält sie  doch  den  Schlüssel  für  das  philosophische  Verständniss 
der  Physik  und  der  Ethik,  und  alle  jene  Bestimmungen,  ohne 
welche  wir  in  diesen  Wissenschaften  keinen  Schritt  thun  können, 
über  die  vier  Ursachen,  über  Form  und  Stoff,  über  das  Einzelne 
und  Allgemeine,  über  die  verschiedenen  Bedeutungen  des  Seins, 
über  Substanz  und  Accidens,  über  das  Bewegende  und  das  Be- 
wegte u.  s.  w.,  haben  in  ihr  iliren  Ort.  Auch  schon  der  Name 
der  ersten  Philosophie  drückt  aber  aus,  dass  dieselbe  der  Sache 
nach  allen  andern  materialen  Untersuchungen  vorangehe,  weil 
sie  die  allgemeinsten  Voraussetzungen  erörtert4).  An  die  erste 
Philosophie  scliliesst  sich  zunächst  die  Physik  an,  und  erst  an 
diese  die  Ethik,  da  jene  von   dieser  vorausgesetzt  wird5).     Zur 


1)  S.  S.   156  f. 

2)  Metaph.  IV,  3.  1005,  b,  2:  oact  (T  ty/fiQovai  twv  leyovrwv  Tirtg 
ntp)  rfjs  alrj&tiag,  ov  tqÖtxov  Sit  änodfyfoftca,  dV  anaidtvoiav  räv 
avakvTtxwv  tovto  SgmaW  Sei  y«Q  ntQi  tovtwv  i\xtiv  nQOfTiiOTKfjtvovs, 
alka  urj  äxovovTccg  tr/TtTv.  Dabei  ist  es  für  die  vorliegende  Frage  ziemlich 
gleichgültig,  ob  das  tovtwv  auf  avaXvxixwV  oder  richtiger  auf  die  iu  den 
Worten  nepl  Trjg  uXrjd((ag  u.  s.  f.  angedeuteten  Untersuchungen  bezogen 
wird,   da    es    der  Sache    nach    auf   das    gleiche    hinauskommt,   ob  ich  sage: 

,man  muss  mit  der  Analytik  bekannt  sein",  oder:  „man  muss  mit  dem,  was 
die  Analytik  zu  erörtern  hat,  bekannt  sein";  unzulässig  ist  dagegen  Prantl'b 
Erklärung  (Gesch.  d.  Log.  I,  137),  welcher  das  tovtwi',  statt  der  Worte, 
womit  es  zunächst  verbunden  ist,  auf  die  ai-iw/uctTK  beziehen  will,  von  denen 
früher  die  Rede  war,  und  welcher  es  nun  in  Folge  dieser  Auffassung  un- 
verzeihlich findet,  dass  unsere  Stelle  als  Beleg  für  die  Voranstellun;^  dei 
Analytiken  gehraucht  werde. 
.'ü  S.  o.  S.  80  ff.   160,   1. 

4)  Noch  deutlicher,  als  der  Superlativ  npwTri  (fiXoooqt'oc,  zeigt  diess  der 
Comparativ:  (filoaoifla  nooTtpa  ((fvotxijg,  /ua&rjuaTixrjg)  Metaph.  VI,  1. 
Iü26,  a,  13.  30.  gen.  et  corr.  I,  318,  a,  5. 

5)  S.  o.  S.  159. 


[130]  Logik.  185 

Ethik  wird  auch  die  Rhetorik  zu  rechnen  sein  '),  wogegen  die 
Lehre  von  der  Kunst  ein  eigenes,  mit  den  übrigen  in  keinen  { 
bestimmten  Zusammenhang  gesetztes  Fach  ausfüllt,  und  daher 
von  ims  nur  anhangsweise  behandelt  werden  kann.  Das  gleiche 
gilt  endlich  von  den  gelegentlichen  Aeusserungen  des  Philo- 
sophen über  die  Religion,  da  eine  Religionswissenschaft  als  solche 
ihm  noch  fremd  ist. 

5.     Die    Logik. 

Aristoteles  wird  von  Alters  her  als  der  Schöpfer  der  Logik 
gepriesen,  und  dieser  Ruhm  ist  auch  wohlbegründet.  Indessen 
dürfen  wir  nicht  übersehen ,  dass  er  diese  Wissenschaft  nicht 
selbständig,  sondern  nur  aus  dem  Gesichtspunkt  der  Methodo- 
logie, als  wissenschaftliche  Technik,  behandelt,  dass  er  mit  der- 
selben nicht  eine  vollständige  und  gleichmässige  Darstellung  der 
gesammten  Denkthätigkeit ,  sondern  zunächst  nur  eine  Unter- 
suchung über  die  Formen  und  Gesetze  der  wissenschaftlichen 
Beweisführung  beabsichtigt.  Von  der  einen  Hälfte  seiner  Logik, 
der  Topik,  sagt  er  diess  selbst 2) ;  bei  dem  anderen  und  wich- 
tigeren Theile,  der  Analytik,  ergibt  es  sich  theils  gleichfalls  aus 
einzelnen  Andeutungen,  welche  derselben  die  Stellung  einer 
wissenschaftlichen  Propädeutik  anweisen "'),  theils  aus  der  Ana- 
logie der  Topik,  theils  und  besonders  aus  ihrer  ganzen  Behand- 
lung. Von  den  beiden  Analytiken,  diesen  logischen  Haupt- 
werken, beschäftigt  sich  die  eine  mit  den  Sclüüssen,  die  andere 
mit  der  Beweisführung 4) ;  nur  im  Zusammenhang  dieser  Unter- 


1)  S.  S.   180,  2. 

2)  Top.  I,  1,  Anf. :  jj  uiv  nQO&tatg  r^g  noayfxaxttag  fiid-oSov  tvQtir, 
ctq  '  »jf  $vrr]GÖtut&K  ov).i.oyi£eo3((i  ntn)  navxig  xov  nQOxt&tvxog  7iQoß).r\- 
fuurog  £|  tvfioijaiv  xai  avxoi  löyov  unfyovxsg  /jt]&Iv  ^qov^ev  vntravxiov. 
Vgl.  c.  2.  c.  3:  tj-o/utr  dt  xtltcog  ttjv  /utfrodor,  oxav  ouoicog  t/wutv  vianto 
fni  OTjxoQCxijg  xai  iaxQixrjg  xai  xwv  toiovtojv  dwa/utoiv'  xovto  d  toxi  xb 
tx  xwv  IvdtyoutvMV  nottTv  a  TTQoainovfJt&a. 

3)  S.  o.   184,  2. 

4)  Das  gemeinsame  Thema  beider  wird  Anal.  pri.  Anf.  so  bezeichnet: 
nowTov  ftlv  tlntiv  ntQi  xt  xai  xCvog  toxiv  ij  oxti/jig,  oxi  tibqI  änödii&v 
xai  IntOTrjUTjg  dnodtixxixrjg.  Ebenso  am  Schluss,  Anal.  post.  II,  19,  Anf. : 
7t(Qi  ju(v  oiii'  avlloyiauov  xai  dnoSti&wg,  xt  re  ixdxSQov  laxt,  xai  nwg 
yivtxai ,  (favioov,  aiua  dt  xai  neqi  In iaxr\ur\g  dnoStixxixfjg'  xavxor 
ydg  laxiv. 


ISO  Aristoteles.  [131] 

suchung  und  nur  so  weit  es  für  dieselbe  noth wendig  ist,  be- 
spricht er  die  »Sätze1);  erst  später8;,  wenn  überhaupt,  hat  sich 
ihm  hieraus  in  der  Schrift  vom  Ausdruck  eine  selbständige  Er- 
örterung über  dieselben  entwickelt.  Ebenso  kommt  er  zur  lo- 
gischen Betrachtung  der  Begriffe  zunächst  von  der  |  Schlusslehre 
aus:  die  Definition  behandelt  er,  als  ein  Ergebniss  der  Beweis- 
führung, in  der  Analytik  3),  und  die  logischen  Eigenschaften  der 
Begriffe  überhaupt  werden  nur  aus  Anlass  der  Schlüsse  be- 
rührt 4).  Die  Kategorieenlehre  aber  gehört  mehr  zur  Metaphy- 
sik, als  zur  Logik ,  da  sie  nicht  aus  der  logischen  Form  der 
Begriffe  oder  dem  bei  ihrer  Bildung  beobachteten  Verfahren  ab- 
geleitet, sondern  durch  die  Unterscheidung  der  realen  Verhält- 
nisse gewonnen  wird,  auf  welche  sich  die  Kategorieen  ihrem  In- 
halt nach  beziehen5).  Auch  der  Name  der  Analytik6)  weist 
darauf  hin,  dass  es  sich  für  Aristoteles  bei  den  Untersuchungen, 
welche  wir  zur  formalen  Logik  rechnen  würden,  zunächst  darum 
handelt,  die  Bedingungen  des  wissenschaftlichen  Verfahrens,  und 
näher   des  Beweisverfahrens,    zu    bestimmen 7).      Sokrates    hatte 


1)  Anal.  pri.  I,    1 — 3.     Anal.  post.  I,  2.  72,  b,   7. 

2)  S.  o.  69,   1. 

3")  Anal.  post.  II,  3  ff.  vgl.  besonders  e.   10. 

4)  Das  wenige,  was  in  dieser  Beziehung  zu  erwähnen  ist,  wird  später 
beigebracht  werden.  Schon  die  Definition  des  ogog  Anal.  pri.  I,  1.  24,  b,  16 
{boov  dt  x<().o>  tig  ov  äialvtrat  t)  noÖTctatg}  zeigt,  dass  Aristoteles  auf 
analytischem  Wege,  wie  von  den  Schlüssen  zu  den  Sätzen,  so  von  den  Sätzen 
zn  den  Begriffen  gelangt :  beide  kommen  nur  als  Bestandtheile  des  Schlusses 
in   Betracht. 

5~)  Einen  reiner  logischen  Charakter  scheinen  einige  andere  auf  die 
Begriffe  bezügliche  Schriften  gehabt  zu  haben,  die  S.  73  f.  genannt  sind; 
wahrscheinlich  stammte  aber  keine  derselben  von  Aristoteles  her. 

6)  Aristoteles  nennt  nicht  allein  die  beiden  logischen  Hauptschriften 
IdvaXvTiita  (s  S.  70,  1),  sondern  der  gleichen  Bezeichnung  bedient  er  sich 
(s.  o.  184,  2.  180,  2)  auch  für  die  Wissenschaft,  mit  der  sich  dieselben 
beschäftigen. 

7)  'Arakvtir  heisst:  ein  Gegebenes  auf  die  Bestandtheile,  aus  denen  es 
zusammengesetzt  ist,  oder  die  Bedingungen,  durch  die  es  zu  Stande  kommt, 
zurückführen.  In  diesem  Sinn  gebraucht  Aristoteles  dvdkvoig  und  dvtcXvtiv 
stehend  für  die  Znrückführung  der  Schlüsse  auf  die  drei  Figuren,  z.  B.  Anal, 
pri.  I,  32,  Anf. :  ti  .  .  .  roig  ytytvrj/utvovg  [arXi.ayiajuovg]  uvuXvoiutv  (Ig 
tu  -Jtjoaorjufva  0%rifiaTa,  wofür  unmittelbar  vorher  stand :  nwg  J'  ävui-o/iiiv 
TOig  ovkXoyiajioig  (ig  Tic   7ioo(iorjfA.(vn   a/r/ucn«.     Vgl.   Bomtz    Ind.   ari^-t. 


[132]  Logik.  187 

die  |  Methode  der  Begriffsbildung  entdeckt,  Plato  die  der  Ein- 
theilung  hinzugefügt;  Aristoteles  hat  die  Theorie  des  Beweises 
erfunden,  und  diese  ist  ihm  nun  sosehr  die  Hauptsache,  dass 
ihm  die  gesammte  Methodologie  darin  aufgeht.  Wenn  daher 
die  späteren  Peripatetiker  die  Logik  l)  als  Werkzeug  der  Philo- 
sophie bezeichneten 2),  und  wenn  desshalb  in  der  Folge  die  lo- 
gischen Schriften  des  Aristoteles  unter  dem  Namen  des  Organon 
zusammengefasst  wurden3),  so  ist  diess  nicht  gegen  den  Sinn 
des  Philosophen  4) ;  die  Behauptung  freilich ,    dass   diese  Wissen- 

4S,  b,  16.  Und  da  nun  jede  Untersuchung  darin  besteht,  dass  die  Bestand- 
teile und  Bedingungen  dessen,  worauf  sie  sich  bezieht,  aufgesucht  werden, 
so  steht  avaXvetv  neben  £>jr£<>  in  der  Bedeutung :  untersuchen.  So  Eth.  N. 
III,  5.  1112,  b,  15:  {ßovXevtTKi  ....  ov&elg  nfol  tov  T(Xovg')  uXXa  &£fxtvoi 
TtXog  ti,  vi dog  xut  diu  TiViov  föTcti,  0XO7IOÜOI  ....  gas  «*'  i-X&aioiv  inl  JO 
nqwrov  uiriov,  o  iv  Trj  sugtaei  £0/kt6v  ioriv'  6  yag  ßovXtvoftsvog  kotxt 
£t)TlTv  xcd  ävaXvsiv  tov  eiorjuärov  tqotiov  wairfQ  duiygciufia.  (patvercu  <T 
r]  utv  £rjTT)Cfig  ov  näacc  elvai  ßovXevoig,  olov  ctt  uk^tjuktixki,  ^  dt  ßovXevOts 
rtdaa  CrJTrjOtg,  xcu  to  ioyarov  iv  Ttj  avaXvöfc  ngolror  eivat  iv  Trj  yeveofi. 
(Vgl.  Trendelenburg  Elem.  Log.  Arist.  S.  47  f.)  Die  uvaXvTixr)  iniGTripr] 
^Rhet.  I,  4.  1359,  b,  10)  bezeichnet  demnach  die  Kunst  der  wissenschaftlichen 
Untersuchung,  oder  die  Anleitung  zu  derselben,  die  wissenschaftliche  Me- 
thodologie, und  ähnlich  t«  avaXvTixä  das,  was  sich  auf  die  wissenschaftliche 
Untersuchung  bezieht,   die  Theorie   derselben;  so  Metaph.  IV,  3.  1005,  b,  2. 

1)  Ueber  diese  seit  Cicero  nachweisbare  Bezeichnung  vgl.  Prantl  Gesch. 
d.  Log.  I,  514,  27.  535. 

2)  S.  o.   S.  182,  5. 

3)  Bei  den  griechischen  Auslegern  bis  in's  sechste  Jahrhundert  findet 
sich  dieser  Name  für  die  Schriften  noch  nicht,  erst  später  wird  er  für 
diese  gebräuchlich  (vgl.  Waitz  Arist.  Org.  II,  293  f.);  dagegen  werden  die- 
selben auch  schon  von  ihnen  ogyitvxu  genannt,  weil  sie  sich  auf  das  bgynvov 
(oder  das  onyurixbr  uf'gog)  ifü.oaoifiug  beziehen;  vgl.  Simpl.  in  Categ.  1,  (. 
Philop.  in  Cat.,  Schol.   36,  a,  7.   15.     David  ebd.  25,  a,  3. 

4)  Prantl  Gesch.  d.  Log.  I,  136  eifert  insofern  ohne  Grund  gegen  „die 
Schulmeister  des  späteren  Alterthums",  welche  ,.inficirt  von  dem  Blödsinn 
der  stoischen  Philosophie",  die  Logik  als  Werkzeug  des  Wissens  um  jeden 
Preis  vorausstellen  wollten.  Diess  ist  wirklich  die  Stellung  und  Bedeutung, 
welche  ihr  Aristoteles  anweist;  dass  sie  ihren  Zweck,  ebenso  wie  die  Physik 
und  die  Ethik,  in  sich  selbst  und  ihrem  eigenen  Gegenstand  habe,  dass  sie 
eine  philosophisch  begründete  Darstellung  der  Thätigkeit  des  menschlichen 
Denkens  und  sonst  nichts  sein  wolle  (a.  a.  O.  S.  138  f.),  ist  eine  Behauptung, 
welche  sich  weder  durch  bestimmte  Aussagen  des  Aristoteles  noch  durch 
die  Beschaffenheit  seiner  logischen  Schriften  beweisen  lässt.  Die  „reale 
metaphysische  Seite  der  aristotelischen  Logik"   braucht    man  desshalb  nicht 


188  Aristoteles.  [133] 

schat't  als  Organ  der  Philosophie  nicht  zugleich  ihr  Theil  sein 
könne  ').  würde  er  schwerlich  gebilligt  haben.  | 

Dm  nun  diese  Methodologie  richtig  autzufassen,  wird  es 
nötliig  sein,  dass  wir  zuerst  auf  die  Ansichten  des  Aristoteles 
über  die  Natur  und  Entstehung  des  Wissens  näher  eingehen; 
denn  durch  den  Begriff  des  Wissens  ist  dem  wissenschaftlichen 
Verfahren  sein  Ziel  und  seine  Richtung  bestimmt,  und  die  natür- 
liche Entwicklung  des  Wissens  im  mensclilichen  Geiste  muss 
seiner  kunstmässigen  Entwicklung  in  der  Wissenschaft  den  Weg 
vorzeichnen. 

Alles  Wissen  bezieht  sich  auf  das  Wesen  der  Dinge,  auf 
die  allgemeinen,  in  allen  Einzeldingen  sich  gleichbleibenden 
Eigenschaften  und  die  Ursachen  des  Wirklichen '-').  Andererseits 
aber  lässt  sich  das  Allgemeine  nur  aus  dem  Einzelnen,  das 
Wesen  nur  aus  der  Erscheinung,  die  Ursachen  lassen  sich  nur 
aus  den  Wirkungen  erkennen.  Es  folgt  diess  theils  aus  den 
metaphysischen  Sätzen  unseres  Philosophen  über  das  Verhältnis« 
des  Einzelnen  und  des  Allgemeinen,  welche  uns  später  noch  be- 
gegnen werden;  denn  wenn  nur  das  Einzelwesen  das  ursprüng- 
lich Wirkliche  ist,  wenn  die  allgemeinen  Bestimmungen  nicht 
als  Ideen  für  sich  sind,  sondern  nur  als  Eigenschaften  den  Einzel- 
dingen anhaften,  so  muss  die  erfahrungsmässige  Erkenntniss  des 
Einzelnen  der  wissenschaftlichen  Erkenntniss  des  Allgemeinen 
noth wendig  vorangehen :i).  Noch  unmittelbarer  ergibt  es  sich 
aber  für  Aristoteles  aus   der  Natur   des   menschlichen  Erkennt- 


ausser  Acht  zu  lassen :  auch  als  Methoilenlehre  betrachtet  kann  sie  ihre 
Wurzeln  in  der  Metaphysik  haben,  und  auch  wenn  sie  dieser  vorangestellt 
wird,  kann  sich  schliesslich  die  Nothwendigkeit  ergeben,  sie  auf  metaphy- 
sische Principien  zurückzuführen. 

1)  S.  o.  182,  5. 

2)  S.  o.  S.   161   f.  170  f. 

3)  Aristoteles  selbst  weist  auf  diesen  Zusammenhang  seiner  Erkenutniss- 
lehre  mit  seiner  Metaphysik  De  an.  III,  8.  432,  a,  2 :  Int l  6t  ovät  npctypo. 
ov&äv  ton  nuoii  tu  uty£&i],  ojg  doxel,  tk  rtiaHrjTu  xf/wQKjjuiror,  tv  roTg 
(Tötai  rois  aiafrrjTOis  t«  vo7]rü  ton,  (vgl.  c.  4.  430,  a,  6:  Ir  dt  roTg  ty_o<  an 
i)).T)v  dvvä/Att,  ixaoröv  tan  twv  voTjro'ir)  rn  rt  tv  difaiot-ati  Ityöutva  (die 
abstrakten  .Begriffe)  xu\  6'er«  rcör  ctia9r]T(üV  tgtig  xal  nc't&rj.  xai  Siit  tovto 
ovrt  f.if]  aia&avofxevog  urjütv  oiiS-kv  ar  fttid-oi  outii  t-uveCrj'  otkv  rt  fttt»o>j. 
nvdyxr)  tiua  (ßävraOflä  tc  Ututqttv'  t<<  ydo  <j avraOfjiaTa  (Santa  atoVrjiKtTtt 
Ion,  nki]V  avsv  vltje. 


[133     134]  Entstehung  des   Wissens.  189 

nissvermögens.  Denn  so  unbedenklich  er  zugibt,  dass  die  Seele 
den  Grund  ihres  Wissens  in  sich  selbst  tragen  müsse,  so  wenig 
hält  er  es  doch  für  möglich,  dass  ein  wirkliches  Wissen  anders, 
als  vermittelst  der  Erfahrung,  zu  Stande  komme.  Alles  Lernen 
setzt  schon  ein  Wissen  voraus,  an  das  es  anknüpft1);  aus  diesem 
Satz  entwickelt  sich  aber  das  j  Bedenken,  welches  den  Früheren 
so  viel  zu  schaffen  gemacht  hatte 2) ,  dass  überhaupt  kein  Ler- 
nen möglich  zu  sein  scheint.  Denn  entweder,  scheint  es,  müssen 
wir  dasjenige  Wissen,  aus  dem  alles  andere  abzideiten  ist,  schon 
besitzen,  diess  ist  aber  eben  thatsächlich  nicht  der  Fall;  oder 
wir  müssen  es  uns  erst  erwerben,  dann  würde  aber  der  obige 
Satz  gerade  von  dem  höchsten  Wissen  nicht  gelten3).  Dieser 
Schwierigkeit  hatte  Plato  durch  die  Lehre  von  der  Wieder- 
erinnerung zu  entgehen  gesucht.  Aristoteles  weiss  sich  hiemit, 
ausser  allem  übrigen,  was  er  gegen  die  Präexistenz  der  Seele 
geltend  macht4),  schon  desshalb  nicht  zu  befreunden,  weil  es 
ihm  undenkbar  erscheint,  dass  wir  ein  Wissen  in  uns  haben 
sollten,  ohne  uns  dessen  bewusst  zu  sein 5) ;  davon  nicht  zu  re- 
den, dass  das  Sein  der  Ideen  in  der  Seele,  wenn  man  es  ge- 
nauer zergliedert,  zu  mancherlei  Ungereimtheiten  führen  würde  6). 
Die  Lösung  Hegt  vielmehr  für  ihn  in  jenem  Begriff,  mit  dem  er 


1)  Anal.  post.  I,  Anf.:  tiüg«.  ötöaaxuXiu  xal  nüou  uü&rjOig  ^lavorjTiXT] 
Ix  TToovnuoyovorfi  yiverat  yvcuatwg,  was  sofort  an  den  einzelnen  Wissen- 
schaften sowohl  hinsichtlich  der  Beweisführung  durch  Schlüsse,  als  hinsicht- 
lich des  Induktionsbeweises  nachgewiesen  wird.  Das  gleiche  Metaph.  I,  9. 
992,  b,  30.     Eth.  VI,  3.   1139,  b,  26. 

2)  S.  I,  996.  II,  a,  696. 

3)  Anal.  post.  II,  19.  99.  b,  20:  Jedes  Wissen  durch  Beweisführung  setzt 
die  Kenntniss  der  höchsten  Principien  (der  «Qyca  äueooi  s.  u.)  voraus,  twv 
<V  uutawv  ttjv  yvcöaiv  .  .  .  diuTroorjOtnv  liv  rtg  ....  xcu  Titntoov  ovx 
tvovaat  (cl  (§sig  (eben  jene  yvwOig)  iyyirovriu  fj  tvovaui  XiXri&aaiv.  tl 
uiv  dt]  tyoutv  ai'Tas,  atonov'  Ovußaivei  yico  (cxoißeorfoag  tyoVTag  yviäang 
unoda'i-iwg  /.uv&üveiv.  ti  6t  lafißavofitv  fit]  tyovitg  ttq6t£qov,  nwg  av 
yvcoot'^oiutr  xal  uavd-ccvoiutv  ix  jut]  7ioo'vnuoyoiGr]g  yvwatwg ;  itSvvmov 
yuo  .  .  .  (favegbv  xoCvvv,  ort  ocr'  'iyuv  oiöv  xt,  ot'r'  uyvoovoi  xal  utj- 
<hut'icr  tyovoiv  %%iv  iyyiiiG&ui. 

4     Vgl.  S.  377  2.  Aufl. 

5)  Anal.  post.  a.  a.  O.   und  Metaph.   I.  9.  992.  b,  33. 

6  Top.  II,  7.  113,  a,  25:  die  Ideen  müssten,  wenn  sie  in  uns  wären, 
■«ich  auch  mit  uns  bewegen  u.  s.  w.  Doch  hätte  Arist.  selbst  wohl  diesem 
dos  dialektischen   Einwurf  schwerlich  grosse  Bedeutung  beigelegt. 


190  Aristoteles.  [134.   135] 

so  viele  metaphysische  und  naturphilosophische  Fragen  beant- 
wortet: dem  Begriff  der  Entwicklung;  in  der  Unterscheidung 
von  Anlage  und  Vollendung.  Die  Seele,  sagt  er,  muss  aller- 
dings ihr  Wissen  in  gewissem  Sinn  in  sich  tragen;  denn  wenn 
schon  die  sinnliche  Wahrnehmung  nicht  einfach  als  ein  leident- 
liches  Aufnehmen  des  Gegebenen,  sondern  vielmehr  als  eine 
durch  dasselbe  veranlasste  Thätigkeit  zu  betrachten  ist  *),  so 
muss  diess  von  dem  Denken,  |  welches  keinen  äusseren  Gegen- 
stand hat,  noch  weit  mehr  gelten  2) :  da  das  reine  Denken  von 
dem  Gedachten  nicht  verschieden  ist3),  so  liegt  in  seiner  Natur 
als  solcher  die  Möglichkeit  jener  unmittelbaren  Erkenntniss  der 
höchsten  Principien,  die  von  allem  abgeleiteten  und  vermittelten 
Wissen  als  Anfang  und  Bedingung  desselben  vorausgesetzt 
wird4).     Die   Seele   kann   insofern  als   der   Ort  der  Ideen   be- 


1)  De  an.  II,  5.  417,  b,  2  ff.  Arist.  sagt  hier,  weder  die  Wahrnehmung 
noch  das  Denken  dürfe  ein  nüayetv  und  eine  uXXoitootg  genannt  werden, 
ausser  wenn  man  zwei  Arten  des  Leidens  und  der  Veränderung  unterscheide : 
ttjv  ts  inl  rag  OTegrjTixäg  SiuUe'aeig  iieTußokrji'  xui  ttjv  tni  rag  e^eig  xa) 
ri]r  (fvaa:     Aehnlich  III,  5.  429,  b,  22  ff.  III,  7.  431,  a,  5. 

2)  A.  a.  0.  417,  b,  18:  xui  to  xut'  fvigysiav  [nio~ftuveo~&ut]  o~e  6/uoicog 
Myerui  rw   &eo)geiv  *   öuufegei    de,  ort   tov  fitv  tu  noitjTixu  rfjg  tvegyei'ug 

tl;(ü&£V,    TO    OQUTOV  U.  S.W.  UIT10V    J"    OTl    TWV    XU&*    exuo~Tov  r)  xcct'   iVfQyfKCr 

ctl'od-TjOig,  r]  d'  inißr^urj  rwJ'  xu&öloV  tuvtu  ()"  Iv  uvt\i  nwg  lau  in 
tyvyrj.  tfio  vofaut,  iaIv  in'  uvtw  otuv  ßovktjTui,  uia&üveo&ut  d'  ovx  in' 
uvto)'  uvuyxuiov  yug  vnünyeiv  tö  uIo9t]tov. 

3)  De  an.  III,  4.  430,  a,  2  (nach  dem  S.  192,  3  anzuführenden:  xui 
uinog  de  [6  vovg]  voi]T('jg  lariv  waneg  tu  vot\tÜ.  ini  [tev  yug  t<Zv  uvev 
v ' ).rtg  to  uvto  ton  to  voovv  xui  tg>  voovuevov'  r)  yug  imOTTJ/ut)  i)  d-eiügr^Tixt] 
xui  to  ovTcog  iniort^Tov  to  uvto  Iotiv.  Ebd.  III,  7  Anf.  to  d'  uvto  ianv 
r]  xcct'  Ivigyeiuv  imarrj/ur]  tw  noüyuuTi.  Metaph.  XII,  7.  1074,  b,  38: 
rj  in'  h'CoiV  r\  tm(iTr\^.r\  to  ngüy/uu;  ini  fiev  twv  noirjTtxciv  üvsv  vXn$ 
r)  ovoiu  xui  to  ti  rjv  eiVat  (hierüber  S.  247,  2  g.  E.  2.  Aufl.),  ini  de  tut 
&(U)QTjTix(iJv  6  köyog  to  nguyiiu  xui  tj  vör]aig. 

4)  Anal.  post.  II,  19.  100,  b,  8:  In  ei  de  ...  .  ovdev  iniaT^/Litjg  uxoi- 
ßiaitgov  uXXo  ye'vog  17  vovg,  ul  d'  ugyui  TÜir  unodei'&wv  yviogifimegai, 
eniOTri/ur)  d'  unuau  iura  ).uyov  iari,  tiov  ugyoiv  IntaTrj/ar]  /uer  ovx  av  thj. 
ine'i  d'  ovdev  akwftiOTtgov  Ivde'yerui  e'ivui  lnio~Tr)iir\g  r\  vovv,  vovg  ür  £&] 
twv  uq%ü)v  .  .  .  et  ovv  findlv  ukko  nug'  lniGTr\iir\v  ye'vog  eyofjev  uh}0h, 
vovg  uv  el'rj  tncGTrjjjtjg  ugyrj.  Eth.  VI,  6:  rfjg  ugyfjg  tov  IntaTijTov  <>ir 
uv  IniOTTjuii  e'i't]  ovrt  tfyvri  oi'rt  (pgövrjoig  ....  keinerui  vovv  ei'vui  tmv 
unyiov.  c.  7.  1141,  a,  17.  b,  2.  c.  9.  1142,  a,  25:  ö  /uev  yug  vovg  twv  ogo/9, 
tov  ovx  eort  löyog.  c.   12.    1143,  a.  35  (wozu  Trendelenburg  Histor.  Beirr. 


[135]  Entstehung  des  Wissens.  191 


11,375  fi".  Walter  Die  Lehre  v.  d.  prakt.  Vernunft  u.  s.  \v.  38  ff.  z.  vgl.): 
6  vovg  rwv  la%arwv  tn^  ducförtga'  xa)  ydo  rwr  ngtöriov  oqiov  xa)  roiv 
fa/äriov  vovg  tan  xa)  ov  loyog,  xa)  6  utr  xard  rag  dnoStiitig  rwr  axivr/- 
Tfov  bgior  xcä  7iQ(i)T(nv,  6  J"  lv  raig  ngaxrixatg  rov  laydrov  xai  tvätyo- 
fiivov  u.  s.  w.  (Hierüber  später,  S.  450.  503  ff.  2.  Auflage.)  Diese 
Erkenntniss  der  Priucipien  ist  ein  unmittelbares  (aueaov)  Wissen,  denn  die 
Principien  aller  Beweisführung  lassen  sich  nicht  wieder  beweisen  (Anal.  post. 
I,  2.  3.  72.  a,  7.  b,  18  ff.  c.  22.  84,  a,  30.  II,  9,  Anf.  c.  10.  94,  a.  9. 
Metaph.  IV,  4.  1006,  a,  6.  c.  6.  1011,  a,  13;  das  genauere  später).  Eben- 
desshalb  ist  sie  aber  auch  immer  wahr.  Denn  der  Irrthum  besteht  nur  in 
einer  falschen  Verknüpfung  von  Vorstellungen,  und  kann  desshalb  erst  im 
Satz,  in  der  Verbindung  des  Prädikats  mit  einem  Subjekt  vorkommen  (Kateg. 
4,  Schi.  De  interpr.  1.  16,  a,  12.  De  an.  III,  8.  432,  a,  11),  das  unmittel- 
bare Wissen  dagegen  hat  es  mit  reinen,  auf  kein  von  ihnen  selbst  ver- 
schiedenes Subjekt  bezüglichen  Begriffen  zu  thun,  die  man  nur  kennen  oder 
nicht  kenneu,  hinsichtlich  deren  man  sich  aber  nicht  täuschen  kann;  De  an. 
111,6,  Anf.:  r\  /jiv  ovv  rwv  adiaigiriov  vörjaig  lv  rovroig  ntgi  a  ovx  tan 
to  \ptvdog'  lv  oig  dt  xa)  rb  xjjtväog  xai  rb  dktj&tg,  ovv&toig  reg  ijörj 
rorj/uärojv  wg  iv  bvreov.  Ebd.  Schi.:  ian  rf'  jj  fttv  (fäotg  x\  xard  rivog, 
wantg  tj  xardcfaoig,  xa)  dXy&rjg  ?;  iptiö'rjg  ndaa'  o  dt  vovg  ov  näg:  dXV 
6  rov  ri  tan  xard  to  ti  r\v  tivai  dXrjSrjg,  xai  ov  t)  xard  nvog'  d).V 
Santo  to  öo«r  tov  Idiov  d).t]tttg,  ei  d  dvS-gconog  to  Xtvxbv  rj  ^mjj,  ovx 
dlrjöeg  dt),  ovrwg  'iyji  boa  ävev  vhjg.  Metaph.  IX,  10:  Inti  St  .  .  .  to  .  .  . 
ttlrj&eg  rj  rptvdog  .  .  .  tni  rdiv  ngayfiärwr  Im)  to>  ovyxtiofrai  »}  dirjotjod-ai 
.  .  .  7ro'r'  tariv  ri  ovx  tan  to  dlq&tg  Xtyofxtvov  rj  ifjtvdog,  ....  nto)  dt 
di)  rd  dovv&tra  ti  to  tivui  rj  firj  tivai  xa)  to  dXtjfrtg  xai  to  ifjtvdog; 
.  .  ■  r\  (Santo  ovdt  to  dXt)&kg  In)  rovrwv  to  avru,  ovrojg  ovdt  to  tivai, 
dl).'  tan  to  fxlv  dXq&tg  to  dt  i'jtvdog,  to  fxtv  &iytiv  xa)  .(fävac  uXr^tg 
.  .  .  tö  J'  dyvotiv  fii)  S-iyyareiv'  dnarri&rjvai  yaq  ntoi  to  ti  tariv  ovx 
tariv  d)J.'  tj  xard  avfxßtßrjxog  .  .  .  boa  dr\  tanv  öntg  tivai  ti  xai  tvtoytiq, 
ntoi  TavTa  ovx  tariv  vnarrj&ijvai  d).).'  tj  votiv  t]  ui]  .  .  .  to  dt  dkrj^tg  to 
rotiv  avrä'  rb  dt  \ptvfiog  ovx  tariv,  ovä^  dndr7],  d).V  ayvoia.  Nach 
diesen  Stellen  würden  wir  auch  unter  den  noordatig  afitOoi,  welche  die 
letzten  Principien  ausdrücken  (Anal.  post.  I,  2.  23.  33.  72,  a,  7.  84,  b,  39. 
88,  b,  36),  nur  solche  Sätze  verstehen  dürfen,  in  denen  das  Prädikat  im 
Subjekt  schon  enthalten  ist,  nicht  solche,  in  denen  es  zu  einem  von  ihm 
verschiedenen  Subjekt  hinzutritt,  also  analytische  Urtheile  a  priori.  Ebenso 
ist  der  boia/ubg  röiv  dutaov  (ebd.  II,  10.  94,  a,  9)  eine  d-taig  rov  r(  tariv 
dvanöötiXTog,  worin  nichts  über  das  Sein  oder  Nichtsein  eines  Begriffs  oder 
seine  Verbindung  mit  gewissen  Subjekten  ausgesagt  wird.  Wenn  endlich 
Metaph.  IV,  3  f.  1005,  b,  11.  1006,  a,  3  der  Satz  des  Widerspruchs  als  die 
ßtßaiordrrj  doyr\  naoiov  ntoi  rjv  diaiptvo&rjvai  uSvvarov  bezeichnet  wird, 
so  handelt  es  sich  auch  in  diesem  nur  um  den  Grundsatz  aller  analytischen 
Urtheile,  die  formelle  Identität  jedes  Begriffs  mit   sich  selbst. 


192  Aristoteles.  [136.   137] 

zeichnet J)  |  und  es  kann  von  dem  Denkvermögen  gesagt  wer- 
den, dass  es  an  sich  alles  Denkbare  sei 2).  Aber  zum  wirk- 
lichen Wissen  kann  dieser  Inhalt  erst  in  der  Erkenn tnissthätig- 
keit  selbst  werden;  es  bleibt  also  nur  übrig,  dass  er  vor  |  der- 
selben blos  der  Möglichkeit  und  der  Anlage  nach  in  der  Seele 
sei;  und  diess  ist  er,  sofern  sie  die  Fähigkeit  hat,  ihre  Begriffe 
selbstthätig  aus  sich  zu  bilden3). 

Durch  diese  ganze  Lehre  zieht  sich    aber   freilich  eine   Un- 
klarheit hindurch,    deren   Gründe   wir   zwar   aufzeigen,    die   wir 


1)  De  an.  III,  4.  429,  a,  27:  xcu  tv  drj  oi  XfyovTtg  Tt]v  xpv/rjv  tlvca 
tottov  eldwv  (Plato,  s.  Abth.  1,  696,  4\  tzXtjv  ön  oine  oXrj  alV  rj  vorjTtxr], 
ovts  ivTe).t%e(a.  dXXa  dwäuei  t«   tidtj. 

2)  De  an.  III,  8,  Anf. :  vvv  de  7ieQt  ipvxrjg  tu  Xex&e'vra  avyxeifciluiM- 
üavreg  efnwuev  nciXiv  uti  f\   \pv%i]  t«  ovra  nwg  Ion  ncivTcc.  rj  yc<Q  ctlaxhrjTct 

Ttt    OVttt  Tj  VOT)TC(,    f-OTl    J'    T]    ^7IlOT^UT]    UfV    TCt    lniO~Tr\TCl    7TWJ,    T\    (5"     Ctt'0#T)Oig 

Tic  uloSriTÜ.     (Vgl.  II,  5,  Schi.  III,  7,  Anf.) 

3)  De  an.  III,  4.  429,  a,  15:  anctS-tg  kqcc  Sei  elvcu  ^der  Nus  muss,  ehe 
er  die  Einwirkung  des  vor\xbv  erfährt,  ohne  nc't&og  sein;  vgl.  Bonitz  Ind. 
ar.  72,  a,  36  ff.),  SexTixov  de  tov  Sid'ovg  xcu  Svvau.it  xoioviov  [sc.  oiov 
i6  eidog  ccXXa  /ur]  tovto,  xcu  ouoitog  kxeiv,  dioneq  rb  cda'irjj txbv  nQug  ttt 
ceta$r]TC(,  ovtco  tov  vovv  nobg  tcc  voyjtÜ  .  .  .  b  leget  xctXovuevog  rijg  tpv%ys 
vovg  .  .  .  ov&e'v  Igtiv  Iveqyeiu  tiov  ovtov  ttqiv  voeTv  .  .  .  xai  ev  drj  u.  s.  f. 
(s.  o.  Anm.  1\  Ebd.  b,  30:  övvc'cuei  nwg  £oti  tu  voijtc'c  b  vovg,  uXX' 
£vTe).e/ei(<  ovd'ev,  7iQiv  uv  i'ofj.  d'tt  <?'  oi>Tiog  toGnet)  iv  yoccuuctTsüo  (o  ur]&ev 
i>7ic'cgx6i  ivTeXe/eCu  ytyQKf.iut'vov.  bneo  av/ußnivci  tni  tov  vov.  Hier  (b,  5) 
und  II,  5.  417,  a,  ±1  ff.  wird  dann  noch  genauer  zwischen  einer  doppelten 
Bedeutung  des  öuväfiti  unterschieden:  divct/uei  tniarrjucoi'  kann  man  nicht 
allein  denjenigen  nennen,  welcher  noch  nichts  gelernt  hat,  aber  die  Anlage 
besitzt,  etwas  zu  lernen,  sondern  auch  den,  welcher  etwas  weiss,  aber  sich 
dieses  Wissen  in  einem  gegebenen  Zeitpunkt  nicht  in  wirklicher  Betrachtung 
vergegenwärtigt.  Nach  der  letzteren  Analogie  hatte  sich  Plato  das  angeborene 
Wissen  gedacht,  Aristoteles  denkt  es  sich  nach  der  erstem,  und  eben  diess 
soll  auch  die  Vergleichung  der  Seele  mit  dem  unbeschriebenen  Buch  aus- 
drücken ;  wogegen  es  ein  Missverständniss  war,  wenn  diese  Vergleichung  im 
Sinne  des  späteren  Sensualismus  verstanden  wurde.  (,'Vgl.  Hegel  Gesch.  d. 
Phil.  II,  3-12  f  Tbekdelekburg  /..  d.  St.  S.  485  f.)  Arist.  will  damit  nur 
den  Unterschied  des  övvciuei  und  iveoyetfi  erläutern;  in  welcher  Weise  das 
potentielle  Wissen  zu  einem  wirklichen  wird,  gibt  er  hier  nicht  näher  an; 
nach  dem  vorhergehenden  (429,  a,  15)  sind  es  aber  nicht  die  ccIo&tjtÜ, 
sondern  die  votjtc),  durch  deren  Einwirkung  die  an  sich  leere  Tafel  des  vorg 
beschrieben  wird,  wir  haben  es  also  mit  einer  vom  Sensualismus  weit  ab- 
liegenden  Ansicht  zu  thun. 


Das  unmittelbare  Erkennen.  ]93 

aber  nicht  beseitigen  können,  ohne  den  eigenen  Erklärungen  des 
Philosophen  Gewalt  anzuthun.  Einerseits  bestreitet  Aristoteles 
die  Möglichkeit  eines  angeborenen  Wissens  und  behauptet,  alle 
unsere  Begriffe  entspringen  aus  der  Wahrnehmung l) ;  anderer- 
seits spricht  er  von  einem  unmittelbaren  Erkennen  derjenigen 
Wahrheiten,  von  denen  alle  anderen  abhängen  2),  und  lässt  alle 
Erkenntnisse,  die  wir  im  Lauf  unseres  Lebens  gewinnen,  der  Anlage 
nach  von  Anfang  an  in  der  Seele  liegen3).  Das  letztere  wird 
nun  allerdings  nicht  so  zu  verstehen  sein,  als  ob  die  Seele  jene 
Erkenntnisse  ihrem  Inhalt  nach  vor  aller  Erfahrung  in  sich 
trüge  und  durch  die  Erfalrrung  nur  veranlasst  würde,  sie  sich 
zum  Bewusstsein  zu  bringen 4).  Denn  damit  kämen  wir  auf 
die  von    Aristoteles    so    entschieden    verworfene    Annahme    an- 


1)  Vgl.   S.   188  f.  197  f. 

2)  S.   190,  4. 

3)  S.  189.   3.  190,  2.  192,  1.  2. 

4)  Auch  die  oben  angeführten  Stellen  sind  wir  nicht  genöthigt  so  auf- 
zufassen. Wenn  vielmehr  De  an.  III,  8  (S.  192,  2)  gesagt  wird,  die  Seele 
sei  gewissermassen  alles,  wird  diess  doch  sofort  (431,  b,  28)  dahin  erläutert: 
drüyxrj  tf'  y  avrä  rj  tu  sidr]  tivai.  avra  ulv  yao  dr]  oh'  ov  yug  6  Xi&og 
iv  tjj  xfjv%rj,  uXXot  to  (Mos'  (oars  r)  xpi'/i]  waneq  r)  ^eio  tartv'  xal  yao  t) 
yt'io  ogyavov  tanv  opyavoiv,  xal  6  vovg  siöog  (löcöv  xal  r)  aiod-rjGig  tldog 
(rfo&riTwv.  Da  die  Hand  die  Werkzeuge  zwar  bildet  und  gebraucht,  aber 
sie  doch  nur  aus  gegebenen  Stoffen  bilden  kann,  führt  diese  Vergleichung 
nicht  über  den  Gedanken  hinaus,  dass  die  Seele  alles  sei,  sofern  sie  die 
Formen  (oder  Bilder)  aller  Dinge  in  sich  zu  haben  fähig  ist.  Dass  sie  diese 
aus  sich  selbst  erzeuge,  wird  nicht  gesagt;  wie  vielmehr  das  Wahrnehmungs- 
vermögen desshalb  t?dog  aia&t]T(vv  genannt  wird,  weil  es  die  Formen  der 
«to&TjTit  in  sich  aufnimmt,  kann  auch  der  vovg  in  dem  gleichen  Sinn 
eidog  tidwv  heissen,  sofern  er  das  Vermögen  ist,  die  unsinnlichen  Formen 
aufzunehmen;  und  dasselbe  kann  der  jonog  fidür  (S.  192,  1)  bedeuten. 
Dass  ferner  die  allgemeinen  Begriffe  in  der  Seele  selbst  seien  (S.  190,  2), 
wird  De  an.  II,  5  im  Zusammenhang  einer  Erörterung  bemerkt,  welche  den 
Fortgang  vom  Wahrnehmungsvermögen  zum  wirklichen  Wahrnehmen  am 
Beispiel  des  Fortgangs  von  der  inioT^ur]  zum  Ü-ewgttv  erläutert  (S.  417,  b,  5: 
Ötwqovv  yug  ytyverai  to  i%ov  tt)v  iTrtaTrjurjv)]  auf  die  erste  Entstehung 
des  Wissens  bezieht  es  sich  nicht.     Findet  es  endlich  Arist.  Anal.  post.  II,  19 

S.  190,  4)  undenkbar,  dass  wir  zur  Kenntniss  der  höchsten  Principien 
kommen  sollten,  ohne  vorher  schon  ein  Wissen  zu  besitzen,  so  sucht  er 
•loch  dieses  vorgängige  Wissen  hier  nicht  in  Gedanken,  welche  der  Seele 
vor  aller  Erfahrung  inwohnen,  sondern  in  der  Induktion.  Vgl.  S.  175  f. 
*    Aufl. 

Zell  er.   Philos.  d.  Gr.  II.  Bd.  2.  Abth.  3.  Aufl.  13 


194  Aristoteles. 

geborener  Ideen  zurück  1).  Ebensowenig  darf  man  aber  unsern 
Philosophen  zum  reinen  Empiriker  machen,  und  ihm  die  An- 
sicht beilegen,  dass  das  Allgemeine  „ohne  alle  Einschränkung 
der  Seele  aus  der  Aussen  weit  zukomme"  2).  Wäre  diess  seine 
Meinung,  so  könnte  er  unmöglich  die  höchsten  Begriffe,  die 
Principien  alles  Wissens,  von  jenem  unmittelbaren  Erkennen 
herleiten,  durch  das  sich  der  Nus  von  allen  andern  Formen  der 
Denkthätigkeit  unterscheiden  soll3);  denn  Begriffe,  welche  wir 
erst  durch  das  Aufsteigen  von  dem  Einzelsten  zum  Allgemein- 
sten, durch  eine  lange  Reihe  sich  wiederholender  Abstraktionen 
gewinnen,  sind  nicht  die  Frucht  eines  unmittelbaren,  sondern 
des  allervermitteltsten  Erkennens.  So  gewiss  er  vielmehr  an- 
nimmt, dass  unsere  Erkenntnissthätigkeit  thatsächlich  diesen 
Weg  nehme,  um  zu  den  Principien  zu  gelangen,  so  wenig  kann 
er  doch  die  Gedanken,  in  denen  uns  die  Principien  zum  Be- 
wusstsein  kommen,  für  den  blossen  Niederschlag  einer  stufen- 
weise geläuterten  Erfahrung,  den  Akt,  durch  den  wir  sie  bilden, 
blos  für  die  letzte  von  den  aufeinanderfolgenden  Verallgemeine- 
rungen gehalten  haben,  deren  Stoff  durch  die  Erfahrung  geliefert 
werde.  Jede  von  diesen  Verallgemeinerungen  besteht  ja  in  einem 
Induktionsschluss4),  dessen  Ergebniss  nur  in  einem  Urtheil,  dem 
Schlussatz,  ausgesprochen  werden  kann,  ebendesshalb  aber,  wie 
jedes  Urtheil,  entweder  wahr  oder  falsch  ist;  die  Erkenntniss- 
thätigkeit des  Nus  dagegen  soll  sich  von  allem  vermittelten  Er- 
kennen unterscheiden,  und  was  wir  ihr  zu  verdanken  haben, 
sollen  nicht  Urtheile  sein,  sondern  Begriffe;  daher  auch  nicht 
solches,  das  wahr  oder  falsch  sein  kann,  sondern  solches,  das 
immer  wahr  ist,  das  man  wohl  haben  oder  nicht  haben,  hin- 
sichtlich dessen  man  sich  aber,  wenn  man  es  einmal  hat,  nicht 
täuschen  kann 5).     Da  ferner  alle  Induktion   von   der  Wahrneh- 


1)  Wie  Kampe  die  Erkenutnisstheorie  d.  Arist.  S.  192  nicht  ohne  Grund 
einwendet;  Metaph.  I,  9.  993,  a,  7  ff.  durfte  er  freilich  nicht  dafür  anführen. 

2)  Kampe  a.  a.  ().,  womit  sich  aher  schlecht  verträgt,  dass  doch  zugleich 
(S.  194)  die  wahrste,  für  alles  Wissen  grundlegende  Erkenntniss  auf  „das 
von  Wissen  und  Meinen  wesentlich  verschiedene  intuitive  Denken"  zurück- 
geführt wird. 

3)  Vgl.  S.   190,  4. 

4)  Worüber  S.   167   f.  2.  Aufl.  # 

5)  Vgl.  S.  190,  4. 


Das  unmittelbare  Erkennen.  195 

niung  ausgeht,  und  diese  sich  auf  Sinnliches,  aus  Form  und 
Stoff  zusammengesetztes  bezieht,  von  dem  Stoff  aber  immer  die 
Zufälligkeit,  die  Möglichkeit  des  Seins  und  Nichtseins,  unzer- 
trennlich ist 1),  so  Hesse  sich  durch  sie  allein  niemals  zu  einem 
unbedingt  Noth wendigen  kommen ;  denn  Begriffe,  die  ausschliess- 
lich auf  der  Erfahrung  beruhen,  können  keine  höhere  Gewiss- 
heit haben,  als  die  Erfahrungen,  auf  denen  sie  beruhen.  Von 
der  Erkenntniss  der  Principien  dagegen  behauptet  Aristoteles, 
sie  sei  die  allergewisseste 2) ;  und  als  Princip  lässt  er  nur  das 
Nothwendige  gelten3).  Jenes  unmittelbare  Ei'kennen  wird  da- 
her nur  eine  Anschauung,  und  im  Unterschied  von  der  sinn- 
lichen Wahrnehmung  nur  eine  geistige  Anschauung  sein  können. 
Da  aber  doch  der  menschliche  Geist  die  Begriffe  nicht  als  an- 
geborene in  sich  hat,  wird  auch  die  Anschauung,  durch  die  er 
sie  findet,  nicht  in  einer  Selbstanschauung,  einem  Akt  der  Selbst- 
beobachtung bestehen,  durch  den  er  sich  der  Principien  als  einer 
vorher  schon  in  ihm  hegenden  Wahrheit  bewusst  würde4);  son- 
dern darin,  dass  gewisse  Gedanken  und  Begriffe  jetzt  erst  durch 
eine  Einwirkung  des  Gedachten  auf  den  denkenden  Geist  in 
ähnlicher  Weise  entstehen,  wie  die  Wahrnehmung  durch  eine 
Einwirkung  des  Wahrgenommenen  auf  das  Wahrnehmende  ent- 
steht. Und  an  diese  Analogie  hält  sich  Aristoteles  wirklich, 
wenn  er  sagt,  der  Nus  verhalte  sich  zum  Denkbaren,  wie  der 
Sinn  zum  Wahrnehmbaren5);  er  erkenne  das  Denkbare,  indem 
er  sich  mit  demselben  berühre 6) ;   und   wie    die   Wahrnehmimg 


1)  Hierüber  S.  238,  5.  253,  5  2.  Aufl. 

2)  Anal.  post.  I,  2.  71,  b,   19.   72,  a,   25   ff.  II,   19.   100,  b,  9. 

3)  Anal.  post.  I,  6  Anf. 

4)  Wie  meine  2.  Aufl.  S.   135  annahm. 

5)  De  an.  III,  4.  429,  a,   15  s.  S.   192,  3. 

6)  Metaph.  IX,  10.  1051,  b,  24  (s.  o.  S.  191  m):  bei  der  Erkenntniss  der 
äavv&STa  ist  to  [itv  &iysiv  xal  (fdvcci  alrjtti;  .  .  .  to  <T  ayvotTr  ut: 
&iyydvtcv.  XII,  7.  1072,  b,  20:  avrbv  St  voei  6  vovg  (der  göttliche  Nus) 
xara  fitiulrirpiv  tov  totjtov'  (indem  er  sich  selbst  als  ein  votjtov  ergreift.) 
iot}Tog  yaQ  yiyvi.xai  &iyyaV(ov  xal  votüv.  Ohne  Zweifel  in  Erinnerung  an 
die  erste  von  diesen  Stellen  sagt  auch  Theophrast  Fr.  12  (Metaph.),  25: 
Bis  zu  einem  gewissen  Grade  vermögen  wir,  von  den  Wahrnehmungen  aus- 
gehend, die  Dinge  aus  ihren  Ursachen  zu  erklären,  orav  J*  in'  avrcc  tu 
(txQa  /ueTccßaivtousv  ovxixi  duväfie&a,  sei  es,  weil  diese  keine  Ursachen 
haben,  sei  es  weil  unser  Auge    in   das  volle  Licht   zu  sehen  nicht  vermöge. 

13* 


1QÖ  Aristoteles. 

als  solche  immer  wahr  sei,  so  sei  es  auch  das  Denken,  sofern 
es  sich  auf  die  Begriffe  als  solche  beziehe 1).  Erhalten  wir  aber 
auch  dadurch  eine  Theorie,  welche  in  ihren  nächsten  Bestim- 
mungen verständlich  und  in  sich  einstimmig  ist,  so  bleibt  doch 
die  Frage  ganz  unbeantwortet,  was  wir  uns  eigentlich  unter 
dem  zu  denken  haben,  durch  dessen  Anschauung  Avir  die  Prin- 
cipien  alles  vermittelten  Wissens,  die  allgemeinsten  Begriffe  und 
Grundsätze  gewinnen;  welches  Sein  ihm  an  sich  zukommt,  und 
in  welcher  Weise  es  auf  unsern  Geist  wirkt;  welcher  Art  end- 
lich die  Principien  sind,  die  wir  auf  diesem  Weg  erhalten:  ob 
sie  nur  die  formalen  Gesetze  des  Denkens  ausdrücken,  wie  diess 
bei  dem  Satze  des  Widerspruchs  der  Fall  ist,  oder  ob  uns  auch 
metaphysische  Begriffe,  wie  der  des  Seins,  der  Ursache,  der 
Gottheit,  auf  diesem  Wege  gegeben  werden.  In  der  Consequenz 
der  aristotelischen  Theorie  würde  diess  vielleicht  liegen;  aber 
wir  näherten  uns  damit  auf  bedenkliche  Weise  der  platonischen 
Lehre  von  der  Anschauung  der  Ideen;  nur  dass  ebenso,  wie  die 
„Formen"  den  Dingen  nicht  jenseitig  sein  sollen  (s.  u.),  auch 
ihre  Anschauung  aus  einem  jenseitigen  Leben  in  das  gegen- 
wärtige verlegt  wäre.  Den  letzten  Grund  dieser  Unklarheit 
werden  wir  aber  darin  zu  suchen  haben,  dass  der  Philosoph, 
wie  sich  noch  zeigen  wird,  von  der  platonischen  Hypostasirung  der 
Begriffe  sich  nur  zur  Hälfte  befreit  hat.  Die  Formen  haben  für 
ihn,  wie  die  Ideen  für  Plato,  als  Bedingung  der  Einzeldinge 
eine  eigene  metaphysische  Existenz,  und  so  eingehend  er  das 
allmähliche  Hervorwachsen  der  Begriffe  aus  der  Erfahrung  zu 
verfolgen  weiss,  Averden  diese  schliesslich  doch  wieder,  wenigstens 
da,  avo  sie  sich  am  Aveitesten  von  der  unmittelbaren  Erfahrung 
entfernen,  aus  einem  logischen  Erzeugniss  des  menschlichen 
Denkens  zum  unmittelbaren  Abbild  einer  übersinnlichen  Welt 
und  als  solches  zum  Gegenstand  einer  intellektuellen  An- 
schauung. 

Hatte  aber  schon  Plato  das  Bild  der  Ideen,  das  in  uns 
schlummert,  erst  an  der  sinnlichen  Anschauung  zur  wirklichen 
Erinnerung  envachen,    das   geistige  Auge    erst   nach    vielfacher 

T('/(C    (?'     i 

ttxpau^vw. 


1         ,  , 

r«yu  d     ixÜVO    cclrj&tOTiQGi'    log    aviin   toj    Vit)    rj    dfcooia   Siyovrt    xai   oiov 


De  an.  III,  0  Schi.  s.  o.   S.   19?  m. 


[138]  Das  unmittelbare  Erkenne  n.  ]97 

Vorbereitimg  an  das  Licht  der  Idee  sich  gewöhnen  lassen,  so 
betrachtet  es  Aristoteles  vollends  als  selbstverständlich,  dass  wir 
am  Anfang  unserer  geistigen  Entwicklung  von  dem  Wissen, 
welches  ihr  Ziel  bildet,  noch  am  weitesten  entfernt  sind;  dass 
mithin  die  Erhebung  zum  Wissen  nur  in  einer  stufenweisen  An- 
näherung an  dieses  Ziel,  einer  zunehmenden  Vertiefung  unserer 
Erkenntniss,  im  Fortgang  vom  Besonderen  zum  Allgemeinen, 
von  der  Erscheinung  zum  Wesen,  von  den  Wirkungen  zu  den 
Ursachen,  bestehen  kann.  Das  Wissen,  welches  uns  weder  als 
ein  fertiges  |  gegeben  ist,  noch  aus  einem  höheren  abgeleitet 
werden  kann,  muss  aus  dem  niedrigeren,  aus  der  Wahrnehmung, 
hervorgehen  1).  Die  zeitliche  Entwicklung  unserer  Vorstellungen 
steht  daher  mit  ilu'er  begrifflichen  Abfolge  im  umgekehrten  Ver- 
hältniss:  was  an  sich  das  erste  ist,  ist  für  uns  das  letzte;  wäh- 
rend seiner  Natur  nach  das  Allgemeine  grössere  Gewissheit  hat. 
als  das  Einzelne,  das  Princip  grössere,  als  das,  was  daraus  folgt, 
so  hat  für  uns  das  Einzelne  und  Sinnliche  grössere  Gewissheit 2), 


1)  Anal.  post.  II,  19.  100,  a,  10:  ovts  ötj  tvinüp/ovotr  äqojQiGfihat 
ai  e&is  (s.  o.  189,  3),  oi/'r'  an  äklwv  ei-etov  ytvovxai  yrojGTixcuTt'gojv. 
c\).V   unb  cüad-riOttog. 

2)  Anal.  post.  I,  2.  71  ,  b,  33:  nooTtgu  J"  fori  xal  yi>a>Qi{xo)Tsga 
dixäi;'  ov  yag  tuvtov  ngöregov  rrj  (pvöec  xal  ngbg  rjfAÜg  ngoTSgov  ovdt 
yru>oiu(ÖT(Qov  xal  r)uiv  yvwgi^iwTfgoV  X4y<o  di  ngbg  r)fxüg  fitv  ngorsgu 
xal    yvogiuchtgu    t«    h/yvTfgov    Trjg    cdG&rjGS'og,   änlw;    dt    ngörsgu  xal 

yi'WQlUWTtQU    TU    7lOOOO)T(OOV  (Ort   df    7ro(JO0)TCCT(O   jUtV   TCC  XU&ÖloV  fxällGTU, 

lyyvräjta  dt  tu  xu'i1  'ixaara.  Phys.  I,  1.  184,  a,  16:  nscfvxt  de  Ix  tojv 
yvo)oi/u(OT('oo)V  Tjutv  t\  bSbg  xal  GacfSGTf'gcov  inl  ra  Ga(ptGT(ga  t>j  (fi/aei 
xal  yv(aqi[i.h)T£QU'  ov  yüg  tuvtu  rifiTv  Tt  yvwgt/ua  xal  anköig.  I,  5,  Schi. 
Vgl.  Metaph.  I,  2.  982,  a,  23."_V,  11.  1018,  b,  29  ff.  VII,  4.  1029,  b,  4  ff.  IX,  8. 
1050,  a.  4.  Top.  VI,  4.  141,  b,  3.  22.  De  an.  II,  2,  Anf.  III,  7,  Anf.  Eth. 
I,  2.  1095,  b,  2.  (Noch  stärker,  aber  mehr  an~  Plato,  Rep.  VII,  Anf., 
als  an  Aristoteles  erinnernd,  drückt  sich  Metaph.  II,  1.  993,  b,  9  aus.)  Nur 
scheinbar  widerspricht  diesem,  dass  Phys.  I,  1  fortgefahren  wird:  eari  <?' 
i]uir  ngonov  örjXu  xal  oaqij  ra  avyxf/vfii'va  jxäXlov'  vartoor  tT  t/. 
TüVTotv  yCverai  yvoigiua  tu  GTovytia  xal  al  agyal  dtaigoÜGi  tuvtu.  Sib 
ix  tojv  xaO-ökov  tnl  ra  xad'  exaora  ött  nooUvat.  rb  yag  olov  xarä  Tryv 
aia&Tjaiv  yiwoi/ucoTfQov,  to  6h  xa&6Xov  olov  ri  Igtiv  '  no).).a  yag  negi- 
kafißavtt  v>s  ut'gt,  rb  xu&ölov.  Denn  (wie  auch  Trendelenbcrg  z.  Arist. 
De  an.  S.  338.  Ritteu  III,  105  u.  a.  bemerken)  es  handelt  sich  hier  nicht 
von  dem  logisch,  sondern  von  dem  sinnlich  Allgemeinen,  der  noch 
unbestimmten  Vorstellung  eines  Gegenstandes,   wie  wir  z.  B.   die  Vorstellung 


198  Aristoteles.  [138.   139] 

und  es  ist  uns  aus  diesem  Grunde  diejenige  Beweisführung  ein- 
leuchtender, welche  vom  Einzelnen,  als  die,  welche  vom  Allge- 
meinen ausgeht1). 

Die  Art  aber,  wie  sich  aus  der  Anlage  zum  Wissen  ein 
wirkliches  Wissen  entwickelt,  ist  diese.  Das  erste  ist  immer, 
wie  bemerkt,  die  sinnliche  Wahrnehmung.  Ohne  sie  ist  kein 
Denken  möglich2);  wem  ein  Sinnesorgan  fehlt,  dem  fehlt  noth- 
wendig  auch  das  entsprechende  Wissen,  denn  die  allgemeinen 
Grundsätze  jeder  |  Wissenschaft  lassen  sich  nur  durch  Induktion 
rinden,  die  Induktion  aber  beruht  auf  der  Wahrnehmung3). 
Die  Wahrnehmung  hat  nun  zunächst  das  Einzelne  zum  Inhalt 4) ; 
sofern  jedoch  im  Einzelnen  immer  auch  das  Allgemeine  ent- 
halten ist,  wenn  auch  noch  nicht  für  sich  abgelöst,  so  richtet  sie 
sich  mittelbar  auch  auf  dieses5).  Oder  genauer:  was  die  Sinne 
wahrnehmen  ist  nicht  die  Einzelsubstanz  als  solche,  sondern  im- 
mer nur  gewisse  Eigenschaften  derselben;  diese  aber  verhalten 
sich  zur  Einzelsubstanz  selbst  bereits  wie  das  Allgemeine,  sie 
sind  nicht  ein  „Dieses"  (xode),  sondern  ein  „Solches"  (roiovds); 
wiewohl  sie  daher  in  der  Wahrnehmung  nie  unter  der  Form 
der  Allgemeinheit,  sondern  immer  nur  an  einem  Diesen,  in  einer 
individuellen  Bestimmtheit  angeschaut  werden,  so  sind  sie  doch 
an  sich  ein  Allgemeines,  und  es  kann  sich  aus  ihrer  Wahrneh- 
mung  der   Gedanke  des  Allgemeinen   entwickeln").     Diess  ge- 


eines  Körpers  früher  haben,  als  wir  seine  Bestandteile  deutlich  unterschei- 
den. An  sich  sind  aber  immer  die  einfachen  Elemente  früher,  als  das,  was 
aus  ihnen  zusammengesetzt  ist;  De  coelo  II,  3.  286,  b,  16.  Metaph.  XIII.  2. 
1076,  b,   18.  c.  3.  1D78,  a,  9. 

1)  Anal.  pr.  II,  23,  Schi.:  qvan  utv  ovv  ngortoog  xtu  yvw^ifiwTtQog 
6  tft«  lov  /xiaov  ovMoyiO/uog,  rjufv  ö'  IvaoytOTtoog  6   tft«  rfjg  i7mywyijg. 

2)  De  an.  III,  8.  432,  a,  4  (s.  o.  188,  3).  De  sensu  c.  6.  445,  b,  16: 
ovöi   voti  o  vovg   tu   txrog  iur)  /uti'  alo&>\at<og  orra. 

3)  An.  post.  I,   18. 

4)  An.  post.  I,  18.  81,  b,  6:  tvJv  *«#'  'ixaarov  f]  cao&t]Oig.  Dasselbe 
oft,  z.  B.  An.  post.  I,  2  (s.  o.  197,  2).  c.  31  (s.  Anm.  6).  Phys.  I,  5  Schi. 
De  an.  III,  5.  417,  b,  22.  27.    Metaph.  I,  1.  981,  a,   15. 

5)  De  an.  III,  8,  s.  S.   188,  3. 

6)  An.  post.  I,  31,  Anf. :  ovöt  dV  alo&rjouog  tarcv  iniaraa&ai.  ei  y«? 
xiu  tOTiv  rj  <uo&T]Oig  ror  Totovöe  xal  jat)  lovdi  Tivog  (nur  das  ioos 
aber  ist  Einzelsubstanz:  ovdtv  orjfiahti  tüjv  xoivy  xuiTjyoQOv^vwr  rödf  « 
dkka  70i6v6t,  Metaph.  VII,  13.  1039,  a,  1;  weiteres  unten),  a)X  «lo&<ivfo()c<( 


[139  Entstehung  des  Wissens.  199 

schieht  nun  so:  schon  in  der  sinnlichen  Wahrnehmung  selbst 
werden  die  einzelnen  sinnlichen  Eigenschaften,  also  die  relativ 
allgemeinen  Bestimmungen,  welche  der  Einzelsubstanz  anhaften, 
unterschieden  J) ;  aus  der  Wahrnehmung  erzeugt  sich  sofort  mit- 
telst des  Gedächtnisses  ein  allgemeines  Bild,  indem  dasjenige 
festgehalten  wird,  was  sich  in  vielen  Wahrnehmungen  gleich- 
massig  wiederholt,  und  es  entsteht  so  zunächst  die  Erfahrung, 
weiterhin,  wenn  viele  Erfahrungen  zu  |  allgemeinen  Sätzen  zu- 
sammengefasst  werden ,   die  Kunst  und  die   Wissenschaft 2) ;   bis 

yt  uruyxulov  ro6i  ti  xul  nov  xul  viv.  to  ök  xu&oXov  xcu  inl  ttccoit 
aSivaJOV  uio&üvto&ut.  ov  yug  Tods  oidt  vvv  ov  yuo  av  r\v  xu-'loXov  .  .  . 
intl  ovv  ul  utv  uTTodd^fig  xu&ölov,  xavra  d'  ovx  sotiv  ala&tivea&ai, 
q-avtobv  ort,  oi'iT  inlaTctad-fu,  dt'  ctla&)]otwg  tariv.  II,  19.  100,  a,  17: 
ul  o&(iv(T  ui  ptv  to  xic&'  fxctOTov,  rj  (T  uio&rjGig  tov  xu&oXov  iglv, 
olov  uv •') oom ov,  uXX'  ov  KuXXiu  dvftgwnov  (die  Wahrnehmung  hat  zwar 
ein  bestimmtes  Individuum,  Kallias,  zu  ihrem  unmittelbaren  Gegenstand; 
aber  was  sie  uns  liefert,  ist  das  Bild  eines  Menschen  mit  diesen  bestimmten 
Eigenschatten,  dass  dieser  Mensch  Kallias  ist,  hat  auf  ihren  Inhalt  keinen 
Einfluss).  Vgl.  weiter  De  an.  II,  12.  424,  a,  21  ff.  Phys.  I,  5.  189,  a,  5. 
Die  Uebereinstimm#ng  dieser  Stellen  mit  der  sonstigen  Lehre  des  Aristo- 
teles, deren  Herstellung  noch  Heydek  (Vergl.  der  Aristotel.  und  Hegel'scheD 
Dialektik  I,  160  ff.)  zu  viel  zu  schaffen  macht,  wird  das  im  Text  gesagte 
ilarthun.  Auch  Metaph.  XIII,  10.  1087,  a,  15  ff.  steht  mit  derselben  nicht 
wie  Kampe  (Erkenntnissth.  d.  Ar.  85)  glaubt,  im  Widerspruch.  Das  Wissen 
als  dvvuutg,  heisst  es  hier,  sei  tov  xud-oXov  xcu  clooiarov,  jj  t)'  ivtoyeiu 
iLoioiiivi]  xul  ojoia/ui'vov  Tods  ti  ovau  ToDd?  Tivog.  Damit  ist  aber  doch 
nur  gesagt:  die  .Anlage  zum  Wissen  gehe  auf  das  Erkennbare  überhaupt, 
jedes  wirkliche  Erkennen  dagegen  sei  Erkennen  eines  bestimmten  Gegen- 
standes; ob  dieser  Gegenstand  ein  Einzelding  oder  ein  allgemeiner  Begriff 
ist,  kommt  nicht  in  Betracht.  Das  xud-öXov  bezeichnet  hier  das  Unbe- 
stimmte; vgl.  XII,  4.  1070,  a,  32.  gen.  an.  II,  8.  748,  a,  7.  Eth.  II,  7. 
1107,  a,  29. 

1)  De  an.  III,  2.  426,  b,  8  ff.  Daher  wird  die  ai'a&Tjais  An.  post.  II 
19.  99,  b,  35  vgl.  De  an.  III,  3.  428,  a,  4.  c.  9,  Anf.  eine  dviapig  avuqvTog 
xoiTixi]  genannt. 

2)  Anal.  post.  II,  19.  100,  a,  2:  ix  Ltiv  oiv  luo&rjatojg  yivtTiu  ^v^ur], 
öioTifo  )Jyoutv,  ix  dt  uvrjur)g  noXXüxig  tov  uinov  yivouivtjg  ifjndQi'u.  ul 
yuo  noXXul  fivTJ/uui  to)  ctQi&juo)  iunuQiu  uiu  iariv.  ix  (T  iftntiQiug  fj  ix 
navTÖg  rjQtiirjoaVTog  tov  xu&6Xov  iv  rj)  i/'i'/jy,  tov  tvbg  ttuou  tu  noXXu, 
o  uv  iv  unuoiv  tv  iv^i  ixd'voig  to  uvto,  xiyvr\g  uQ%r\  xul  iniOTiijurjg,  iäv 
fiiv  ntol  yivtoiv,  Te'xvrjg,  iuv  dt  ntol  to  ov,  intaTrifxrjg.  Metaph.  I,  1. 
980,  b,  28:  yiyvniu  J'  ix  Trjg  fxvr\Li)]g  ifjntiotu  Tvig  nv&oojnoig'  ul  yuo 
UokXai  [ivriLiui  tov  uvtov  nouyuuTog  fAiug   iftntiQiug    Swafitv  ihiOTtXov- 


200  Aristoteles.  140] 

man  am  Ende  zu  den  allgemeinsten  Gründen  gelangt,  deren 
wissenschaftliche  Erkenntniss  desshalb  (s.  u.)  nur  durch  die  me- 
thodische Nachbildung  desselben  Verfahrens,  durch  die  Induk- 
tion möglich  ist.  Während  also  Plato  dadurch  zur  Idee  hin- 
führen will,  dass  er  den  Blick  von  der  Erscheinungswelt  ab- 
kehrt, in  der  seiner  Meinung  nach  höchstens  eine  Abspieglung 
der  Idee,  nicht  diese  selbst,  angeschaut  wird,  so  besteht  nach 
aristotelischer  Ansicht  die  Erhebung  zum  Wissen  vielmehr  darin, 
dass  wir  zum  Allgemeinen  der  Erscheinung  als  solcher  vor- 
dringen ;  oder  sofern  beide  die  Abstraktion  vom  unmittelbar  Ge- 
gebenen und  die  Reflexion  auf  das  ihm  zu  Grunde  liegende 
Allgemeine  verlangen,  so  ist  doch  das  Verhältniss  dieser  Ele- 
mente hier  und  dort  ein  verschiedenes:  bei  dem  einen  ist  die 
Abstraktion  vom  Gegebenen  das  erste,  und  nur  unter  Voraus- 
setzung dieser  Abstraktion  hält  er  ein  Erkennen  des  allgemeinen 
Wesens  für  möglich,  bei  dem  andern  ist  die  Richtung  auf  das 
gemeinsame  Wesen  des  empirisch  Gegebenen  das  erste,  und  nur 
eine  nothwendige  Folge  davon  ist  es,  dass  vom  sinnlich  Einzel- 
nen abstrahirt  wird.  Aristoteles  nimmt  desshalb  auch  die  Wahr- 
heit der  Sinneserkenntniss  gegen  ihre  Tadler  in  Schutz :  er  zeigt, 
dass  trotz  ihrer  Widersprüche  und  Täuschungen  doch  eine  rich- 
tige Wahrnehmung  möglich  sei,  und  trotz  ihrer  Relativität  die 
Wirklichkeit  der  Dinge,  die  wir  wahrnehmen,  sich  nicht  be- 
streiten lasse,  dass  überhaupt  die  Zweifel  an  der  sinnlichen 
Wahrnehmung  nur  von  mangelnder  Vorsicht  in  ihrer  Benützung  l) 
|  herrühren2);  ja  er  behauptet  sogar,  die  Wahrnehmung   führe 


aiv  ....  unoßtthfi  o°  IniaTTj^rj  xcci  re/ri]  6t't  rijg  tunfiQiag  rofg  av&ooi- 
nocg  ....  yivtrai  dt  T('/vt],  otuv  ix  noXläv  rrjg  iuifiQi'ag  ivvorj/ucaMv 
[Ata  xad-öXov  yiVfjTttt  tkqI  twv  c/noitor  imöbjipig.  to  /jiv  yao  eyiiv  vnö).r]\})iv 
ort  Kal'/.i'q  xäuvovri  tjjj'Ji  tt/v  vöoov  ioSI  avvrjvtyxt  xu>  ZwxQÜTti  xa) 
xatlixaaTov  ovTia  no).).otg,  t/ineigittg  toriv'  to  d"  oti  näai  roig  roiotaöt 
xut'  ridog  tr  ccqoQiGdeToi,  xaptvovGt  tt\vöI  ttjv  roaov,  ouvrjvtyxev,  .  .  . 
i(yvr\g.  An  denselben  Orten  findet  sich  auch  das  weitere.  Phys.  VII,  3.  247,  b. 
20:  ix  yao  Trjg  xcctcc  ptoog  if*ntiQictg  Tr\r  xaftölov  Xctfißüvofisv  iniartjfjtijv. 

1)  Hierauf  bezieht  sich  Metaph.  IV,  5.  1010,  b,  3  ff.  14  ff.  XI,  6.  1062, 
b.  13  ff. 

2)  Vgl.  Metaph.  IV,  5.  »'>.  1010,  b,  f.,  wo  unter  anderem  (1010,  b,  30  ff.) 
ausgeführt  wird:  wenn  man  auch  in  gewissem  Sinn  sagen  könne,  ohne  die 
wahrnehmenden  Wesen  gäbe  es  keine  ctia&rjTa  als  solche,  so  sei  doch  un- 
denkbar,  dass   die    ünoxif/jfr«.    (<   noitt    ttjv  aXo9-r\atv,    ohne   die  u?G&r\Gig 


[141  |  Entstehung  des  Wissens.  201 

uns  für  sich  genommen  niemals  irre,  erst  in  unsern  Einbildungen 
und  unsern  Urtheilen  seien  wir  dem  Irrthum  ausgesetzt1).  Er 
hat  somit  im  wesentlichen  dasselbe  unbefangene  Zutrauen  zu  der 
Wahrheit  der  sinnlichen  Wahrnehmungen,  welches  dem  un- 
kritischen Bewusstsein  überhaupt  so  natürlich  ist;  was  sich  bei 
ihm  lim  so  leichter  begreift,  da  er  so  wenig,  wie  die  andern 
griechischen  Philosophen,  den  Antheil  unserer  subjektiven  Thä- 
tigkeit  an  ihrer  Erzeugung  näher  untersucht,  sondern  sie  einfach 
auf  eine  Wirkung  der  Objekte  zurückführt,  durch  welche  diese 
der  Seele  ihr  Bild  aufprägen 2) ;  und  auch  die  von  einzelnen 
seiner  Vorgänger  gegen  die  Zuverlässigkeit  der  Sinne  erhobenen 
Einwürfe  hat  der  Philosoph,  welcher  der  Beobachtung  einen  so 
hohen  Werth  beilegt,  der  Naturforscher,  der  einer  so  breiten 
Grundlage  von  erfahrungsmässigem  Wissen  bedarf,  nicht  ge- 
nügend zu  würdigen  gewusst3).     Die  Sinnestäuschungen   will  er 

nicht  vorhanden  sein  sollten,  ov  ydo  ärj  fj  y*  aioß-rjaig  fa'ri)  iavrfjg  tarir, 
a).)!  tort  ti  xai  tregor  naget  ttjv  aiod-tjßiv,  o  avayxij  ttqctsqov  ttvac  rrjg 
aio&rjOtCDS'  rb  ydg  xtvovv  rov  xivovftivov  ngörsgöv  tan.  Ebenso  Kat. 
t  7.  7.  b,  36:  rö  ydg  ato&ijTov  ngoTtgov  rijg  aio&rjOeiog  dov.ti  tlvai. 
jö  utv  ydg  alafhjrbv  draigtO-ev  awavaigsT  xr\v  aTa&rjatv ,  r\  81 
ata&rtaig  to  afö&rjTÖv  oi  avravaigtT  .  .  .  fyöov  ydg  avaiQS&ivtos  aiß&rjaig 
fiir  dvainttrai,  kiO&t]t6v  df  karai,  oiov  aio/ua,  ftfo/ubv,  ylvxv,  mxgbv  xai 
Tcu.'/.a  Sa«   tcnir  cciGUtjti''. 

1)  De  an.  III,  3.  42",  b,  11  :  r\  jutv  ydg  aiad-tjOig  tüjv  iSimv  dei  d).rjr)i\g 
y.ctt  naOiv  vndg/n  rotg  C<wot?,  (havofiG&ai  d"  h'dtytTat  xai  ipevöojg  xat 
ovSiVi  v/rdg/ti  o)  ui]  xai  löyog.  Ebd.  428,  a,  11:  ai  /jtv  (die  aia&rjaeig) 
dlrfttTg  alti,  ai  dt  <f.avTua(ai  yivovrai  ai  nkeiovg  tySvö'eiG.  Aehnlich  II  6. 
418,  a,  11  ff.  Metaph.  IV,  5.  1010,  b,  2:  ovo'  y  aio&rjatg  i//£i'(%  roi  iSiov 
lariv,  d).V   r]  (f.ttVTttOta  ov  Tavrov  rrj  atG'Irjaei. 

2)  Vgl.  S.  416  f.  2.  Aufl. 

3)  Es  ist  S.  200,  2  gezeigt  worden,  wie  Arist.  Kat.  7  gerade  diejenigen 
sinnlichen  Eigenschaften,  die  Demokrit  für  etwas  blos  subjektives  erklärt 
hatte  (s.  Th.  I,  772,  1.  783,  2),  einfach  als  objektiv  gegeben  behandelt. 
Aehnlich  hält  er  Phys.  VIII,  3  der  Ansicht  (des  Parmenides),  Tcüvra  tjqs- 
/u(ir,  neben  der  treffenden  Bemerkung,  dass  sie  schon  die  dö'g~a  und  (f.ar- 
Taata,  als  Bewegungen  der  Seele,  (genauer  wäre :  den  Wechsel  der  Vor- 
stellungen) nicht  erklären  könne,  entgegen  (254,  a,  30):  diess  heisse  CvTi'v 
löyov  wv  ßtlriov  tgoutv  rj  löyov  dtla&ai,  es  sei  ein  xaxwg  xgivsiv  rö 
niarov  xai  to  fii]  tiigtov  xui  do/i]v  xai  fit]  dgyr\v.  Das  gleiche  gelte  gegen 
die  Annahme,  dass  alles  beständig  bewegt  sei,  oder  das  eine  immer,  das 
andere  nie  bewegt,  nobg  aitawa  ydg  ravra  ixavfj  uia  n lax ig'  ogoöutr 
ydg  (via  ort   utr  xivovutra  ort  d'  rjoeuovrra.     Denn,  wie  er  S.  253,  a,  33 


202  Aristoteles.  [141] 

trotzdem  freilich  nicht  läugnen;  er  glaubt  nur,  dass  nicht  unsere 
Sinne  als  solche  daran  schuld  seien :  das  eigentümliche,  sagt  er, 
was  jeder  Sinn  wahrnimmt,  die  Farbe,  den  Ton  u.  s.  f.  stellen 
sie  immer  oder  fast  immer  getreu  dar;  eine  Täuschung  entstehe 
erst  in  der  Beziehung  dieser  Eigenschaften  auf  bestimmte  Gegen- 
stände und  in  der  Bestimmung  dessen,  was  nicht  unmittelbar 
walirgenornnien,  sondern  nur  aus  dem  Wahrgenommenen  ab- 
strahirt  werde1). 

Diesen  Ansichten  über  die  Natur  und  Entstehung  des  Wis- 


der  Meinung,  ncivr'  rJQS/ietv,  entgegenhält:  tovtov  l.t]teTv  köyov  aifivTag 
tt)V  aia&rjGiv,  doocooTtu  tig  ton  öittvoiag,  es  erscheint  ihm  ungesund  und 
naturwidrig.  Solche  Fragen  vollends,  wie  die,  woher  wir  wissen,  ob  wir 
wachen  oder  schlafen,  ob  wir  bei  gesunden  Sinnen  seien  u.  s.  f.,  hält  Arist. 
für  ganz  unzulässig:  nävTeov  yuo  Xöyov  a&ovoiv  ovrot  eii'tu  .  .  .  Xöyov  yag 
CrjTOvaiv  u)V  ovx  ton  Xöyog'  ccTTodei&iog  ycto  ccoyi]  ovx  anöSei^Cg  ?otiv 
(Metaph.  IV,  6.  1011,  a,  &  ff.  vgl.  unten  S.  172  2.  Aufl.)  Ihm  gilt  es  für 
selbstverständlich,  dass  man  über  die  sinnlichen  Eigenschaften  der  Dinge 
ebenso,  wie  über  Gut  und  böse,  Schön  und  Hässlich,  nur  bei  normaler  Be- 
schaffenheit der  Sinne  und  des  Geistes  entscheiden  könne. 

\\  In  diesem  Sinn  erläutert  Arist.  selbst  seinen  Satz.  De  an.  III,  3.  428, 
b,  18:  r)  aia&r]Gig  tiov  tuiv  Iditov  {(Xrj&ijg  Igtiv  rj  ort  oXiyiOTOV  tyovoa  to 
iptvdog.  Sivrtgov  Sl  toc  ovußtßrjxü'cti  rabra'  xal  iiTttv&a  rjdrj  tvötynut, 
3ia\\>ivdto0-iu'  ort,  uiv  yao  Xevxöv,  ov  \fjtvdtTia,  d  ö(  tovto  to  Xtv/.ov, 
rj  liXXo  ii  (ob  das  Weisse  z.  B.  ein  Tuch  oder  eine  Wand  ist\  iptidtrai. 
^ Ebenso  c.  6"  Schi.)  toItov  df  twv  xoivwv  xcu  ino/jtvwv  rofg  ov/jßeßTjxooiv, 
olg  vnüuyu  tcc  IduC  Xtyw  «T  oiov  xivrjoig  xctl  ut'y f&og,  cl  ovjjßfßrjxe  rolg 
(da&r]ToTg,  ntol  ci  ucdiorcc  rjörj  taxtv  ccnaTrj&rjvcu  xctru  Tt]V  a't'o&rjOiv. 
(Ueber  diese  xoivä  auch  De  sensu  c.  1.  437,  a,  8.)  De  sensu  4.  442,  b,  8: 
ntoi  it(v  tovtwv  (die  ebengenannten  xoivct)  kttutwvtcu  7T(gl  d(  twv  idiwv 
ovx  clnccTwvTai,  oiov  bxpig  neol  yowpccTog  xcu  cixoi)  nsoi  >)j6(fwv.  Metaph. 
IV,  5.  1010,  b,  14:  auf  die  Aussagen  jedes  Sinns  können  wir  uns  zunächst 
nur  in  Betreff  seiner  eigenthümlichen  Gegenstände  verlassen,  auf  die  des 
Gesichts  in  Betreff  der  Farben  u.  s.  w.  wv  [cüaihrjotwv]  ixdorr)  fo  tw  avr$ 
yoövco  7iini  to  uvto  otdtnoTi  <ft]Giv  aua  ovtco  xcu  ory  orTiog  tytiv.  aXX 
OL'd'  /)'  tTdiio  yoovw  n tq\  to  nufrog  rj/j(fiGßr]TrjGtv,  aXXä  ntqi  To  ('o  OVfißt- 
'  ij/.t  to  nc'tftog.  Derselbe  Wein  kann  uns  einmal  süss  ein  andermal  nicht 
süss  schmecken;  uXX '  oi  to  ye  yXvxv  oiov  iOTiv  oTctv  rj,  oidinwnoit 
filTtßultv,  i(XV  «£i  dXrj&evei  ntoi  avTOv  xtu  (Gtiv  £g~  uvüyxrjg  to  toöpivov 
yXvxv  toioitov.  Die  Wahrnehmung  zeigt  uns  zunächst,  wie  schon  S.  198 
bemerkt  wurde,  nur  gewisse  Eigenschaften;  die  Subjekte,  denen  diese  Eigen- 
schaften zukommen,  werden  nicht  unmittelbar  und  ausschliesslich  durch  die 
Wahrnehmung  bestimmt,  und  ebensowenig  die  Eigenschaften,  welche  aus  dem 
wahrgenommenen  erst  erschlossen  werden. 


[142]  Das  wissenschaftliche  Verfahren.  203 

sens  entspricht  nun  die  Richtung  der  aristotelischen  Wissen- 
schaftslehre, der  Analytik.  Die  Wissenschaft  soll  die  Erschei- 
nungen aus  ihren  Gründen  erklären,  welche  näher  in  den  allge- 
meinen Ursachen  und  Gesetzen  zu  suchen  sind.  Ihre  Aufgabe 
ist  mitlün  die  Ableitung  des  |  Besonderen  aus  dem  Allgemeinen, 
der  Wirkungen  aus  den  Ursachen ,  oder  mit  Einem  Wort ,  die 
Beweisführung,  denn  in  dieser  Ableitung  besteht  eben  nach 
Aristoteles  der  Beweis.  Aber  die  Voraussetzungen,  von  denen 
die  Beweise  ausgehen,  lassen  sich  nicht  wieder  auf  demselben 
Weg  finden;  ebensowenig  sind  sie  jedoch  unmittelbar,  in  einem 
angeborenen  Wissen,  gegeben;  nur  von  den  Erscheinungen  aus 
können  wir  zu  ihren  Gründen,  nur  vom  Besonderen  zum  All- 
gemeinen vordringen.  Diess  kunstmässig  zu  leisten,  ist  das  Ge- 
schäft der  Induktion.  Der  Beweis  und  die  Induktion  sind  dem- 
nach die  zwei  Bestandteile  des  wissenschaftlichen  Verfahrens 
imd  die  wesentlichen  Gegenstände  der  Methodologie.  Beide 
setzen  aber  die  allgemeinen  Elemente  des  Denkens  voraus,  und 
können  ohne  ihre  Kenntniss  nicht  dargestellt  werden.  Aristoteles 
lässt  desshalb  der  Lehre  vom  Beweis  eine  Untersuchung  über 
die  Schlüsse  vorangehen,  und  im  Zusammenhang  damit  sieht  er 
sich  genöthigt,  auch  auf  das  Urtheil  und  den  Satz,  als  die  Be- 
standtheile  der  Schlüsse,  näher  einzugehen.  Zu  ihrer  selbstän- 
digen Bearbeitung  kam  er  aber,  wie  bemerkt,  erst  später,  und 
auch  da  blieb  dieser  Theil  der  Logik  ziemlich  unentwickelt. 
Noch  mehr  gilt  diess  von  der  Lehre  vom  Begriff1).  Nichtsdesto- 
weniger müssen  wir  mit  der  letzteren  beginnen,  um  von  da  zum 
Urtheil  und  weiter  zum  Schluss  fortzugehen,  da  die  Erörterungen 
über  diesen  doch  immer  gewisse  Bestimmungen  über  jene  vor- 
aussetzen. 

Mit  dem  Aufsuchen  der  allgemeinen  Begriffe  hatte  die  Philo- 
sophie in  Sokrates  jene  neue  Wendung  genommen,  welcher  nicht 
allein  Plato ,  sondern  auch  Aristoteles  im  wesentlichen  gefolgt 
ist.  Hieraus  ergibt  sich  von  selbst,  dass  er  im  allgemeinen  die 
sokratisch-platonische  Ansicht  von  der  Natur  der  Begriffe  und 
der  Aufgabe  des  begrifflichen  Denkens  voraussetzt2).  Aber  wie 
wir  ihn  in  seiner   Metaphysik   der   platonischan   Lehre   von    der 

1)  Vgl.  S.  185  f. 

2)  Vgl.  S.  161  f.   169  f. 


204  Aristoteles».  [143] 

selbständigen  Wirklichkeit  des  Allgemeinen,  was  im  Begriffe  ge- 
dacht wird,  widersprechen  hören  werden,  so  findet  er,  im  Zu- 
sammenhang damit,  auch  für  die  logische  Behandlung  der  Be- 
griffe einige  nähere  Bestimmungen  noth wendig  ').  Hatte  auch 
schon  Plato  verlangt,  dass  bei  |  der  Begriffsbestimmung  die 
wesentlichen,  nicht  die  zufalligen  Eigenschaften  der  Dinge  in's 
Auge  gefasst  werden '-),  so  hatte  er  doch  zugleich  alle  allgemei- 
nen Vorstellungen  zu  Ideen  verselbständigt,  ohne  dabei  die 
Eigenschafts-  und  die  Substanzbegriffe  genauer  zu  sondern 3). 
Aristoteles  thut  diess,  da  ihm  eben  nur  das  Einzelwesen  für  eine 
Substanz  gilt  (s.  u.).  Er  unterscheidet  nicht  blos  das  Zufällige 
von  dem  Wesentlichen4),  sondern  auch  innerhalb  des  letztern 
das  Allgemeine  von  der  Gattung  und  beide  von  dem  Begriff 
oder  dem  begrifflichen  Wesen  der  Dinge 5).  Ein  Allgemei- 
nes ist  alles,  was  mehreren  Dingen  uicht  blos  zufälligerweise, 
sondern  vermöge  ihrer  Natur  gemeinschaftlich   zukommt 6).     Ist 


1)  M.  vgl.  zum  folgenden  ausser  Prantl  Gesch.  d.  Log.  I,  210  ff.  und 
den  übrigen  allgemeinen  Werken:  Kühn  De  notionis  definitione  quäl.  Arist. 
constituerit.  Halle  1844.  Rassow  Arist.  De  notionis  definitione  doctrina.  ßerl.  1843. 

2)  S.   1.  Abthlg.  S.  518  f. 

3)  Ebd.  584  ff. 

4)  Ueber  den  Unterschied  des  avußsßrjxbs  von  dem  *«#'  avro  vgl.  m. 
Anal.  post.  I,  4.  73,  a,  34  ff.  Top.  I,  5.  102,  b,  4.  Metaph.  V,  7.  c  9,  Anf. 
c.  18  1022,  a,  24  ff.  c.  30-  1025,  a,  14.  28.  c.  6,  Anf.  Waitz  zu  Kateg.  5, 
b,  16.  Anal.  post.  71,  b,  10.  Diesen  Stellen  zufolge  kommt  einem  Gegen- 
stand alles  das  xuH '  «uro  zu,  was  mittelbar  oder  unmittelbar  in  seinem  Be- 
griff enthalten  ist,  xara  ov/ußtßrjxbg  dasjenige,  was  nicht  aus  seinem  Begriff 
folgt:  zweibeinig  zu  sein  kommt  dem  Menschen  xa&*  avro  zu,  denn  jeder 
Mensch  als  solcher  ist  diess,  gebildet  zu  sein,  xiaa  av/ußfßrjxog.  Ein 
av,ußfßt]xbg  ist  (Top.  a.  a.  O.)  o  £v$£xSTttl  vnägj(UV  brwovv  evi  xai  im 
ctiro)  xai  f^rj  vnäoytir.  Was  daher  xad*  avrb  von  einem  Ding  ausgesagt 
wird,  gilt  von  allen  unter  diesen  Begriff  fallenden  Dingen,  was  x.  ov/uße- 
ßrjxbg,  nur  von  einzelnen,  und  desshalb  sind  alle  allgemeinen  Bestimmungen 
ein  xa&*  avro.  Metaph.  V,  9.  1017,  b,  35:  t«  yao  xaftöXov  xcc#'  avia 
vnänyti,  tu  dt  arußtßrjxÖTa  od  x«#'  avra  aXV  int  twv  xu&'  t-xaaxa 
änlwg  Mytrai.  Vgl.  Anm.  6.  Weiteres  über  das  avjußfßtjxos  S.  252  f.  2.  Aufl. 

b)  So  Metaph.  VII,  3,  Anf.:  unter  der  oSoia  pflege  man  vielerlei  zu 
verstehen:  tö  rl  rjr  tirai  xai  rb  xa&öXou  xai  rö  yivog  ■.  .  .  xai  riTttQTOV 
tovtojv  tu   vnoxtifjtior. 

6)  Anal.  post.  I,  4.  73,  b,  20:  xu9b).ov  öl  ).(yw  o  av  xarä  navrög  n 
vnaQ/rj     xai    xa!t '■'     avrb    xai    ij    avro.    tf  uvtnbv    uqu   ort    boa  xa&6).ou  {£ 


[143.   144  Der  Begriff.  205 

dieses  Gemeinsame  eine  abgeleitete  Wesensbestimmung,  so  ist  das 
Allgemeine  ein  Eigenschaftsbegriff,  es  bezeichnet  eine  wesentliche 
Eigenschaft x) ;  |  ist  es  das  Wesen  der  betreffenden  Dinge  selbst, 
so  wird  das  Allgemeine  zur  Gattung2).     Treten    zu   den  ge- 

uväyxr\g  incw^fi  toi;  nouyuuoir.  park  an.  I,  4.  644,  a,  24 :  tu  Jf  xu&oXov 
xoivu'  tu  yuo  nXtioaiv  vttuo/ovtu  xa&oXov  Xiyoutv.  (Ebenso  Metaph. 
VII.    13.    103S,  b,    11.)     Vgl.  vorletzte  Anm. 

1)  Eine  solcbe  wesentliche  Eigenschaft  nennt  Arist.  ein  *«#'  uvtö 
vnüoyov.  ein  nü&og  *«#'  ulto,  oder  avußfßrjxog  *«#'  avxo,  indem  er  im 
letzteren  Fall  unter  dem  avußfßrjxog,  von  dem  vorhin  erörterten  Sprach- 
gebranch abweichend,  überhaupt  das  versteht,  o  Oiußui'vti  tivi,  die  Eigen- 
schaft; vgl.  Metaph.  V,  30,  Schi.  c.  7.  1017,  a,  12.  III,  1.  995,  b,  18.  25. 
c.  2.  997,  a,  25  ff.  IV,  1.  IV,  2.  1004,  b,  5.  VI,  1.  1025,  b,  12.  VII,  4.  1029, 
b,  13.  Anal.  post.  I,  22.  83,   b,   11.  19.  c.  4.  73,  b,  5.  c.  6.  75,  a,  18.  c.  7.  75, 

a,  42.  Phys.  I,  3.  186,  b,  IS.  II,  2.  193,  b,  26.  c.  3.  195,  b,  13.  III,  4.  203,  b, 
33.  De  an.  I,   1.  402,  b,  16.  Rhet.  I,  2.  1355,  b,  30.  Waitz  zu  Anal,  post,  71, 

b,  10.   Tresdelexburg  De  an.   189  f.  Boxitz  zu  Metaph.   1025,  a,  30. 

2)  Top.  I,  5.  102,  a,  31:  yivog  (T  lari  rö  xutu  nlsiövwv  xul  dict- 
(f(oövT(ov  rw  iiäet,  iv  rw  xt  ian  xuTrjyooovutvov.  iv  rw  xt  iaxt  S\  xutt\- 
yootio&cti  tu  TOiavTa  ).eyio&(o,  Sau  uguoTTtt  uttoSoivul  ioonrj&iiTu  xt 
tau  rö  n qoxti utvov  (z.  B.  bei  einem  Menschen:  xt  ioxi;  £ajov).  Metaph. 
V,  28.  1024,  a,  36  ff.,  wo  unter  den  verschiedenen  Bedeutungen  von  yivog 
angeführt  wird:  to  vnoxaiiAtvov  rcdg  diuyoouig,  to  ttowtov  irvrruo/ov  o 
/.i'ynat  iv  rw  xi  ioTi  . .  .  ov  duufooul  XiyovTut,  al  TroiorrjTfg.  (Dass  diese 
beiden  Beschreibungen  auf  dieselbe  Bedeutung  des  yivog  gehen,  zeigt  Bonitz 
z.  d.  St.).  Ebd.  X,  3.  1054,  b,  30:  Xiyerui,  dt  yivog  o  uiufcü  tuvto  XiyovTut 
/.uTti  xrrv  ovOi'uv  tu  ihcufoou.  X,  8.  1057,  b,  37:  to  yug  toiovtov  yivog 
xuXm.  w  au(f(o  (v  tuvto  Xiyexai,  /utj  xutu  Ovußtßrjxog  iyov  öiuifoouv. 
Top.  VII,  2.  153,  a.  17:  xuT^yooiTrut  J"  iv  tw  xt  io~Ti  xd  yivr\  xul  ul 
•htufogut.  Jedes  yivog  ist  mithin  ein  xutioXov,  aber  nicht  jedes  xu&öXov 
ein  yivog,  vgl.  Metaph.  III,  3.  998,  b,  17.  999,  a,  21.  XII,  1.  1069.  a,  27 
u.  a.  St.  mit  I,  9.  992,  b,  12.  VII,  13.  1038,  b,  16.  35  f.  Bonitz  z.  Metaph. 
299  f.  Auf  den  Unterschied  der  Gattung  von  der  Eigenschaft  bezieht  sich 
theilweise  auch  die  Bestimmung  (Kateg.  c.  2.  1,  a,  20  ff.  c.  5),  dass  alles 
entweder  1)  xa-d-  vnoxHuivov  Tivög  Xiytrai,  iv  VTioxtiuivo)  dt  ovdtrt 
ioTiv,  oder  2  iv  vnoy.tiuivo)  uiv  iöTi  xuO^  VTTOxfiuivov  cT£  ordevög 
iiyiTui,  oder  3"!  z«*'  vnoxtiuivov  ts  Xiysxitt,  xul  iv  Inoxsiixivc)  iöri'r, 
oder  4)  ovt'  iv  inoxetuivio  io~Tiv  oute  xafr'  vnoxftuivov  XiytTui.  Wenn 
nämlich  die  vierte  von  diesen  Klassen  die  Einzelwesen  umfasst,  so  sind  mit 
der  ersten  die  Gattungen,  mit  derselben  aber  auch  (c.  5.  3,  a,  21)  die  art- 
bildenden Unterschiede,  mit  der  zweiten  die  Eigenschaften,  Thätigkeiten  und 
Zustände,  überhaupt  also  die  avfjßfßijxÖTu  bezeichnet;  in  die  erste  gehört 
der  Begriff  des  Menschen,  in  die  zweite  der  Begriff  der  Grammatik,  in  die 
vierte  der  Begriff  des   Sokrates.     Zugleich    kommt    aber    das  Unsichere    der 


206  Aristoteles.  [144.   145] 

meinsamen  im  Gattungsbegriff  enthaltenen  Merkmalen  für  einen 
Theil  seines  Umfange  noch  weitere  wesentliche  Merkmale  hinzu, 
durch  welche  sich  derselbe  von  dem  übrigen  in  der  gleichen 
Gattung  enthaltenen  |  unterscheidet,  so  entsteht  die  Art,  welche 
demnach  aus  der  Gattung  und  den  artbildenden  Unterschieden 
zusammengesetzt  ist 1).     Wird  endlich  ein  Gegenstand  auf  diesem 


ganzen  Eintheilung  in  der  Bestimmung  der  dritten  Klasse  zum  Vorschein, 
denn  wenn  es  Begriffe  gibt,  welche  zugleich  x«#'  vnoxtiutrov  und  lr 
vnoxsi/jh'O)  prädicirt  werden,  d.  h.  Gattungs-  und  Eigenschaftsbegrifte  zu- 
gleich sind  (als  Beispiel  nennt  A.  den  Begriff  der  Wissenschaft,  welche  in 
der  Seele  als  ihrem  inoxtifitvov  sei  und  von  den  einzelnen  Wissenschaften 
prädicirt  werde),  so  verhalten  sich  die  Gattungen  und  Eigenschaften  nicht 
als  coordinirte  Arten  des  Allgemeinen.  Wie  fliessend  die  Grenze  zwischen 
Gattungs-  und  Eigenschaftsbegrift'en  ist,  wird  sich  uns  auch  in  der  Lehre 
von  der  Substanz  (Kap.  7,   1)  ergeben. 

1)  Metaph.  X,  7.  1U57,  b,  7  :  ix  yico  rov  yh'ovg  xeci  tcöv  ötnuroQwr 
t«  t'i'^T]  (die  Artbegriffe  schwarz  und  weiss  z.  B.  entstehen,  wie  im  folgen- 
den erläutert  wird,  aus  dem  Gattungsbegriff'  yncoua  und  den  unterscheiden- 
den Merkmalen  diaxoiTtxbg  und  OvyxqiTixög:  das  Weisse  ist  das  ynoifxa 
öiaxQiTixbv,  das  Schwarze  das  yowfAa  ovyxnnixöv).  Top.  VI,  3.  140,  a, 
28:  öti  yao  rb  niv  ytvog  dnb  nur  aXkoiv  yojoi'Ceiv  (der  Gattungsbegriff 
unterscheidet  das  zu  Einer  Gattung  gehörige  von  allem  andern)  ttjv  öt  <)<«- 
wonäv  anu  nvog  ir  rw  ccdroi  yt'vei.  Ebd.  VI,  6.  143,  b,  8,  19.  (Weitere 
Beispiele    über    den    Sprachgebrauch   von    dutyoou    gibt   Waitz  Arist.  Org. 

1,  279.  Bonitz  Ind.  ar.  192,  a,  23.)  Diese  Unterscheidungsmerkmale  der 
Arten  nennt  Arist.  d*ia(fooct  fiöonoibg  (Top.  VI,  6.  143,  b,  7.  Eth.  X,  3. 
1174,  b,  5.)  Von  andern  Eigenschaften  unterscheidet  er  sie  dadurch,  dass 
sie  zwar  von  einem  Subjekt  prädicirt  werden  (*«#'  vnoxei/jti'oi'  Myoirat), 
aber  nicht  in  einem  Subjekt  seien  (tv  vnoxeifiivio  oux  sioi),  d.  h.  sie  sub- 
sistiren  nicht  in  einem  solchen  Subjekt,  das  vor  ihnen  da  wäre  oder  unab- 
hängig von  ihnen  gedacht  werden  könnte,  sondern  in  einem  solchen,  wel- 
ches nur  durch  sie  dieses  bestimmte  Subjekt  ist  (Kat.  5.  3,  a,  21   f.    vgl.  c. 

2.  1,  a,  24  f.),  sie  sind  nicht  accidentelle ,  sondern  Wesensbestimmungen 
(Metaph.  VII,  4.  1U29,  b,  J4.  1030,  a,  14.  Top.  VI,  6.  144,  a,  24:  ovdt[ila 
yao  diKqoocc  tiHv  xutu  ar/jßeßrjxbg  vnaoyövnav  lm\ ,  xccdcentQ  oi/d*  ro 
yivog'  oi)  yao  IvdtytTcci  tt\v  JinyoQctv  vnüoyHV  iiv\  xal  firj  vna{tyi-tv  , 
sie  gehören  zum  Begriff'  des  Subjekts,  von  dem  sie  ausgesagt  werden,  alles 
daher,  was  in  ihnen  enthalten  ist,  gilt  auch  von  den  Arten  und  den  Einzel- 
wesen, denen  sie  zukommen.  (Kateg.  c.  5.  3,  a,  21  ff.  b,  5.)  Es  kann 
desshalb  von  ihnen  gesagt  werden,  dass  sie  (zusammen  mit  der  Gattung)  die 
Substanz  bilden  (Metaph.  VII,  12.  1038,  b,  19  vgl.  folg.  Anm.),  dass  sie 
etwas  substantielles  aussagen  (Top.  VII,  2.  s.  o.  205,  2);  sie  selbst  jedoch, 
für  sich  genommen,  sind  nicht  Substanzen,  sondern  Qualitäten,  drücken  nicht 


[145.   146  Der  Begriff.  207 

Wege  durch  seine  sämnitlichen  unterscheidenden  Merkmale  so 
bestimmt,  dass  diese  Bestimmung  als  Ganzes  auf  keinen  an- 
deren Gegenstand  anwendbar  ist,  so  erhalten  wir  seinen  Be- 
griff1). Der  Gegenstand  des  Begriffs  ist  mithin  die  |  Substanz, 
imd  zwar  genauer  die  bestimmte  Substanz  oder  das  eigenthüm- 
liche  Wesen   der  Dinge  -) ,    und   der  Begriff  selbst  ist  nichts  ( 


ein  ti,  sondern  ein  nocöv  rt,  aus  (Top.  IV,  2.  122,  b,  16.  c.  6.  128,  a,  26. 
VI,  6  144,  a,  18.  21.  Phys.  V,  2.  226,  a,  27.  Metaph.  V,  14,  Auf.)  Der 
anscheinende  Widerspruch  dieser  beiden  Bestimmungen,  welchen  Trendelen- 
BUBG  Hist.  Beitr.  z.  Phil.  I,  56  f.  Bonitz  z.  Metaph.  V,  14  hervorheben, 
wird  sich  in  der  angedeuteten  Weise  heben  lassen;  vgl.  Waitz  a.  a.  O. 

1)  Anal.  post.  II,  13.  96,  a,  21:  Manche  Eigenschaften  der  Dinge 
kommen  auch  noch  anderen  zu  derselben  Gattung  gehörigen  zu.  Ta  dt] 
ToiKVTcc  h]7TTtov  (bei  der  Begriffsbestimmung)  /ut/oi  tovtov,  «o?  rooccvra 
kr^ihj  ttqwtov,  <hv  ixaoTov  fxiv  ini  nkeiov  inäoHi  (auch  noch  anderen 
zukommt),  anavrci  St  fit]  ini  nXior'  TctvrijV  yao  aväyxrj  ovalav  (trat  tov 
nody/uaTog,  was  dann  im  folgenden  weiter  erläutert  wird.  Ebd.  97,  a,  18: 
den  Begriff  (j.oyog  rfjg  ovoiag)  eines  gegebenen  Gegenstandes  erhält  man, 
wenn  man  die  Gattung  in  ihre  Arten  zerlegt,  ebenso  die  Art,  welcher  er 
angehört,  in  ihre  Unterarten,  und  damit  so  lange  fortfährt,  bis  man  zu  dem 
kommt,  ü>v  /urjXfTt  iari  dictffooa,  d.  h.  was  in  keine  weiteren  entgegen- 
gesetzten Arten,  von  denen  der  fragliche  Gegenstand  der  einen  oder  der 
anderen  angehörte,  zerfällt.  (Ueber  die  sachliche  Haltbarkeit  dieser  Sätze 
vgl.  Bonitz  Arist.  Metaph.  II,  346,  1.)  Metaph.  VII,  12.  1037,  b,  29: 
oiOiv  yag  sregöv  taTiv  iv  Toi  ooiGiH»  nlitv  tu  ts  notiiTov  i.eyo/jsvov  yt- 
vo?  y.ai  al  diKffoocti  (oder  wie  es  1038,  a,  8  heisst:  6  ooiöfjög  iarir  6  ix 
züv  öictqoowr  Xoyog).  Die  Gattung  wird  in  ihre  Arten,  diese  in  ihre 
Unterarten  getheilt  und  hierin  so  lange  fortgefahren,  ewg  ccv  tkd-r\  efg  tc< 
uSictffoQct  (ebd.  Z.  15),  und  da  nun  hiebei  jedes  folgende  Unterscheidungs- 
merkmal das  vorangehende  in  sich  schliesst  (das  Sinovv  z.  B.  das  iinonovv), 
die  zwischen  der  Gattung  und  der  untersten  Artbestimmung  liegenden 
Zwischenglieder  mithin  in  der  Definition  nicht  wiederholt  zu  werden  brau- 
chen (vgl.  auch  part.  an.  I,  2,  Anf.),  so  folgt  (Z.  19.  1U38,  a,  28),  ort,  rt 
TtlevTaia  diuqogic  ?j  ovoia  tov  ngüynarog  torai  »al  6  ooio/aög:  wobei 
aber  unter  der  Tfj.tvrui'a  <hc((foocc  nicht  blos  das  letzte  specifische  Merk- 
mal als  solches,  sondern  der  durch  dasselbe  bestimmte  Artbegriff  zu  ver- 
stehen ist,  welcher   die  höheren  Arten  und   die  Gattung  in  sich  begreift. 

2)  Zur  Bezeichnung  dieses  im  Begriff  Gedachten  bedient  sich  Aristoteles 
verschiedener  Ausdrücke;  ausser  ovaCa  und  tldog,  von  denen  in  der  Meta- 
physik weiter  zu  sprechen  sein  wird,  gehört  hieher  die  Hervorhebung  dessen, 
was  ein  Wort  ausdrückt,  durch  ein  ihm  vorangestelltes  onso,  z.  B.  onto 
or,  oneo  tv  (Phys.  I,  3.  186,  a,  32  ff.):  das  Seiende  als  solches,  das  Eins 
als  solches  (m.  vgl.  hierüber  Bonitz  Ind.  arist.  533,  b,  36  ff.);   namentlich 


2MS  Aristoteles.  [147] 


aber  das  ttvut  mit  beigefügtem  Dativ  fz.  B.  tu  «vO-Qiörrot  etvai  und  dg]., 
tö  §vl  (nett  to  aSiaigirtp  loriv  etvat  Metaph.  X,  1.  1052,  b,  16.  ov  yup 
i<ftt  tu  ao)  tivav  t6  juovatxoi  ttvai  ebd.  VII,  4.  1029,  b,  14  vgl.  Ind.  ar. 
221,  a,  34)  und  to  ti  r\v  ttvai.  In  dem  ersten  von  diesen  zwei  Ausdrücken 
wird  der  Dativ  (mit  Trendelenbdkg  Rh.  Mus.  1828,  481.  S«  iiweglkk  Ar. 
Metaph.  IV,  371)  possessiv  zu  fassen  sein,  so  dass  iiv&ownip  etvat  so  viel 
ist  als:  ttvai  tovto  o  loriv  ccv&qüjttoj,  dasjenige  sein,  was  dem  Menschen 
zukommt,  to  (cr&ocÖ7i(p  etvat  das  dem  Menschen  eigenthiimliche  Sein,  das 
Wesen  des  Menschen  bezeichnet;  av&Q<onov  tivai  dagegen  nur  den  Zustand 
dessen,  welcher  Mensch  ist,  die  thatsächliche  Theilnahme  an  der  mensch- 
lichen Natur.  Zur  Unterstützung  dienen  dieser  Erklärung  Ausdrücke  wie: 
to  etvat  «i'rw  tTtpov,  to  Cijv  rofg  £wfft  to  eivai  toriv  (Bonitz  Ind.  ar. 
221,  a,  42.  54  f.  Arist.  Stud.  IV,  377),  und  dass  nie  der  Artikel  vor  dem 
Dativ  steht  (dass  Ar.  nicht  sagt:  i6  tw  av&Qbj7i(o  etvat),  steht  ihr  meines 
Erachtens  nicht  im  Weg ;  denn  theils  wäre  das  rw  in  diesem  Fall  hinter 
to  sprachlich  unbequem,  theils  wird  gerade  durch  die  Weglassung  des  Ar- 
tikels stärker  hervorgehoben,  dass  es  sich  bei  dem  ävOpumio  etvai  um  das 
einem  Menschen  als  solchem  zukommende  Sein  handelt.  Auch  das  xt  r\v 
elvai  wird  nun  in  der  Regel  mit  dem  Dativ  des  Gegenstandes  construirt 
(to  ti  rjv  ttvai  ixäaroi  u.  s.  w.  vgl.  Ind.  ar.  764,  a,  60  f.);  denn  es  ist 
(wie  Alex.  Top.  24  m.  Schol.  256,  b,  14  sagt  =  ö  t£  Ioti  to  etvat 
uvTtj)  drjXwv  Xöyog.  Dazu  kommt  dann  aber  der  eigenthiimliche  Gebrauch 
des  Imperfekts,  welches  wohl  dazu  dienen  soll,  dasjenige  an  den  Dingen  zu 
bezeichnen,  was  nicht  dem  Moment  angehört,  sondern  in  dem  ganzen  Ver- 
lauf ihres  Daseins  sich  als  ihr  eigentliches  Sein  herausgestellt  hat,  das 
Wesentliche  im  Unterschied  von  dem  Zufälligen  und  Vorübergehenden.  (Vgl. 
Plato  Theaet.  156,  A:  Die  Herakliteer  behaupten,  wj  to  ttcIv  xivr\o~ig  tjp 
xal  ilXXo  ovdtv  und  andere  Beispiele  bei  Sohwegler  a.  a.  0.  373  f.)  Tö 
ii  r\v  ttvai  avilQüänip  bedeutete  demnach  eigentlich:  dasjenige  was  für  den 
Menschen  sein  eigentliches  Sein  war,  das  wahre  Wesen  des  Menschen,  das 
an  ihm,  was  auch  die  npioTri  obala  Xdiog  ixccöTip  genannt  wird  (Metaph. 
VII,  13.  1038,  b,  10.  VII,  7,  s.  u.  VII,  5,  Schi.).  Diess  ist  aber  nur  sein 
ideelles  Wesen,  dasjenige,  was  wir  denken ,  wenn  wir  von  dem  Zufälligen 
seiner  Erscheinung  und  dem  Stofflichen ,  worauf  diese  Zufälligkeit  beruht, 
absehen;  vgl.  Metaph.  VII,  4.  1029,  b,  19:  iv  w  apa  ftt]  Ive'arat  Xöyio 
«vtc,  XiyovTi  uvto,  ovrog  6  Xöyog  toü  ti  rjv  tivai  kxäoTio.  c.  7.  1032,  b, 
14:  Xiyia  d"  ovoiuv  avtv  vXtjs  to  tI  yv  etvat.  Ebd.  XII,  9.  1075,  a,  1: 
fni  /utv  T(üv  noirji txwv  ävev  vXrjg  t]  ovaia  xui  to  ti  rjv  ttvai  (sc.  to 
ngayuä  lau),  c.  8.  1074,  a,  35:  to  dt  tC  i\v  etvat  ovx  t^ti  vXr)V  to 
ioojtoV  fvTtXt'/fia  yup.  Das  Ti  17.  ti.  fällt  daher  mit  dem  tidog  zusam- 
men; Metaph.  VII,  7.  1032,  b,  1:  tldog  dt  Xt'yoi  to  rt  r\v  ttvai  ixdoiov 
xal  tt\v  nQMTTjv  ovaiav.  c.  10.  1035,  b,  32:  tldog  dt  X(yw  to  rt  rjv  etvat. 
Phye.  II,  2.  194,  8,  20:  toi  ti'dorg  xal  toi;  t(  r^v  ttvai.  Ebd.  c.  3.  J94,b, 
26:  eine  der    vier    Ursachen    ist   to    ttdog    xal    to    nupcidtiy/na'    tovto  d 


147]  Der  Begriff.  209 

anderes,  als  der  Gedanke  dieses  Wesens  x) ;  und  dieser  kommt  | 


/ot»J'  o  Xöyog  6  tov  ti  fjv  einet  y.ctl  tu  tovtov  ye vr\ ,  das  gleiche,  was 
Arist.  Metaph.  I,  3.  9S3,  a,  27  ttjv  ovaiav  xal  rö  xt  tjv  elvat,  zugleich  aber 
auch  tov  Xöyov  nennt,  wie  denn  überhaupt  alle  diese  Ausdrücke  bei  ihm 
bestündig  wechseln.  Vgl.  z.  B.  De  an.  II,  1.  412,  b,  10,  wo  ovata  >; 
xctTÜ  tov  Xöyov  durch  rö  ti  i\v  elvat  erklärt  wird.  Metaph.  VI,  1.  1025, 
i>,  28:  to  xt  rjv  eivai  xal  tov  Xöyov.  VII,  5.  1030,  b,  26:  tu  t.  jj.  et.  xu) 
6  öpiT/'oe  (ähnlich  part.  an.  I,  1.  642,  a,  25  vgl.  Phys.  II,  2  a.  a.  O.). 
Eth.  II,  6.  1107,  a,  6:  xctTct  utv  ttjv  ovaiuv  xal  tov  Xöyov  tov  ti'  r/v 
t'ivui  Xiyovra.  Zu  dem  einfachen  xt  Ioti  verhält  sich  das  xt  r\v  eivai,  wie 
das  Besondere  und  Bestimmte  zum  Allgemeinen  und  Unbestimmten.  Wäh- 
rend das  Ti'  i\v  eivai  nur  die  Form  oder  das  eigentümliche  Wesen  eines 
Dings  bezeichnet,  kann  auf  die  Frage:  xt  ioriv;  auch  durch  Angabe  des 
Stoffs  oder  des  aus  Stoff  und  Form  Zusammengesetzten,  ja  selbst  einer 
blossen  Eigenschaft  geantwortet  werden ;  und  auch  wenn  sie  durch  Angabe 
der  begrifflichen  Form  beantwortet  wird,  muss  die  Antwort  nicht  nothwendig 
den  ganzen  Begriff  der  Sache  umfassen ,  sondern  sie  kann  sich  auch  auf 
die  Gattung  oder  andererseits  auf  die  Artunterschiede  beschränken  (den 
Nachweis  gibt  Schwegler  Arist.  Metaph.  IV,  375  ff.).  Das  xt  ijv  eivai  ist 
mithin  eine  bestimmte  Art  des  ti  Igti  (daher  De  an.  III,  6.  430,  b,  28: 
toi  t(  £oti  xuxu  tö  xt  t]v  elvui,  das  Sein  nach  der  Seite  des  Wesens),  und 
es  kann  desshalb  dieses,  wie  diess  bei  Arist.  sehr  häufig  ist,  in  der  engeren 
Bedeutung  des  xt  f\v  tlvui  gebraucht  werden,  wogegen  das  letztere  niemals 
in  der  umfassenderen  des  xt  io~Ti  steht,  so  dass  es  auch  den  Stoff  oder  die 
blosse  Eigenschaft  oder  das  Allgemeine  der  Gattung,  abgesehen  von  den 
artbildenden  Unterschieden,  bezeichnete.  Ebenso  verhält  sich  auch  das 
livut  mit  dem  Dativ  zu  dem  slvui  mit  dem  Accusativ.  Tb  Xerxq>  eivai 
bezeichnet  den  Begriff  des  Weissen,  to  Xevxbv  eivai  die  Eigenschaft,  weiss 
zu  sein.  Vgl.  Schwegler  a.  a.  O.  370.  Phys.  III,  5.  204,  a,  23  u.  a.  St. 
—  Die  Formel  to  Ti  r\v  eivai  hat  ohne  Zweifel  Aristoteles  aufgebracht: 
nenn  sich  Stilpo  wirklich  ihrer  bedient  hat  (s.  l.Abth.  233,  3),  so  wird  er  sie 
von  ihm  entlehnt  haben.  Auch  das  blosse  xt  r\v  hat  schwerlich  schon  Anti- 
sthenes  zur  Bezeichnung  des  Begriffs  gebraucht;  aus  dem  wenigstens,  was 
1.  Abth.  252,  1  angeführt  wurde,  folgt  diess  nicht.  —  Ausführlich  handeln 
über  das  xt  i\v  eivai  und  die  verwandten  Ausdrücke:  Trendeeenbürg  (der 
diesen  Gegenstand  zuerst  gründlich  untersucht  hat),  Rhein.  Mus.  v.  Niebuhr 
und  Brandis  II  (1828),  457  ff.  De  anima  192  ff.  471  ff.  Histor.  Beitr.  I, 
34  ff.  Schwegler  a.  a.  O.  369  ff.  und  die  von  ihm  weiter  angeführten. 
IIkktlin«,  Mat.  u.  Form  b.  Arist.   47  f. 

1)  Anal.  post.  II,  3.  90,  b,  30.  91,  a,  1:  6oio-[ibg  juev  yüo  tov  t! 
■oti  xal  oraiiig  ...  b  tuev  ovv  boioubg  ri  ioTi  drjXoi.  Ebd.  II,  10,  Anf.  : 
'Qiaubg  ...  Xe'yerui  elvat  Xöyog  tov  Ti  iari.  (Dasselbe  ebd.  94,  a,  11.) 
Top.  VII,  5.  154,  a,  31:  öoiouög  Ioti  Xöyog  b  to  Ti  i\v  elvui  arj/Ltuiviov. 
'■letaph.  V,  8.  1017,  b,  21:  to  xi  r(v  e'ivai  ov  b  Xöyog  boiOfibg,  xal  to?to 
Zell  er,  Philos.  d.  Gr.  II.  Bd.  2.  AHh.3.  Aufl.  14 


210  Aristoteles.  [148] 

dadurch  zu  Stande,  dass  das  Allgemeine  der  Gattung  durch  die 
sämmtlichen  unterscheidenden  Merkmale  näher  bestimmt  wird  l). 
Das  Wesen  der  Dinge  liegt  aber  nach  Aristoteles  nur  in  ihrer 
Form  -) ;  nur  mit  dieser  hat  es  daher  der  Begriff  zu  thun ,  von 
den  sinnlichen  Dingen  als  solchen  dagegen  lässt  sich  kein  Be- 
griff aufstellen3),   und   |   auch  wenn   eine  bestimmte  Beziehung 

ovota  liytTai  ixüarov.  Ebenso  VII,  4.  1030,  a,  6  vgl.  Z.  IG.  b,  4.  c.  5. 
1030,  b,  26.  part.  an.  I,  1.  642,  a,  25.  Arist.  bezeichnet  desshalb  den  Be- 
griff (im  subjektiven  Sinn)  auch  mit  den  Ausdrücken:  ö  löyog  6  vqiCojv 
tt]v  oiaCav  (part.  an.  IV,  5.  678,  a,  34),  6  löyog  6  xt  laxi  kt'ycor  (Metapb. 
V,  13.  1020,  a,  18)  und  ähnliche.  {Aöyog  oder  löyog  rijg  ovaiag  steht 
aber  auch,  der  objektiven  Bedeutung  von  löyog  entsprechend,  für  die  Form 
oder  das  Wesen  der  Dinge  z.  B.  gen.  an.  I,  1.  715,  a,  5.  8.  De  an.  I,  1. 
403,  b,  2.  II,  2.  414,  a,  9  u.  ö.  vgl.  vor.  Anm.)  Der  Sache  nach  gleich- 
bedeutend mit  oQiapbg  steht  ooog  z.  B.  Top.  I,  5,  Auf.:  enri  d'  cinog  (ihv 
löyog  6  to  ii  r\v  elvai  arifinivwv.  c.  4.  101,  b,  21.  c.  7.  103,  a,  25.  Anal, 
post.  I,  3.  72,  b,  23.  II,  10.  97,  b,  26.  Metaph.  VII,  5.  1031,  a,  8.  c.  13. 
1039,  a,  19.  VIII,  3.  1043,  b,  28.  c.  6.  1045,  a,  26.  poet.  c.  6.  1449,  b,  23. 
Das  gleiche  Wort  bezeichnet  aber  auch  im  weiteren  Sinn  jeden  der  beiden 
Satztheile  (Subjekt  und  Prädikat) ,  und  es  ist  insofern  der  stehende  Aus- 
druck für  die  drei  Termini  der  Schlüsse;  Anal.  pri.  I,  1.  24,  b,  16:  bqor 
de  xctlw  tig  or  dtcckverac-  rj  noÖTitOig  u.  s.  w.  c.  4.  25,  b,  32.  c.  10.  30,  b, 
31.  c.  34.  48,  a,  2.  Anal.  post.  I,  10.  76,  b,  35  u.  o. 

1)  Vgl.  S.  206,  1.  207,  1.  Das  Verhältniss  dieser  beiden  Elemente  drückt 
Aristoteles  auch  so  aus,  dass  er  die  Gattung  als  den  Stoff,  die  Artunter- 
schiede als  die  Form  des  Begriffs  bezeichnet,  und  eben  hieraus  erklärt  er 
es,  dass  beide  im  Begriff  Eins  sind.  Die  Gattung  ist  das  an  sich  noch  un- 
bestimmte, welches  erst  im  Artbegriff  seine  Bestimmtheit  erhält,  das  Sub- 
strat (vnoxeiuevov),  dessen  Eigenschaften,  der  Stoff,  dessen  Form  die  unter- 
scheidenden Merkmale  sind.  Das  Substrat  existirt  aber  in  der  Wirklichkeit 
nie  ohne  Eigenschaften,  der  Stoff  nicht  ohne  Form,  die  Gattung  daher  nicht 
ausser  den  Arten,  sondern  nur  in  denselben:  sie  für  sich  genommen  ent- 
hält erst  die  allgemeine  Voraussetzung,  die  Möglichkeit  dessen,  was  in  der 
untersten  Art  zur  Wirklichkeit  kommt;  Metaph.  VIII,  6  vgl.  c.  2.  1043,  a, 
19.  V,  (i.  1016:  a.  25.  c.  28.  1024,  b,  3.  VII,  12.  1038,  a,  25.  X,  8.  K>5S, 
a,  23  vgl.  c.  3.  1054,  b,  27.  Phys.  II,  9,  Schi.  gen.  et  corr.  I,  7.  324,  1>,  6 
(part.  an.  I,  3.  643,  a,  24  gehört  nicht  hicher). 

2)  Vgl.   S.   207,  2.     Weiteres  in  der  Metaphysik. 

3)  S.  S.  209,  1  und  Metaph.  VII,  11.  1036,  b,  28:  toi  yao  xa&olov 
xai  tov  tldovg  6  oQiafiög.  c.  15.  Anf.:  unter  Substanz  versteht  man  bald 
den  löyog  allein,  bald  den  koyog  ovv  irj  vky  ovreiXriu/ue'vog  (das  avvolov). 
öacu  uev  ovv  (sc.  ovalat)  oirto  (im  Sinne  des  avvokov)  le'yovrai,  tovtojv 
fxev  eavi  (f&ooü'  xal  yitQ  ytveoig'    tov   o*e   Xöyov    oix    ecmv   ovrojg    (»an 


[149]  Der  Begriff.  211 

der  Form  auf  den  Stoff  zu  dem  eigentümlichen  Wesen  und 
also  auch  zu  dem  Begriff"  eines  Gegenstandes  mitgehört1),  lässt 
sich  doch  nicht  dieser  sinnliche  Gegenstand  selbst,  sondern  nur 
diese  bestimmte  Weise  des  sinnlichen  Daseins,  nur  die  allge- 
meine Form  des  Gegenstandes,   definiren 2).      Folgt    nun    schon 


(f&tiQto&ctt,'  ovdi  yäg  yfrsOig  (ov  yäg  yiyvsrat  rb  otxiq  tivat  dXXä  to  Trjds  rp 
otxt'a)  ...  diä  tovto  dt  xal  rwv  ovOiwv  twv  tda&rjiwv  twv  xa&*  exaGra  ovfr' 
bgtoubg  ovt"  dnödt&g  töriv,  ort  ügovoiv  vXrpi  yg  r\  (fvOig  toiuvtt)  war' 
tvdf/eo~&ai  xal  tivat  xal  fjri'  dib  (fOagrä  navxa  rä  xad*  txanra  avrcSv. 
ii  ovv  rj  t'  dnödti'iig  rojv  ävayxaicuv  xcti  6  bgtoubg  iniarrjuovixbg,  xal 
ovx  tvdtytrai,  Sazitg  ovd*  imaT^rjv  ort  fiiv  lmaxri^ir\v  ort  <?'  ayvoiav 
li'vac,  äXXä  do£a  rb  toiovtov  ianv  (s.  o.  S.  162),  ovrwg  ovd'  dnödsi&v 
ovd'  ooiOfibv,  dXXä  dö'$a  iorl  tov  h'dt/ofiivov  aXXcog  fyttv,  dfjXov  ort  ovx 
uv  tlr\  avTwv  ovit  änodtigig.  Sobald  man  sie  nicht  mehr  wahrnehme, 
wisse  man  ja  nicht  mehr,  ob  sie  noch  so  seien  wie  man  sie  sich  denke. 
(Hiezu  vgl.  Top.  V,  3.  131,  b,  21.  Anal.  pri.  II,  21.  67,  a,  39.)  c.  10. 
1035,  b,  34:  tov  Xöyov  jufgrj  t«  tov  ti'dovg  fxövov  iorlv,  6  dt  Xöyog  larl 
tov  xa&öXov  '  to  yäg  xvxXqj  tivat  xal  xvxXog  xal  ^ivyrj  ilvai  xal  \pv%r] 
ravTK.  tov  dt  ovvöXov  r\dt),  oiov  xvxXov  rovdl ,  i<üv  xad-txaßTu  Ttvog  1} 
alo&TjTov  rt  votjtov  (Xfyco  dt  VorjTovg  fxtv  otov  TOvg  y.rc&T)[*ccTtxovg,  ' alö- 
d-i]TOvg  dt  oiov  Tovg  yaXxovg  xal  Tovg  ivXivovg  —  auch  die  ersteren  haben 
aber  eine  vXt],  nur  eine  vXrj  vorjrr,  1036,  a,  9  ff.),  tovtchv  dt  ovx  tanv 
bgio/jbg  dXXä  /utTct  ro^atwg  rj  alo'Jriatwg  yvfOQ(£ovrai,  änsi&övTug  (-tu)  d'  ix 
Ttjg  ivTtXtyttag  ov  drjXov  tiÖt£q6v  noTt  tlalv  tj  ovx  tlalv,  äXX'  dt)  Xiyov- 
xai  xal  yvu)Di£oiTai   to>  xaO-oXov  Xoyqj'  ij  <?'   iXt]  ayvojßrog  xafr'   avTT]v. 

1)  Wie  bei  dem  Begriff  des  Hauses  (Metaph.  VII,  15,  s.  vor.  Anm.), 
der  Seele,  der  Axt  (De  an.  I,  1.  403,  b,  2.  II,  1.  412,  b,  11),  des  atfxbv 
(Metaph.  VII,  5  u.  ö.),  überhaupt  bei  allen  Begriffen  von  materiellen  und 
natürlichen  Dingen.  Vgl.  Phys.  II,  9,  Schi.:  wenn  auch  die  materiellen 
Ursachen  den  begrifflichen  oder  Endursachen  dienstbar  sind,  hat  doch  der 
Naturforscher  beide  anzugeben;  laug  dt  xal  lv  tm  Xöyqi  iorl  to  dvayxalor 
(die  physikalischen,  materiellen  Ursachen  gehören  mit  zum  Begriff  der 
Dinge),  ooiaujutro)  yäg  to  igyov  tov  ngitiv,  ort  diaigtaig  Toiadi'  ahrt] 
<f  ovx  eatat,  ti  /urj  ti-ti  ödövrag  Toiovgdi'  ovtol  d"  ov,  ti  jut)  aidrjgovg. 
Iffr«.  yäg  xal  Iv  rw  Xöyoi  h'ia  uögia  (og  vXt]  tov  Xöyov.  Vgl.  Metaph. 
VII,  10.   1035,  a,  1.  b,   14.  c.  11.   1037,  a,   29. 

2)  Wenn  man  einerseits  läugnet,  dass  der  Stoff  zum  Begriff  des  Dings 
gehöre,  andererseits  aber  doch  zugeben  muss,  dass  sich  unzählige  Dinge 
ohne  Angabe  ihres  Stoffes  nicht  definiren  lassen,  so  erscheint  diess  zunächst 
als  ein  Widerspruch.  Aristoteles  sucht  nun  in  der  angeführten  Stelle 
Metaph.  VII,  10  diesem  Widerspruch  dadurch  zu  entgehen,  dass  er  sagt: 
in  solchen  Fällen  werde  doch  nicht  dieser  einzelne,  durch  die  Verbindung 
eines  Artbegriffs  mit  diesem  bestimmten   Stoff    entstandene    Gegenstand  de- 

14* 


212  Aristoteles.  [150] 


* 


hieraus,  dass  sich  der  Begriff  nicht  auf  |  die  sinnlichen  Einzel- 
wesen als  solche  bezieht1),  so  muss  eben  dieses  von  dem  Ein- 
zelnen überhaupt  gelten :  das  Wissen  geht  ja  immer  auf  ein  All- 
gemeines - 1,  auch  die  Wörter,  aus  denen  die  Begriffsbestimmung 
zusammengesetzt  ist,  sind  allgemeine  Bezeichnungen  3) ;  jeder  Be- 
griff umfasst  mehrere  Einzelwesen,  oder  kann  wenigstens  meh- 
rere umfassen 4),  und  wenn  wir  auch  bis  zu  den  untersten  Arten 
herabsteigen,  erhalten  wir  doch  immer  nur  allgemeine  Bestim- 
mungen, innerhalb  deren  sich  die  Einzelwesen  nicht  mehr  der 
Art  nach,  sondern  nur  noch  durch  zufällige  Merkmale  unter- 
scheiden 5).    Zwischen  diesem  Zufälligen  und  den  artbildenden  | 


rinirt,  sondern  nur  seine  Form,  nicht  dieser  Kreis,  sondern  der  Kreis, 
oder  das  xvxXio  tlvcti,  nicht  diese  Seele,  sondern  die  Seele,  das  '/'i'jfjj 
ilvai.  Gelöst  ist  aber  die  Schwierigkeit  damit  freilich  durchaus  nicht. 
Wenn  z.  B.  die  Seele  die  Entelechie  eines  organischen  Leibes  (De  an.  II, 
1),  das  rl  r\v  tlvca  rw  touöös  atifictri  (Metaph.  a.  a.  0.  1035,  b,  16)  ist, 
so  gehört  eben  ein  so  und  so  beschaffener  Stoff  mit  zu  ihrem  Begriff. 

1)  Metaph.  VII,  15.   1039,  b,  27  s.  o.  210,  3. 

2)  S.  o.   161,  4. 

3)  .Metaph.  a.  a.  O.  1040,  a,  8:  nicht  allein  die  sinnlichen  Dinge  lassen 
sich  nicht  definiren,  sondern  auch  die  Ideen;  tojv  yitg  xctd-'  ixaarov  r\ 
Idttt,  cog  (fttol,  xai  /iookjttj.  dvayxalov  d'  £|  ovo/uarojv  slvat  tov  Xöyov' 
bvo/ua  «T  ov  noir\au  o  ooiCöuevog,  äyvioarov  yag  fffr«t.  tcc  dl  xti/ufva 
xoivit  nücsiv.  ävüyxi)  kqcc  vnao/iiv  xcd  ccXXco  t<xvtk'  oiov  ti  Tig  ak  6g(- 
omto,  £ojov  £oe7  la/vbv  r\   Xtvxbv  rj  irsgov  ti  o  xai  äXXio   i  neigen. 

4)  A.  a.  O.  Z.  14  lässt  sich  A.  einwenden:  uq&tv  xtoXitiv  /coglg  idv 
TiüvTu  noXXoTg,  ü/ua  (H  fiivui  tovto)  viiagyuv  (was  bei  der  Begriffsbestim- 
mung wirklich  der  Fall  ist,  s.  o.  207,  1),  und  er  entgegnet  darauf  neben 
anderem  (worüber  Bonitz  z.  d.  St.  z.  vgl.)  Z.  27 :  wenn  auch  ein  Gegen- 
stand der  einzige  in  seiner  Art  sei,  wie  die  Sonne  oder  der  Mond,  so  könnte 
doch  sein  Begriff  immer  nur  solches  enthalten,  bau  tn^  äXXov  lvä£%ETai, 
oiov  iav  '{Tfoog  y£vr\iai  roiovrog,  6r}Xov  ort  tjXiog  iarai'  xotrbg  äga  6 
Xöyog  u.  s.  w.  Aehnlich  De  coelo  I,  9.  278,  a,  8:  gesetzt  es  gäbe  auch  nur 
Kinen  Kreis,  ov&tv  t\ttov  aXXo  iarat  ro  xvxXio  (?vai  xai  rwdf  tw  xvxXoi, 
xai  ti)  /ih'  £/'<)'oc,  ro  fi'  ti'äog  £v  t>~j  vXr\  xcd  tmv  xalh'  exatirov.  Ebd.  1», 
5 :  es  gibt  nur  Eine  Welt,  aber  doch  ist  das  ovgavw  tlvat  und  das  jo<h 
tw  ovpav(p  sivai   zweierlei. 

5)  Metaph.  VII,  10  (s.  o.  210,  3):  6  Xöyog  IotI  tov  xa&oXov.  Anal. 
pOBt.  II,  13.  97,  b,  26:  altl  <T  iarl  nü~g  bgog  xa&6Xov.  Die  Begrifl's- 
bestimmung  lässt  sich  zwar  so  lange  fortsetzen,  bis  alle  Artunterschiede  er- 
schöpft sind,  und  die  TtXtnutu  titaipogu  erreicht  ist,  unter  dieser  bleiben 
dann  aber  immer  noch  die    Einzelwesen,    welche   sich   nicht  mehr   der  Art 


[151]  Der  Begriff.  213 

Unterschieden  liegen  diejenigen  Eigenschaften,  welche  den  Dingen 
einer  gewissen  Art  ausschliesslich  zukommen,  ohne  doch  un- 
mittelbar in  ihrem  Begriff  enthalten  zu  sein;  Aristoteles  nennt 
dieselben  Eigentümlichkeiten  (Yöta)  ');  im  weiteren  Sinne  be- 
fasst  er  aber  unter  diesem  Namen  einerseits  auch  die  artbüden- 
den    Unterschiede    und    andererseits     zufällige    Eigenschaften 2). 


nach  unterscheiden  (m.  s.  hierüber  Metaph.  X,  9.  1058,  a,  34  ff.  und  oben 
207,  1),  und  insofern  ofioitt  sind  (Anal:  post.  II,  1-3.  97,  a,  37.  b,  7),  welche 
aber  doch  immer  eine  Vielheit,  ja  eine  unbestimmte  Vielheit  bilden,  und 
ebendesshalb  nicht  Gegenstand  der  Wissenschaft  und  des  Begriffs  sein  kön- 
nen: Metaph.  III,  4,  Anf. :  stre  yuQ  iir]  sOti  ti  naocc  tc(  xafrs'xaGTct,  rä  St 
xa&txanTtc  K7T6 iqcc ,  twv  J'  dnfiQwv  nwg  ivdfyerou  kctßtlv  liriaTr\^.r\v\ 
vgl.  II,  2.*994,  b,  20  ff.  Top.  II,  2.  109,  b,  14.  Anal.  post.  I,  24.  86,  a, 
3  ff.  und  ebd.  c.  19—21  den  Nachweis,  dass  die  Beweisführung  weder  nach 
oben  noch  nach  unten  in's  unendliche  fortgehen  könne.  Aristoteles  folgt 
hierin  ganz  Plato  ;  s.  1.  Abth.  S.  524,  3.  587,  1.  —  Die  Einzeldinge  be- 
zeichnet Arist.  mit  den  Ausdrücken:  t«  y.a&'  ixctaxu  (oder  y..  sxadrov),  rö 
ägiö/uio  (v  (Metaph.  III,  4.  999,  b,  34.  Kateg.  c.  2.  1,  b,  6  u.  o.  s.  Waitz 
z.  d.  St.),  tcc  TiVa,  ö  ug  civ&Qwnog  u.  s.  w.  (Kat.  a.  a.  0.  1,  4,  b.  Anal, 
post.  I,  24.  85,  a,  34.  Metaph.  VII,  13.  1038,  b,  33),  rode  r«  (Kat.  c.  5. 
3,  b,  10.  Metaph.  IX,  7.  1049,  a,  27  u.  o.  s.  Waitz  zu  d.  St.  der  Kate- 
gorieen),  auch  r«  aro/na  (z.  B.  Kat.  c.  2.  1,  b,  6.  c.  5.  3,  a,  35.  Metaph. 
III,  1.  995,  b,  29;  ebenso  heissen  zwar  auch  die  untersten  Arten,  die  nicht 
wieder  in  Unterarten  zerfallen  —  die  dSiäifoqa  s.  o.  217,  1  —  doch  steht 
in  diesem  Fall,  sofern  diese  Bedeutung  nicht  schon  aus  dem  Zusammenhang 
erhellt,  nicht  r«  ärouu  schlechtweg,  sondern  dropa  ti'dr]  und  ähnliches: 
vgl.  Metaph.  III,  3.  999,  a,  12.  V,  10.  1018,  b,  6.  VII,  8,  Schi.  X ,  8.  9. 
1058,  a,  17.  b,  10.  XI,  1.  1059,  b,  35)  oder  t«  sogara,  weil  sie  beim 
Herabsteigen  vom  Allgemeinsten  zuletzt  kommen  (Metaph.  XI,  1.  1059,  b. 
26.  Eth.  N.  VI,  12.  1143,  a,  29.  33.  De  an.  III,  10.  433,  a,  16.  De  mem. 
c.  2.  451,  a,  26). 

1)  Top.  I,  4.  101,  b,  17  unterscheidet  er  yivog.  XSiov  und  ou/ußeßrjxög: 
nachdem  er  sodann  das  ISiov  wieder  in  den  ooog  und  das  iäiov  im  engern 
Sinn  getheilt  hat,  dennirt  er  das  letztere  c.  5.  102,  a,  17:  i'diov  cT  tarlv 
o  firj  JjjAor  y'tv  rö  ti  i\v  tlvtci,  uovcp  J"  vnäqytt.  xccl  clvTiXKTtjyoQSiTai, 
toü  nouyfiKTog  (sich  als  Wechselbegriff  zu  ihm  verhält),  otov  idiov  uvd-Q(ä- 
nov  rö  yQuuuccTt.XTJg  elvai  Ssxtixov  u.   s.  w. 

2)  Schon  a.  a.  0.  unterscheidet  er  von  dem  dnXöig  löiov  das  nort  rj 
7ioog  ti  \6iov,  und  im  5ten  Buch,  welches  von  der  topischen  Behandlung 
der  Xdia  handelt  (c.  1),  das  i'ihov  xa&'  nvTO  von  dem  ISiov  ngbg  ärsgov, 
das  atl  i'iF.  von  dem  nort  t'ä.  Von  dem  iS.  noog  stsqov  bemerkt  er  aber 
selbst  (129,  a,  32),  und  von  dem  nort  id.  gilt  ohnedem,  dass  es  zu  den 
ovfißeßrjxÖTtt    gehöre,    als   Beispiele    des    id.    xa&    avrö    und    äel    führt    er 


214  Aristoteles.  [152] 

Waa  unter  Einen  Begriff  fällt,  ist,  so  weit  diess  der  Fall  ist, 
identisch  J),  |  was  nicht  unter  Einen  Begriff  fällt ,  verschieden  2) ; 
zur  vollständigen  Identität  gehört  aber  allerdings  auch  Einheit 
des  Stoffes:  solche  Einzelwesen,  zwischen  denen  kein  Artunter- 
schied stattfindet,  sind  doch  noch  der  Zahl  nach  verschieden, 
weil  sich  in  ihnen  derselbe  Begriff  in  verschiedenem  Stoffe  dar- 
stellt 3).  Der  begriffliche  Unterschied  ergibt  in  seiner  Vollendung 
den  conträren,  die  blosse  Verschiedenheit  den  contradictorischen 
Gegensatz.  Denn  conträr  entgegengesetzt  (ivavTiov)  ist  das- 
jenige, was  innerhalb  derselben  Gattung  am  weitesten  von  ein- 
ander abliegt 4) :  |  der  conträre  Gegensatz  ist  nichts  anderes ,  als 

andererseits  wesentliche  Merkmale  an,  wie  £tiiov  cI&kvktov,  Cyov  &vr)i6v, 
t6  ix  ipvx>is  xcd  aai/uarog  avyxtifAtvov  (128,  b,  19.  35.  12t),  a,  2).  Vgl. 
vor.  Anm. 

1)  Arist.  sagt  diess  nicht  mit  diesen  Worten,  aber  es  ergibt  sich  aus 
seinen  Erörterungen  über  die  verschiedenen  Bedeutungen  des  tkvtov.  Top. 
I,  7  (vgl.  VIII,  1.  151,  b,  29.  152,  b,  31)  werden  deren  drei  unterschieden: 
yivei  tuvtov  ist,  was  Einer  Gattung,  ti'dti  ikvtov,  was  Einer  Art  angehört 
(hierüber  vgl.  Metaph.  X,  8.  1058,  a,  18),  KQt&fiü)  tkvtov,  ihv  bvö/uuTu 
nXeito  tu  dt  ngäy/ucc  tv.  Diese  letztere  Art  der  Identität  lässt  sich  wieder 
auf  verschiedene  Weise  ausdrücken:  xvotcuTKTK  uiv  xcu  noÜTiog  orctv   ovö- 

UKTC    rj    0O(0    Tu    TKVTOV    K7IO$0&fj,     XK&K716Q     lf.ICI.TlOV    X(07l((p     XKt,     ftoOJ'     7li- 

Cov  Sinovv  dv&QO)7iu>,  S(vt(qov  <T   otuv  tiö   Iditp,    xkUkjiiq    to  ^uffr^u»?? 

StXTlXOV     KV&QCÜ7T11),    .  .  .     TQITOV     J"     OTttV    <X7l6     TOV     OifjßlßrjXOTOg,      OlOV    TO 

zu&yfjivov  rj  to  txovaixov  Zioxqkto,.  Etwas  anders  wird  Metaph.  V,  9  ein- 
getheilt:  Arist.  unterscheidet  hier  zuerst  die  tkvtk  xktu  av/jßeßrjxog  und 
Tttvtä  x((&'  cevr«,  sodann  das  tkvtov  tlöei  und  KQi&fii»,  welche  beide 
theils  von  dem  ausgesagt  werden,  was  Einen  Stoff,  theils  von  dem,  was 
Ein  Wesen  habe.  (Genauer  X,  3.  1054,  a,  32:  der  Zahl  nach  identisch  sei, 
was  sowohl  dem  Stoff  als  der  Form  nach  Eins  ist.)  Im  allgemeinen  wird 
die  Bestimmung  aufgestellt,  welche  sich  auf  die  obige  leicht  zurückführen 
lässt:  r)  TKVTÖirjg  (VoTTjg  Tig  ianv  rj  nXuövwv  tov  (ivki  rj  otkv  XQT]tki  wff 
nXtloaiv  (wie  in:  kvto  kvto)  tkvtov).  Da  aber  (c.  10.  1018,  a,  35)  die 
Einheit  und  das  Sein  verschiedene  Bedeutungen  haben  können ,  müsse  sich 
die  des   ravtbr,  t-rfoov  u.  s.   f.   nach  der  ihrigen  richten. 

2)  Metaph.  V,  9.  1018,  a,  9:  htq«.  öi  XiyeTca  wv  rj  t«  tidi)  nXtlio  r\ 
rj  vir)  rj  6  Xöyog  Ttjg  oi-oittg'  x«i  bXwg  KVTixdfxtvwg  T(o  tkvtm  Xiynca  t» 
'i-Ttqov.  Ueber  das  iiiiei  und  ytvit,  tTfQov  vgl.  ebd.  X,  8.  V,  10.  1018,  a, 
38  fT.  c.  28.   1024,  b,  9. 

3)  S.  vor.  Anm.  und  212,  5.  Dass  die  individuelle  Verschiedenheit  der 
Dinge  ihren  Grund  im  Stoff  haben  soll,  wird  auch  später  iS.  257  f.  2.  Aufl.) 
noch   gezeigt  werden. 

4)  Diese  Definition  führt  Arist.  Kateg.  c.   6.   0,  a,    17.     Eth.  N.    II,   8. 


[153]  Der  Begriff;  der  Gegensatz.  215 


110S,  b,  33  als  eine  überlieferte  an  (uqilovtuc) ;  Metaph.  X,  4,  Anf.  trägt 
er  sie  jedocb  in  eigenem  Namen  vor,  und  begründet  die  Bestimmung,  dass 
die  Entgegengesetzten  derselben  Gattung  angehören  müssen,  ausdrücklich 
mit  der  Bemerkung:  t«  uh'  yuQ  yt'vti  SiuytQOVTu  ovx  t/ti  hdbv  (ig  «A- 
krjku,  kü'  unv/ti,  nXiov  xul  uovußkriTu  (ein  Ton  und  eine  Farbe  z.  B. 
sind  sich  nicht  entgegengesetzt,  weil  sie  überhaupt  nicht  verglichen  werden 
können,  uav/ußkrjTu  sind).  Dagegen  lesen  wir  Metaph.  V,  10.  1018,  a,  25: 
ivaVtia  kiynui,  tu  t(  utj  Swaxa  u/liu  iw  uinio  nuouvut,  rwv  dict(f>t()6v- 
tü)v  xutu  y&og,  xul  tu  nktToTor  diu(ft?Q0VTu  twv  *r  rw  «i'rw  y&vti,  xul 
tu  nktTöTov  fitutptQovra  Twv  iv  tuvtw  ötxnxio  (dass  die  Ivuvtiu  Einem 
und  demselben  dextixbv  zukommen,  bestätigt  Metaph.  X,  4.  1055,  a,  29. 
De  somno  1.  453,  b,  27),  xal  tu  7ik(7ßTov  öiuff^QoiTu  t<üv  inb  ttjv  uvttjv 
Svvauiv,  xal  iLv  fj  dmyoQu  utyioir\  rj  unklug  rj  xura  ysvog  rj  xut'  tMog. 
tu  (V  cikku  ivuvTiu  ke'yiTui  tu  uh'  rw  tu  toiuvtu  f/sn;  tu  tft  t<o  öfx- 
Ti/.u  ft'vut  tw  toiovtwv  u.  s.  w.  (Dieses  auch  X,  4.  1055,  a,  35.)  Auch 
Kateg.  c.  11,  Schi,  heisst  es:  uvüyxrj  3h  ttuvtu  tu  Ivuvtiu  rj  lr  tm  uvtw 
yivti  (hui  (wie  weiss  und  schwarz),  Tj  tv  Toig  tvuvTi'oig  yiveotv  (wie  ge- 
recht und  ungerecht),  rj  uvtu  yivr\  dvui  (wie  gut  und  böse).  Aehnliches  führt 
Simpl.  in  Categ.,  Schol.  84,  a,  6  (Ar.  Fr.  117)  aus  der  Schrift  n,  ''Avrixdfxtvoiv 
an,  über  welche  S.  74,  2  zu  vergleichen  ist.  Die  reifere  und  richtigere 
Darstellung  ist  aber  die  Metaph.  X  (gut  und  böse  z.  B.  könnten  sich  nicht 
entgegengesetzt  sein,  wenn  sie  nicht  unter  denselben  Gattungsbegriff,  den 
des  sittlichen  Verhaltens,  fielen),  und  Aristoteles  selbst  führt  (1055,  a,  23  ff.) 
die  früheren  Bestimmungen  auf  den  hier  aufgestellten  Begriff  des  Ivuvtiov 
zurück.  Nur  aus  diesem  erklärt  sich  auch  der  Grundsatz  (Metaph.  III,  2. 
996,  a,  20.  IV,  2.  1004,  a,  9.  1005,  a,  3.  XI,  3.  1061,  a,  18.  An.  pri.  I, 
36.  48,  b,  5.  De  an.  III,  3.  427,  b,  5.  u.  o.  s.  Bonitz  u.  Schwegler  zu 
Metaph.  III,  2  a.  a.  O.):  tivv  ivuvTiojv  uiu  IniOTTj^irff  Dieselbe  Wissen- 
schaft ist  die,  welche  es  mit  Dingen  derselben  Guttung  zu  thun  hat;  was 
verschiedenen  Gattungen  angehört,  wie  Ton  und  Farbe ,  fällt  insofern  auch 
unter  verschiedene  Wissenschaften.  Vgl.  a.  a.  O.  1055,  a,  31.  Aus  jenem 
Begriff  des  h'uvTiov  wird  ferner  (a.  a.  O.  1055,  a,  19  vgl.  De  coelo  I,  2. 
269,  a,  10.  14.  Phys.  I,  6.  189,  a,  13)  der  Satz  abgeleitet,  dass  jedem  nur 
Eines  conträr  entgegengesetzt  sein  könne.  Zwischen  conträr  Entgegen- 
gesetzten können  unbestimmt  viele  Zwischenglieder  in  der  Mitte  liegen, 
welche  dann  aus  ihnen  zusammengesetzt  sind  (wie  die  Farben  aus  hell  und 
dunkel) ;  doch  finden  sich  solche  Mittelglieder  nicht  zwischen  allen,  sondern 
nur  zwischen  denen,  von  welchen  dem  dafür  empfänglichen  Subjekt  nicht 
nothwendig  das  eine  oder  das  andere  zukommt,  bei  welchen  ein  allmählicher 
Uebergang  von  dem  einen  zu  dem  anderen  stattfindet  (Metaph.  X,  7.  Ka- 
teg. c.  10.  11,  b,  38  ff.  12,  b,  25  ff.  vgl.  Simpl.  Categ.,  Schol.  in  Ar.  84, 
a,  15  ff.  28  ff.);  wie  es  denn  hauptsächlich  die  Veränderungen  in  der  Natur 
sind,  welche  Aristoteles  bei  der  Lehre  vom  tvuvTiov  im  Auge  hat,  denn 
jede  Veränderung  ist  Uebergang  aus  einem  Zustand  in  den  entgegengesetzten ; 


216  Aristoteles.  [153.  154J 

der  absolute  Art  unterschied  J).  In  eontradictorischem  Gegensatz 
stehen  dagegen  diejenigen  Begriffe,  welche  sich  zu  einander  als 
Bejahung  und  Verneinung  verhalten2),  zwischen  denen  daher 
nichts  in  der  Mitte  Hegt3),  und  von  denen  jedem  gegebenen 
Gegenstand  der  eine  |  oder  der  andere  zukommen  muss 4) ;  diese 
Art  des  Gegensatzes  entsteht,  mit  anderen  Worten,  wenn  alles 
das,  was  in  einem  Begriff  nicht  enthalten  ist,  in  einem  vernei- 
nenden Ausdruck 5)  zusammengefasst,  die  Gesammtheit  der  mög- 
lichen Bestimmungen  nach  ihrer  Identität  oder  Verschiedenheit 
mit  einer  gegebenen  Bestimmung  getheilt  wird.  Zwischen  dem 
conträren  und  dem  contradictorischen  Gegensatz  steht  nach 
Aristoteles  der  des  Besitzes  und  der  Beraubung c) ;  indessen  will 
es  ihm  nicht  recht  gelingen,  den  Unterschied  dieses  Verhält- 
nisses von  den  beiden   anderen  festzustellen 7).     Als  eine  vierte 


Phys.  V,  3.  220,  b,  2.  6.  I,  4.  187,  a,  31.  c.  5.  188,  a,  31  ff.  gen.  et  corr. 
I,  7.  323,  b,  29.  —  Der  obigen  Definition  des  eidti  ivarrtov  entspricht  die 
des  ivarrtov  xaru  x'itov  Meteor.  II,  6.  363,  a,  30 ;  Phys.  V,  3.  226,  b,  32. 
—  lieber  die  richtige  sprachliche  Formulirung  der  Gegensätze  handelte  die 
Schrift  n.  'AvviXBifiivtav  (s.  o.  74,  2.)  Simpl.  a.  a.  0.  83,  b,  39  ff.  (Ar.  Fr.  116. 

1)  Die  diayonä  riktiog  Metaph.  X,  4.  1055,  a,  10  ff.  22  ff.  Da  dieser 
Gegensatz  nur  zwischen  den  abstrakten  Begriffen,  nicht  zwischen  konkreten 
Dingen  stattfindet,  wollte  die  Schrift  n.  'AvTtXHjLtivtov  nur  solche  Begriffe 
(z.  B.  (ppovTjOig  und  äqooovvr))  ankoig  ?vavr(a  genannt  wissen,  nicht  aber 
das  daran  thcilhabende  (wie  qQoviuog  und  uqQwv).  Simpl.  a.  a.  O.  83,  b, 
24  ff.  vgl.  Plato   Phitdo   103,  B. 

2)  Die  stehende  Bezeichnung  für  diese  Art  der  Entgegensetzung  ist  da- 
her: tos  y.uTtiqa(Hg  xal  anotpaatg  dvTtxei<t&eu ;  bei  den  Urtheilen  (s.  u.) 
heisst  sie  ccvriif artig,  und  unter  demselben  Namen  wird  Phys.  V,  3.  227. 
a,  8.  Metaph.  IV,  7,  Anf.  V,  10,  Anf.  auch  der  Gegensatz  der  Begriffe 
mitbefasst. 

3)  Metaph.  IV,  7.  XI,  6.  1063,  b,  1«.  Phys.  a.  a.  O.  vgl.  was  S.  220 
über  das  contradictorische  Urtheil  zu  sagen  sein  wird;  die  Art  der  Ent- 
gegensetzung ist  nämlich  dort  dieselbe,   wie  hier;  Kat.  c.   10.  12,  b,    10. 

4)  Kateg.  c.   10.  11,  b,   16  ff.   13,  a,  37  ff.   Metaph.  X,  1057,  a,  33. 

5)  Einem  övotua  oder  $ijuu  döoMiTor;  s.  u.  S.  221,  4. 

(i)  ifftf  und  (jTtor](Jtg,  z.  B.  sehend  und  blind.  Zum  folgenden  vgl. 
I  i.km.i.i.i.m:i  im.    Hist.  Beitr.  I.  103   ff. 

7)  Metaph.  V,  22  (und  hierauf  zurückweisend  X,  4.  1055,  b,  3)  unter- 
scheidet A.  drei  Bedeutungen  der  ar^QTjOig:  1)  av  fit]  f/ij  ti  tsüv  nMfv- 
x6tü)v  t/eoüai,  xäv  [iT]  uuto  i\v  neqvxog  sxin'i  0l0V  (fVTbv  o/jfiärotv 
{<ntQ7io{>tti  kiyaat.  2)  av  nsipvxog  ?£Ety,  f)  avro  rj  ro  yt'rog,  tur}  fyy; 
3)   av  nt(f  vxug  xal  ort   ntqvxiv  tytiv  fir\  t'/tj.      Allein    in   der    ersten    Be- 


T154.  155]  Der  Begriff;  der  Gegensatz.  217 

Art  der  Entgegensetzung  j  wird   die   der   Verhältnissbegrifte   an- 


deutung  wäre  die  Privation  gleichbedeutend  mit  der  Negation  (blind  = 
nichtsehend) ,  und  es  könnte  von  den  xctra  OTfQtjOiv  v.ul  e£tv  entgegen- 
gesetzten gesagt  werden,  was  auch  nach  Kat.  c.  10.  13,  b,  20  ff.  (freilich 
den  Postprädicamenten)  nicht  von  ihnen  gesagt  werden  kann,  jedes  Ding 
sei  entweder  das  eine  oder  das  andere  von  ihnen  (entweder  sehend  oder 
blind),  das  Verhältniss  der  arsQrjaig  und  £|t?  würde  sich  mithin  auf  das  der 
ävrtifaois  zurückführen.  Bei  den  zwei  andern  Bedeutungen  ist  diess  aller- 
dings nicht  der  Fall,  denn  bei  ihnen  drückt  die  aTtQtjaig,  wie  auch  Metaph. 
IV,  12.  1019,  b,  3  ff.  zugegeben  wird,  selbst  wieder  etwas  positives,  eine 
Art  'il-ig  aus ;  dafür  fällt  aber ,  wenn  wir  die  Beraubung  in  diesem  Sinn 
nehmen,  ihr  Gegensatz  gegen  die  ei-ig  unter  den  Begriff  des  Ivavrior.  Der 
Unterschied  beider  wird  in  den  Postprädicamenten,  Kat.  c.  10.  12,  b,  26  ff". 
darin  gefunden,  dass  von  den  kvctVTia,  wenn  es  zwischen  ihnen  kein  Mitt- 
leres gebe  (wie  zwischen  gerade  und  ungerade),  nothwendig  jedem  dafür 
empfänglichen  Ding  das  eine  oder  das  andere  zukommen  müsse  (jede  Zahl 
ist  entweder  gerade  oder  ungerade);  wenn  es  dagegen  ein  Mittleres  zwischen 
ihnen  gebe,  diess  niemals  der  Fall  sei  (es  kann  nicht  gesagt  werden:  jedes, 
was  für  die  Farbe  empfänglich  ist,  muss  entweder  weiss  oder  schwarz  sein); 
bei  der  ctTfQt]Otg  und  egig  dagegen  finde  weder  das  eine  noch  das  andere 
statt:  man  könne  nicht  sagen,  ,. jedem  dafür  Empfänglichen  muss  das  eine 
oder  das  andere  der  Entgegengesetzten  zukommen",  denn  es  könne  eine  Zeit 
geben,  wo  ihm  noch  keins  von  beiden  zukomme,  rb  ycto  [Arjnw  necf/vxbg 
oijjiv  '(/ttv  ovts  Tvqkbv  ovre  bipiv  f/ov  leyerctc;  man  könne  die  so  Ent- 
gegengesetzten aber  auch  nicht  zu  dem  rechnen,  zwischen  dem  es  Mittel- 
glieder gebe,  urav  yuo  i]Sr\  nnfivv.bg  /)  mfjtv  f/t<v,  rore  i]  Tvtpkbv  rj  bipiv 
tyov  br]&r}(J£T(u.  Allein  so  lange  etwas  noch  nicht  nstpvxbg  bxpir  %%uv  ist, 
ist  es  eben  auch  noch  kein  arv.Tiv.bv  brpecog,  dieser  Fall  gehört  also  gar 
nicht  hieher,  und  andererseits  liegt  zwischen  dem  Besitz  und  der  Beraubung 
allerdings  vieles  in  der  Mitte,  nämlich  alle  Grade  des  theilweisen  Besitzes: 
es  gibt  nicht  blos  Sehende  und  Blinde,  sondern  auch  Halbblinde.  Ein  wei- 
terer Unterschied  der  Ivavrfa  von  dem  xnrä  GTtQrjOiv  xal  Vl-iv  entgegen- 
gesetzten soll  (Kat.  c.  10.  13,  a,  IS)  darin  liegen,  dass  bei  jenen  der  Ueber- 
gang  von  dem  einen  zum  andern  gegenseitig  sei  (das  Weisse  kann  schwarz 
und  das  Schwarze  weiss  werden),  bei  diesen  nur  einseitig,  vom  Haben  zur 
Beraubung,  nicht  umgekehrt.  Diess  ist  aber  gleichfalls  nicht  richtig:  es 
kann  nicht  blos  der  Sehende  blind  oder  der  Reiche  arm,  sondern  auch  der 
Blinde  sehend  und  der  Arme  reich  werden,  und  wenn  diess  nicht  in  allen 
Fällen  möglich  ist,  so  gilt  das  gleiche  auch  von  den  h'ccvria:  es  kann  auch 
nicht  jeder  Kranke  gesund,  alles  Schwarze  weiss  werden.  Für  das  logische 
Verhältniss  der  Begriffe  wäre  dieser  Unterschied  überdiess  ganz  unerheblich. 
Endlich  wird  Metaph.  X,  4.  1055,  b,  3.  7.  14  bemerkt:  die  at^Qrtaig  sei  eine 
Art  der  avriff.aaiq,  nämlich  die  uvx iifaaig  tv  rw  öixtixm,  die  ivavTiOTTjg 
eine  Art  der  OTtorjoig  (so  auch  XI,  6.   1063,   b,  17),  so  dass  demnach  diese 


218  Aristoteles.  [155.  156] 

geführt1).  Von  allen  diesen  |  Arten  der  Entgegensetzung  gilt 
der  Satz,  dass  das  Entgegengesetzte  unter  dieselbe  Wissenschaft 
falle   i. 


drei  Begriffe  eine  Stufenfolge  vom  Höhereu  zum  Niederen  bilden  würden. 
Auch  diess  kann  man  aber  nur  dann  sagen,  wenn  der  Begriff"  der  (n('p»jffi; 
nicht  genauer  bestimmt  wird;  sobald  diess  geschieht,  fällt  das  Verhältniss 
der  ortotjOig  und  ?£<?  entweder  unter  die  avTlqaOig  oder  unter  die  tvccv- 
ti6ti]s.  Auf  die  letztere  führt  auch  Anal.  post.  I,  4.  73,  b,  21 '.  tan  yaq 
to  ivavrtov  fj  OTtQr\atg  rj  uvrltpaGig  tv  no  avrcp  yt'vti,  oiov  kotiov  to  tur 
TteotTTov  tv  ägid-ftoig;  denn  um  ein  ivavTiov  sein  zu  können,  muss  die 
GTioi]Gig  einen  positiven  Begriff  ausdrücken,  und  zwar  nicht  blos  indirekt, 
wie  die  uvTiifctnic,  von  der  sie  ja  hier  unterschieden  wird.  Das  gleiche  gilt 
von  Stellen,  wie  Metaph.  VII,  7.  1033,  a,  7  ff.,  wo  das  Kranke,  nach  an- 
dern Stellen  das  ivttvrtov  des  Gesunden,  als  seine  OTto^aig  angeführt  ist; 
ebd.  XII,  4.  1070,  b,  11  :  u>g  utv  *?(5o?  ycth(ci  TtSv  goj/lkxtwv^  to  Stoubv 
xul  äklov  TQüTiov  to  ifjvxgov  i]  GTfQTjOig,  denn  das  Kalte  bildet  zum  War- 
men einen  conträren  Gegensatz,  und  wenn  es  ein  ti'äog  ist,  kann  es  keine 
blosse  Verneinung  sein;  wird  es  daher  auch  mit  andern  analogen  Begriffen 
für  eine  solche  ausgegeben  (z.  B.  De  coelo  II,  3.  286,  a,  25),  so  erkennt 
doch  Arist.  selbst  anderswo  an,  dass  es  in  gewissen  Fällen  eine  natürliche 
Eigenschaft,  kein  blosser  Mangel  sei  (part.  an.  II,  2.  649,  a,  18),  und  dass 
es  die  Kraft  habe,  zu  wirken  (gen.  et  corr.  II,  2.  329,  b,  24),  die  einer 
blossen  OTt'orjGtg  unmöglich  zukommen  kann.  Vgl.  Tkendelenburg  a.  a.  O. 
107  ff.  Strümpell  Gesch.  d.  theor.  Phil.  227  f.  —  Von  der  GTiorjGig  und 
'i£iS  hatte  auch  die  Schrift  tt.  ,AvTixttitivo)v  gehandelt;  Si.mpl.  Schol.  in 
Ar.  86,  b,  41.  87,  a,  2  (Ar.  Fr.  ll'J).  Ueber  die  metaphysische  Bedeutung 
der  GT^QTjaig  und  ihr  Verhältniss  zur  vkt]  wird  später  zu  sprechen  sein. 

1)  Kat.  c.  10.  11,  b,  17.  24  ff.  Top.  II,  2.  109,  b,  17.  c.  8.  113,  b,  15. 
114,  a,  13.  V,  6.  135,  b,  17.  Metaph.  X,  4.  1055,  a,  38.  c.  3.  1054,  a,  23. 
Wenn  Metaph.  V,  10  noch  zwei  weitere  Formen  der  Entgegensetzung  ge- 
nannt sind,  so  zeigt  Bonitz  z.  d.  St.  Waitz  Arist.  Org.  I,  308,  dass  diese 
unter  die  vier  sonst  allein  genannten  fallen.  Umgekehrt  nennt  Phys.  V,  3. 
227,  a,  7  nur  die  avrltpaaig  und  ivarTioTrjg.  Beispiele  solcher  Verhält- 
nissbegrift'e  (Kat.  a.  a.  O.  und  c.  7.  Metaph.  V,  15)  sind:  das  Doppelte 
und  das  Halbe,  überhaupt  das  Vielfache  und  sein  Theil,  das  vnfot'xov  und 
i ' ntntyouivov ;  das  Wirkende  und  das  Leidende;  das  Messbare  und  das 
Mass,  das  Wissbare  und  das  Wissen. 

2)  S.  S.  215  m.,  und  was  die  Ausdehnung  des  obigen  Satzes  auf  alle 
ävrixeifttva  betrifft,  Metaph.  IV,  2.  1004,  a,  9.  Top.  I,  14.  105,  b,  33.  II, 
2.  109,  b,  17.  VIII,  1.  155,  b,  30.  c.  13.  163,  a,  2.  Die  Begründung  dieses 
Satzes  liegt  im  allgemeinen  darin,  dass  von  den  Entgegengesetzten  keines 
ohne  das  andere  gewusst  werden  kann,  dieses  selbst  aber  hat  in  den  \>r- 
schiedenen  Fällen  verschiedene  Ursachen:  beim  contradictorischen  Gegen- 
satz rührt  es  daher,   dass  der  negative    Begriff    Non  =  A    den    positiven  A 


[156.  157]  Das  Urtheil.  210 

Die  Begriffe  für  sich  genommen  geben  aber  noch  keine 
Rede,  sie  sind  weder  wahr  noch  falsch  •  eine  bestimmte  Aussage, 
und  ebendamit  Wahrheit  und  Irrthum,  findet  sich  erst  im  Satze  J). 
Durch  die  Verbindung  des  Nennworts  mit  dem  Zeitwort,  der 
Subjekts-  und  der  Prädikatsbezeichnimg  8) ,  erhalten  wir  eine 
Rede  (koyog)  3) ;  hat  diese  Rede  die  Form  der  Aussage ,  wird  in 
ihr  etwas  bejaht  oder  verneint,  so  entsteht,  im  Unterschied  von 
anderen  Redeweisen4),  der  Satz5;,  oder  das  Urtheil  {anotpav- 
oig)6),  als  dessen  |  Grundform  Aristoteles  das  einfache  kate- 
gorische Urtheil  betrachtet7).  Ein  Urtheil  ist  wahr,  wenn  das 
Denken,  dessen  innere  Vorgänge  durch  die  Sprache  bezeichnet 
werden  ö),  dasjenige  für  verknüpft  oder  getrennt  hält,  was  in  der 


unmittelbar  voraussetzt  und  enthält,  bei  den  Correlatbegriffen  daher ,  dass 
sie  sich  gegenseitig  voraussetzen,  beim  conträren  Gegensatz  und  bei  der 
<jt  forjaig  und  c'ftff,  so  weit  sie  unter  diesen  fällt,  daher,  dass  die  Kennt- 
niss  der  entgegengesetzten  Artunterschiede  die  der  gemeinsamen  Gattung 
voraussetzt. 

1)  S.  o.  S.  191.     De  interpr.  c.  4.  c.  5.  17,  a,   17.     Metaph.  VI,  4  vgl. 

1.  Abth.  S.  527,  5.  528,   1. 

2")  M.  s.  über  övoua  und  orj/uu,  welches  letztere  aber  Copula  und  Prä- 
dikat zugleich  in  sich  begreift,  De  interpr.  c.  1.  16,  a,  13.  c.  2.  3.  c.  10. 
19,  b,  11.  Poet.  c.  20.  1457,  a,  10.  14.  Rhet.  III,  2.  1404,  b,  26.  Auch 
diess  ist  platonisch;  s.   1.  Abth.  527,   5.   532,  2. 

3)  De  interpr.  c.  4.  Rhet.  a.  a.  O. 

4)  Wie  Wunsch,  Bitte  u.  s.  w.  Die  Frage  wird  Anal.  pr.  I,  1.  24,  a, 
22.  Top.  I,  10.  104,  a,  8  (vgl.  Waitz  Arist.  Org.  I,  352)  zwar  unter  den 
Begriff  der  noöraoig  gestellt,  aber  als  ngoTccoig  diukexTixrj  von  der  ano- 
Stixxixr]  so  unterschieden,  dass  diese  ).rjipcg  &cct('oov  uoqi'ov  irjg  ävTMfu- 
afwg  sei,  sie  dagegen  towTTjOig  ävTUfüatwg.  Aehnliche  Definitionen  der 
TiQOTaaig  De  interpr.  11.  20,  b,  23.  Anal.  post.  I,  2.  72,  a,  8  vgl.  soph. 
el.  6.  169,  a,  8.  14. 

5)  ngöraois;  über  den  Ausdruck  vgl.  m.   Biese   Phil.  d.  Arist.  I,   128. 

2.  Waitz  Arist.  Org.  I,   368.  Bonitz  Ind.  ar.  651,   a,  33  ff. 

6)  De  interpr.  c.  4.  17,  a,  1.  Anal.  pr.   I,   1.  24,  a,   16. 

7)  De  interpr.  c.  5.  17,  a,  20:  r)  y,iv  anlfj  toriv  unöifitvoig  ...  rj  äk 
ix  Tovrwr  oiyxnfiivT]  .  . .  iarc  Ji  r\  utv  dnirj  ancxfuvaig  (fwvrj  arjuarrixl] 
.Tfpi   tüv   inuqytiv  Tt  r\  fit)   vnünytir,  aig  ot  /ouvoi  d'iijQTjvTac. 

8)  Ueber  die  Sprache  als  ovußokov  twv  tv  t7j  t/u'/jj  nad-r] /jktwv  s.  m. 
De  interpr.  c.  1.  16,  a,  3.  c.  2,  Anf.  c.  4.  1",  a,  1.  soph.  el.  c.  I.  165,  a, 
6.  De  sensu  c.  1.  437,  a,  14.  Rhet.  III,  1.  1404,  a,  20.  Die  Vorgänge  in 
der  Seele,  welche  die  Worte  ausdrücken,  sind  nach  diesen  Stellen  bei  allen 
Menschen    die   gleichen,    ihre    sprachliche    Bezeichnung    dagegen    ist    Sache 


22li  Aristoteles.  [157] 

Wirklichkeit  verknüpft  oder  getrennt  ist,  falsch,  wenn  das 
Gegentheil  stattfindet1).  Der  ursprünglichste  Unterschied  unter 
den  Urtheilen  ist  daher  der  der  bejahenden  und  der  verneinen- 
den '-').  Jeder  Bejahung  steht  eine  Verneinung  gegenüber,  welche 
mit  ihr  einen  abschliessenden  (contradictorischen)  Gegensatz 
(aviiwaaig)  bildet,  so  dass  entweder  die  eine  oder  die  andere 
wahr  sein  muss,  und  kein  drittes  möglich  ist3);  daneben  stehen 
aber  gewisse  bejahende  Sätze  zu  j  gewissen  verneinenden  (die 
allgemein  bejahenden  nämlich  zu  denen,    welche  das  gleiche  all- 

der  Uebereinkunft  und  desshalb  bei  verschiedenen  verschieden,  wie  die 
Schriftzeichen. 

1)  Metaph.  VI,  4.  IX,  1,  Anf. 

2)  De  interpr.  c.  5,  Anf. :  tart,  öi  sig  TTQwrog  ).öyog  änocpccvTixbg  xarä- 
yaaig  tl'Ta  dnötf-ttßis'  oi  d"  äki.oi  nävTtg  avvdtapqi  tig.  Weiteres  ebd. 
c.  5.  6.  Anal.  pr.  I,  1.  24,  a,  16.  Anal.  post.  I,  25.  86,  b,  33.  Die  nnö- 
raoig  xaTttwccTixi)  heisst  auch  xHTTjyonixr),  die  ccnooictTixi]  auch  ajtQrjTixi], 
Anal.  pr.  I,  2.  c.  4.  26,   a,  18.  31.  c.  6.   28,  a,  20.  b,  6.   15.  c.   13.  32,  b,  1. 

3)  De  interpr.  c.  6.  c.  7.  17,  b,  16.  Anal.  post.  I,  2.  72,  a,  11:  dnö- 
tf-avotg  6t  ävTHj üoeoüg  önoTtooiovv  [xÖQior.  ürTiqaaig  dt  clvTt&taig  tjg 
ovx  tari  uETag~v  xa#'  uvirjv.  /xoqiov  d"  ctVTUjtxotwg  to  ptv  tl  xarit  rirog 
XttTi'cqctatg,  to  d\  ri  anö  nvog  unöftaaig.  Weiteres  S.  216,  2.  3.  Ueber 
den  Satz  des  Widerspruchs  und  des  ausgeschlossenen  Dritten  wird  später 
noch  weiter  zu  sprechen  sein.  Eine  Ausnahme  von  der  obigen  Regel  machen 
nach  De  interpr.  c.  9  solche  Disjunktivsätze,  welche  sich  auf  einen 
zukünftigen  Erfolg  beziehen,  der  zufällig  ist  oder  vom  freien  Willen  abhängt. 
Von  ihnen  kann  man.  wie  hier  bemerkt  wird,  überhaupt  nichts  vorher  sagen, 
weder  dass  sie  eintreten,  noch  dass  sie  nicht  eintreten  werden,  von  ihnen 
gilt  (gen.  et  corr.  II,  11.  337,  b,  3)  nur  ort  utkkti,  aber  nicht  ort  (orai, 
denn  dieses  schliesst  die  Möglichkeit  des  Andersseins  aus ;  es  ist  daher  bei 
ihnen  nur  der  disjunktive  Satz  wahr:  „sie  werden  entweder  eintreten  oder 
nicht  eintreten,"  von  den  zwei  kategorischen  Sätzen  dagegen:  ,,sie  werden 
eintreten'",  und:  ,,sie  werden  nicht  eintreten",  keiner.  Die  letztere  Behaup- 
tung hat  für  uns  etwas  auffallendes;  wir  würden  eher  sagen,  die  eine  von 
beiden  Aussagen  sei  wahr,  nur  erfahre  man  erst  durch  den  Erfolg,  weicht'. 
Allein  Arist.  betrachtet  nur  diejenige  Aussage  als  wahr,  welcher  die  Wirk- 
lichkeit entspricht;  da  nun  diese  in  dem  angenommenen  Fall  selbst  noch 
unbestimmt  ist,  kann  nichts  bestimmtes  mit  Wahrheit  von  ihr  ausgesagt 
werden :  wenn  es  gleich  möglich  ist,  dass  etwas  geschieht  und  dass  es  nicht 
geschieht,  so  ist  die  Behauptung ,  es  werde  geschehen ,  weder  wahr  noch 
falsch,  sondern  sie  wird  das  eine  oder  das  andere  erst  dadurch,  dass  ein 
ihr  entsprechender  oder  widersprechender  Thatbestand  eintritt.  Vgl.  SimpL. 
Categ.  103,  ß  Bas.:  nach  peripatetischer  Lehre  sei  nur  der  üisjunktivsatz 
wahr,  „A  wird  entweder  sein  oder  nicht   sein";    welcher   Theil    dieser    Dis- 


[158]  Das  Urtheil.  221 

gemein  verneinen)  in  dem  Verhältniss  des  conträren  Gegen- 
satzes, welcher  einen  dritten  möglichen  Fall  nicht  ausschliesst 1). 
Eine  reine  Darstellung  dieser  Verhältnisse  dürfen  wir  aber  frei- 
lich bei  Aristoteles  nicht  erwarten.  Da  er  die  Copula  noch  nicht 
bestimmt  vom  Prädikat  unterscheidet 2),  weiss  er  auch  die  rich- 
tige Beziehung  der  Negation  noch  nicht  zu  finden :  er  spricht  es 
nirgends  aus,  dass  sie  in  Wirklichkeit  nur  der  Copula  gilt,  nur 
die  Verbindung  des  Subjekts  mit  dem  Prädikat,  nicht  das  Sub- 
jekt oder  Prädikat  selbst  verneint3),  und  im  Zusammenhang 
damit  führt  er  die  Sätze  mit  negativem  Prädikat  oder  Subjekt 
als  eine  besondere  Form  auf4),  während  dazu  doch  eigentlich 
kein  Grund  vorliegt5).  | 


junktion  dagegen  wahr,  welcher  falsch  sein  werde,  aXr\mov  tivai  rrj  (pvoei 
xal  uaraTov.  Alle  derartigen  Aussagen  daher  rjöt]  [xlv  ovx  tariv  r\  nXr\(hrt 
rj  ipevdij  6ffr«t  dt  t?  rot«  rj  toi«.  —  Zu  der  Aporie,  welche  Arist.  a.  a.  O. 
erörtert,  haben  ihm  wohl  die  Megariker  den  Stoff  geliefert;  vgl.  1.  Abth. 
220,    1. 

1)  De  interpr.  c.  7.  17,  b,  20  vgl.  was  S.  214  über  die  Ivkvtiotijs  be- 
merkt wurde.  Auch  die  partikulär  bejahenden  und  partikulär  verneinenden 
Sätze,  welche  sich  nach  späterer  Terminologie  subeontrarie  entgegengesetzt 
sind,  werden  Anal.  pr.  II,  8.  59,  b,  10  zu  den  ZvctVTiwg  avTixslfxsvai  ge- 
rechnet; A.  bemerkt  jedoch  (c.  15,  Anf.),  sie  seien  diess  nur  den  Worten, 
nicht  der  Sache  nach. 

2)  S.  o.  219,  2.  De  interpr.  c.  10.  19,  b,  19  wird  nun  allerdings  auch 
der  Fall  in's  Auge  gefasst,  brav  to  soti  tqitov  7toogxaTr]yoQfJTc<i ,  wie  in 
dem  Satz  %axi  öt'xaiog  av&QU)7iog.  Diess  bezieht  sich  aber  nicht  auf  die 
Trennung  der  Copula  vom  Prädikat,  sondern  nur  darauf,  dass  in  den  Exi- 
stentialsätzen:  sßtiv  avd-QConog ,  ovx  toriv  cc.  u.  s.  w.  das  Subjekt  durch 
ein  adjektivisches  Epitheton  erweitert  sein  kann ,  welches  sich  seinerseits 
wieder  affirmativ  (dCxuiog  «.)  oder  negativ  (ov  Stxaiog  «.)  fassen  lässt: 
t-OTi  JYx.  t'(.  heisst :  es  gibt  einen  gerechten  Menschen ,  was  etwas  anderes 
ist,  als:  avd-Qwnog  Sixcuog  tori,,  der  Mensch  ist  gerecht.  Dass  jeder  Satz, 
selbst  der  Existentialsatz,  logisch  betrachtet  aus  drei  Bestandtheilen  besteht, 
sagt  A.  nirgends,  und  die  Schrift  7r.  'EQfirjVftag  nimmt  ihre  Beispiele  sogar 
mit  Vorliebe  von  den  zweitheiligen  Existentialsätzen  her. 

3)  Anal.  pr.  I,  46,  Anf.  c.  3.  25,  b,  19  zeigt  er  wohl,  dass  zwischen 
«17  iivut,  Todi  und  tivcu  firj  tovto,  fii]  tivai  Xsvxöv  und  dvcu  fit]  Xsvxov 
ein  Unterschied  sei,  indem  die  Sätze  der  letzteren  Art  die  Form  bejahen- 
der Sätze  haben,  aber  den  eigentlichen  Grund  davon  deckt  er  nicht  auf, 
auch  nicht  De  interpr.   c.  12,  worauf  Brandis  S.  165  verweist. 

4)  De  interpr.  c.  3.  16,  a,  30.  b,  12  sagt  er:  ovx-ccv&Qwnog  sei  kein 
ovo/ta,  ov/-iyiaivii  kein  qtjuu,  will  dann  aber  jenes  ovo/nn  dogiarov,  dieses 


222  Aristoteles.  ['59] 

|  "Weiter  zieht  Aristoteles  die  Quantität  der  Urtheile  in  Be- 
tracht, indem  er  zunächst  zwischen  den  auf  eine  Mehrheit  und 
den  auf  Einzelne  bezüglichen,  und  sodann  unter  den  ersteren 
zwischen  den  allgemeinen  und  den  partikulären,  im  ganzen  also 
zwischen  allgemeinen,  partikulären  und  individuellen  Urtheilen 
unterscheidet l).  Auch  hier  drängt  sich  aber  in  den  sogenannten 
unbestimmten  Urtheilen  eine  Kategorie  ein,  Avelche  eigentlich 
nicht  die  logische  Form  der  Gedankenverknüpfung,  sondern  nur 
das  Grammatische   des   Ausdrucks  betrifft2).      Sehr  wichtig   ist 

orjua  aÖQioror  nennen,  und  bringt  c.  10  neben  den  Sätzen  tartr  cir&Q(onog, 
ovx  (.  a.  u.  s.  w.  aucb  die  entsprechenden  aus  negativen  Begriffen  zusammen- 
gesetzten: (Gtiv  ovx-av&QioTiog,  ovx  Yotiv  o '*-«.,  fGTiv  ol-dtxcuog  ovx-iivd-Q., 
ovx  {Otiv  ov-Slx.  ovx-av&Q.  u.  s.  w.  Theophrast  nannte  diese  Sätze :  ?x 
/jeTu&iastog  (Ammon.  De  interpr.  128,  b,  u.  129,  a,  u.  Philop.  Schol.  in 
Ar.   121,  a,  u.)  oder  xctra  fjeTcc&taiv  (Alex.  Analyt.  134,  a,  m.). 

5)  Denn  das,  worin  die  Form  des  Urtheils  liegt,  diese  bestimmte  Ver- 
bindung des  Subjekts  mit  dem  Prädikat,  bleibt  sich  gleich,  ob  nun  Subjekt 
und  Prädikat  positive  oder  negative  Begriffe  sind-,  und  Aristoteles  selbst 
gibt  Anal.  pr.  I,  3.  25,  b,  19  vgl.  c.  13.  32,  a,  31  zu,  dass  Ausdrücke,  wie 
LvdfytTca  /urjderi  vTräo/dr,  eoriv  olx  ecya&bv,  ein  oyrjfAa  xctrayccTixov 
haben. 

1)  Doch  geschieht  diess  nur  De  interpr.  c.  7.  Die  allgemeinen  Urtheile 
werden  hier  als  solche  bezeichnet,  welche  Inl  rwv  xa&6Xov  KnoqKiroiTai 
xct&ö).ov,  die  partikulären,  welche  auch  Ir  [utgei  oder  xara  /utnog  genannt 
werden  (Anal.  pr.  I,  1.  24,  a,  17.  c.  2.  25,  a,  4.  10.  20  u.  ö.),  als  solche, 
die  ?n)  twv  xa&6).ov  /uir  «17  xa&öXov  Jt  «7roy«iVoj'r«t,  d.  h.  in  beiden 
ist  das  Subjekt  ein  xccüölov,  o  tnl  nXtiovoiV  nt'qvxt  xarrjyoQS Tafrcti ,  aber 
in  den  einen  wird  das  Prädikat  von  diesem  Subjekt  seinem  ganzen  Umfang 
nach  ausgesagt,  in  den  anderen  nicht.  Die  Analytik  dagegen  erwähnt  der 
Einzelurtheile  noch  nicht  (vgl.  folg.  Anm.);  und  sind  sie  auch  allerdings 
für  den  Hauptgegenstand  dieser  Schrift,  die  Schlusslehre,  ohne  Bedeutung, 
so  miisste  man  doch  erwarten ,  dass  Arist. ,  wenn  er  zur  Zeit  ihrer  Ab- 
fassung auf  diese  Form  des  Urtheils  bereits  aufmerksam  geworden  war,  aus- 
drücklich gesagt  hätte,  warum  er  sie  hier  übergeht.  Wenn  daher  die  Schrift 
Ti.  (Qiirjvidtg  wirklich  von  ihm  herrührt,  müsste  er  erst  nach  der  Abfassung 
der  Analytik  die  Eigentümlichkeit  der  Einzelurtheile  in's  Auge  gefasst 
haben. 

2)  Während  De  interpr.  von  den  unbestimmten  Urtheilen  nicht  mehr 
gesprochen  wird,  sagt  Anal.  pr.  I,  1.  24,  a,  16  (vgl.  c.  2.  25,  a,  4.  c.  4. 
26,  b,  3  u.  ö.):  nnÖTuatg  ...  rj  xa&ökov  rj  £v  fjfQfi  rj  dJiÖQiOTog.  Die 
Beispiele  jedoch ,  welche  hier  angeführt  werden :  tiZv  ivccvrdov  elvat  zrjr 
«rTtjv  lni<JTt\ni]r.  ri]v  rjdovtjV  fii)  tivtu  tcya&öv,  gehören  logisch  betrachtet 
zu  den  allgemeinen  Sätzen,  andere ,    die   man   herziehen   könnte ,   wie    torir 


160  Da*  Urtheil.  223 

endlich  unserem  Philosophen,  wegen  ihrer  Bedeutung  für  die 
Syllogistik,  |  die  Modalität  der  Urtheile;  er  unterscheidet  solche, 
die  ein  wirkliches,  ein  nothwendiges,  und  ein  mögliches  Sein 
aussagen  x);  diese  Unterscheidung  fällt  jedoch  mit  der  jetzt  üb- 
lichen zwischen  assertorischen,  apodiktischen  und  problematischen 
Urtheilen  nicht  zusammen,  denn  sie  bezieht  sich  bei  Aristoteles 
nicht  auf  den  Grad  der  subjektiven  Gewissheit,  sondern  auf  die 
objektive  Beschaffenheit  der  Dinge,  imd  unter  dem  Möglichen 
will  er  dabei  überdiess  nicht  alles,  was  sein  kann,  sondern  nur 
dasjenige  verstanden  wissen,  was  sein  kann,  ohne  noth  wendig 
zu  sein,  was  mithin  sowohl  sein  als  nicht  -  sein  kann 2).  Den 
Folgesätzen,  welche  er  aus  seinen  Bestimmungen  ableitet,  haben 
zum    Theil    schon    Theophrast    und    Eudemus    widersprochen3). 

dr&oumog  äixcciog,  sind  partikuläre.  Arist.  selbst  macht  auch  in  der  Ana- 
lytik von  den  nooTaatig  ddiootOToi  keinen  weiteren  Gebrauch;  Theophrast 
bezeichnete  mit  diesem  Namen  die  partikulär  verneinenden  (Alex.  Anulyt. 
21,  b,  m.),  oder  wie  Ammok.  De  interpr.  73,  a,  m  angibt,  die  partikulären 
Sätze  überhaupt. 

1)  Anal.  pr.  I,  2,  Anf. :  ndaa  nQÖxaoi'g  toxiv  rj  xov  inaQ/str  i]  tov 
t$  clvüyx)tg  inctoyeir  rj  xov  tvdeyeo&at,  imdoytiv. 

2)  Anal.  pr.  I,  13.  32,  a,  18:  teyto  J'  tvötyta&ut.  xai  xi>  ivötyöy.tror. 
ov  /xTj  bvxog  dvayxaiov ,  Tt&£vTog  (T  vnd()y(i-v,  ovdtv  k'arat  diä  tout' 
ädvvuTov.  Z.  28:  iarui  di>a  to  tvdtyöfxtvov  ovx  dvayxaiov  xai  to  [ai] 
dvayxaiov  IvdtyöfAtvov.  Metaph.  IX,  3.  1047,  a,  24:  toxi  Je  övvaxbv  tovto, 
(!}  idr  VTidgi;'}  t]  tvtnyua,  ov  kiysxai  tyeiv  ttjv  dvvafitv,  ov&tv  tOTat 
advvaxor.  Ebenso  c.  4.  1047,  b,  9.  c.  8.  1050,  b,  8:  ndaa  dvvafxig  dua 
xrjg  avTKpdaewg  laxtv  .  .  .  xo  doa  övvaxov  livat  ivätytxai  xai  sirai  xai 
/atj  ttvai'  to  avxb  doa  SwutÖv  xai  iivai  xai  fxt]  slvat.  IX,  9,  Anf.:  ooa 
yuq  xaTct  to  dvvaa&ai  XtyiTai ,  Tavrov  (öti  dvvaTov  Tuvaviia:  was  ge- 
sund sein  kann,  kann  auch  krank  sein,  was  ruhen  kann,  kann  sich  auch 
bewegen,  wer  bauen  kann,  kann  auch  niederreissen. 

3)  Arist.  sagt,  in  der  Möglichkeit  sei  zugleich  auch  die  Möglichkeit  des 
Gegentheils  enthalten  (s.  vor.  Anm.  und  De  interpr.  c.  12.  21,  b,  12:  äoxii 
dt  rö  ain6  övvao&ui  xai  a'vui  xai  fir]  eivaf  ndv  yao  xb  Svvaxbv  xlu- 
vio&ai  r  ßadi&iv  xai  fit]  ßadi&iv  xai  ur\  re/uveofhat  dvvaxöv  u.  s.  w.), 
indem  er  für  die  Bestimmung  dieses  Begriffs  von  derjenigen  Bedeutung  der 
dvvafiig  ausgeht,  wornach  sie  ein  Vermögen  zu  thun  oder  zu  leiden  be- 
zeichnet (Metaph.  IX,  1.  1046,  a,  9  ff.  V,  12,  Anf.)-,  und  dass  diese  Mög- 
lichkeit des  Gegentheils  nicht  immer  eine  gleich  starke  ist,  dass  das  Ivdeyb- 
uivov  oder  dvvaxöv  (denn  diese  beiden  Ausdrücke  sind  der  Sache  nach 
gleichbedeutend)  bald  ein  solches  bezeichnen  soll,  was  in  der  Kegel,  aber 
doch  nicht  ausnahmslos,  eintritt,  bald  ein  solches,    was  gleich  gut  eintreten 


224  Aristoteles.  [IM] 

Der  sog.   Relation  der  |  Urtheile   schenkt   Aristoteles   so  wenig, 
als  den  hypothetischen  und    disjunktiven    Schlüssen,    Beachtung; 

und  nicht  eintreten  kann  (Anal.  pr.  a.  a.  O.  32,  b,  4  ff.),  ist  unerheblich. 
Er  behauptet  daher  Anal.  pr.  I,  13.  32,  a,  29  (vgl.  De  coelo  I,  12.  282,  a,  4), 
aus  dem  trdf'xtodcti  vtkIq/jiv  folge  immer  auch  das  ivdfyiattai  ufj  vtuxqxiiv, 
aus  dem  tt«vtI  h'diyta&Ki  das  InSt/tatiat,  [atjüivi  und  urj  nttvil  (die  Mög- 
lichkeit, dass  das  fragliche  Prädikat  keinem,  oder  nicht  allen  zukomme  — 
Prantl  Gesch.  d.  Log.  I,  267  erklärt  die  Worte  unrichtig);  denn  da  das 
Mögliche  kein  Nothwendiges  sei,  könne  von  allem,  was  (blos)  möglich  ist, 
auch  das  Gegentheil  stattfinden;  und  aus  demselben  Grunde  läugnet  er  (ebd- 
c.  17.  36,  b,  35)  für  die  Möglichkeitssätze  die  einfache  (Konversion  der 
allgemein  verneinenden  Urtheile ;  denn  da  das  verneinende  Urtheil :  „es  ist 
möglich,  dass  kein  B  A  ist",  ihm  zufolge  das  bejahende:  ,,es  ist  mög- 
lich, dass  jedes  B  A  ist,"  in  sich  schliesst,  so  würde  die  einfache  (Kon- 
version des  ersteren  die  einfache  Conversion  eines  allgemein  bejahenden 
Urtheils  in  sich  schliessen,  allgemein  bejahende  Urtheile  können  aber  nicht 
einfach  convertirt  werden.  Theophrast  und  Eudemus  widersprachen  diesen 
Behauptungen,  indem  sie  unter  dem  Möglichen  alles  das  verstanden,  was 
stattfinden  kann,  die  Bestimmung  dagegen,  dass  es  zugleich  auch  müsse 
nicht-stattfinden  können,  aufgaben,  und  somit  das  Nothwendige  mit  zu  dem 
Möglichen  rechneten  (Alex.  Analyt.  pr.  51,  b,  m.  64,  b,  u.  72,  a,  u.  b,  m. 
73.  a,  u.).  Aristoteles  selbst  (Anal.  pr.  I,  3.  25,  a,  37.  De  interpr.  c.  13.  22, 
b,  29  vgl.  Metaph.  IX,  2,  Anf.  c.  5.  1048,  a,  4.  c.  8.  1050,  b,  30  ff.)  gibt 
mit  Rücksicht  auf  die  Naturkräfte  (divüjueig),  die  nur  in  Einer  Richtung 
wirken,  zu,  dass  auch  das  Nothwendige  ein  Mögliches  (dvvnTor)  genannt 
werden  könne,  und  dass  unter  dieser  Voraussetzung  die  allgemein  verneinen- 
den Möglichkeitssätze  einfach  convertirt,  und  von  der  Notwendigkeit  auf 
die  Möglichkeit  geschlossen  werden  könne,  aber  er  sagt  zugleich  auch,  von 
seinem  Begriff  des  Möglichen  gelte  diess  nicht  —  Zwei  weitere  Streitpunkte 
zwischen  Aristoteles  und  seinen  Schülern,  über  die  Alexander  eine  eigene 
Schrift  verfasst  hatte  (Alex.  Anal.  40,  b,  m.  83,  a,  o.),  entstanden  bei  der 
Frage  über  die  Modalität  der  Pchlussätze  in  Schlüssen,  deren  Prämissen 
verschiedene  Modalität  haben.  Aristoteles  sagt,  wo  die  eine  Prämisse  ein 
Möglichkeits-,  die  andere  ein  Wirklichkeitssatz  ist,  ergebe  sich  nur  in  dem 
Fall  ein  vollkommener  Schluss,  wenn  der  Obersatz  ein  Möglichkeitssatz  sei; 
sei  es  dagegen  der  Untersatz,  so  erhalten  wir  theils  einen  unvollkommenen 
Schluss,  d.  h.  einen  solchen,  dessen  Schlussatz  nur  durch  deduetio  ad  ab- 
surdum, nicht  unmittelbar  aus  den  gegebenen  Prämissen,  gewonnen  wird, 
theils  müsse  die  Möglichkeit,  wenn  es  ein  verneinender  Schluss  ist  (rich- 
tiger: in  allen  Fällen)  im  Schlussatz  uneigentlich  (nicht  von  dem,  was  sein 
und  nicht  sein  kann)  verstanden  werden  (Anal.  pr.  I,  15).  Theophrast 
und  Eudemus  dagegen  waren  der  Meinung,  auch  in  diesem  Fall  entstehe  ein 
vollkommener  Schluss  der  Möglichkeit  (Alex.  a.  a.  O.  56,  b,  o.  u.).  Beide 
Theile  von  ihrem  Begriff  des  Möglichen  aus  mit  Recht.  Versteht  man  unter 
dem  Möglichen    alles,    was    sein    kann,    auch    das    Nothwendige    mit   einge- 


[162;  Das  Urtheil.  225 

mir  in  dem ,  was  er  vom  |  ausschliessenden  Gegensatz  sagt *), 
liegt  der  Keim  zu  der  Lehre  vom  disjunktiven  Urtheil.  Da- 
gegen handelt  er  eingehend,  aber  nur  im  Zusammenhang  der 
Schlusslehre,  von  der  Umkehrung  der  Urtheile  2),  für  welche  er 
die  bekannten  Regeln 3)  ieststellt. 

Ausführlicher  hat  Aristoteles  die  Lehre   von  den   Schlüssen 


schlössen,  so  sind  die  Schlüsse  ganz  richtig  und  einfach:  „Jedes  B  ist  A, 
jedes  C  kann  B  sein,  also  kann  jedes  C  A  sein" ;  „kein  B  ist  A,  jedes  C 
kann  B  sein,  also  ist  es  möglich,  dass  kein  C  A  ist."  Soll  dagegen  möglich 
nur  das  heissen,  dessen  Gegentheil  gleichfalls  möglich  ist,  so  kann  man  solche 
Schlüsse  nicht  machen,  weil  unter  dieser  Voraussetzung  der  Untersatz :  ,  jedes  C 
kann  B  sein",  den  verneinenden  Satz  mit  enthält:  ,. jedes  C  kann  nicht- B- sein." 
Und  wie  Theophrast  und  Eudemus  in  diesem  Fall  einfach  daran  festhielten, 
dass  die  Modalität  des  Schlussatzes  sich  nach  der  schwächeren  von  den 
Prämissen  richte  (Alex.  a.  a.  0.),  so  behaupteten  sie  nach  demselben  Grund- 
satz, wenn  die  eine  Prämisse  assertorisch,  die  andere  apodiktisch  ist,  sei  der 
Schlussatz  assertorisch  (Alex.  a.  a.  0.  40,  a,  m.  42,  b,  u.,  aus  ihm  wohl 
Philop.,  Schol.  in  Arist.  158,  b,  18.  159,  a,  6\  während  er  nach  Aristoteles 
(Anal.  pr.  I,  9  ff.)  dann  apodiktisch  ist,  wenn  es  der  Obersatz  ist.  Auch  in 
diesem  Fall  lässt  sich,  je  nach  der  Bedeutung ,  welche  der  Modalität  der 
Sätze  beigelegt  wird,  beides  behaupten.  Sollen  die  Sätze:  „B  muss  A  sein", 
..B  kann  nicht  A  sein",  das  ausdrücken,  dass  zwischen  B  und  A  nicht 
zufälliger-  sondern  nothwendigerweise  eine  Verbindung  stattfinde,  oder  nicht 
stattfinde,  so  folgt,  dass  auch  zwischen  jedem  in  B  Enthaltenen  und  A 
vermöge  derselben  Nothwendigkeit  eine  Verbindung  stattfindet  oder  nicht 
stattfindet  (wenn  alle  lebenden  Wesen  kraft  einer  Naturnoth wendigkeit  sterb- 
lich sind,  so  gilt  dasselbe  auch  von  jeder  Art  lebender  Wesen  z.  B.  den 
Menschen);  wie  diess  Aristoteles  a.  a.  O.  30,  a,  21  ff.  ganz  klar  zeigt.  Sollen 
dagegen  jene  Sätze  besagen,  dass  wir  genöthigt  seien,  A  mit  B  verbunden 
oder  nicht  verbunden  zu  denken,  so  lässt  sich  der  Satz:  „C  muss  (beziehungs- 
weise: kann  nicht)  A  sein",  aus  dem  Satze:  „B  muss  (oder:  kann  nicht) 
A  sein"  nur  dann  ableiten,  wenn  wir  uns  C  unter  B  subsumirt  zu  denken 
genöthigt  sind  ;  wissen  wir  dagegen  nur  thatsächlich  (assertorisch),  dass  C  B 
ist,  :^o  wissen  wir  auch  nur  thatsächlich,  dass  C  das  ist  oder  nicht  ist,  was 
wir  uns   mit  B  verbunden  oder  nicht  verbunden  denken  müssen. 

1)  S.  o.  S.   220. 

2)  Anal.  pr.  I,  2.  3  vgl.  c.  13.  32,  a,  29  ff.  c.  17.  36,  b,  15  ff.  II,  1. 
53,  a,  3  ff. 

3)  Einfache  Umkehrung  der  allgemein  verneinenden  und  partikulär  be- 
jahenden, partikuläre  (die  später  sogenannte  conversio  per  aeeidens)  der  allge- 
mein bejahenden,  gar  keine  Conversion  der  partikulär  verneinenden  Urtheile 

—  denn  die  conversio  per  contrapositionem  kennt  er  noch  nicht. 
Zeller,  Philos.  d.  Gr.  II.  Bd.  2.  Altb.  :;.  Aufl.  15 


226  Aristoteles.  [163] 

entwickelt,  und  sie  gerade  ist  auch  seine  eigenste  Entdeckung  '  . 
Wie  |  er  den  Namen  des  Syllogismus  in  die  Wissenschaft  ein- 
geführt hat 2),  so  ist  er  auch  der  erste,  der  es  bemerkt  hat,  dass 
jeder  Zusammenhang  und  Fortschritt  unseres  Denkens  auf  der 
-vi  logistischen  Verknüpfung  der  Urtheile  beruht.  Ein  Schiusa 
ist  eine  Gedankenverbindung,  in  welcher  aus  gewissen  Annah- 
men, vermöge  ihrer  selbst,  etwas  weiteres,  von  ihnen  verschie- 
denes, mit  Notwendigkeit  hervorgeht3);  dass  es  sich  hiebei  im- 
mer zunächst  nur  um  zwei  Annahmen,  oder  genauer,  um  zwei 
Urtheile  handle,  aus  denen  ein  drittes  abgeleitet  werden  soll, 
dass  daher  kein  Schluss  mehr  als  zwei  Vordersätze  haben  könne, 
zeigt  Aristoteles  am  Anfang  seiner  Schlusslehre  nicht  ausdrück- 
lich, wenn  er  es  auch  später  4)  an  derselben  nachweist.  Die  Ab- 
leitung eines  dritten  Urtheils  aus  zwei  gegebenen  wird  aber  nur 
in  der  Verknüpfung  der  in  diesen  noch  un verbundenen  Begriff 
bestehen  können  "' ),  und  eine  solche  ist  nur  dann  möglich,  wenn 
sie  durch  einen  mit  beiden  verbundenen  Begriff  vermittelt  wird6). 
Jeder  Schluss  muss  daher  nothwendig  drei  Begriffe,  nicht  mehr 
und  nicht  weniger,  enthalten  7),   von  denen  der  mittlere  in  dem 

I      Wie  er  selbst  sagt   soph.   el.  c.   34.   1S3,  b.  34.    1S4,  b,   1. 

2)  Vgl.  Pran-ti.  Gesch.  d.  Log.  I,   264. 

3)  Anal.  pr.  I,  1.  24,  b,  IS:  avkkoyiafxog  dV  tfiri  ).öyog  tv  to  Ttttf-'iKor 
Tiviöv  tTfnnr  ti  twv  y.itittrwv  tg  aväyxr]g  Ovjjßnivti  ko  tccütcl  tivcti. 
(Ebenso  Top.  I,  1.  100,  a,  25  vgl.  soph.  el.  c.  1.  165,  a,  1.)  Xiyto  J7  ../w 
tuvtk  eivai"  to  (hcc  tkvtu  ov/Lißatvsiv,  to  df  „dta  tkvtu  avußatvta  n 
jurjäevog  tiw&tv  onov  noogStlv  noog  to  yevfa&ai  to  avayxaiov. 

4)  Anal.  pr.  I,  25.  42,  a.  32.  Was  die  Terminologie  betrifft,  so  heissen 
die  Vordersätze  gewöhnlich  nooTÜatig,  Metaph.  V,  2  1013.  b,  20:  vno'tiauq 
im  at  uTTfoüauccTos,  der  Untersatz  Eth.  N.  VT.  12.  1143,  l>,  3.  VII,  5.  INT, 
1),  9:  T)  hi-'na  (oder  Ttln-Tui'u  tiootucilc),  der  Schlussatz  stehend  <JV(i- 
TTHinriuH.  Anal.  pr.  II,  1.  53,  a,  17  ff.  jedoch  steht  m  utihk  vom  Subjekt 
lies  Schlussatzes. 

5)  Ein  Satz,  den  Arist.  allerdings  nicht  in  dieser  Form  ausspricht,  der 
aber  aus  seiner  Definition  des  Urtheils  unmittelbar  folgt,  wenn  wir  dieselbi 
auf  den  vorliegenden   Fall  anwenden. 

6)  Vgl.  Anal.  pr.   I,   23.  40,   b.  30  ff,  namentlich  aber  41.  a.  2. 

7)  A.  a.  O.  c.  25,  Anf.  Ebd.  42,  b,  1  ff.  über  die  Zahl  der  HegrinV  und 
Sätze  in  ganzen  Schlussreihen.  Von  den  drei  Begriffen  (Öqoi  s.  o.  20!).  I, 
Schi.)  eines  Schlusses  heisst  der,  welcher  in  beiden  Vordersätzen  vorkommt, 
utoog,  der,  von  welchem  dieser  umfasst  wird,  der  höhere  (ue?£or  odei 
noioTov  uy.oor),  der,  welcher  von  ihm  umfasst  wird,  der  niedrigere  (?Ai 


[163.   lo4  Der  Schluss.  227 

einen  Vordersatze  mit  dem  ersten,  in  dem  andern  mit  dem 
dritten  in  einer  Weise  verbunden  ist,  welche  die  Verbindung 
des  ersten  mit  dem  dritten  im  Schlussatz  herbeiführt.  Dieses 
selbst  |  aber  ist  auf  dreierlei  Art  möglich.  Da  nämlich  jedes 
Urtheil  in  der  Verknüpfung  eines  Prädikats  mit  einem  Subjekt 
besteht  (die  hypothetischen  und  disjunktiven  Urtheile  lässt  ja 
Aristoteles  ausser  Rechnung),  und  da  die  Verbindimg  zweier  Ur- 
theile zum  Schluss,  oder  die  Ableitung  des  Schlussatzes  aus  den 
Vordersätzen,  auf  der  Beziehung  des  Mittelbegriffs  zu  den  bei- 
den andern  beruht,  so  wird  die  Art  und  Weise  jener  Verbin- 
dung (die  Form  des  Schlusses)  von  der  Art  abhängen,  in  wel- 
cher der  Mittelbegriff  auf  die  andern  bezogen  ist1).  Hiefür 
zeigen  sich  aber  nur  drei  Möglichkeiten.  Der  Mittelbegriff  kann 
entweder  Subjekt  des  höheren  und  Prädikat  des  niedrigeren  Be- 
griffs sein,  oder  Prädikat  von  beiden,  oder  Subjekt  von  beiden2): 
den  vierten  möglichen  Fall,  dass  er  Subjekt  des  niedrigeren  und 
Prädikat  des  höheren  Begriffs  sei,  fasst  Aristoteles  nicht  aus- 
drücklich in's  Auge-,  wir  werden  ihn  aber  desshalb  um  so  we- 
niger zu  tadeln  haben,  da  dieser  Fall  wirklich  bei  einem  reinen 
und  strengen  Verfahren  nicht  vorkommen  kann 3).    Wir  erhalten 


uxqov  oder  tayaTov).  Anal.  pr.  I,  4.  25,  b,  35.  32.  26,  a,  21.  c.  38,  Auf. 
u.  o.  Anal.  pr.  II,  23.  6S,  b,  33  f.  wird  der  Oberbegriff  schlechtweg  ctxgor, 
der  Unterbegriff  tqitov  genannt. 

1)  Anal.  pr.  I,  23.  41,  a,  13,  am  Schluss  des  Abschnitts  über  die  Schluss- 
fignren,  fahrt  Arist.,  nachdem  er  die  Nothwendigkeit  und  Bedeutung  des 
Mittelbegriffs,  als  Verbindungsglied  zwischen  major  und  minor,  entwickelt 
hat,  fort:  ei  oiv  avuyy.r]  /utv  tu  Xaßelv  tjqos  uuifia  xoivöv,  tovto  d 
hät'yiTUL  {rj  yuo  ro  A  tov  r  xcd  to  r  tov  B  xaTrjyoQTjGaVTas,  *j  to  r 
/r«r'  uuifoiv,  17  ciiHfoj  y.iau  tov  F),  tuvtu  J"  iorl  tu  eioij/j.iva  ayr\uuTu, 
(favfoöv  ort  nävTU  ovkkoyiOfiov  avdyxrj  ylvtad-at  diu  tovtwv  Tivbg  twv 
iyr\uÜTO)v.  Vgl.  c.  32.  47,  a,  40  ff.  und  die  eingehende  Erörterung  von 
Dbbbkweg  Logik  §.   103,  S.  276  ff. 

2  Die  Stellung  der  Sätze  ist  bekanntlich  für  die  Form  des  Schlusses 
gleichgültig;  die  seitdem  übliche  Voranstellung  des  Obersatzes  ergibt  sich 
iber  für  Aristoteles  natürlicher,  als  für  uns.  Er  beginnt  nämlich  bei  der 
Darstellung  der  Schlüsse  nicht,  wie  wir  es  gewohnt  sind,  mit  dem  Subjekt, 
ondern  mit  dem  Prädikat  des  Obersatzes :  A  vrtügyti  nuvi)  toj  B,  B 
nttgyti  navti  tu)  r,  so  dass  also  bei  ihm  auch  im  Ausdruck  ein  stetiges 
lerabsteigen  vom  höheren  zum  Mittelbegriff  und  von  diesem  zum  niedrigeren 
tattfindet.     Vgl.   Uebekwkg  a.  a.  O.  S.  276. 

3)  Was  hier  allerdings  nicht  nachgewiesen  werden  kann. 

15* 


228  Aristoteles.  [164.165] 

demnach  drei  Schlusstiguren  {oyj^axa) ,  welche  sämmtlich  der 
kategorischen  Schlussforni  angehören;  für  die  sogenannte  vierte 
Figur  der  späteren  Logik  J)  lässt  Aristoteles,  wie  bemerkt,  kei- 
nen Raum,  und  den  hypothetischen  Schluss  hat  er  so  wenig,  wie 
den  disjunktiven,  als  eigene  Form  behandelt J).  | 

Fragt  man  nun,  was  für  Sclilüsse  in  diesen  drei  Figuren 
möglich  sind,  so  ist  zu  beachten,  dass  in  jedem  Schluss  ein  all- 
gemeiner, und  ebenso  in  jedem  ein  bejahender  Satz  vorkommen 
muss 3) ;  dass  ferner  der  Schlussatz  nur  dann  allgemein  sein 
kann,  wenn  es  beide  Vordersätze  sind1);  dass  endlich  in  jedem 
Schluss  sowohl  hinsichtlich  der  Qualität  als  hinsichtiich  der  Mo- 
dalität mindestens  einer  der  Vordersätze  dem  Schlussatz  ähnlich 
sein  muss0).  Doch  hat  Aristoteles  diese  Bestimmungen  nicht  in 
allgemeiner  Weise  aus  der  Natur  des  Schlussverfahrens  abgeleitet, 

1)  M.  vgl.  über  sie  Th.  III,  a,  738  2.  Aufl.  besonders  aber  Pkantl 
Gesch.  d.  Log.   I,  570  f. 

2)  Ob  diess  ein  Mangel,  oder  wie  Pkantl  Gesch.  d.  Log.  I,  295  will, 
ein  Vorzug  der  aristotelischen  Logik  ist,  haben  wir  hier  gleichfalls  nicht  zu 
untersuchen;  wenn  jedoch  dieser  Gelehrte  mit  Biese  (Phil.  d.  Arist.  I,  155) 
die  von  andern  vermisste  Berücksichtigung  der  hypothetischen  Schlüsse  in 
den  Bemerkungen  über  die  Voraussetzungsschlüsse  {avXXoyiOfxoi  l£vno9t'cJtü)g) 
Anal.  pr.  I,  23.  40,  b,  25.  41,  a,  21  ff.  c.  29.  45,  b,  22.  c.  44  sucht,  so 
vermischt  er  zwei  verschiedenartige  Dinge.  Aristoteles  bezeichnet  als  hypo- 
thetische Schlüsse  diejenigen,  welche  von  einer  unbewiesenen  Voraussetzung 
ausgehen  (vgl.  Waitz  z.  Anal.  40,  b,  25);  wir  verstehen  darunter  solche, 
deren  Obersatz  ein  hypothetisches  Urtheil  ist;  dieses  beides  fällt  aber  gar 
nicht  nothwendig  zusammen:  eine  unbewiesene  Voraussetzung  kann  auch  in 
einem  kategorischen  Satz  ausgedrückt,  umgekehrt  ein  hypothetischer  Satz 
vollständig  erwiesen  sein,  und  die  gleiche  Behauptung  kann  möglicherweise 
ohne  Aenderung  ihres  Sinnes  sowohl  kategorisch  als  hypothetisch  gefasst 
werden.  Unsere  Unterscheidung  des  Kategorischen  und  Hypothetischen 
betrifft  ausschliesslich  die  Form  der  Urtheilsbildung,  nicht  die  wissenschaft- 
liche  Gewissheit  der  Sätze. 

3)  Anal.  pr.  I,  24,  Anf. :  trc  Tf  fv  «tiuvtl  (sc.  ov).).oynJu(ii)  öti  v.axr\- 
yoQixiv  Tirct  roiv  uqoiv  tivat  xa\  ro  xa&6Xov  vjit'tnytir.  Das  erstere  wird 
nicht  weiter  bewiesen,  indem  Arist.  wohl  voraussetzt,  dass  es  aus  der  voran- 
gehenden Darstellung  der  Schlussfiguren  erhelle;  zum  Beweis  des  zweiten 
fährt  er  fort:  avtv  yap  tov  xaO-oX.ov  rj  oöx  tarin  avXXoyiopds,  t]  ov  71Q0S 
rö  xi(fitvov,  t}  tö  t£  ttQxrjs  alrrjoeTai,  was  im  folgenden  näher  ausge- 
führt wird. 

4)  A.  a.  0.  41,  b,  23. 

5)  A.  a.  O.  Z.  27. 


[165.   166]  Der  Schluss.  229 

sondern  erst  aus  seiner  Uebersicht  über  die  einzelnen  Schluss- 
weisen abstrahirt. 

Diese  selbst  ist  bei  ihm  sehr  soi'gfältig  ausgeführt.  Er  weist 
nicht  allein  mr  die  drei  Figuren  die  bekannten  Schlussformen 
nach  J),  sondern  er  untersucht  auch  mit  eingehender  Genauig- 
keit, welchen  Einfluss  die  Modalität  der  Vordersätze,  sowohl  in 
reinen  als  in  |  gemischten  Schlüssen,  auf  die  des  Schlussatzes 
und  auf  das  ganze  Schlussverfahren  ausübt 2).  Als  vollkommene 
Schlüsse  betrachtet  er  aber  nur  die  der  ersten  Figur,  weil  bei 
ihnen  allein,  wie  er  glaubt,  die  Notwendigkeit  der  Schluss- 
folgerung unmittelbar  aus  ihnen  selbst  erhellt;  die  beiden  andern 
dagegen  hefern  unvollkommene  Schlüsse  und  müssen  durch  die 
erste  vollendet  werden:  ihre  Beweiskraft  beruht  darauf  und  ist 
dadurch  zu  erweisen,  dass  sie  durch  Umkehrung  der  Sätze  oder 
auf  apagogischem  Wege  auf  die  erste  Figur  zurückgeführt  wer- 
den 3).  Die  gleichen  Sclilussformen  kommen  selbstverständlich 
auch  bei  dem  apagogischen  und  überhaupt  bei  dem  voraus- 
setzungsweisen Verjähren  in  Anwendung4). 

Wie  nun  diese  Formen  für  den  wissenschaftlichen  Gebrauch 
zu  handhaben,  und  welche  Fehler  dabei  zu  vermeiden  sind,  hat 
Aristoteles  gleichfalls  ausführlich  erörtert.  Er  zeigt  zuvörderst, 
was  für  Sätze  schwieriger  zu  erweisen  und  leichter  zu  wider- 
legen sind,  und  umgekehrt5);  er  gibt  sodann  Regeln  für  die 
Auffindung  der  Vordersätze,  welche  den  Schlüssen  zu  Grunde 
gelegt  werden  sollen,  mit  Rücksicht  auf  die  Qualität  und  Quan- 


1)  Für  die  erste  Figur  (um  die  scholastischen  Bezeichnungen  zu  ge- 
brauchen) die  Modi :  Barbara,  Darii,  Celarent,  Ferio  (Anal.  pr.  I,  4) ;  für  die 
zweite:  Cesare,  Camestres,  Festino,  Baroco  (ebd.  c.  5);  für  die  dritte:  Darapti, 
Felapton,  Disamis,  Datisi,  Bocardo,  Fresison  (c.  6). 

2)  A.  a.  0.  c.  8-23,  vgl.  die  Bemerkungen  S.  223,  3. 

3)  M.  s.  die  angeführten  Abschnitte,  namentlich  c.  4,  Schi.  c.  5,  Schi. 
c  6,  Schi.  c.  7.  29,  a,  30.  b,  1  ff.  c.  23,  vgl.  c.  1.  24,  b,  22:  xiXuov  /üv 
ow  xitXto  GvXloytOjuov  tov  /urjdtvog  liklov  TtQogcfeofJfvov  naQct  ra  tlXtju- 
u(va  nobg  to  (fuvrjvai  ro  ttvctyxaiov,  clrsXrj  öt  iov  7iQogSto^iiVov  7/  ivog 
rj  nXuövcov.  u  ton  jutv  avayxuTa  diu  xtäv  vnoxu^xiviov  oycov,  ov  /xtjv 
eiXr)7ir«i  6t.cc  ngoTciaeoiv.  Die  Prüfung  der  aristotelischen  Ansicht  darf  ich 
mir  auch  hier  ersparen. 

4    A.  a.  O.  c.  23.  41,  a,  21  ff.  vgl.  oben  S.  227,   1. 
5~)  A.  a.  O.  c.  26. 


230  Aristoteles.  [166.167] 

titüt  der  zu  beweisenden  Sätze1),  nicht  ohne  bei  diesem  Anlass 
auf  die  platonische  Methode  der  Eintheilung 2)  einen  tadelnden 
Blick  zu  werfen3)*,  er  handelt  |  eingehend  darüber,  was  man  zu 
beobachten  und  wie  man  zu  verfahren  hat,  um  den  so  gefun- 
denen Stoff  der  Beweise  in  die  regelrechte  Schlussform  zu  fas- 
s< ii 4).  Er  bespricht  ferner  die  Tragweite  der  Schlüsse  in  Be- 
ziehung auf  den  Umfang  des  durch  sie  Erschlossenen ft),  die 
Schlüsse  aus  falschen  Vordersätzen 6),  den  Zirkelschluss7)  und 
die  Umkehrung  des  Schlusses 8),  die  Widerlegung  aus  den  Folge- 


1)  A.  a.  O.  c.  27 — 29,  auch  hier  (c.  29)  mit  der  ausdrücklichen  An- 
wendung auf  die  apagogischen  und  Voraussetzungsschlüsse. 

2)  M.  s.  über  diese:   1.  Abth.  523  ff. 

3)  Die  Begriffe  mittelst  fortgesetzter  Eintheilungen  bestimmen  zu  wollen, 
sagt  er  c.  31,  sei  verfehlt,  denn  gerade  die  Hauptsache,  das  zu  beweisende, 
müsse  man  dabei  voraussetzen.  Wenn  es  sich  z.  B.  um  den  Begriff  des 
Menschen  als  eines  fwov  &vtjtoi'  handle,  so  würde  aus  den  Sätzen:  ,,alle 
lebenden  Wesen  sind  entweder  sterblich  oder  unsterblich,  der  Mensch  ist 
ein  lebendes  Wesen"  nur  folgen,  dass  der  Mensch  entweder  sterblich  oder 
unsterblich  sei,  dass  er  ein  £ojov  &vtjt6v  sei,  ist  blosses  Postulat.  A.  sagt 
desshalb  von  der  Eintheilung,  sie  sei  oiov  clo&fvrjs  (nicht  bündig)  av).).o- 
yiauög.  Aehnlich  Anal.  post.  II,  5.  Auch  part.  an.  I,  2  f.  wird  das  pla- 
tonische Verfahren  getadelt,  weil  es  (der  S.  207,  1  besprochenen  Regel 
zuwider)  die  Zwischenglieder  unnöthig  vervielfältige,  dasselbe  unter  ver- 
schiedenen Gattungen  aufführe,  negative  Merkmale  aufstelle,  nach  allen 
möglichen  sich  kreuzenden  Gesichtspunkten  theile  u.  s.  w.  Vgl.  Meveh  Ariflt. 
Thierkunde  71    ff. 

4)  A.  a.  O.  c.  32—46. 

5)  Anal.  pr.  II,  1. 

6)  Ebd.  c.  2,  Anf.  (vgl.  Top.  VIII,  11  f.  162,  a,  9.  b,  13):  ?£  ("d^Kiv 
/uiv  ovv  ovx  iari  tytvöog  avXkoyiOcto&itt.,  ix  xpevöwv  cT  (OTiv  uXr]^')■tg,  nXrjV 
or  (hört  itXV  ort'  tov  yan  (hört  ovx  eortv  ix  tytvdwv  avXXoyiauög  (weil 
nämlich  falsche  Vordersätze  eben  die  Gründe,  das  öiöri,  falsch  angeben, 
vgl.  S.  170,  2).  Unter  welchen  Bedingungen  diess  in  den  einzelnen  Figuren 
möglich  ist,   erörtert  c.   2 — 4. 

7)  Tb  xvxfao  xcd  ii-  aXXtjXwv  8e(xvvO&nt.  Dieses  besteht  darin,  dass 
der  Schlussatz  eines  Schlusses,  welcher  dann  aber  natürlich  anderweitig 
feststehen  muss,  in  Verbindung  mit  der  umgekehrten  einen  Prämisse  zum 
Erweis  der  anderen  gebraucht  wird.  Ueber  die  Fälle,  in  welchen  'un- 
möglich ist,  s.  m.  a.  a.  0.  c.  5 — 7 ;  gegen  den  fehlerhaften  Zirkel  im  Beweif 
Anal.  post.   I,  3.  72,  b,   25. 

8)  Aufhebung  der  einen  Prämisse  durch  die  andere  in  Verbindung  mit 
dem  contradictorischen  oder  conträren  Gegentheil  des  Schlussatzes;  a.  a.  0 
c.  8—10. 


[167.   16S]  Der  Schluss.  231 

sitzen,1),  die  Schlüsse,  welche  sich  ergeben,  wenn  die  Vorder- 
sitze eines  Schlusses"  in  ihr  Gegentheil  umgesetzt  werden  2) ,  die 
mancherlei  Fehler  im  Schliessen  und  die  Mittel,  ihnen  zu  be- 
gegnen 3).  Er  untersucht  endlich  diejenigen  Arten  der  Beglau- 
bigung, welche  nicht  zur  Beweisführung  im  strengen  Sinn  ge- 
hören4), um  auch  an  ihnen  das  einer  jeden  eigenthümliche 
|  Schlussverfahren  nachzuweisen  5).  Wir  können  auf  diese  Unter- 
suchungen hier  nicht  näher  eintreten,  so  viel  ihnen  auch  die 
Anwendung  des  syllogistischen  Verfahrens  ohne  Zweifel  zu  ver- 


r  Die  Deductio  ad  absurdum,  6  diii  tov  äSvvaxov  avV.oyiauog  c.  11 — 14, 
_  Top.  VIII.  2.  157,  b,  34.  c.  12.  162,  b,  5  und  Anal.  post.  I,  26,  wo 
bemerkt  wird,  dass  die  direkte  Beweisführung  höheren  wissenschaftlichen 
Werth  habe. 

2)   A.  a.  O.  c.   15. 

3}  Die  petitio  principii  (to  h  «o/;}  ahiiG&ai)  c.  16  vgl.  Top.  VIII,  13; 

. ',  ,t«ü«  tovto  avußccivtiv  to  xfjtvtiog  c.  17;  das  nowTov  xpsvöog  c.  18 
vgl.  Top.  VIII,  10;  daraus  abgeleitete  Regeln  für  das  Disputiren  c.  19  f.; 
über  die  Täuschung  durch  voreilige  Voraussetzungen  c.  21;  über  die  Prü- 
fung gewisser  Voraussetzungen  durch  Umkehrung  der  in  einem  Schluss 
enthaltenen  Sätze  c.  22. 

4  Die  Induktion  c.  23;  das  Beispiel  c.  24  (vgl.  Anal.  post.  I,  1.  71, 
a,  9.  Rhet.  I,  2.  1356,  b,  2.  1357,  b,  25.  II,  20);  die  anaywyr\  (Zurück- 
fährung einer  Aufgabe  axtf  eine  andere,  leichter  zu  lösende)  c.  25;  die  Instanz 

■aaig)  c.  26;  den  Schluss  aus  dem  Wahrscheinlichen  (tixog)  oder  gewissen 
Anzeichen  (orj/utuc).  welchen  A.  Enthymem  nennt,  c.  27.  Das  wichtigste 
von  diesen  ist  die  Induktion,  über  die  wir  auch  später  noch  zu  sprechen 
haben  werden.  Sie  besteht  darin,  dass  der  Obersatz  mittelst  des  Unter-  und 
Schlussatzes  bewiesen  wird.  Wenn  z.  B.  apodiktisch  zu  schliessen  wäre- 
„alle  Thiere,  die  wenig  Galle  haben,  sind  langlebig;  der  Mensch,  das 
Pferd  u.  s.  w.  haben  wenig  Galle,  also  sind  sie  langlebig",  so  schliesst  die  In- 
duktion: „der  Mensch,  das  Pferd  u.  s.  f.  sind  langlebig,  der  Mensch  u.  s.  f. 
haben  wenig  Galle,  also  sind  die  Thiere,  die  wenig  Galle  haben,  langlebig", 
was  aber  nur  angeht,  wenn  der  Unterbegriff  (Thiere  die  wenig  Galle  haben) 
mit  dem  Mittelbegriff  (der  Mensch  u.  s.  f.)  gleichen  Umfang  hat,  wenn 
BOmit  der  Untersatz  („der  Mensch  u.  s.  f.  haben  wenig  Galle")  einfach  um- 

irt  und  dafür  gesetzt  werden  kann:  „die  Thiere,  welche  wenig  Galle 
haben,  sind  der  Mensch  u.  s.   w."  (A.  a.  0.  c.  23). 

5)  Das  nähere  über  diese  Erörterungen    s.  m.    b.  Pkanti.   S.  299 — 321. 

In  der  Auswahl  und  Reihenfolge  der  einzelnen   Abschnitte   lässt   sich    keine 

strenge  Disposition  wahrnehmen,  wenn  auch  das  verwandte  zusammengestellt 

Ueber  die  Gliederung  der  ersten  Analytik  im    ganzen  vgl.  m.   Bbandis 

S.  204  f.  219  ff. 


232  Aristoteles.  [168.  169] 

danken  hat,  und  so  entschieden  auch  sie  die  Sorgfalt  beweisen, 
mit  welcher  der  Philosoph  an  seiner  Ausbildung  arbeitete. 

Auf  der  Grundlage  der  Syllogistik  erbaut  sich  nun  die 
Lehre  von  der  wissenschaftlichen  BeAveisführung,  welche  Aristo- 
teles in  der  zweiten  Analytik  niedergelegt  hat.  Jeder  Beweis 
ist  ein  Schluss,  aber  nicht  jeder  Schluss  ein  Beweis;  sondern 
allein  der  wissenschaftliche  Schluss  verdient  diese  Bezeichnung  *). 
Das  Wissen  besteht  aber  in  der  Erkenntniss  der  Ursachen,  und 
Ursache  einer  Erscheinung  ist  dasjenige,  woraus  sie  mit  Noth- 
wendigkeit  hervorgeht2).  Ein  Beweis  und  ein  Erkennen  durch 
Beweis  findet  daher  nur  da  statt,  wo  etwas  aus  seinen  ursprüng- 
lichen |  Ursachen  erklärt  wird 3),  und  Gegenstand  der  BeAveis- 
führung ist  nur  das  Nothwendige:  der  Beweis  ist  ein  Schluss 
aus  noth wendigen  Vordersätzen4);  nur  bedingter  Weise  kann 
man  auch  das,  was  in  der  Regel,  aber  nicht  ausnahmslos,  statt- 
findet, in  seine  Aufgabe  mit  aufnehmen5).  Das  Zufällige  da- 
gegen kann  nicht  bewiesen   und  überhaupt  nicht  gewusst  wer- 


1)  Anal.  post.  I,  2.  71,  b,  18:  ctnöSti'$iv  dt  ).ty(o  ovXXoyiO[.ibv  lntarrr 
/uovixov.  Und  nachdem  die  Erfordernisse  eines  solchen  aufgezählt  sind: 
Oi'XXoyiOubg  [tiv  yctQ  tarai  xcu  artv  tovtcov,  anodtc'Sig  d'  oix  torat'  oi 
yctQ  7tocr\au  lTtvGTr\{ir\v. 

2)  A.  a.  O.  c.  2,  Anf. :  Iniaraa^cu  St  oläpt!)'  txaarov  anXcog  .  .  . 
oruv  rt]v  t  alrütr  olcoue&a  yvwaxtir  dV  fjv  rb  nQäyuci  iarcv,  ort  txtiroi 
ahict  torl,  xcu  jurj  IvStyto&at  tovt'  ctXXcog  tyeir.  Weitere  Belegstellen 
S.  162,  1. 

3)  A.  a.  O.  71,  b,  19:  ei  rolvvr  larl  to  iniaraa&ai  oiov  t&tfttv, 
ctvayxr}  xcu  rr\v  ctTroStixTtxrjv  imarij/jrjv  i£  dXrj&cSv  r'  elvctt  xcu  TCQcöroiv 
xcu  ccjuiacov  (hierüber  später)  xal  yvwQifxioTtncav  xcu  ttqot^qojv  tov  avfx- 
ntQciajuarog'  ovrco  yctQ  taovrat  xal  al  ctQ/al  oixsTac  tov  Sftxvv/u^vov. 
Z.  29:  curici  Tt  .  .  .  Stt  tlvca  (sc.  das,  woraus  ein  Beweis  abgeleitet  wird)  .  . .. 
ort  rore   intara/ut^ct  brav  rrjv  airiav  eiSw/utv. 

4)  A.  a.  O.  c.  4,  Anf.:  intl  d'  ctSvrarov  äXXiog  tytcv  ov  lorlv  tniorri/ur) 
anXcHg,  uvayxatov  av  ("rj  to  inccjTTjTbv  to  xarct  ttjv  ctnoStixrcxr\v  lnunr\- 
jurjv.  anoSuxTixi]  S'  torlv  rjv  tyofitv  rw  e%eiv  dnöStri-iv'  ?£  dvctyxatcor 
uga  crvXXoyca/uög  iarcv  r\  drroSei^ig.     Vgl.  S.  233,  2. 

5)  Metaph.  XI,  8.  1065,  a,  4:  lncarr\ur\  fxtv  yctQ  näaa  tov  dtl  bvrog 
T)  wg  tnl  to  noXii,  to  Sl  av/ußtß7]xbg  h  ovStr^QU)  tovtcov  loriv.  Aual. 
post.  I,  30:  nag  yctQ  OvXXoyiO/ucg  rj  Sc'  ctvayxaicov  %  Sict  rcäv  tag  ini  rö 
nolv  TiQoraaewv'  xal  tl  (iev  al  nQoräatig  drayxaiac,  xal  rb  Ov/biTrtQaOfja 
dvayxatov,  tt  &  wg  tnl  to  noXii,  xal  rb  avunfoaOjua  roiovrov.  Vgl. 
S.   166,  1. 


[169.   170]  Der  Beweis.  233 

den  ]).  Und  da  nun  ein  noth wendiges  nur  das  ist,  was  sich  aus 
dem  Wesen  und  dem  Begriff  des  Gegenstandes  ergibt,  alles  an- 
dere dagegen  ein  zufälliges,  so  kann  auch  gesagt  werden:  alle 
Beweisführung  beziehe  und  gründe  sich  ausschliesslich  auf  die 
Wesensbestimmungen  der  Dinge,  der  Begriff  jedes  Dings  sei 
das,  wovon  sie  ausgeht  und  welchem  sie  zustrebt 2).  Je  reiner 
und  vollständiger  uns  daher  ein  Beweis  über  das  begriffliche 
Wesen  und  die  Ursachen  eines  Gegenstandes  unterrichtet,  um 
so  höheres  Wissen  gewährt  er-,  der  |  allgemeine  Beweis  verdient 
unter  gleichen  Umständen  vor  dem  particulären ,  der  positive 
vor  dem  negativen,  der  direkte  vor  dem  apagogischen,  der,  wel- 
cher uns  die  Einsicht  in  das  Warum  gewährt,  vor  demjenigen 
den  Vorzug,  welcher  blos  das  Dass  feststellt3);  und  sofern  es 
sich  um  die  Beweisführung  im  grossen,  die  Gestaltung  eines 
wissenschaftlichen  Systems  handelt,  gilt  die  Regel,  dass  die  Er- 
kenntniss  des  Allgemeinen  der  des  Besonderen  vorangehen 
müsse4).  Aus  derselben  Erwägung  folgt  aber  andererseits  auch 
der  Grundsatz,  welcher  in  das  ganze  Verfahren  unseres  Philo- 
sophen so  tief  eingreift,  dass  sich  jedes  nur  aus  seinen  eigen - 
thümlichen  Gründen  beweisen  lässt,  und  dass  es  unstatthaft  ist, 
die  Beweise  aus  einem  fremden  Gebiete  zu  entnehmen;  denn 
der  Beweis  soll  von  den  wesentlichen  Bestimmungen  des  Gegen- 
stands ausgehen,   was  dagegen   einer  andern   Gattung  angehört, 


1)  Anal.  post.  I,  6.  75,  a,  18.  c.  30  vgl.  c.  8.  c.  33  u.a.  St.  S.  o.  162,  5. 

2  A.  a.  0.  c.  6,  Anf. :  ti  ovv  larlv  17  dnoöeiXTixrj  tmorriur]  ig  dray- 
xaioiv  itoywv  (o  ydo  tniOTarai  ov  dvvcnbv  d).).ojg  i-ydv)  rc  cff  xa&  avra 
vnüoyovru  dvayxaia  toT;  nndyuuaiv  .  .  .  (pavsqbv  on  ix  toiovti&v  Tivoli 
av  (irj  b  dnoStixTixog  GvD.oyiouog'  anav  ydo  77  ovxwg  vnaqyzi  #J  xutcc 
ovfißtßTjxog,  tk  <f£  ovußtßrjxoTcc  ovx  dvayxaia.  Ebd.  Schi.:  tnel  cf  ?!; 
itwAyxtjS  vTcdgyti  nioi  exaorov  yivog  hau  xccfr'  avrtt  Indoyti  xcu  tj  'dxuOTor. 
ifnvtobr  ort  ntol  tojv  zk.9-'  uvTtt  vnapyöi'Tcov  ai  {TUOTTjuovixcti  c(7Toditieig 
xa\  Ix  nör  toiovtcov  tiotv.  rd  /uev  ydo  av/xßeßrjxoTct  ovx  dvayxaia,  war' 
ovx  icrdyxT]  to  avfxnioaaua  ildivai  6i6ti  VTidgyei,  ovcf'  el  atl  (irj,  /urj 
xa&*  aiTÖ  dt,  oiov  ol  diu  Gr][/eicov  avl).oyiG/uo(.  to  ydo  xa&'  avxb  ov 
xa&  airro  iniGTrjGtTcci,  ovöt  cSioti.  rb  dt  Siori  tTTiOTico&ai  toxi  rb  Sic 
Tüf  ithiov  tnio~Taa&ui.  01'  ccvto  apa  deT  xal  rb  utdov  to)  toitoj  xcu  to 
toojtov  tu)  ut'aq)  vnägytiv.     Vgl.  S.  204,    1. 

3)  Anal.  post.   I,   14.  c.   24—27. 

4)  Phys.  III,  1.  200,  b,  24:  vortga  ydo  77  ntol  tcov  läioiv  d-eo)oia  Ttjg 
7ltgl   T(OV    xoiVcZv    tOTir. 


234  Aristoteles.  1170.171] 

kann  ihm  immer  nur  zufälligerweise  zukommen,  da  es  keinen 
Theil  seines  Begriffs  bildet x).  Alle  Beweisführung  dreht  sich  so 
um  den  Begriff  der  Dinge:  ihre  Autgabe  besteht  darin,  dass  sie 
nicht  allein  die  Bestimmungen,  welche  jedem  Gegenstand  ver- 
möge seines  Begriffs  zukommen,  sondern  auch  die  Vermittlungen 
nachweist,  durch  welche  sie  ihm  zugebracht  werden,  sie  soll  das 
Besondere  aus  dem  Allgemeinen,  die  Erscheinungen  aus  ihren 
Ursachen  ableiten. 

Kann  aber  die  Reihe  dieser  Vermittlungen  in's  unendliche 
fortgehen,  oder  hat  sie  eine  nothwendige  Grenze?  Aristoteles  | 
behauptet  das  letztere  in  dreifacher  Hinsicht.  Mögen  wir  nun 
von  dem  Besonderen  zum  Allgemeinen,  von  dem  Subjekt,  wel- 
ches nicht  mehr  Prädikat  ist,  zu  immer  höheren  Prädikaten  auf- 
steigen, oder  mögen  wir  umgekehrt  von  dem  Allgemeinsten,  dem 
Prädikat,  welches  nicht  Subjekt  ist,  zum  Besonderen  herab- 
steigen: immer  müssen  wir  doch  an  einen  Punkt  kommen,  wo 
diese  Bewegung  stillesteht,  da  es  sonst  nie  zur  wirklichen  Be- 
weisführung oder  Begriffsbestimmung  kommen  könnte 2) ;  eben- 
damit  ist  aber  auch  der  dritte  Fall  ausgeschlossen,  dass  zAvischen 
einem  bestimmten  Subjekt  und  einem  bestimmten  Prädikat  eine 
unbegrenzte  Zahl  von  Vermittlungen   in    der   Mitte  liege ä).     Ist 


1)  Anal.  post.  I,  7,  Anf. :  ovx  üou  iotiv  £!•  Sllov  ytrovg  utTußüvra 
ösigai,  oiov  to  ytüjjutTQtzov  a(>i\h[*r]Tixrj.  tqiu  yuo  ton  tu  iv  Tuig  üno- 
d'fit-toiv,  i'v  fitv  to  ünodtrxvvjutvov  to  Ovf.iTTtQaaucc'  toüto  J'  fori  to 
vnuiiyov  yivSi  Ttrl  xa&'  uiirö.  ?V  o*t  tu  u&wuutu'  tii-io'j/uuTU  J'  loriv  t$ 
tov  [sc.  ul  cenodiii-eis  elotv].  tqItov  to  yivog  to  vnox((/xevov,  ov  tu  nu&rf 
xal  tu  xa&*  ccvto  (Jv/ußsßrjxÖTa  drjloi  r\  unoöd^ig.  £f  wv  fxtv  ovv  t)  clno- 
dtigig,  Ivdt'ytTut  tu  uvtcc  eivat'  wi'  dt  to  ytvog  ereoov,  womo  UQid-fAtjTcxrjs 
xal  ytcuutTntug,  ovx  ian  tj\v  uq&iir\TixT}V  anotiti&v  icf-ccouoaut  tn)  t« 
ioig  /ntytdtoi  av/ußsßrjxÖTic  .  .  .  uioi '  r}  anküg  uvüy/.i\  to  ccvto  tivui  ytvog 
r)  7ijj,  (i  /utkkti  r\  anodet&g  utTußuiniv.  cckkwg  <J"  ort  udvvuTov,  örjkov'^ 
Ix  yuo  Tov  uvtov  ytvovg  uväyxt]  tu  uxqu  xu\  tu  fxiau  tirut.  tl  yug  /urj 
xu&"  aiiTÜ,  avjußtßrjxoTU  tOTtu.  diu  tovto  .  .  .  ovx  tört,  öfii-ca  .  .  .  ükkrj 
^TrtOT^wj/  to  tT^Qug,  cckk'  t]  off«  oi'Twg  iyti  noog  ukkriku  wer'  tlvui  ÖÜTtgoV 
vnb  öÜtsqov.  c.  9,  Anf.:  (furfoov  oti  ixetarov  unodttl-ui  ovx  tOTiv  cckk 
fj   ix  tcüv  ixüoTor  uoyiijv  u.  s.   w.     Weiteres  später. 

2)  Denn  (83,  b,  6.  84,  a,    3)  t«   utiuqu  ovx   ton   dKJ-tk&eTv  voouvtu. 
Vgl.  S.  235,  2. 

3)  A.  a.  0.  c.  19—22.     Das     einzelne    dieser    theihveise    ziemlich    un- 
durchsichtigen  Ausführung    kann    hier    nicht    wiedergegeben    werden.     Dass 


[171.    172  Das  unmittelbare  Wissen.  235 

aber  die  Reihe  der  Vermittlungen  nicht  unendlich,  so  kann  es 
auch  nicht  von  allem  ein  vermitteltes  Wissen,  einen  Beweis  ge- 
ben l) ;  wo  vielmehr  die  Vermittlung  aufhört,  da  tritt  nothwendig 
das  unmittelbare  Wissen  an  die  Stelle  des  Beweises.  Alles  zu 
beweisen,  ist  nicht  möglich,  da  man  mit  dieser  Forderung  ent- 
weder zu  dem  ebenberührten  Fortgang  in's  unendliche  geführt 
würde,  welcher  als  unvollziehbar  jede  Möglichkeit  des  Wissens 
und  Beweisens  aufhebt,  oder  zu  dem  Zirkelschluss,  welcher  ebenso- 
wenig einen  bündigen  Beweis  gibt 2).  Es  bleibt  mithin  nur  übrig, 
dass  |  die  Beweise  in  letzter  Beziehung  von  solchen  Sätzen  aus- 
gehen, die  als  unmittelbar  gewiss  eines  Beweises  weder  fähig 
noch  bedürftig  sind 3),  und  diese  Principien  der  Beweise 4)  müssen 


Arist.  eine  Grenze  der  Begriffsreihen    nach    oben    wie  nach  unten  annimmt, 
ist  schon  S.  212,  5  gezeigt  worden. 

1)  C.  22.  84,  a,  30.  Metaph.  III,  2.  997,  a,  7:  neql  tiÜvtwv  yaQ 
aSvvctTOv  unöäet&v  slvaf  uvüyxr]  yug  ex  rivtav  eivui  xul  negC  ti  xul 
iiiior  ttjV  ttnödei&v. 

2)  Nachdem  Arist.  Anal.  post.  I,  2  gezeigt  hat,  dass  die  Beweiskraft 
der  Schlüsse  durch  die  wissenschaftliche  Erkenntniss  der  Vordersätze  bedingt 
sei,  fährt  er  c.  3  fort:  Manche  schliessen  nun  hieraus,  dass  überhaupt  kein 
Wissen  möglich  sei,  andere,  dass  sich  alles  beweisen  lasse.  Er  bestreitet 
jedoch  beide  Behauptungen.  Von  der  ersteren  sagt  er:  oi  fj.lv  yug  vno- 
&e'uevot  ui]  tirca  olwg  inidTua&ui,  ovtoi  eig  ItneiQov  ul-iovntv  uvüyeoftui, 
tog  ovx  uv  tntOTuuevovg  tu  varegct  dicc  tu  ngöregu,  (öv  /.ir)  Ion  ngwTU: 
og&wg  Xeyovreg,  uSvvutov  yug  tu  uneigu  diel&eh'.  ei  re  iOtutcu  xul  eiaiv 
ugyul,  Tuvxug  uyvwarovg  eivuc  unodei'^ewg  ye  turj  ovarjg  uvtwv,  oneg  tf.uaiv 
ei'vai  ro  tniGraaSai  uovov  ei  de  /at)  ean  tu  ngdJTu  eidtvut,  oude  tu  ix 
ToiTcav  eivta  tnCOTuaüia  unkaig  ovde  xvgiojg,  clXX'  ig  uTio&e'oeojg,  ei  ixeivü 
tOTtv.  Er  selbst  gibt  zu,  dass  das  Abgeleitete  nicht  gewusst  werde,  wenn 
die  Principien  nicht  gewusst  werden,  und  dass  es  von  diesen  kein  Wissen 
gebe,  wenn  das  vermittelte  Wissen,  durch  Beweisführung,  das  einzige  sei; 
aber  eben  diess  läugnet  er,  a.  a.  0.  72,  b,  18  vgl.  Metaph.  IV,  4.  1006,  a,  6: 
fort  yug  ttTTcudevoia  to  utj  yiyvutOxav,  tlviov  3eT  ZrjTeTv  unöSei£iv  xul 
Tiviav  ov  dei'  oXwg  [xiv  yug  unüvTiav  äSvvatov  unödei'&v  elvut '  elg  uneigov 
yug  uv  fiudi'Lot,  oiöTe  fi.rj6'  oviwg  eivui  unödet&v.  Die  zweite  Annahme 
{nuvTwv  eivui  unööei'&v  ovätv  xoiXieiV  Ivde'xeo&ut  yug  xvxXoi  yiveo&ui 
tjjv  unööei&v  xul  /f  uXXtjXojv  72,  b,  16)  widerlegt  Arist.  a.  a.  O.  72,  b, 
25  ff.  unter  Hinweisung  auf  seine  früheren  Erörterungen  über  den  Zirkel- 
schluss (s.  o.  230,  7.) 

3)  A.  a.  O.  c.  2.  71,  b,  20:  uvüyxr]  xul  tv  unodeiXTixrjv  tnt,aTr\fir\v 
*£  uXrj&wv  t'  eivui  xul  ngüntav  xul  ufxiawv  xul  yviogifiiuTeguiv  xul  ngo- 
Tio(ov   xul   nixlatv   tou   av/urregüauuTog.  .  .  .  ix   ngwTtov    d"    üvunoäetxTtJV, 


236  Aristoteles.  [172.  173] 

noch  eine  höhere  Gewissheit  haben,  als  alles  das,  was  aus  ihnen 
abgeleitet  wird1);  es  muss  daher  auch  in  der  Seele  ein  Ver- 
mögen des  unmittelbaren  Wissens  geben,  welches  höher  steht 
und  grössere  Sicherheit  gewährt,  als  alles  mittelbare  Erkennen. 
Und  ein  solches  findet  ja  Aristoteles  wirklich  in  der  Vernunft, 
und  er  behauptet  von  ihm,  dass  es  sich  nie  täusche,  dass  es 
seinen  Gegenstand  nur  habe  oder  nicht  habe,  aber  nie  auf  falsche 
Art  habe 2).  |  Bewiesen  hat  er  aber  freilich  weder  die  Unfehl- 
barkeit noch  auch  nur  die  Möglichkeit  dieses  Wissens. 

Näher  ist  jenes  unmittelbar  gewisse  ein  doppeltes.  Wenn 
nämlich  in  jeder  Beweisführung  dreierlei  vorkommt:  das,  was 
bewiesen  wird,  die  Grundsätze,  aus  denen,  und  der  Gegenstand, 
von  dem  es  bewiesen  wird  3),  so  ist  das  erste  von  diesen  Stücken 


ort  ovx  intaTTjOSTKi  ui]  tyiav  anoSti&v  aiTwr'  (weil  man  sie  sonst,  wenn 
sie  nicht  avanööiiXToi  wären,  gleichfalls  nur  durch  Beweis  erkennen  könnte;) 
to  yap  l7r(OTaG&ui  (uv  tlnode&'g  lau  /uij  xktu  av/jßtß>]xog,  to  iyav  ttnö- 
ön'iir  iartr.    c.  3.  72,  b,  18:   tjutig  Je  (pafiev  ovie  naaav  intaT^uip'  ano- 

ÖflXTlXTjV    (IVCil,     ttXXtt    TrjV    T(OV     cl/U(Ö(OV     UVUTTÖSftXTOV.    .    .    .   xal    ov    fJOVOV 

iniaTrj/utjv  d).).a  xal  t<Qxhv  *7TtOTrj/*ris  ei'vcti  nvci  (fctuev,  ij  rovg  oqovs 
yviagi'Coutv.  Vgl.  S.  190,  4.  201,  3  Schi.  Dagegen  ist  der  Umstand,  dass 
etwas  immer  so  ist,  noch  kein  Grund,  sich  des  Nachweises  der  Ursachen 
zu  entschlagen,  denn  auch  das  Ewige  kann  seine  Ursachen  haben,  durch  die 
es  bedingt  ist;  gen.  an.  II,  6.  742,  b,   17  ff. 

4)  Aqyai,  cloycd  anoSei"$t(og,  ctoyai  OilkoyiOTixat,  «.  äueoot,  noo- 
rdaag  üusaoi  a.  a.  O.  72,  a,  7.  14.  c.  10,  Anf.  (Ityco  <5"  doyug  £r  ixwffrw 
yevd  ravTceg,  Sg  ort  soti  [ir]  lv<$£xeTat  deigcu).  II,  19.  99,  b,  21  vgl.  S.  190,4. 
gen.  an.  II,  6.  742,  b,  29  ff.  Metaph.  V,  1.  1013,  a,  14.  III,  1.  2.  995,  b, 
28.  996,  b,  27.  IV,  3  u.  a.  vgl.  Ind.  arist.  111,  b,  58  ff.  —  Anal.  post.  I,  2. 
72,  a,  1 4  will  Arist.  den  unbewiesenen  Vordersatz  eines  Schlusses  diotg 
nennen,  wenn  er  sich  auf  etwas  Besonderes  bezieht,  cii-tw/ua,  wenn  er  eine 
allgemeine  Voraussetzung  aller  Beweisführung  ausdrückt;  enthält  eine  fttßtg 
eine  Aussage  über  Sein  oder  Nichtsein  eines  Gegenstandes,  so  ist  sie  eine 
vnö&trng,  andernfalls  ein  onia/uög.  In  weiterem  Sinn  wird  &{oig  Anal, 
pr.  II,  17.  65,  b,  13.  66,  a,  2.  An.  post.  I,  3.  73,  a,  9  gebraucht,  in  engerem 
Top.  I,  11.  104,  b,  19.  35.  (Weiteres  Ind.  ar.  327,  b,  18  ff.)  Ueber  ä&w/utt, 
das  aber  gleichfalls  auch  in  weiterer  Bedeutung  vorkommt,  s.  m.  Anal.  post.  I, 
7.  75,  a,  41  c.  10.  76,  b,  14.  Metaph.  III,  2.  997,  a,  5.  12.  Von  der  vnö»tOig 
wird  noch  das  ahrj/ucc  unterschieden  Anal.  post.  I,   10.  76,  b,  23  ff. 

1)  A.  a.  O.  c.   2.  72,  a,  25  ff.  vgl.  S.  235,  3. 

2)  S.  o.  S.  190  ff.,  wo  auch  gezeigt  ist,  wie  sich  Arist.  dieses  unmittel- 
bare Wissen  näher  denkt. 

3)  Anal.  post.  I,  7;  s.  o.  234,  1.  c.  10.  76,  b,  10:  näaa  yceo  dnoSuxTix'r] 


[73  Das  unmittelbare  Wissen.  237 

nicht  Sache  des  unmittelbaren  Wissens,  denn  es  ist  aus  den  zwei 
anderen  abgeleitet.  Diese  selbst  aber  unterscheiden  sich  da- 
durch, dass  die  Axiome  verschiedenen  Wissensgebieten  gemein- 
sam, die  auf  den  bestimmten  Gegenstand  bezüglichen  Sätze  da- 
gegen jeder  Wissenschaft  eigenthümlich  sind 1).  Nur  auf  diese 
eigentümlichen  Voraussetzungen  jedes  Gebiets  lässt  sich  ein 
bündiger  Beweis  gründen 2) ;  sie  selbst  aber  lassen  sich  so  wenig, 
als  die  allgemeinen  Axiome,  aus  einem  höheren  ableiten3),  son- 
dern die  Kenntniss  des  bestimmten  Gegenstandes,  auf  den  sie 
sich  beziehen,  muss  sie  an   die  Hand  geben4).      Sie   sind   somit 


lnimr]u.r]   ttsoI  toi'cc  torlr,    Sau    te    flvui  TidfTut  (tuvtu   d"  lau  to  yivog 

OV    TWJ'     XU&'     «IT«     TCU&T\UUTWV     lOTl     \h£W07]TlXT]),    XCli    TU    ?.tyO[AtVU     XOIVtt 

c}$io>  ultra  t£  wv  ttowtwv  unoöeixvvai,  xui  tqitov  t«  ttuStj  ....  raiu  ravra 
?cjti,  Titoi  o  Tf  öeixvvßi  xui  «  ätixvvoi  xui  t£  wv.  Metaph.  III,  2.  997,  a,  8: 
ttvdyxrj  yito  ix  rivwv  sivat  xui  nioC  ti  xcu  tivwv  ttjv  itnööu&v,  wofür 
Z.  6  in  anderer  Ordnung  yirog  vnoxtiutvov,  nü&r],  ugiwuuTa  steht. 

1)  Anal.  post'.  1,7,  s.  o.  234,  1.  c.  10.  76,  a,  37:  'iari  J"  wv  yowvrui 
tv  rcug  anoötiXTixais  IniGTTJuuig  tu  ukv  tJt«  ixuarrjs  incaT^/utjg  tu  Sk 
xoiVc't  .  .  .  itfiu  ukv  oiov  ypuu/jrjv  siVtti  rocnväi  xui  to  fvSi;  xocvu  dk  oiov 
tu  tau  utto  Xawv  av  aipiXtj  ort,  tau  tu  ).omü.  c.  32,  Anf. :  rag  6  avrüg 
ctgyug  ttnttvrwv  slvcu  twv  avk'/.oyiouwv  advvuTOV,  und  nachdem  diess  aus- 
führlich bewiesen  ist,  ebd.  Schi.:  ul  yao  uQ/ai  Sittui,  £!;  wv  TS  xui  ntpi 
o'  cd  filv  ovv  £'$  wv  xoivul,  ul  <Sk  ttbqI  o  Mich,  oiov  noi&/j.6g,  jufyi&og. 
Weiteres  über  die  ein oö tixr ixui  ctoyui  oder  die  xotvui  do£«t  £g~  wv  ünuvrtg 
diixvvovaiv  in  den  S.  235,  4  angeführten  Stellen. 

2)  S.  o.  234,  1.  gen.  an.  II,  S.  748,  a,  7:  ovrog  pkv  ovv  6  loyog 
/.ctdölov  Xt'uv  xui  xtvög.  ol  yao  ur\  tx  rwv  olxtiwv  upywv  Xoyoc  xevoi, 
aXla  doxovaiv  tircci  rwr  noctyuürcov  ovx  ovrtg.     Vgl.  S.    171,  2. 

3)  Anal,  post.  I,  9.  76,  a,  16  (nach  dem  S.  234,  1  Schi,  angeführten):  tl  u*k 
(fareoov  tovto,  cfavtoov  xui  ort-  ovx  kari  rctg  ixußrov  Idt'ug  upyug  uno- 
dtiljccc  t'aovTca  yäp  (denn  es  würden)  Ixttvut  anüvxwv  aqyai  xui  Ini- 
OTTi/ur]  r]  lxe(vwv  xvpia  nüvTwv.     c.   10,  s.  o.  236,  3. 

4)  Anal.  pr.  I,  30.  46,  a,  17  :  iSiai  ifk  xa&'  kxÜGTT\v  {lnLarr\(xr\v\  ul 
tt).(Totui  [cin/ui  töjv  avX).oyio/uwv].  6to  rüg  ukv  upyitg  rctg  ntpi  'ixuarov 
tunttqiag  lari  naoaSovvai.  Xiyw  J"  oiov  ttjv  uaiQokoyixrjV  ukv  ipntiptuv 
Ttjg  uarooXoyixrjg  iniOTTjur^g.  A.rjcf-O-e'vTwv  yc'co  Ixuvcäg  Ttüv  (fuivoue'vwv  oi'Twg 
tvQ^drjatcv  cd  uOTOoloytxai  anoäet^Eig.  Hist.  anim.  I,  7,  Anf. :  zuerst  wollen 
wir  die  Eigenthümlicbkeiten  der  Thiere  beschreiben,  hernach  ihre  Ursachen 
erörtern,  oitw  yuc>  xara  (f  vaiv  ioTi  noitto&ui  tt\v  fjtt&oitov,  vnunyovarig 
rfjg  lorooiug  Ttjg  ntoi  ixuöTov'  Titoi  wv  Tt  yc'co  xui  ££  wv  tivui  dtl  ttjv 
i'Tiodtifrv,  £x  tovtwv  yivtTui  CfUVioÖv. 


•j;^  Aristoteles.  ]7;U 

im  allgemeinen  Sache  der  Beobachtung,  der  Erfahrung1).  Wie 
aber  diese  Erfahrung  zu  Stande  kommt,  untersucht  der  Philo- 
soph nicht  genauer :  er  behandelt  nicht  allein  die  sinnliche  Wahr- 
nehmung als  etwas  einfach  gegebenes,  dessen  Elemente  er  nicht 
weiter  zergliedert,  sondern  er  rechnet  auch  solches  zu  dem  un- 
mittelbar Gewissen,  worin  wir  nur  ein  Urtheil  über  das  Gegeben»» 
sehen  können  2) ;  macht  es  sich  aber  dadurch  freilich  unmöglich, 
über  die  Seelenthcätigkeiten,  denen  wir  jene  unmittelbaren  Wahr- 
heiten verdanken,  eine  klare  und  genügende  Rechenschaft  zu 
geben 3).       Die    speci eilen    Voraussetzungen    der    verschiedenen 


1)  Vgl.  vor.  Anm.  und  Eth.  VI,  9.  1142,  a,  11  ff.  die  Bemerkung: 
junge  Leute  können  es  wohl  in  der  Mathematik  zu  einem  Wissen  bringen, 
aber  nicht  in  der  Naturforschung  oder  der  Lebensweisheit,  ort  tu  fifv  (tue 
Mathematik)  <)V  «(patgiaeoig  £gtiv  (eine  abstrakte  Wissenschaft  ist),  T<-7r 
(f  ut  uQxa)   ^|  tjuniioücg. 

2)  So  heisst  es  Eth.  III,  5.  1 1 1 2,  b,  33:  die  praktische  Ueberlegung 
(ßovlevGcg)  beziehe  sich  nicht  auf  r«  yct^1  ixctoca,  oiov  tl  uorog  tovto  jj 
rr(7it7iT(a  tos  <$(T'  (tlG&rJGeojg  yän  rctiTct.  Ebd.  VI,  W.  1142,  a,  23  ff.  führt 
A.  aus:  im  Unterschied  von  der  intGjr\^ir\  sei  die  ifQÖvr\Gig  ebenso,  wie  der 
voig,  ein  unmittelbares  Erkennen;  aber  während  dieser  auf  die  uqoi  gehe, 
lov  oiy.  ton  b'iyog  (die  obersten  Principien,  in  diesem  Eall  praktische  Prin- 
cipien), sei  sie  Erkennen  toi;  iGycnov,  ob  oi)/.  igtiv  ?7Tiot)ju>]  d)./.'  ataftrjais, 
oi>X  rj  roh'  Idlwv  (der  sinnlichen  Eigenschaften  der  Dinge)  tllV  o'üf  ctiaOurö- 
ue!)c(,  ort  to  £v  rofg  uaUriLtaTixotg  ta/uTOv  TQiywvov  (dass  das  letzte  bei 
der  Zerlegung  einer  Figur  sich  ergebende  ein  Dreieck  ist).  Hier  wird  also 
das  Urtheil:  „diess  ist  ein  Dreieck"  für  Sache  der  cua&rjGig  erklärt  (ebenso 
Anal.  post.  I,  1.  71,  a,  20  s.  u.  240,  4);  und  ähnlich  werden  die  Untersätze 
der  praktischen  Schlüsse  (hierüber  S.  504  2.  Aufl.),  also  Sätze,  wie:  „diese 
Handlung  ist  gerecht,"  ,, diess  ist  nützlich'-  u.  s.  w.,  auf  eine  cuoVt]Gig 
zurückgeführt.  Ebenso  c.  12,  wo  1143,  b,  5  mit  Beziehung  auf  die  gleichen 
Satz«-  gesagt  ist:  tovtcuv  orr  'iytiv  ihi  aiad-rjGii',  cdrij  rf  tGri  rovg.  Ist 
nun  auch  die  iuoi)i]Gig  hier  freilich  (wie  auch  c.  t)  Schi,  andeutet)  ebenso, 
wie  Polit.  I,  2.  1253,  a,  17,  in  der  weiteren  Bedeutung:  „Bewusstsein"  zu 
fassen,  so  ist  doch  immer  damit  ein  unmittelbares  Wissen,  im  Unterschied 
von  der  lniGir\ur\,  gemeint.  Wenn  Kampe  Erkenntnissl.  d.  Ar.  220  f.  in 
den  obigen  St<  llen  einen  Beweis  dafür  findet,  dass  B.  VI  der  nikomacbischen 
Ethik  ursprünglich  zur  endemischen  gehöre,  so  zeigt  schon  Polit.  I,  2.  wie 
wenig  dieser  Sehluss  begründet  i.-t.  Ebensowenig  folgt  aus  Eth.  VI,  3.  1139) 
b,  33,  wo  das:  tl  u'tv  yän  nwg  niGTfvii  u.  s.  f.  nicht  besagt:  „man  weiss, 
wenn  man  irgend  eine  Ueberzeugung  hat,"  sondern:  ,,das  Wissen  besteht 
in  einer   bestimmten   Art  der  Ueberzeugung  aus   erkannten  Principien." 

3)  Wir   diess  S.  504   f.  2.  Aufl.  nachgewiesen  werden   wird. 


[174]  Satz  d.  Widerspruchs.     Induktion. 

Wissenschaften  aufzuzählen,  ist  natürlich  nicht  möglich.  Auch 
eine  Uebersicht  der  allgemeinen  Axiome  hat  aber  Aristoteles 
nirgends  gegeben.  Nur  darnach  fragt  er,  welches  der  unbestreit- 
barste, anerkannteste  und  unbedingteste  von  allen  Grundsätzen 
sei,  über  den  desshalb  kein  Irrthum  möglich  ist ') ;  und  diesen 
findet  er  in  dem  Satze  des  Widerspruchs  2).  An  diesem  Grund- 
satz kann  niemand  im  Ernste  zweifeln,  wenn  es  auch  manche 
sagen  mögen ;  gerade  desshalb  aber,  weil  er  der  höchste  Grund- 
satz ist,  lässt  er  sich  auch  nicht  beweisen,  d.  h.  aus  einem  an- 
deren ableiten ;  dagegen  ist  es  allerdings  möglich,  ihn  gegen  Ein- 
wendungen jeder  Art  zu  vertheidigen,  indem  diesen  nachgewiesen 
wird,  dass  sie  theils  auf  Missverständnissen  beruhen,  theils  auch 
ihrerseits  ihn  voraussetzen  und   mit  ihm  sich  selbst   aufheben 3). 


1)  Metaph.  IV,  3.  1005,  b,  11  :  ßtßuioTUTi]  tf'  kq%i\  naatov  neoi  rjv 
Staipevod-ijvai    uövvutov'  yvcaoi/ucoTtcTtjr  rt  yag  avayxalov  tivui  ttjv  toiuvttjv 

Tttoi  yag  a   uij  yi'WQi'Covoir  utiutwvtui  nü.VTtg)  xai   uvvnoü-hTov.   »,)'  yag 
ävayxawv   tyeiv  tLv  otiovv  gwiivra  twv  ovtwv,  tovto  ovy  vno&toig. 

2)  A.  a.  O.  Z.  19  (XI,  5  Anf.):  to  yag  uvto  uua  vnügytiv  t(  xu) 
ur\  v.ruoyfiv  u.SvvutoV  rot  «itm  xai  y.aii'.  to  uvto'  xai  oou  ulla  ngog- 
iSiooiGutut^  uv,  fGTU)  nQogöciOQiaixtvu  TToog  rag  loyixu.g  <SvgytQti'ug.  avTT) 
Jri  nuadJi'  ton.  ßeßatoTc'cTT}  Ttov  uoytov.  Nur  ein  anderer  Ausdruck  dafür 
ist  der  Satz,  dass  demselben  in  derselben  Beziehung  nicht  entgegengesetztem 
zukommen  könne,  womit  der  weitere,  dass  ihm  niemand  solches  zuschreiben 
könne,  wieder  in  der  Art  zusammenfällt,  dass  bald  dieser  aus  jenem,  bald 
jener  aus  diesem  bewiesen  wird;  a.  a.  O.  Z.  26:  ei  o*t  firj  hdtytTca  uuu 
vnägyttv  to)  avTO)  raVavria  {TTgogdioiQia&o)  d"  rjftlv  xai  tuvtij  t^  ngo- 
TÜati  tu  slio&ora),  Ivavxta  d"  laxl  So^it  do£/;  r\  Trjg  urTMfu.o-tojg,  qavtobv 
ort  u.fivvaTov  aua  vnoka/ußciVeiv  tot  uvtov  sivat  xai  in)  tivui  to  uvto' 
uuu  yag  uv  'tyoi  Tilg  huvTiug  do'$ug  6  diEtytvOfxerog  ntgi  tovtov.  O.  6. 
lull,  b,  15:  Ine'i  cT'  aövvarov  ttjv  uvtiuuchv  u.Xrj&tvtOxtut  uuu  xutu  tov 
aVTOÖ  [wofür  Z.  20:  uuu  xarawavai  xai  anotpavat  ubjödig],  (pavegov  oti 
oi'df  tuvuvtiu  uuu  vnüoytiv  ivdtysrai  reo  uvto)  ....  akV  f\  nrj  uuy(a, 
r]   d-arigov  utv  riij  B-aTtgov  dt   ünlwg. 

.'()  In  diesem  Sinn  widerlegt  Arist.  Metaph.  IV,  4  f.  die  .Behauptung. 
welche  er  freilich  in  einige  der  älteren  Systeme  erst  durch  Folgerungen 
hineinlegt  (vgl.  Th.  I,  000  f.  910,4),  dass  ein  Gegenstand  dasselbe  zugleich 
sein  und  nicht  sein  könne,  indem  er  nachweist,  dass  jede  Rede  den  Satz 
des  Widerspruchs  voraussetze.  Auf  die  gleiche  Behauptung  führt  er  c.  5  Anf. 
c.  6  (vgl.  c.  4.  1007,  b,  22.  XI,  6  Anf.)  den  Satz  (worüber  Th.  I,  982,  1. 
988,  2)  zurück,  dass  für  jeden  wahr  sei,  was  ihm  so  erscheine;  und  er  hält 
diesem  Satz  neben  anderem,  worin  er  sich  zum  Theil  mit  dem  platonischen 
Theätet  berührt,  namentlich  auch  die   Bemerkung  (1011,  a,    17   ff.  b,  4)  ent- 


240  Aristoteles.  [174.   175] 

Dass  er  aber  nicht  sophistisch  gemissbraucht  werde,  um  das  Zu- 
sammensein verschiedener  Eigenschaften  in  Einem  Subjekt  oder 
|  das  Werden  und  die  Veränderung  zu  bestreiten,  dafür  hat 
Aristoteles  durch  die  näheren  Bestimmungen  hinreichend  gesorgt, 
wornach  er  es  nicht  schlechtliin  für  unmöglich  erklärt,  dass  dem- 
selben entgegengesetztes  zukomme,  sondern  nur,  dass  es  ihm  in 
derselben  Beziehung  und  zugleich  zukomme l).  In  ähnlicher 
Weise,  wie  der  Satz  des  Widerspruchs,  wird  der  des  ausgeschlos- 
senen Dritten 2)  als  ein  unbestreitbares  Axiom  nachgewiesen  3)T 
ohne  dass  er  doch  ausdrücklich  aus  jenem  abgeleitet  würde. 

So  entschieden  es  aber  Aristoteles  ausspricht,  dass  alles 
durch  Beweis  vermittelte  Wissen  in  doppelter  Beziehung  durch 
eine  unmittelbare  und  unbeweisbare  Ueberzeugung  bedingt  sei, 
so  ist  er  doch  weit  entfernt,  diese  darum  für  etwas  zu  erklären, 
was  keiner  wissenschaftlichen  Begründung  fähig  wäre.  Be- 
weisen lässt  sich  das,  wovon  jede  Beweisführung  ausgeht,  aller- 
dings nicht,  d.  h.  es  lässt  sich  nicht  aus  einem  andern  als  seiner 
Ursache  ableiten ;  wohl  aber  lässt  es  sich  im  Gegebenen  als  seine 
Voraussetzung  nachweisen:  an  die  Stelle  des  Beweises  tritt 
hier  die  Induktion4).     Es  sind  nämlich  überhaupt  zwei  Rich- 


gegen:    da  jedes   (paivofisvov   ein   tcvI   (fctivofxfvov   sei,   mache  er  alles  zu 
einem  nqög  n. 

1)  S.  vorl.  Anm. 

2)  Oiide  jA£Ta%v  ccvTKpüatwg  Iväexertti  e?Ptu  ouötv.    Vgl.  S.   220. 

3)  Metaph.  IV,  7;  in  die  verschiedenen  Wendungen  seiner  Beweisführung 
hat  Arist.  hier  auch  solche  Gründe  aufgenommen,  welche  von  der  Verände- 
rung in  der  Natur  hergenommen  sind,  indem  er  eben  seinen  Satz  nicht  blos 
als  logisches,  sondern  zugleich  als  metaphysisches  Princip  beweisen  will. 

4)  M.  s.  über  dieselbe,  ausser  dem  folgenden v  was  S.  231,  4  angeführt 
wurde.  Der  Name  tnccywyi]  bezeichnet  entweder  das  Herbeibringen  der 
einzelnen  Fälle,  aus  denen  ein  allgemeiner  Satz  oder  Begriff  abstrahirt  wird 
(TkbsdelenbüRG  Elem.  Log.  Arist.  84.  Hevder  Vergl.  d.  Arist.  u.  Hegel. 
Dialektik  S.  219  f.),  oder  das  Hinführen  des  zu  Belehrenden  zu  diesen  Fällen 
(Waitz  Arist.  Org.  II,  300).  Für  die  letztere  Erklärung  sprechen  einige 
Stellen,  in  denen  das  Inüynv  sein  Objekt  an  der  erkennenden  Person  hat; 
wie  Top.  VIII,  1.  156,  a,  4:  InuyovTu  (xiv  unb  tüv  xa&ixaarov  in)  tu 
xa&oXov,  namentlich  aber  Anal.  post.  I,  1.  71,  a,  19:  ort  fikv  yuQ  naV 
roiywvov  Zzci  tfvoiv  OQ&atg  icrag,  7iQorjihi,  oti  6k  toJ«  .  .  .  TQiywvov  tini', 
i'tuu  Inayö/utvog  lyvüqiotv  ....  7tqiv  J"  Ina/Sfivat  rj  A.nß(iv  avD.oyioaov, 
looTiov  piv  Viva  Xatos  (feeräov  intOTua&cti.  u.  s.  w.  c.  18.  81,  b,  5:  i/ucy^'l''^1, 
<?*  ur)  exovTag   (ao&rjOiv   udvvarov.    'Enäyuv    bedeutet    dann    aber    auch! 


(175.   176]  Satz  d.  Widerspruchs.     Induktion.  241 

tungen  des  wissenschaftlichen  Denkens  zu  unterscheiden:  die, 
welche  zu  den  Principien  hinführt,  und  die,  welche  von  den 
Principien  herabführt r),  der  Fortgang  vom  Allgemeinen  zum 
Einzelnen,  von  dem,  was  an  sich  gewisser  ist,  zu  dem,  was  es 
uns  ist,  imd  der  umgekehrte  von  dem  Einzelnen  und  uns  Be- 
kannteren zu  dem  an  sich  Gewisseren,  dem  Allgemeinen.  In 
der  ersteren  Richtung  bewegt  sich  der  Schluss  und  Beweis,  in 
der  zweiten  die  Induktion  -').  Entweder  auf  dem  einen  oder  auf 
dem  andern  von  diesen  Wegen  kommt  alles  |  Wissen  zu  Stande. 
Was  mithin  seiner  Natur  nach  keines  Beweises  fähig  ist.  das 
muss  durch  Induktion    festgestellt    werden 3).     Dass    dieses   Un- 


durch  Induktion   beweisen,  wie  in  Inayetv  to    xudölov   Top.  I,   18.   108,  b, 
10.  soph.  el.  15.   174,  a,  34. 

1)  Eth.  N.  I,  2.    1095,  a,  30;  vgl.  Abth.  I.   491,   2.  und  oben  S.  197,  2. 

2)  Neben  der  Induktion  rindet  Heider  Vergl.  d.  arist.  und  hegel.  Dial. 
232  f.  bei  Aristoteles  (Phys.  I,  1.  184,  a,  21  fY.  noch  ein  anderes  Verfahren 
angedeutet,  vermöge  dessen  vom  Allgemeinen  der  sinnlichen  Wahrnehmung 
zum  Begriff,  als  dem  besonderen  und  bestimmten,  ebenso  fortgegangen  werde, 
wie  dort  xfiva.  Einzelnen  der  Wahrnehmung  zum  Allgemeinen  des  Begriffs. 
Indessen  bemerkt  er  selbst  ganz  richtig,  dass  diess  nur  die  (von  Arist.  ge- 
wöhnlich  nicht  besonders  hervorgehobene)  Rückseite  der  Induktion  sei.  Indem 
eine  allgemeine  Bestimmung  als  das  vielen  Einzelnen  gemeinsame  heraus- 
gehoben wird,  wird  sie  zugleich  aus  dem  Complex,  in  welchem  sie  sich  der 
Wahrnehmung  darbietet,  ausgeschieden;  nur  diess  ist  es,  was  Arist.  a.  a.  O. 
im  Auge  hat.     S.  o.  S.   198  f. 

3)  Anal.  pri.  Ii,  23.  68,  b,  13:  anavxa  yao  txiotsvo/lisv  ft  d'uc  ov).).oyiG- 
uov  tj  di'  tnaywyTJg.  Ebd-  z-  35,';  s.  o.  198,  1.  Eth.  I,  7.  1098,  b,  3:  iwr 
uuyvn'  d'  id  uir  Inaytoyi}  OtiogouvTac,  ut  d"  (do&rioei  u.  s.  w.  VI,  3.  1139, 
b,  26:  ix  nnoytvMGxoutrwv  dt  ttügu  did'uGxcJ.icc'  .  .  .  /}  uir  yag  <Tt' 
(naycayijs,  r\  di  av)j.oyiauo>.  t]  uir  drj  iTTityiayrj  ugyj\  lau,  xa'i  rov  xa&ölov, 
u  di  ai  )./.oyiouög  Ix  riür  xa&olov.  elolv  l'.nu  tco%al  1$  iLv  6  ov'/.'/.oyioubg, 
wv  oux  ton  avkkoyiOfiös'  tnuywyt]  aga.  (Tkenhelesburg  Hist.  Beitr.  II, 
366  f.  und  Brandis  II,  b.  2,  1443  wollen  diese  zwei  Worte  streichen,  weil 
sich  nicht  alles  unbewiesene  Erkennen  auf  Induktion  gründe;  allein  sie 
lauten  nicht  allgemeiner,  als  die  andern  hier  angeführten  Erklärungen,  und 
werden  mit  diesen  durch  das  im  Text  bemerkte  ihre  Erledigung  finden.) 
Aehnlich  Anal.  post.  I,    1,  Anf.  Anal.  post.  I,  18:   uuvüüroutr  rj  Inayiay^ 

i-iodtiiti.    taTi    J"   rj  uh'  unödugis  ix  rwr  xa&olou,   i)  $'  inuytoy}\   Ix 

täv  xc.Tic    uigog-    aSüvarov    di  t«  xuüLY.oi    &£wgrjaat   ull  dt7  inayutyijg. 

Ebd.  II,  19.  10U,  b,  3:    dfj?.ov  di]  oti    t)uiv  tk  noiÖTa  Inayioyy  yrojoi'Cfiv 

'xalov.  Top.  I,  12:  tan  di  ib  ukv  \ildos  loycav  diu/.ixTixwv]  Inaywyi], 

io  dt  OvXXoyiOfios  ■  ■  ■  Inayioyii  di  r)  utio  rtäv  xuOixuoTov  irr)  uc  xad-6).ov 

Zeller,  Philos.  d.  Gr.  II.  Bd.  2.  Abth.  3.  Aufl.  16 


242  Aristoteles.  [176.  177] 

beweisbare  darum  nicht  nothwendig  erst  aus  der  Erfahrung  ab- 
straliirt  sein  soll,  dass  vielmehr  die  allgemeinen  Grundsätze  nach 
Aristoteles  durch  eine  unmittelbare  Vernunfitthätigkeit  erkannt 
werden,  ist  schon  bemerkt  worden ]) ;  aber  wie  sich  diese  Ver- 
nunftthätigkeit  in  den  Einzelnen  nur  allmählich,  an  der  Hand  der 
Erfahrung,  entwickelt,  so  können  wir  uns,  wie  er  glaubt,  auch 
wissenschaftlich  ihren  Inhalt  nur  dadurch  sichern,  dass  wir  ihn 
durch  eine  umfassende  Induktion  bewähren  2). 

Diese  Forderung  ist  nun  aber  nicht  ohne  Schwierigkeit. 
Der  Induktionsschluss  beruht ,  wie  früher  gezeigt  wurde 3) ,  auf 
einem  solchen  Verhältniss  der  Begriffe,  welches  die  Umkehrung 
des  allgemein  bejahenden  Untersatzes  gestattet:  er  setzt  voraus. 
dass  der  unterste  und  der  Mittelbegriff  des  Schlusses  den  glei- 
chen Umfang  haben.  Eine  beweiskräftige  Induktion  findet,  mit 
anderen  Worten,  nur  dann  statt,  wenn  eine  Bestimmung  an  allen 
Einzelwesen  der  Gattung,  von  der  sie  ausgesagt  werden  soll, 
aufgezeigt  ist 4).  Eine  schlechthin  vollständige  Kenntniss  alles 
Einzelnen  ist  aber  unmöglich 5).  Es  scheint  |  mithin  alle  In- 
duktion unvollständig,  und  jede  Annahme,  die  sich  auf  Induktion 
gründet,  unsicher  bleiben  zu  müssen.  Um  diesem  Bedenken  zu 
entgehen,  inuss  eine  Abkürzung  des  epagogischen  Verfahrens 
angebracht,  für  die  Unvollständigkeit  der  Einzelbeobachtung  ein 
Ersatz  gesucht  werden.     Diesen    findet    nun  Aristoteles  in   der 


tifioäog  .  .  .  (Otc  d'  rj  uir  Inayaiyr}  ni&ctvwTtQov  xal  oaqihOTtoov  xal  xaru 
ri\v  aiO&r)Oiv  yvwQi/uwTfQov  xal  roig  nokLoTg  xoivöv,  o  6t  avXloyiaiubi 
ßi«(jTix(ör(QOV  xal  rtQog  toi?  dmkoytxovs  ivaoy{<TT(oov.  Ebd.  c.  8,  Anf. 
Khet.  I,  2.  1356,  a,  35.    Vgl.  S.   197  f. 

1)  S.  S.   190   ff.  235  f. 

2)  M.  s.  hierüber  auch,  was   S.  243,  2  aus  Top.  I,  2   angeführt  ist. 

3)  S.  231,  4. 

4)  Vgl.  Anal.  pr.  II,  24,  Schi.:  (to  7ranüd*(iyua)  dcaytott  rfjg  tnayioyfiq, 
ort  r\  fiir  t$  anävTOiV  twv  (tröutov  ro  a*oov  ?(ft(xvvev  vnäo/tiv  r«) 
uietp  .  .  .,  tö  Sk  .  .  .  ol'x  l!j  anävTtov  ötlxvvaiv.  Ebd.  c.  23.  68,  b,  27:  öti 
ii  lotiv  ro  r  (den  untersten  Begriff  des  Induktionsschlusses)  to  t£  änei- 
Km'  Toir  xa&ixaarov  ovyxttufiov    i)  yan  inayotyri    tfia   ncivTwv. 

5)  Wem  auch  alle  bisher  vorgekommenen  Fälle  einer  bestimmten  Art 
bekannt  wären,  der  könnte  doch  nie  wissen,  ob  nicht  die  Zukunft  andere, 
hievon  abweichende  Erfahrungen  bringen  werde;  aber  auch  jenes  lässt  sicli 
der  Natur  der  Sache  nach  nie  annehmen,  und  noch  weniger  könnte  man  es 
jemals  beweisen. 


TJ77]  Wahrscheinlichkeitsbeweis.  243 

Dialektik  oder  dem  Wahrscheinlichkeitsbeweise  x),  dessen  Theorie 
er  in  seiner  Topik  niedergelegt  hat.  Der  Nutzen  der  Dialektik 
besteht  nämlich  nicht  allein  in  der  Denkübung,  auch  nicht  blos 
in  der  Anleitimg  zur  kunstmässigen  Streitrede,  sondern  sie  ist 
zugleich  ein  wesentliches  Hülfsmittel  der  wissenschaftlichen  Unter- 
suchung, indem  sie  uns  die  verschiedenen  Seiten,  von  denen  ein 
Gegenstand  betrachtet  werden  kann,  aufsuchen  und  abwägen 
lehrt.  Sie  dient  insofern  namentlich  zur  Feststellung  der  wissen- 
schaftlichen Principien,  denn  da  sich  diese  als  ein  erstes  nicht 
durch  Beweisführung  aus  etwas  gewisserem  ableiten  lassen, 
bleibt  nur  übrig ,  sie  vom  wahrscheinlichen  aus  zu  suchen 2). 
Ihren  Ausgang  nimmt  eine  solche  Untersuchung  von  den  herr- 
schenden Annahmen  der  Menschen;  denn  was  alle,  oder  doch 
die  erfahrenen  und  verständigen  glauben,  das  verdient  immer 
Beachtung,  da  es  die  Vermuthung  für  sich  hat,  auf  einer  wirk- 
lichen Erfahrung  zu  beruhen 3).    Je  unsicherer  aber  diese  Grund- 


1)  Ueber  diese  engere  Bedeutung  des  „Dialektischen"  bei  Aristoteles 
s.  m.  Waitz  Arist.  Org.  II,    435  ff.*,  vgl.  die  folgenden  Anmm. 

2)  Top.  I,  \:'H  uiv  TiQÖ&iOig  rrjg  nQuyuuTtiug,  /utfrodov  tvotiv,  «y' 
T]g  dvvr)GÖue&K  Gv'O.oyi&n&ai,  ntnl  nuVTog  tov  nQOTtd-h'Tog  7rooßlrj{iuiog 
/£  Ivdö^tov,  xctl  avTol  Xöyov  vnt'yovTtg  /btrj&tv  ioovfAtv  intvavTiov.  .  .  . 
dtuXtxrtxbg  dt  avkloyia/jbg  6  l|  ivdöiwv  ou).Xoyi£6[itrog  .  .  .  tvdoi-u  dt  tu 
doxovvru  7TÜoiv  T}  Totg  n'/.tCazoig  r]  roig  aotfoig,  xal  rovTOig  r\  ncZoiv  r\  roTg 
nXeiOTOig  17  roig  /juaiotu  yviogi/joig  xal  tvdöi-otg.  c.  2:  iart  dr)  nobg  toiu 
Ixotjoifxog  77  nouyuccTttu],  noög  yufj.vuaiav,  ngbg  Tag  ivTsüfrcg,  7igbg  rag 
xutu  (fO.oooffCnv  invaTr\iiug  .  .  .  nQog  dt  Tag  xutu  (i-i).oaotf>Cav  i7tiOTr][Attg, 
ort  dcrüiitroi  ngog  uufföxtQU  diuTTOQTJaui  oclov  iv  ixc'caroig  xaTOipöut&a 
Tct).t]!rt'g  TS  xui  tö  tytidog.  tri  dt  7100g  tu  nowTa  tcov  ntol  ty.ÜGTi\v 
in  iOttJ  ur/v  uoywv.  ix  fikv  yuo  tcov  oixtimv  tcov  xutu  tt}v  nooTt&sToav 
tniOTrjurjv  uoywv  ccdvVUTOV  tlntlv  ti  ntol  uvtwv,  intidrj  ttqwtui  cd  cloyu'i 
unavTütv  tlal,  diu  dt  twv  ntql  ixuara  ivdogwv  ti.vv.yxr]  ntol  avTtiiv  dit).- 
&tir.  toTto  d'  idiov  i]  /uulioxa  olxtTov  Ttjg  diuktxxixfjg  iariv'  iijtTuciTixi] 
yctQ  ovaa  7100g  Tag  ('.ttuowv  tojv  fit&ödwv  üoyüg  bdbv  tyti.  Den  dialek- 
tischen Schluss  nennt  Arist.  irnybioi)uu  Top.  VIII,  II.  162,  a,  15.  Die 
verschiedenen  Aeusserungen  des  Arist.  über  die  Aufgabe  und  den  Nutzen 
der  Dialektik  stellt  Thdrot  Ktudes  s.  Arist.  201  ff.  zusammen;  doch  hat  er 
die  theihveise  Ungenauigkeit  seiner  Ausdrücke  etwas  zu  stark  betont.  Vgl. 
über  die  Topik  auch  oben  S.   72. 

3)  Divin.  in  s.  c.  1,  Auf.:  ntol  dt  Trjg  uuiTixrjg  Trjg  iv  ToTg  vnvoig 
yivouiv^g  .  .  .  ovTt  xctTcafoorrjacu  büdiov  outs  ntia&fjvut.  to  /xtv  yctQ  nuv- 
Tag  rj  no'Ü.oig  vnoXufxßärtiv  tytiv  ti  Orjutttodtg  tu  ivvnviu  nuoiytxui 
niOTiv  o)g  Vi  iunttoi'ug  Ityöutvov  u.  s.  w.    Eth.  I,  8  Auf.  VI,  12.   1143,   b,    11: 

16* 


244  Aristoteles.  [178] 

läge  ist,  ]  um  so  mehr  drängt  sich  auch  Aristoteles  das  Bedürf- 
niss  auf.  aus  welchem  schon  die  soldatische  Dialektik  entsprungen 
war,  ilire  Mangelhaftigkeit  dadurch  zu  verbessern,  dass  die  ver- 
schiedenen in  der  Meinung  der  Menschen  sich  kreuzenden  Ge- 
sichtspunkte zusammengebracht  und  gegen  einander  ausgeglichen 
werden.  Daher  die  Gewohnheit  des  Philosophen,  seinen  dogma- 
tischen Untersuchungen  Aporieen  voranzuschicken,  die  ver- 
schiedenen Seiten,  von  denen  sich  der  Gegenstand  fassen  lässt, 
aufzuzählen,  die  hieraus  sich  ergebenden  Bestimmungen  an  ein- 
ander und  an  dem,  was  sonst  feststeht,  zu  prüfen,  durch  diese 
Prüfung  Schwierigkeiten  zu  erzeugen ,  und  in  der  Lösung  der- 
selben die  Grundlagen  der  wissenschaftlichen  Darstellung  zu  ge- 
winnen l).  Diese  dialektischen  Erörterungen  dienen  den  posi- 
tiven wissenschaftlichen  Bestimmungen  zur  Vorbereitung,  indem 
sie  die  Fragen,  um  die  es  sich  handelt,  klar  stellen,  die  Ergeb- 
nisse der  Induktion  unter  gewisse  allgemeine  Gesichtspunkte  zu- 


toOTl    äet    ITPOgt/tlV    TWV JfJTTtlQWV    Xßl    7TQtOßvT{p(l)V   7/    (f.QOVlflWV    TCag    UVU- 

nodtixToig  (fäatoi  xcu  dö'g~uig  ov/  tjttov  twv  Knodsi&wv.  X,  2.  1172,  b, 
35:  ot  d"  IviOTtt/ievot  u>g  ovx  uyct&öv  ov  vcÜvt*  t(fierui,  fxr)  ov&tv  Xsycooiv' 
o  yap  näoi  öoxtT,  tovt'  tivui  (paftev.  Khet.  I,  1.  1355,  a,  15  (s.  u.  S.  597,  5 
2.  Aufl.).  Aus  demselben  Anlass  beruft  sich  Eth.  VII,  14.  1153,  b,  27  auf 
Hesiod  ('25.  ■/..  tjfi.  763):  (prjfitj  J'  ov  ti  yt  nci/uTiav  änoXluTat,  rjv  Tira 
Xaoi  no).).ol  .  .  und  Svnes.  calv.  euc.  c.  22  (Ar.  Fr.  Nr.  2)  führt  als  aristo- 
telisch an:  ort  (sc.  cd  nccpoi/utat)  naXautg  tiai  <f  iXoooy iag  iv  Taig  fxtyiOTctig 
üv&obtTitov  iföoouTg  unolofAtvrig  tyxtauXu'uumu  TTintöuiftivTct  diic  övvto- 
iit'uv  y.a)  dt£iÖTr]Ta.  Vgl.auchPolit.il,  5.  1264,  a,  1.  Eth.  Eud.  1,  6.  Anf. 
und  unten  S.  627.  332,  3.  359,  4  2.  Aufl.  Damit  hängt  auch  die  Vorliebe 
des  Aristoteles  für  sprichwörtliche  Redensarten  und  Gnomen  zusammen, 
worüber  auch  S.  1U9,    1    {UuQoifjlui)   z.   vgl. 

1)  Metaph.  III,  1,  Anf. :  Zart  di  Toig  iv/roorjöca  ßovXouivoig  npovnyov 
tci  öiunopfjaiu  xuXcog'  r)  yäo  vOtsqov  tvnooCa  Xvßig  tiöv  nooTfpov  anonoi- 
txiviDV  ioil,  Xveiv  <?'  ovx  tanv  txyvoovvTag  tov  diofxöv  u.  s.  w.  Eth.  N. 
VII,  1,  Seid.:  fiti  J",  wonen  tni  tiuv  aXXwr,  nOivrug  tu  (futvöfxtva  xcu 
tipwtov  öiun<  prjauvTug  ovtm  ötixvvvca  püXtOTU  piv  nürra  ja  £VJo£«  ntoi 

TUVTU    7«    7IU&T],    ti    l)'t    flTj,    TU    TT/.ttOTU    XUI     XI PlWTUTU  '    t(<V     yttQ    XvT)TUl    TS 

r«  ^ig/toi,  /(v  xicKc/.n'.iijiKi  ii'.  f'vifo^a,  dadttypivov  uv  th)  ixuviog.  Anal, 
post.  II,  3,  Anf.  und  Waitz  z.  d.  St.  Phys.  IV,  10,  Anf.  Meteorol.  I,  1  .'i.  Auf. 
De  an.  I,  2,  Anf.  longit.  vit.  c.  1,  464,  b,  21  u.  a.  St.  Top.  VIII,  11.  162, 
a,  17  wird  das  u;iöm]ua  als  ouXXoyiOjUGg  <haX(xTixög  uvTitfciotiog  definirt. 
Diese  aristotelischen  Aporieen  dienten  den  Scholastikern  als  Vorbild  für  die 
atio  pro  et  contra. 


[178]  Wahrscheinlichkeitsbeweis.     Induktion.  245 

sanimenfassen,  diese  durch  einander  bestimmen  und  sie  zu  einem 
Gesammtergebniss  verknüpfen;  in  ihnen  versucht  sich  das  Den- 
ken an  den  verschiedenen  Aufgaben,  deren  wirkliche  Lösung 
zur  philosophischen  Erkenntniss  führt 1).  | 

Den  strengeren  Anforderungen  der  heutigen  Wissenschaft 
kann  nun  freilich  weder  die  Theorie  noch  das  eigene  Verfahren 
des  Aristoteles  genügen;  mögen  wir  vielmehr  die  Ableitung-  der 
wissenschaftlichen  Sätze  und  Begriffe  aus  den  Thatsachen  oder 
die  Feststellung  der  Thatsachen  als  solche  in's  Auge  fassen,  so 
stossen  wir  auf  erhebliche  Lücken  und  Mängel.  Was  die  erstere 
anbelangt,  so  soll  die  Induktion  nach  Aristoteles  darin  bestehen, 
dass  aus  den  sämmtlichen  Einzelfällen  einer  bestimmten  Ellasse 
ein  Satz  abgeleitet  wird,  der  als  allgemeines  Gesetz  ausspricht, 
was  in  allen  jenen  Fällen  vorkam '-).  In  Wahrheit  besteht  sie 
aber  darin,  dass  ein  solcher  Satz  aus  den  uns  bekannten 
Fällen  abgeleitet  wird;  wenn  es  sich  daher  um  das  Princip  des 
Induktionsschlusses  handelt,  ist  die  Hauptfrage  die :  was  uns  be- 
rechtigt, aus  den  uns  bekannten  Fällen  auf  alle  gleichartige  Fälle 
zu  schliessen?  Wenn  Aristoteles  diese  Frage  noch  nicht  auf- 
warf, kann  man  ihm  diess  allerdings  um  so  weniger  zum  Vor- 
wurf machen,  da  auch  von  seinen  Nachfolgern  keiner  vor 
Stuart  Mill  sie  scharf  gestellt,  und  auch  dieser  sie  nur  ungenü- 
gend und  widerspruchsvoll  zu  beantworten  gewusst  hat.  Aber 
eine  unvermeidliche  Folge  davon  war  es,  dass  seine  Theorie  der 
Induktion  das  Bedürfniss  unberücksichtigt  lässt,  welches  hier 
vorliegt,  dass  sie  uns  keine  Auskunft  darüber  gibt,  wie  die 
Richtigkeit  der  Induktion  trotz  der  Unvollständigkeit  der  Er- 
fahrungen, von  denen  sie  ausgeht,  sichergestellt  werden  kann. 
Thatsächlich  hat  der  Philosoph  allerdings  diese  Lücke,  wie  so 
eben  gezeigt  wurde,  durch  den  Wahrscheinlichkeitsbeweis  und 
die  dialektische  Erörterung  der  Aporieen  auszufüllen  versucht. 
Aber  so  glänzend  auch  in  der  letzteren  nicht  allein  sein  Scharf- 
sinn, sondern  auch  seine  wissenschaftliche  Umsicht  an  den 
Tag  tritt,  so  kann  sie  doch  für  eine  erschöpfende  und  mit  me- 
thodischer Sicherheit  angestellte  Vergleichung  der  Beobachtungen 

1)  Metaph.  IV,  2.  1004,  b,  25:  effn  dl  r\  önxJLexrutij  nsvoaGTixi]  Tiegl 
wv    r)   ifii.oaoif.ia   yvojGTixrj. 

2)  Vgl.   S.  231,   4.  242. 


24  (5  Aristoteles. 

schon  desshalb  keinen  ausreichenden  Ersatz  gewähren,  weil  sie 
eben  nicht  von  der  Beobachtung  als  solcher  ausgeht,  sondern 
von  dem  tvdo^ov,  von  Annahmen,  in  denen  sich  mit  den  wirk- 
lichen Erfahrungen  Vennuthungen,  Folgerungen  und  Einbildungen 
aller  Art  vermischt  haben  oder  doch  vermischt  haben  können. 
AI  kt  auch  da,  wo  sich  Aristoteles  auf  wirkliche  Beobachtungen 
bezieht,  bleibt  er  doch  hinter  den  Ansprüchen,  welche  wir  an 
die  wissen  schaftliche  Beobachtung  zu  stellen  gewohnt  sind,  in 
vielen  Beziehungen  zurück.  Ueber  die  Bedingungen  einer  zu- 
verlässigen Beobachtung,  die  Mittel,  deren  man  sich  zu  bedienen 
hat,  um  die  Richtigkeit  eigener  Beobachtungen  sicherzustellen, 
die  Zuverlässigkeit  fremder  Angaben  zu  prüfen,  findet  sich  bei 
ihm  nur  die  eine  und  andere  gelegentliche  Bemerkung;  da  er 
zu  wenig  darauf  achtet,  in  welchem  Umfang  unsere  eigene 
Geistesthätigkeit  bei  unsem  Wahrnehmungen  betheiligt  ist1),  so 
ist  es  natürlich,  dass  seine  Theorie  auch  keine  genügende  Vor- 
sorge getroffen  hat,  um  der  Verunreinigung  der  Beobachtungen 
durch  dieses  subjektive  Element  zu  begegnen.  Und  auch  sein 
eigenes  Verfahren  gibt  in  dieser  Beziehung  zu  mancher  Aus- 
stellung Anlass.  Er  hat  allerdings,  vor  allem  in  seinen  zoolo- 
gischen Schriften,  eine  ungemein  grosse  Masse  thatsächlicher  An- 
gaben zusammengebracht ,  von  denen  sich  die  überwiegende  Mehr- 
zahl, so  weit  sie  überhaupt  bis  jetzt  controlirt  werden  konnten 2), 
als  richtig  bewährt  hat;  und  wenn  die  meisten  von  diesen  An- 
gaben der  Wahrnehmung  offen  genug  lagen,  so  finden  sich  doch 
auch  manche  darunter,  die  eine  sorgfältigere  Beobachtung  er- 
forderten3).    Auch  den  wissenschaftlichen  Versuch   hat  er  nicht 


1)  Vgl.  S.  201  und  S.  416  f.  2.  Aufl. 

2)  Diess  ist  nämlich  nicht  immer  möglich :  theils  weil  oft  nicht  feststeht, 
welches  Thier  mit  diesem  oder  jenem  Namen  gemeint  ist,  theils  weil  uns 
auch  nicht  alle  von  Arist.   erwähnten  Thiere  ausreichend  bekannt  sind. 

3)  So  sieht  man  aus  part.  an.  III,  4.  665,  a,  33  ff.  (vgl.  Lewes  Arist. 
§.  394;,  dass  er  über  die  Entwicklung  des  Embryo  im  Ei  Untersuchungen 
angestellt  hatte,  wenn  er  hier  bemerkt,  man  finde  in  den  Eiern  oft  schon 
am  dritten  Tag  Herz  und  Leber  als  gesonderte  Punkte.  Gen.  an.  II,  6  macht 
er  Bemerkungen  über  die  Reihenfolge  des  Hervortretens  der  verschiedenen 
Körpertheile,  von  denen  auch  Lewes  (§  475)  anerkennt,  man  sehe  daraus, 
dass  A.  Entwicklung  studirt  habe.  Eine  lange  für  fabelhaft  gehaltene  An- 
gabc über  das  Vorkommen  einer  Placenta  bei  einer  Haifischart  (H.  an.  VI, 


Induktives  Verfahren.  247 

ganz  vernachlässigt ').  Er  erregt  ebenso  durch  den  Umfang  und 
die  Sorgfalt  seiner  geschichtlichen  Studien  unsere  höchste  Be- 
wunderung2). Er  verhält  sich  ferner  kritisch  genug  zu  den 
Ueberlieferungen,  um  manche  falsche  Angabe  zu  berichtigen 3), 
auf  die  Unzuverlässigkeit  eines  Zeugnisses  aufmerksam  zu  ma- 
chen4), und  selbst  allgemein  verbreitete   Annahmen   zu   bestrei- 


10.  595,  b,  1)  ist  durch  Joh.  Müller  (Abh.  d.  Berl.  Ak.  1840.  Phys.math. 
Kl.  187  vgl.  Lewei«  a.  a.  O.  §  205)  bestätigt  worden;  ähnlich  verhält  es 
sich  (vgl.  Lewes  §  2ü6  —  208)  mit  A.s  Angaben  über  den  Embryo  des 
Tintenfisches  (gen.  an.  III,  8.  758,  a,  21),  über  Fische,  die  ein  Nest  bauen 
(H.  an.  Till,  30.  607,  b,  19),  über  die  Augen  des  Maulwurfs  (De  an.  III,  1. 
425.  a,  10.  H.  an.  I.  9.  491,  b,  28  ff.),  über  eine  Drüse,  die  eine  Art  Hirsche 
unter  dem  Schwanz  hat  (H.  an.  II,  15.  506,  a,  23  vgl.  W.  Raff  in  Müller's 
Arohiv  f.  Anat.  1839,  363  f.).  Ueber  seine  Beschreibung  der  Cephalopoden 
bemerkt  Lewes-  (§  340  f.),  sie  könne  nur  von  einer  grossen  Vertrautheit  mit 
ihren  Formen  herrühren,  man  sehe  in  ihr  die  unverkennbaren  Spuren  einer 
persönlichen  Kenntniss.  Um  so  seltsamer  lautet  es  aber,  wenn  er  darin  die 
frische  Brise  des  Meeres,  das  entzückende  Spiel  der  Wellen,  u.  s.  w.  ver- 
misst;  d.  h.  wenn  er  Aristoteles  darum  tadelt,  dass  er  nicht  die  Geschmack- 
losigkeit gehabt  hat,  aus  einer  streng  sachlich  gehaltenen  zoologischen  Be- 
schreibung heraus  in  den  Feuilletonstyl  zu  verfallen,  und  Leuten,  die  das 
Meer  tagtäglich  vor  Augen  hatten,  vorzuerzählen,  was  sie  alle  längst  wnssten. 
1  Beispiele  gibt  Ecckes  Meth.  d.  arist.  Forsch.  S.  163  ff.  aus  Meteor.  II, 
3.  359,  a,  12.  358,  b,  34  (H.  an.  VIII,  2.  590,  a,  22).  H.  an.  VI,  2.  560, 
a,  30.  (gen.  an.  III,  1.  752,  a,  4).  De  an.  II,  2.  413,  b,  16.  De  respir.  3. 
471.  a,  31.  H.  an.  VI,  37.  580,  b,  10  ff.  (wenn  diess  wirklich  ein  Versuch 
und  nicht  vielmehr  eine  zufällige  Beobachtung  ist).  Dazu  noch  die  mit  einem 
X(yovoiv  angeführten  gen.  an.  IV,  1.  765,  a,  21  (von  ihm  selbst  im  folgenden 
bestritten)  und  H.  an.  II,  17.  508,  b,  4  (während  gen.  an.  IV,  6.  774,  b,  31 
das  gleiche  in  eigenem  Namen  behauptet  wird).  Einige  von  diesen  Versuchen 
sind  aber  freilich  von  so  bedenklicher  Art,  dass  man  zweifeln  kann,  ob 
Ari<t.  sie  selbst  angestellt  hat,  und  im  ganzen  beruft  er  sich  so  selten  auf 
Versuche,  dass  man  deutlich  sieht,  wie  wenig  er  und  die  griechische  Wissen- 
schaft überhaupt  ihre  Bedeutung  erkannte. 

2)  Ausser  den  zahllosen  Nachrichten  aus  der  Geschichte  der  Staaten, 
der  Philosophie,  der  Poesie,  der  Rhetorik,  welche  die  uns  erhaltenen  Werke 
an  die  Hand  geben,  gehört  hieher  namentlich,  was  aus  den  Politieen  und 
andern  verlorenen  Werken  raitgetheilt  wird;  vgl.  S.  105,  3.  77,  1.  65,  5. 
61,  1.  108  f. 

3)  So  in  den  von  Elcken  a.  a.  O.  124  namhaft  gemachten  Fällen  gen. 
an.  III.  5.  755,  b,  7  ff.  756,  a,  2.  c.  6.  756,  b,  13  ff.  757,  a,  2  tt.  IV,  1.  765, 
a,   16  ff.  21   ff.  H.  an.  VIII,  24.  605,  a,  2  f. 

4)  Wie  Hist.  an.  VIII,  28.  606,  a,  8.  II,  1.  501,  a,  25,   wo  Angaben  des 


248  A  rietoteles. 

ten  l).  Wo  es  ihm  an  ausreichenden  Beobachtungen  fehlt,  will 
er  mit  seinem  Urtheil  noch  zurückhalten  2),  wo  man  zum  vor- 
eiligen Abschluss  einer  Untersuchung  geneigt  sein  könnte,  warnt 
er  uns,  indem  er  verlangt,  dass  man  erst  alle  von  dem  Gegen- 
stand dargebotenen  Instanzen  erwäge  3).  Er  zeigt  sich  mit  Einem 
Wort  Dicht  nur  als  einen  unermüdlichen,  dem  Kleinen  und 
Grossen  mit  unersättlichem  Wissensdurst1)  nachforschenden,  son- 
dern auch  als  einen  sorgfältigen  und  besonnenen  Beobachter. 
Aber  trotzdem  rinden  wir  bei  ihm  nicht  ganz  selten  auffallend 
unrichtige  Angaben  auch  in  solchen  Fällen,  wo  das  richtigere 
selbst  mit  den  einfachen  Hülfsmitteln,  auf  die  er  sich  beschränkt 
sah,  unschwer  zu  finden  gewesen  wäre5).     Und  noch   viel  häu- 

Ktesias  wegen  seiner  geringen" Glaubwürdigkeit  in  Zweifel  gezogen  werden; 
gen.  an.  III,  5.  756,  a,  33:  die  Fischer  übersehen  den  in  Rede  stehenden 
Vorgang  nicht  selten:  ov$i)g  yi'.Q  kvtwv  ovdtr  ttjoh  toiovtoV  tov  yrtorat 
yiunr.  H.  an.  IX,  41.  628,  b,  8:  kvtÖtttij  J"  ovttw  hTtTvyi]xauiv.  Um- 
gekehrt beruft  er  sich  c.  29.  37.  618,  a,  18.  620,  b,  23  auf  Augenzeugen. 

1)  Diess  that  er  bei  seinen  Zweifeln  gegen  die  Aechtheit  der  orphischen 
Gedichte  und  die  Existenz  ihres  angeblichen  Verfassers,  worüber  Bd.  I,  50. 

2)  Vgl.  S.  167,  1. 

3)  De  coelo  I,  13.  294,  b,  6:  dlk'  tolxnctt,  jut/oi  rivbg  i>;r£<>,  u).V  ov 
fth'/ni  7T(Q  ov  Svvatbv  ttjs  ilnoolug'  nuai  yua  tjuii'  tovto  Owi]9ig.  uit 
nobg  70  nony/ua  noitTa&ca  ttjv  C»jr>/(»»'  akka  nnbg  tov  TnvavTia  \iyovxa ' 
y.al  ycco  avrbg  Iv  uvtoj  fijrft  ui/Qt,  nto  tcv  ov  /uqxeu  f/;/  uviü.iytiv 
avxbg  ccvtoI'  6tb  ö(l  vor  fiikkovxa  xcü.wg  Ci}Trj<Jtiv  irararixov  tivat  rfi« 
twv  oixtiojv  tvornattov  tm  ytvn,  tovto  J"  iarlv  ix  tov  nüaag  Ts9e(DQi]xt'rcu 
Ti'.g  duc(fOQ('cg. 

4)  Tb  q iloaotf  iccg  öirprjv  s.  o.  167,  3. 

5)  Vgl.  Euckek  a.  a.  O.  155  ff.  Dahin  gehört,  dass  nach  Arist.  das 
männliche  Geschlecht  mehr  Zähne  haben  soll,  als  das  weibliche  (H.  an.  II, 
3.  501,  b,  19;  über  den  muthmasslichen  Anlass  zu  diesem  Irrthum  Lew» 
a.  a.  O.  §  332,  A.  19),  jenes  beim  Menschen  drei  Nähte  am  Schädel,  diese« 
nur  Eine  rings  herum  gehende  (ebd.  I,  8.  491,  b,  2);  dass  der  Mensch  nur 
acht  Kippen  auf  jeder  Seite  habe  (ebd.  I,  15.  493,  b,  14  —  eine  in  der 
damaligen  Zeit,  wie  es  scheint,  allgemeine  Annahme,  welche  sich  durch  die 
Voraussetzung  erklärt,  es  liegen  ihr  nicht  anatomische  Untersuchungen 
menschlicher  Leichen,  sondern  nur  Beobachtungen  an  Lebenden  zu  Grunde;  vgl. 
S.  93, 1);  dass  die  Linien  in  der  Hand  lange  oder  kurze  Lebensdauer  anzeigen 
(ebd.  493,  b,  32  t);  dass  der  hintere  Theil  der  Schädelhöhle  leer  sei  (H.  an.  I, 
8.  491,  a,  34.  part.  au.  II,  10.  656,  b,  12.  gen.  an.  V,  4.  784,  b,  35).  Weitere 
Beispiele  bei  Lewes  Arist.  §  149  ff.  154  ff.  315.  332.  347.  350.  352.  386  f. 
398.    400.  411.  486.  Wenn  dagegen  behauptet  wird,  nach  Arist.  part.  au.  Ulf 


Induktives   Verfahren.  249 

figer  begegnet  es  ihm,  dass  er  aus  ungenauen  und  unvollstän- 
digen Beobachtungen  viel  zu  gewagte  und  zu  weitgreifende 
Schlüsse  ableitet,  nach  einer  allgemeinen,  auf  keine  ausreichende 
Erfahrung  gestützten  Theorie  sich  die  Thatsachen  zurechtlegt. 
Er  verfährt  bei  seinen  Induktionen  nicht  selten  viel  zu  rasch 
und  gibt  ihnen  an  dem  allgemein  Angenommenen  eine  unsichere 
Grundlage.  Er  zeigt  sich  noch  wenig  geübt  in  der  Kunst,  die 
Erscheinungen  methodisch  in  ihre  Elemente  zu  zerlegen,  jedes 
von  diesen  auf  seine  Wirkungsgesetze  und  Ursachen  zu  unter- 
suchen und  die  Bedingungen  ihrer  Verbindung  auszumitteln.  Er 
ist  mit  dem  fruchtbarsten  Hülfsmittel  für  die  Feststellung  und 
Zergliederung  der  Thatsachen,  für  die  Prüfung  der  Beobach- 
tungen und  der  Theorieen,  mit  dem  wissenschaftlichen  Versuch, 
nicht  einmal  in  dem  Grade  vertraut,  der  an  sich  selbst  mit  der 
dürftigen  Technik  der  Griechen  sich  hätte  erreichen  lassen.  Er 
bleibt  mit  Einem  Wort  in  jeder  Beziehung  hinter  den  Anforde- 
rungen zurück,  welche  unsere  Zeit  an  den  Naturforscher  stellt. 
Aber  diess  kann  uns  so  wenig  befremden,  dass  wir  uns  viel- 
mehr nur  wundern  könnten ,  wenn  es  sich  anders  verhielte. 
Aristoteles  hätte  nicht  etwa  nur  über  seine  Zeit  noch  viel  weiter, 
als  diess  wirklich  der  Fall  war,  emporragen,  sondern  er  hätte 
geradezu  einer  andern  und  viel  späteren  Zeit  angehören  müssen, 
wenn  er  von  den  Mängeln  frei  bleiben  sollte,  die  uns  an  seiner 
Theorie  und  seinem  Verfahren  in's  Auge  gefallen  sind.  Jene 
Sicherheit,  Vielseitigkeit  und  Genauigkeit  der  empirischen  For- 
schung, welche  unsere  Wissenschaft  vor  dem  Alterthum  voraus 
hat,  konnte  nur  dadurch  gewonnen,  die  Bedingungen  derselben 
nur  dadurch  deutlich  gemacht  werden,  dass  auf  allen  Gebieten 
der  Natur-  und  Geschichtsforschung  die  Thatsachen  gesammelt 
und  gesichtet,  die  mannigfaltigsten  Versuche   angestellt  wurden- 


6.  669,  a,  19  habe  nur  der  Mensch  Herzklopfen  (Lewes  §  399  c.  mit  dem 
Beisatz:  „nach  dieser  Stelle  möchte  man  glauben,  dass  Arist.  niemals  einen 
Vogel  in  der  Hand  hielt."  Eucken  155,  2),  so  ist  diess  ungenau.  A.  unter- 
scheidet De  respir.  20.  479,  b,  17  den  acpvyjuog,  den  Herzschlag,  der  immer 
fortgeht,  von  der  ni)Sr]aig  rijg  y.unöi'ag,  dem  starken  Klopfen  des  Herzens 
im  Affekt.  Auch  die  letztere  beschränkt  er  aber  nicht  auf  den  Menschen, 
denn  er  sagt  a.  a.  O.,  sie  werde  bisweilen  so  stark,  dass  die  Thiere  daran 
sterben,  und  auch  part.  an.  heisst  es  nur:  iv  av&oa>rib)  re  yi'.Q  av/ußut'vtt 
uovov  (ü  g  einelv,  sie  komme  fast  nur  bei   ihm  vor. 


250  Aristoteles. 

dass  man  zunächst  für  einzelne  Klassen  von  Erscheinungen  Ge- 
setze aufsuchte  und  diese  allmählich  verallgemeinerte,  zur  Er- 
klärung bestimmter  Vorgänge  Hypothesen  aufstellte  und  die- 
selben immer  auf's  neue  an  den  Thatsachen  prüfte  und  berich- 
tigte. Nicht  allgemeine  methodologische  Erwägungen,  sondern 
nur  die  wissenschaftliche  Arbeit  selbst  konnte  zu  ihr  hinführen. 
So  lange  nicht  die  Erfahrungswissenschaften  weit  über  den  Stand- 
punkt hinausgekommen  waren,  auf  dem  wir  sie  zur  Zeit  des 
Aristoteles  finden,  konnte  weder  die  Methodologie  noch  die  Me- 
thode des  erfahrungsmässigen  Erkennens  wesentlich  über  die  Ge- 
stalt, die  sie  bei  ihm  hat,  hinauskommen.  Nach  der  damaligen 
Sachlage  war  es  schon  ein  grosses,  wenn  die  Beobachtungen  so 
massenhaft  imd  so  sorgfältig  gesammelt  wurden,  wie  von  ihm; 
dass  sie  sofort  auch  mit  gleicher  Sorgfalt  geprüft,  die  eigenen 
Wahrnehmungen  von  fremden  Aussagen  scharf  unterschieden, 
die  Glaubwürdigkeit  der  letzteren  genau  untersucht  werden  werde, 
liess  sich  nicht  erwarten.  Wie  manche  Angabe  aber,  die  uns 
zum  Anstoss  gereicht,  mag  Aristoteles  von  andern  in  gutem 
Glauben  angenommen  und  einfach  desshalb  kein  Bedenken  bei 
ihr  gehabt  haben,  weil  ihm  seine  Naturkenntniss  noch  keine  ge- 
nügenden Gründe  an  die  Hand  gab,  um  sie  für  unmöglich  zu 
halten!  Wenn  man  ferner  die  Voreiligkeit  oft  fast  unbegreif- 
lich findet,  mit  der  die  Griechen  nicht  selten  Hypothesen  und 
Theorieen  auf  Thatsachen  bauen,  deren  Falschheit  uns  beim 
ersten  Blick  einleuchtet,  so  bedenkt  man  in  der  Regel  viel  zu 
wenig,  in  welchem  Grad  es  ihnen  an  allen  Hülfsmitteln  einer 
genauen  Beobachtung  fehlte,  und  wie  sehr  ihnen  ebendadurch 
auch  jeder  brauchbare  Versuch  erschwert  werden  musste.  Zeit- 
bestimmungen ohne  Uhr,  Temperaturvergleichungen  ohne  Thermo- 
meter, astronomische  Beobachtungen  ohne  Fernrohr,  meteorolo- 
gische ohne  Barometer  —  dieses  und  ähnliches  waren  die  Auf- 
gaben, die  der  griechischen  Naturforschung  gestellt  waren.  Wo 
es  aber  an  der  Grundlage  einer  genauen  und  sicheren  Beobach- 
tung fehlt,  da  ist  auch  die  wissenschaftliche  Zergliederung  der 
Erscheinungen,  die  Auffindung  der  wirklichen  Naturgesetze,  die 
Prüfung  der  Hypothesen  an  der  Erfahrung  in  einem  so  hohen 
Grade  erschwert,  dass  man  sich  nicht  wundern  kann,  wenn  die 
wissenschaftliche    Forschung    sich    nur    sehr   unvollständig    und 


[179]  Induktives  Verfahren.     Definition.  251 

langsam  über  die  unwissenschaftlichen  Vorstellungen  erhebt. 
Welches  Verdienst  sich  Aristoteles  trotzdeni  durch  Beobachtung 
und  Sammlung  der  Thatsachen  erworben,  mit  welchem  Scharf- 
sinn er  dieselben  zu  erklären  versucht  hat,  das  wird  man  zu 
würdigen  wissen,  wenn  man  ihn  nach  dem  Masstab  beurfheilt, 
den  das  Wissen  und  die  wissenschaftlichen  Hüllsmittel  seiner 
Zeit  an  die  Hand  geben. 

|  Auf  das  Einzelne  der  aristotelischen  Topik  kann  ich  hier 
so  wenig,  als  auf  die  Widerlegung  der  sophistischen  Trugschlüsse 
näher  eingehen,  da  die  wissenschaftlichen  Grundsätze  des  Philo- 
sophen dadurch  keine  Erweiterung,  sondern  nur  eine  Anwen- 
dung auf  ein  ausser  den  Grenzen  der  eigentlichen  Wissenschaft 
liegendes  Gebiet  erfahren  1).  Dagegen  müssen  die  Untersuchungen 
über  die  Begriffsbestimmung  hier  noch  berührt  werden,  welchen 
wir  theils  in  der  zweiten  Analytik,  theils  in  der  Topik  begeg- 
nen -').  Wie  der  Begriff  den  Ausgangspunkt  aller  wissenschaft- 
lichen Untersuchungen  bildet,  so  ist  umgekehrt  die  vollständige 
Erkenntniss  desselben,  die  Begriffsbestimmung,  das  Ziel,  dem  sie 
zustrebt.  Das  Wissen  ist  ja  nichts  anderes,  als  die  Einsicht  in 
die  Gründe  der  Dinge,  und  diese  Einsicht  vollendet  sich  im  Be- 
griffe :  das  Was  ist  dasselbe,  wie  das  Warum,  wir  erkennen  den 
Begriff  eines  Dings,  wTenn  wir  seine  Ursachen  erkennen3).  Die 
Begriffsbestimmung  hat  insofern  die  gleiche  Aufgabe,  wie  die 
Beweisführung:  in  beiden  handelt  es  sich  darum,  die  Vermitt- 
lung aufzuzeigen,  durch  welche  der  Gegenstand  zu  dem  gemacht 
wird,  was  er  ist4).  Nichtsdestoweniger  fallen  sie  nach  Aristo- 
teles nicht  immittelbar  zusammen.  |  Für's  erste  nämlich  liegt  am 
Tage,  dass  nicht  von  allem,  was  sich  beweisen  lässt,  eine  Be- 
griffsbestimmung möglich  ist;  denn  beweisen  lassen  sich  auch 
verneinende,  partikuläre  und  Eigenschafts  -  Sätze ,  die  Begriffs- 
bestimmung dagegen  ist  immer  allgemein  und  bejahend,  und  sie 
bezieht  sich  nicht  auf  blosse  Eigenschaften,  sondern  auf  das  sub- 

1)  Eine  Uebersicht  über  beides  gibt  Brandis  S.  288 — 345. 

2)  M.  vgl.  zum  folgenden  ausser  den  bekannten  umfassenderen  Werken 
die  S.  2U4,  1  angeführten  Schriften  von  Kühn  und  Rassow,  Heyder  Vergl. 
d.  arist.  u.  hegel.  Dialektik  S.  247  ff.,   Kampe  Erkenntnissth.  d.  Arist.   195  ff. 

3)  S.  o.  162,   1.  2.   170,  2. 

4)  S.  o.  170,  2. 


252  Aristoteles.  [180] 

stantielle  Wesen *).  Ebensowenig  lässt  sich  umgekehrt  alles, 
wovon  es  eine  Begriffsbestimmung  gibt,  beweisen ;  wie  man  schon 
daran  sehen  kann,  dass  die  Beweise  von  unbeweisbaren  Begriffs- 
bestimmungen ausgehen  müssen  2).  Ja  es  scheint  sich  überhaupt 
der  Inhalt  einer  Begriffsbestimmung  nicht  durch  Schlüsse  be- 
weisen zu  lassen.  Denn  für  den  Beweis  wird  das  Wesen  des 
Gegenstands  als  bekannt  vorausgesetzt,  bei  der  Begriffsbestim- 
mung wird  es  gesucht;  jener  zeigt,  dass  einem  Subjekt  eine 
Eigenschaft  als  Prädikat  zukomme,  diese  will  nicht  einzelne 
Eigenschaften,  sondern  das  Wesen  angeben;  jener  fragt  nach 
einem  Dass 3),  diese  nach  dem  Was  4) ;  um  aber  anzugeben  was 
etwas  ist,  müssen  wir  vorher  wissen,  dass  es  ist5).  Indessen 
ist  hier  zu  unterscheiden.  Eine  Begriffsbestimmung  lässt  sich 
allerdings  nicht  durch  einen  einfachen  Scliluss  ableiten;  wir 
können  das,  was  in  der  Definition  von  einem  Gegenstand  aus- 
gesagt wird,  nicht  zuerst  im  Obersatz  eines  Schlusses  zum  Prä- 
dikat eines  Mittelbegriffs  machen,  um  es  durch  denselben  im 
Schlussatz  auf  den  Gegenstand,  welcher  definirt  werden  soll,  zu 
übertragen;  denn  wenn  auf  diesem  Wege  nicht  blos  die  eine 
und  andere  Eigenschaft,  sondern  der  vollständige  Begriff  des- 
selben gefunden  werden  soll,  so  müssten  Obersatz  und  Unter- 
satz gleichfalls  Definitionen,  jener  des  Mittelbegriffs,  dieser  des 
niedersten  Begriffs  sein ;  und  da  nun  eine  richtige  Begriffsbestim- 
mung nur  die  ist,  welche  auf  keinen  andern  als  diesen  bestimm- 
ten Gegenstand  Anwendung  findet'1),  da  daher  in  jeder  Defini- 
tion das  Subjekt  den  gleichen  Inhalt  und  Umfang  hat,  wie  das 
Prädikat,  und  |  desshalb  der  allgemein  bejahende  Satz,  der  die 
Definition  ausspricht,  sich  einfach  umkehren  lässt,  so  wäre  auf 
diese  Art  nur  dasselbe  durch  dasselbe  bewiesen  7) ,  man   erhielte 


\)  Anal.  post.   II,  3. 

2)  A.  a.  0.  90,  b,  18  ff.  (vgl.  oben  S.  234  ff.).  Einen  anderen  verwandten 
Grand,  der  hier  angegeben  wird,   übergehe  ich. 

3)  ort  fj  ton  rode  xarit  tovös  rj  oux  (orir. 

4)  A.  a.  O.  90,  b,  2S  ff.  vgl.  c.  7.  92,  b,   12. 

5)  A.   a.  O.  c.  7.   92,  b,  4. 

6)  S.  o.  S.  207. 

7)  Anal.  post.  II,  4.  Zur  Erläuterung  dient  hier  die  Definition  der  Seele 
als  einer  sich  selbst  bewegenden  Zahl.  Wollte  man  diese  mittelst  des 
Schlusses  begründen:  „alles  was  sieb   selbst  Ursache  des  Lebens  ist,  da?  ist 


181]  Definition.  253 

eine  Worterklärung,  aber  keine  Begriffsbestimmung  ').  Ebenso- 
wenig lässt  sich  der  Begriff  mit  Plato  durch  Eintheilung  finden, 
da  auch  diese  ihn  schon  voraussetzt-).  Das  gleiche  gilt  ferner 
auch  gegen  den  Versuch 3),  eine  Begriffsbestimmung  voraus- 
setzungsweise anzunehmen  und  ihre  Kichtigkeit  nachträglich  im 
einzelnen  nachzuweisen;  denn  wer  verbürgt  uns,  dass  jenes  hy- 
pothetisch angenommene  wirklich  den  Begriff  des  Gegenstandes 
und  nicht  blos  eine  Anzahl  einzelner  Merkmale  ausdrückt4)? 
Wollte  man  endlich  die  Ableitung  der  Definition  dem  epago- 
gischen  Verfahren  zuweisen,  so  wäre  zu  entgegnen,  dass  auch  auf 
diesem  Wege  immer  nur  das  Dass,  nicht  das  Was  gefunden 
wird 5).  Lässt  sich  aber  auch  die  Begriffsbestimmung  weder 
durch  Beweis  noch  durch  Induktion  gewinnen ,  so  lange  jede 
von  beiden  Verfahrungsarten  für  sich  allein  genommen  wird,  so 
hält  es  Aristoteles  doch  für  möglich,  durch  eine  Verbindung 
beider  zu  ihr  zu  gelangen.  Wenn  wir  (zunächst  durch  Erfah- 
rimg) von  einem  Gegenstand  wissen,  dass  ihm  gewisse  Bestim- 
mungen zukommen,  und  nun  die  Ursache  derselben  oder  den 
Mittelbegriff  |  suchen,  durch  den  sie  mit  dem  betreffenden  Sub- 
jekt verknüpft  sind,  so  stellen  wir  ebendamit  das  Wesen  des 
Gegenstandes  durch  Beweis  fest6);    und  wenn   wir   nun    dieses 


eine  sich  selbst  bewegende  Zahl,  die  Seele  ist  sich  selbst  Ursache  des  Lebens 
u.  s.  w.",  so  wäre  diess  ungenügend,  denn  auf  diese  Art  wäre  nur  bewiesen, 
dass  die  Seele  eine  sich  selbst  bewegende  Zahl  ist,  aber  nicht,  dass  ihr 
ganzes  Wesen,  ihr  Begriff,  in  dieser  Bestimmung  aufgeht;  um  diess  zu 
zeigen  müsste  vielmehr  geschlossen  werden :  der  Begriff'  dessen,  was  sich 
selbst  Ursache  des  Lebens  ist,  besteht  darin,  eine  sich  selbst  bewegende  Zahl 
zu  sein,  der  Begriff  der  Seele  besteht  darin,  sich  selbst  Ursache  des  Lebens 
zu  sein  u.  s.  w. 

1  A.  a.  O.  c.  7.  92,  b,  5.  26  ff.  vgl.  c.  10,  Anf.  I,  1.  71,  a,  11.  Top.  I, 
5,  Anf.  Metaph.  VII,  4.  1030,  a.   14. 

2)  S.  o.  S.  230,  3. 

3)  Welchen  wohl  gleichfalls  einer  der  damaligen  Philosophen  angestellt 
hatte,  wir  wissen  aber  nicht,  wer. 

4)  A.  a.  0.  c.   6  u.  dazu   Waitz. 

5  A.  a.  O.  c.  7.  92,  a,  37:  die  Induktion  zeigt,  dass  sich  etwas  im 
allgemeinen  so  oder  so  verhalte,  indem  sie  nachweist,  es  verhalte  sich  in 
allen  einzelnen  Fällen  so;    diess    heisst   aber  doch  immer  nur  ein  ort   imiv 

ovx  ioriv,  nicht  das  tC  fori  beweisen. 

6  A.  a.  0.  c.   8.  93,  a.   14  ff. 


254  Aristoteles.  [182] 

Verfahren  so  lange  fortsetzen,  bis  der  Gegenstand  allseitig  be- 
stimmt ist1),  so  erhalten  wir  seinen  Begriff.  So  wenig  daher 
auch  der  Schluss  und  Beweis  zur  Begriffsbestimmung  ausreicht, 
so  dient  er  doch  dazu,  sie  zu  finden2),  und  sie  kann  insofern 
sogar  als  ein  Beweis  des  Wesens  in  anderer  Form  bezeichnet 
werden  :i).  Nur  bei  den  Dingen  ist  dieser  Weg  unzulässig,  deren 
Sein  durch  keine  von  ihm  selbst  verschiedene  Ursache  vermittelt 
ist;  ihr  Begriff  kann  nur  als  unmittelbar  gewiss  gefordert  oder 
durch  Induktion  klar  gemacht  werden4). 

Aus  diesen  Erörterungen  über  das  Wesen  und  die  Be- 
dingungen der  Begriffsbestimmung  ergeben  sich  nun  einige  nicht 
unwichtige  Regeln  für  das  Verfahren,  wodurch  sie  gewonnen 
wird.  Da  sich  das  Wesen  eines  Gegenstandes6)  nur  genetisch, 
durch  |  Aufzeigung  seiner  Ursachen ,  bestimmen  lässt ,  so  muss 
die  Definition   die  Bestimmungen   enthalten,    durch   welche   der- 

1)  Ich  ergänze  hier  die  allzu  kurzen  Andeutungen  der  aristotelischen 
Darstellung  nach  dem,  was  S.  207,  1   aus  Anal.  post.  II,  13  angeführt  wurde. 

2)  Anal.  post.  II,  8,  Schi.:    rtuXXoyiO[*6g   /j.tv  tou  tC  Iotiv  od  yivnai 
ovd'   anödti&g,  dfjXov  /u^vtoi  dia    ouXXoyio/nov   xal  dV  anodti"£t(og'  war 
out'  avtv  unodtt^twg  fdn  yrwrai.  to  ti   toriv  oii  Innv  airiov  aXXo,   out 

trtTVV    UTlöÖfl^tg    CCL'TOV. 

3)  A.  a.  O.  c.  10.  94,  a,  11:  sariv  üoa  ooia/xog  tig  tutv  Xöyog  tov  t( 
ioTiv  aVanödtiXTog,  tig  dt  aulloyi.rtfJ.6g  tov  ti  Igti,  müatt  dta(ftnwv  Ttjg 
tc7iodstg~i<Dg,  TQirog  dt  rrjg  tov  ti  IrtTiv  anodtl%i<»g  avfin  ^Qartfja,  wozu  die 
nähere  Erläuterung  im  vorhergehenden.  Dass  jedoch  Definitionen  der  letzteren 
Art  nicht  geniigen,  sagt  Arist.  De  an.  II,   2;  s.  o.    170,  2. 

4)  A.  a.  O.  c.  9:  tßTi  dt  tüv  uh'  etsqov  ti  ai'rior,  tiov  (T  ovx  ioriv. 
oirtTt  öi\Xov  ort,  xal  twv  ti  tOTi  ra  /utv  afttoa  xal  än/ai  tloiv,  «  xal  tivai 
xat  ti  ioriv  vnoöt'aSai  dti  rj  äXXov  Toönov  yavtnä  noifjaai.  Vgl.  vor. 
Anm.  und  a.  a.  0.  94,  a,  9:  6  dt  tojv  d(xi(S(ov  ooirtpög  &£mg  fori  tov  t( 
ioTiv  avanödtixTug.  Metaph.  IX,  (i.  1018,  a,  35:  dfjXov  d'  tnl  twv  xad-t'xaara 
t»)  tnaywyi]  o  ßovXöut&a  Xtyttv,  xat  ou  dtl  navTÖg  oqov  CrjTth',  aXXa  XCCl 
to  aväXoyov  ovrooäv,  und  oben  S.  241.  Zur  Induktion  gehört  auch  das 
Verfahren,  welches  De  an.  I,  1.  402,  b,  16  beschrieben  wird:  'ioixt  tf'  ov 
fxövov  to  xl  IrtTi  yvwvai  yor\rtiuov  sivat  noog  to  dtcoorjoai  Tag  alri'ag 
twv  aufjßtßrjxÖTcov  raig  ovaCaig  .  .  .  aXXa  xal  avänaXiv  r«  ovpßtßi]xoTa 
OvußaXXtTai  uiyu  ut'aog  nQÖg  to  tidtvai  to  ti  inriv,  weil  nämlich  eine 
Definition  nur  dann  richtig  ist,  wenn  sie  die  sämmtlichen  au[A.ßtßi]yt>T«. 
(d.  h.  die  xu'l '  aurö  aufjßtßijxoTa,  die  wesentlichen  Eigenschaften  s.o.  205,  1) 
des  Gegenstandes  erklärt.     Uebcr  das  unmittelbare  Wissen  S.  234  ff.    190  S 

5)  Natürlich  mit  Ausnahme  der  eben  erwähnten  a^itaa,  d.  h.  dessen,  was 
durch  keine  von  ihm  selbst  verschiedene  Ursache  bedingt  ist. 


f!83j  Definition.  255 

selbe  in  der  Wirklichkeit  zu  dem  gemacht  wird,  was  er  ist;  sie 
muss,  wie  Aristoteles  verlangt,  durch  das  frühere  und  bekann- 
tere vermittelt  sein,  und  es  darf  diess  nicht  blos  ein  solches  sein, 
was  für  uns,  sondern  ein  solches,  was  an  sich  früher  und  be- 
kannter ist;  nur  dann  mag  man  jenes  vorziehen,  wenn  die  Zu- 
hörer dieses  zu  verstehen  nicht  im  Stande  sind,  aber  dann  er- 
hält man  auch  keine  Begriffsbestimmung,  welche  das  Wesen 
des  Gegenstandes  in's  Licht  stellt x).  Es  folgt  diess  übrigens 
schon  aus  dem  Satze,  dass  die  Begriffsbestimmung  aus  der  Gat- 
tung und  den  artbildenden  Unterschieden  besteht;  denn  die  Gat- 
tung ist  früher  und  gewisser,  als  das,  was  unter  ihr  begriffen 
ist.  und  die  Unterschiede  früher,  als  die  Arten,  die  durch  sie 
gebildet  werden2).  Ebenso  aber  auch  umgekehrt:  besteht  die 
Begriffsbestimmung  in  der  Angabe  der  sämmtlichen  Vermitt- 
lungen, durch  welche  der  Gegenstand  in  seinem  Wesen  und  Da- 
sein bedingt  ist.  so  wird  sie  die  Gattung  und  die  Unterschiede 
enthalten  müssen,  da  ja  diese  nichts  anderes  sind,  als  der  wissen- 
schaftliche Ausdruck  für  die  Ursachen,  welche  in  ihrem  Zu- 
sammentreffen den  Gegenstand  hervorbringen3).  Diese  selbst 
aber  stehen  zu  einander  in  einem  bestimmten  Verhältniss  der 
Ueber-  und  Unterordnung:  die  Gattung  wird  zuerst  durch  das 
erste  von  den  unterscheidenden  Merkmalen  näher  bestimmt,  der 
so  gebildete  Artbegriff  dann  weiter  durch  das  zweite  und  so 
fort;  und  es  ist  ebendesshalb  nicht  gleichgültig,  in  welcher  Auf- 
einanderfolge die  einzelnen  Merkmale  in  der  Definition  anein- 
andergereiht werden4).  Es  handelt  sich  demnach  bei  einer  Be- 
griffsbestimmung nicht  allein  um  die  Aufzählung  der  Avesent- 
lichen  Merkmale  5),  sondern  auch  um  die  Vollständigkeit 6)  |  und 


1)  Top.  VI,  4  vgl.  S.  197,  2. 

2)  A.  a.  0.  141,  b,  28  vgl.  S.  206,  1.  207,  1. 

3)  Diess  ergibt  sich  aus  dem  S.  170,  2  angeführten,  verglichen  mit 
S.  206,  1.  233,  2.  Wegen  dieses  Zusammenhangs  lässt  die  Topik  VI,  5  f. 
unmittelbar  auf  die  Bemerkungen  über  die  7rpoTfo«  y.al  yvcooiucoTtoK  Regeln 
für  die  richtige  Bestimmung  der  Definition  durch  ysi'og  und  SicccpoQCcl   folgen. 

4)  Anal.  post.  II,    13.   96,  b,  30  vgl.  97,  a,  23  ff'. 

5)  Tu  lv  toi  ri  ton  y.aTr\yonovutva,  xi  rov  yirovg  Si(t<f>OQui.  Dass 
nur  solche  in  der  Definition  vorkommen  können,  versteht  sich  von  selbst; 
vgl.  auch  S.  207  ff.  Anal.  post.  II,  13.  96,  b,  1  ff.  I,  23.  84,  a,  13.  Top.  VI,  6 
u.  a.  St.  Waitz  zu  Kateg.  2,  a,  20. 


256  Aristoteles.  [184] 

die  richtige  Ordnung  derselben l).  Hiefür  aber  ist  das  beste 
llültsinittel  beim  Herabsteigen  vom  Allgemeinen  zum  Besondern 
die  stetig  fortschreitende  Eintheilung,  beim  Aufsteigen  zum 
Allgemeinen  die  ihr  entsprechende  stufenweise  Zusammenfassung  2), 
so  dass  demnach  die  platonische  Methode,  welche  Aristoteles  als 
eine  beweiskräftige  Ableitung  der  Begriffsbestimmung  allerdings 
nicht  gelten  lassen  konnte,  für  ihre  Aufsuchung  doch  wieder  in 
ihrem  Werth  anerkannt  und  noch  genauer  bestimmt  wird 3). 

Denken  wir  uns  nun  das  ganze  Gebiet  der  begrifflichen 
Erkenntniss  nach  dieser  Methode  bestimmt  und  vermessen,  so 
würden  wir  in  ähnlicher  Weise,  wie  diess  Plato  verlangt  hatte  l), 
ein  System  von  Begriffen  erhalten,  welches  von  den  obersten 
Gattungen  durch  die  sämmtlichen  Zwischenglieder  zu  den  unter- 
sten Arten  stetig  herabführte ;  und  da  die  wissenschaftliche  Ab- 
leitung eben  in  der  Angabe  der  Ursachen  zu  bestehen  hat,  da 
somit  jeder  weitere  Artunterschied  eine  weiter  hinzutretende  Ur- 
sache voraussetzt  und  jede  solche  einen  Artunterschied  begrün- 
det, so  müsste  dieses  logische  Gebäude  der  realen  Abfolge  und 
Verkettung  der  Ursachen  genau  entsprechen.  Hatte  aber  schon 
Plato  die  einheitliche  Ableitung  alles  Erkennbaren,  welche  ihm 
allerdings  als  höchstes  Ziel  vorschwebt,  in  der  Wirklichkeit  nicht 
unternommen,  j  so  hält  Aristoteles  eine  solche  überhaupt  nicht 
für   möglich:    die    obersten    Gattungsbegriffe   lassen   sich   ja   ihm 


6)  Dass  nämlich  die  Zahl  der  Mittelglieder  eine  begrenzte  sein  muss,  ist 
schon  S.  234  bemerkt  worden.    Vgl.  auch  Anal.  post.  II,  12.  95,  b,   13  ff. 

1)  A.  a.  0.  c.  13.  97,  a,  23:  tlg  Jf  xo  xaraoxevateiv  oqov  diu  idiv 
diittoiatiai'  T(>iwv  dti  OT0/d£to&ai,  tov  kaßttv  tu  xicTrjyoQOV/^na  Iv  r«3  tl 
iort,  xal  tuvtcc  Tu!-«t  ti  nnäiTov  r\   dfVTffior,  xal   ort  tuvtu  nana. 

2)  Aristoteles  f'asst  beides,  ohne  schärfer  zu  trennen,  unter  dem  liegritt 
der  Eintheilung  zusammen;  eingehende  Kegeln  dafür  ertheilt  er  Anal.  post.  II, 
13.  96,  b,  15—97,  b,  25.  Top.  VI,  5.  6.  part.  anim.  I,  2.  3.  Das  wichtigste 
ist  auch  ihm,  wie  Plato  (1.  Abth.  S.  524  f.),  dass  die  Eintheilung  stetig 
fortschreite,  kein  Mittelglied  überspringe,  und  das  einzutheilende  vollständig 
erschöpfe;  dass  sie  endlich  was  Plato  weniger  beachtet  hatte)  nicht  in 
abgeleiteten  oder  zufälligen,  sondern   in  den   wesentlichen  Unterschieden  sich 

ewege.     Vgl.  vor.   Anm. 

3)  Die  weiteren  Eegeln,  welche  namentlich  das  6.  Buch  der  Topik  ent- 
hält, indem  es  die  beim  Definiren  vorkommenden  Fehler  ausführlich  aufzählt, 
muss  ich  hier    übergehen. 

4)  S.    1.  Abth.  S.  525.  5hb. 


[185]  Oberste   Gattungsbegriffe.  257 

zufolge  so  wenig,  als  die  eigentümlichen  Principien  der  beson- 
deren Gebiete  aus  einem  höheren  ableiten l) ,  es  findet  zwischen 
ihnen  keine  volle  Gemeinschaft,  sondern  nur  eine  Analogie  statt 2), 


1)  Anal.  post.  I,  32.  8S,  a,  31  ff.  u.  a.  St.  s.  o.  S.  234  ff.  Dass  namentlich 
die  Kategorieen  sich  weder  aus  einander,  noch  aus  einer  höheren  gemein- 
samen Gattung  herleiten  lassen,  sagt  Arist.  Metaph.  XII,  4.  1070,  b,  1  (ttuq(( 
yeto  tt\v  oiaiav  xat  tü/J.cc  tcc  y.uTrtyooovutra  oii&iv  ißn  xoivör).  V,  28. 
1024,  b,  9  (wo  das  gleiche  auch  von  Form  und  Materie).  XI,  9.  1065,  b,  8. 
Phys.  III,  1.  200,  b,  34.  De  an.  I,  5.  410,  a,  13.  Eth.  N.  I,  4.  1096,  a,  19. 
23  ff.:,  vgl.  Trendelexbtjrg  Hist.  Beitr.  I,  149  f.  Die  Begriffe,  welche  man 
am  ehesten  für  höchste  Gattungen  halten  möchte,  das  Seiende  und  das  Eine, 
sind  keine  ysvtj:  Metaph.  III,  3.  998,  b,  22.  VIII,  6.  1045,  b,  5.  X,  2.  1053, 
b.  21.  XI,  1.  1059,  b,  27  ff  XII,  4.  1070,  b,  7.  Eth.  N.  a.  a.  O.  Anal.  post.  II, 
7.  92,  b,  14.  Top.  IV,  1.  121,  a,  16.  c.  6.  127,  a,  26  ff.  Vgl.  Trendelen- 
BURG  a.  a.  O.  67.  Bokitz  und  Schwegler  zu  Metaph.  III,  3.  (Weiteres 
S.  260,  3.)  Der  Satz,  welchen  Strümpell  Gesch.  d.  theor.  Phil.  d.  Gr. 
S.  193  für  eine  Behauptung  des  Aristoteles  ausgibt,  dass  schliesslich  alles 
unter  einem  einzigen  höchsten  Begriff  als  gemeinsamem  Gattungsbegriff  ent- 
halten sei,  ist  hiernach  strenggenommen  nicht  aristotelisch. 

2)  Metaph.  V,  6.  1016,  b,  31  werden  vier  Arten  der  Einheit  unterschieden 
(etwas  anders  lautet  die  gleichfalls  viergliedrige  Aufzählung  Metaph.  X,  1,  in 
welcher  die  Einheit  der  Analogie  nicht  vorkommt):  die  Einheit  der  Zahl,  der 
Art,  der  Gattung,  der  Analogie.  Jede  frühere  von  diesen  Einheiten  schliesst 
die  folgenden  in  sich  (was  der  Zahl  nach  eins  ist,  ist  es  auch  der  Art  nach 
u.  s.  w.),  aber  nicht  umgekehrt;  die  Einheit  der  Analogie  kann  daher  auch 
unter  solchem  stattfinden,  was  in  keine  gemeinschaftliche  Gattung  gehört. 
(Vgl.  part.  an.  I,  5.  645,  b,  26:  nt  utv  yaq  tyovoi  rö  xoivbv  *«r'  clvcc- 
loytav,  tcc  dt  y.ctTtt  yivog,  ra  dt  xar'  tidog.)  "Sie  kommt  bei  allem  vor 
off«  e%ei  o)j  akXo  nnbg  aXlo,  sie  besteht  in  der  Gleichheit  des  Verhältnisses 
(iaÖTrjg  Xöytov),  und  setzt  daher  mindestens  vier  Glieder  voraus  (Eth.  N.  V, 
6-  1131,  a,  31);  ihre  Formel  ist:  tag  tovto  Iv  tovto)  rj  noög  tovto,  rö<) '  iv 
To>ä(  rj  no6g  r6Se  (Metaph.  IX,  6.  1048,  b,  7  vgl.  Poet.  21.  1457,  b,  16). 
Sie  findet  sich  nicht  blos  im  Quantitativen  als  arithmetische  und  geometrische 
(Eth.  N.  V,  7.  1131,  b,  12.  1132,  a,  1)  Gleichheit,  sondern  auch  im  Quali- 
tativen als  Aehnlichkeit  (gen.  et  corr.  II,  6.  333,  a,  26  ff),  oder  als  Gleich- 
heit der  Wirkung  (vgl.  part.  an.  I,  5.  645,  b,  9:  rö  uvüXoyov  xr\v  aiirrv 
i-yov  Svvafxiv.  Ebd.  I,  4.  644,  b,  11.  II,  6.  652,  a,  3),  überhaupt  in  allen 
Kategorieen  (Metaph.  XIV,  6.  1093,  b,  18);  Beispiele  geben,  ausser  den 
ebenangeführten  Stellen  De  part.  anim.,  auch  Anal.  pri.  I,  46.  51,  b,  22. 
Rhet.  III,  6,  Schi.  Was  sich  von  keinem  anderen  mehr  ableiten  lässt,  die 
höchsten  Principien,  das  muss  durch  Analogie  erläutert  werden;  so  z.  15. 
die  Begriffe  der  Materie,  der  Form  u.  s.  w.  Metaph.  IX,  6  (s.  o.  254,  4  >. 
XII.  4.  1070,  b,   16  ff.  Phys.  I,   7.   191,  a,  7.    (Das  vorstehende  nach  Tren- 

Z eil  er,  Philos.  d.  Gr.  II.  Bd.  2.  Abth.  3.  Aufl.  17 


258  Aristoteles.  [186] 

und  eben  dessbalb  gibt  |  es  nicht  blos  Eine  Wissenschaft,  son- 
dern mehrere,  weil  jeder  Gattung  des  Wirklichen  eine  ihr  eigen- 
tliiimliche  Wissenschaft  entspricht 1).  Wenn  daher  auch  unter 
diesen  eine  Wissenschaft  von  den  letzten  Gründen  (die  „erste 
Philosophie")  vorkommt,  so  wird  sie  doch  zum  voraus  darauf 
verzichten  müssen,  ihren  Inhalt  aus  einem  einzigen  Princip  zu 
entwickeln ;  jeder  weiteren  Untersuchung  wird  vielmehr  die  Frage 
nach  den  allgemeinsten  Gesichtspunkten ,  aus  denen  sich  das 
W  irkliche  betrachten  lässt,  den  höchsten  Gattungsbegriffen,  vor- 
angehen müssen. 

Mit  dieser  Frage  beschäftigt  sich  die  Kategorieenlehre,  welche 
im  aristotelischen  System  das  eigentliche  Bindeglied  zwischen  der 
Logik  und  der  Metaphysik  bildet. 

(>.     Die  Metaphysik.     A.  Einleitende  Untersuchuiig-en. 

1.     Die   K  a  tegorieen  -  . 

Alle  Gegenstände  unseres  Denkens  fallen  nach  Aristoteles 
unter  einen  der  folgenden  zehen  Begriffe:  Wesenheit,  Grösse, 
Beschaffenheit,  Beziehung  (Substanz,  Quantität,  Qualität,  Rela- 
tion),   Wo,    Wann,    Lage,    Haben ,    Wirken ,    Leiden 3).      Diese 


i>elkm\i  im.  Hist.  Beitr.  I,  151  ff.  Von  besonderer  Bedeutung  ist  die  Ana- 
logie unserem  Philosophen  für  seine  naturgeschichtlichen  Untersuchungen; 
s.  n.  und  Mbyeb    Arist.  Thierkunde  334  ff. 

1)  Anal.  post.  I,  28,  Anf. :  u(a  J'  tmoirifjri  iarlv  fj  trog  ytvovg  .  .  . 
trtgu  J'  tniOTrjur]  lorlv  ht'nug,  oOtov  ul  aQXttl  ,'"7r  ?x  r(*>v  avtwv  //*)■'>' 
/■tkxu  tx  Tüiv  irfnoiv.  Metaph.  III,  2.  997,  a,  21:  ntpi  ovv  to  aino  yt'vog 
Tic  tfvftßeßjjxora  *«.'>'  ainü  rfjg  avifg  [ijtiatriurig]  lori  Ütworjoai  £x  iwv 
atTtJäv  doi-wr.  Ebd.  IV,  2.  1003,  b,  19:  anavrog  dt  ytvovg  xal  aia!lr](Jtg 
uta  trog  xal  fniairjur].  Ebd.  1004,  a,  3:  roaavTii  fttorj  <fi).oao<f tag  tailv 
LoaintQ  ul  üvot'iu  .  .  .  vnüoyti  yuo  ev&iig  y£vi\  tyovTU  to  $v  xal  to  <>v' 
<ho  xul  ul  IniGTTJuui  uxo).ov9rj0ovo~i  rovroig.  Wie  sich  damit  der  Begriff 
der  ersten  Philosophie  verträgt,  wird  sogleich  näher  untersucht  werden. 

2)  Tkendelexbcrg  Gesch.  d.  Kategorieenlehre  (Hist.  Beitr.  I.  1846), 
S.  1 — 195.  209—217.     Boxnz  üb.  die  Kateg.  d.  Arist.    Aristotel.  Ötud.  VI  II. 

zuerst  Sitzungsber.  d.  Wiener  Akad.,  Hist.-philol.  Kl.,  1853,  B.  X,  591  ff.) 
Pkantl  Gesch.  d.  Log.  I,  182  ff.  90  f.  Schuppe  Die  arist.  Kategoricen. 
iGymn.  progr.  Gleiwitz  1866.)  Bkentaso  Von  der  mannigfachen  Bedeutung 
des  Seienden  nach  Ar.  (1862). 

.';  Kateg.  c.  2  Anf.:  tiüv  Xeyofiivtov  tu  utv  xata  oi  an Xoxtjv  ktytiiu, 
tu  J*    uvtv  (Jvimloxijg.     <:.    1    Anf.:     TiiJr  xutü   iiTjihuiuv  avunkoxi]V  Ityo- 


[1S7]  Kategorieen.  259 

obersten  |  Begriffe  oder  Kategorieen  *)  bezeichnen  für  ihn  weder 
blos  subjektive  Denkformen,  welche  seinem  Realismus  von  Hause 


iif'rwi'  ixaciTov  t\toi  ovoiuv  arjiiKi'rfi  ij  ttocsuv  »;  tjolov  ry  nnog  tl  rj  ttov  ij 
.tot*  rj  xttcsttui  rj  f/Siv  rj  north'  rj  .inGytn:  Top.  I,  9  Auf. :  lktcc  toi'vvv 
TttVTCt  dft  öioot'Occa&ac  tu  ye'rrj  twv  xccTr]yo<jt,(ii)V,  tv  oiq  vnuQ/ovOiv  cd 
()r)&it~Gcct  t6ttc(ois  [ooog,  yivos,  ISiov,  avußtßrjxog].  eait,  df  tcivtcc  top 
ligti/ubv  öixa,  t/'  tan,  Tioabv,  noibv,  ngog  xi,  nov,  nort,  xeta&ia,  £%etv, 
Tiotfir,  nuaytiv. 

1)  Aristoteles  bedient  sich  au  ihrer  Bezeichnung  verschiedener  Aus- 
drücke (vgl.  Tkendelenbürg  a.  a.  0.  6  ff.  Bonitz  a.  a.  O.  23  ff.  Ind.  arist. 
378,  a,  5  ff.);  er  nennt  sie  tu  yh>r\  (sc.  toi  bvrog,  De  an.  I,  1.  402,  a,  22), 
t«  nobJTcc  (Metaph.  VII,  9.  1034,  b,  7),  auch  duaot'aeig  (Top.  IV,  1.  120, 
b,  36.  121,  a,  6)  und  nrwaug  (Metaph.  XIV,  2.  1089,  a,  26  vgl.  Eth.  Eud.  I, 
S.  1217,  b,  29),  tc'(  xotvä  nowra  (Anal.  post.  II,  13.  96,  b,  20.  Metaph.  VII, 
9.  1034,  b,  9),  weit  am  häufigsten  jedoch  y.KTTjyooi'ca,  xary^yogr/uctTa,  yivrj 
oder  a/rjuuiu  twv  y.aTrjyogtwi'  (rrjg  xuTrjyooiug).  Den  letzteren  Ausdruck 
erkläre  ich  mit  Bonitz  (dem  auch  Luthe  Beitr.  z.  Logik  II,  1  ff.  zustimmt) 
so,  dass  xuTtiyoni'a  einfach  „Aussage"  bedeutet,  yivr\  oder  ayrjiiuTct  t.  xut. 
mithin:  „die  Hauptgattuugen  oder  Grundformen  der  Aussage",  „die  ver- 
schiedenen Bedeutungen,  in  welchen  von  einem  Gegenstand  gesprochen 
werden  kann'' ;  dasselbe  besagt  das  kürzere  xaTijyoQiai  („die  verschiedenen 
Weisen  des  Aussagens'")  oder  xuxr\yooUu  rov  ovxog  (Phys.  III,  1.  200,  b,  28. 
Metaph.  IV,  28.  1024,  b,  13.  IX,  1.  1045,  b,  28.  XIV,  6.  1093,  b,  19  u.  ö.); 
das  letztere,  sofern  jede  Aussage  auf  ein  Seiendes  geht.  Die  Bedeutung: 
„Prädikat",  welche  xccTrjyoQiu  sonst  oft  hat,  und  welche  Brentano  (a.  a.  0. 
105  f.)  und  Sciicppe  ihm  auch  hier  geben,  passt  nicht  auf  die  aristotelischen 
Kategorieen,  denn  diese  bezeichnen  die  Bedeutungen  twv  xaric  /urjih/ntctv 
(Jvu7ii.oxr)v  Xtyout'vorv,  während  das  Prädikat  als  solches  nur  im  Satze  vor- 
kommt; man  braucht  daher  auch  nicht  die  Frage  aufzuwerfen  (mit  der  sich 
8<  Hi  i  in  a.  a.  O.  21  f.  mehr  als  nöthig  abmüht),  inwiefern  die  Substanz, 
die  doch  kein  Prädikatsbegritf  ist  (s.  u.  S.  228  2.  Aufl.),  unter  die  Kate- 
gorieen gehöre.  Zum  Prädikat  wird  ein  Begriff  dadurch,  dass  er  von  etwas 
ausgesagt  wird,  und  diess  kann  auch  mit  Substanzbegriffen  geschehen  (vgl. 
Metaph.  VII,  3.  1029,  a,  23:  t«  fxhv  yitQ  ukka  rfjg  oiatug  xar^yoniiTtu 
«{fTij  iSi  rrtg  i-).r]g).  In  dem  Satze  z.  B. :  „dieser  Mann  ist  Sokrates",  ist 
Sokrates  Prädikat.  Aber  aus  dieser  logischen  Funktion,  die  ein  Suh- 
stanzbegriff  im  Satz  übernimmt,  folgt  nicht,  dass  er  auch  ausser  diesem 
Verhältniss,  seinem  Inhalt  nach  betrachtet,  ein  auf  anderes  bezügliches, 
eine  Eigenschaft,  ein  avußtßrjxog  bezeichnet.  Wenn  daher  Strümpell  Gesch. 
d.  theor.  Phil.  b.  d.  Griechen  211  sagt,  es  handle  sich  bei  den  Kategorieen 
um  die  Arten  ihr  Prädicirung,  die  Unterschiede  in  den  Verbindungen  der 
Hegriffe,  so  kann  ich  ihm  hierin  nicht  beitreten,  so  richtig  er  auch  im  übrigen 
den  blos  formalen  Charakter  der  Kategorieen  erkannt  hat. 


260  Aristoteles.  [187] 

aus  fremd  sind,  noch  überhaupt  blos  logische  Verhältnisse;  es 
sind  vielmehr  die  verschiedenen  Bestimmungen  des  Wirklichen, 
welche  sie  ausdrücken 1).  Aber  nicht  alle  Bestimmungen  des 
Wirklichen  sind  Kategorieen  oder  Unterarten  derselben,  sondern 
nur  diejenigen,  welche  die  verschiedenen  formalen  Gesichtspunkte 
darstellen,  unter  denen  es  sich  betrachten  lässt;  es  werden  da- 
her weder  diejenigen  Begriffe  zu  den  Kategorieen  gerechnet,  die 
so  allgemein  sind,  dass  sie  von  den  verschiedenartigsten  Dingen 
prädicirt  werden  können,  und  je  nach  der  Beziehung,  um  die 
es  sich  hiebei  handelt,  eine  verschiedene  Bedeutung  erhalten,  wie 
die  des  Seienden  und   des  Einen2),   noch   auch  andererseits  die 


1)  Metaph.  V,  7.  1017,  a.  22:  *«#'  avrcc  dt  elvcci  )JyfTcti  oGaneo 
oijftatvet  T('c  a/r]uctTct  rfjg  xarriyaotag'  uace/dig  yap  leytrcci,  ToanvTctywg 
tö  sh'ai  atjfiutvei  (vgl.  Eth.  N.  I,  4.  1096,  a,  23).  Die  Kategorieen  heisseu 
daher  xarriyopitti  tov  orrog  (s.  vor.  Anm.),  es  ist  das  er,  dessen  verschie- 
dene Bedeutungen  sie  darstellen  (Metaph.  VI,  2,  Anf.  IX,  1.  1045,  b,  32. 
De  an.  I,  5.  410,  a,  13:  hri  Sa  Trollttyöig  layofxtrov  tov  bvrog,  ar]ua(vu 
yap  tö  utr  rode  ti  u.  s.  w.)  vgl.  Ind.  arist.  378,  a,  13  ff.;  die  logischen 
Verhältnisse  der  Begriffe  dagegen,  wie  opog,  ytvog,  Xöior,  avfißißr^xbg,  sind 
in  den  Kategorieen  nicht  ausgedrückt,  sondern  sie  ziehen  sich  durch  sie  alle 
hindurch;  auf  die  Frage  nach  dem  ti  iou  z.  B.  kann  je  nach  Umständen 
eine  ovoia,  ein  ttooov  u.  s.  f.  genannt  werden,  Top.  I,  9;  und  ebensowenig 
gehört  der  Gegensatz  des  Wahren  und  Falschen,  welcher  sich  nicht  auf  die 
Beschaffenheit  der  Dinge,  sondern  auf  unser  Verhalten  zu  den  Dingen  bezieht 
(Metaph.  VI,  4.  1027,  b,  29),  zu  den  Kategorieen.  Wirklich  macht  ja 
auch  Arist.  von  den  letzteren  eine  ontologische  Anwendung,  wenn  er  z.  B. 
die  verschiedenen  Arten  der  Veränderung  daraus  ableitet,  dass  diese 
die  Dinge  entweder  ihrer  Substanz  oder  ihrer  Qualität  oder  ihrer  Quantität 
oder  ihrem   Orte  nach  betreffe ;  vgl.  folg.  Anm. 

2)  Diese  beiden  Begriffe,  welche  xutu  jiavT(ov  [ACiXima  X^ytxai  tüv 
ovtcov,  sind  nach  Metaph.  III,  3.  998,  b,  22  ff.  X,  2.  1053,  b,  16  ff.  VIII, 
16.  1045,  b,  6  vgl.  S.  257,  1  keine  yt'vr),  sondern  Prädikate,  die  allem  möglichen 
zukommen.  Dass  sie  keine  Gattungen  sein  können,  beweist  A.  Metaph.  III,  3  mit 
der  Bemerkung:  eine  Gattung  könne  nie  von  dem  Merkmal  prädicirt  werden, 
das  als  artbildender  Unterschied  zu  ihr  hinzutrete,  das  Sein  und  die  Einbeit 
dagegen  müssten  jedem  Merkmal,  welches  dem  br  und  der  oiiaCa  beigefügt 
würde,  gleichfalls  zukommen.  Beide  Begriffe  werden  in  verschiedenen  Be- 
deutungen gebraucht:  für  das  Seiende  zählt  Metaph.  V,  7  deren  vier,  IX,  10 
vgl.  XIV,  2.  1089,  a,  26  (indem  das  xktcc  ov/jßsßrjxug  Ityo/utrov  ov  über- 
gangen  wird)  drei,  darunter  auch  die  xara  tk  oyriuarct  iwr  xctT7]yopiäh>, 
derzufolge  jeder  Kategorie  eine  bestimmte  Art  des  Seins  entspricht,  welches 
ebcndesshalb  an   sich  selbst  mit  keiner  einzelnen    Kategorie   zusammenfallen 


[187.   18S]  Kategorieen.  261 

bestimmteren  Aussagen,  welche  die  konkrete  Beschaffenheit  eines 
Gegenstands,  seine  physikalischen  oder  ethischen  Eigenschaften 
betreffen x) ;  |  ebenso  werden  solche  metaphysische  Begriffe  aus 
ihrer  Zahl  ausgeschlossen,  welche  dazu  dienen,  die  konkreten 
Eigenschaften  und  Vorgänge  zu  erklären,  wie  die  Begriffe  des 
Wirklichen  und  Möglichen,  der  Forin  und  des  Stoffes,    der  vier 


kann.  Das  gleiche  gilt  von  der  Einheit:  to  IV  lv  navxX  yivei  fori  Tis 
(pvOig,  xal  ovd-Evbg  tovrö  y  ainb  ?j  (pvotg,  to  IV  (es  gibt  nichts,  dessen 
Wesen  in  der  Einheit  als  solcher  bestände);  es  kommt  ebenfalls  in  allen 
Kategorieen  vor,  fügt  aber  zu  dem  Begriff  des  Gegenstandes,  von  dem  es 
prädicirt  wird,  kein  neues  Merkmal  hinzu ;  und  Arist.  schliesst  hieraus,  oti 
tkvtü  Orjuaivcti  neos  to  IV  xal  to  ov  (Metaph.  X,  2.  1054,  a,  9  ff.),  dass 
to  IV  xcu  to  ov  tccvtov  xal  uia  ifvais  tcö  (cxokov&eiv  cti.Xrjloig  .  .  .  ukV 
ov%  wg  £"i  köyat  drjlov/ueru  (Metaph.  IV,  2.  1003,  b,  22),  dass  beide  den 
gleichen  Umfang  haben  (ävTiOTQfyet  XI,  3.  1061,  a,  15  f.  vgl.  VII,  5.  1030; 
b,  10.  c.  16.  1040,  b,  16).  Weiteres  über  die  Einheit  S.  257,  2.  Metaph.  X, 
1  f.  (wo  namentlich  die  Masseinheit  besprochen  wird)  und  bei  Hertling 
De  Arist.  notione  unius.  Berl.  1864;  über  das  ov  bei  Brentano  Von  der 
mannigfachen  Bedeutung  des  Seienden. 

1)  Aus  diesem  Grunde  wird  z.  B.  der  Begriff  der  Bewegung  (oder  Ver- 
änderung) nicht  unter  den  Kategorieen  aufgeführt;  er  ist  vielmehr  nach  A. 
ein  physikalischer  Begriff,  der  seine  nähere  Bestimmung  als  Substanzver- 
änderung, qualitative,  quantitative,  räumliche  Bewegung  durch  verschiedene 
Kategorieen  erhält  (Phys.  V,  1,  Schi.  c.  2,  Anf.  ebd.  226,  a,  23.  III,  1.  200» 
b,  32.  gen.  et  corr.  I,  4.  319,  b,  31.  De  coelo  IV,  3.  310,  a,  23.  Metaph. 
XII,  2.  1069,  b.  9;  weiteres  hierüber  später);  und  mag  er  selbst  auch  für 
sich  genommen  unter  die  Kategorie  des  Thuns  und  Leidens  zu  stellen  sein 
(Top.  IV,  1.  120,  b,  26.  Phys.  V,  2.  225,  b,  13.  III,  1.  201,  a,  23.  De  an.  III, 
2.  426,  a,  2.  Tresdelesbüru  Hist.  Beitr.  I,  135  ff.),  und  insofern  Metaph. 
VII,  4.  1029,  b,  22  als  Beispiel  dafür  gebraucht  werden,  dass  auch  die 
andern  Kategorieen,  ausser  der  der  Substanz,  ihr  Substrat  haben,  so  wird 
er  doch  dadurch  nicht  selbst  zur  Kategorie,  und  ebenso  wenig  wäre  er  es, 
wenn  er  nach  der  gewöhnlichen  (durch  Metaph.  V,  13.  1020,  a,  26  nicht 
gerechtfertigten)  Annahme  der  späteren  Peripatetiker  (Simpl.  Categ.  78,  S. 
§.  29  Bas.)  unter  die  Kategorie  des  tioöov,  oder  wie  andere  wollten  (Simpl. 
a.  a.  O.  35,  ö.  §  38),  unter  das  ttqos  ti  gehorte.  AVenn  daher  Eodemus 
(Eth.  Eud.  1217,  b,  26)  die  Bewegung  an  der  Stelle  des  Thuns  und  Leidens 
unter  den  Kategorieen  nennt,  ist  diess  schwerlich  aristotelisch;  richtiger 
sagten  andere,  wie  namentlich  Theophrast,  sie  ziehe  sich  durch  viele 
Kategorieen  hindurch  (Simpl.  ka.  a.  O.  35,  d.  §  38.  Phys.  94,  a,  m).  Ebenso 
findet  sich  das  Gute  innerhalb  verschiedener  Kategorieen  (Eth.  N.  I,  4. 
1096,  a,  19.  23). 


262  Aristoteles.  [158.   189] 

Ursachen  '  >.  Die  Kategorieen  .wollen  die  Dinge  nicht  ihrer  wirk- 
lichen Beschaffenheit  nach  beschreiben,  und  auch  nicht  die  hie- 
für erforderlichen  allgemeinen  Begriffe  aufstellen,  sie  begnügen 
sich  vielmehr  damit,  die  verschiedenen  Seiten  anzugeben,  welche 
bei  einer  solchen  Beschreibung  in's  Auge  gefasst  werden  kön- 
nen: sie  sollen  uns  nach  der  Absicht  \  des  Philosophen  nicht 
reale  Begriffe,  sondern  nur  das  Fachwerk  geben,  in  welches  alle 
realen  Begriffe  einzutragen  sind,  mögen  sie  nun  auf  eines  dieser 
Fächer  beschränkt  sein,   oder   durch  mehrere   hindurchgehen  -). 


1)  Keiner  dieser  Begriffe  wird  den  Kategorieen  beigezählt  oder  einer 
derselben  untergeordnet,  vielmehr  wird  ausdrücklich  da,  wo  es  sich  um  die 
verschiedenen  Bedeutungen  des  Seienden  handelt,  neben  dem  Unterschied 
des  Wahren  und  Falschen  auch  der  des  3vrü/jfi  und  ZvT&keytiu  als  ein 
solcher  bezeichnet,  welcher  zu  den  durch  die  Kategorieen  ausgedrückten 
Unterschieden  noch  hinzukomme  (Metaph.  V,  7.  1017,  a,  7.  22.  31.  35.  VI, 
2,  Anf.  IX,  10,  Anf.  c.  1.  1045,  b,  32.  XIV,  2.  1089,  a,  26.  De  an.  I,  1. 
402,  a,  22  vgl.  Trendelenbdrg  a.  a.  O.  157  ff.  Bonitz  a.  a.  O.  19  f.,  und 
durch  die  verschiedenen  Kategorieen  hindurchgehe  (Phys.  III,  1.  200,  b,  26. 
Metaph.  IX,  10  Anf.:  rö  dt  v.taa  divauiv  xcä  tvegyeiav  tovtojv).  Wess- 
halb  sie  nicht  unter  die  Kategorieen  aufgenommen  werden  konnten,  sagt 
uns  Aristoteles  nicht;  der  Grund  scheint  aber  der  oben  angedeutete  zu  sein, 
dass  diese  Begriffe  sich  nicht  wie  die  der  Substanz,  Qualität  u.  s.  w.  blos 
auf  den  formalen  Charakter  und  die  formalen  Unterschiede  dessen  beziehen, 
was  unter  sie  fällt,  sondern  bestimmte  reale  Verhältnisse  des  Seienden  be- 
zeichnen. 

2}  So  auch  Braxdis  II,  b,  394  ff.  Dagegen  erklärt  Trendelenrurg 
a.  a.  O.  162  f.  das  Fehlen  des  Möglichen  und  Wirklichen  unter  den  Katego- 
rieen daraus,  dass  diese  „abgelöste  Prädikate"  seien,  jene  dagegen  „kein 
reales  Prädikat"  ausdrücken.  Mir  scheint  gerade  das  umgekehrte  der  Fall 
zu  sein :  die  Kategorieen  sind  nicht  selbst  unmittelbar  Prädikate,  sondern  sie 
bezeichnen  nur  den  Ort  für  gewisse  Prädikate;  dagegen  liegen  der  Unter- 
scheidung des  Möglichen  und  Wirklichen  bestimmte  reale  Anschauungen  zu 
Grunde,  im  Einzelnen  der  Gegensatz  zwischen  den  verschiedenen  Entwick- 
lungszuständen  der  Dinge,  im  Weltganzen  der  Gegensatz  des  Körperlichen 
und  Geistigen,  und  jene  Unterscheidung  ist  nur  der  abstrakte,  metaphysische 
Ausdruck  für  dieses  Reale.  Auch  mit  Bonitz  kann  ich  aber  nicht  ganz 
übereinstimmen,  wenn  er  S.  18.  21  sagt,  die  Bedeutung  der  Kategorieen  sei 
nur  die,  den  Ueberblick  über  den  Inhalt  des  erfahrungsmässig  Gegebenen  zu 
vermitteln,  solche  Begriffe  daher,  welche  über  die  Auffassung  des  erfahrungs- 
mässig Gegebenen  zu  seiner  Erklärung  hinausgehen,  seien  davon  ausge- 
schlossen. Denn  der  Begriff  der  Bewegung  ist  ebensogut  in  der  Erfahrung 
gegeben  wie  der  des  Wirkens  und  Leidens,  der  Begriff  der  Substanz  ebenso 


[189]  Kategorieen.  263 

Von  der  Vollständigkeit   dieses    Fachwerks   ist  Aristoteles   über- 
zeugt1); wie  er  aber  dazu   gekommen   ist,    gerade  |    diese    und 


zur  Erklärung  des  Gegebenen  gebildet,  wie  die  der  Form  und  des  Stoffes, 
des  Wirklichen  und  des  Möglichen.  Noch  viel  weniger  kann  ich  aber 
Brentano  (a.  a.  0.  82  ff.)  einräumen,  dass  die  Kategorieen  reale  Begriffe 
seien,  wenn  wenigstens  unter  diesem  Ausdruck  solche  Begriffe  verstanden 
werden  sollen,  welche  den  gemeinsamer  Tnhalt  einer  Reihe  von  Erfahrungen 
bezeichnen,  wie  etwa  die  Begriffe  der  Schwere,  der  Ausdehnung,  des  Denkens 
u.  s.  W.5  denn  gerade  diejenigen  Kategorieen,  von  denen  die  häufigste  und 
allgemeinste  Anwendung  gemacht  wird,  Substanz,  Quantität,  Qualität,  Re- 
lation, Wirken  und  Leiden,  bezeichnen  blos  formale  Verhältnisse,  und  können 
desshalb  den  verschiedenartigsten  Inhalt  in  sich  aufnehmen;  und  wenn  diess 
von  andern,  dem  nov,  noTt,  xtia&ai,  nicht  ebenso  unbedingt  gilt,  so  beweist 
diess  nur,  dass  Arist.  den  Gesichtspunkt,  von  dem  er  bei  seiner  Kategorieen- 
lehre  ausgieng,  nicht  bei  allen  Kategorieen  streng  durchzuführen  vermochte. 
Muss  doch  auch  Brentano  S.  131  f.  anerkennen,  dass  „die  Verschiedenheit 
der  Kategorieen  nicht  nothwendig  eine  reelle  Verschiedenheit  sei". 

1)  Prantl  Gesch.  d.  Log.  I,  204  ff.  bestreitet  zwar,  dass  Arist.  eine 
fest  bestimmte  Zahl  von  Kategorieen  angenommen  habe;  es  erhellt  jedoch 
ausser  den  S.  258,  3  angeführten  Aufzählungen  und  dem  S.  266,  3  beige- 
brachten auch  aus  vielen  anderen  Aeusserungen.  So  soph.  el.  c.  22,  Anf. : 
IntiTiio  tyoutv  t«  ytvrj  twv  xciTrjyooiwv,  nämlich  eben  die  zehen  Top.  I,  9 
aufgezählten,  auf  welche  auch  c.  4.  166,  b,  14  nach  Erwähnung  des  rl 
(raiTo),  noibv,  noabv,  noiovi\  nüayov.  diccxtifitvov  (eigentlich  nur  eine 
Art  des  noibv,  die  diäfrtatg  s.  Kateg.  c.  8.  10,  a,  35  ff.  Metaph.  V,  20) 
mit  den  Worten:  xcu  rdlka  <5"  wg  dn'jorjTKi  noÖTtoov  zurückweist.  De  an. 
I,  1.  402,  a,  24:  nörtoov  Tods  ti  xai  ovaia  rj  noibv  rj  noabv  fj  xai  Tig 
a/Uij  twv  diaiot&tiawv  y.tnr\yooiwv.  Ebd.  c.  5.  410,  a,  14:  orjuaivti  yao 
tÖ  utv  TÖdt  ti  to  dt  noabv  fj  noiov  rj  xai  riva  äU.rjv  tw>  diaiQt&tiaolr 
xaxriyoQiwv.  Anal.  pri.  I,  37 :  to  d*  vnaoytiv  rodt  Tiodt  .  .  .  ToOavTaywg 
).r\miov  baaywg  cct  xuTrjyooica  diyorjvTKi.  Metaph.  XII,  1.  1069,  a,  20: 
ttowtov  17  ovaia,  eha  to  noibv,  tha  rb  noaöv.  VI,  2.  1026,  a,  36:  t« 
o/t,ii((Tu  Ttjg  xaTrjyooiag,  oiov  to  utv  ti,  to  d£  noibv,  to  dt  noabv,  to  dt 
nov,  ro  dt  nort,  xcu  ti  ti  a)J.o  ar^uaivti  tov  roönov  tovtov.  VII,  4.  1030, 
a  18:  xai  yao  to  ti  £otiv  iva  utv  Toönov  arjuaivti  tj]V  ovaiav  xai  to 
Todt  ti,  ällov  dt  ixaoTov  twv  xaT^yopoviitvojv,  noabv,  noibv  xai  00« 
aU.u  ToiuvTct.  XII,  4.  1070,  a,  33:  es  fragt  sich,  noTtgov  tTtoai  rj  cd  avTai 
anytu  y.iv  c,Tor/ilu  Toiv  oianiiv  xai  twv  noög  ti,  xai  xa&'  ixctOTrjv  dt  twv 
xctTriyooioJv  buoiojg.  Ebenso  wird  Metaph.  VII,  9.  1034,  b,  9.  XIV,  2.  1089, 
a,  7.  Phvs.  III,  1.  200,  b,  26,  nachdem  einige  Kategorieen  genannt  sind,  auf 
die  übrigen,  wie  auf  etwas  bekanntes,  mit  einem  einfachen:  at  aXXat  xaTrt- 
yooiai  verwiesen,  und  Anal.  post.  I,  22.  83,  b,  12.  a,  21  die  Unmög- 
lichkeit einer  in's  unendliche  gehenden  Beweisführung  damit  bewiesen,  dass 


•_i't|  Aristoteles.  [190] 

keine  anderen  Kategorieen  aufzustellen ,  sagt  er  uns  nirgends  *), 
und  auch  an  ihnen  selbst  will  sich  ein  festes  Princip  für  ihre 
Ableitung  so  wenig  zeigen  -),  dass  wir  nur  vermuthen  können,  | 


die  Zahl  der  Kategorieen  auf  die  dort  genannten  beschränkt  sei.  Die  Voll» 
ständigkeit  der  Kategorieentafel  setzt  auch  der  S.  260,  1  Schi,  berührte  Beweis, 
das?  es  nur  drei  Arten  der  Bewegung  im  engeren  Sinn),  die  qualitative, 
quantitative  und  räumliche  gebe,  Phys.  V,  1  f.,  voraus,  indem  dieser  auf 
dem  "Wege  der  Ausschliessung  geführt  wird :  da  die  Bewegung  in  den  Kate- 
gorieen der  Substanz  u.  s.  f.  nicht  vorkomme,  sagt  Arist.,  so  bleiben  nur 
jene  drei  Kategorieen   für  sie  übrig. 

1)  Auch  in  den  verlorenen  Schriften  schjeint  diess  nicht  geschehen  zu 
sein,  sonst  würden  die  alten  Ausleger  sich  darauf  berufen,  statt  dass  Simpl, 
ISchol.  in  Ar.  79,  a,  44  sagt:  olais  ortfßuoi'  nfol  rfjg  TÜ'frwg  roiv  yeröiv 
oi'deiiictv  idriiiv  b  'uioiOTOTÜ.rjg  U7i(ify]riao. 

2)  Es  ist  Trendelenburg's  Verdienst,  in  seiner  Dissertation  De  Arist. 
Categoriis  (Berl.  1833)  und  den  Elementa  Logices  Aristotelicae  S.  54  sich 
zuerst  um  ein  solches  bemüht  zu  haben.  Dass  es  ihm  jedoch  wirklich  ge- 
lungen sei,  es  aufzuzeigen,  davon  hat  mich  auch  die  wiederholte  Auseinander- 
setzung Hist.  Beitr.  I,  23  ff.  194  f.  nicht  überzeugt,  es  scheinen  mir  viel- 
mehr die  Bedenken,  welche  schon  Ritter  III,  80  und  in  erschöpfenderer 
Weise  Bohitz  a.  a.  0.  35  ff.  gegen  seine  Ansicht  geltend  gemacht  hat, 
vollkommen  berechtigt.  Trendelexbürg  (und  nach  ihm  Biese  Phil.  d. 
Arist.  I,  54  f.)  glaubt,  der  Philosoph  lasse  sich  bei  seinem  Entwurf  der  10 
Geschlechter  zunächst  von  grammatischen  Unterschieden  leiten:  die  ovat'a 
entspreche  dem  Substantiv,  das  noabv  und  noibv  dem  Adjektiv;  für  das 
ngög  ri  seien  Ausdrucksweisen,  wie  die  Kateg.  c.  7  angeführten,  massgebend; 
das  noxi  und  nore  werde  durch  die  Adverbien  des  Orts  und  der  Zeit  dar- 
gestellt; die  vier  letzten  Kategorieen  finden  sich  im  Verbum  wieder,  da 
durch  das  noifTv  und  nüoyuv  das  Aktiv  und  Passiv,  durch  das  xeia&at  ein 
Theil  der  Intransitiven,  durch  das  tytiv  die  Eigentümlichkeit  des  griechi- 
schen Perfekts  in  einen  allgemeinen  Begriff  gefasst  werde.  Allein  für's  erste 
deutet  Aristoteles  selbst,  wie  Bonitz  S.  41  ff.  eingehend  zeigt,  nirgends  an, 
dass  er  gerade  auf  diesem  Wege  zu  seinen  Kategorieen  gekommen  sei;  da 
er  vielmehr  die  Redetheile  noch  gar  nicht  in  der  Art  unterscheidet,  welche 
nach  Tresdelenbcrg  den  Unterschieden  der  Kategorieen  entsprechen  würde, 
da  er  die  Adverbien  nicht  ausdrücklich  hervorhebt,  und  das  Adjektiv  als 
pfjuci  mit  dem  Zeitwort  zusammenfasst,  überhaupt  ausser  dem  Artikel  und 
der  Conjunktion  nur  das  broua  und  §rjua  nennt,  so  ist  es  nicht  wahr- 
->  heinlich,  dass  sprachliche  Formen,  die  er  als  solche  gar  nicht  beachtet  hat, 
ihn  bei  der  Scheidung  der  Begriffsklassen  geleitet  haben.  Sodann  entsprechen 
sich  aber  auch  in  der  Wirklichkeit  beide  nicht  in  dem  Masse,  wie  diess  nach 
Trexdelesburg's  Annahme  der  Fall  sein  müsste:  Quantität  und  Qualität 
z.  B.   lassen    sich    ebensogut   durch    Hauptwörter   (z.  B.   ).tvxöir\g,  &to[iOir\S 


[191]  Kategorie  en.  265 

er  habe  sie  empirisch,  durch  Zusammenstellimg  der  Hauptgesichts- 
punkte gefunden,  unter  denen  sich  das  Gegebene  thatsächlich 
betrachten  Hess.  Ein  gewisser  logischer  Fortschritt  tindet  dabei 
immerhin  statt:  mit  dem  Substantiellen,  dem  Ding,  wird  an- 
gefangen; hieran  reiht  sich  die  Betrachtung  der  Eigenschaften, 
zuerst  (in  dem  nooov  und  noibv)  derer,  welche  jedem  Dinge 
für  sich,  sodann  (in  dem  rcqog  vi)    derer,    welche   ihm   im  Ver- 


u.  a.  Kat.  c.  8.  9,  a,  29)  und  Zeitwörter  (keXeixcorat  u.  s.  f.)  ausdrücken, 
wie  durch  Beiwörter,  das  Wirken  und  Leiden  ebensogut  durch  Hauptwörter 
(rro«^'/f.  TTc'c&og  u.  s.  f.),  wie  durch  Zeitwörter,  Zeitbestimmungen  nicht  blos 
durch  Adverbien,  sondern  auch  durch  Adjektive  (%d-i£os,  deuTegaiog  u.  dgl.) ; 
sehr  viele  Hauptwörter  bezeichnen  keine  Substanz  (Kat.  c.  5.  4,  a,  14,  21); 
für  die  Relation  will  sich  eine  entsprechende  grammatische  Form  nicht  finden. 
Auf  einem  anderen  Wege  sucht  Brentano  a.  a.  O.  14S  ff.  die  aristotelischen 
Kategorieen  gegen  den  Vorwurf  zu  schützen,  dass  es  ihnen  an  einer  wissen- 
schaftlichen Ableitung  fehle.  Arist.,  glaubt  er,  unterscheide  hier  zunächst 
die  Substanz  von  den  Accidentien,  unter  den  letzteren  dann  wieder  absolute 
und  relative,  und  unter  den  absoluten  1)  Inhärenzen  (a.  materielle:  noOov, 
b.  formelle;  noibr),  2)  Affectionen  (noitTv  und  7ict0%€iv,  eine  Zeit  lang  auch 
y/tir),  3)  äusserliche  Umstände  (nov  und  noih,  anfangs  auch  xtiottui).  Allein 
die  Frage  ist  ja  nicht  die,  ob  es  überhaupt  möglich  ist,  die  11)  Kategorieen 
in  irgend  eine  logische  Disposition  einzutragen  (diess  kann  man  am  Ende 
mit  jeder  nicht  ganz  verworren  zusammengestellten  Reihe,  z.  B.  den  Zahlen 
von  1 — 10,  vornehmen),  sondern  ob  Aristoteles  auf  dem  Weg  einer 
logischen  Deduktion  zu  ihnen  gekommen  ist.  Und  hiegegen  spricht  zweierlei: 
einmal,  dass  Arist.  selbst  bei  der  Besprechung  der  Kategorieen  nie  auf  eine 
solche  Deduktion  hinweist,  und  sodann,  dass  sich  keine  finden  lässt,  welcher 
sie  sich  ungezwungen  fügten.  Auch  bei  der  Brentano's  ist  diess  nicht  der 
Fall.  Wären  die  10  Kategorieen  auf  diesem  Weg  entstanden,  so  müssten 
sie  doch  auch  in  der  ihm  entsprechenden  Ordnung  von  Arist.  aufgezählt 
werden.  Statt  dessen  drängt  sich  das  ngög  n,  welches  nach  Br.  die  letzte 
Stelle  einnehmen  müsste,  in  allen  Aufzählungen  (s.  S.  258,  3.  266,  3)  zwischen 
die  anderen  ein,  und  zwar  regelmässig  (nur  Fhys.  V,  1  macht  eine  Aus- 
nahme) unmittelbar  hinter  den  „Inhärenzen"*,  und  nach  ihm  kommen  gleich- 
falls nicht,  wie  sie  nach  Br.  sollten,  die  „Affectionen",  sondern  die  „äusser- 
lichen  Umstände".  Die  Unterscheidung  der  Inhärenzen  und  Affectionen 
ist  aber  auch  an  sich  selbst  nicht  aristotelisch.  Sofern  es  sich  um  eine 
logische  Disposition  der  Kategorieen  handelt,  schiene  mir  die  S.  272 
gegebene  näher  zu  liegen;  aber  ich  glaube  nicht,  dass  Arist.  seine  Kate- 
gorieentafel  dadurch  gewonnen  hat,  dass  er  sich  vor  ihrer  Aufstellung  dieses 
oder  irgend  ein  anderes  durch  die  Kategorieen  auszufüllendes  Schema  aus- 
drücklich vergegenwärtigte. 


266  Aristoteles.  [191.  192] 

hältniss  zu  anderem  zukommen;  von  da  wird  zu  den  äusseren 
Bedingungen  des  sinnlichen  Daseins,  dem  Ort  und  dem  Zeit- 
punkt fortgegangen,  und  endlich  mit  den  Begriffen  geschlossen, 
welche  Veränderungen  und  die  dadurch  herbeigeführten  Zustände 
ausdrücken.  Eine  Ableitung  im  strengen  Sinn  kann  man  diess 
aber  nicht  nennen,  wie  denn  auch  eine  solche,  nach  aristotelischen 
Grundsätzen,  für  die  obersten  Gattungsbegriffe  nicht  möglich 
war  ').  Wirklich  bleibt  auch  die  Ordnung  der  Kategorieen  sich 
nicht  gleich 2) ;  ebenso  erscheint  ihre  Zelmzahl  ziemlich  willkür- 
lich, und  Aristoteles  selbst  hat  diess  dadurch  anerkannt,  dass  er 
die  Kategorieen  des  Habens  und  der  Lage  in  seinen  späteren 
Schriften  auch  an  solchen  Orten  übergeht,  wo  er,  wie  es  scheint, 
eine  vollständige  Aufzählung  geben  will3).  Möglich,  dass  der 
Vorgang  der  Pythagoreer4)  und  die  von  ihnen  auch  zu  den 
Piatonikern  |  übergegangene5)  Liebhaberei  für  die  Zehnzahl  ihn 
zuerst  veranlasste,  für  seine  Kategorieen  nach  dieser  Rundzahl 
zu  suchen;  an  einen  weiteren  Zusammenhang  seiner  Lehre  mit 
der  pythagoreischen0)  kann  freilich  nicht  wohl  gedacht  werden, 

1)  S.   o.  S.  235.  257. 

2)  Beispiele  im  folgenden  und  S.  263,  1.  Am  auffallendsten  ist  in  dieser 
Beziehung,  dass  Kat.  c.  7,  von  der  sonst  immer  eingehaltenen,  auch  c.  4 
angenommenen  Reihenfolge  abweichend,  das  noög  n  dem  noibv  vorangeht. 
Einen  genügenden  Grund  weiss  ich  nicht  dafür  anzugeben,  aber  gegen  die 
Aechtheit  der  Schrift  möchte  ich  nichts  daraus  schliessen,  da  ein  Späterer, 
sollte  man  meinen,  sich  eine  Abweichung  von  der  hergebrachten  Ordnung 
weniger  erlaubt  haben  würde,  als  Aristoteles  selbst  zu  einer  Zeit,  wo  diese 
noch  nicht  feststand. 

3)  Anal.  post.  I,  22.  83,  a,  21 :  wart  r\  iv  t<£  t(  fanv  [xaTrjyoQti'Tcci] 
rj  ort  noiov  rj  noaov  rj  nqog  ti  r\  noiovv  >'  naa/ov  rj  nov  rj  nort,  otkv 
tv  xafry  tvög  xuTTjyoQrj'irj.  Ebd.  b,  15:  tu  yt'vrj  twv  xaTi]yoQiwv  nenioavrat' 
rj  yüo  noiov  rj  noaov  rj  noög  ti  rj  noiovv  v\  nuayov  rj  nov  rj  nort  (die 
ola(a,  der  diese  als  ov/ußeßrjxÖTa  entgegengestellt  werden,  ist  schon  vorher 
genannt).  Phys.  V,  1,  Schi.:  tt  ovv  ccl  xctTT]yoQiut  diijQTjvTcti  ovaiic  xa'i 
TioiÖTrjTt  xttl  im  nov  xai  tw  nort  xcä  rq}  ngog  ti  xal  to;  nooio  xiu  rcj 
noitivfj  nüaytiv,  aväyxt]  TQtTg  tivcttxivrjoetg  (vgl.  S.  263,  1  Schi.).  Metaph.  V, 
8.  1017,  a,  24:  tiöv  xairjyooov/Jt'vwv  tu  jutv  t(  fan  arjuu(vti,  tu  dt  noiov, 
tu  dt  noaov,  tu  di  noög  ti,  tu  de  noitir  rj  nuaytiv,  tu  dt  nov,  tu 
dt  nort". 

4)  S.  Th.  I,  325. 

5)  S.   1.   Abth.  S.  857  f. 

6)  Wie  ihn  Petersen    annahm  Philos.  Chrysipp.   fundamenta  S.    12. 


[192]  Kategorieen.  267 

und  nicht  viel  wahrscheinlicher  ist  die  Vennuthung *) ,  dass  ei- 
serne Kategorieen  aus  der  platonischen  Schule  entlehnt  habe 2). 
Selbst  dem  Umstand,  dass  diese  fast  alle  in  Plato's  Schriften 
vorkommen  3),  dürfen  wir  desshalb  kein  zu  grosses  Gewicht  bei- 
legen, weil  sie  bei  diesem  eben  nur  gelegentlich  gebraucht  wer- 
den, ohne  dass  der  Versuch  einer  vollständigen  Aufzählung  der 
sämmtlichen  Kategorieen  gemacht  würde. 

Unter  den  einzelnen  Kategorieen  ist  weit  die  wichtigste  die 
der  Substanz,  von  welcher  demnächst  ausführlicher  zu  sprechen 
sein  wird.  Die  Substanz  im  strengen  Sinn  (s.  u.)  ist  Einzel- 
substanz.   Was  sich  in  Theile  zerlegen  lässt,  ist  ein  Quantum 4) ; 


1)  Rose  Arist.  libr.  ord.  23$  ff. 

2)  Denn  theils  fehlt  es  an  jeder  Spur  der  zeheu  Kategorieen  bei  den 
Piatonikern,  -während  es  doch  nicht  wahrscheinlich  ist,  dass  von  einer  so 
merkwürdigen  Thatsache  weder  durch  die  Schriften  dieser  Männer  noch 
durch  einen  Chrysippus  und  andere  Gelehrte  der  alexandrinischen  Zeit  zu 
den  späteren  Peripatetikern  und  durch  sie  zu  uns  eine  Kunde  gelangt  sein 
sollte;  theils  hängt  auch  die  Kategorieenlehre  mit  den  sonstigen  Ansichten 
des  Aristoteles  zu  eng  zusammen,  als  dass  sie  auf  einem  anderen  Boden 
gewachsen  sein  könnte.  Man  nehme  nur  z.  B.  die  Grundbestimmungen  über 
die  ovaüi  und  ihr  Verhältniss  zu  den  Eigenschaften,  auf  der  die  ganze 
Scheidung  der  Kategorieen  bei  Arist.  ruht.  Platonisch  sind  diese  gewiss 
nicht:  gerade  das  ist  ja  ein  Hauptstreitpunkt  des  Arist.  gegen  seinen  Lehrer, 
dass  dieser  die  Eigenschaftsbegriffe  hypostasirt,  das  notbv  zur  ovai'ct  gemacht 
hatte.  Weit  eher  könnte  man  mit  Ueberweg  Logik  §  47,  S.  100  vermuthen, 
Arist.  sei  zu  seiner  Kategorieenlehre  durch  den  Widerspruch  gegen  die 
Ideenlehre,  und  näher  durch  die  Erwägung  geführt  worden,  dass  die  Ideen 
die  Dinge  nur  unter  der  Form  der  Substantialität  darstellen,  während  sie 
in  der  Wirklichkeit  verschiedene  Existenzformen  zeigen.  Da  aber  diese  Er- 
wägung die  Unterscheidung  der  Substanz  von  den  Eigenschaften  u.  s.  f. 
schon  voraussetzt,  möchte  ich  auch  auf  diesen  Zusammenhang  kein  grosses 
Gewicht  legen. 

3)  M.  s.  darüber  Trendelenburg  Hist.  Beitr.  I,  205  ff.  Bonitz  a.  a.  O. 
56.    Prantl  Gesch.  d.  Log.  I,  73  f.,  und   unsere  1.  Abth.  S.  589. 

4)  Metaph.  V,  13,  Anf. :  noabv  )Jyerai  rö  diaiosröj'  tl$  h'vnänyovTU^ 
top  k/.uitnov  Tj  sx(c(7tov  tv  ti  y.a\  röds  ti  7T(<fvxfV  tlvut.  Die  trvni'.nyorTa. 
sind  aber  die  Bestandt heile  im  Unterschied  von  den  Momenten  des 
Begriffs.  So  wird  z.  B.  Metaph.  III,  1.  995,  b,  27.  c.  3,  Anf.  gefragt,  ob 
die  y(vr]  oder  die  trvnuoyovTa  oberste  Principien  seien ;  ebd.  VII,  1 7,  Schi. 
wird  das  aroiytTov  als  das  definirt,  ti;  o  dicaotfrcu  (sc.  rl)  Ivvnäoyov 
(Acc.)  biq  Hin».  Aehnlich  VIII,  2.  1043,  a,  19.  Vgl.  gen.  an.  I,  21.  729,  b,  3: 
&>>  in  TTc'coyoi  xai    uoqiov   ov   evd-v;  tov  yivo/uivov    aio/xarog   fxiyrvutrov 


268  Aristoteles.  [193] 

sind  diese  Theile  |  getrennt,  so  ist  das  Quantuni  ein  diskretes, 
eine  Menge,  sind  sie  zusammenhängend,  so  ist  es  ein  stetiges, 
eine  Grösse1);  sind  sie  in  einer  bestimmten  Lage  (tttaig),  so  ist 
die  Grösse  eine  räumliche,  sind  sie  nur  in  einer  Ordnung  {Tafyqfr 
ohne  Lage,  so  ist  sie  eine  unräumliche 2).  Das  Ungetheilte  oder 
die  Einheit,  mittelst  deren  die  Grösse  erkannt  wird,  ist  das  Mass 
derselben,  und  eben  diess  ist  das  unterscheidende  Merkmal  der 
Grösse ,  dass  sie  messbar  ist,  und  ein  Mass  hat 3).  Wie  die 
Quantität  dem  substantiell  theilbaren  Ganzen  zukommt,  so  drückt 
die  Qualität  die  Unterschiede  aus,  durch  welche  das  begriffliche 
Ganze  getheilt  wird ;  denn  unter  der  Qualität  im  engeren  Sinn 4) 
versteht  Aristoteles  nichts  anderes,  als  das  unterscheidende  Merk- 
mal, die  nähere  Bestimmung,  in  welcher  ein  gegebenes  Allge- 
meines sich  besondert -,  und  als  die  beiden  Hauptarten  der  Qua- 
litäten bezeichnet  er  diejenigen,  welche  eine  Wesensbestimmung, 


t>7  vir).  Ebd.  c.  IS.  724,  a,  24:  Sau  cog  £|  i'Xrjg  yfyvto&cii  t«  yiyvöutvu 
Xfyo/usv,  ex  rivog  ivvnaoyoviog  .  .  .  icrriv.  Kat.  c.  2.  1,  a,  24.  c.  5.  3,  a,  32 
u.  a.  St.  (Ind.  arist.  257,  a,  39  ff.)  Das  noaov  ist  mithin  ein  solches,  was 
aus  Theilen  besteht,  wie  ein  Körper,  nicht  aus  logischen  Elementen,  wie  ein 
Begriff.  Da  aber  auch  die  Zahl  und  die  Zeit  nooec  sind,  darf  man  bei 
diesen  Theilen  nicht  blos  an  materielle  Theile  denken,  und  auch  Metaph.  V. 
13  ist  das  ro'df  rv  nicht  von  der  Einzelsubstanz,  sondern  allgemeiner  von 
allem  numerisch  bestimmten  (äottfy/w  ?v)  zu  verstehen. 

1  Metaph.  V,  13  (wo  auch  über  das  noaov  *«>'/'  kvto  und  xarn 
avfxßeßr]x6g).  Kat.  6,  Anf.  Weiteres  über  diskrete  und  stetige  Grösse,  nach 
Kat.  6.  Phys.  V,  3.  227,  a,  10  ff.  Metaph.  a.  a.  0.,  bei  Ti!em>elenuurg  ^J  ff. 

'1  Kat.  c.  6,  Änf.  ebd.  5,  a,  15  ff.  Den  Gegen^.cz  des  Räumlichen  und 
Unräumlichen  drückt  aber  Arist.  hier  nicht  allgemein,  sondern  nur  durch 
Beispiele  (dort:   Linie,  Fläche,  Körper,   hier:  Zeit,  Zahl,  Wort)  aus. 

3)  Metaph.  X,  1.  1052,  b,  15  ff.  Kat.  c.  6.  4,  b,  32.  Es  ergibt  sich  dieM 
unmittelbar  aus  der  obigen  Definition  des  noaöv:  was  sich  in  Theile  zerlegen 
lässt,  das  lässt  sich  auch  umgekehrt  für  die  Vorstellung  aus  Theilen  zusam- 
mensetzen und  an  ihnen  messen.  —  Als  weitere  Merkmale  des  noaov  nennt 
Kat.  c.  6.  5,  b,  11  ff.,  dass  ihm  nichts  entgegengesetzt  sei,  und  dass  es  «las, 
was  es  ist,  nicht  mehr  oder  weniger  sei,  wogegen  der  Begriff  der  Gleichheit 
und  Ungleichheit  ihm  eigenthümlich  zukomme. 

4)  Im  weiteren  werden  theils  auch  die  Gattungsbegriffe  (die  fievTCQBi 
oloicti)  noiov,  genauer  jedoch  noiu  ovadt  genannt  (Kat.  c.  5.  3,  b,  13  vgl. 
Metaph.  VII,  1.   1039,  a,   1),    theils    die    ai/jßgßrjxÖTu    mit   darunter  befasst 

Anal.  post.  I,  22.  83,  a,  36). 


[194]  K  a  t  e  g  o  r  i  e  e  n.  269 

und  die,  Avelche  eine  Bewegung  oder  Thätigkeit  ausdrücken  l). 
Anderswo  nennt  er  vier  qualitative  Bestimmungen  als  j  die  haupt- 
sächlichsten -),  dieselben  lassen  sich  jedoch  unter  jene  zwei  ein- 
ordnen3). Als  eigen thümliches  Merkmal  der  Qualität  wird  der 
Gegensatz  des  Aelmlichen  und  Unähnlichen  betrachtet 4).  Uebri- 
gens  kommt  Aristoteles  selbst  mit  der  Abgrenzung  dieser  Kate- 


1)  Kat.  c.  8  wird  der  Begriff  der  noiörrjg  theils  nur  sprachlich,  theils 
durch  Beispiele  erläutert;  dagegen  fasst  Metaph.  V,  14.  1020,  b,  13  eine  Auf- 
zählung der  verschiedenen  Bedeutungen  dieses  Ausdrucks  dahin  zusammen: 
oytSbv  drj  xutcc  Ji'o  tqottovs  Xfyoir'  ccv  to  notov,  xcci  tovtcov  sva  rov 
XVQtwTctToV  ttqwtt]  uh'  yao  7IOICT7JS  V  Ttjg  oöoictg  Siacpood  .  .  .  r«  dt 
7tu&rj  tojv  xwovfiivtov  [t  xivovfxsva  xcu  cd  riav  xtrrjoswv  Sictcf.oQai.  Zu  der 
ersten  Klasse  gehören  unter  anderem  auch  die  qualitativen  Unterschiede  der 
Zahlen,  zu  der  zweiten  die  cloerr]  und  xctxict.  Ueber  die  dictyooa  S.  20(i,  1. 
Die  Qualität  drückt  daher  eine  Formbestimmung  aus,  denn  die  dtucfOQÜ  ist 
eine  solche-,  Metaph.  VIII,  2.  1043,  a,  19:  focxs  ycxg  6  [xh>  JV«  tiov 
ÖKctfoodiv  Xöyog  tov  (Tdovg  xcu  rrjg  ivsgystag  eivctt,  6  (?'  ix  riov  ivvnctoyor- 
fttv  Tt]g   vktjg  [ÄciD.ov. 

2)  Kat.  c.  8.  Die  vier  d'dt)  7iof'>TT]Tog,  neben  denen  aber  (10,  a,  25) 
auch  noch  andere  vorkommen  mögen,  sind  diese:  1)  sgig  und  du'cdiGig,  welche 
beide  sich  dadurch  unterscheiden,  dass  die  e&s  einen  dauernden  Zustand,  die 
dut&eoig  theils  jeden  Zustand  überhaupt,  theils  namentlich  einen  vorüber- 
gehenden ausdrückt  (vgl.  Metaph.  V,  19.  20.  Bonitz  und  Sciiwegler  z.  d.  St. 
Tkendelenblrg  Hist.  Beitr.  I,  95  f.  Waitz  Arist.  Org.  I,  303  f.).  Beispiele 
der  eftj  sind  die  intarrj/uKi  und  ccotrca'',  der  blossen  dic'c&foig  Gesundheit 
und  Krankheit.  2)  "Oacc  xutci  öi'vautv  tfvGixi\v  rj  cldwctutar  Xiytxca  (frei- 
lich von  den  e^ttg  und  diafltoeig  nicht  streng  zu  unterscheiden;  s.  Tren- 
delenburg a.  a.  O.  98  f.  Näheres  über  die  ävvuuig  später).  3)  Die  leident- 
lichen  Eigenschaften,  na&rjTi-xcä  noiOTrjrsg,  auch  nctdog  im  Sinn  der  7ToiOTi]g 
z«#'  Jjj'  uU.oioia&ca  ivd'fytTai  (Metaph.  V,  21)  genannt,  und  von  den  unter 
die  Kategorie  des  nctaytiv  gehörigen  nä&r]  durch  ihre  Dauer  unterschieden; 
Arist.  versteht  aber  darunter  nicht  blos  die  Qualitäten,  welche  durch  ein 
nu&og  entstehen,  wie  weisse  oder  schwarze  Farbe,  sondern  auch  die,  welche 
ein  Tict&og  oder  eine  likXoi'ojaig  in  unseren  Sinnen  bewirken  (vgl.  De  an.  II, 
5.  Anf.j.     4)  Die  Gestalt  (oyrjucc  xcu  juooyrj). 

3)  Die  zwei  ersten  nämlich  und  ein  Theil  der  dritten  drücken  Thätig- 
'■  it'-n  und  Bewegungen,  die  übrigen  Wesensbestimmungen  aus. 

4)  Kat.  c.  S.  11,  a,  15;  dagegen  kommt  (ebd.  10,  b,  12.  26)  die  ivaimörrn 
und  der  Gradunterschied  des  uakXov  xcci  (\ttov  nicht  allen  Qualitäten  zu. 
l'eber  den  Begriff  der  Aehnlichkeit  vgl.  Top.  I,  17.  Metaph.  V,  9.  1018, 
a,  15.  X,  3.  1054.  a,  3,  und  unten   S.  270,  5. 


270  Aristoteles.  [195] 

gorie  gegen  andere  in  Verlegenheit J).  Zu  dem  Relativen  2)  |  ge- 
hört  alles  das,  dessen  eigenthüniliches  Wesen  in  einem  bestimmten 
Verhalten  zu  anderem  besteht3),  und  insofern  ist  das  Relative 
diejenige  Kategorie,  welcher  die  geringste  Realität  entspricht4); 
im  besonderen  unterscheidet  Aristoteles  drei  Arten  desselben5), 
welche  sich  aber  weiterhin  auf  zwei  zurückführen  lassen6).    Doch 


1)  Einestheils  nämlich  wür.le  die  Bemerkung  a.  a.  0.  10,  a,  16,  dass  die 
Begriffe  des  Lockeren  und  Dichten,  Rauhen  und  Glatten  nicht  eine  Qualität, 
sondern  die  Lage  der  körperlichen  Theile  (also  ein  xtto&ai)  bezeichnen, 
nach  Trendelenbdrg's  richtiger  Wahrnehmung  (a.  a.  0.  IUI  f.)  noch  manches 
treffen,  was  A.  zur  Qualität  rechnet;  anderntheils  tritt  die  Unmöglichkeit 
einer  festen  Abgrenzung  der  Kategorieen  darin  hervor,  dass  dieselbe  Be- 
schaffenheit in  ihrem  Gattungsbegriff'  (z.  B.  iniar^ur])  zum  noög  ti,  in  ihrem 
Artbegriff  (ynu/nftaTixr])  zum  noibv  gehören  soll  (Kat.  c.  8.  11,  a,  20.  Top. 
IV,  124,  b,  18,  wogegen  Metaph.  V,  15.  1021,  b,  3  die  iaTQtxrj  zum  Relativen 
gerechnet  wird,  weil   der  Gattungsbegriff  tninTTj/nrj  ein  solches  sei). 

2)  Dass  das  Relative  Kateg.  c.  7  der  Qualität  vorangeht  (s.  o.  266,  2), 
widerspricht  dem  natürlichen  Verhältniss  beider,  wie  es  nicht  blos  in  allen 
übrigen  Aufzählungen  und  in  der  bestimmten  Erklärung  Metaph.  XIV,  1.  1088, 
a,  22,  sondern  mittelbar  auch  a.  a.  O.  darin  hervortritt,  dass  das  buotov 
und  Taov,  die  qualitative  und  quantitative  Gleichheit,  6,  b,  21  zum  Tioög  rt 
gerechnet  werden;  vgl.  Top.  I,   17.    Tkendelenbiki;    117. 

3)  So  Kat.  c.  7.  8,  a,  31 :  fori  tu  ttqos  ti  oig  to  eivcti  tccvtov  Ioti,  tü> 
rroog  ti  nwg  f/uv,  indem  die  früheren,  blos  vom  sprachlichen  Ausdruck  her- 
genommenen, Bestimmungen  am  Anfang  des  Kapitels  ausdrücklich  für  un- 
genügend erklärt  werden.     Top.  VI,   4.    1-12,  a,  26.  c.  8.   146,  b,  3. 

4)  Metaph.  a.  a.  O. :  to  6t  noög  ti  nüvTiov  (Alex,  naacov)  rjxoOTa  qvOig  Ttg 
rj  olaict  ToJr  xu.Tr\yoonov  fßTi,  xul  vaTtoa  tov  ttoiov  xal  noaoi  u.  s.  w.  b,  2:  to 
öl  nqög  ti  ovt6  övväutt  ovata  ovte  tveoyei'tt.  Eth.  N.  I,  4.  1096,  a,  21: 
nttpaipvaSi  yuQ  tovt'  (oixe  xa'i  av/ußeßrjxoTc  tov  ovTog. 

5)  Metaph.  V,  15:  das  ttqos  ti  kommt  vor  1)  *«r'  uoid-pbv  xal  aqt^fxoi 
rrüOr]  (und  zwar  unter  verschiedenen  näheren  Bestimmungen);  dahin  gehört 
auch  das  taov,  ofxoiov,  tccvtov,  sofern  es  sich  auch  bei  diesen  um  ein  Ver- 
hältniss zu  einer  gegebenen  Einheit  handelt:  t«it«  f.dv  yuQ  ibv  /uia  tj  oiW«, 
buoiu  (T  wv  r\  nocoTTjs  u(a,  iaa  tff  tov  to  noabv  sv  (diess  auch  gen.  et 
corr.  II,  6.  333,  a,  29);  2)  xixtci  ävva/niv  nocrjTixrjV  xal  na&rjTixrjv,  wie 
das  8-EQUttVTtxbv  und  das  öto/uavTov ;  3)  in  dem  Sinn,  in  welchem  etwas 
/uiTQr)Tov,  i/riaTTjTov,  öiavorjTov  heisst.  Die  zwei  ersten  Arten  auch  Phys. 
111,1.  200,  b,  28. 

6)  A.  a.  O.  1021,  a,  26:  Bei  den  zwei  ersten  von  den  angeführten 
Fällen  heisst  das  noög  ti  so  rw  otuq  Iotiv  äXlov  ttyto&ut,  uuto  b  ini'iv 
(das  Doppelte  ist  tjutotog  dinXüciov,  das  Erwärmende  üepuavTov  &to/jav- 
Tixbv),    bei    dem    dritten    toi    liU.o    npbg  a'nb  X(yta9at   (das  Messbare  oder 


[195.   196]  Kategorieen.  ,  271 

bleibt  er  sich  hierin  nicht  ganz  gleich  \ ,  und  ebensowenig  weiss 
er  mancherlei  Vermischung  mit  andern  Kategorieen  zu  vermei- 
den -  ,  oder  sichere  Merkmale  der  vorliegenden  zu  |  gewinnen 3). 
Die  übrigen  Kategorieen  werden  in  der  Schrift  von  den  Kate- 
gorieen, und  wurden  wohl  auch  von  Aristoteles  selbst  so  kurz 
behandelt,  dass  auch  wir  nicht  ausführlicher  auf  sie  eingehen 
können J. 

Die  wesentliche  Bedeutung  der  Kategorieenlehre  liegt  darin, 
dass  sie  eine  Anleitung  gibt,  um  die  verschiedenen  Bedeutungen 


Denkbare  hat  sein  eigenes  "Wesen  unabhängig  davon,  dass  es  gemessen  oder 
gedacht  wird,  zu  einem  Relativen  wird  es  nur  dadurch,  dass  das  Messende 
und  Denkende  zu  ihm  in  Beziehung  tritt).  Ebenso  Metaph.  X,  6.  1050,  b, 
■  i.   1057,  a.  7. 

1)  Eine   andere  Eintheilung  findet  sich  Top.  VI,  4.  125,   a.  33  ff. 

2  So  wird  Kat.  c.  7.  6,  b,  2  die  tl-ig,  öiti&eoig,  aia&rjatg,  i7TiaTqut), 
fc'oig  zum  Tioog  ti  gezogen,  von  denen  doch  die  vier  ersten  zugleich  zur 
Qualität,  die  letzte  zur  Lage  gehören ;  das  ttokiv  und  ncca/eiv  sind  nach 
Metaph.  V,  15.  1020.  b,  28.  1021,  a,  21  Verhältnissbegriffe;  die  Theile  eines 
Ganzen  (nridaXtov,  xtifaXr\  u.  dgl.)  sollen  ein  Relatives  sein  (Kat.  c.  7.  6, 
b,  36  ff.  vgl.  jedoch  8,  a,  24  ff.);  ebenso  die  Materie  (Phys.  II,  2.  194,  b,  8), 
und  warum   dann   nicht  auch  die  Form  ? 

3  Die  verschiedenen  Eigenthümlichkeiten  des  Relativen,  welche  Kat.  c.  7 
genannt  werden,  finden  sich  alle,  wie  ebendaselbst  bemerkt  wird,  nur  bei 
einem  Theil  desselben;  so  die  IvttVTiovrjg  (6,  b,  15  vgl.  Metaph.  X,  6.  1056, 
b,  35.  c.  7.  1057,  a.  37  und  dazu  Trexdelenburg  123  f.),  das  uäXXov  xal 
>,TTov,    die  Eigenschaft,    dass    die    auf  einander  Bezogenen    gleichzeitig  sind 

Kat.  7,  b,  15),  welche  bei  dem  Relativen  der  zweiten  Klasse  (dem  iniOjr]- 
tov  n.  s.  f.  s.  270,  6)  sich  nicht  findet.  Nur  das  ist  ein  allgemeines  Merk- 
mal alles  Relativen,  dass  ihm  ein  Correlatbegriff  entspricht  (to  nQÖg  uvti- 
Tiq&povTa  Xfyeo&ai  Kat.  6,  b,  27  ff.),  was  im  Grunde  mit  der  zuerst  (c.  7, 
Vnf.)  aufgestellten  und  auch  später  (8,  a,  33)  wiederholten  Bestimmung 
'.usammenfällt,  ein  ttoo'?  ti  sei  öaec  avra  uthq  tarlv  triowr  stvai  Xiytxcu 
'  OTicjgovv  ci/./.ojg  nobg  'irtgov,  nur  dass  diese  minder  genau  ist,  Einzel- 
ubstanzen  (rroojTca  oiaüci)  können  kein  Relatives  sein,  wohl  aber  Gattungs- 
egriffe (öevreoai   ovGlui)  Kat.  8,  a,   13  ff". 

4  In  dem  rasch  abbrechenden  Schluss  der  Kategorieen  c.  9  (s.  o.  S.  69) 
vird  nur  über  das  noitiv  und  nüayiiv  bemerkt,  es  sei  des  Gegensatzes  und 

ee  Mehr  und  Minder  fähig,  in  Betreff  der  andern  Kategorieen  wird  auf  das 
rühere  verwiesen.  Ausführlicher  bespricht  gen.  et  corr.  I,  7  das  Thun  und 
^eiden,  aber  im  physikalischen  Sinn,  wesswegen  dieser  Erörterung  später  zu 
rwähnen  ist.  Das  Haben  wird  Metaph.  V,  15.  Kat.  c.  15  (in  den  Post- 
radicamenten)  lexikalisch  erörtert. 


272  Aristoteles.  [196.   197] 

der  Begriffe  und  ihnen  entsprechend  die  verschiedenen  Be- 
ziehungen des  Wirklichen  zu  unterscheiden.  So  wird  hier  zu- 
nächst das  Ursprüngliche  an  jedem  Ding,  sein  unveränderliches 
Wesen  oder  seine  Substanz,  von  allem  Abgeleiteten  unterschie- 
den 1).  Innerhalb  des  letzteren  sondern  sich  dann  wieder  die 
Eigenschaften ,  die  Thätigkeiten  und  die  äusseren  Umstände. 
Die  Eigenschaften  sind  theils  solche,  welche  den  Dingen  an  sich 
zukommen,  und  sie  drücken  in  diesem  Fall  bald  eine  quantita- 
tive bald  eine  qualitative  Bestimmtheit  aus,  d.  h.  sie  beziehen 
sich  entweder  auf  das  Substrat ,  oder  auf  die  Form 2) ;  theils 
solche,  welche  den  Dingen  nur  im  Verhältniss  zu  |  anderem  zu- 
kommen, ein  Relatives 3).  In  Betreff  der  Thätigkeiten  ist  der 
eingreifendste  Gegensatz  der  des  Thuns  und  Leidens,  wogegen 
die  Kategorieen  des  Habens  und  der  Lage,  wie  bemerkt4),  nur 
eine  unsichere  Stellung  haben,  und  von  Aristoteles  selbst  später 
stillschweigend  aufgegeben  Averden.  Bei  den  äusseren  Umstän- 
den endlich  handelt  es  sich  theils  um  die  räumlichen,  theils  um 
die  zeitlichen  Verhältnisse,  um  das  Wo  und  das  Wann;  streng- 
genommen hätten  aber  beide  freilich  unter  die  Kategorie  des 
Relativen  gestellt  werden  müssen,  und  vielleicht  ist  es  diese  Ver- 
wandtschaft, welche  den  Philosophen  bestimmt,  sie  ihr  in  dei 
Regel  unmittelbar  folgen  zu  lassen5).  Alle  Kategorieen  führei 
aber  immer  wieder  auf  die  Substanz  als  ihren  Träger  zurück  ,;) 


1)  Vgl.  Anm.  6. 

2)  Das  Quäle  ist.  wie  Trendelenburg  S.  103  richtig  bemerkt,  mit  de 
Form,  das  Quantum  mit  der  Materie  verwandt;  s.  o.  267,  4.  268,  3.  269,  1  vgl.  m 
S.  210,  1.  So  wird  auch  die  Aehnliclikeit,  welche  nach  Arist.  in  der  quali 
tativen  Gleichheit  besteht  (270,  1.  5),  anderswo  als  Gleichheit  der  Fora 
definirt  (Metaph.  X,  3.  1054,  b,  3:  ofioia  dt  iccv  fj.i]  tccvtcc  anXwg  ovtk  .  . 
xura  rb  t'idog  tccvtii  fj),  Metaph.  IV,  5.  1010,  a,  23  f.  wird  noabv  um 
noibv  mit  noabv  und  tlfiog  vertauscht,  und  Metaph.  XI,  6.  1063,  a,  27  da 
noibv  zur  tpvOig  o'joiauirij,  das  noabv  (wie  die  Materie  s.  u.)  zur  aöinajo 
gerechnet. 

3)  Alle  Verhältnissbegriffe  beziehen  sich  ja  auf  das  Abgeleitete,  die  Sut 
stanzen  sind  kein  noög  rt,  s.  o.  271,  3. 

4)  S.  o.  266,  3. 

5)  Dass  diess  nicht  ausnahmslos  geschieht,  wird  aus  S.  266,  3  erhelle) 

6)  Anal.  post.  I,  22.  83,  b,  11:  nuvra  yan  ravTct  (das  noibv  u.  s.  w 
o~vuß(ßr\y.(.  y.cü  y.iaä  r<äv  ovaiwv  xurriyoQitTca  (Ueber  das  ov/ußtßr]xog  > 
diesem  Sinn  s.   m.  S.    205,   1).     Aehnlich  Z.   19.    ebd.    a,  25.  c.  4.  73,  b,  ! 


[197.198]  Kategorieen.  273 

und  so  wird  es  zunächst  die  Untersuchung  über  die  Substanz, 
das  Seiende  als  solches,  sein,  von  welcher  die  Erforschung  des 
Wirklichen  auszugehen  hat. 

2.     Die  erste  Philosophie  als    die  Wissenschaft   des  Seienden. 

Wenn  die  Wissenschaft  überhaupt  die  Aufgabe  hat,  die 
Gründe  der  Dinge  zu  erforschen *),  so  wird  die  höchste  Wissen- 
schaft die  |  sein,  welche  sich  auf  die  letzten  und  allgemeinsten 
Gründe  bezieht:  denn  sie  gewährt  das  umfassendste  Wissen,  da 
unter  dem  allgemeinsten  alles  andere  begriffen  ist;  dasjenige 
ferner,  welches  am  schwersten  zu  erlangen  ist,  da  die  allge- 
meinsten Principien  von  der  sinnlichen  Erfahrung  am  weitesten 
abliegen;  das  sicherste,  weil  sie  es  mit  den  einfachsten  Begriffen 
und  Grundsätzen  zu  thun  hat;  das  belehrendste,  weil  sie  die 
obersten  Gründe  aufzeigt  (alle  Belehrung  aber  ist  Angabe  der 
Gründe);  dasjenige,  welches  am  meisten  Selbstzweck  ist,  weil 
es  sich  mit  dem  höchsten  Gegenstande  des  Wissens  beschäftigt; 
das,  welches  alles  andere  Wissen  beherrscht,  weil  es  die  Zwecke, 
denen  alles  dient,  feststellt '-).     Soll   aber  eine   Wissenschaft  die 

Phys.  I,  1.  185,  a,  31:  ov&h'  yag  rwr  aXXtov  %cüqigt6v  ton  tikqcc  ty\v 
oiot'ar '  närra  yag  xa&'  inoxtifxivov  rrjg  ovatag  kiysrai  (was  aber  *«#' 
bnoxtiutvov  ausgesagt  wird,  ist  ein  avußeßrjxbg  im  weiteren  Sinn;  Anal, 
post.  I,  4.  73,  b,  8.  Metaph.  V,  30,  Schi.  u.  a.).  c.  7.  190,  a,  34:  xai  yag 
noabv  xai  TTowr  xai  ngbg  erfgor  xal  noxt  xai  irov  yiverat  vttoxh[a.£vov 
Ttvbg  diu,  tÖ  ju6vt]v  Tt]v  ovoücv  /uTjß-trbg  xcct'  aD.ov  kiyto&ai  bnoxtifitvov 
ja  d"  ä'/J.a  närra  y.taa  rfjg  ovatag.  III,  4.  203,  b,  32.  Metaph.  VII,  1. 
1028,  a.  13.  Ebd.  Z.  32:  ttÜviü)v  tj  ovOia  tiqwtov  xai  loyal  xai  yvwaei 
xri  /novo)  (vgl.  das  ganze  Kap.).  c.  4.  1029,  b,  23.  c.  13.  1038,  b,  27.  IX, 
1,  Anf.  XI,  1.  1059,  a,  29.  XIV,  1.  1088,  b,  4:  baregov  yag  [i%  ovatag] 
TTuaai  itt  xaxr\yogtai.  gen.  et  corr.  I,  3.  317,  b,  8.  Daher  steht  in  allen 
Aufzählungen  die  ovaia  voran.    Vgl.  auch  unten  S.  227  ff.  2.  Aufl. 

1)  S.  o.  S.  162  f.  Es  gehört  hieher  namentlich  Metapn.  I,  1,  wo  mit 
Anknüpfung  an  die  herrschenden  Vorstellungen  über  die  Weisheit  gezeigt 
wird  (981,  b,  30):  6  ptv  ffursigog  töjv  07tocccvovv  t/öi'Twv  alaftrjatv  elvat 
6ox(T  Goyonioog,  6  dt  xtyvijr]g  röiv  ifjneigotr,  yugojiyvov  J*  anyiTtzror. 
td  d"t  'teo)QrjTixal  rwr  rroirjcxöiv  uccl/.or.  Daher:  ort-  utr  ovv  tj  ooqi'a 
ntnl  Ttrug  ahiag  xai   ägyug  laxiv  f7TtOT^jut],  drjlov. 

2)  Metaph.  I,  2,  wo  das  obige  982,  b,  7  dahin  zusammengefasst  wird: 
£|  «advrcQV  ovv  riäv  tfgr]utvo)V  Ini  ttjv  uvttjv  lniGTr\fir\v  ninrti  rb  ^tol- 
ufvov  bvouu  (der  aotfi'u)'  Jff  yag  Tuvjt]v  rtüv  tiouhov  ägydir  xai  alxmv 
thai  &uoor)Tixrlv.  Vgl.  III,  2.  996,  b,  8  ff.    Eth.  N.  VI,  7.    Metaph.  VI,  1. 

Zeller,  Philos.  d.  Gr.   n.  Bd.   2.  Abth.    3.  Aufl.  18 


274  Aristoteles.  [198] 

letzten  Gründe  angeben,  so  muss  sie  alles  Wirkliehe  schlechthin 
umfassen,  denn  die  letzten  Gründe  sind  nur  die,  welche  das 
Seiende  als  solches  erklären 1).  Andere  Wissenschaften,  die 
Physik  und  die  Mathematik,  mögen  sich  auf  ein  besonderes  Ge- 
biet beschränken,  dessen  Begriff  sie  nicht  weiter  ableiten:  die 
Wissenschaft  von  den  höchsten  Gründen  muss  auf  die  Gesammt- 
heit  der  Dinge  eingehen,  und  sie  hat  dieselben  nicht  auf  end- 
liche Principien,  sondern  auf  ihre  ewigen  Ursachen  und  in  letzter 
Beziehung  auf  das  Unbewegte  und  Unkörperliche  zurückzufüh- 
ren, von  dem  alle  Bewegung  und  Gestaltung  im  Körperlichen 
ausgeht2).     Diese  Wissenschaft  ist  die  erste  Philosophie,  welche 


1026,  a,  21  :    tt\v    tiiiuotÜti]v    \liiiaxr\fir\v     Sil  Treol    to   tiuicutcctov  ye'vog 
elrcci.  cd  uev   ovv   'hcoorjixcd  tmv  aXXwv  ^TTiaTTjuiov   utoeTcoTeocu,  ccvtt]  öh 

TMV    &e(»QrjTIXüJV. 

1)  Metaph.  IV,  1 :  tarnt  ^moirjur]  rig  rj  &ea>oet'  to  ov  ij  bv  xcd  ra 
tovt(i)  vttc'co/uvtcc  xa&'  ccvto.  ccvrr]  d'  toriv  oiideiui}  tmv  fv  /utoet  Xeyo- 
ue'viov  i)  ctiTt]'  ovdeutcc  ycco  tmv  aXXcov  hi  taxoTieT  xa&oXov  neo)  toi  oi'Tog 
k  ov,  aXXu  ue'oog  avtov  ti  ccnoTeinniercu  neoi  tovtov  xlecooovoi  to  ai\uße- 
ßrixog  .  .  .  tTTi)  de  tag  ccnyctg  xcd  Tccg  aXQordxag  (dring  ^rjxovfxtv,  dfjXov  mg 
wvaedg  nvog  avTctg  avayxalov  tlvai  xa&*  avxriv.  .  ..  diu  xcd  r)^.tv  tov 
bvrog  t]  ov  Tc\g  TTowrctg  airiag  Xr\nxiov.    Vgl.  Anm.  2  und  S.   162,  2. 

2)  S.  vor.  Anm.  u.  Metaph.  VI,  1 :  cd  «o/r«  xcd  tu  cdricc  CrjrsTTca  tcov 
ovxutv.  drj/.ov  de  ort  r,  bvra.  Jede  Wissenschaft  nämlich  hat  es  mit  ge- 
wissen Principien  und  Ursachen  zu  thun.  clXXa  nciacu  ccvtcu  [iaTQixrj, 
ua&r\fiaTixr\  u.  s.  w.  negi  Hv  ti  xcd  yivog  ti,  7ieoiyoco[jc'cijtvni  neol  tovtov 
7i<>ay/n(iTtvovTai,  eil).'  ovyi  neol  bvrog  anXiog  ovde  ij  bv,  ovde  tov  t( 
iariV  oi>&(vk  Xöyov  TioioiVTCW  (<).).*  ix  tovtov  cd  uev  crfafryaei  7ioii]oaGcu 
ccvto  dfjXov,  id  d'  vnoOecnv  XccßoCacu  to  ti'  Iotiv  ovtm  tcc  xccfr'  aiixA 
v7T(u)%ovtu  to)  yh'ti  negl  o  efaiv  ccnodeixvvovoiv  rj  clvccyxccioTeoov  rj 
uuXccxo'negov.  .  .  .  oiuoiwg  de  oid'  ei  Iotiv  rj  urj  Igtv  to  ye'vog  necil  o 
TigciyuccTeiorTcci  ovdev  XiyovOi  diä  to  Tijg  avrfjg  eivcti  diccvoiccg  to  ti  ti 
iari  drjXov  noielv  xcd  ei  emiv.  So  die  Physik,  so  die  Mathematik,  jene 
hinsichtlich  des  Bewegten,  bei  welchem  die  Form  vom  Stoff  nicht  getrennt 
ist,  diese  im  besten  Fall  hinsichtlich  eines  solchen,  bei  dem  von  Stoff  und 
Bewegung  abstrahirt  wird,  das  aber  nicht  als  ein  stoffloses  und  unbewegtes 
für  sich  existirt  vgl.  S.  179,  1).  ei  de  ti  iaxtv  cudiov  xcd  axtvrixov  xut 
XüipiOTOV,  cfcivtcibv  oti  fliiüoriTixfjg  to  yvcövca.  ov  ue'vToi  (pvOixfjg  ye  .  .  • 
ovde  u«&r}uuTixr)g,  clXXä  npoTe'gccg  afttpolv.  Gegenstand  dieser  Wissenschaft 
sind  die  yojoiOTu  xcd  clxl'vr]Tct.  civciyxr]  de  ncivTCi  fiev  tcc  ctfrccc  cudia  eivett, 
udXiora  de  tuvtu'  TctvTa  yao  cut tcc  ToTg  (pavtQOig  tojv  &eliov.  In  ihnen, 
wenn    irgendwo,    ist    das    &etov   zu    suchen ;    mit    ihnen    steht   und  fällt  die 


[199.200]  Aufgabe  d.  ersten  Philosophie.  275 

Aristoteles  |  auch  Theologie  nennt l).  Die  erste  Philosophie  hat 
somit  die  Aufgabe,  das  Wirkliche  überhaupt  und  die  letzten 
Gründe  desselben  zu  untersuchen,  die  als  die  letzten  nothwendig 
auch  die  allgemeinsten  sind,  und  sich  auf  alles  Wirkliche  schlecht- 
hin, nicht  blos  auf  einen  Theil  desselben,  beziehen. 

Gegen  die  Möglichkeit  dieser  Wissenschaft  Hessen  sich  nun 
freilich  manche  Bedenken  erheben.  Wie  kann  Eine  und  die- 
selbe Wissenschaft  die  verschiedenerlei  Ursachen  behandeln,  die 
überdiess  gar  nicht  bei  allem  sämnitlich  mitwirken  ?  Wie  könnte 
andererseits,  wenn  man  die  Ursachen  jeder  Gattung  einer  be- 
sonderen Wissenschaft  zuweisen  wollte,  eine  von  diesen  darauf 
Anspruch  machen,  die  oben  gesuchte  zu  sein,  deren  Eigen- 
schaften sich  vielmehr  in  diesem  Fall  an  jene  besonderen  Wissen- 
schaften vertheilen  würden  2)  ?  Soll  ferner  die  erste  Philosophie 
auch  die  Grundsätze  des  wissenschaftlichen  Verfahrens  in  ihren 
Bereich  ziehen,  und  können  diese  überhaupt  einer  bestimmten 
Wissenschaft  angehören,  da  sich  alle  Wissenschaften  ihrer  be- 
dienen, und  da  sich  kein  bestimmter  Gegenstand  angeben  lässt, 
auf  den  sie  sich  beziehen  3)?  |  Soll  es  eine  einzige  Wissenschaft 
sein,  Avelche  sich  mit  allen  Klassen  des  Wirklichen  beschäftigt, 
oder  mehrere?  Sind  es  mehrere,  so  fragt  es  sich,  ob  sie  alle 
von  derselben  Art  sind,  oder  nicht,  und  welche  von  ihnen  die 
erste  Philosophie  ist;  ist  es  nur  Eine,  so  müsste  diese,  wie  es 
scheint,  alle  Gegenstände  des  Wissens  umfassen,  die  Mehrheit 
besonderer  Wissenschaften  wäre  aufgehoben  4J.  Soll  sich  end- 
lich diese  Wissenschaft  nur  auf  die  Substanzen  beziehen  oder 
zugleich  auch  auf  ihre  Eigenschaften?  Jenes  scheint  unzulässig, 
weil  sich  dann  nicht  sagen  Hesse,  welche  Wissenschaft  es  mit 
den  Eigenschaften  des  Seienden  zu   thun  hat;    dieses,    weil   die 


Möglichkeit  einer  ersten  Philosophie:  wenn  es  keine  andern  als  die  natür- 
lichen Substanzen  gibt,  ist  die  Physik  die  erste  Wissenschaft;  ei  ö*  £gti 
Tis  ovaia  ((xivrjTos,  avrr)  Tinoifoa  y.ccl  ifO.oGoqicc  7iounr\  xal  xa&olov  oi'Ttos 
■  Ti  71QWTTJ'  xal  Titgl  tov  övrog  i)  ov  TaiTTjg  uv  tiT]  &taiQrja(a  xal  t(  £oti 
xui   tu   v.ie.nyovTic    >t    uv. 

1)  Metaph.   a.  a.  O.  u.  a.  St.  s.  o.    179,   1. 

2)  Metaph.  III,  1.   995,  b,  4.  c.  2,  Anf. 

3)  A.  a.  O.  c.  1.  995,  b,  6.  c.  2.  996,  b,  26  vgl.  oben  S.  234,  1.  237,1.3. 

4)  A.  a.  0.  c.   1.  995,  b,  10.  c.  2.  997,  a,  15. 

18* 


27ii  Aristoteles.  [200] 

Substanzen    nicht    auf   dem    Wege   der    Beweisführung  erkannt 
werden,  wie  die  Eigenschaften1). 

Auf  diese  Fragen  antwortet  Aristoteles  mit  der  Bemerkung, 
dass  nicht  blos  dasjenige  Einer  Wissenschait  angehöre,  was  unter 
den  gleichen  Begriff  fällt,  sondern  auch  das,  was  sich  auf  den 
gleichen  Gegenstand  bezieht 2) ;  da  nun  eben  dieses  bei  dem 
Seienden  der  Fall  sei,  da  ein  Seiendes  nur  dasjenige  genannt 
werde,  was  entweder  selbst  Substanz  ist,  oder  sich  irgendwie 
auf  die  Substanz  bezieht,  da  alle  jene  Begriffe,  um  die  es  sich 
handelt,  entweder  Substantielles  bezeichnen,  oder  Eigenschaften, 
Thätigkeiten  und  Zustände  der  Substanz ,  da  sie  alle  sich  am 
Ende  auf  gewisse  einfachste  Gegensätze  zurückfuhren  lassen, 
das  Entgegengesetzte  aber  unter  dieselbe  Wissenschaft  falle3), 
so  werde  es  Eine  und  dieselbe  Wissenschaft  sein,  welche  alles 
Seiende  als  solches  zu  betrachten  habe4).  Das  Bedenken  aber, 
dass  diese  Wissenschaft  den  I  Inhalt  aller   andern  in  sich   auf- 


1)  C.  1.  995,  b,  18.  c.  2.  997,  a,  25.  Zu  den  avußeßrjxora  raTg  ovaiuig 
werden  auch  die  995,  b,  20  aufgezählten  Begriffe  des  tccvtov,  steoov,  o/uoiov 
irurrt'ov  u.  s.  f.  zu  rechnen  sein;  vgl.  IV,  2.  1003,  b,  34  ff.  1004,  a,  16  ff. 
Die  weiteren  Aporieen  des  dritten  Buchs ,  welche  nicht  blos  den  Begriff 
der  ersten  Philosophie,  sondern  das  Materielle  ihres  Inhalts  betreffen,  werden 
später  angeführt  werden. 

2)  Metaph.  IV,  2.  1003,  b,  12:  ov  yao  fiovov  x<äv  xad-'  IV  leyofiivwv 
^7Tt,air^ur]g  iarl  dttuorjaut  ftiag,  d).).a  xal  twv  7roog  juiuv  ).eyolut'vwv  (pvOtv. 
Ebd.  Z.  19.  1004,  a,  24  vgl.  Anm.  4  und  über  den  Unterschied  von  xa&'  tv 
und  nQog  tv  Metaph.  VII,  4.  1030,  a,  34  ff. 

3)  Hierüber  s.  m.  S.  214,  4. 

4)  Metaph.  IV,  2:  to  St  or  J.tytTui  utr  noU.uywg,  u).Xa  nobg  tv  xu) 
ui'ur  xtva  yvoir  wofür  nachher:  laiuv  nobg  ui'ur  uoyljv  xal  oiy  ouwvv- 
fiug  .  .  .  .  tu  ui-r  yao  ort  ovoCat  ovra  Afysrai,  za  S'  ort  nä&r]  ovaiug,  tu 
0  OT i  oSogtlg  oi-aiar,  ;*  (f  Oooal  i]  areorjostg  rj  7ioiÖTr]Ttgr]  noir\Tixa  r\  ytwr\Tixu 
ovaiug,  rj  twv  nnbg  tt\v  ovalav  Xtyout'rior.  >j  tovtwV  nvbg  anoyüatig  // 
ovaiug-  1)10  xu)  to  juij  or  tirai  jn)  ov  (/uut'r.  Auch  die  Betrachtung  des 
Einen  gehört  dieser  Wissenschaft  an,  denn  das  tr  und  das  ov  sind  (ebd. 
1003,  b,  22)  tccvtov  xal  uiu  if  iaig  t^j  uxolovfhtir,  Santo  aoyt]  xal  aftiov, 
uXX  oiy  wg  i-r'i  Xoycp  StjXovfAtva.  .  .  .  SFjlov  ovv  ort  xal  ra  ovra  /.aäg 
&ea)Q7Joai  /,  üvtu.  TiavTayov  Sl  xvoCag  tou  ttqwtov  j)  iniaT^ur]  xul  ig  oii 
tu  u).).a  t)QTT]Tat  xul  t)V  o  XtyorTut.  ti  ovv  tovt'  iar)v  rj  ovaiu,  twv 
ovduav  av  ih'01  n'cg  unyug  xal  Tag  uhtug  tytir  rbr  y  iXöaoipov.  .  .  .  61b 
y.c)  tov  ovrog  8oa  elStj  IhtDQrjaui  taug  ioriv  imaTriui};  tw  yt'rti  tu  re 
Cftfj]    TWV   fiihöv.    Weiteres    1004,  a,   !)   ff.    2.j.   b,  27    ff. 


[201-202]  Aufgabe  d.  ersten  Philosophie.  277 

nehmen  niüsste,  hebt  sich  im  Sinne  des  Aristoteles  durch  die 
Unterscheidung  der  verschiedenen  Bedeutungen  des  Seienden. 
Wenn  es  die  Philosophie  überhaupt  mit  dem  wesenhaften  Sein 
zu  thun  hat,  so  wird  es  so  viele  Theile  der  Philosophie  geben, 
als  es  Gattungen  des  wesentlichen  Seins  gibt1),  und  wie  sich 
das  bestimmte  Sein  von  dem  allgemeinen  unterscheidet,  so  unter- 
scheidet sich  die  erste  Philosophie  als  die  allgemeine  Wissen- 
schaft von  den  besondern  Wissenschaften:  sie  betrachtet  auch 
das  Besondere  nicht  in  seiner  Besonderheit,  sondern  nur  als  ein 
Seiendes,  sie  sieht  von  dem  Eigenthümlichen  ab,  wodurch  es 
sich  von  anderem  unterscheidet,  um  nur  das  an  ihm  in's  Auge 
zu  fassen,  was  allem  Seienden  zukommt2).  Noch  weniger  Avird 
unsern  Philosophen  die  Einrede  stören  dürfen 3),  dass  die  Sub- 
stanz selbst  in  anderer  Weise  behandelt  werden  müsste,  als  das, 
was  ihr  abgeleiteterweise  zukommt,  da  ja  das  gleiche  von  den 
Grundbegriffen  jeder  Wissenschaft  gilt4).  Wird  endlich  gefragt, 
ob  die  erste  Philosophie  auch  die  allgemeinen  Grundsätze  des 
wissenschaftlichen  Verfahrens  zu  erörtern  habe,  so  bejaht  Aristo- 
teles diese  Frage  imbedenklich,  1  weil  auch  diese  sich  auf  das 
Seiende  überhaupt,  nicht  auf  eine  bestimmte  Klasse  desselben 
beziehen -V,  und  er  geht  demgemäss  sofort  auf  eine  ausführliche 
Untersuchung  über  den  Satz  des  Widerspruchs  und  des  aus- 
gesclüossenen  Dritten  ein,  deren  wir  wegen  ihrer  methodologi- 
schen Bedeutung  schon  in  einem  früheren  Abschnitt6)  erwähnen 


1)  Metaph.  IV,  2.  1004,  a,  2  u.  ö.  vgl.  S.  179,   1. 

2)  Metaph.  IV,  2.  1004,  a,  9  ff. :  Da  sich  die  Begriffe  des  Einen  und 
Vielen,  der  Identität,  der  Verschiedenheit  u.  s.  w.  auf  Einen  und  denselben 
Gegenstand  beziehen,  hat  sich  auch  Eine  und  dieselbe  Wissenschaft  damit 
zu  befassen;  1004,  b,  5:  inel  ovv  tov  ivbg  ij  tv  xcd  tov  ovrog  jj  ov  tccvtcc 
xa&'  ctVTci  toxi  7ic'cx}rj,  dkl'  ov%  ij  uoi&fxol  >;  yoa/u/ncd  rj  ttvq,  iffjlov  wg 
bcetvTjs  rrjg  iniaT^urjs  xcd  ti  ton  yvcooiocu  xcd  tu  ovußeßrjxör'  avtols- 
Wie  die  mathematischen  und  die  physikalischen  Eigenschaften  der  Dinge  ein 
eigenthümliches  Gebiet  bilden,  o'vt«>  xal  rw  ovrt,  i)  ov  eart  tiVcc  td"*«,  xcd 
tuvt'  larl  ntgl  wv  tov  (fikoaoujov  l7iiox&ipuo~&cci  Tcllrj&tg.  Ebd.  1005,  a,  8. 
Weiter  erläutert  wird  diess  XI,  3.   1061,  a,  28  ff. 

3)  Welche  in  der  Metaphysik  gar  nicht  ausdrücklich  beantwortet  wird. 

4)  S.  o.  S.  234  ff. 

5)  Metaph.  IV,  3. 

6)  S.  239  f. 


278  Aristoteles.  [202] 

mussten;  Aristoteles  selbst  freilich  fasst  sie  zunächst  ontologisch, 
als  Aussagen  über  »las  Wirkliche,  und  bespricht  sie  desshalb  in 
der  ersten  Philosophie. 

.'i.     Di<'  metaphysischen  Grundfragen  und  ihre  Behandlung 
bei  den  früheren  Philosophen. 

Für  die  metaphysische  Untersuchung  selbst  hatten  unserem 
Pliilosophen  seine  Vorgänger  eine  Reihe  von  Aufgaben  hinter- 
lassen, für  die  er  eine  neue  Lösung  nöthig  fand.  Die  wichtigsten 
imter  denselben  und  diejenigen,  aus  deren  Beantwortung  die 
Grundbegriffe  seines  Systems  zunächst  hervorgehen,   sind  diese: 

1)  Vor  allem  fragt  es  sich,  wie  wir  uns  das  Wirkliche  über- 
haupt zu  denken  haben?  Gibt  es  nur  Körperliches,  wie  diess 
die  vorsokratische  Naturphilosophie  im  allgemeinen  voraussetzte, 
oder  neben  und  über  demselben  ein  Unkörperliches,  wie  Anaxa- 
goras,  die  Megariker,  Plato  annahmen?  Sind  daher  auch  die 
letzten  Gründe  nur  stofflicher  Natur,  oder  ist  vom  Stoffe  die 
Form  als  ein  eigenthüniliches  imd  höheres  Princip  zu  unter- 
scheiden? 

2)  Hiemit-  hängt  weiter  die  Frage  nach  dem  Verhältniss 
des  Einzelnen  und  des  Allgemeinen  zusammen.  Was  ist  das 
Wesenhafte  und  ursprünglich  Wirkliche:  die  Einzelwesen  oder 
die  allgemeinen  Begriffe,  oder  ist  vielleicht  gar  in  Wahrheit  nur 
Ein  allgemeines  Sein  anzunehmen?  Das  erste  ist  die  gewöhn- 
liche Vorstellung,  wie  sie  zuletzt  noch  in  dem  Nominalismus  des 
Antisthenes  mit  aller  Schroffheit  hervorgetreten  war;  das  an- 
dere hatte  Plato,  das  dritte  Parmenides  und  nach  ihm  Euklides 
behauptet. 

3)  Wenn  uns  in  der  Erfahrung  sowold  Einheit  als  Mannig- 
faltigkeit des  Seins  gegeben  sind,  wie  lassen  sich  beide  zusammen- 
denken? Kann  das  Eine  zugleich  ein  vielfaches  sein,  eine  Mehr- 
heit von  Theilen  und  Eigenschaften  in  sich  schliessen,  das  Viele 
zu  einer  wirklichen  Einheit  zusammengehen?  Auch  auf  diese 
Frage  lauteten  die  Antworten  selu-  verschieden.  Parmenides 
und  Zeno  hatten  die  Vereinbarkeit  beider  Bestimmungen  ge- 
leugnet, und  desshalb  die  Vielheit  für  eine  Täuschung  erklärt, 
derselben  Voraussetzung   bedienten   sich   die  Sophisten   flu-   ihre 


[203]  Metaphysische  Probleme.  279 

Eristik J),  Antisthenes  für  seine  Erkenntnisstheorie 2).  Die  ato- 
mistische  und  enipedoklei'sehe  Physik  beschränkte  die  Ver- 
knüpfung des  Vielen  zur  Einheit  auf  eine  äusserliche,  mecha- 
nische Zusammensetzung.  Die  Pythagoreer  Hessen  in  den  Zah- 
len, mit  bestimmterem  wissenschaftlichem  Bewusstsein  liess  Plato 
in  den  Begriffen  eine  Mehrheit  unterschiedener  Bestimmungen 
sich  zu  innerer  Einheit  verbinden,  während  das  gleiche  Verhält- 
niss  in  den  sinnlichen  Dingen  dem  letzteren  zum  Anstoss  ge- 
reichte. Und  wie  über  das  Zusammensein  des  Vielen  in  Einem, 
so  lauteten 

4)  auch  über  den  Uebergang  des  Einen  in  ein  anderes, 
über  die  Veränderung  und  das  Werden,  die  Ansichten  sehr  ver- 
schieden. Wie  kann  das  Seiende  zum  Nichtseienden  oder  das 
Nichtseiende  zum  Seienden  werden,  wie  kann  etwas  entstehen 
oder  vergehen,  sich  bewegen  oder  verändern?  so  hatten  Par- 
menides  und  Zeno  zweifelnd  gefragt,  und  Megariker  und  So- 
phisten hatten  nicht  gesäumt,  ihre  Bedenken  zu  wiederholen. 
Die  gleichen  Bedenken  bestimmten  Empedokles  und  Anaxa- 
goras,  Leucipp  und  Demokrit,  das  Entstehen  und  Vergehen  auf 
die  Verbindung  und  Trennung  unveränderlicher  Stoffe  zurück- 
zuführen. Auch  Plato  hatte  ihnen  aber  noch  so  viel  eingeräumt, 
dass  er  die  Veränderung  auf  das  Gebiet  der  Erscheinung  be- 
schränkte, das  wahrhaft  Wirkliche  dagegen  davon  ausnahm. 

Aristoteles  fasst  alle  diese  Fragen  scharf  in's  Auge.  Auf 
die  zwei  ersten  beziehen  sich  ihrer  Mehrzahl  nach3)  die  Apo- 
rieen,  mit  denen  er  sein  grosses  metaphysisches  Werk  nach  den 
einleitenden  Erörterungen  des  ersten  Buchs  im  dritten  (B)  er- 
öffnet. Sind  die  sinnlichen  Dinge  das  einzige  wesenhafte  Sein, 
oder  gibt  es  neben  ihnen  noch  ein  anderes?  und  ist  dieses  letz- 
tere von  einerlei  Art  oder  ein  mehrfaches,  wie  die  Ideen  und 
das  Mathematische  bei  |  Plato4)?  Gegen  die  Beschränkung  des 
Seins  auf  die  sinnlichen  Dinge   sprechen   dieselben  Gründe,   auf 


1)  S.  B.  I,  985.  987,  2. 

2)  S.  Iste  Abth.  S.  251  f. 

3)  Mit  Ausnahme  der  so    eben  besprochenen,   welche    die  Aufgabe   der 
ersten  Philosophie  im  allgemeinen  betreuen. 

4)  Metaph.  III,  2.  997,  a,  34  ff.  (XI,  1.  1059,  a,  38.  c.  2.  1060,  b,  23.) 
III,  6.  VII,  2. 


Aii-toteles.  [204] 

welche  schon  Plato  seine  Ideenlehre  gebaut  hatte:  class  das  sinn- 
lich Einzelne  in  seiner  Vergänglichkeit  und  Unbestimmtheit  nicht 
Gegenstand  des  Wissens  sein  kann *),  und  dass  alles  Sinnliche 
als  vergänglich